In den über 100 Jahren sind etliche dieser Gedichte, die einmal befremdeten, zu Publikumslieblingen avanziert. Unsere Expressionismus-Anthologie 2020 versucht auch weniger Bekanntes zu bringen, aber die Ohrwürmer dürfen nicht ganz fehlen. Die Sammlung begann mit van Hoddis‘ Weltende, das war so einer, aber als ich die Anthologie zuerst las, 1968, erinnerte mich der Titel an ein Gedicht, das ich schon kannte, weil es in einem Schullesebuch „Aus deutscher Dichtung“ stand. „Weltende“ von Else Lasker-Schüler steht nicht in der Menschheitsdämmerung, aber für mich war es dabei, sicher das erste mir bekannte Gedicht dieser Art. Dieser Art? „Mein Herr, halten Sie das für ein expressionistisches Gedicht?“ Wen kümmerts? War Kafka Expressionist? Trakl? Zumindest diese beiden konnte man damit jagen, dazu gehören wollten sie nicht. Wenn Stramm Expressionismus, ist es dann Werfel? Welches von den folgenden Fragmenten ist expressionistisch?
1
Ein Veilchen fiel
Mir plötzlich wie ein blauer Stern zu Füßen.
Ich trug es in den goldnen Abend hin.
2
Mund Ohr Auge verhüllet
Schlaf Traum Erde der Wind.
Gelblich träger Würmer
Enggewundener Gang.
Pochen rollender Stürme.
Wimpern blutrot lang.
3
Die Uhren schlagen sieben. Nun gehen überall in der Stadt die Geschäfte aus.
Aus schon dunkelnden Hausfluren, durch enge Winkelhöfe aus protzigen Hallen drängen die Verkäuferinnen heraus.
4
Freund,
wenn du lächelst,
lächelt mein Herz,
und die Freude hebt ihre Fackel,
unsere Straße ist ein lächelnder Tag!
5
O Herr, zerreiße mich!
Ich bin ja noch ein Kind.
Und wage doch zu singen.
Und nenne Dich.
Und sage von den Dingen:
Wir sind!
6
Es spielt der Wind mit vielen tausend nassen Blättern,
Und alle winken immer wieder anderm Wind,
Und Waldeswalzer höre ich im Schatten schmettern.
7
Augen tauschen blaken sinken
Flüstern plätschert
Blüten gehren
Düfte spritzen
Schauer stürzen
8
Sein reines Antlitz in der weißen Klarheit
Des Irrtums grauenvolle Spur verließ.
Sie haben ihn gemordet, Geist der Wahrheit,
Trost der Armen von Paris.
9
Und die Blumen des Sommers, die schön im Winde läuten.
Schon dämmert die Stirne dem sinnenden Menschen.
Und es leuchtet ein Lämpchen, das Gute, in seinem Herzen
Und der Frieden des Mahls; denn geheiligt ist Brot und Wein.
10
Eine Wolke nur stand in den Weiten noch lange,
Ehe die Nacht begann in dem ewigen Raum,
Purpurn schwebend im All, wie mit schönem Gesange
Über den klingenden Gründen der Seele ein Traum.
11
Ich habe immer vor dem Rauschen meines Herzens gelegen,
Nie den Morgen gesehen,
Nie Gott gesucht.
Nun aber wandle ich um meines Kindes
Goldgelichtete Glieder
Und suche Gott.
12
Arbeiter! Dich an Rad, Drehbank, Hammer, Beil, Pflug geschmiedeten
Lichtlosen Prometheus rufe ich auf!
Dich mit der rauhen Stimme, dem groben Maul.
Die Auflösung steht unten. Zuerst aber Else Lasker-Schüler.
Weltende
Es ist ein Weinen in der Welt,
als ob der liebe Gott gestorben wär,
und der bleierne Schatten, der niederfällt,
lastet grabesschwer.
Komm, wir wollen uns näher verbergen …
Das Leben liegt in aller Herzen
wie in Särgen.
Du, wir wollen uns tief küssen …
Es pocht eine Sehnsucht an die Welt,
an der wir sterben müssen.
————————————- Weiterlesen
Ernst Blass
(* 17. Oktober 1890 in Berlin; † 23. Januar 1939 in Berlin)
Pause
Wir nahmen diese farbigen Getränke
Des Nachts in einer tanzerfüllten Bar –
Geschliffene Gläser, Kniee, Handgelenke,
Es ist kein Zweifel, daß das wirklich war.
Wir hörten ja auch all die Gassenhauer,
Erhitzte Rufe, sahen helle Mienen,
Und alles dies ist uns nicht fremd erschienen,
Wir saßen still, und nichts lag auf der Lauer.
Merkwürdig war sie dennoch, diese Pause,
Da nichts geschehen ist und nichts gediehn.
Fast ohne Möglichkeit, mir zu entfliehn,
Bin ich nun wieder, wie man sagt, »zu Hause«.
Wo sind wir, als wir tranken, nur geblieben?
Ich möcht es wissen, doch ich weiß nicht was.
An meinem Schreibtisch sitze ich vertrieben
Und dichte wieder Fragen als Ernst Blass.
