Veröffentlicht am 24. Februar 2004 von rekalisch
Von Trunkenheit ist allerorts die Rede bei Rumi, dem Gründer des Ordens der tanzenden Derwische, doch die Trunkenheit des Leibes bedeutet nichts gegen die Trunkenheit der mystischen Seele. „Im Kelch, den ich ergreife, ist Wein von lauterem Lichte.“ Trunken vom Lichte Gottes, entdeckt der Sänger auch in den reizvollsten irdischen Erscheinungen kaum mehr als symbolische Surrogate des Überirdischen. Man hat die mystische Tradition gern zum Nachweis einer diesseitigen, daseinsfrohen, ja freizügigen Strömung im Islam herangezogen. Liest man Rumis Gedichte in Bürgels Ausgabe, dann wird diese Vermutung nicht unbedingt bestätigt. Man ist geneigt, das erotische Sehnen oder Verlangen als Deckfigur eines umfassenderen, nämlich religiösen Verlangens aufzufassen. Doch dieser Schein könnte auch trügen. / Christoph Bartmann, SZ 23.2.04
DSCHLAALUDDIN RUMI: Gedichte aus dem Diwan. Ausgewählt, aus dem Persischen übertragen und erläutert von Johann Christoph Bürgel. Verlag C. H. Beck, München 2003. 144 S., 19, 90 Euro.
Veröffentlicht am 24. Februar 2004 von rekalisch
Passend zu Nr. 74:
Am Anfang war das Wort? Nein, am Anfang war die Zahl, ist man geneigt zu glauben, wenn man die geniale Ausstellung durchwandert, die den Verstand und die Sinne gleichermaßen anspricht. Viele Zahlen haben, im Christentum wie im Judentum, eine religiöse Bedeutung. Gleichwohl spielen in „10 + 5 = Gott. Die Macht der Zeichen“ Buchstaben eine nicht minder wichtige Rolle. Jeder Buchstabe des hebräischen Alphabets ist mit einer Zahl verbunden. Die Rechnung im Titel der Ausstellung geht folgendermaßen auf: Der Buchstabe für Zehn ist Jod, der für Fünf ist He. Jod He ist zugleich der auf zwei Buchstaben verkürzte Name Gottes.
…
Auch die Ausstellung über „Die Macht der Zeichen“ bewahrt sich eine geheimnisvolle Aura. Je mehr Informationen man erhält, desto mehr will man erfahren. Ganz nach der jüdischen Tradition: Danach ist derjenige am ärmsten dran, der nicht zu fragen versteht. / Uwe Sauerwein, Berliner Morgenpost 25.2.04
Jüdisches Museum, Lindenstr. 9-14, Kreuzberg. Tel.: 25 99 33 00. Bis 27. Juni, Di – So, 10 – 20 Uhr, Mo, 10 – 22 Uhr. Katalog 24,90 Euro
Mehr:
SZ 28.2.04 (in der Ausstellung, erfährt man, erweist sich die beklemmende Berechtigung des düsteren Blicks von Edmond Jabès (Nr. 74): da ist davon die Rede, daß die Ausstellung, „im Blick auf Göttingen um 1900, das notwendige Dementi der angeblich „jüdischen Mathematik“, die für Formalismus und Mengenlehre verantwortlich sei“ leiste.
taz 28.2.04
Die „Jüdische Allgemeine“ vom 26.2. druckt zwei Taxte aus dem Katalog über „Ziffern und Zeichen in der jüdischen Lehre“.
Veröffentlicht am 23. Februar 2004 von rekalisch
Der Lyriker Steffen Jacobs wurde 1968 geboren. Das war kein Jahr für Gedichte. Wer von den ästhetischen Richtern damals noch die Produktion solcher Frivolitäten gestattete, der forderte, ein Gedicht dürfe nicht wie ein Gedicht aussehen. Alles, was Europas Kultur an Versmaßen, Rhythmen, Strophen, Reimen (oder dem Verbot derselben) zusammengetragen hatte, um die poetische von der prosaischen Rede zu unterscheiden, wurde vom Tisch gefegt. Das klassische Gedicht war nur noch in zwei Nischen anzutreffen: die eine war von den humoristischen Formalisten bewohnt, die andere von den kabarettistischen Kommunisten.
