Paul Celan
ICH TRINK WEIN aus zwei Gläsern
und zackere an
der Königszäsur
wie Jener
am Pindar,
Gott gibt die Stimmgabel ab
als einer der kleinen
Gerechten,
aus der Lostrommel fällt
unser Deut.
»Das Verb zackern des Gedichts, vom mittelhochdeutschen ›zacker (zi achere/ze acker) gên‹, erinnert an das Schreiben Hofrat Gernings von 1805, in dem er von Hölderlin berichtet: ›Hölderlin, der immer halb verrückt ist, zackert auch am Pindar‹ – was in Celans Exemplar mit dreifacher Anstreichung versehen ist.
[…]
Neben dem Verweis auf Hölderlin durch die Worte ›zackern‹ und Pindar – Böschenstein nennt auch die Königszäsur – ist in diesem Gedicht über das Vokabular auch ein jüdischer Hintergrund erkennbar. Zudem ist es eines der (wenigen) Gedichte, in denen Gott als ein Subjekt des Gedichts direkt genannt wird. Die zwei Gläser deuten in dieser Lesart eine Trennung an und auf die Trennung der göttlichen Einheit hin. Ich trink Wein – die Menge ist hier wohl eher zweitrangig, hinter einer deutlich demonstrierten, und auf den ersten Blick ungewöhnlichen, Trennung – aus zwei Gläsern. Der Entstehungstag des Gedichts, der 29.11.1969, war ein Samstag, ein Schabbat. An einer Zäsur zu zackern, einer Trennlinie, bedeutet also zunächst möglicherweise die Scheidung des Festtags vom Alltag. Es ist die Königszäsur, an der das lyrische Ich ›zackert‹. Der Gott des Alten Testaments, der seinem Volk befahl den Schabbat zu heiligen, nennt sich König, melech. Wein aus zwei Gläsern zu trinken, bedeutet am Schabbat, zuerst den Kiddusch(Heiligungs)-Becher, also ein Glas zum Eingang, und dann den Hawdalah(Scheidungs)-Becher zum Ausgang des Feiertages rituell zu trinken.«
Aus:
Irene Fußl: Geschenke an Aufmerksame. Hebräische Intertextualität und mystische Weltauffassung in der Lyrik Paul Celans. Tübingen, Max Niemeyer Verlag 2008
Anna Louisa Karsch
(* 1. Dezember 1722 in Hammer bei Schwiebus; † 12. Oktober 1791 in Berlin)
An eine Freundin
Dies Tantalussische Verlangen,
Der heiße Fieberdurst in mir
Ist nun, dem Himmel Dank! vergangen.
Nun, meine Freundin! kann ichs Dir
Wohl sagen froh und unverholen,
Nun glüht mir Tag und Nacht der Mund
Nicht mehr wie angeflammte Kohlen,
Seitdem mir Milon hat befohlen:
„Bleib ruhig, bleib gesund –
Sonst kränkst du mich“ –
Er sprachs, und läßt mich denken:
Ihn, meinen Wunsch, mein Augenmerk,
Ihn, meinen Abgott! nicht zu kränken,
That die Natur ein Wunderwerk

Yitzhak Laor
[Ich, Itzik]
Nachts, Regen, wir gingen durch die Straßen der besetzten Stadt
Ausgangssperre. Vorneweg einer vom Geheimdienst, verantwortlich für den Offizier
der verantwortlich für uns, wir verantwortlich für den Informanten unter einer
Decke mit zwei Löchern für die Augen (wir werden leben,
ewig leben, der Todesengel ist in unsrer Hand) doch die Stimme ist
immer Jakobs Stimme: Hier spricht die Stimme der Jüdischen
Kampforganisation. Wer bist du? Ich bin Mordechaj
Anielewicz, und wer bist du? Ich bin Mordechaj Anielewicz,
und wer bist du? Ich bin Mordechaj Anielewicz
1990
Aus: Yitzhak Laor, Auf dieser Erde, die in Schönheit gehüllt ist und Wörtern misstraut. Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer. Berlin: Matthes & Seitz, 2018, S. 63
Mordechaj Anielewicz (geboren 1919 in Wyszków, Polen; gestorben am 8. Mai 1943 in Warschau) war ein polnisch-jüdischer Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus im von Deutschland besetzten Polen während des Zweiten Weltkriegs. (Wikipedia)
Konrad Bayer
(* 17. Dezember 1932 in Wien; † 10. Oktober 1964 ebenda)
dann bin ich gestorben
ich wurde geboren
am 17. august
bald wurde ich grösser
doch war’s mir nicht bewusst
ich lernte auch sprechen
und bausteine brechen
dann bin ich gestorben
am 17. august
ein jahr nur ein jahr nur
hat mir gott geschenkt
doch war es ein reiches
wenn man es recht bedenkt
Aus: Konrad Bayer: Sämtliche Werke. Hrsg. Gerhard Rühm. Überarb. Neuaufl. Wien: ÖBV Klett-Cotta, 1996, S. 91
Johannes Theodor Baargeld
(Zentrodada, * 9. Oktober 1892 als Alfred Ferdinand Gruenwald in Stettin; † 18. August 1927 am Mont Blanc)
Ahehe: Cezanne ist chewing-gum. Der Grunewald verdaut van Goghs gelbes Gebiss. Van Gogh roch aus dem Mund und ist tot. Eljen dada!
