Leo Hermann
(Lebensdaten unbekannt)
Peter Altenbergs Vermächtnis
Fackeln lodern in den Finsternissen
aller Nächte, die bis heute währten.
Lodern, leuchten zwischen Hindernissen,
zeigen Wege uns zu neuen Fährten.
In den Tempeln aller Jugend klingen
neue Sänge, deren Wahrheit blendet:
Lebenskraft und trotziges Umsingen
wahrsten Glaubens, der im Ursprung endet.
Kampf um Ziel, wo altersschwache Zeichen
über Sümpfen rauchten: Kompromisse …
Vorwärts drängt zur Tat und zum Erreichen
uns dein Wort im Ausbruch der Entschlüsse.
Erstdruck 1919
Aus: Michael Markl (Hg.): „In Dornbüschen hat Zeit sich schwer verfangen“. Expressionismus in den deutschsprachigen Literaturen Rumäniens. Eine Anthologie. Regensburg: Pustet, 2015, S. 19
Ilse Aichinger
(* 1. November 1921 in Wien; † 11. November 2016 ebenda)
Briefwechsel
Wenn die Post nachts käme
und der Mond
schöbe die Kränkungen
unter die Tür:
Sie erschienen wie Engel
in ihren weißen Gewändern
und stünden still im Flur.
Aus: Ilse Aichinger: Verschenkter Rat. Gedichte. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1991, S. 22
Oskar Loerke
(* 13. März 1884 in Jungen bei Schwetz (heute Wiąg) in Westpreußen; † 24. Februar 1941 in Berlin)
Der dunkle und der lichte Gott
Berlin zermahlt die Nacht mit Lärm und reckt sich
Wie zähnebleckend, wirft das ungestüme
Geleuchte blakend meilenhoch, schwillt, streckt sich
Im Ruß zu rotem Götterungetüme.
Und diesem Gott im Rachen sitzt ein andrer,
Stolz, golden ganz, nicht wie ein Untertane.
Du, alter Lichtgott, kamst, ein weiter Wandrer,
Aus Ost, vom stillen, großen Ozeane.
Das Völkerkundehaus, nachtstill im Treiben,
Voll Tand von allen Erd- und Wasserkanten,
Beherbergt hinter großen Vorraumscheiben
Dich goldenen, gelassenen Giganten.
Bist du nun wirklich Licht in deinem Wesen,
So quill durch unsres Gottes dunkle Meilen:
Und bist du Gott, Asiat, so kannst du lesen,
Was unsrer schreibt auf ebnen Asphaltzeilen.
Denn unsrer lebt in großen Schriftfiguren,
Die wild gezirkelt durch die Straßen pflügen,
Er schreibt und schreibt: mit Künstlern, Fürsten, Huren,
Mit Wiegen, Särgen, Karren, Autos, Zügen.
Lichtgott, du schweigst. Du läßt dein Gold umfloren
Von halben Schatten, träumst als wie im Hafen.
Betäubt sind deine großen blanken Ohren,
Und deine Beine schwer und eingeschlafen.
Dich anzuschauen kommt nur müdes Leben:
Zu deines Käfigs großen Scheiben trotten
Die ärmsten und die kränksten Dirnen, kleben
Vorm Leib dir gleich verschlafnen großen Motten:
Vom Mahlen steinerner Musik durchdrungen
Wie von Europas hartem Ohrenklingen:
Kaum regt ein Atmen noch die matten Lungen,
Die großen Ohrringe erbeben, schwingen …
Lichtgott, steh auf! Gib deine Hand den Blassen
Und führ sie aus verlärmten Häusernetzen,
Geh führend durch des Nachtgotts schwarze Massen
Und alles folgt von Straßen und von Plätzen.
Sprich doch: Ihr habt geschrieben und gelesen
Genug für heut an seinem dunklen Plane.
Nun kommt ins Licht und träumt mit allen Wesen
Von meinem großen stillen Ozeane.