1925
Erschienen in „Der Querschnitt“ 5, 1925, 779. Auch in: Versensporn 28: Ernst Blass. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2017, S. 31
Am 22. Januar 1945, heute vor 75 Jahren, starben zwei Dichter der „Menschheitsdämmerung“:: Alfred Wolfenstein in Paris und Else Lasker-Schüler in Jerusalem. Heute ein Gedicht von Wolfenstein aus der „Symphonie jüngster Dichtung“ 1920.
ALFRED WOLFENSTEIN
CHOR
Faßt eure Finger: Fühlet euch denken,
Tupfend wie Geigen, nervige Singer,
Aber vom Herzen aufpulsen Pauken,
Dumpfere Ringer um euer Glück.
Wünscht nicht zu stehen, hörend zu schmelzen
Formet mit Füßen bergiges Gehen,
Kämpfend entgegenatmet die Erde,
Wild bleibt ihr Wehen in euch zurück.
Sterniges Kühlen, Glühen der Seele,
Einsamkeit, Liebe, — o beides fühlen!
Gehende Stimme geht auf zu Stimmen,
Freunde umwühlen Wüste in Glück.
Nach dem II. Satz der Adur-Symphonie
Hier ein Link zur Menschheitsdämmerung
Ludwig Meidner
Aus: Mondsichelgesang
Der Maurer braucht die Backsteine und der Dichter die trillernden Vokale. Auf großen, weißen Zetteln habe ich mir meine Backsteine angehäuft. Das Lexikon lieh mir seine Wortfülle. Nun wühl ich blindlings in den Worten. Ich nehme sie in den Mund und sie kriegen einen wunderbaren Sinn. Ich halte sie heiß in meinen Händen. Sie schütteln den Schlaf ab, strahlen neu und unerhört.
Man muß alle Gedanken verscheuchen, wenn man dichtet. Greif nach der Stubendecke. Zieh die Schublade deines inneren Wesens auf. Von da kommen deine Wunder.
Du mußt sie auch aus den Hosentaschen herausholen, aus den Schnurrbarthaaren reißen, von deiner Glatze herunterkratzen.
O, meine gebenedeiten Eingebungen in dieser Nacht. Und ihr zahllosen, fortrollenden Nächte mit fiebernder Wortmusik und ganz unirdischer Leichtigkeit des Leibes.
Ach, ich werfe mich berauscht in meine zottige Dichterbrust, wenn ich dichte. Ich bin großmütig, wenn ich dichte, und lächle immer nachsichtig und gütig zu meinen lieben Brüdern hinüber. —
In: Die Erhebung. Jahrbuch für neue Dichtung und Wertung. Hrsg. Alfred Wolfenstein. Berlin: S. Fischer, 1919 (5.-7. Tsd.), S. 189 (Mehr)
An diesem Tag 1948: Die deutsche Dichterin Henriette Hardenberg, die 1937 vor den Nazis nach England geflohen war, wird britische Staatsbürgerin.
Henriette Hardenberg
(geboren 5. Februar 1894 in Berlin; gestorben 26. Oktober 1993 in London)
REQUIEM
Meine Mutter sitzt im Blütenschnee,
Vögel in ihren Haarbächen spielen Frühling.
Sie läßt sich kosen von Flügeln auf ihrem roten Meere.
Es fließt um sie,
schüttelt den winzigen Körper
und füllt die alten Augen.
Du, mein rotes Blut im Schnee,
ich kann nicht zu Dir,
Dir nicht helfen aus Deinen Lasten.
Du lachst so, Farbe. –
Meine Mutter ertrank.
Blüten, küßt ihren Taubenleib,
Vögel, legt euch an sie heran,
trinkt sie aus, deckt sie zu:
ihr werdet alle rot, schimmrig braun,
Liebeserde.
Aus: Die Aktion 41, 11. Oktober 1913, Sp. 961
Fráňa Šrámek
(* 19. Januar 1877 in Sobotka; † 1. Juli 1952 in Prag)
ADA, MINKA, MARTA
Blutiger Tau an gelblichen Blüten,
es krümmt sich der Pfad, drei Mädchen nahn,
bloßfüßige Mädchen, die Wangen erglühten,
der Tau beleckt sie, der Tau spritzt sie an;
das Herz in den Händen, der Rock weht im Winde,
wie liefen wir alle drei so geschwinde
Ada und Minka und Marta.
Mütterchen weinte und kämmte die Haare,
Mütterchen weinte gern.
Wo schwandet ihr hin, meine jungen Jahre —
Mütterchen sang so gern . . .
Wie sich die Welt dreht, schaut, Mädchen, euch um,
nichts werden genießen, wenn sie so dumm,
Ada und Minka und Marta.
Wegriche blau am Straßenrand klagen,
wie von purpurnen Bannern ist die Stadt dunstumschienen,
o laßt euch, Mädchen, lasset euch tragen,
die Weisen gehn trinken, gehn wir mit ihnen —
das Haupt sinkt nach hinten, euch packt ein Beklemmen,
wer wird euch morgen die Haare kämmen,
Ada und Minka und Marta . . .?
Gebrechliche Gläschen Trinksprüche schrien —
es lebe die Flasche, hoch das Gewissen!
Das Bett ist aus Rosen, die Lumpen werft hin,
das Bett ist aus Dornen, wir wollen küssen . . .
