AN EIN MÄDCHEN
BERGDAMA, SW-AFRIKA (Namibia)
Tu doch so schämig nicht,
Du liebes Schwarzgesicht!
Hör auf zu weinen!
Bin ja ein fremder Mann!
Kein Mädchen sieht mich an!
Als schöner Jüngling kann
Ich nicht erscheinen.
Drum denkt auch niemand dran,
Daß du dem fremden Mann
Was hast zulieb getan.
Es kümmert keinen!
Ich geh ja bald davon,
In diesem Jahre schon!
Brauchst nicht zu meinen,
Daß ich für immer dich
Will binden fest an mich!
Ich hab ja keinen
Bestimmten Wohnort mehr,
Geh heimatlos umher.
Brauchst später ja nicht mehr
Mir nachzuweinen!
Aua: Dichtungen der Naturvölker. Religiöse, magische und profane Lyrik. Gesammelt, gesichtet und in deutscher Sprache hrsg. von Eckart v. Sydow. Wien: Phädon, 1935, S. 140. Seine Quelle: H. Vedder: Die Bergdama. Hamburg 1923, II, 48.
Günter Kunert (1929-2019)
Junges Paar an der Ecke
Plätze finden, fröhlich sich zu paaren,
Das ist schwer für solche ohne Raum.
Leichter seinen Samen aufzusparen
Für die Nacht und für den kargen Traum.
Traum von warmen Kammern und von Betten,
Nicht nur drin zu schlafen und allein.
Über den Beton schaun wir nach Stätten
Für die Liebe, und wir finden Stein.
Unruh in uns, streifen wir durch Straßen,
Fern der Wildnis und ihr noch nicht fremd.
In den Städten, groß und ohne Maßen,
Wärmt uns meistens nur das eigne Hemd.
Aus: Günter Kunert: Das kreuzbrave Liederbuch. Berlin: Aufbau, 1961, S. 9

Günter Kunert (* 6. März 1929 in Berlin; † 21. September 2019 in Kaisborstel)
Wolf Biermann singt Günter Kunert „Wie ich ein Fisch wurde“
Biermanns Vertonung ist für mich interessant, weil er (eigentlich bei allen Titeln auf der Platte „Hälfte des Lebens“) radikal das Metrum singt – geradezu skandiert. Hier peitschende, vorwiegend sechshebige Trochäen: „Meine | Arme | dehnten | sich zu | breiten | Flossen“.
4 Kurz bevor die letzten Kräfte mich verließen, Fiel mir ein, was man mich einst gelehrt: Nur wer sich verändert, den wird nicht verdrießen Die Veränderung, die seine Welt erfährt. 5 Leben heißt: Sich ohne Ende wandeln. Wer am alten hängt, der wird nicht alt. So entschloß ich mich, sofort zu handeln, Und das Wasser schien mir nicht mehr kalt. 6 Meine Arme dehnten sich zu breiten Flossen, Grüne Schuppen wuchsen auf mir voller Hast; Als das Wasser mir auch noch den Mund verschlossen, War dem neuen Element ich angepaßt. 7 Lasse mich durch dunkle Tiefen träge gleiten, Und ich spüre nichts von Wellen oder Wind, Aber fürchte jetzt die Trockenheiten, Und daß einst das Wasser wiederum verrinnt. 8 Denn aufs neue wieder Mensch zu werden, Wenn man’s lange Zeit nicht mehr gewesen ist, Das ist schwer für unsereins auf Erden, Weil das Menschsein sich zu leicht vergißt.
Aus: günter kunert: der ungebetene gast. Berlin und Weimar: Aufbau, 1965, Seite 12f (dort korrekt mit acht durchnummerierten Strophen).
Das Buch erschien 1966 in zweiter Auflage, obwohl Kunert immer heftig angegriffen wurde. 1963 brachte eine Bezirkszeitung der SED eine ganze Seite mit Beiträgen von Literaturwissenschaftlern und „einfachen Bürgern“ gegen drei Gedichte von Kunert. Damals waren Gedichte noch wichtig!
