32. Das Bodenlose

Demus‘ anteilnehmende und in Bezug auf Dichtung, Philosophie und Kunst so feinsinnige Briefe werden Celan nach dem Weggang aus Wien nach Paris bald veranlassen, den Jüngeren mit „Bruder“ anzureden, eine Anrede, die lange Zeit von beiden beibehalten wird und in Celans gesamter Korrespondenz singulär sein dürfte. Das Einbeziehen von Demus‘ Frau Nani und kurz darauf von Gisèle Celan-Lestrange, wechselseitige Besuche der Paare, Anteilnahme an privaten Ereignissen, Buchgeschenke, Lektüreanregungen und die gelegentliche kritische Revision von Texten, aber auch Vermittlungsversuche im schwierigen Verhältnis zwischen Celan und Ingeborg Bachmann seitens des Ehepaares Demus festigen ein Vertrauen, wie es Celan in kaum einem anderen Verhältnis erfahren und geschenkt haben dürfte. Zugleich verbindet die Briefpartner ihr Außenseitertum. Wo es jedoch, wie Joachim Seng, der die Korrespondenz mit fast vierhundert Briefen herausgegeben, sorgsam kommentiert und mit einem aufschlussreichen Nachwort versehen hat, anmerkt, von Demus frei gewählt war, muss Celans Außenseitertum als ein erzwungenes verstanden werden. Die Erfahrung der Schoa unterschied und trennte ihn von der Erfahrungswelt des Freundes.

Dies mag mitbestimmt haben, was die Goll-Affäre in ihrer zerstörerischen Kraft beförderte. Claire Goll, Witwe Ivan Golls, versuchte von Mitte der fünfziger Jahre an zunächst im Privaten, dann bei Redaktionen und Personen des deutschen und französischen Kulturlebens und im Jahr 1960 mit einer Veröffentlichung in der Zeitschrift „Baubudenpoet“, Celan des Plagiats zu bezichtigen. Der Bremer Literaturpreis und der Büchnerpreis im Jahr 1960 konnten nichts daran ändern, dass Celan sich durch die ungeheure Kränkung und Kreise ziehende Verleumdung zunehmend verfolgt und bedroht fühlte und dies auch auf die Freundschaft zu Demus übertrug: „Das Bodenlose ist . . . das Bodenlose: es kommt jetzt täglich schlimmer: Ich bitte Dich herzlich, das alles sehr ernst zu nehmen. Was damit bezweckt wird, Klaus, ist deutlich: man will, für den Fall, daß ich eines Tages zur Feder greife, alles von mir Geschriebene, auch meine Gedichte, im voraus entmündigen. Klaus, lieber Klaus, ich übertreibe mit keinem Wort. Du mußt entschuldigen, daß ich mit der Maschine schreibe: ich muß, angesichts aller dieser Machenschaften, eine Durchschrift behalten“, heißt es am 10. Juli 1961. / Beate Tröger, FAZ 4.12.

„Paul Celan – Klaus und Nani Demus. Briefwechsel“. Mit einer Auswahl aus dem Briefwechsel zwischen Gisèle Celan-Lestrange und Klaus und Nani Demus. Herausgegeben und kommentiert von Joachim Seng. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009. 675 S., geb., 34,80 €.

One Comment on “32. Das Bodenlose

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    „Es gibt Augen, die den Dingen auf den Grund gehen. Die erblicken einen Grund.
    Und es gibt solche, die in die Tiefe der Dinge gehen. Die erblicken keinen Grund. Aber sie sehen tiefer.“

    Frankfurt, 13. 5. 60

    Paul Celan an Klaus Demus

    aus dem eben erschienenen Briefwechsel

    PAUL CELAN – KLAUS UND NANI DEMUS
    Herausgegeben und kommentiert von Joachim Seng, Frankfutz am Main 2009

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    gefunden: http://www.literature-online.de/thema662.htm

    =)

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