Behehe: Die Phallustrade der Expressionisten erschöpft den Lezithinvorrat der gesamten bebauten wie bekannten Bauchrinde. Die Bauchbinde der Patti ist beigesetzt. Die Leichenbeschauer Dr. Rudolf Steiners traten der internationalen Assoziation DADA (iadede) bei. Eviva dada!
Cehehe: incasso cassa picasso. Citoyen pablo picasso verteilt sein abgeschlossenes oeuvre an die Witwen Madrids. Nunmehr sind die Witwen in der Lage, einen Kursus in schwedischer Massage zu nehmen, um da …. picasso Umdada?
Dehehe: Der Zahnrat war ein Weib. Der Expressionismus ist eine Hautbinde mit Nabelschnurcharakter. Meldung: Bindehaut intakt.
Ehehe: Es kann deshalb Prof. Oskar Kokoschka heutzutag mit Sicherheit als Erfinder des automechanischen Blutegels „Selbsthilfe“ angesprochen werden. Et Propopo, et Propopos!
Fehehe: Hasenclevert in weißer Tennishose! Hasenclevers, vereinigt euch! Da, ut dem dada.
Gehehe: Am Unterleib der Gesellschaft wächst die Kunst. Die Kunst wächst in den Unterleib. Das Geheimnis des Oberleibes ist sein unterer Leib. Die Kunst ist revolutionär bis zum Unterleib. Die Gesellschaft hat sich den Expressionismus eingeführt, a = o = expr = Unterleib = hämorrhoidalsuppositorium.
Hahehe: Die expressionistischen Dichter dichten, weil die expressionistischen Nichtdichter nicht schweigen. Himmel Höll und Klotzkapöll – Dreifach lyrisches Gebröll – Däublerbrillatine sternt – Lichtschachtwerfel ganz entfernt – Becher erdrubinern lernt, dada.
[…]
(1919)
Aus: Johannes Theodor Baargeld: Lyrik und Prosa des Zentrodada. Steinmeier Verlag Nördlingen, 2001
Hans Sahl
(* 20. Mai 1902 in Dresden; † 27. April 1993 in Tübingen)
Die Letzten
Wir sind die Letzten.
Fragt uns aus.
Wir sind zuständig.
Wir tragen den Zettelkasten
mit den Steckbriefen unserer Freunde
wie einen Bauchladen vor uns her.
Forschungsinstitute bewerben sich
um Wäscherechnungen Verschollener,
Museen bewahren die Stichworte unserer Agonie
wie Reliquien unter Glas auf.
Wir, die wir unsre Zeit vertrödelten,
aus begreiflichen Gründen,
sind zu Trödlern des Unbegreiflichen geworden.
Unser Schicksal steht unter Denkmalschutz.
Unser bester Kunde ist das
schlechte Gewissen der Nachwelt.
Greift zu, bedient euch.
Wir sind die Letzten.
Fragt uns aus.
Wir sind zuständig.