Als Steffen Jacobs zwanzig war, war der Kampf um die Form des Gedichtes ausgekämpft. Die Humoristen und die Kommunisten hatten gesiegt. Sonette und Terzinen, Hexameter und spanische Trochäen waren zurückgekehrt, als hätte es Paul Celan und Erich Fried nie gegeben. / Martin Mosebach, Die Welt 21.2.04
Steffen Jacobs: Angebot freundlicher Übernahme. Zweitausendeins, Hamburg. 128 S., 16,90 EUR.
Gedichte von 1968: Ingeborg Bachmann: Enigma; Paul Celan: weißgeräusche, gebündelt; Volker von Törne: auf dem boden des grundgesetzes; Rolf-Dieter Brinkmann: Selbstbild im Supermarkt; Elke Erb: Das Flachland vor Leipzig; Ernst Jandl: Florians Eltern; Kurt Bartsch: Chausseestraße 125; Max Hölzer: Der Tag an dem mein Freund Johannes Bobrowski gestorben ist; Günter Eich: Abgelegene Gehöfte; Max Bense: Wahrnehmungen; Reinhard Lettau: Wie entsteht ein Gedicht (Der Dichter Peter Rühmkorf); Erich Jansen: Bukarester Elegie; Wulf Kirsten: Landgasthof; Günter Kunert: Berühmtes Subjekt; Reiner Kunze: Sensible Wege; Volker Braun: Regierungserlaß; Inge Müller: Gammler… dies nur mal als schneller Rundumblick. Kein Jahr für Gedichte? Auch wenn das aus jedem Proseminar und jedem Feuilleton-Rundumblick tönt, könnte man dazu übergehen, die Bücher und Zeitschriften des Jahres selber zu lesen. Ein gutes Jahr für Gedichte! Mit Brecht: Weite und Vielfalt! (Wenn Steffen Jacobs auf dies Klischee-Argument angewiesen wär, es sähe trübe aus!)
Für mich war 1968 ein Anfang in Sachen Lyrik: und was für einer! In diesem Jahr erschienen (neben den Heften bzw. Bänden von Bernd Jentzschs Poesiealbum und der Weißen Reihe von Volk und Welt) die Anthologien „Welch Wort in die Kälte gerufen. Die Judenverfolgung des Dritten Reiches im deutschen Gedicht“; „Saison für Lyrik. Neue Gedichte von siebzehn Autoren“; „Menschheitsdämmerung“ (bei Reclam Leipzig für 2,50 M, schülerkompatibel) … Stoff genug, Labyrinth genug für ein Leben.
Veröffentlicht am 23. Februar 2004 von rekalisch
Der Herausgeber und Dichter Frederick Morgan starb im Alter von 81 Jahren in New York. Aus dem Nachruf der NYT *) vom 23.2.04:
The magazine, The Hudson Review, had no academic affiliation, political ideology or backing beyond its founders‘ bank accounts. But Mr. Morgan and his partners, Joseph Bennett and William Arrowsmith, had eclectic tastes and were willing to experiment. The first issue featured an essay by R. P. Blackmur on Dostoyevsky and poetry by Wallace Stevens and E. E. Cummings.
In 1950 Mr. Morgan, to the dismay of many colleagues, visited the poet Ezra Pound in a mental hospital, where he had been confined after being accused of treason for broadcasting propaganda for Mussolini during World War II. At Pound’s urging, Mr. Morgan began to publish more international literature and translations.
Gedicht „The Dream“, Philadelphia Inquirer 29.2.04
Veröffentlicht am 23. Februar 2004 von rekalisch
Da fiel mir ein wie die Deutschen 1944 an unserem Haus vorbeimarschierten Wie alle Leute auf dem Gehsteig standen Sie aus dem Augenwinkel beobachteten, Die Erde bebte, der Tod ging vorbei . . . Ein kleiner weißer Hund rannte auf die Straße Und geriet den Soldaten zwischen die Beine Ein Tritt ließ ihn fliegen als hätte er Flügel. Das ist’s was ich immer wieder sehe! Nacht sinkt nieder. Die weißen Flügel eines Hundes.
