Debeljanovs schönstes, zugleich rätselhaftes wie persönliches Werk jedoch bleibt das gleichnishafte Märchenpoem „Legende von der lasterhaften Königin“, dessen einsame Heldin sich nach jenem König verzehrt, der ihr im Traum erschienen war und einen Paradiesgarten voller Liebe verhieß. Die ungestillte Sehnsucht der Königin entfacht unterdessen orgiastische Lüste, welche sie in Verzweiflung stürzen. Doch auf ihren König wird sie ewig warten.
KERSTIN HOLM. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.05.2003, Nr. 112 / Seite 32
Dimco Debeljanov: „Ich vergehe und werde geboren“. Gedichte. Aus dem Bulgarischen übersetzt und herausgegeben von Georgi Bonev. Georgi Bonev, Riedstr. 19/5, A-1140 Wien 2003. 150 S., br., 15,- [Euro].
In der NZZ vom 13.5.03 schreibt Rüdiger Görner zum 100. Geburtstag von Reinhold Schneider:
Als in der Lyrik alle Formen aufbrachen, beharrte er auf dem Sonett und brachte es in dieser Form zu gelindem Können. Dass es ihm versagt blieb, einige wirklich bedeutende Gedichte zu schreiben, war ihm selbst nur zu schmerzlich bewusst. In seinen Betrachtungen und Essays jedoch gelang ihm Grosses; in seiner erzählenden Prosa nicht minder.
Reinhold Schneider: Der Wahrheit Stimme will ich sein. Essays, Erzählungen, Gedichte. Hrsg. v. Karl-Josef Kuschel und Carsten Peter Thiede. Insel-Verlag, Frankfurt am Main 2003. 327 S., Fr. 39.50.
Der österreichische Lyriker Heimrad Bäcker ist am Abend vor seinem 78. Geburtstag gestorben. Zu seinen wichtigsten Werken gehört der zweibändige Avantgarde-Text „nachschrift“, eine lyrische Auseinandersetzung mit der Sprache des Nationalsozialismus. / dpa 10.5.03
Bäcker wurde 1925 in Wien geboren, wuchs in Oberösterreich auf und lebte in Linz. 1973 gehörte er mit Ernst Jandl zu den Mitbegründern der Grazer Autorenversammlung, die sich als Alternative zum konservativen österreichischen PEN-Club bildete.
Der promovierte Philosoph setzte sich sehr für die Förderung des literarischen Nachwuchses ein. Die von ihm gegründete Zeitschrift neue Texte, die seit 1991 von Max Droschl betreut wird, bietet den Vertretern konkreter Poesie und avantgardistischer Strömungen ein international beachtetes Forum. / News.ch .
Tagesspiegel 8.5.03 / Lyrikertreffen Münster 2303
RIO DE JANEIRO, May 7 — Waly Salomão , a Brazilian poet, died here on Monday. He was 59. …
Mr. Salomão rose to fame largely through his lyrics to songs associated with the tropicalista movement, which combines influences like American rock ’n‘ roll with traditional Brazilian rhythms. His work can be heard in several songs by Caetano Veloso, one of the movement’s founders, and in recent years he wrote lyrics for a new generation of artists. / NYT *) 8.5.03
Mohammed Dib, an award-winning Algerian novelist and poet who wrote in French, the language in which he had learned to read as a child, died on Friday at his home outside Paris. He was 82. …
Much of his poetry was in short unrhymed lines. / NYT *) 8.5.03
Ebenso: Gerrit Henry, US-Kunstkritiker und Dichter, NYT 12.5.03
Staunenswertes über die amerikanische Dichtung und Gesellschaft berichtet der Politiker (und Dichter) Dana Gioia auf einem Treffen der US-Staatsdichter (vgl. L&P 28.4.03):
Amerikas Dichter seien Teil der akademischen Subkultur. Nun aber habe der Zeitgeist sich geändert, die heutige Dichtung sei wieder Teil der Populärkultur: Gedichtbände stünden auf den Bestsellerlisten, eine vitale Bewegung habe das Land ergriffen. Die Zahl der „rituellen Orte für Dichterlesungen“, Schulen, Bibliotheken, Cafés, nehme ständig zu. Und schließlich, im Höhepunkt der Rede, erklärte Gioia: „Der amerikanische Poeta laureatus ist ein Aktivist. Er ist das kollektive Gedächtnis des Volkes.“ Gioia erhielt Standing Ovations. Es muß den Lyrikern gefallen haben, daß der oberste Wächter über die geringen staatlichen Pfründe so positiv über den Stellenwert der Dichtung in der amerikanischen Gesellschaft sprach. Zwar grummelte der eine oder andere Ehrenpoet über die angepaßte Stimmung. Doch unterm Strich war man sich einig: Amerikas Staatsdichter sind keine Rebellen.