Die Liebe ist heilig und groß, wie sie sagen,
wie wollt im Kote zu ihr euch hinwagen,
Ada und Minka und Marta . . .?
Die Menschen sind fremd und schlüpfrig die Gassen,
wer gestern euch nah war, schämt sich schon heute.
Etwas ist geschehen, doch wer will es fassen?
Wie schwer ist das Leben unter den Leuten.
Die Schönheit der Mittnacht weckt mittags nur Grausen,
Herze, wo irrst du, wo magst du hausen?
Ada und Minka und Marta . . .!
Die Nächte sind kühl, vergebliches Pochen.
In euern Fähnchen, friert ihr nicht, Kinder?
Das letzte Gäßchen blind kommt gekrochen.
Das Lämmchen Gottes entsündigt die Sünder!
Der Fluß stöhnt drunten, das Lamm will nicht sprechen,
Schreie von Wölfen das Dunkel durchbrechen —
O Ada, Minka und Marta . . .!
Ein blutroter Traum kehrt wieder und wieder,
die heiseren Stimmen, noch können sie singen.
Du trunkener Bursche, wärm‘ mir die Glieder,
fest, sakra! Der Wollust will Vivat ich bringen!
Herr Schutzmann, wißt nur: hier sind gefallen
die alles geopfert, die schönsten von allen,
Ada und Minka und Marta.
Ich geh durch die Zelle, die mit Dornen beladen.
Drei trunkene Stimmen den Raum überschwemmen:
Du törichter Dichter von Gottes Gnaden,
o neig‘ dich, mit güldenem Kamm uns zu kämmen,
euren Weg in der Mitte, schön weiß in der Mitte,
wie wenn der Kamm durchs Haar deiner Herzliebsten glitte,
kämm’ Ada, Minka und Marta . . .!
Deutsch von Otto Pick. Aus: Jüngste tschechische Lyrik. Eine Anthologie. (Die Aktions-Lyrik). Berlin-Wilmersdorf: Die Aktion (Franz Pfemfert), 1916, S. 94f.
Ada, Minka, Marta
Fráňa Šrámek
„Ada, Minka, Marta – mají hlad.“
Napsáno na dveřích cely č. 15 na policejním ředitelství pražském.*
Na žlutých květech krvavá rosa,
pěšinka zrádně se stáčí,
děvčátka tři jdou, děvčátka bosá,
rosa se lísá, rosa je smáčí,
srdce je na dlani, sukénka vichří,
to jsme se rozběhla děvčátka my tři,
Ada a Minka a Marta.
Maminka s pláčem přičísla vlasy,
maminka plakala ráda,
kam jste se poděly, mladé mé časy –
maminka zpívala ráda,
koukejte, holky, jak se svět houpá,
houbičky užije, když bude hloupá
Ada a Minka a Marta.
Čekanky modré žalují u cest,
město vlá v dálce rudými dýmy,
dejte se, holky, dejte se unést,
chytří jdou upít se, půjdeme s nimi –
hlava se zvrátila, zvroucněly hlasy,
kdo jen vám ráno učesá vlasy,
Ado a Minko a Marto . . .?
Křehoučké sklínky přípitek vzkřikly –
láhev a svědomí, vivat a vivat!
lůžko je z růží, my se už svlíkly,
lůžko je z trnů, my chceme líbat,
láska je velká prý, láska je svatá,
jak k ní však dojíti pro tolik bláta
Ado a Minko a Marto . . . ?
Dlažba je kluzká a lidé cizí,
včerejší známí, ti se dnes stydí.
Něco se stalo, však souvislost mizí.
A je tak těžko žít uprostřed lidí.
Půlnoční krása v poledne děsí,
srdce, kam zašlo jsi, srdce, oh, kde jsi?
Ado má, Minko a Marto . . . !
Prostydly noci, marně se klepá.
Není vám, děťátka, v hadérkách zima?
Ulička poslední, ulička slepá.
Beránek boží, ten hříchy snímá!
Řeka lká dole, beránek mlčí,
ze tmy jen klapají čelisti vlčí –
Ado má, Minko a Marto . . .!
Z minula vrací se sen jeden rudý,
chraptivým hlasem lze ještě zpívat.
Ty, hochu opilý, zahřej mi údy,
sakra, tož zmáčkni mne, rozkoši, vivat!
Vy, pane strážníku, vy aspoň vězte:
Daly vše. Padly. Bývaly hezké
Ada a Minka a Marta.
Celou já chodím: trní a hloží.
Opilé, hrozné tři blábolí hlasy:
Básníku hloupý, z milosti boží,
hřebenem zlatým učeš nám vlasy,
pěšinku uprostřed, pěšinku bílou,
jako bys česal bílou svou milou,
Adu češ, Minku a Martu . . .!
*) „Ada, Minka, Marta – sie haben Hunger.“ Geschrieben an der Tür der Zelle Nr. 15 im Prager Polizeipräsidium.
Joseph Brodsky
(Iossif Alexandrowitsch Brodskij, russisch Иосиф Александрович Бродский; * 24. Mai 1940 in Leningrad; † 28. Januar 1996 in New York)
Jüdischer Friedhof
Jüdischer Friedhof bei Leningrad.