Jehuda Amichai
(hebräisch יהודה עמיחי)
(* 3. Mai 1924 in Würzburg; † 22. September 2000 in Jerusalem)
Knospen
Ich stieg auf das Dach des weißen Hauses
Um zu sehen, was war
Und mich zu erinnern an die, die hier starben.
Zwischen den Eukalyptusbäumen und den Orangenhainen
Und den gelben Dünen.
Die meisten Menschen leben weiter
Nach ihrer ersten Liebe
Und die meisten Menschen überleben
Ihren ersten Krieg.
Ich habe zum Gedenken einen Hut aufgesetzt
Und in meinen Kopf wurde alles eingeschlossen.
Ich nahm den Hut zum Gedenken ab
Und meine Gedanken flogen in alle Winde
Wie Samen, die nicht aufgenommen werden.
Dann stieg ich hinunter vom Dach
Und setzte mich in das Haus, und um die Mittagszeit
Hörte ich die Geschichte vom Mut und vom Tod
Der Miri Ben-Ari, ihr Name
Ist klar wie eine Vogelstimme, und die Geschichte ihres Todes
Ist wie der Flug eines Vogels.
Aus dem Hebräischen von Alisa Stadler
Aus: Jehuda Amichai: Auch eine Faust war einmal eine offene Hand. Gedichte. München, Zürich: Piper, 1994, S. 16
Antioch Kantemir
(russisch Антиох Дмитриевич Кантемир; * 10. September jul./ 21. September 1708 greg. in Konstantinopel; † 31. März jul./ 11. April 1744 greg. in Paris)
Erste Satire:
An die Verächter der Wissenschaft
An meinen· Verstand
Unreife Frucht flüchtiger Studien: mein Verstand,
Gib endlich Ruh, zwing nicht zu schreiben meine Hand!
Auch dem, der nicht schreibt, kann der Tag im Flug verrinnen,
Auch wer nichts selber schafft, kann dennoch Ruhm gewinnen,
Zum Ruhm will das Jahrhundert leichtre Wege zeigen,
Die mutge Füße ohne Straucheln aufwärts steigen,
Die größte Mühsal nimmt noch immer der in Kauf,
Der euren Pfad wählt, Musen. Mancher gab schon auf,
Weil ihn die Kraft verließ. Du erbst nur Schweiß und Leiden,
Poet, dich wird man wie den Aussatzkranken meiden.
Gelächter und Verachtung werden deine Gäste:
Wer über Büchern sitzt, erwirbt wohl nie Paläste.
Kein Park mit Marmorbildern wird sein eigen werden,
Und um kein Schaf vermehrt er die ererbten Herden.
Zwar unser junger Herrscher läßt die Musen hoffen.
Die Ungebildeten – sie meiden ihn betroffen.
Apollos Ruhm weiß er zu schirmen und zu wahren,
Apolls Gefolge selbst kann bei ihm Schutz erfahren.
Und seine Sorge ist’s, des Parnaß Volk zu mehren.
Ein Ärgernis nur bleibt, und keiner kann ihm wehren:
Wie viele loben überschwenglich das am Zaren,
Wogegen sie bei andern tadelnd sich verwahren!
Schisma und Häresie sind des Studierens Preis,
Der lügt am meisten, wer das meiste weiß,
Wer über Büchern hockt, wird sich vom Glauben wenden –
So seufzt die heil’ge Seele, Kriton. In den Händen
Den Rosenkranz, fleht er, man möge doch erkennen,
Daß uns von unserm Heil die Wissenschaften trennen:
Die Kinder, die so still und folgsam an uns hingen,
Gehorsam nach der Väter Art zur Messe gingen,
Mit Angst und Zittern hörten, ohne zu verstehen,
Wolln nun zum Leid der Kirche eigne Wege gehen,
Lesen die Bibel selbst, stelln Fragen, wollen denken
Und unsern Geistlichen nicht länger Glauben schenken.
Zur Fastenzeit trinkt keiner Kwaß. Nicht Stock, nicht Bitten
Bringt sie zum Pökelfleisch. Verloddert sind die Sitten.
Sie weihen keine Kerzen, halten keine Fasten.
Am liebsten wollten sie der Kirche Macht antasten.
