Jenseits (der Bedeutung?)

Weiter über Übersetzen.

In einem Reclambändchen steht dieser Vierzeiler (Rubaiyat) von Rumi (1207-1273). Die Übersetzerin Annemarie Schimmel hat neben einer sechsbändigen Ausgabe des Diwan und einem weiteren Buch die Handschrift Istanbul Esad (2936 Blätter) benutzt, die „älteste[…] Vierzeilerhandschrift“.

Von Glauben und Unglaub‘ liegt jenseits ein Land,
Uns liegt eine Leidenschaft dort an dem Strand.
Der Wissende, der dorthin kommt, beugt sein Haupt,
Nicht Glaub‘ ist, nicht Unglaub‘, nicht Ort dort bekannt.

R 318 b 1

Aus: Maulana Dschelaladdin Rumi: Aus dem Diwan (UNESCO-Sammlung repräsentativer Werke, Asiatische Reihe). Aus dem Persischen übertragen und eingeleitet von Annemarie Schimmel. Stuttgart: Reclam, 2000 (zuerst 1964), S. 62

Einmal war ich am Grab in Konya in Anatolien, ein Wallfahrtsort, wo neben einem prächtigen Rumiband (den der schriftunkundige Westler zuerst für den Koran hält) auch eine Haarlocke des Dichters ausgestellt und von Menschenmassen belagert wird. In einer anderen Stadt, vor einer Moschee in einer früheren Karawanserei, verkaufte der Imam persönlich Bücher und Devotionalien, für mich zwei Hefte auf Englisch, er freute sich über die Anteilnahme und fragte mich ein wenig aus. Zufällig befindet sich in einem davon eine englische Fassung just dieses Vierzeilers, übersetzt vom Herausgeber der Broschüre, Talat Sait Halman (Love is all. Rumi’s life and poems of ecstasy. Istanbul 2011).

Beyond belief and faithlessness there lies the space
In whose heartland this love of ours has found its place:
It holds no room for religion and sacrilege –
That’s the ground where the man of wisdom rubs his face.

Man braucht vielleicht ein bisschen Phantasie, um zu erkennen, dass es sich um das gleiche Gedicht handelt. Hier noch einmal beide Fassungen parallel, die zweite nach dem englischen Text von mir in Prosa übersetzt:

Von Glauben und Unglaub‘ liegt jenseits ein Land,
Uns liegt eine Leidenschaft dort an dem Strand.
Der Wissende, der dorthin kommt, beugt sein Haupt,
Nicht Glaub‘ ist, nicht Unglaub‘, nicht Ort dort bekannt.

Jenseits von Glauben und Unglauben liegt die Gegend
in deren Kernland diese unsere Liebe ihren Platz gefunden hat:
In ihr ist kein Raum für Religion und Entweihung –
Das ist der Boden, auf dem der Weise sich das Gesicht reibt.

Ohne das Original zu kennen, meint man zu verstehen, dass die englische Fassung diesem näher sein wird. Es fällt auf, dass der Übersetzer ins Englische in den vier Zeilen fünf verschiedene Substantive für den Ort verwendet: space, heartland, place, room, ground. Wie Stäbe halten diese fünf Substantive das kurze Gedicht und den mystischen Inhalt fest im Griff. Ein starkes Gedicht (in der Nachdichtung Annemarie Schimmels war mir das nicht deutlich).

Der türkische Professor leitet das Zitat mit einem kurzen Satz und zwei weiteren Zeilen Rumis ein – aus dem Kontext scheint sich zu ergeben, dass diese zu dem unmittelbar vorhergehenden Vierzeiler gehören:

Er betont den Vorrang der Liebe vor formaler Religionsausübung:

Nur Narren loben und verherrlichen die Moschee
Während sie Herzen voll von Liebe und Glauben unterdrücken.

Dschalāl ad-Dīn Muhammad Rūmī, kurz Rūmī oder Rumi, persisch جلال الدین محمد بن شيخ بهاء الدين محمد بن حسين بلخى رومی, in Iran meist Maulawī (مولوی) genannt, geboren am 30. September 1207 entweder in Balch, heute Afghanistan, oder Wachsch, heute Tadschikistan, gestorben am 17. Dezember 1273 in Konya.