Aus einem Gedicht des Serbo-Amerikaners Charles Simic. Keto von Waberer huldigt ihm in Die Welt 21.2.04 („Man sieht nur mit Gedichten gut“)
Veröffentlicht am 23. Februar 2004 von rekalisch
(von David M. Bader) hier (Leseproben) / 23.2.04
Veröffentlicht am 23. Februar 2004 von rekalisch
„Are those beets your dog’s eating?“
„No, it’s a Jew who fell down in the snow.“
„They could find some other place to faint instead of my sidewalk.“
Im Februar 1944 wurde der Dichter Max Jacob in Paris von den Nazis verhaftet. Er starb in einem Konzentrationslager. In seiner Kolumne Poet´s Choice präsentiert Edward Hirsch Texte von Max Jacob (Washington Post * 22.2.04)
William Kulik’s translation of „The Yellow Star Again“ appears in „The Selected Poems of Max Jacob,“ edited and translated by William Kulik. Oberlin College Press. Copyright © 1999 by Oberlin College.)
Seine Prosagedichte erschienen einst – längst verriffen – bei Suhrkamp (Der Würfelbecher/ Höllenvisionen). Heute sind nur zwei Bände mit Schriften in Kleinverlagen lieferbar. Entsorgte Vergangenheit. Allmählich verlieren wir das Bewußtsein/ von unseren Verlusten, und so leiden wir/ an Knappheit keinen Mangel. Günter Kunert (Zeileneinteilung unsicher, da ausm Gedächtnis; ich glaube, aus dem Band „Unterwegs nach Utopia“, der in der DDR in einer – vermutlich auch um dieses Gedicht – gekürzten Fassung erschien). Was hat jenes mit diesem zu tun, werden sie sagen.
Veröffentlicht am 23. Februar 2004 von rekalisch
Ein Ereignis der Popgeschichte vermeldet die Berliner Morgenpost vom 23.2.04:
[Brian] Wilson dachte daran, diese Welt von ihrer Schuld zu reinigen, und ihre Menschen weise Kinder sein zu lassen. Natur, Gesundheit und Amerika. Er ließ sich Seesand unter seinen Flügel schütten, es gab Marihuana, Van Dyke Parks schrieb sonderbare Poesie zur seltsamen Musik. Als Paul McCartney neugierig dazustieß, durfte er im Takt in eine Möhre beißen. „Smile“ sollte die Popmusik verändern und das größte Album aller Zeiten werden. Monate nachdem das Vorhaben gescheitert war, lösten die Beatles das Versprechen ein mit „Sgt. Pepper“.
Nach 37 Jahren gab es in London die konzertante Uraufführung des rekonstruierten „Smile“.
Auch in Die Welt 23.2.04
Veröffentlicht am 23. Februar 2004 von rekalisch
Am 23. Februar vor 100 Jahren starb Friederike Kempner, die unfreiwillig (?) zur (komischen) Klassikerin wurde. Aber wem gelingt es schon, Zeilen zu schreiben, die hundert Jahre später immer noch im Gedächtnis vieler haften?
Artikel der BLZ, 23.2.04
Ihre Gedichte bei gutenberg.de
Leseprobe
Auch Goethe war nicht unfehlbar,
Was auch die Goethe-Jünger meinen:
Was sich nicht schickt, schickt sich für keinen,
Für jeden das, was recht und wahr.
***
Anarchisten*
Anarchisten, seid Ihr Geister
Aus der Hölle tiefsten Gründen?
Ist der böse Euer Meister,
Wollt die Menschheit Ihr anzünden?
Bringt Ihr eine Feuerflut?
Ach, Ihr wißt nicht, was Ihr tut!
Kehret in Euch – Recht und Ehre
Sind des Weltalls große Lehre,
Wie der Wahn Euch auch betöre,
Kehrt zurück zu Recht und Ehre!
Scheußlich ist der Meuchelmord,
Furien weilen an dem Ort!
Scheußlicher ist: Feuer zünden,
Ist die ärgste aller Sünden –
Höllenstrafen zu verkünden,
Konnte man nichts Schlimmres finden!
Gift und Mord und Feuerbrand
Sind verdammt von Land zu Land!
Was die Leidenschaft auch meinet,
Was dem Wahnwitz richtig scheinet.
