Feuerkopf

876 Wörter, 5 Minuten Lesezeit.

Wolfgang Bauer 

(* 18. März 1941 in Graz; † 26. August 2005 ebenda)

Aus: Der Feuerkopf. Roman in Briefen

Lieber Heinz!

Noch immer Rio, am 3. Februar 1964

Jetzt ist der noch immer in Rio! höre ich Dich sagen. Ja. Ich bin noch immer in Rio! Aber glaube nicht, daß ich mich entschlossen habe umzukehren. Demnächst startet unsere Expedition nach Canca.

Das ist so sicher wie nur etwas! Ich sende Dir nur inzwischen einen kleinen Lagebericht.

Wie Du ja weißt, sind wir in allen unseren Unternehmungen gebunden. Finanziell einerseits an Celsia, und was den Weg nach Canca betrifft, an den Capitano. Letzterem gefällt es aber in Rio so gut, daß er beabsichtigt, noch ein paar Tage hier zu verweilen. Ihm haben es natürlich vor allem die Bordells angetan –und Du kannst Dir vorstellen, daß die gesamte Halbwelt von Rio vom doppelten Capitano begeistert ist. Schließlich ist der alte Seebär hier ja kein Unbekannter mehr. Ich persönlich bin guter Dinge, zumal ich mich mit Celsia wieder versöhnt habe, ja sogar an eine eventuelle Ehe denke! Ich würde mich natürlich von meiner Grazer Freundin offiziell trennen.

Ordnung muß sein. Ohne sie (Ordnung) könnte ja die ganze Welt zumachen. Wir sind alle in einem sehr komfortablen Hotel einquartiert. Die Bedienung (Neger!) läßt vielleicht etwas zu wünschen übrig. Aber sonst bin ich ganz zufrieden. Alex ist im Nebenzimmer einquartiert und dichtet wild darauf los. Er hat in den letzten Tagen an die hundert Maschinenschreibseiten gedichtet. Die Möglichkeit, eine Schreibmaschine zu Dichtzwecken zu verwenden, war ihm gänzlich neu. Um so mehr gefällt es ihm jetzt. Ich soll Dir (bitte sei mir nicht böse!) zwei seiner neuesten Gedichte in den Brief hereinschreiben:

RIO
Flammenwedel der Erde
Schimmernde Mulattenpupille
Eukalyptusbaum
Asphaltstraße
Zuckerhut (Wagemut)
Tropengrauer Himmel
Knochige Gesichter
Ich bin ein Dichter!

Oder:

CHAOTISCH
(Das Gedicht heißt so, ich kann nichts dafür.)
Turbulenz der Meereswellchen
Dichter Stadtverkehr
Brodelnde Menschenmenge
Die Glocke, die zum Essen läutet
Voller Speisesaal
Uppiges Mittagsmahl
Tanzbeine
Musikkapelle
Tobende Musik
Musikkapelle
Turbulenz einer Gewitternacht
Farbenpracht
Vulkane
Zuckerhut
Flammenwedel der Erde
Musikkapelle (Wagemut)
Tanzbeine
Musikkapelle
Ich bin ein Dichter!
Musikkapelle
Turbulenz der Asphaltstraße
Tropengraue Mulattenpupille
Musikkapelle
Musikpupille
Musikkapelle
Eukalyptusbaum
Dichtester Stadtverkehr
(Wagemut)
Musikkapelle
(Wagemut)
Chaotisches Rio!
Musikkapelle

Ich habe absichtlich die beiden kürzesten Gedichte ausgewählt. Bei all seiner poetischen Potenz verwendet er, wie Du siehst, in jedem weiteren »Werk« große Teile des vorangegangenen. Ich fragte ihn auch, weshalb er das Wort »Musikkapelle« immer wieder hinschreibe. Er antwortete nur mürrisch: »Stimmung!« Na bitte, er muß es ja wissen.