Und raunen: Wer der Welt entsagt und ihrem Leben,
Soll sich mit Reichtum nicht und Landbesitz umgeben.
Silvan hat eine andere Gefahr erkannt:
Studiererei, sagt er, bringt Hunger übers Land.
Als wir noch nicht Latein erlernten, ja, in jenen Jahren
Lebten wir besser. Als wir ungebildet waren,
Hatten wir gute Ernten, litten keine Not.
Die fremde Sprache brachte uns um unser Brot.
Soll sich ein Edler seiner schlechten Sprache schämen,
Ob falschen Satzbaus sich, ob der Grammatik grämen?
Ach was! Für einen Mann von Stand reicht Ja und Nein.
Logik und Stil laßt niedrer Leute Bettel sein.
Will man der Seele Kraft, will man ihr Maß ergründen,
Des Weltalls Plan, der Dinge Grund und Ursach finden,
Muß man als Narr und neunmal tumber Trottel leben,
So dumm ist’s grad, wie Erbsen an die Wand zu kleben.
Mehrt es mein Geld, mein Leben nur um einen Tag,
Erfahr ich, was mir Vogt und Pächter stehlen, sag?
Kann es, wie man den Teich mit Wasser füllt, mich lehren,
Kann es die Fässer in der Kelterei vermehren?
Auch die sind töricht, die voll Unrast Feuer zünden,
Um, ruß’gen Augs, der Erze Wesen zu ergründen.
Auch wenn mich nicht ihr närrisch Wesen plackt und kleidet,
Weiß ich, wie man das Gold vom Kupfer unterscheidet.
Arznei- und Krankheitskunde – nichts als Gaukelwesen!
Schmerzt dich der Kopf? Der Arzt will es am Puls ablesen
Er simpelt, daß das Blut der Übel Ursach wär.
(…)
Daß man zu viel Papier verdrucke und verschreibe
Und daß am Ende nicht ein Blättchen übrigbleibe
Zum Lockenwickeln, so klagt Medor. Doch mitnichten
Würd für Senecas Werk auf Puder er verzichten.
Vergil sei nichts, der Schuster Jegor alles wert.
Nicht Cicero – Rex, unser Schneider sei geehrt.
Tagtäglich stürmen solche Reden auf mich ein,
Drum duck dich, mein Verstand, und lerne still zu sein.
Ist schon die Arbeit nutzlos und umsonst die Plage,
Begehrst du doch, mein Herz, daß sie dir Ruhm eintrage.
Doch handelst du zumeist statt Lob nur Tadel ein.
Weit schlimmer ist’s, als mangelte dem Trinker Wein,
Als wenn dem Popen man das Osterfest mißgönnte,
Der Kaufmann nicht sein Bier mit Hopfen würzen könnte.
Wohl weiß ich, mein Verstand, du kannst mir leicht beweisen,
Daß lasterhafte Menschen nie die Tugend preisen,
Geizhälse, Stutzer, Frömmler und dergleichen mehr,
Sie schmälen jede Art von Bildung seit jeher.
Wen schert’s, wen kümmert es, was solch ein Kläffer bellt?
Dein Rat, Verstand ist gut, wie aber ist die Welt?
Bosheit kann heut’gentags der Klugen Schicksal schmieden.
Und um nicht abzuschweifen, habe ich vermieden,
Zu sagen – und in Wahrheit auch, weil ich’s nicht wagte,
Wie boshaft man auch andre Wissenschaften plagte.
Reicht dies? Die Wächter vor dem Paradies
Und jene, denen Themis ihre Waage ließ,
Kaum einer liebt die Wissenschaft, die wahre Zier.
(…)
Willst du ein Richter sein, leg die Perücke an!
Sprich schuldig den, der für sein Recht nicht zahlen kann!
Ein hartes Herz verachtet stets der Armen Träne.
Liest man das Protokoll, so schlafe nur und gähne!
Jedoch, wenn einer auf des Staats Gesetz verweist,
Vor dir das Völkerrecht und das Naturrecht preist,
Erkläre, daß er lügt, und spuck ihm ins Gesicht,
Wenn er so Unerhörtes fordert vom Gericht –
Daß Sekretäre Aktenberge wälzen müssen:
Der Richter unterschreibt – mehr braucht er nicht zu wissen.