Kehrt zurück zu Recht und Ehre,
Merkt Euch der Geschichte Lehre:
Niemals nützlich war der Mord:
Und es gibt ein ew’ges Dort!
* Geschrieben nach der Ermordung Garnots.
Veröffentlicht am 23. Februar 2004 von rekalisch
Unerwartet groß war am Freitag auf dem Weimarer Hauptfriedhof das letzte Geleit für eine Frau, um die es in den letzten anderthalb Jahrzehnten sehr still geworden war. Es galt der Anfang Februar kurz nach ihrem 93. Geburtstag gestorbenen Lotte Fürnberg, Witwe des Dichters Louis Fürnberg, von dem heute so manch einer nicht mehr weiß, als dass er das Lied schrieb von der Partei, die immer Recht hat.
Die Trauergemeinde hörte Fürnbergs Stimme mit seinem „Traumlegendchen“ von der Stadt der guten Gesellen, in der mit silbernen Schellen ein schönes, menschengerechtes Leben für alle ausgeläutet wird. Liest man es heute, dann versteht man tiefer, was Stephan Hermlin 47 Jahre zuvor an gleicher Stätte, als nahe der Weimarer Dichtergruft Louis Fürnberg begraben wurde, gemeint hatte mit dem Satz, diese Dichtung sei auch aus einer „großen Bängnis“ gekommen – aus dem Wissen um die Zerbrechlichkeit und den blutigen Missbrauch der Utopie: „Ach, ich hab den Traum im Traum erkannt.“ / Volker Müller, BLZ 23.2.04
Meldung von Radio Prag
Veröffentlicht am 22. Februar 2004 von lyrikzeitung
2 sind 1
3 & 4 sind 1
1 wird 2
2 wird 3
Maria die Jüdin war eine Alchimistin im hellenistischen Ägypten. Sie soll die Grundlagen unseres chemischen Wissens gelegt haben. Manche bezeichnen sie als „Mutter der Kunst“. Das obenstehende Zahlengedicht ist ihr einziger überlieferter Text.
Es erinnert, schreibt Jerome Rothenberg in der Anthologie „Exiled in the Word. Poems & Other Visions of the Jews from Tribal Times to Present“, Washington 1989, „an e.e. cummings´ Beschreibung der Strategie des Dichters: zu behaupten, daß zwei mal zwei fünf sind. Oder Edmond Jabès über eine spezifisch jüdische poesis: ´Die Zahl 4´, sagte er, ´ist die Zahl unseres Untergangs. Haltet mich nicht für verrückt. Die Zahl 4 ist gleich 2 mal 2. Es ist diese obsolete Logik, in deren Namen man uns verfolgt. Denn wir behaupten, daß 2 mal 2 auch 5 sind, oder 7, oder 9. Man muß nur die Kommentare unseres Gelehrten nachschlagen, um das bestätigt zu finden. Nicht alles ist schlicht und einfach [simple in simplicity]. Man haßt uns, weil wir nicht in den simplen Rechenaufgaben der Mathematiker aufgehen.´ (Das Buch der Fragen, S. 92).“
Hier enthülle, schreibt Rothenberg weiter, die Gleichung der russischen Dichterin Marina Zwetajewa ihren Sinn: Alle Dichter sind Juden.
Edmond Jabès wurde 1912 in Kairo geboren und während der Suezkrise 1956/57 wie viele Juden aus Ägypten ausgewiesen. Er starb 1991 in Paris.
Veröffentlicht am 21. Februar 2004 von rekalisch
Der (Achtung!) deutsche Surrealist (!!) K.O. Götz, 1914 in Aachen geboren, wird am 22.2.04 90. Ja, obwohl es in deutschen Literaturgeschichten und Anthologien fast nicht vorkommt, gibt es das! (Nennen wir mal Max Hölzer, Unica Zürn, Anneliese Hager, Johannes Hübner, Lothar Klünner, Richard Anders). Hier ein Artikel der Sächsischen Zeitung (21.2.04):
1933 schuf er erste abstrakte Arbeiten; 1935 begann er mit seinen Spritzbildern – lange vor Jackson Pollock. Der blutjunge K. O. Götz wurde mit dem Mal- und Ausstellungsverbot der Nazis belegt, wagte sich aber auch während seiner Soldatenzeit an abstrakte Kompositionen. Dass er 1940/41 in Dresden Dienst tun musste, geriet dem jungen Maler zum Nutzen. Er absolvierte ein Semester an der Dresdner Kunstakademie und schloss Freundschaft mit Otto Dix, Will Grohmann und Edmund Kesting.
