57. Premia Bohemica

Für seine Verdienste um die tschechische Literatur erhält der Übersetzer und Lyriker Reiner Kunze den Preis „Premia Bohemica“. Kunze hat Werke von über 60 tschechischen Autoren übersetzt, darunter Jan Skácel und Jaroslav Seifert.

Reiner Kunze
„Wo wir zu Hause das Salz haben“
Nachdichtungen
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2003 ISBN 3100420233,
Gebunden 370 Seiten, 16,00 EUR

/ 19.3.04

56. Jeannie Ebner gestorben

Die österreichische Schriftstellerin Jeannie Ebner ist im Alter von 85 Jahren gestorben. Ihr Gesamtwerk umfaßt mehr als 4000 Druckseiten. 1993 erschienen „Sämtliche Gedichte 1940-1993“. Erst kürzlich wurde mitgeteilt, daß die Stadtbibliothek Wien ihr literarisches Archiv erworben hat.

NZZ 19.3.04 / Der Kurier 17.3.04 / Wiener Zeitung vom 18.3.04

55. Passion Hölderlin

Fernsehtip: Passion Hölderlin, 01:10 Uhr arte, Dokumentarfilm (D, 2003) über sechs „Hölderlin-Süchtige“. Sie erzählen, was sie dazu veranlasst, sich exzessiv mit dem Dichter (1770-1843) auseinander zu setzen. / 18.3.04

54. All think what other people think (Anthologie)

The Scholars

Bald heads, forgetful of their sins,
Old, learned, respectable bald heads
Edit and annotate the lines
That young men, tossing on their beds,
Rhymed out in love’s despair
To flatter beauty’s ignorant ear.

All shuffle there, all cough in ink;
All wear the carpet with their shoes;
All think what other people think;
All know the man their neighbour knows.
Lord, what would they say
Did their Catullus walk their way?

— William Butler Yeats

[this „Wandering minstrels“ poem is archived, accessible and awaiting your comments at]

http://www.cs.rice.edu/~ssiyer/minstrels/poems/1482.html

Der Gelehrte

Der Kahlkopf keiner Schuld bewußt,
Alt´, weis´, ehrwürdiger kahler Kopf
Ediert und annotiert den Vers,
Den jung der Dichter im Lotterbett
In Liebeskummer einst ersonnen,
Um der Geliebten beizukommen.

Er hustet Tinte, er schleicht und schlurft;
Sein Fuß nur Teppichboden berührt;
Er denkt was jeder andre denkt;
Er kennt wen auch sein Nachbar kennt.
Oh Herr, wie würd er stammeln,
Käm sein Catull gegangen.

/ 18.3.04

53. Michael Hamburger 80

Fast alle Gedichte Hamburgers sind Verlauf- und Verlern-Gedichte. Verlust-Gedichte. Die Balance der Sätze, oft über viele Zeilen schwebend, bricht, Kunst löst sich kunstvoll auf in Natur; denn Sterben ist ja nur ein anderes Wort für Natur. Ach, Wörter, Wörter.
„Lebt wohl, Wörter“, heißt es 1968 in Envoi, einem seiner berühmtesten Gedichte, das er selber ins Deutsche übersetzt hat. „Lebt wohl, Wörter. / Ich mochte euch nie,/ der ich Dinge und Orte mag und / Leute am liebsten mit geschlossenem Mund. / … / Das mag ich an euch, Wörter. / Selbstzerstört, selbstaufgelöst / werdet ihr getreu. /… / Lauft, dann folge ich euch, / um euch nie einzuholen. / Kehrt um, dann laufe ich. / Also lebt wohl.“ …

In seinem literaturhistorischen und -theoretischen Hauptwerk Wahrheit und Poesie von 1969 (in vielem ein Pendant zu Hugo Friedrichs Struktur der modernen Lyrik), hat er, von Baudelaire bis zum Existenzialismus, den Prozess der großen Desillusionierung oder Sprachentzauberung nachgezeichnet. An dessen Ende, in immer neuen Anfängen und Aufbrüchen, das eigene Werk steht: „String of beginnings, a lifetime long“ – „Faden der Anfänge, lang wie ein Leben…“/ Benedikt Erenz, Die Zeit 13/2004

Michael Hamburger, 1924 in Berlin geboren und 1933 mit der Familie ins englische Exil gegangen, wurde ein englischer Dichter. Selbstverstümmlung der deutschen Kultur. 1943 veröffentlichte er seine Hölderlinübertragungen.

Interview with the poet
Michael Cerhah in Der Standard, Wien 1997
Ein Gedicht mit Übersetzung und Kommentar bei satt.org
Ein Hölderlin-Gedicht, übersetzt von Erich Fried
Michael Hamburger bei Zwischen den Zeilen
Lines On Brueghel’s „Icarus“
Petrarca-Preis
Was hat Michael Hamburger mit Aleister Crowley zu tun?