Vorbei die Zeit, da wir die Weisheit thronen sahn,
Sie ebnete zum Höheren uns allein die Bahn.
Durch sie nur könnten wir den Lorbeerkranz erlangen.
Der goldene Äon – wie lang ist er vergangen!
Dünkel und Reichtum hat die Wahrheit stolz bezwungen,
Unwissen hat bei uns der Bildung Rang errungen,
Stolziert im Höflingskleid, prunkt unter Bischofskronen,
Spricht Recht am Richtertisch, befiehlt den Bataillonen.
Nichts ist der Wissenschaft vom alten Glanz geblieben,
Aus allen Häusern hat man sie mit Schimpf vertrieben,
Wie einer, der leicht seekrank wird, die Seefahrt meidet,
Flieht man die Wissenschaft, jedem ist sie verleidet.
Nutzlos ist jede Bildung, schallt es ringsumher:
Sie füllt die Köpfe, und sie macht die Taschen leer.
(…)
Schweig still, Verstand, wenn du die Narren prahlen hörst,
Und gräm dich nicht, wenn du auch niemals Dank erfährst.
Denn frei von Angst, scheint es auch schwer, ist dessen Leben,
Der in dies Los sich schweigend hat ergeben.
Und jeder, dem der Weisheit Gabe ward zuteil,
Soll ihrer sich erfreun, doch halt er sie nicht feil.
Denn will er sie für andre Menschen nutzbar machen,
So erntet er kein Lob. Man wird ihn bös verlachen.
1729
Nachdichtung: Uwe Grüning
Aus: Chorus an die verkehrte Welt. Russische Dichtung des 18. Jahrhunderts. Leipzig: Reclam, 1983, S. 29ff
Der Spiegel
Tschö Tschi Won
(857-915)
Die Fuchsfee kann sich verwandeln
in ein wunderschönes Weib,
und mancher üble Geist erscheint
in einem Gelehrtenleib.
Das sind zwar keine Menschen,
doch gleichen sie ihnen genau,
der böse Geist im Gelehrtenleib
und die Fuchsfee als schöne Frau.
Das Schwerste ist nicht das Verwandeln;
das lernt man schon mit den Jahren.
Viel schwerer ist es, in dieser Welt
ein menschliches Herz zu bewahren.
Und willst du unterscheiden,
was Wahrheit ist und was Schein,
dann mach aus deinem Herzen
einen Spiegel und halt ihn rein.
Aus: Lob des Steinquells. Koreanische Lyrik. Aus dem Sino-koreanischen übertragen, nachgedichtet und herausgegeben von Ernst Schwarz. Weimar: Gustav Kiepenheuer, o.J. (1973), S. 36
Oskar Kanehl
(* 5. Oktober 1888 in Berlin; † 28. Mai 1929 ebenda)
Krieg
Was jubelt ihr und schwenkt die bunten Tücher?
Und brüllt den Krieg?
Werdet vor heiligem Gottgeist schamrot!
Hunger und Seuche und Tod
feiern den Sieg.
Was schießt ihr plötzlich auf euren Menschenbruder,
den ihr geliebt?
Fallt sengend über sein Gut und Habe her?
Staaten- und Völkerrecht. Wißt ihr nicht mehr,
daß es Menschenrecht gibt?
Leichenfeld. Kunst und Wissenschaft sind ein Gelächter.
Krähenmusik
Gott ist verjagt. Stumm ist sein Buch der Bücher.
Was jubelt ihr und schwenkt die bunten Tücher?
Und brüllt den Krieg?
Aus: Oskar Kanehl, Die Schande. Gedichte eines dienstpflichtigen Soldaten aus der Mordsaison 1914-1918. Die Aktions-Lyrik [Bd. 7] . Hg. von Franz Pfemfert. Berlin-Wilmersdorf: Verlag Die Aktion, 1922
Soeben erschienen: Oskar Kanehl. Versensporn 37. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2019. 4€
EINGANG DES PILATUS (der Sage von Pilatus)
(Straßburger Handschrift)
12. Jahrhundert

Man sagt von der deutschen Zunge*
Sie sei nicht bezwungen
Sei hart zu fügen.