Götz gründete 1959, im Jahr seiner Teilnahme an der Documenta II, gemeinsam mit Otto Greis, Heinz Kreutz und Bernard Schultze in Frankfurt/Main die Gruppe Quadriga. Das innovative Quartett arbeitete im Geist des Tachismus, den K. O. Götz in der großen Strömung des Informel aufgehen ließ – mit seinen genial gesetzten und kühn die Leinwände beherrschenden Pinselzügen. …
1999 schrieb Götz 121 surreale Gedichte über Maler und Malerinnen, die seinen Lebensweg gekreuzt oder gar begleitet haben.
… K. O. Götz ließ seinen Schülern alle erdenkliche Freiheit der Entfaltung; er hat die verschiedenen Temperamente erkannt und sie zu unorthodoxen Wegen ermutigt. „Gonschior, machen Sie daraus einen Knüller, machen Sie ein großes Format.“ Nicht etwa Pinselschriften oder Bildstrukturen vermittelte Götz seinen Schülern, sondern, so Franz Erhard Walther, Haltung und ein klares Verhältnis zur Kunst. „Richter, das müssen Sie weglassen“, empfahl Götz, als es um ein allzu surrealistisches Detail ging.
Bis 18. April 2004 im Museum Küppersmühle Duisburg, Philosophenweg 55, geöffnet Mi. 14–18, Do. 11–18, Sbd./So. 11– 18 Uhr; Katalog 20 Euro
Hier kann man die handgeschriebenen Kollegengedichte (103!) im Faksimile sehen. Darunter z.B.: Marcel Duchamp, Otto Dix, Joseph Beuys, Asger Jorn oder Lucebert. Ein Gedicht beginnt so:
Für Elke Starke
Ossip und Nadeshda
Mandelstam haßte Uhren,
er hat nie eine besessen.
Unbeweglich die Zwiebel der Zeit.
Was ist schon ein Ziffernblatt:
Ein Schnurrbart krabbelt über einen Teller (Mandelstam)
Seitdem Ossip im Jahre 1934
ein wahrlich kritisches Gedicht über den
Kremelbergbewohner mit den dicken fetten
Würmerfingern
losgelassen,
schwebt über ihm die Todesstrafe.
Die Zähmung eines unsichtbaren Würfels
war nicht seine Art.
(…)
Hier die Gesamtausgabe im Rimbaud Verlag.
Hier Bilder des Malers.
Hier ein Bericht des hr, wie der fast blinde Maler immer noch malt.
Weitere Artikel: Rolf-Gunter Dienst, FAZ 21.2.04 (Offline) / Gotthard Knapp, SZ 21.2.04:
Einer der letzten Zeugen des Informel, der Maler und Lyriker Karl Otto Götz, wird am Sonntag 90 Jahre alt …
Fast neun Jahre seines Lebens hat der junge K. O. Götz – nach seinen ersten bildnerischen Versuchen – beim Militärdienst und anschließend als Soldat im Krieg totgeschlagen. Dass dabei, trotz Malverbot, Zeit blieb für intensive Experimente mit abstrakten Filmen und Fotogrammen, kommt dem Nachgeborenen wie ein Wunder vor. Im großen allgemeinen Aufbruch der abstrakten Malerei nach dem Krieg hat Götz mit seinem zunächst abstrahierenden, dann dynamisch freien gestischen Malstil rasch internationale Anerkennung gefunden. Als einziger Deutscher wurde er 1949 in die internationale Gruppe „Cobra“ aufgenommen, und 1952 hat er die deutsche Gruppe „Quadriga“ mitbegründet.