52. Mein Gedicht ist mein Gesicht. Kosovel 100

«100 Jahre nach mir wird keine Rede von mir sein», notierte Kosovel lakonisch ins Tagebuch, um an anderer Stelle ironisch-selbstbewusst zu vermerken: «Für immer bleib ich / Srecko Kosovel. Bohémien. / Srecko Kosovel. / Dornen ums Herz / aber Efeu um die Stirn.» Mit dem Efeu, um nicht zu sagen Lorbeer, sollte er Recht behalten. Weit über Slowenien hinaus gilt Kosovel als sensibler Landschaftsdichter und kühner Avantgardist, als Inbegriff eines früh vollendeten Genies, das nicht aufhört, anzuregen und zu faszinieren.

Als Kosovel mit zweiundzwanzig Jahren an Meningitis starb, hinterliess er rund 1400 Gedichte, ferner Prosatexte, Theaterentwürfe, Essays, Briefe und Tagebücher – sowie Notizen zu einem Lyrikband. / Ilma Rakusa, NZZ 18.3.04

Srecko Kosovel: Mein Gedicht ist mein Gesicht. Erfindung einer orphischen Landschaft. Auswahl, Übersetzung aus dem Slowenischen von Ludwig Hartinger. Holzschnitte, Federzeichnungen von Christian Thanhäuser. Edition Thanhäuser, A-Ottensheim an der Donau 2004. 172 S., Euro 30.-.

Auf Slowenisch ist erschienen Srecko Kosovel: Ikarjev sen (Der Traum des Ikarus). Dokumente, Handschriften, Zeugnisse. Herausgegeben von Ale_ Berger und Ludwig Hartinger. Mladinska knjiga, Ljubljana 2004. 255 S.

51. Spruch an Peter Paul Zahl (Anthologie)

– 1 –
Vögel senken die Schnäbel
in das quecksilberangereicherte Gras,
blicken quecksilbrig querfeldein,
so gegen den Strich.

Schlieren im Glas zeigen an,
dass die Flüssigkeit
im Zustand der Mischung ist.
Sollten wir nicht eine Zweierbotschaft senden
an Peter Paul Zahl:
da leidet jemand für uns
an Wahrnehmungsverdichtung –
und wer denn soll ihn verstehen –
ein Ministerpräsident?
ein souveräner Prolet?
ein Gewerkschaftsfunktionär?

Nimm doch die Hand
vom sauber geschnittenen Rand
und hör auf, im dünner werdenden Haar
Dichte zu suchen und Halt:
du rührst immer wieder den alten Rumtopf um,
in dem die geschrumpelten Pflaumen
dümpeln,
nichts werden sie uns abnehmen,
sie warten doch nur, dass wir gleichziehen,
in der Brühe ihrer dümmlichen Fettaugen
mitströmen in einem satten spannungslosen
Gleichstrom.

Ach du in deiner Löwenstraße
glaube nur nicht, dass
die Papiertiger Mitspieler wären –
zusammensacken werden sie ohne Luft.
So verpufft dein Zukunftsjahrgang.

– 2 –
Immer wieder legen wir ganz dicht die Augen
an die durchlässigen Scheiben,
durch die wir ins Draußen blicken, –
fingernagelschwarz aus dem Müll geholt
sehen wir was deutsche Mitbürger
bei sich haben, bei sich behalten
– sie kotzen es aus, ihnen ist so sauer,
dass es stundenlang reicht.
Da gibt es nur eins, – gehen wir
unter Mittelmeermenschen,
schon in der Schweiz spricht man deutsch.
Ich frage wiederum, welchen Spruch
senden wir an Peter Paul Zahl?

Er ist Stellvertreter, der alle Eindrücke aushält.
Er ist ein Tapferer, dem sie
das ‚plem-plem‘ zudiktierten.

Worte gibt es,
zuckend im eignen Schritt und Klang
Textzeilen, Botschaften.
Ritze du mit dem Messer deiner Worte
den Leuten die Stirn auf.
Hoffen wir, sie haben, ehe das Blut
zu Schorf trocknet,
ein zehntelchen kapiert.

Es sind Deutsche. Bürger. Dickhäuter.

* * *

(Wilhelm Fink, aus: Küsse im XX. Jahrhundert [weiß einer, oder der Autor, wo es den gibt?])

16.3.04

50. Gedichte wie fallendes Laub

Der amerikanische Dichter Cid Corman, der seit 40 Jahren in Japan lebte, ist im Alter von 79 in Kyoto gestorben. Corman veröffentlichte über 150 Bücher. Darüber hinaus enthält sein Nachlaß etwa 80.000 unveröffentlichte Gedichte, teilte sein Archivar mit. / NYT *) 16.3.04

Seite vom Verlag Longhouse

Ein Gedicht:

Death is like
nothing else

but – say – what
is life like.

Aus einem 1952 veröffentlichten Text über Poesie im Radio:

What few poets seem to realize is that radio is their best potential outlet these days. It puts the stress rightly on the spoken word, tests the imagination of writer and listener spoken revives the need of the oral-aural commitment in verse, and permits the largest possible audience to experience the poem.

Die Kritikerin Lorine Niedecker schrieb über ihn:

Basho’s concern was to publish very little, Cid Corman’s to publish and let the leaf stay where it falls.