Aus: Hans Sahl. Ein Leseheft. Luchterhand 2008
Else Lasker-Schüler
(geboren am 11. Februar 1869 in Elberfeld, heute Stadtteil von Wuppertal; gestorben am 22. Januar 1945 in Jerusalem)
AN MICH
Meine Dichtungen, deklamiert, verstimmen die Klaviatür meines Herzens. Wenn es noch Kinder wären, die auf meinen Reimen tastend meinetwegen klimperten. (Bitte nicht weitersagen!) Ich sitze noch heute sitzengeblieben auf der untersten Bank der Schulklasse, wie einst … Doch mit spätem versunkenem Herzen: 1000 und 2-jährig, dem Märchen über den Kopf gewachsen.
Ich schweife umher! Mein Kopf fliegt fort wie ein Vogel, liebe Mutter. Meine Freiheit soll mir niemand rauben,– sterb ich am Wegrand wo, liebe Mutter, kommst du und trägst mich hinauf zum blauen Himmel. Ich weiß, dich rührte mein einsames Schweben und das spielende Ticktack meines und meines teuren Kindes Herzen.
Aus: Else Lasker-Schüler, Sämtliche Gedichte. München: Kösel, 1984 (3. Aufl.) S. 215
Chaim Nachman Bialik
„(hebräisch חיים נחמן ביאליק, vereinzelt auch: Chaim Nachum Bialik; geboren 9. Januar 1873 im Dorf Radi, in der Nähe von Schitomir, Russisches Kaiserreich [heute Ukraine]; gestorben 4. Juli 1934 in Wien) war ein jüdischer Dichter, Autor und Journalist, der auf Hebräisch und Jiddisch schrieb. Er ist einer der einflussreichsten hebräischen Dichter und wird in Israel als Nationaldichter angesehen.“ Wikipedia
BIRG MICH UNTER DEINEN SCHWINGEN
BIRG mich unter deinen Schwingen!
Willst mir Mutter, Schwester sein?
Und dein Schoß mir Nest und Zuflucht
Flehender, verirrter Pein?
In des Dämmerns frommer Stunde
Offenbart mein Leiden sich.
Sagt man: In der Welt ist Jugend —
Wo ist meine Jugend, sprich?
Und noch ein Geheimnis höre!
Brannt’ mein Herz bis an den Grund!
Sagt man: In der Welt ist Liebe —
Was ist Liebe? — Tu’s mir kund!
Sterne haben mir gelogen,
Schwand auch dieser Traum des Lichts.
Und ist alles nun verzogen —
Blieb mir nichts. —
Birg mich unter deinen Schwingen!
Willst mir Mutter, Schwester sein?
Und dein Schoß mir Nest und Zuflucht
Flehender, verirrter Pein?
Aus: Chaim Nachman Bialik, Ausgewählte Gedichte. Deutsche Übertragung von Ernst Müller. Wien und Leipzig: Rowohlt, 1922, 2. Aufl., 4.-6. Tsd S. 125
Jehuda Halevi
(Jehuda ben Samuel ha-Levi, auch Juda(h) Halevi; Hebräisch: יהודה הלוי ; Judah ben Shmuel Halevi יהודה בן שמואל הלוי; Arabisch: Abu ‚l-Hasan ibn Alawi; يهوذا اللاوي; * um 1074 oder 1086 in Toledo oder Tudela; † 1141 im Königreich Jerusalem)
Sehnsucht nach Jerusalem
O Stadt der Welt, du, schön in holdem Prangen,
Aus fernem Westen sieh nach dir mich bangen.
Es wogt der Liebe Strom, denk‘ ich der Vorzeit
Des Tempels – wüst, der Pracht, die nun vergangen.
O hätt‘ ich Adlersflug, zu dir entflög‘ ich,
Bis deinen Staub ich netzt‘ mit feuchten Wangen.
Mich zieht’s zu dir, ob auch dein König fort,
Ob auch, wo Balsam troff, jetzt nisten Schlangen.
O könnt‘ ich küssen deinen Staub, die Scholle,
Wie Honig süss dem liebenden Verlangen!