Hoffnung 1839

Mihály Vörösmarty

(* 1. Dezember 1800 in Kápolnásnyék/Pusztanyék; † 19. November 1855 in Pest)

In ein Gutenberg-Album

Wenn einst die Nacht sich erschöpft und der Trugträume Priester verschwinden
und das erstrahlende Licht Wahnwissenschaft nicht mehr zeugt;
wenn einst das Schwert der Gewalt den rohen Händen entgleitet
und der Dolch nicht den Tag heiligen Friedens befleckt;
wenn einst das darbende Volk und der völkeraussaugende Reiche
sich aus Teufel und Vieh zu einer Menschheit erhöhn;
wenn einst Erhellung fortschreitend von West aus nach Osten sich breitet
und den Verstand dann ein Herz adelt das opfern noch kann;
wenn einst zum Rat mit sich selbst des Erdenrunds Volk sich versammelt
und seine Stimme zum Schrei eint der den Himmel bestürmt,
daß dem Getöse dann donnernd das Wort GERECHTIGKEIT ausfährt
und sie, die so lang ersehnt, endlich der Himmel uns schickt:
Dieses erst wird ein Triumph sein, der deinem Namen gemäß ist,
dann erst stiftet die Welt dir ein dir würdiges Mal.

1839

Deutsch von Franz Fühmann, aus: Mihály Vörösmarty, Wenn einst die Nacht sich erschöpft. Gedichte und dramatische Lyrik. Nachdichtung von Franz Fühmann. Berlin: Rütten & Loening, 1982, S. 12f

Poetische Abgründe

Aus: ÜBER DICHTUNG: EINE RHAPSODIE

Hobbes zeigt, daß jede Kreatur
Im Krieg lebt – so wills die Natur.
Die Größern nach den Kleinern greifen,
Doch selten je nach ihresgleichen:
Dem Wal bescheidner Größe auch
Mästet ein Heringsschwarm den Bauch;
Mit Gänsen stopft der Fuchs sich voll,
Und tausend Lämmer reißt der Wolf.
Doch anders bei der Dichterrasse:
Da droht die niedrige der höheren Klasse.
Sitzt du auf des Parnassus Spitzen,
Beißt selten Du, wirst viel gebissen;
Ein jeder Dichter mindrer Größe
Wird kritisieren, schmähn Dich böse,
Wird Dich zu fleddern sich bemühn,
Wie andre über ihn herziehn.
Dieses Geschmeiß zwickt ränkevoll
Nur Feinde größer um ein Zoll.
Denn jeder Floh, sagt der Zoolog,
Dient kleinern Flöhn als Futtertrog,
Und wieder kleinern dienen diese –
Ad infinitum, die Devise.
Genauso wird der Dichter dann
Gebissen auch vom Hintermann,
Der, ist er auch fürs Aug zu klein,
Doch peinigen kann und giftig sein:
Schreit: Dummkopf, Tölpel, Hurensohn,
Der Schmierfink schreibt um Gossenlohn!
Verherrlicht Roms und Hellas‘ Meister,
Und schimpft die Neuern Reimekleister;
Wird, alten Barden gleich, beklagen,
Wie am Hungertuch Genies heut nagen:
Wie Ungeschmack bei uns regiert,
Der Ahnen Sang uns schwer blamiert;
Und schneidet plumpe Spottgesichter
Denen, die nicht geboren zum Dichter;
Will dreist die Brudernarrn verklopfen,
Da sie mit Dreck stündlich die Druckerei verstopfen.

Der poetische Abgrund

Nicht mehr und feinere Größengrade
Gibts zwischen Elefant und Made,
Als sich dem Forscher offenbart
Bei Kreaturn der Reimer-Art:
Von schlecht zu schlechter gehts hinunter –
Doch wo erreicht des Schlechten Grund er?
Wo Hoch wie Tief in allen Welten
Natürlich als unendlich gelten,
Kennt man der Poesie Zenith –
Nach unten nur gehts infinit.

Deutsch von Manfred Pfister aus: Englische Dichtung. Von Dryden bis Tennyson. (Englische und amerikanische Dichtung II). München: Beck, 2000, S. 93ff

From: ON POETRY. A RHAPSODY.

Hobbes clearly proves, that ev’ry creature
Lives in a state of war, by nature.
The greater for the smallest watch,
But meddle seldom with their match.
A whale, of mod’rate size, will draw
A shoal of herrings down his maw.
A fox with geese his belly crams,
A wolf destroys a thousand lambs.
But, search among the rhiming race,
The brave are worried by the base.
If on Parnassus‘ top you sit,
You rarely bite, are always bit.
Each poet of inferior size
On you shall rail and criticise;
And strive to tear you limb from limb,
While others do as much for him.
The vermin only teaze and pinch
Their foes superior by an inch.
So, nat’ralists observe, a flea
Hath smaller fleas that on him prey,
And these have smaller still to bite ‚em,
And so proceed ad infinitum.
Thus ev’ry poet, in his kind,
Is bit by him that comes behind;
Who, though too little to be seen,
Can tease, and gall, and give the spleen;
Call dunces fools, and sons of whores,
Lay Grub-street at each other’s doors;
Extol the Greek and Roman masters,
And curse our modern poetasters.
Complain, as many an ancient bard did,
How genius is no more rewarded;
How wrong a taste prevails among us;
How much our ancestors out-sung us;
Can personate an aukward scorn
For those who are not poets born;
And all their brother dunces lash,
Who croud the press with hourly trash.