Aus dem Gedichtband Wanderschaft (1911). In: Oskar Loerke, Die Gedichte. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1984, S. 28f
Kälter als der Schnee
scheint der bleiche Wintermond
auf mein weißes Haar –
Der Dichter, Jôsô (1661-1704), starb mit 43 Jahren. (S. 334)
„Der bleiche Wintermond ist Symbol des Krieges, des Wahnsinns und des Todes.“ (S. 319)
Ohne einen Freund,
auf der Heide ausgesetzt,
scheint der Wintermond!
Roseki (1870-1918) (S. 336)
Bitterkalter Tag –
War’ doch der August schon da!
Mond im Föhrenbaum.
Issa (1763-1852)
(Der Augustmond gilt als der schönste.) (S. 355)
Alle Deutsch von Gerolf Coudenhove aus: Japanische Jahreszeiten. Tanka und Haiku aus dreizehn Jahrhunderten. Aus dem Japanischen übersetzt und mit einem Nachwort von Gerolf Coudenhove. Mit Tuschzeichnungen japanischer Künstler. Zürich: Manesse, 2015 (zuerst 1963)

Ernst Wilhelm Lotz
(* 6. Februar 1890 Culm an der Weichsel, Westpreußen; † 26. September 1914 bei Bouconville, Frankreich)
Neu in der Reihe Versensporn:
Ernst Wilhelm Lotz. Versensporn 39. Edition POESIE SCHMECKT GUT, Jena 2020. 32 S., 4€
An Jean-Arthur Rimbaud
Wir torkeln durch Städte, die lodernde Sommer verglasen,
Gerötete Türme flöten irrsinnigen Pfiff.
Die Mauern umbranden uns in zerwirbelten Straßen:
Wir liegen versunken in Rimbauds trunkenem Schiff.
Jahrmärkte hören wir uns umtönen mit Töpfen und Vasen,
Ein Regenbogen umzieht ihren milchigen Schliff,
Aber die Karusselle spülen uns hoch nach besonnten Oasen
Und ziehen uns kühl durch Buchten, umschattet vom Riff.
Wir lagern um Brunnen, die in der Sonne verschweben.
Und lallen Träume von Durst in den Wüstensand,
Damit wir die ledernen Lippen verkleben,
Die meckern im trommelnden Mittagsbrand. –
Und als einzige Tröstungen, die schön wie Fließendes unsre Stirnen beleben.
Wird manchmal der Dichter des „Bâteau ivre“ genannt.
(S. 30) Erstdruck in hortulus, Jg. 9, 1959, H. 4
Uwe Greßmann
(* 1. Mai 1933 in Berlin; † 30. Oktober 1969 in Berlin)
Die Sage vom Vogel Frühling
Wer Dichter sein will, heißt es in dem Dorf der Eichen,
Der trinke aus dem Brunnen der Träume Wein,
Und schau! Wie Arnim und Brentano an dem Pumpenschwengel hängen
Und in des Strahles Wunderhorn blasen.
Und viele kommen und halten beider Hände Schalen darunter;
Denn wer Dichter sein will, heißt es in dem Dorf der Eichen:
Der trinke aus dem Brunnen der Träume Weine.
Oh, ihr Kinder Erdes! horchet: nur wenige suchte der Vater der Künstler,
Der Vogel Frühling, aus den Leuten und ernannte sie zu Dichtern;
Jedem gab er als Rucksack der Flügel Paar,
Damit sich die Geister, Bienen, Hornissen… erhöben und summten
In den Lüften blau und schwärmerisch die Weise:
Oh, ihr Kinder Erdes, horchet!
Also entstanden dort die Sagen und gingen in die Literaturgeschichte ein,
Das große Familienalbum, dergleichen die Völker da
Im Wohnzimmer aufbewahrten,
Auch noch in späteren Jahren ihrer Eltern zu denken.
