Elsa Asenijeff
(* 3. Januar 1867 in Wien, Österreich-Ungarn; † 5. April 1941 in Bräunsdorf)
WEIB VON GESCHLECHT – KATZE VON GEBLÜT
Weib von Geschlecht –
Katze von Geblüt,
Trag ich erbliches Recht
Zu schnurren und zu spielen.
Heimlich an weisser Brust
Hängt ein verborgner Opal.
Rühr ich mich unbewusst –
Schlägt er mir die Brust –
Niemand weiss davon,
Es ist nur mir zum Spiel.
Oft wein ich schon –
Er bringt mich just zum Lachen!
Weib von Geschlecht –
Katze von Geblüt,
Trag ich erbliches Recht
Zu schnurren und zu spielen . . .
Schönster, hüte dich . . .!
Aus: Elsa Asenijeff: Die neue Scheherazade. Ein Roman in Gefühlen / Gedichte. München: Georg Müller, 1913
Johann Michael Moscherosch
(* 5. 3. 1601 Willstätt bei Kehl, † 4. 4. 1669 Worms)
Denn die Großen will niemand erzürnen, sondern es will jeder bei ihnen ein Gut oder Lehen verdienen, und es bleibt bei ihnen Gewalt für Recht.
Ich bin ein Herr
trotz der sich sperr.
Recht hin Recht her
Ein jeder thu was ich begehr.
wer das nicht thut
Den kost es Ehr vnd Gut.
Ich bin das Recht
trotz der mir widerfecht.
Aus: Visiones De Don Quevedo. Wunderliche und Warhafftige Gesichte Philanders von Sittewalt [Moscherosch, Johann Michael] Zum dritten mahl ubersehen und verbessert. Straßburg/ Erstlich Gedruckt bey Johan-Philip Mülben/ Anno 1643, S. 64
Peter Huchel
(* 3. April 1903 in Lichterfelde bei Berlin; † 30. April 1981 in Staufen i. Br.)
Psalm
Daß aus dem Samen des Menschen
Kein Mensch
Und aus dem Samen des Ölbaums
Kein Ölbaum
Werde,
Es ist zu messen
Mit der Elle des Todes.
Die da wohnen
Unter der Erde
In einer Kugel aus Zement,
Ihre Stärke gleicht
Dem Halm
Im peitschenden Schnee.
Die Öde wird Geschichte.
Termiten schreiben sie
Mit ihren Zangen
In den Sand.
Und nicht erforscht wird werden
Ein Geschlecht,
Eifrig bemüht,
Sich zu vernichten.
Aus: Peter Huchel, Gesammelte Werke Bd. I. Die Gedichte. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1984, S. 157
Hans Leybold
(* 2. April 1892 in Frankfurt am Main; † 8. September 1914 in Garnison Itzehoe)
Reflexionen
Die blaue Blase steigt zum Himmelszelt,
der weiße Hund in China bellt.
Hoch schwögt der Schmock in dem Metaphernglanz.
Ein Film ist länger als ein Lämmerschwanz.
Berauscht der Bürger sich am Phrasenstrahl,
der Reichstag ist kein Affenkraal.
Die blaue Blase steigt zum Himmelszelt,
sie steigt, sie steigt und fällt und fällt.
Aus: Hans Leybold: Gedichte, Prosa, Glossen. Eine Auswahl. Hrsg. Karl Riha u. Franz-Josef Weber. Siegen: Universität-Gesamthochschule Siegen, 1985 (Vergessene Autoren der Moderne), S. 11
Philander von der Linde
(d.i. Johann Burkhard Mencke, * 8. April 1674 in Leipzig; † 1. April 1732 ebenda)
An seine Poesie
ICh habe manchesmahl bekümmert nachgedacht,
Was mich zum erstenmahl ans Reimen hat gebracht,
Und wie sich allgemach mehr Geist und Krafft gefunden,
Wie ich drauff offtermahls den Kern der besten Zeit
Der eitlen Poesie mit grosser Lust geweiht,
Und manchem, welcher mir kaum recht bekandt gewesen,
Ein Blat voll Müh und Schweiß begierig fürgelesen.