/ FAZ 6.5.03
It is difficult to imagine a world without movies, plays, novels and music, but a world without poems doesn’t have to be imagined. I find it disturbing that no one I know has cracked open a book of poetry in decades and that I, who once spent countless hours reading contemporary poets like Lowell and Berryman, can no longer even name a living poet. …
I am part of a world that apotheosizes the trendy, and poetry is just about as untrendy as it gets. I want to read books with buzz—in part because I make my living as a ghostwriter of and collaborator on books—and I can’t remember the last book of poetry that created even a dying mosquito’s worth of hum. I am also lazy, and poetry takes work./ Bruce Wexler, Newsweek 5.5.03
Artmanns Lyrik ist überreich an Einfällen, denen sich die Unbekümmertheit der Elster in der Übernahme guter Funde gesellt. Doch er macht auch etwas damit. Die frech-böse Umdichtung der gängigen Kinderlieder legt den geheimen Sadismus und den sexuellen Spaß an der Unschuld bloß, die sie oft genug grundieren. Doch meint er das nicht als Aufklärung, eher als „schwoazzn“ Spaß. Seine Parodien und Travestien, die auch die Naturlyrik, einen besonders hehren Bezirk des deutschen Gedichts, nicht auslassen, suchen immer wieder den Kontakt mit dem Publikum. Seine Vortragskunst lässt viele Gedichte wie eine Partitur erscheinen, erst die Aufführung bringt sie zu sich. / Alexander von Bormann, FR 3.5.03
H. C. Artmann: Sämtliche Gedichte. Unter Mitwirkung und in der Anordnung des Autors hrsg. von Klaus Reichert. Jung und Jung Verlag, Salzburg / Wien 2003, 799 Seiten, 29 €.
H. C. Artmann: Auf Todt & Leben. Eine barocke Blütenlese. Hrsg. von Klaus G. Renner. Manesse Verlag, Zürich 2003, 128 Seiten, 12,90 €.
Yussuf Abu Loz : Bäume der Einsamkeit/ NZZ 3.5.03 – – – Thomas Rosenlöcher : Echo/ FAZ 3.5.03 – – – Paul Celan: Du liegst im großen Gelausche/ Berliner Morgenpost 3.5.03 (Rolf Schneiders Berliner Anthologie)
Was für ein herrliches Vergnügen: mal nicht ein Buch im Alleingang und mit vielen Mühen zu machen, sondern schnell, einfach, witzig und mit vielen interessanten Menschen davon träumt man immer. Und seit gestern können wir sagen: Wir haben es vollbracht! Das ist nur möglich geworden durch die viele Arbeit, die sich die guten Menschen der Landpresse, des Literaturhauses Köln und der Stiftung Lesen gemacht haben: eine ganz großartige logistische Leistung! Chapeau und Handküsse zuhauf!
Das auch optisch schön gemachte Buch kam wie geplant im Speisewagen hier in Basel an und wurde gleich von drei Ursen in Empfang genommen (das war selbst für Schweizer eine sehr unübliche Dichte): Urs Allemann, seines Zeichens Redakteur der Basler Zeitung, Urs Engeler, beteiligter Lektor, und Urs Näf, ein uns ansonsten unbekannter Freund der Literatur, der durch eine Meldung in den Kulturnachrichten im Schweizer Radio angelockt worden war, sowie ein Martin, nämlich Martin Zingg, Herausgeber der Basler Literaturzeitschrift „Drehpunkt“ Michael Stauffer, beteiligter Autor, war durch seine Grippe nicht daran gehindert worden, einen Beitrag in den frühen Morgenstunden zu schreiben, aber dann doch zu bettlägerig, den Weg von Biel nach Basel zu unternehmen. Er wurde würdig durch Urs Allemann vertreten, der die Lesung des Staufferschen Textes mit Aplomb und stupend japanischer Intonation auch gegen den Güterzugverkehr im Badischen Bahnhof übernahm. Die Runde setzte die Lesung weiterer Texte und es gibt wahrlich viel in diesem sehr erstaunlichen Buch zu entdecken! bei Weizenbier und in enthusiasmierter Stimmung fort.
Wer’s verpasst hat: so etwas kommt so schnell nicht wieder!