Die lustigen Bienen summten seitdem im Haar der Liebsten
Der Linden und Lüfte und Wiesen … aus Fleisch,
Zu naschen aus dem Sektglas der Blüten und perlenden Blätter des Walds
Und verewigten, wie Volksmund meint, den Vogel Frühling.
Oh, die lustigen Bienen!
Aber die Söhne der Dichter, davon auch manche Ferkel und Anton heißen mögen,
Oh, sie grunzen; doch die Mäuler der Sagen verstummen,
Wenn die Menschen im Stall arbeiten und älter werden
Und sich dem Kumm nähern, das Vieh zu füttern,
Sie, die alles schon gefressen haben.
Und manche der Modern(d)en zogen einen Kittel an, die Künstlerlaboranten
Und suchten in Latrinen und Müllhaufen, Versuchsstationen später Kunst,
Den einstigen Glanz des Wortes; auf Emaille der Pfützen auch:
Mülleimer steht da. Und doch! Was bleibt den Spätlingen übrig,
Da ihr aschener Mund des Volkes Lied nicht mehr singen kann,
Als den Abschiedsgesang, der ganz zerfetzt wie Papier von Müllkutschern ist.
Mit den Händen der Schaufel zusammenzufegen und aufzuladen
Das Experiment der Kunstlaboranten.
Aber die Leute lachen: Lieder wie Goethe singt ihr nicht mehr.
Ihr seid ja zu prosaisch wie der Artikel einer Zeitung oder eines Geschäftes geworden;
Da passen euch keine Reime mehr, die viel zu altmodischen Anzüge.
Und wer von der Prosa bedient ist, der höflichen und nüchternen Verkäuferin,
Und dennoch meint, daß sich das reimt,
Dem lachen die Leute ins Gesicht: „Geh, sei stille!
Wie Goethe singst du ja doch nicht mehr.“
Oh, ihr uralten Dichter! Unterdrücker unserer Worte seid ihr.
Die wir hätten singen mögen, heißt es auch auf Massenkundgebungen
Arbeitsloser Künstler. Oh, wären wir früher geboren.
So aber bleibt uns nur noch, die Transparente der Zeit zu tragen,
Die Volksmund noch persönlich gekannt hat. Unsere Demonstrationen sind das:
Vor Arbeitsämtern, Poststellen der Verlage, häufen wir uns
Und gehen wie Briefe wegen des Eingangsdatums zum Stempeln.
Und welcher Lektor nimmt uns da noch ab,
Wenn wir es so schwerverständlich, das soziale Elend der Kunst, sagen müssen,
Euch nicht zu wiederholen.
Und sieht mancher zum Dorf der Eichen zurück,
Der einstigen Heimat der Dichter, die er verlassen hat,
Sucht er nach dem Brunnen Brentanos
Des Strahles und der Pumpe Wunderhorn. Im Museum des Rundfunks
Noch ist das Lied zu hören gewesen, äußert des Dorfkrugs Radio.
Aus: Uwe Greßmann, Der Vogel Frühling. Gedichte. Halle: Mitteldeutscher Verlag, 1966 (2. 1967), S. 65-68
Frank Wedekind
(* 24. Juli 1864 in Hannover; † 9. März 1918 in München)
Selbstzersetzung
Hochheil’ge Gebete, die fromm ich gelernt,
Ich stellte sie frech an den Pranger;
Mein kindlicher Himmel, so herrlich besternt,
Ward wüsten Gelagen zum Anger.
Ich schalt meinen Gott einen schläfrigen Wicht;
Ich schlug ihm begeistert den Stempel
Heillosen Betrugs ins vergrämte Gesicht
Und wies ihn hinaus aus dem Tempel.
Da stand ich allein im erleuchteten Haus
Und ließ mir die Seele zerwühlen
Von grausiger Wonne, von wonnigem Graus:
Als Tier und als Gott mich zu fühlen.
Auch hab ich, den mördrischen Kampf in der Brust,
Am Altar gelehnt, übernachtet,
Und hab mir, dem Gotte, zu Kurzweil und Lust,
Mich selber zum Opfer geschlachtet.