[…]

In bulk there are not more degrees,
From elephants to mites in cheese,
Than what a curious eye may trace,
In creatures of the rhiming race.
From bad to worse, and worse they fall;
But who can reach the worst of all?
For though, in nature, depth and height
Are equally held infinite,
In poetry the height we know;
‚Tis only infinite below.

Das vollständige lange Gedicht hier

Frauenlob

Heinrich von Meißen, genannt Frauenlob

(* zwischen 1250 und 1260 in Meißen; † 29. November 1318 in Mainz)

Ein Gruß an sie! Sie nimmt sich meines Herzens an
und ist in meinem Glücksprojekt zugleich der schönste Gast:
Ist immer wieder da
mit neuen, prickelnden Ideen,
kurz: Freude über Freude bringt sie mir.
Was eine Frau! So viel verdank ich ihr,
all meine Sinne hat sie ganz und gar erfasst
mit ihrer großen,
unglaublich tief schürfenden Liebe.
Ich fühl mich neben ihr so klein,
wie ohne Kraft,
sie hat es echt geschafft –
ich gratuliere mir
zu ihrer echten, süßen, sanften Meisterschaft.

Nur zu, so wundert euch, dass eine Frau
mich derart überwinden kann. Ja, Liebe, ich muss klagen.
Mein falsches Denken
macht mir den eigenen Verstand zunichte,
und so hat sie mich wie von selbst besiegt.
Ich seh, wie alles nun in ihren Augen liegt:
mein Sterben und mein Auferstehn vom Tode,
mein Hoffen,
mein sanfter Trost und all mein Wünschen,
ach liebe, liebe Liebe!
Ich staune bloß,
bin willenlos,
kein Funke mehr Vernunft –
doch weil ich weiß, sie ist mir gut, freut mich mein Los.

Wenn ich alleine mit mir bin,
dann frag ich mich sogleich, wo denn die Schönste ist.
Mein Geist sagt mir: »Sie ist ganz tief
bei uns hier innen drin. Und hüte gut,
was du da hast, die wunderbare Gabe.
Verdirb dir nicht das Glück durch dein Gehabe.«
Ich denk: Wenn sie, die Wunderbare, nahe ist.
dann lass uns doch ein wenig plaudern,
das wäre Trost für meine Augen.
Schon rufen diese: »Nein! Gehört ja gar nicht dir!«
Das trifft mich sehr,
sodass ich schwör
und drohe meinen Sinnen:
Wenn sie einst mein ist, mach ich uns das Leben schwer.

Freund Geist, ich seh mein absolutes Glück,
ganz Engel und ganz Frau. Wünsch mir Erfolg, Erfolg,
Freund Geist, und wissen müsstest du,
dass sie durch bloßes Dasein meinen Augen
schon tausend Glücksgefühle hat gegeben.
Wie kämst du ohne sie durchs Leben?
Wie ohne die Zarte, Angenehme? Es darf und soll,
wer das gern will, sie sehen.
Sie hat so viel der schönsten Schönheit,
dass uns genügend davon bleibt.
»Du siehst sie zwar
mit Haut und Haar«,
mischt sich mein Geist gleich ein,
»doch sie gehört zum Großteil uns, der Ehrenschar.«

Ich will sie mir mit niemand teilen,
die reine, wunderbare, liebe, edle Seele.
»Gib’s auf, mein Freund,
die Augen sind ganz weit geöffnet,
und durch sie führt ein Weg hinein,
den geht sie für uns ganz allein.«
Ist das denn wahr, dass meine Augen mir die Frau wegstehlen?
»Ja, ohne Frage.«
Wer hilft mir dann, um sie zu kämpfen?
»Kein Mensch, lass deine Tollheit sein.«
So muss ich wohl von ihr
mir Hilfe holen hier,
damit ich siege.
»Nicht doch! Das tut sie nicht, entzogen haben wir sie dir.«

Übertragung: Axel Sanjose

Aus: Unmögliche Liebe. Die Kunst des Minnesangs in neuen Übertragungen. Hrsf. Tristan Marquardt und Jan Wagner. München: Hanser, 2017, S. 219ff

Nebel auf dem Feld (und der Übersetzung)

Mit den Übersetzungen ist es so eine Sache. Manchmal ist ein Gedicht lesbar, oder zumindest interessant, so lange man das Original nicht kennt. Hier ein Gedicht, das 1915 in der Zeitschrift „Die Aktion“ stand. Es gibt noch eine Übersetzung von Johannes von Günther, die ich nicht zur Hand habe. Unter dem Originaltext die automatische Übersetzung von Google

Alexander Blok

(28. November 1880 St. Petersburg – 7. August 1921 Petrograd)

Ich erwache

Ich erwache – und Nebel liegt auf dem Feld,
Von meiner Warte blicke ich auf die Sonne hin.
Von keinem Wunsche ist mein Erwachen umstellt,
Wie das Mädchen, dem ich gehorsam bin.