Deutsch von Sachs, in: Der Poetische Orient … in metrischen Übersetzungen deutscher Dichter. 2., veränd. Aufl., Leipzig: Otto Wigand, 1856, S. 327
Die Mutter aller Liebesdichtung, die älteste Individuallyrik der Welt. Diese altägyptischen Gedichte wurden seit der 19. Dynastie (1320-1200 v.u.Z.) auf Papyrus oder Kalkstein aufgezeichnet. Sicher existierten sie da schon Jahrhunderte in mündlicher Überlieferung. Die ersten haben keine Vorbilder, sie müssen alles selber erfinden.
Der Granatbaum redet: "Meine Kerne sind wie ihre Zähne. Meine Früchte sind schön wie ihre Brüste. Meine Dauerhaftigkeit ist größer als die der anderen Bäume des Parks. Ich bin immer da. Dort tun es die Schwester und ihr Bruder. Sie ruhen unter meinen Zweigen. Sie sind trunken vom Wein und Most, durchtränkt von Öl und Salbe. Alle Bäume vergehen bis auf mich in meinem Feld. Ich verbringe zwölf Monate, Die anderen sterben, ich bleibe stehen. Fällt auch eine Blüte herab, neu löst sich eine Knospe aus mir. Ich, ich bin der Erste der Bäume. Aber man sieht mich als den zweiten an. Wenn wiederholt wird, was da getan wurde, aufs neue, werde ich nicht mehr schweigen ihretwegen. Ich werde sagen, was sie tun. Das Schlimme wird entdeckt, und die Liebende wird bestraft: Nicht mehr wird sie ihren Strauß wiederfinden von Lotosblüten und Knospen." "Mädchen, gib Opfergaben von Lotosknospen, Öl und Bier in der Art aller Leute. Der Baum wird dich einen schönen Tag verbringen lassen. Ein Pavillon von Rohr ist an geschützter Stelle –" "Sieh, der Baum, er hat sich aufgerichtet, wirklich. Laß uns ihm schmeicheln! Sieh zu, daß er den ganzen Tag verbringt, freundlich, und daß er seinen Schutz gewährt!"
Aus: Liebe sagen. Lyrik aus dem ägyptischen Altertum. Hrsg. Hannelore Kischkewitz. Leipzig: Reclam, 1973, S. 51-53
Sergej Jessenin
(russisch Сергей Александрович Есенин, wiss. Transliteration Sergej Aleksandrovič Esenin; * 21. September jul./ 3. Oktober 1895 greg. in Konstantinowo, Gouvernement Rjasan, Russisches Kaiserreich; † 28. Dezember 1925 in Leningrad)
Den Grobian verfolgt die Lust,
den Zärtlichen die Traurigkeit.
Ich brauche niemanden, gewiss,
und niemand tut mir leid.
O doch, mir selber ich ein bisschen,
armer, heimatloser Und.
Sieh da, das ist der Weg schnurstracks
zum Kiosk am Diamantengrund.
Was regt ihr euch auf, ihr Teufel?
Bin ich kein Kind von hier?
Keiner von uns, dem die Hose nicht
für einen Schluck Rum um die Knöchel fiel.
Mürrisch schau ich aus dem Loch,
im Herzen Schmerz und Langeweile.
Die Sonne glitzert frühlingswonnig
auf dem versumpften Weiher.
Sie wird schon fett und trocknet all
den Gatsch entlang der Straße.
Ein Junge steht da, welcher recht
zufrieden wirkt, er bohrt in der Nase.
Bohre, bohre, mein Junge!
Steck den Finger rein bis zum Knie.
Wund wenn du’s mit aller Kraft versuchst,
deine Seele erreichst du nie.
Ich mag nicht mehr. Ein Flaschenheer
steht vor mir. Wird es endlich langen?
Ich sammle die Korken, um
meine Seele einzufangen.
Deutsch von Ann Cotten, aus: Ann Cotten, Fast dumm. Essays von on the road. O.O., o.J. Fürth: starfruit, 2017, S. 224 f.
Грубым дается радость,
Нежным дается печаль.
Мне ничего не надо,
Мне никого не жаль.
Жаль мне себя немного,
Жалко бездомных собак.
Эта прямая дорога
Меня привела в кабак.
Что ж вы ругаетесь, дьяволы?
Или я не сын страны?
Каждый из нас закладывал
За рюмку свои штаны.
Мутно гляжу на окна,
В сердце тоска и зной.