49. Lyrikanthologie Manyoshu

Der französische Japanologe René Sieffert hat die Lyrikanthologie Manyoshu (8. Jahrhundert) vollständig in fünf Bänden ins Französische übersetzt. Er zitiert einen anonymen japanischen Leser des 12. Jahrhunderts:

If you compose a poem, either in our language, or in Chinese, your name will forever be associated with it, and whoever reads you will enjoy the feeling of being in your immediate presence, right there beside him – which is indeed the most moving experience one can ever imagine.

René Sieffert wurde 1923 im damals besetzten Aachen geboren; er starb am 13. Februar in Paris. / Independent 16.3.04

Hier gibts den japanischen Text zum Download.

Hier fünf Gedichte japanisch und englisch mit Kommentar
Einzelne englische Fassungen: 1 / 2 / 3 / 4 / 5 /

48. Weite und Vielfalt

(so Brechts Worte anläßlich Shelleys) der englischsprachigen Poetry Community auf Papier und im Netz flößen mir Bewunderung und Neid ein. Das gilt nur bedingt für die Einrichtung des königlichen Hofdichters. Der amtierende, Andrew Motion, gab zu, daß er drei Monate brauchte, um ein Gedicht auf

England’s World Cup rugby heroes

zu schreiben. Er fand keinen Reim auf den Namen „Wilkinson“. (Englands Antwort auf Pindar? Die deutsche heißt nunmal Hölderlin, tut mir leid).
Das Gedicht enthält auch einen Seitenhieb auf die nicht so erfolgreiche englische Fußballmannschaft. Lesen Sie hier, wie das dichterische Ringen ausging: The Mirror 15.3.04

47. Thomas Kunst

Der Leipziger Lyriker Thomas Kunst (–> 5, 03/04) ist von einem Villa Massimo-Aufenthalt zurückgekehrt, berichtet die Leipziger Volkszeitung am 17.3.04 – – – Über neue Gedichte von Gisela Kraft schreibt der Lyriker Michael Wüstefeld in der Sächsischen Zeitung vom 17.3.04

46. Kito Lorenc

Eigene Gedichte sowie Werke seines Großvaters Jakub Lorenc-Zaleski las der deutsch-sorbische Dichter Kito Lorenc in seinem Geburtsort Schleife / Sächsische Zeitung 16.3.04

Im Buchhandel:

Aus jenseitigen Dörfern
Zeitgenössische sorbische Literatur
(Wirtschaftsverlag N. W. Verlag für neue Wissenschaft)
ISBN 3-89429-179-6
13,50 Eur[D] / 13,90 Eur[A]
Chezka, Jurij
Die Erde aus dem Traum
Gedichte
(Domowina) ISBN 3-7420-1919-8
12,90 Eur[D] / 13,30 Eur[A]
Hartmetz, Rudolf / Lorenc, Kito / Mirtschin, Hans
Bautzen – Bilder einer Stadtlandschaft
(Lusatia) ISBN 3-929091-13-5
24,90 Eur[D] / 25,60 Eur[A] / 49,80 sFr
Lorenc, Kito
Achtzehn Gedichte der Jahre 1990-2002
Auswahl von Manfred Peter Hein
(Keicher, U) ISBN 3-932843-48-7
10,00 Eur[D] / 10,30 Eur[A] (unverb. Preisempfehlung)
Lorenc, Kito
An einem schönbemalten Sonntag
Gedichte zu Gedichten
Lim.
(Edition Thanhäuser) ISBN 3-900986-43-6
50,00 Eur[D] / 50,00 Eur[A] / 90,00 sFr
Lorenc, Kito
Die Unerheblichkeit Berlins
Texte aus den Neunzigern
(Buch&Media) ISBN 3-935877-21-8
9,90 Eur[D] / 10,20 Eur[A]
Lorenc, Kito
Die wendische Schiffahrt
Zwei Stücke
(Domowina) ISBN 3-7420-1988-0
16,80 Eur[D] / 17,30 Eur[A]
Noch nicht erschienen!
Wiecker Bote 14
Literarische Hefte zur Zeit
(Wiecker Bote) ISBN 3-935458-08-8
8,00 Eur[D] (unverb. Preisempfehlung)

45. Harald Bloom

Ich dachte das hochkochende Thema zu ignorieren, aber der poetische Start eines Artikels in der Washington Post *) vom 3.3.04 verführt mich doch:

Beware the man, Greek or not, bearing the gift of Amontillado, the dark amber-brown Spanish sherry that can get a girl into trouble. The man, too. The girl will get her revenge if it takes her 20 years.

Das Thema sind Vorwürfe sexueller Belästigung gegen den berühmten Yale-Literaturprofessor Harald Bloom, der vor 20 Jahren mit einer Flasche besagten „Nektars der gekränkten Dichterin“ zu einer Studentin ging, was diese jetzt der Welt mitteilte.

44. Paul Muldoon

Gespräch mit dem irischen Dichter Paul Muldoon, The Montreal Gazette 13.3.04

43. Jane Mayhall

Porträt der Dichterin Jane Mayhall, The New Yorker 22.3.04