Wer sie oft schlüge
Dem würde sie schmeidig
Wie Stahl zart und schneidig
Der vom Hammergestoß
Auf dem Amboß
Biegsam springe.
Daß mir’s gelinge
Will ich ausspannen meinen Sinn
Zu einer Rede zu der ich bin
Hingezogen bis jetzt nur schlaff.
Halt ich die Gedanken straff
Bis sie ausgetragen
So weiß ich wohl daß Wagen
Viel mehr wie Mäßigung mache
Bei einer solchen Sache.
Ich greife in den Untergrund
Und stärke meinen Fund
Mit dem Allerersten Sinn
Der drunten und drin
Tief verwurzelt ist.
Hab ich Stetigkeit und Frist
So hol ich aus ihm dem Einen
Mit den Grundsteinen
Die Fülle manchen Sinnes herbei
Daß mir Sinn und Geist die zwei
Wacker bleiben beide
Bis ich vom Werke scheide.**
Aus: Älteste deutsche Dichtungen, übersetzt und herausgegeben von Karl Wolfskehl und Friedrich von der Leyen. Leipzig: Insel, 1920, S. 131ff
Tudor Arghezi
(* 21. Mai 1880 in Bukarest; † 14. Juli 1967 ebenda)
Verklärung
Obwohl ich ihr sagte, daß ich’s nicht will,
gab mir die Nacht im Schlaf ganz still
die Urne des Dunkels, ich trank sie leer.
Nun komme, was wolle, bald wissen wir mehr.
Wie konnte ich ahnen, daß dem Getränk,
dem dünnblauen milchigen, Gift beigemengt?
Bin ich nur berauscht – oder bin ich gestorben?
Nun laßt mich schlafen – bin kindisch geworden.
Wer da auch anklopft, ich bin nicht zu Haus.
Fragt wer nach mir, denkt euch Antworten aus.
Wem kann ich denn so in das Angesicht sehn,
vor wem mit der jetzigen Seele bestehn?
Deutsch von Heinz Kahlau, aus: Tudor Arghezi: Ketzerbeichte. Berlin: Volk und Welt, 1968, S. 73
Hans Arp
(* 16. September 1886 in Straßburg; † 7. Juni 1966 in Basel)
Aus: Die Wolkenpumpe
…
an allen enden
stehen jetzt dadaisten auf aber es sind
im grunde nur vermummte defregger
sie ahmen den zungenschlag und das zungenzucken
der wolkenpumpe nach
ein fürchterliches mene tekel zeppelin wird ihnen
bereitet werden
und die dadaistische hauskapelle wird
ihnen was blasen
man wird sie den raupen zum fraß hinwerfen
und ihnen bärte an falsche stellen pflanzen
an sternenlassos werden sie baumeln
DIE ORIGINALDADAISTEN SIND NUR DIE
SPIEGELGASSEDADAISTEN
man hüte sich vor nachahmungen
man verlange in den buchgeschäften nur spiegelgassedadaisten
oder wenigstens werke die mit aquadadatinta
vom dadaistischen rasputin und spiritus rector
tzar tristan genetzt worden sind
…
(1920)
Aus: Hans Arp, Opus Null. Ausgewählte Gedichte. Hrsg. Richard Pietraß. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1988, S. 10
Petr Bezruč
(* 15. September 1867 in Opava; † 12. Februar 1958 in Olmütz / Olomouc)
Du und ich
Geh aus dem Wege:
schwarz meine Hände und feucht meine Kleider,
du der Besitzer, und ich schuft im Berge,
dir der Palast, mir der Katen bereitet,
phrygisch die Mütze und düster die Stirn.
Nicht hinter mir schluchzen bittende Waisen,
Hasen, die deinen, die fraßen ihr Feld leer,
Herzloser, schamlos – der Blitz dich zerreiße.