Катится, в солнце измокнув,
Улица передо мной.
А на улице мальчик сопливый.
Воздух поджарен и сух.
Мальчик такой счастливый
И ковыряет в носу.
Ковыряй, ковыряй, мой милый,
Суй туда палец весь,
Только вот с эфтой силой
В душу свою не лезь.
Я уж готов… Я робкий…
Глянь на бутылок рать!
Я собираю пробки —
Душу мою затыкать.
1923
Engl. Transkription:
Grubym dayetsya radost‘,
Nezhnym dayetsya pechal‘.
Mne nichego ne nado,
Mne nikogo ne zhal‘.
Zhal‘ mne sebya nemnogo,
Zhalko bezdomnykh sobak.
Eta pryamaya doroga
Menya privela v kabak.
Chto zh vy rugayetes‘, d’yavoly?
Ili ya ne syn strany?
Kazhdyy iz nas zakladyval
Za ryumku svoi shtany.
Mutno glyazhu na okna,
V serdtse toska i znoy.
Katitsya, v solntse izmoknuv,
Ulitsa peredo mnoy.
A na ulitse mal’chik soplivyy.
Vozdukh podzharen i sukh.
Mal’chik takoy schastlivyy
I kovyryayet v nosu.
Kovyryay, kovyryay, moy milyy,
Suy tuda palets ves‘,
Tol’ko vot s eftoy siloy
V dushu svoyu ne lez‘.
YA uzh gotov… YA robkiy…
Glyan‘ na butylok rat‘!
YA sobirayu probki —
Dushu moyu zatykat‘.
Buch 5, 7: Asklepiades
Lampe, in deinem Beisein hat Herakleia dreimal geschworen
zu kommen, aber sie kommt nicht. Lampe, wenn du ein Gott bist,
dann zahl es der Lügnerin heim! Wenn sie da drinnen mit einem Liebsten
ihren Spaß hat, geh aus und leuchte ihr nicht mehr dabei.
Deutsch von Dirk Uwe Hansen. Aus: Anthologia Graeca I. Bücher 1 bis 5, S. Hiersemann Stuttgart, S. 94
Wilhelm Müller (* 7. Oktober 1794 in Dessau; † 1. Oktober 1827 ebenda)
Gute Nacht
Fremd bin ich eingezogen,
Fremd zieh‘ ich wieder aus.
Der Mai war mir gewogen
Mit manchem Blumenstrauß.
Das Mädchen sprach von Liebe,
Die Mutter gar von Eh‘ –
Nun ist die Welt so trübe,
Der Weg gehüllt in Schnee.
Ich kann zu meiner Reisen
Nicht wählen mit der Zeit:
Muß selbst den Weg mir weisen
In dieser Dunkelheit.
Es zieht ein Mondenschatten
Als mein Gefährte mit,
Und auf den weißen Matten
Such‘ ich des Wildes Tritt.
Was soll ich länger weilen,
Bis man mich trieb‘ hinaus?
Laß irre Hunde heulen
Vor ihres Herren Haus!
Die Liebe liebt das Wandern, –
Gott hat sie so gemacht –
Von Einem zu dem Andern –
Fein Liebchen, Gute Nacht!
Will dich im Traum nicht stören,
Wär‘ Schad‘ um deine Ruh‘,
Sollst meinen Tritt nicht hören –
Sacht, sacht die Thüre zu!
Ich schreibe nur im Gehen
An’s Thor noch gute Nacht,
Damit du mögest sehen,
Ich hab‘ an dich gedacht.
Aus dem Zyklus „Die Winterreise“
Rumi
(*30. September 1207, Balch, Afghanistan, † 17. Dezember 1273, Konya, Türkei)
Mit dir möcht‘ Worte ohne Zungen sprechen ich,
Möcht‘, was zu Ohren nie gedrungen, sprechen ich,
Nur dein Ohr soll vernehmen, was ich sag, soviel
Auch mag inmitt‘ von Alt und Jungen sprechen ich.
Handschrift Istanbul Esad, Blatt 320 b1
Deutsch von Annemarie Schimmel. Aus: Maulana Dschellaladdin Rumi: Aus dem Diwan. Stuttgart: Reclam, 2000, S. 36
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