Gestern, und das wollte ich Dir vor allem schreiben, bummelte ich des Abends, kurz nach der Dämmerung, mit Celsia ein wenig am Strand herum. Du kennst sie ja aus meinen Briefen und weißt, daß sie stets Überraschungen bereit hat. Gestern aber schien sie sehr traurig zu sein, auch ihr Gewand verfärbte sich nur einmal, und zwar in Schwarz, und blieb dann die ganze Nacht so. Sie sagte, sie sei in Sorgen wegen der Expedition, das wäre nichts für sie. Ja, schließlich äußerte sie sogar Todesgedanken! Die konnte ich ihr aber mit meinem schon sprichwörtlichen Bummelwitz gleich wieder austreiben. Wir saßen längere Zeit im Sand und sahen in die schwarzen Fluten hinaus. Auf einmal wurden zwei weiße Punkte (vom Mondlicht beschienen) im Meer sichtbar. Offensichtlich schwammen da zwei Menschen mit weißen Kopfbedeckungen einher. Als sie in unserer unmittelbaren Nähe aus dem Wasser stiegen, sah ich, daß es ein Pärchen war.

Beide hatten die Uniformen von Bäckern an.

Schneeweiß – und stell Dir vor! – nicht einmal durchnäßt, ja noch dazu mehlbestaubt, setzten sich sich neben uns nieder. Ganz junge Dinger noch.

Er war vielleicht 28, sie aber sicher nicht älter als 17 Jahre. Sie fragte mich, auf deutsch, ja mit einem leichten kärntnerischen Akzent, wie spät es sei.

Ich sagte ihr die Zeit, worauf beide höhnisch kicherten.

Wir kamen daraufhin mit ihnen ins Gespräch.

Er war ein eher einfältiger, grobschlächtiger Mensch, sie ein recht aufgeweckter Teenager. Er hieß Hubert Fabian Kulterer und sie Karin. Wie sie noch hieß, habe ich nicht verstanden. Beide wohnten, wie sie sagten, in Canca!!

Ich sagte ihnen, daß wir, Celsia und ich und der Capitano, auch dorthin wollten.

Daraufhin wurden die beiden plötzlich ernst und Hubert Fabian fragte, ob wir überhaupt angemeldet seien.

Ich verstand ihn nicht, darauf sagte er: »Weil Sie ein Österreicher sind, kriegens vielleicht a Protektion!«

Ob er das zynisch oder ehrlich gemeint hatte, wußte ich nicht. Diesem Burschen war jedenfalls nicht zu trauen. Wäre er nicht in Canca wohnhaft gewesen, ich hätte ihn ohne Umschweife für Deinen werten und gleichnamigen Freund gehalten!

Als die beiden weggingen, sagte Karin noch: »Wir sehen uns dann also in Canca wieder. In der Bäckerei!«

In der Bäckerei?

Für heute, lieber Freund, will ich Dich mit dieser Frage entlassen.

Um so gespannter erwartest Du dann meinen nächsten Brief. Auch er wird vielleicht noch aus Rio kommen.

Tschau! (Ich erlaube mir Alex‘ Gruß zu übernehmen!) Dein Freund Frank.

Liebe Grüße auch an Karin. Ist sie den hoffentlich schon vom Schifahren zurück???

P.S. Unter mir wird sich bestimmt wieder dieser Trottel von Ulf unterschreiben! Beachte ihn nicht mehr!

Frank

Ulf

Aus: Wolfgang Bauer: Die Sumpftänzer. Dramen, Prosa, Lyrik aus zwei Jahrzehnten. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1978, S. 172ff

Hauptsächlich als Dramatiker irritierend, waren doch seine Auftritte als Lyriker, Romancier und Feuilletonist äußerst erfolgreich und populär, im gleichen Ausmaß, in dem sie die Anforderungen der Gattung jeweils nicht erfüllten.“ (Literaturverlag Droschl)

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