Als ich über die Straße ging in sinkender Helle,
Sah ich ein Flämmchen blinken auf der Fensterbank
Ein rosenrotes Mädchen stand auf ihrer Schwelle,
Und sie sagte mir: Du bist so schön und so schlank.

Lieben Leute, das ist die ganze Sache,
Es ist wirklich nichts besondres, was ich will,
Kein Wunder, darüber ich mir Gedanken mache,
Vergeßt es nur, und seid alle ganz still …

Deutsch von Reinhold von Walter
Aus: Die Aktion 23. Oktober 1915, Spalte 534

Просыпаюсь я – и в поле туманно,
Но с моей вышки – на солнце укажу.
И пробуждение мое безжеланно,
Как девушка, которой я служу.

Когда я в сумерки проходил по дороге,
Заприметился в окошке красный огонек.
Розовая девушка встала на пороге
И сказала мне, что я красив и высок.

В этом вся моя сказка, добрые люди.
Мне больше не надо от вас ничего:
Я никогда не мечтал о чуде –
И вы успокойтесь – и забудьте про него.

Googleübersetzung:

Ich wache auf – und es ist neblig auf dem Feld,
Aber von meinem Turm* aus – ich werde auf die Sonne hinweisen. | * auch: Hochstand
Und mein Erwachen ist unerwünscht* | * vielleicht besser: wunschlos?
Wie das Mädchen, dem ich diene.

Als ich in der Abenddämmerung die Straße entlangging
Ein rotes Licht wurde im Fenster bemerkt.
Das* rosa Mädchen stand auf der Schwelle | * oder: Ein
Und sie sagte mir, dass ich gut aussehend und groß bin.

Das ist meine ganze Geschichte, liebe Leute.
Ich brauche sonst nichts von euch:
Ich habe nie von einem Wunder geträumt –
Und ihr beruhigt euch – und vergesst es.

Rondeau

Barbara Köhler

Rondeau Allemagne

Ich harre aus im Land und geh, ihm fremd,
Mit einer Liebe, die mich über Grenzen treibt,
Zwischen den Himmeln. Sehe jeder, wo er bleibt;
Ich harre aus im Land und geh ihm fremd.

Mit einer Liebe, die mich über Grenzen treibt,
Will ich die Übereinkünfte verletzen
Und lachen, reiß ich mir das Herz in Fetzen
Mit jener Liebe, die mich über Grenzen treibt.

Zwischen den Himmeln sehe jeder, wo er bleibt:
Ein blutig Lappen wird gehißt, das Luftschiff fällt.
Kein Land in Sicht; vielleicht ein Seil, das hält
Zwischen den Himmeln. Sehe jeder, wo er bleibt.

Aus: Ein Molotow-Cocktail auf fremder Bettkante. Lyrik der siebziger/achtziger Jahre von Dichtern aus der DDR. Ein Lesebuch. Hrsg. Peter Geist. Leipzig: Reclam, 1991, S. 62

Flüchtling

Manfred Winkler

Der Flüchtling 1938

Ein Land zwischen zwei Grenzen,
Niemandsland,
und manchmal ein Herz dort,
das niemand will.
Ein Herz,
aus allen Grenzen verbannt,
ohne ruhigen Hort,
ohne ein gutes Wort,
wandernd in einem fort
von Niemandsland zu Niemandsland.

Quelle: Tief pflügt das Leben. Gedichte. Bukarest 1956.
In: Blaueule Leid. Bukowina 1940-1944, Hrsg. Bernhard Albers. Aachen: Rimbaud, 2003, S. 36

Kehlkopf

Eduard Mörike
(* 8. September 1804 in Ludwigsburg, Württemberg; † 4. Juni 1875 in Stuttgart)

Der Kehlkopf

Der Kehlkopf, der im hohlen Bom
Als Weidenschnuppe uns ergötzt,
Dem kam man endlich auf das Trom,
Und hat ihn säuberlich zerbäzt,
Man kam von hinten angestiegen,
Drauf ward er vorne ausgezwiegen.

Aus: Wispeliaden

Deutsche Phantasie

Georg Herwegh

(* 31. Mai 1817 in Stuttgart; † 7. April 1875 in Lichtental)

Mein Deutschland, strecke die Glieder

Mein Deutschland, strecke die Glieder
ins alte Bett, so warm und weich;
Die Augen fallen dir nieder,
du schläfriges deutsches Reich.