Emmy Hennings
(* 17. Januar 1885 in Flensburg; † 10. August 1948 in Sorengo bei Lugano)
Aether
An die Scheiben schlägt der Regen,
Eine Blume leuchtet rot,
Kühle Luft weht mir entgegen,
Wach ich oder bin ich tot?
Eine Welt liegt weit, ganz weit;
Eine Uhr schlägt langsam vier,
Und ich weiss von keiner Zeit,
In die Arme fall ich dir.
Aus: Die Aktion 33, 14. August 1912, Sp. 1042
Johannes R. Becher
DER WALD
Ich bin der Wald voll Dunkelheit und Nässe.
Ich bin der Wald, den du sollst nicht besuchen,
Der Kerker, daraus braust die wilde Messe,
Mit der ich Gott, das Scheusal alt, verfluche.
Ich bin der Wald, der muffige Kasten groß.
Zieht ein in mich mit Schmerzgeschrei, Verlorene!
Ich bette euere Schädel weich in faules Moos,
Versinkt in mir, in Schlamm und Teich, Verlorene!
Ich bin der Wald, wie Sarg schwarz rings umhangen,
Mit Blätterbäumen lang und komisch ausgerenkt.
In meiner Finsternis war Gott zugrund gegangen . . .
Ich nasser Docht, der niemals Feuer fängt.
Horcht, wie es aus schimmlichten Sümpfen raunt
Und trommelt grinsend mit der Scherben Klapper!
Versteckt in jauchichtem Moore frech posaunt
Ein Käfer flach mit Gabelhorn auf schwarzer Kappe.
Nehmt euch in Acht vor mir, heimtückisch-kalt!
Der Boden brüchig öffnet sich, es spinnt
Euch ein mein Astwerk dicht, es knallt
Gewitter auf in berstendem Labyrinth.
Doch du bist Ebene . . . Voll Sang, mit flatternder Mähne,
Von sanftem Luftzug glatt zurückgekämmt.
Gekniet vor mich, von stechender Hagel Tränen
Aus klobiger Wolken Schaff grau überschwemmt.
Ich bin der Wald, der einmal lächelt nur,
Wenn du ihn fern mit warmem Wind bestreichst.
Weicher umschlinget dürren Hals die Schnur.
Böses Getier sich in die Höhlen schleicht.
Die Toten singen, Vögel aufgewacht,
Von farbenen Strahlen blendend illuminiert.
Heulender Hund verreckt die böse Nacht.
Duftender Saft aus Wundenlöchern schwiert.
Du bist die Ebene . . . Hoch schwanket die Zitrone
Verfallenden Mondes über deinem Scheitel grad.
Du schläferst ein mich Strolch mit schwerem Mohne,
Du, die im Traum ihm, blonder Engel, nahst.
Ich bin der Wald . . . Goldbäche mir entsprungen,
Sie rascheln durch Schlinggräser mit Geflüster.
Wie Schlangen sanft mit langen Nadelzungen.
Es raset über mir der Sterne Lüster.
Ich bin der Wald . . . Aufprasseln euere Länder
In meines letzten Brandes blutigem Höllenschein.
Es knicken um der eisigen Berge Bänder,
Gell springt der Meere flüssiges Gestein.
Ich bin der Wald, der fährt durch abendliche Welt, gelöst
Vom Grund, verbreitend euch betäubenden Geruch,
Bis meine Flamme grell den Horizont durchstößt,
Der löscht, der deckt mich zu mit rosenem Tuch.
Es ward der Blumen Wiese Gewölbe meines Grabes.
Aus meiner Trümmer Hallen sprießen empor der bunten Sträuße viel.
Da jene Ebene sank zu mir hinab,
Wie klingen wir schön, harmonisch Orgelspiel.
Ich bin der Wald . . . Ich dringe leis durch euere Schlafe,
Da Lästerung und Raub und Mord ward abgebüßt,
Ich nicht Verhängnis mehr und schneidende Strafe.