Doch wenn ich wiederum die Reime für mir nahm,
So ward ich nach und nach mir gleichsam selber gram,
Und hab offt in dem Zorn, was ich mit Müh geschrieben,
In einem Augenblick zerrissen und zerrieben.
Derhalben hab ich es auf einmahl fest gestellt:
Schreib, edle Poesie, schreib was mir wohlgefällt,
Und bleib nicht wie bisher, an Staub und Erde kleben,
Wo nicht, so sey dir hier dein Scheide Brief gegeben.
Aus: Philanders von der Linde Schertzhaffte Gedichte, Darinnen So wol einige Satyren, als auch Hochzeit- und Schertz-Gedichte, Nebst einer Ausführlichen Vertheidigung Satyrischer Schrifften enthalten. Leipzig: bey Joh. Friedrich Gleditsch und Sohn, 1713, S. 181
Toni Schwabe
(* 31.3. 1877, † 1951)
Nie traf ich einen….
Nie traf ich einen, der stärker als ich
Mir der Liebe Zügel entrissen hat.
Wen ich schwächer fühlte, dem weigert ich mich,
So daß mich nie einer besessen hat.
Ich küßte nur solche, die Liebe sehnten
Und die, wie ich, den Stärkeren wollten
Und machte, daß sie sich an mich lehnten
Und nicht mehr Liebe entbehren sollten.
Mich – mich allein konnte keiner erlösen –
Und ob ich auch alles von Liebe wüßte:
Ueber mir ist noch keiner gewesen,
Keiner, dem ich mich ergeben müßte.
Aus: Toni Schwabe: Komm, kühle Nacht! Verse. München: Georg Müller, 1908, S. 53
Erika Mitterer
(* 30. März 1906 in Wien; † 14. Oktober 2001 in Wien)
Vierter Brief
O bilde mich wie einen Klumpen Ton,
vergiß, daß ich schon je Gestalt besaß,
ball mich zusammen, daß kein Merkmal von
dem Gestern spricht, das gerne ich vergaß.
Ich will dich schauen, wie die Blumen frühe
die Welt besehn: erstaunt und doch verwandt;
Und dennoch Feuer sein! Denn sieh: ich glühe,
und glühe rot dich an, geliebtes Land.
Doch willst Du, daß ich sei, so wisse: ganz
bin ich nur eins, und dies in seltnen Stunden:
die Sich-Verlierende, die sich im Glanz
von fremden Sonnenstrahlen erfunden.
Die Sich-Verschweigende, die gern erkannte,
die Selige, die sich zu früh ergab;
die beinah Wankende, der die verwandte
trostreiche Stimme Berg zugleich und Stab.
Aus: Aldona Gustas (Hrsg.): Erotische Gedichte von Frauen. München: dtv, 1985, S. 158
Heute ein altbekanntes romantisches Gedicht, ein Lied (in leicht verfremdeter Gestalt).