Hast lange geschrien dich heiser –
nun schenke dir Gott die ewige Ruh!
Dich spitzt ein deutscher Kaiser
pyramidalisch zu.

O Freiheit, die wir meinen,
o deutscher Kaiser, sei gegrüßt!
Wir haben auch nicht einen
Zaunkönig eingebüßt.

Sie sind uns alle verblieben;
und als wir nach dem Sturm gezählt
Die Häupter unsrer Lieben,
kein einziges hat gefehlt.

Deutschland nimmt nur die Hüte
den Königen ab, das genügt ihm schon;
Der Deutsche macht in Güte
die Revolution.

Die Professoren reißen
uns weder Thron noch Altar ein;
Auch ist der Stein der Weisen
kein deutscher Pflasterstein.

Wir haben, was wir brauchen;
gesegnet sei der Völkerlenz!
Wir dürfen auch ferner rauchen
in unsrer Residenz.

Wir haben Wrangels Säbel,
Berlin und seinen Wolkensteg;
Das Maultier sucht im Nebel
noch immer seinen Weg.

Wie freun sich die Eunuchen!
Die bilden jetzo den ersten Stand,
Der Welcker frißt die Kuchen
den Königen aus der Hand.

Du hältst dir einen Gesandten,
Deutschland, im Stillen Ozean
Und fühlest den Elefanten
in Indien auf den Zahn.

Die Fragen sind erledigt,
die Pfaffen machen bim bam bum;
Den Armen wird gepredigt
das Evangelium.

Wir bauen dem lieben Gotte
den hohen Dom zu Cöllen aus
Und geben eine Flotte
auf Subskription heraus.

Die schwarz-rot-goldnen Wimpel
besorgt der Jakob Venedey,
Als Wappen nahm er den Gimpel,
sein eignes Konterfei.

Fünfhundert Narrenschellen
zu Frankfurt spielen die Melodie:
Das Schiff streicht durch die Wellen
der deutschen Phantasie.

(1849)

Vom Ende

Alttoskanisch

Des Seemanns Ende ist, im Meer zu sterben,
Der Dieb wird einmal doch am Galgen enden,
Der Ausgang einer Brüderschaft ist Streit,
Des Kaufmanns Glück beendet der Bankrott –
Das Ende zweier treuer Liebender ist Auseinandergehen
Mit Seufzern und mit Tränen.

Aus: Alttoskanische Liebeslieder. Ausgewählt und frei ins Deutsche übertragen von Annemare Sibbers. Leipzig: Max Möhring, o.J. (1935?), S. 27

Aus: Neues Macondo

Alex Galper

Anführer der Aufständischen

Wenn in einem Monat
Macondo von der Nachricht erfährt
Dass ein Bürgerkrieg ausgebrochen ist
Steig vom fliegenden Teppich ab
Hör auf, nach dem Philosophenstein zu suchen
Erschieße den levitierenden Priester
Und gehe in den Wald zu den Aufständischen
In einigen Jahren wird man dich zurück
In die Heimatstadt bringen – zum Erschießen
Man wird dich an die Friedhofsmauer stellen
Und bevor das Kommando „Feuer“ ertönt
Wirst du sehen, wie dir ein Mädchen zuwinkt
In das du als Kind verliebt warst
Jetzt wohnt sie mit ihrem Mann im Nachbarhaus
Dessen Fenster auf den Friedhof blicken
Und singt ihrem Baby ein Wiegenlied vor.
Du winkst ihr zu
Und sie winkt dir zurück.

Aus dem Russischen von Natalia Maximova
In: Abwärts! 34, Oktober 2019, S. 39

In lieblicher Bläue

Ich suchte ein Gedicht Wilhelm Waiblingers, der am 21. November 1804 in Heilbronn geboren wurde, aber es war nichts zu brauchen. Auch das Gedicht „An Hölderlin“ nicht, mit seinen „Jammerheiliger, irren Auge, Jugendschönheit, Kinderherzens und Gartenhäuschen“ („komm, es wartet dein“). In einer langen Fußnote bringt er sich als Kenner ins Gespräch und kündigt an, bald eine „umständlichere Darstellung“ seines, Hölderlins, jetzigen Zustands folgen zu lassen. In der Fußnote erwähnt er, dass Hölderlin ihm Gedichte vorgelesen habe, „freilich in einem fürchterlichen Stil“. (Na na, ich hab gerade eine halbe Stunde deine Gedichte gelesen!). Aber immerhin verdanken wir Waiblinger ein paar Fragmente aus der Zeit im Tübinger Turm, die Waiblinger in seine Romanbiografie „Phaeton“ einrückt. Ein paar lesenwerte Seiten in dem Buch, das sich sonst wie eine schlechte Parodie auf „Hyperion“ liest.