Ein schiefer Zaun aus modrigem Holz.
Hinter dem schiefen Zaun, liegen nebeneinander
Juristen und Kaufleute, Musiker und Revolutionäre.
Sie sangen für sich.
Sie sparten für sich.
Sie starben für andere.
Zunächst aber zahlten sie Steuern,
respektierten den Polizisten,
und in dieser ausweglos materiellen Welt
interpretierten sie den Talmud
und blieben Idealisten.
Vielleicht erkannten sie mehr.
Oder glaubten blind.
Doch sie lehrten die Kinder tolerant zu sein
und zielstrebig zu werden.
Und sie säten nie Korn.
Niemals säten sie Korn.
Nur sich selbst legten sie
in den kalten Boden wie Samen.
Und sie schliefen ein für immer.
Und dann – wurden sie mit Erde zugeschüttet,
wurden Kerzen angezündet,
und am Gedenktag,
mit hoher Stimme, vor Hunger außer Atem,
kreischten alte Männer von ewiger Ruhe.
Und sie fanden sie.
In Form des Zerfalls der Materie.
Ohne sich an etwas zu erinnern.
Ohne etwas zu vergessen.
Hinter einem schiefen Zaun aus modrigem Holz,
vier Kilometer von der Endhaltestelle der Straßenbahn.
1958
Übersetzt von Achim Wagner nach einer Interlinearübersetzung von Vera Kurlenina
Иосиф Александрович Бродский
Еврейское кладбище около Ленинграда…
Еврейское кладбище около Ленинграда.
Кривой забор из гнилой фанеры.
За кривым забором лежат рядом
юристы, торговцы, музыканты, революционеры.
Для себя пели.
Для себя копили.
Для других умирали.
Но сначала платили налоги,
уважали пристава,
и в этом мире, безвыходно материальном,
толковали Талмуд,
оставаясь идеалистами.
Может, видели больше.
А, возможно, верили слепо.
Но учили детей, чтобы были терпимы
и стали упорны.
И не сеяли хлеба.
Никогда не сеяли хлеба.
Просто сами ложились
в холодную землю, как зерна.
И навек засыпали.
А потом — их землей засыпали,
зажигали свечи,
и в день Поминовения
голодные старики высокими голосами,
задыхаясь от голода, кричали об успокоении.
И они обретали его.
В виде распада материи.
Ничего не помня.
Ничего не забывая.
За кривым забором из гнилой фанеры,
в четырех километрах от кольца трамвая.
Emmy Hennings
(Emmy Ball-Hennings, * 17. Januar 1885 in Flensburg; † 10. August 1948 in Sorengo bei Lugano)
ÄTHERSTROPHEN
Jetzt muß ich aus der großen Kugel fallen.
Dabei ist in Paris ein schönes Fest.
Die Menschen sammeln sich am Gare de l’est
Und bunte Seidenfahnen wallen.
Ich aber bin nicht unter ihnen.
Ich fliege in dem großen Raum.
Ich mische mich in jeden Traum
Und lese in den tausend Mienen.
Es liegt ein kranker Mann in seinem Jammer.
Mich hypnotisiert sein letzter Blick.
Wir sehnen einen Sommertag zurück . . .
Ein schwarzes Kreuz erfüllt die Kammer. . .
(Dieses Gedicht ist für Hardy)
Aus: Emmy Hennings, Die letzte Freude. Gedichte. Leipzig: Kurt Wolf Verlag, 1913 (Der jüngste Tag 5), S. 5

Georg Heym
Heute vor 108 Jahren ertrank Georg Heym beim Eislaufen.
Aus: Viertes Tagebuch
15.9.1911. Man könnte vielleicht sagen, daß meine Dichtung der beste Beweis eines metaphysischen Landes ist, das seine schwarzen Halbinseln weit herein in unsere flüchtigen Tage streckt.
Mein Gott – ich ersticke noch mit meinem brachliegenden Enthousiasmus in dieser banalen Zeit. Denn ich bedarf gewaltiger äußerer Emotionen, um glücklich zu sein. Ich sehe mich in meinen wachen Phantasieen, immer als einen Danton, oder einen Mann auf der Barrikade, ohne meine Jacobinermütze kann ich mich eigentlich garnicht denken. Ich hoffte jetzt wenigstens auf einen Krieg. Auch das ist nichts.
Mein Gott, wäre ich in der französischen Revolution geboren, ich hätte wenigstens gewußt, wo ich mit Anstand hätte mein Leben lassen können, bei Hohenlinden oder Jémappes.
Alle diese Jentzsch, u. Koffka, alle diese Leute können sich in diese Zeit eingewöhnen, sie alle, Hebbelianer, Leute des Innern, können sich schließlich in jeder Zeit zurecht finden, ich aber, der Mann der Dinge, ich, ein zerrissenes Meer, ich immer in Sturm, ich der Spiegel des Außen, ebenso wild und chaotisch wie die Welt, ich leider so geschaffen, daß ich ein ungeheures, begeistertes Publikum brauche um glückselig zu sein, krank genug, um mir nie selbst genug zu sein, ich wäre mit einem Male gesund, ein Gott, erlöst, wenn ich irgendwo eine Sturmglocke hörte, wenn ich die Menschen herumrennen sähe mit angstzerfetzten Gesichtern, wenn das Volk aufgestanden wäre, und eine Straße hell wäre von Pieken, Säbeln, begeisterten Gesichtern, und aufgerissene Hemden.