Mein Dunkel euere brennenden Augen schließt.
Aus: Menschheitsdämmerung. Symphonie jüngster Dichtung. Rowohlt 1920, S. 108-110
Franz Richard Behrens
Expressionist Artillerist Für Jakob von Uexküll, auf dessem granatgegitterten Heimatboden einer Feldwache dies wuchs. Bäh drüben fliegt ein Eisenvogel ab, kerzengrader als alle Vögel der Erde Ein-und-zwanzig die Linie kennt die Natur nicht zwei-und-zwanzig der Organismus ist sie drei-und-zwanzig den Blick nicht verlieren Ob teuer Opfer schließlich wert Fünf-und-zwanzig Schäumende Schrapnells kleben Sonne Sehnsucht Sechs-und-zwanzig Mein Seelensingen brechen im Muß Sieben-und-zwanzig Zweckblitz ducken droben die sieben Haubitzen, Acht-und-zwanzig Verdammt echtes Lebensgefühl bornt verflucht heißen Ausdruck. Neun-und-zwanzig die Luft stinkt Millionen Schwefel, Kohle Blutabsinth die Luft ist Stahl und rein Ein-und-dreißig die Granattrichter tüpfeln garnicht harmonisch Zwei-und-dreißig der feindliche Beobachter findet das höchst glücklich Drei-und-dreißig Die Blüten weinen Licht unter Donnererschlagendem Krachen Vier-und-dreißig Die Zentralisierung des Willens ist die Kraft des Kommandeurs Fünf-und-dreißig Im Leichenblut schöne Farben sehen. Alte Jacke Knochensplitter sein, Impressionisten und Naturalisten Sieben-und-dreißig Sein und Uebersein. Acht-und-dreißig Mein Geschütz steht in Wechselwirkung zum sechsten, Neun-und-dreißig Keinen Meter mehr nach rechts darf es stehen, Ein-und-vierzig Kanonen macht man. Granaten werden gemacht Zwei-und-vierzig Kanonaden entstehen drei- Ich glaube aufzugehn -und Ich drücke mich hoch heilig -vierzig Aus Fetzen Fratzen Platzen Ende
Aus: Der Sturm Heft 21/22,:Februar 1916, S. 130
Franz Richard Behrens
(* 5. März 1895 in Brachwitz (Wettin-Löbejün); † Mai 1977 in Ost-Berlin)
DU DARFST NICHT TÖTEN
Für Ludwig Rubiner
Mondblaß Rosenroß
Blutsäulen elefanten korallen
Schimmel im Schnee mit Purpurhufen
Zypresse vor Feuer
Spur
Sternenschritt.
Aus: Die Aktion 7 / 8 -1918, Sp. 94
Gustav Sack
(* 28. Oktober 1885 in Schermbeck; † 5. Dezember 1916 bei Finta Mare, Rumänien)
Quark
Man frißt sich so durch seine Jahre
und wird mit jedem Jahre älter
und ist am Ende ohne Haare
doch immer noch ein Hinterhälter.
Man ißt und trinkt und man poussiert,
zeugt unfreiwillig ein paar Kinder,
indes die Jahre exaltiert
fortsausen Tag für Tag geschwinder.
Man packt sich aus, man streckt sich hin
und macht sich reuevoll ans Sterben,
um so als letzten Reingewinn
sich einen Nachruf zu erwerben.
Aus: Zu Unrecht vergessen. Anthologie. Hrsg. Paul Hühnerfeld. Hamburg: Marion von Schröder, 1957, S. 246
Heute vor 110 Jahren erschien die erste Ausgabe der Zeitschrift „Der Sturm“ mit Gedichten von René Schickele (Vorortballade). Hier ein Gedicht aus Nummer 3 vom 17. März 1910.