Heinrich Heine
1 Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, 9 x/xx/xx/x 2 Daß ich so traurig bin. 6 x/x/x/ 3 Ein Märchen aus alten Zeiten, 8 x/xx/x/x 4 Das kommt mir nicht aus dem Sinn. 7 x/x/xx/ 5 Die Luft ist kühl und es dunkelt, 8 x/x/xx/x 6 Und ruhig fließt der Rhein; 6 x/x/x/ 7 Der Gipfel des Berges funkelt 8 x/xx/x/x 8 Im Abendsonnenschein. 6 x/x/x/ 9 Die schönste Jungfrau sitzet 7 x/x/x/x 10 Dort oben wunderbar; 6 x/x/x/ 11 Ihr goldnes Geschmeide blitzet, 8 x/xx/x/x 12 Sie kämmt ihr goldenes Haar. 7 x/x/xx/ 13 Sie kämmt es mit goldnem Kamme, 8 x/xx/x/x 14 Und singt ein Lied dabei, 6 x/x/x/ 15 Das hat eine wundersame, 8 x/xx/x/x 16 Gewaltige Melodei. 7 x/xx/x/ 17 Den Schiffer im kleinen Schiffe 8 x/xx/x/x 18 Ergreift es mit wildem Weh; 7 x/xx/x/ 19 Er schaut nicht die Felsenriffe, 8 x/xx/x/x 20 Er schaut nur hinauf in die Höh’. 8 x/xx/xx/ 21 Ich glaube, die Wellen verschlingen 9 x/xx/xx/x 22 Am Ende Schiffer und Kahn; 7 x/x/xx/ 23 Und das hat mit ihrem Singen 8 x/xx/x/x 24 Die Lorelei gethan. 6 x/x/x/
Fett = Starke (betonte) Silben. Die Zahl vor der Zeile leicht erkennbar die Versnummerierung, die Zahl dahinter die Anzahl der Silben, gefolgt vom metrischen Schema, wobei x eine unbetonte Silbe (Senkung) und / eine betonte (Hebung) bedeutet.
Sollte Sie die verfremdete Form gestört haben, können Sie sich hier schadlos halten:
Wenn nicht, können Sie die obigen Links natürlich ebenfalls klicken und anschließend einen gelehrten Kommentar lesen.
Gregory Corso
(* 26. März 1930 in Greenwich Village, New York City; † 17. Januar 2001 in Robbinsdale, Minnesota)
Erste Nacht im Weißen Haus
Der Sonnenuntergang am Potomac war wunderbar
und der neue Präsident
nach einem langen festlichen Tag
schlummert ein auf Lincolns Bett
Er träumt Dohlen
Und wie leis er sich nähert
und seine Hand
was er ihnen auch geben will
— sie fliegen auf
Deutsch von Anselm Hollo, aus: Schon mal gelebt?: Amerikanische Gedichte des 20. Jahrhunderts. Hrsg. von Hans J. Heise und Annemarie Zornack. Kiel: Neuer Malik, 1991, S. 119
Daniel Schiebeler
(* 25. März 1741 in Hamburg; † 19. August 1771 ebenda)
Das Sonnett
Du foderst ein Sonnett von mir;
Du weißt, wie schwer ich dieses finde,
Darum, du lose Rosalinde,
Versprichst du einen Kuß dafür.
Was ist, um einen Kuß von dir,
Das sich Myrtill nicht unterstünde?
Jch glaube fast, ich überwinde;
Sieh, zwey Quadrains stehn ja schon hier.
Auf Einmal hört es auf zu fliessen!
Nun werd‘ ich doch verzagen müssen!
Doch nein, hier ist schon Ein Terzett.
Nun beb‘ ich doch ─ wie werd‘ ich schließen?
Komm, Rosalinde, laß dich küssen! –
Hier, Schönste, hast du dein Sonnett!
Ludvik Kundera
(* 22. März 1920 in Brno / Brünn; † 17. August 2010 in Boskovice)
Dreimal den Schlüssel gedreht Der Fall der Dinge Zwischen den Sätzen Staub eine Handvoll Was dauert? Dreimal den Schlüssel gedreht das Gedicht die sieben Fälle dekliniert in den Sätzen ein Ätna Schon wälzt sich das Magma Vor ihm auf Meilen wird sich entzünden das Gras
Aus dem Tschechischen übersetzt von Peter Demetz. In: Der Herrgott schuldet mir ein Mädchen. Tschechische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Hrsg. u.m.e. Nachwort von Ladislav Nezdařil und Peter Demetz. München, Zürich: Piper, 1994, S. 37
Jayne-Ann Igel
Tage gehen
sie giengen schön*, wir liefen davon, liefen „weg“, wie es auch heißt, nicht aus respekt, machten uns wegsam, mussten sehen, was kommt, das war der ausweg, führte wohin, weg nur nicht mehr, das stottern im schritt, an der ampel grün das vergehen, nächtens, vergehen und weg, angst scham und aus –
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