Friedrich Hölderlin: Phaetonsegmente

I

In lieblicher Bläue blühet mit dem metallenen Dache der Kirchthurm. Den umschwebet Geschrey der Schwalben, den umgiebt die rührendste Bläue. Die Sonne gehet hoch darüber und färbet das Blech, im Winde aber oben stille krähet die Fahne. Wenn einer unter der Glocke dann herabgeht, jene Treppen, ein stilles Leben ist es, weil, wenn abgesondert so sehr die Gestalt ist, die Bildsamkeit herauskommt dann des Menschen. Die Fenster, daraus die Glocken tönen, sind wie Thore an Schönheit. Nämlich, weil noch der Natur nach sind die Thore, haben diese die Ähnlichkeit von Bäumen des Walds. Reinheit aber ist auch Schönheit. Innen aus Verschiedenem entsteht ein ernster Geist. So sehr einfältig aber die Bilder, so sehr heilig sind die, daß man wirklich oft fürchtet, die zu beschreiben. Die Himmlischen aber, die immer gut sind, alles zumal, wie Reiche, haben diese, Tugend und Freude. Der Mensch darf das nachahmen. Darf, wenn lauter Mühe das Leben, ein Mensch aufschauen und sagen: so will ich auch seyn? Ja. So lange die Freundlichkeit noch am Herzen, die Reine, dauert, misset nicht unglücklich der Mensch sich mit der Gottheit. Ist unbekannt Gott? Ist er offenbar wie die Himmel? dieses glaub’ ich eher. Des Menschen Maaß ist’s. Voll Verdienst, doch dichterisch, wohnet der Mensch auf dieser Erde. Doch reiner ist nicht der Schatten der Nacht mit den Sternen, wenn ich so sagen könnte, als der Mensch, der heißet ein Bild der Gottheit.

II

Giebt auf Erden ein Maaß? Es giebt keines. Nämlich es hemmen den Donnergang nie die Welten des Schöpfers. Auch eine Blume ist schön, weil sie blühet unter der Sonne. Es findet das Aug’ oft im Leben Wesen, die viel schöner noch zu nennen wären als die Blumen. O! ich weiß das wohl! Denn zu bluten an Gestalt und Herz, und ganz nicht mehr zu seyn, gefällt das Gott ? Die Seele aber, wie ich glaube, muß rein bleiben, sonst reicht an das Mächtige auf Fittigen der Adler mit lobendem Gesange und der Stimme so vieler Vögel. Es ist die Wesenheit, die Gestalt ist’s. Du schönes Bächlein, du scheinest rührend, indem du rollest so klar, wie das Auge der Gottheit, durch die Milchstraße. Ich kenne dich wohl, aber Thränen quillen aus dem Auge. Ein heiteres Leben seh’ ich in den Gestalten mich umblühen der Schöpfung, weil ich es nicht unbillig vergleiche den einsamen Tauben auf dem Kirchhof. Das Lachen aber scheint mich zu grämen der Menschen, nämlich ich hab’ ein Herz. Möcht’ ich ein Komet seyn? Ich glaube. Denn sie haben Schnelligkeit der Vögel; sie blühen an Feuer, und sind wie Kinder an Reinheit. Größeres zu wünschen, kann nicht des Menschen Natur sich vermessen. Der Tugend Heiterkeit verdient auch gelobt zu werden vom ernsten Geiste, der zwischen den drei Säulen wehet des Gartens. Eine schöne Jungfrau muß das Haupt umkränzen mit Myrthenblumen, weil sie einfach ist ihrem Wesen nach und ihrem Gefühl. Myrthen aber giebt es in Griechenland.

III

Wenn einer in den Spiegel siehet, ein Mann, und siehet darinn sein Bild, wie abgemahlt; es gleicht dem Manne. Augen hat des Menschen Bild, hingegen Licht der Mond. Der König Ödipus hat ein Auge zuviel vielleicht. Diese Leiden dieses Mannes, sie scheinen unbeschreiblich, unaussprechlich, unausdrücklich. Wenn das Schauspiel ein solches darstellt, kommt’s daher. Wie ist mir’s aber, gedenk’ ich deiner jetzt? Wie Bäche reißt des Ende von Etwas mich dahin, welches sich wie Asien ausdehnet. Natürlich dieses Leiden, das hat Ödipus. Natürlich ist’s darum. Hat auch Herkules gelitten? Wohl. Die Dioskuren in ihrer Freundschaft haben die nicht Leiden auch getragen? Nämlich wie Herkules mit Gott zu streiten, das ist Leiden. Und die Unsterblichkeit im Neide dieses Lebens, diese zu theilen, ist ein Leiden auch. Doch das ist auch ein Leiden, wenn mit Sommerflecken ist bedeckt ein Mensch, mit manchen Flecken ganz überdeckt zu seyn! Das thut die schöne Sonne: nämlich die ziehet alles auf. Die Jünglinge führt die Bahn sie mit Reizen ihrer Strahlen wie mit Rosen. Die Leiden scheinen so, die Ödipus getragen, als wie ein armer Mann klagt, daß ihm etwas fehle. Sohn Laios, armer Fremdling in Griechenland! Leben ist Tod, und Tod ist auch ein Leben.