Wie gut haben es die Contemplativen, die Unlebendigcn, Leute eben wie Jentzsch u. Koffka, die genug Leben aus ihrer Seele ziehen können.
Vielleicht irre ich mich hier, ich kann das ja auch, – aber – sie sind dabei glücklich, und ich nicht. (Denkfehler, aufsuchen)
Man vergleiche doch ihre Gesichter, wie friedlich sie aussehen und das meine, auf dem Qual, Laster, Verzweiflung, Enthousiasmus alles mögliche stündlich tausend mal herüberfahren.
Aus: Klaus Schuhmann: Lyrik des 20. Jahrhunderts. Materialien zu einer Poetik (rowohlts enzyklopädie). Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1995, S. 7if
Georg Heym
(* 30. Oktober 1887 in Hirschberg, Schlesien; † 16. Januar 1912 in Gatow)
DER BAUM
Sonne hat ihn gesotten,
Wind hat ihn dürr gemacht,
Kein Baum wollte ihn haben,
Überall fiel er ab.
Nur eine Eberesche,
Mit roten Beeren bespickt,
Wie mit feurigen Zungen,
Hat ihm Obdach gegeben.
Und da hing er mit Schweben,
Seine Füße lagen im Gras.
Die Abendsonne fuhr blutig
Durch die Rippen ihm naß,
Schlug die Ölwälder alle
Über der Landschaft herauf,
Gott in dem weißen Kleide
Tat in den Wolken sich auf.
ln den blumigen Gründen
Singendes Schlangengezücht,
ln den silbernen Hälsen
Zwitscherte dünnes Gerücht.
Und sie zitterten alle
Über dem Blätterreich,
Hörend die Hände des Vaters
Im hellen Geäder leicht.
Aus: Georg Heym: Umbra Vitae. Nachgelassene Gedichte. Leipzig: Rowohlt, 1912, S. 64
Kurt Schwitters (* 20. Juni 1887 in Hannover; † 8. Januar 1948 in Kendal, Cumbria, England)
Der Bahnhof
Man hat eine Leiter zur Sonne gestellt
Die Sonne ist schwarz
Die Mühle blüht
Millionen Menschen wölben Sturmgeläute
Und Herzen kommen
Herzen bersten
Ein Pfeil überherzt Herzen
Die Herzen pfeilen
Zur Mühle herzen die Pfeile Sonne
Es weht eine wilde Gier
Du deiner dir dich
Du deiner dich dir.
(um 1919)
Aus: Kurt Schwitters: Das literarische Werk. Hg. Friedhelm Lach. Bd. 1: Lyrik. Köln: DuMont 1998 [die Ausgabe erschien zuerst 1973), S. 65
Hans Schiebelhuth
(* 11. Oktober 1895 in Darmstadt; † 14. Januar 1944 in East Hampton, New York, USA)
BERCEUSE
Meine seidne Schwester. Südwind will dich umminnen.
Schwester von Gold. Schlummre. Singende Seele
Schwester von Bernstein. Sommernacht süß über Himmeln.
Sterne knospen.
Im Blau schwebt Mond, der löwenhafte Hüter deines Schlafs.
Träume. Wenn böse Nachtboten kommen,
Vögel der Finsternis,
Will durchs Dunkel denkend ich dir Leuchter schenken,
Sternlicht tragend, und die unsichtbare Kette
Dran die gute Mondampel hängt.
Inmitten des Weltdoms sitzt strahlend im Gnadenstuhl
Aufrecht Gottvater mit gütigen Greisenhänden.
Sankt Lukas, der eine Brille trägt, liest ihm die Schrift.
Auf weißem Eselchen zieht die Madonn
Durchs heilige Ölfeld.
Aber wenn des Morgens Lichtruf hürnen erschallt,
Werden bronzne Wälder wie Gong tiefer ertönen.
Lenz blutet Mohn um Raine. Wind wiegt weißes Gewölk.
Goldne Schwalben spielen.
Dann bist du vom Schlummer blaß. Kleine Jilája.
Aus: Der Zweemann. Monatsblätter für Dichtung und Kunst. Hannover, 1-05, März 1920, S. 14


Bolesław Leśmian
(* 22. Januar 1877* in Warschau; † 5. November** 1937 ebenda)
ERTRUNKENER
Auf einer Lichtung, weich der Gräserflut zu Füßen,
Wo Wald und Flur ganz plötzlich ineinanderfließen.
Liegt unnütz vor sich selbst der Leichnam eines Wandrers.
Er sah die ganze Welt, den Himmel und auch andres,
Bis er, der Ungestüme, auf der Kummerfährte,
Das Grün an sich im Geist zu finden, aufbegehrte.
Da nahm ihn, als er rastete, mit Waldeszangen
Der Dämon allen Grüns in seinen Wind gefangen,
Verhieß, er würde ewig von Erblühtem nippen.