Sohn der Beskiden, des Leids und der Fron,
schuft in der Hütte, die dein, deinem Bergwerk,
kocht in den Adern auch Galle, ich schufte,
flöße dein Holz auf dem schäumenden Flusse,
schwarz, arm, den Schweiß auf der Stirn fühl ich fliegen,
brachte zum Weinen kein Kind der Beskiden,
raubte den Witwen nicht ihr Stückchen Erde,
du bist Magnat drum, ich bettle dagegen, –
kommst in die Berge? Zum Teufel hin scher dich!
Phrygischer Mütze, mir geh aus dem Wege!
Deutsch von Uwe Kolbe, aus: Die Sonnenuhr. Tschechische Lyrik aus 11 Jahrhunderten. Teil 3: 1900-1950. Hrsg. Ludvík Kundera. Leipzig: Reclam, 1987, S. 26
Laxmi Prasad Devkota
Der nepalesische Dichter starb heute vor 60 Jahren auf den Treppenstufen (ghat) am Bagmatifluß im Pashupatinath-Tempel in Kathmandu.
Laxmi Prasad Devkota (Nepali: लक्ष्मीप्रसाद देवकोटा, 12 November 1909 – 14 September 1959) was a Nepali poet, playwright, and novelist. Honored with the title of Mahakavi (literal translation: The Great Poet or Poet the Great) in Nepali literature, and is known as the poet with the golden heart. Devkota is by and large regarded as the great poet (महाकवि) of Nepali language. (Wikipedia English)
Laxmi Prasad Devkota was a Nepali poet, playwright, scholar, and novelist. He is given the title of Mahakavi in Nepali Literature, which means The Great Poet. He is known as the poet with the golden heart. (Wikipedia Simple English)
Pagal (Der Verrückte)
1
Oh ja, mein Freund! Ich bin verrückt
Ich bin so.
2
Ich sehe Geräusche
Ich höre die Aussicht.
Ich rieche den Geschmack
Ich rühre den Himmel nicht an, aber Dinge aus der Unterwelt,
Dinge, an die die Menschen nicht glauben,
deren Formen die Welt nicht ahnt.
Steine sehe ich als Blumen
am Wasser liegend geglättet,
Felsen zarter Formen
im Mondschein
Wenn die himmlische Zauberin mich anlächelt,
Blätter auslegen, erweichen, glitzern,
pochend erheben sie sich wie stumme Wahnsinnige,
wie Blumen eine Art Mondvogelblumen.
Ich spreche mit ihnen wie sie mit mir reden,
eine Sprache, Freund,
das kann nicht geschrieben oder gedruckt oder gesprochen werden,
Kann nicht verstanden werden, kann nicht gehört werden.
Seine Zunge kommt in die Wellen zu den Ganges-Ufern im Mondlicht,
Wellen! Wellen!
Oh ja, Freund! Ich bin verrückt
Ich bin so.
जरुर साथी म पागल ! यस्तै छ मेरो हाल । म शब्दलाई देख्दछु ! दृश्यलाई सुन्दछु ! बासनालाई संबाद लिन्छु । आकाशभन्दा पातालका कुरालाई छुन्छु । ती कुरा, जसको अस्तित्व लोक मान्दैंन जसको आकार संसार जान्दैन ! म देख्दछु, ढुङ्गालाई फूल ! जब, जलकिनारका जल चिप्ला ती, कोमलाकार, पाषाण, चाँदनीमा, स्वर्गकी जादूगर्नी मतिर हाँस्दा, पत्रिएर, नर्मिएर, झल्किएर, बल्किएर, उठ्दछन् मूक पागलझैँ, फूलझैँ- एक किसिमका चकोर फूल ! म बोल्दछु तिनसँग, जस्तो बोल्दछन् ती मसँग एक भाषा, साथी ! जो लेखिन्न, छापिन्न, बोलिन्न, बुझाइन्न, सुनाइन्न । जुनेली गङ्गा-किनार छाल आउँछ तिनको भाषा साथी ! छाल छाल ! जरुर साथी म पागल !