Waiblinger kommentiert: „Hier sind einige Blaͤtter aus seinen Papieren, die zugleich einen tiefen Blick in den schrecklichen Zustand seines verwirrten Gemüthes geben. Jm Original sind sie abgetheilt, wie Verse, nach Pindarischer Weise.“

Gieriges Schmieriges, Kleinliches Peinliches

Sinaida Hippius

(auch Gippius, russisch: Зинаида Николаевна Гиппиус; * 8. November jul./ 20. November 1869 greg. in Beljow bei Tula; † 9. September 1945 in Paris)

Alles um uns

Schreckliches, Grausames, Häßliches, Gieriges,
Stumpfes, Gefühlloses, Schmutziges, Schmieriges,
Langsam Zermürbendes, Ehrloses, Kleinliches,
Schlüpfriges, Schändliches, Elendes, Peinliches.
Rachsüchtig-Neidisches, Lüsternes, Niedriges,
Geiziges, Tückisches, Heimliches, Widriges,
Enges, Verkrampftes, Bedrückendes, Dumpfiges,
Feiges, Unwürdiges, Schlammiges, Sumpfiges.
Sklavisches, Dienendes, Kriechendes, Beugendes,
Starres, Unfehlbares, hartnäckig Leugnendes,
Ängstlich sich Drückendes, träge Beharrendes,
Muffiges, Schläfriges, Welkes, Erstarrendes,
Eitles, Verlogenes, ganz Unerträgliches,
Dummes, Gemeines ... und Klägliches, Klägliches!

  Doch schweigen wir lieber - was nützet die Klage?
  Wir wissen es kommen einst bessere Tage.
'
1904

Deutsch von Rudolf Plank. Aus: Russische Lyrik. Gedichte aus drei Jahrhunderten. Ausgewählt und eingeleitet von Efim Etkind. München, Zürich: Piper, 1987, S. 215
Die Übersetzung zuerst in: Rudolf Plank, Russische Dichtung. Ein Querschnitt und Übertragungen. Karlsruhe: Müller, 1946

Зинаида Гиппиус

ВСЁ КРУГОМ

Страшное, грубое, липкое, грязное,
Жестко-тупое, всегда безобразное,
Медленно рвущее, мелко-нечестное,
Скользкое, стыдное, низкое, тесное,
Явно довольное, тайно-блудливое,
Плоско-смешное и тошно-трусливое,
Вязко, болотно и тинно застойное,
Жизни и смерти равно недостойное,
Рабское, хамское, гнойное, черное,
Изредка серое, в сером упорное,
Вечно лежачее, дьявольски косное,
Глупое, сохлое, сонное, злостное,
Трупно-холодное, жалко-ничтожное,
Непереносное, ложное, ложное!

  Но жалоб не надо; что радости в плаче?
  Мы знаем, мы знаем: всё будет иначе.

 

Transkription (Google):

VSO KRUGOM

Strashnoye, gruboye, lipkoye, gryaznoye,
Zhestko-tupoye, vsegda bezobraznoye,
Medlenno rvushcheye, melko-nechestnoye,
Skol’zkoye, stydnoye, nizkoye, tesnoye,
Yavno dovol’noye, tayno-bludlivoye,
Plosko-smeshnoye i toshno-truslivoye,
Vyazko, bolotno i tinno zastoynoye,
Zhizni i smerti ravno nedostoynoye,
Rabskoye, khamskoye, gnoynoye, chernoye,
Izredka seroye, v serom upornoye,
Vechno lezhacheye, d’yavol’ski kosnoye,
Glupoye, sokhloye, sonnoye, zlostnoye,
Trupno-kholodnoye, zhalko-nichtozhnoye,
Neperenosnoye, lozhnoye, lozhnoye!

No zhalob ne nado; chto radosti v plache?
My znayem, my znayem: vso budet inache.