Veröffentlicht am 21. Februar 2004 von rekalisch
Mit diesem Begriff des rumänischen Avantgardisten M. Blecher (1909-1938, –> 23, L&P 9.2.04) beschreibt der aus Rumänien eingewanderte Lyriker, Erzähler und Essayist Richard Wagner Aspekte unserer medialen (Non)Existenz:
Wir leben in einer visuellen Gesellschaft. Menschen gehen zu Empfängen, um dort, wie sie sagen, ihr Gesicht zu zeigen. Gleichzeitig wirkt ein Gesichtsverbot, das der Islam den Frauen auferlegt, um sie als Teilhaber der allgemeinen Belange auszuschalten. Es gibt das Verbergen des Gesichts im Fall der Zapatisten oder in der Vermummung des Schwarzen Blocks, auf den Demos. Die Zapatisten und die Autonomen entziehen sich damit nicht nur der Ordnung, sondern auch dem Gesetz. Wer nicht gesehen wird, der untersteht nicht den Normen, der Gerichtsbarkeit. Als Folge besteht ein Vermummungsverbot. Vermummt treten aber auch die Polizeikräfte auf, speziell die Sondereinheiten. Sie begeben sich jeweils auf das Terrain ihrer Gegner, um diese besser bekämpfen zu können, wie sie behaupten. Damit erscheint auch der Gesetzeshüter verdeckt.
Nichts ist mehr an seinem Platz, wir leben mit ständig changierenden Bedeutungen. Es herrscht «unmittelbare Unwirklichkeit» (M. Blecher). / NZZ 21.2.04
Veröffentlicht am 21. Februar 2004 von rekalisch
Über den schwedischen Lyriker Bengt Emil Johnson (geboren 1936 in Saxdalen, Dalarna) schreibt Lukas Dettwiler, NZZ 21.2.04:
Als langjähriger ehemaliger Mitarbeiter des Schwedischen Rundfunks präsentiert er auf dem Kulturkanal P2 in seiner Sendung «Voljär» (Voliere) weiterhin monatlich eine Vogelstimme (unter http://www.sr.se/p2/p2pippi/arkiv.stm im Internet zu hören). Hier, im Gedicht «Pfingstvögel», läuft ein Gelbspötter französischen Philosophen rhetorisch den Rang ab.
Im Volksglauben war der Zaunkönig Gottes Vogel,
die Elster hatte Kontakt mit dem Teufel persönlich.
Über den Gelbspötter hat Tillhagen nichts zu berichten.
Die Mönchsgrasmücke hiess Einsiedler unter den Bauern,
Hortling verzeichnete Dutzende Namen des Eichelhähers.
Ein gelbbauchiger Bastard . . . mochte er heissen,
der Virtuose, der jetzt wieder zu den Erlen beim
alten Kartoffelkeller zurückkehrte. Ja, gewiss,
er hat sich gemacht im Winter am Äquator . . .
Grosszügig verteilt er das Leihgut, montiert
das Zitat zur persönlichen Komposition.
Hippolaïs icterina – du warst ein Postmodernist
lange vor allen französischen Philosophen!
«Ich glaube nicht, ich höre», sagt der Lyriker Johnson, der als Kind schon eine Art Plaudereien über die Natur zu schreiben begann.
Hier sein Gedicht „Kleine Abhandlung über das Schreiben“
Veröffentlicht am 21. Februar 2004 von rekalisch
Ein intimes Verhältnis zu ihrer Sprache pflegen die Isländer, die, wenn sie denn wollten, mittelalterliche Prosa fast ebenso mühelos lesen könnten wie die Tageszeitung. Fremdwörter halten sie von ihrer Sprache fern, für neue Phänomene suchen sie nach eigenständigen Lösungen. So schuf vor bald fünfzig Jahren ein Professor ein isländisch-englisches Spezialwörterbuch der Flugzeugsprache. Ob sich ein Wagemutiger findet, um das Werk ins 21. Jahrhundert hinein fortzuführen, bleibt abzuwarten. Die technische Terminologie des 20. Jahrhunderts hat man vollständig islandisiert. Der Computer ist weiblichen Geschlechts und wird «tölva» genannt, was sich auf «völva» reimt – die Seherin, die Frau mit dem Zauberstab, die in einem tausend Jahre alten Gedicht dem Götterchef Odin (deutsch: Wotan) das Schicksal der Götter und Menschen prophezeite. / Aldo Keel, NZZ 21.2.04
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