Nymphenburg
Von Ferdinand Hardekopf
Ein Erzittern, glückliches Fiebern des Hirns und Taumeln der Brust, taucht in graugedehnte, rasengrüne Parkavenuen. Es war eine Beschwörung: die Gifttapete berste, Die mir, seit ich wühle (seit es irgendwo leuchtete) die lichte Scheidekraft verstellt. ..... Es quoll ein grünes Auge; In Bastseide, durchsickert von malvenfarbenen Eisenbahnschienen, Räkelte sich Pierrot, der klügste, katholischste Amerikaner, Grau das Wüstlingshaar, das Jünglingshaar, knisternd dem Weinlaub, dem Lorbeer und Frauen-Nägeln. Aus Lackschuhen, glänzendster Eremitage, plät- scherten die weißblauen, wolkenzarten Adern eines sehr hellen Nervenbeins (Soviel Wässer, Toilettenwässer, soviel Zärtlichkeit!). Ein dunkler Mund zerteilte höflich den behutsamen Dampf. Und es wurde Orphisches doziert. Ich versank — lächelnd, vergiftet. Da wußte ich meine heiteren Gefahren, Und, edlerer Bürde nun gewürdigt, erschloß ich mir das volkgemiedne Land. ... Schon formt sich in der Stachelhülle, Was schmelz-duftig, nebelreif-atmend die kältere Erde grüßen wird; Prunkend die Avenue denkt gelbe Gedankenbäume, weite, bergige, spitzfindige wie die Lust (.. die Lust ...), Eine weiße Fontäne zischelt Médisance, Marquise in gepuderter Wellen-Perücke, Die Marmorgötter lauschen und kichern und schmiegen sich lächelnd aus ihren Gewändern (Welcher Doktor besorgt eure Kosmetik, Beine Dianens?), Und, jenseits des Königsschlosses, lassen die Spie- gelleiber heiliger Teiche, Schwäne sind ihre Brüste, Brüste, Sich einbetten in Festungswälle, Ritterlich wehrende, mit galant abfallenden Schul- tern, Pagenschultern.
Friedrich Hölderlin
Friedensfeier
Ich bitte dieses Blatt nur gutmüthig zu lesen. So wird es sicher nicht unfaßlich, noch weniger anstößig seyn. Sollten aber dennoch einige eine solche Sprache zu wenig konventionell finden, so muß ich ihnen gestehen: ich kann nicht anders. An einem schönen Tage läßt sich ja fast jede Sangart hören, und die Natur, wovon es her ist, nimmts auch wieder.
Der Verfasser gedenkt dem Publikum eine ganze Sammlung von dergleichen Blättern vorzulegen, und dieses soll irgend eine Probe seyn davon.
Der himmlischen, still wiederklingenden,
Der ruhigwandelnden Töne voll,
Und gelüftet ist der altgebaute,
Seeliggewohnte Saal; um grüne Teppiche duftet
Die Freudenwolk‘ und weithinglänzend stehn,
Gereiftester Früchte voll und goldbekränzter Kelche,
Wohlangeordnet, eine prächtige Reihe,
Zur Seite da und dort aufsteigend über dem
Geebneten Boden die Tische.
Denn ferne kommend haben
Hieher, zur Abendstunde,
Sich liebende Gäste beschieden.
[…]
Noch zwei Talismane aus dem Buch der Sprüche*
(Goethe über soziale Medien)
Ueberall will jeder obenauf seyn,
Wie’s eben in der Welt so geht.
Jeder sollte freylich grob seyn,
Aber nur in dem was er versteht.
Laß dich nur in keiner Zeit
Zum Widerspruch verleiten,
Weise fallen in Unwissenheit
Wenn sie mit Unwissenden streiten.
Aus: West-östlicher Divan: Buch der Sprüche (1819)
*) Goethe über den Spruch oder Talisman:
Alles Uebel treibt er fort,
Schützet dich und schützt den Ort:
Wenn das eingegrabne Wort
Allahs Namen rein verkündet,
Dich zu Lieb‘ und That entzündet.
Und besonders werden Frauen
Sich am Talisman erbauen.
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