Automatische Googleübersetzung:

ALLES RUND UM

Unheimlich, unhöflich, klebrig, schmutzig,
Hartnäckig, immer hässlich,
Langsam zerreißend, kleinlich unehrlich
Rutschig, beschämend, niedrig, eng,
Ausdrücklich zufrieden, heimlich lasziv,
Witzig und krankhaft feige
Zähflüssig, sumpfig und schlammig stehend,
Leben und Tod sind gleichermaßen unwürdig,
Sklave, grob, eitrig, schwarz,
Gelegentlich grau, hartnäckig in grau,
Für immer liegend, teuflisch träge,
Dumm, trocken, schläfrig, bösartig,
Leichenkalt, erbärmlich unbedeutend,
Unmöglich, falsch, falsch!

Aber keine Beschwerden; Was für Freuden beim Weinen?
Wir wissen, wir wissen: Alles wird anders sein.

Treue

L. Marco [Martha Lasker]

(* 19. November 1867 in Berlin als Martha Bamberger; † 18. Oktober 1942 in Chicago)

Treue

Am rauschenden Nordseestrande,
Da ward die Bekanntschaft gemacht,
Da haben die beiden im Sande
Geplaudert, gescherzt und gelacht.
Sie sprachen von allem auf Erden
Und – von der Sonne Licht,
Sie sprachen von ihrer Liebe,
Doch von der – Ehe nicht.

Erst in der Abschiedsstunde,
Da hat sies ihm erzählt
Voll Mut zum ersten Male:
Sie sei – bereits vermählt.
Da küßt er sie so innig
Nach alter Minne Brauch
Und flüstert unbefangen:
»Mein Schatz – ich bin es auch!«

Aus: Richard Zoozmann: Unartige Musenkinder. Leipzig: Hesse & Becker, o.J. (Die erste Ausgabe erschien 1900)

Fremdgierigkeit

Confusius von Ollapotrida.

I.
Reverirte Dame,
Phoenix meiner ame,
Gebt mir audientz:
Euer Gunst meriten,
Machen zu falliten
Meine patientz.

II.
Ach ich admirire,
Vnd considerire,
Eure violentz,
Wie die Liebesflamme
Mich brennt/ sonder blasme,
Gleich der Pestilentz.

III.
Jhr seyd sehr capable,
Jch bin peu valable
Jn der eloquentz:
Aber mein serviren
Pflegt zu dependiren,
Von der influentz.

IV.
Meine Larmes müssen
Von den jouen flüssen
Nach der Singcadentz;
Wie der Rhein couliret,
Vnd sich degorgiret,
Nechst bey Cobelentz.

V.
Solche amartume
Macht Neptuno rühme
Jn oceans Grentz‘ /
Komt ihr Flußnajaden
Vnd ihr Meertriaden /
Schaut die consequentz.

VI.
Belle, werd ihr lieben/
Vnd nicht mehr betrüben
Eure conscientz,
Werdt ihr rejouiren,
Die im Meer versiren,
Nach der aperentz.

VII,
Die coquilles tragen
Werden tandem fragen
Nach der excellentz,
So die saliteten
adulciret hätten/
Durch die abstinentz.

VIII.
Abstinentz von hassen /
Vnd sich lieben lassen
Sonder insolentz,
Kan das Meer versüssen.
Bis zu euren Füssen
Macht Euch reverentz.

Aus: ˜Derœ Teutsche Palmenbaum: Das ist, Lobschrift Von der Hochlöblichen, Fruchtbringenden Gesellschaft : Anfang, Satzungen, Vorhaben, Namen, Sprüchen, Gemählen, Schriften und unverwelklichem Tugendruhm. Allen Liebhabern der Teutschen Sprache zu dienlicher Nachrichtung, verfasset durch den Unverdrossenen. Nürnberg 1647, S. 129f

(Aus diesem Buch stammt auch das Wort Fremdgierigkeit)

Worterklärungen

I: Reverirte: Verehrte;  ame: Seele. meriten: Vorzüge. falliten: bankrott, patientz: Geduld.

II: admirire: bewundere, considerire: betrachte, erwäge, violentz: Heftigkeit. blasme: wohl Tadel,

III: capable: fähig, peu valable: wenig tauglich, eloquentz: Beredsamkeit, serviren: dienen, dependiren: abhängen, influentz: Einfluß.

IV: Larmes: Tränen, jouen: Wangen, couliret: fließt. degorgiret: überfließt

V: amartume: Bitterkeit,  rühme: frz. rhume, Rheumatismus.

VI: Belle:.Schöne, conscientz: Gewissen, rejouiren: erfreuen, versiren: sich tummeln, aperentz: Aussehen, Anschein

VII: coquilles: Muschelschalen, tandem: schließlich, saliteten: Salzigkeiten? vielleicht Bitternisse? Fremdwortgebrauch besteht ja darin, dass man es nicht genau weiß / gebraucht, adulciret: versüßt

VIII: insolentz: Unverschämtheit, Überheblichkeit, reverentz: Huldigung