Übersetzt von Erika Khatri, G1 Studienkolleg Greifswald, Sommersemester 2019
Googles Transkription:
Jarura sāthī ma pāgala! Yastai cha mērō hāla. Ma śabdalā’ī dēkhdachu! Dr̥śyalā’ī sundachu! Bāsanālā’ī sambāda linchu. Ākāśabhandā pātālakā kurālā’ī chunchu. Tī kurā, jasakō astitva lōka māndainna jasakō ākāra sansāra jāndaina! Ma dēkhdachu, ḍhuṅgālā’ī phūla! Jaba, jalakinārakā jala ciplā tī, kōmalākāra, pāṣāṇa, cām̐danīmā, svargakī jādūgarnī matira hām̐sdā, patri’ēra, narmi’ēra, jhalki’ēra, balki’ēra, uṭhdachan mūka pāgalajhaim̐, phūlajhaim̐- ēka kisimakā cakōra phūla! Ma bōldachu tinasam̐ga, jastō bōldachan tī masam̐ga ēka bhāṣā, sāthī! Jō lēkhinna, chāpinna, bōlinna, bujhā’inna, sunā’inna. Junēlī gaṅgā-kināra chāla ā’um̐cha tinakō bhāṣā sāthī! Chāla chāla! Jarura sāthī ma pāgala!
Julian Tuwim
(* 13. September 1894 in Łódź; † 27. Dezember 1953 in Zakopane)
Politische Jamben
Sie sagen – sehr geehrter Herr -,
daß mich die Politik nicht ziert.
Denn Magier, Alchimist sei ich vielmehr,
der Wortessenz im Tiegel destilliert:
ein Fabrikant von zaub’rischer Tinktur
und ein Expert für Mystik im Gesange,
für den Instinkt, für Intuitionen nur
und andre apolitische Belange.
Ich habe viel gezaubert – zugegeben! –
und schäm‘ mich nicht der einstigen Praktiken.
Mein Schmerz war durch Extrakte zu beheben,
der Qual half oft ein Vers-Trank einzunicken.
Mir ging’s um die Romantik im Gedichte
– o Muse, holde Apothekerin! -,
um Trance und apollinische Gesichte.
So sang ich unpolitisch vor mich hin .
Doch da ich einst der Hexerei oblag
in meinem provinziellen Kräuterladen,
sah ich durch der Verzückung Nebelschwaden
und Mullgardinen schon den Tag
im Morgenrote … („Note?“ … „Götterbote?“ … )
Schon trieb’s mich, einen Hymnus hinzuhaun.
Allein es war der Weltbrand, der da lohte,
und fraglos als politisch anzuschaun.
Die off’ne Hölle überflammte mich.
Der Feind ward deutlich und die Umwelt klar.
Zum Teufel auf Vakanz entwich
die Phantasie, die pleite war.
Und die Geschichte barst. Ein Träumer fuhr
aus seiner alchimistischen Retorte,
der sich die Augen rieb. Mit einem Worte:
ein Dichter höchst politischer Natur.
Denn Politik führt rasch zum Menschenhirn.
Geschmeidig weiß sie nach dem Ziel zu streben.
Sie fädelt mich durchs Nadelöhr als Zwirn
und heftet mich mit fester Naht ans Leben.
Sie kreist – vom Strom des Blutes mitgerissen –
im Zeitgeschehn. Elektrisch hochfrequent
läuft sie als Schauer über das Gewissen –
die Politik, die dichterisch bekennt.
Denn sie, die Schöpferische, lehrt den Sinn
der großen Zeiten und der schlichten Woche
und meiner ewigen Gebärerin,
die täglich mich zur Welt bringt: der Epoche.
Aus dem Polnischen von Helene Lahr, in: Der Himmel voller Wunden. Polnische Gedichte, Chansons und Streiklieder aus fünf Jahrhunderten. Hrsg. Frank Geerk. Karlsruhe: von Loeper, 1982, S. 51f
Otto Nebel (* 25. Dezember 1892 in Berlin; † 12. September 1973 in Bern)
Wenn Schurken singen
Wir sind die gelehrten Verkehrten,
wir schnacken so klug, daß es knarrt;
der Wahnwitz, den wir vermehrten:
wie hat er die Völker genarrt!
Woimmer wir Weisheit vermuten,
da setzt unser Nörgeln ein;
da müssen wir quengeln und tuten,
verneinen, entstellen und schrein.
