Kategorie: Europa

GEBET, DASS EIN KIND NICHT STERBE

Mein Gott, erhalte seinen Eltern dieses zarte Kind,
Wie du wohl auch ein Kraut erhältst im bösen Wind.
Was macht es dir denn aus – da doch die Mutter weint und fleht

Namenlose Gedichte

Am ersten Tag schuf Gott die Gräber,
hob sie aus und ließ sie trocknen
unter der Sonne.

benenn sie jetzt dichter nenn sie beim namen

wenn körper sich ihrer seele bis in die letzte pore
gewiss sind als treibgut leib und sinne eins
trotz allem die vielfarbigkeit von dreck aushalten

Zbigniew Herbert 100

ich weiß meine tage sind gezählt
es bleiben nicht mehr viele
gerade so viele daß ich es schaffe
den sand zu raffen
mit dem bedeckt wird mein gesicht

Eines und alles, all und eins

Dein Arm, der mich umschlungen,
Dein Wort, das mich umsungen,
Dein Haar, darein ich tauchte,
Dein Atem, der mich hauchte,

Von unten

In Lügen brennend lieb ich diese Welt
von Gott erleuchtet Höllendreck
in Liebe zornig lieb ich diese Welt

Ich, ein Gesamtgenie

O wie du mich verkennest,
Daß du mich Schwätzer nennest!
Ja, meine Brüder selig,
Die schwatzten unausstehlich.
Unausstehlich!

Hier gibts was zu verdienen

Kommt gebt mir was zu fressen!
Ich bin der erste große deutsche Nachkriegsdichter;
Nur fehlt mir Fett und Eiweiß.

Der serbische Olymp oder Dreifachdada

kerze schämt sich auf dem alpenkamm
herzen brechen gong kanal und lamm
platon holt noch mit dem kirchturm aus
blatt und ei und regen singen rund

Zwischen Abfluss und Ewigkeit

Wie spät ist es eigentlich sind
die Kriege schon aus oder
beginnen sie erst

Wie es auch ist

über vieles lässt sich gerade schwer schreiben
nichts Neues; kaputte Natur

Übersetzungsversuche

Hier sterben selbst die Steine,
hier ist keine Bleibe mehr.

Ich witzle und wölze mich

Laß sie doch schwadrusten, die herben Derben

Deshalb schreibe ich

Deshalb schreibe ich:
weil ich vergänglich bin und die Vergänglichkeit
ist das einzige Heilmittel, das ich besitze

Die Dichter in Berlin

das Gefälle zwischen den Generationen ist derart hoch
daß sich mit einer heute Dreihundertjährigen
für mich kaum Gesprächsstoff böte
geschweige denn für sie