Und allen, die es möglich gemacht haben: Ganz toll!
Sehr erfreut
Urs Engeler
Mehr zu dieser Aktion zum Welttag des Buches:
http://www.schnellstes-buch-der-welt.de/
Urs Engeler, der Lyrikverleger, der in Weil am Rhein die Zeitschrift „Zwischen den Zeilen“ herausgibt:
Urs Engeler Editor
http://www.engeler.de/
Lyrik nicht finanzierbar?
/ 1.5.03
NZZ befragte drei bulgarische Lyriker nach ihrem Verhältnis zur Macht:
die «grosse alte Dame» Blaga Dimitrowa (geboren 1922); Ljubomir Levcev (geboren 1935) mit seiner doppelten Karriere; Mirela Iwanowa (geboren 1962), die populärste Lyrikerin jüngerer Zeit
Über Blaga Dimitrowa heißt es:
Der neue Weg ist bald eine Sackgasse. Die neue Gesellschaft? Ein Spiegelbild sowjetischer Verhältnisse. Blaga Dimitrowa probt Abkehr, Umkehr, sie erleidet Phantomschmerz und Ächtung des Renegaten. «Um nichts, was mein ist, bänglich zittern», ermuntert sie sich 1960, «nichts verschliessen hinter Schweigen.» Später wird sie zur Galionsfigur der Opposition – eine gütige Frau mit leuchtend blauen Augen. Ein Kaktus in der Wüste sei sie gewesen, urteilt Ljubomir Levcev über die Poetin. Ihre Bilanz nach den Jahrzehnten im System des ewigen Superlativs: «Ich glaubte an den reinsten Glauben, / ich loderte mit der loderndsten Flamme: / Wie oft stellte ich mich auf Zehenspitzen, / um die höchste Latte einmal zu überspringen. / Ich weiss nur nicht, warum / meine Verse am traurigsten klangen / und immer trauriger, bis zum Ende.»
Blaga Dimitrowa: Narben. Gedichte aus vierzig Jahren und zwei Essays. Aus dem Bulgarischen von Rumjana Zachariewa und Thomas Frahm unter Mitarbeit von Jana Walkova-Link. Avlos-Verlag, Siegburg 1999. 143 S., Fr. 18.-.
Mirela Iwanowa: Einsames Spiel. Aus dem Bulgarischen übersetzt und herausgegeben von Norbert Randow. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2000. 46 S., Fr. 24.70.
(Weitere Titel mit Übersetzungen im NZZ-Beitrag, 28.4.03)
The New Yorker vom 28.4.03 gibt im Netz vier Kurzkritiken zu neuen Lyrikbänden, darunter von Les Murray und Tom Sleigh:
Far Side of the Earth, by Tom Sleigh (Houghton Mifflin; $22).
Always learned and formally adept, Sleigh, in his fifth collection, revs both diction and syntax to produce his best work yet. Despite the linguistic extravagance, the results are pleasingly transparent, and what might have remained merely virtuosic here attains real depth. A sequence of poems about September 11th asserts the importance of poetry itself, by translating a four-thousand-year-old Sumerian lamentation on Ur (“Our country’s dead / melt into the earth”) and a spell from Greek magical papyri, which announces, “This is the charm that will protect you.”
Sleigh und andere (darunter Martin Espada und Frieda Hughes) werden auch in der NYT vom 20.4.03 besprochen.
31 „gekrönte“ oder auch Staatsdichter amtieren zur Zeit in US-Bundesstaaten, und 14 davon plus 2 Emeriti trafen sich in Manchester, New Hampshire, zu einem Treffen über Poesie und Politik, berichtet die New York Times am 28.4.03:
„I’m finding this event curiously nonpolitical,“ [one] woman said. „Martin Luther King didn’t just spout poetry and racism was finished.“
Mr. Woiwode countered that poetry was crucially inspirational. The American Indians living near him in North Dakota „get stirred up when Martin Luther King is heard,“ he said. Another questioner wondered, „I want to know how to get a poem to Condoleezza Rice?“ No one had an answer.
Der israelische Lyriker Aharon Shabtai veröffentlichte ein zorniges Buch mit dem sprechenden Titel „J´accuse“, Gedichte, die sich mit der israelischen Politik auseinandersetzen. Siehe Edward Hirschs Kolumne „Poet´s choice“, The Washington Post vom 27.4.03
„J’Accuse,“ by Aharon Shabtai. Translated from the Hebrew by Peter Cole. New Directions
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