Und sog mit der geheimen Unlach wirrer Lippen
Und zauberte Vernichten, Unverkörperungen,
Verführte ihn ins Grün mit seinen grünen Zungen!
Und er lief an den Ufern immer andrer Welten,
Entmenschlichte sich ganz, wo Blumen ihn beseelten,
Bis er in ein Geläut geriet von Beerenfülle,
In solches Farnkrautdunkel, solche Gräberstille,
In solche Gräserunwelt, solches Ohnetürme,
In solches Rauschen, letztes irgendwo Gestürme,
Daß er jetzt tot hier liegt, das Abgrundlos zu sühnen,
Ein Schatten, Wald im Wald – Ertrunkener im Grünen.
1920
Deutsch von Karl Dedecius. Aus: Poesie der Welt. Polen. Hrsg. Peter und Renate Lachmann. Berlin: Edition Stichnote im Propyläen Verlag, 1987, S. 226f (Die Jahreszahl ergänzt aus: Polnische Poesie. Ausgewählt von Karl Dedecius. München: dtv, 1968, davor bei Hanser 1964)
Prosaübersetzung der Herausgeber Peter und Renate Lachmann
Auf den flüchtigen Strömen des Schafgrases, in der Waldlichtung, / Wo der Wald unverhofft einer Wiese sich angleicht, / Liegt die Leiche des Wanderers, eine unnütze Leiche. / Er hat die ganze Welt durchwandert von Wolken zu Wolken, / Bis er plötzlich in ungeduldiger Trauer begehrte, / Querfeldein das Grün an sich im Geiste zu bereisen. / Gleich umfing ihn der Dämon des Grüns in allwaldigem Wehen, / Als er auf dem Weg unter einem Baum innehielt, / Und (ihn) mit der Hast unaufhörlicher Blüte lockte, / Und mit geheimem Nichtlächeln des atemlosen Mundes reizte, / Und mit der Nichtigkeit duftender Nichtverkörperungen bezauberte, / Und immer tiefer verführte – in dieses Grün, in dieses Grün! / Und er lief an den Ufern immer anderer Welten, / Die Seele und den Atem mitten unter den Blumen ent-menschend, / Bis er vordrang in die klingenden Krüge solcher Beeren, / In einen solchen Nichtbeginn von Dickicht, in eine solche Tonlosigkeit von Stummheit, / In eine solche Düsternis von Farn, in die Grabhügel solcher Stillen, / In die letztendlichen Gestöber solchen Lärms, / Daß er nun da liegt tot in der Grundlosigkeit von hundert Frühlingen, / Schattig, wie ein Wald im Walde – der Ertrunkene des Grüns.
TOPIELEC
W zwiewnych nurtach kostrzewy, na leśnej polanie,
Gdzie się las upodobnia łące niespodzianie.
Leżą zwłoki wędrowca, zbędne sobie zwłoki.
Przewędrował świat cały z obłoków w obłoki,
Aż nagle w niecierpliwej zapragnął żałobie
Zwiedzić duchem na przełaj zieleń samą w sobie.
Wówczas demon zieleni wszechleśnym powiewem
Ogarnął go, gdy w drodze przystanął pod drzewem,
I wabił nieustannych rozkwitów pośpiechem,
I nęcił ust zdyszanych tajemnym bezśmiechem,
I czarował zniszczotą wonnych niedowcieleń,
I kusił coraz głębiej – w tę zieleń, w tę zieleń!
A on biegł wybrzeżami coraz innych światów,
Odczłowieczając duszę i oddech wśród kwiatów.
Aż zabmął w takich jagód rozdzwonione dzbany,
w taki bezświt zarośli, w taki bezbrzask głuchy,
W taką zamrocz paproci, w takich cisz kurhany,
W takich szumów ostatnie kędyś zawieruchy.
Że leży oto martwy w stu wiosen bezdeni.
Cienisty, jak bór w borze – topielec zieleni.
*) Um die Lebensdaten gibt es einige Verwirrung. Alle konsultierten Versionen der Wikipedia (deutsch, polnisch, englisch, russisch) geben den 22. Januar 1877 an und erwähnen, dass auch 1878 in Frage kommt: „in der Abschrift seiner Geburtsurkunde steht 1877, er selbst nannte das Jahr 1878 und auf seinem Grabstein steht 1879.“ Die Online-Enzyklopädie des Warschauer Wissenschaftsverlages PWN (Wydawnictwo Naukowe PWN) begnügt sich mit der Angabe: „22. I. 1877 – auch andere Daten werden angegeben“.
Je weiter man sucht, um so mehr Verwirrung. Die als seriös zu betrachtende Encyclopedia Britannica weiß:
Bolesław Leśmian, original name Bolesław Lesman, (born January 12, 1877 or 1878, Warsaw, Poland, Russian Empire [now in Poland]—died November 5, 1937, Warsaw), lyric poet who was among the first to adapt Symbolism and Expressionism to Polish verse.
**) Weitgehende, wenn auch nicht völlige Einigkeit besteht hinsichtlich des Sterbedatums. Fast alle geben den 5. November 1937 an. Die italienische und spanische Wikipedia aber haben den 7. November. Das scheint nicht zu stimmen – Wiki Russisch gibt als Quelle für das Sterbedatum eine polnische Zeitung vom 7. November 1937 an.