Wir wollen von niemandem lernen,
uns kann kein Kunstwerk erreichen;
uns treibt was, den Sinn zu entfernen,
der Worte Bedeutung zu streichen.
Wir können gefährlich vernünfteln,
das Gute und Wahre zerklauben:
wir haften nur an zwei Fünfteln,
wir können an Ganzes nicht glauben.
Gewißheit ist nicht unsre Sache,
drum haben wir auch kein Gewissen;
wir halten Erkenntnis für Mache,
wir können Erleuchtung vermissen!
Wir kennen wohl tausend Verfahren,
die Rechten vom Wege zu locken;
wir möchten selbst Fromme an Jahren
zuletzt noch zuinnerst verstocken.
Wir gaukeln, daß Irrsterne funkeln,
wir schaffen Wirrnis und Nöte;
wir schuften besessen im Dunkeln
und sorgen, daß Wissenschaft töte!
Aus: Otto Nebel: Prosa, Gedichte, Nachlaß (Das dichterische Werk Bd. 2). Hrsg. René Radrizzani. München: Text + Kritik, 1979, S. 217f (Frühe Texte der Moderne)
Adam Asnyk
(* 11. September 1838 in Kalisch, Russisch-Polen; † 2. August 1897 in Krakau)
Erste Strophe eines Gedichts
DEM XIX. JAHRHUNDERT
Zeit ohne Zukunft, ohne Tagvertrauen,
Die uns am Abgrund düster hingestellte
Lehrmeisterin in Nichtigkeit und Grauen,
Dem Geiste Martergruft und Grabeskälte;
O Zeit des Zweifels, Zeit der Glaubensleere,
Wie bist du schrecklich den im Leid Elenden!
Mit Rätselaugen siehst du die Misere,
Mit Hohn entläßt du, die in Qual verenden,
Und rufst ins Grab noch nach mit Mörderstimme:
„Alles ist aus, nun geht zugrund für immer.“
Nachdichtung Karl Dedecius
Wörtliche Übersetzung von Peter und Renate Lachmann:
Jahrhundert ohne morgen, Jahrhundert ohne Zukunft, / Das du düster vor den Abgrund trittst. / Lehrer des Grauens und des Nichts, / Das du den menschlichen Geist auf die Folter spanntest! / Jahrhundert des Zweifelns, o Jahrhundert des Unglaubens! / Wie schrecklich bist du doch für die Leidenden! / Mit Sphinx-Gesicht schaust du auf die Opfer, / Mit Spott verabschiedest du die, die in Qualen umkommen; / Indem du ihnen ins Grab die blutigsten Worte sendest: / Alles ist zu Ende, Euer Tod ist endgültig.
Aus: Poesie der Welt. Polen. Edition Stichnote im Propyläen Verlag Berlin, 1987, S. 186f.
Das ganze Gedicht im polnischen Original:
XIX-mu wiekowi.
Wieku bez jutra, wieku bez przyszłości,
Co nad przepaścią stanąłeś ponury!
Nauczycielu zgrozy i nicości,
Coś wziął ludzkiego ducha na tortury!
Wieku zwątpienia, o wieku niewiary!
Jakże ty strasznym jesteś dla cierpiących!
Sfinksową twarzą patrzysz na ofiary,
Szyderstwem żegnasz w męczarniach ginących,
Śląc im do grobu te słowa najkrwawsze:
„Wszystko skończone, giniecie na zawsze!”
Na co się przyda, mistrzu, twa nauka,
Na co się przyda dla błądzącej rzeszy?
Gdzież masz pociechę, któréj ona szuka?
Gdzież masz tę miłość, która ją rozgrzeszy?
Dałeś jéj ziemi obszary jałowe,
I dożywotnie dałeś jéj dziedzictwo;
Ale zabrałeś najlepszą połowę:
Idealnego świata uczestnictwo!
Choć jasne źródła stoją jéj otworem,
Ona z nich przecież rozkoszy nie czerpie,
I woła, sercem upadając chorem:
„Poco ja żyję, umieram i cierpię?”
Neueste Kommentare