U. Gaday
d.i. Franz Pfemfert
(* 20. November 1879 in Lötzen, Ostpreußen, heute: Giżycko, Polen; † 26. Mai 1954 in Mexiko-Stadt)
DEUTSCHE MONDNACHT
Der erdenalte Silberschmied,
Freund Mond, ist wieder fleißig.
Im lichten Silber schwimmt die Welt,
Es blinkt im dürrsten Reisig.
Vom Marktplatzbrunnen klirren leis
Die feuchten Diamanten.
Der Rathausroland reckt sich stolz,
Als droh er unbekannten
Gefahren, die dem Städtchen nahn.
Doch Liebe und Treue und Glauben,
Die schlummern sorglos und träumen süß
Unter der Häuschen Hauben.
Sie schlafen ruhig und träumen süß
Die deutschesten aller Träume:
Der Gatte zeugt Helden, die Gattin gebiert
(Im Traume!) Eichenbäume.
Der Gatte zeugt Helden, die Tochter umfängt
(Im Traum!) den Leutnant, den blassen,
Der eben betrunken aus einem Bordell
Zickzackelt durch die Gassen . . .
Aus: Die Aktion. Zeitschrift für freiheitliche Politik und Literatur. Hrsg. Franz Pfemfert. Jahrgang 1911, Nr. 2, 27. Februar, Sp. 48
Heute vor 109 Jahren erschien ein Gedicht, das die später expressionistisch genannten Dichter elektrisierte:
Weltende
Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.
Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.
Erstausgabe in: Der Demokrat, Jahrgang 3, Nr. 2 (11. Januar 1911)
Die Kommunisten, die sich als Avantgarde der Weltgeschichte verstanden, waren avantgardistischer Kunst nicht gerade zugetan. Als Arno Schmidt in den 50er Jahren die DDR bereiste, klagte er: die kennen nicht mal Expressionismus. Erst 1968 erschien die Anthologie „Menschheitsdämmerung“ als Reclamtaschenbuch zum Preis von zwei Ostmark in der DDR. Ich war noch Schüler, es wurde zum lyrischen Proviant. In den 50er Jahren war es noch nicht abzusehen, und dennoch. Wer wollte, konnte dem Gedicht in einem Buch des Staatsdichters und Kulturministers Johannes R. Becher begegnen. In einem Band seiner vierbändigen poetologischen Bemühungen schilderte er seine Begeisterung bei der Erstbegegnung auf die überschwänglichste Art:
Meine poetische Kraft reicht nicht aus, um die Wirkung jenes Gedichtes wiederherzustellen, von dem ich jetzt sprechen will. Auch die kühnste Phantasie meiner Leser würde ich überanstrengen bei dem Versuch, ihnen die Zauberhaftigkeit zu schildern, wie sie dieses Gedicht „Weltende“ von Jakob van Hoddis für uns in sich barg. Diese zwei Strophen, o diese acht Zeilen schienen uns in andere Menschen verwandelt zu haben, uns emporgehoben zu haben aus einer Welt stumpfer Bürgerlichkeit, die wir verachteten und von der wir nicht wußten, wie wir sie verlassen sollten. Diese acht Zeilen entführten uns. Immer neue Schönheiten entdeckten wir in diesen acht Zeilen, wir sangen sie, wir summten sie, wir murmelten sie, wir pfiffen sie vor uns hin, wir gingen mit diesen acht Zeilen auf den Lippen in die Kirchen, und wir saßen, sie vor uns hin flüsternd, mit ihnen beim Radrennen. Wir riefen sie uns gegenseitig über die Straße hinweg zu wie Losungen, wir saßen mit diesen acht Zeilen beieinander, frierend und hungernd, und sprachen sie gegenseitig vor uns hin, und Hunger und Kälte waren nicht mehr. Was war geschehen? Wir kannten das Wort damals nicht: Verwandlung. Erst viel später war von Wandlungen die Rede, dann vor allem, als wirkliche Wandlungen zur Seltenheit geworden waren. Aber wir waren durch diese acht Zeilen verwandelt, gewandelt, mehr noch, diese Welt der Abgestumpftheit und Widerwärtigkeit schien plötzlich von uns zu erobern, bezwingbar zu sein. Alles, wovor wir sonst Angst oder gar Schrecken empfanden, hatte jede Wirkung auf uns verloren. Wir fühlten uns wie neue Menschen, wie Menschen am ersten geschichtlichen Schöpfungstag, eine neue Welt sollte mit uns beginnen, und eine Unruhe schworen wir uns zu stiften, daß den Bürgern Hören und Sehen vergehen sollte und sie es geradezu als eine Gnade betrachten würden, von uns in den Orkus geschickt zu werden. Wir standen anders da, wir atmeten anders, wir gingen anders, wir hatten, so schien es uns, plötzlich einen doppelt so breiten Brustumfang, wir wasren auch körperlich gewachsen, spürten wir, um einiges über uns selbst hinaus, wir waren Riesen geworden, und das Gedicht, das wir als Losung alles dessen unserem Sturm vorantrugen, das eine ungeheuerliche Renaissance der Menschheit einleiten sollte, lautete:
Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.
Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.
Nun, mir selber ist diese seine damalige, wir hätten gesagt, epochale Wirkung nicht mehr wiederherstellbar. Dutzende von Dichtern haben dieses Gedicht inzwischen nachgedichtet, es zuschanden gedichtet, und in mancher Anthologie, die sich dem expressionistischen Jahrzehnt widmet, habe ich dieses Wunder-Gebilde nicht einmal mehr wiedergefunden. Würde ich die Wirkung wiederherstellen, wenn ich seinen Verfasser Jakob van Hoddis beschriebe? Ludwig Meidner hat ihn gezeichnet, anmutig und schwungvoll, wie er sich aber in seiner natürlichen Existenz kaum vorstellte. Er war zwerghaft, von verwahrlostem Äußern, grau, unrasiert, pickelig — von den Händen schon nicht zu sprechen —, mit einem mehr als reinigungsbedürftigen Wollschal zu jeder Tageszeit behaftet, scheu, verspielt und schon ein wenig irre, und bald darauf endete er auch in einer Thüringer Irrenanstalt.* Aber dieses Gedicht, von welch einer mächtigen Wirkung auf mich auch heute noch, wohl darum auch, weil zwischen seinen Zeilen, hinter ihnen, sich außerordentliche Erlebnisse und Ereignisse hervordrängen — eine seltsame Jahrhundertstimmung ist es, die in dieser brüchigen, bruchstückhaften, ein wenig närrisch lallenden Stimme sich kundtut. Manche Gedichte, manche Dichter haben mich späterhin ähnlich beeindruckt. Ich kann nicht sagen, daß Dantes „Hölle“, daß die Sonette Petrarcas, daß Rimbaud, Baudelaire, Swinburne oder daß Flaubert, Stendhal mich nicht aufs tiefste ergriffen und mich gleichsam aus meiner bisherigen Bahn geschleudert hätten. Vielleicht ist es für viele heute schwer vorstellbar, was für ein Weltereignis die Lektüre mancher Bücher für uns bedeutet hat. Ja, Shakespeare-Sonette waren ein Weltereignis, und von nichts anderem sprachen wir als von ihren Strophen. Jeden Bekannten, aber auch ganz und gar fremde Menschen sprachen wir daraufhin an und versuchten, ihnen die Schönheit dieser Strophenwunder zu erklären. Man mochte uns für Irre halten, aber wir Irren ließen uns dadurch nicht irremachen. Wir ließen uns nicht irremachen in unserem Glauben an die Schönheit der Dichtung, an die Sendung der Poesie, in unserem Glauben an das poetische Prinzip. Ja, solch eine Zeit war das. Ist sie wiederherstellbar? Unwiederherstellbar, bis eine Zeit kommt, die ähnlich dieser wieder solch eine Literaturleidenschaft hervorruft — dann wird diese Zeit in ihrer Literaturleidenschaft vielleicht sich an jene vergangene erinnern und sie in ihrer Leidenschaftsverwandtheit erkennen, und so, meine ich, aber nur so, wäre dann vielleicht Vergangenes wiederherstellbar.
Ein neues Weltgefühl schien uns ergriffen zu haben, das Gefühl von der Gleichzeitigkeit des Geschehens. Einige gelehrte Literaturbehandler haben dafür auch alsbald eine Etikettierung erfunden, und zwar Simultanismus. Jakob van Hoddis aber dozierte uns, während wir Nächte hindurch die Stadt von einem Ende bis zum anderen durchstreiften (wir waren nämlich Peripatetiker), daß schon bei Homer dieses Gefühl der Gleichzeitigkeit vorgebildet sei. (…)
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei.
Und an den Küsten — liest man — steigt die Flut.
So heißt es in Jakob van Hoddis‘ „Weltende“. Während die Dachdecker abstürzen, steigt zugleich die Flut, oder nichts ist für sich allein da auf der Welt, alles Vereinzelte ist nur scheinbar und steht in einem unendlichen Zusammenhang. „Die meisten Menschen haben einen Schnupfen“, und gleichzeitig fallen die Eisenbahnen von den Brücken. Das katastrophale Geschehen ist nicht denkbar ohne eine gleichzeitige Nichtigkeit. Das Große ist dem Kleinen beigemengt und umgekehrt, nichts vermag abgeschlossen für sich zu bestehen. Dieses Erlebnis der Gleichzeitigkeit waren wir nun bemüht in unseren Gedichten zu gestalten, aber van Hoddis, so scheint es mir heute, hat alle diese unsere Bemühungen vorweggenommen, und keinem sind solche zwei Strophen gelungen wie „Weltende“. Was an Alfred Lichtenstein, was an Ernst Blaß bemerkbar war, kam von van Hoddis.
Aus: Johannes R. Becher, Bemühungen II. Macht der Poesie. Das poetische Prinzip. (Gesammelte Werke 14). Berlin und Weimar: Aufbau, 1972, S. 339-343. Zuerst 1955 in: Macht der Poesie.
* Hier irrte der Minister. Jakob van Hoddis wurde am 30. April 1942 zusammen mit 100 Patienten und Mitarbeitern der Israelitischen Heilanstalten Bendorf-Sayn in das besetzte Polen verschleppt und irgendwann zwischen Anfang Mai und 6. Juni ermordet.
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