In der SZ vom 30.3. stellt Jan Christophersen das Internetforum
neuedichte.de – Textlandschaft aus Poesie und Poetik
vor :
Zwar geben die Macher der Website in ihrem Einleitungstext unumwunden zu, dass selbst in Lyrikkreisen derzeit kaum poetologische Debatten auf der Tagesordnung stehen. Aber mit Recht beharren sie darauf, dass eine solche Diskussion im ¸¸Prosarauschen des Betriebs“ fehle. Um die Welt in ihrer Komplexität darzustellen, brauche es die Stimme der Dichtung. Mit Nachdruck wird festgestellt: ¸¸Gedichte sind Spezialisten für das (Er-)Finden neuer Sprachen und Modelle.“
mit dabei:
Ulrike Draesner
Oswald Egger
Elke Erb
Birgit Kempker
Ursula Krechel
Brigitte Oleschinski
Ilma Rakusa
Monika Rinck
Ferdinand Schmatz
Kathrin Schmidt
Ulf Stolterfoht
Peter Waterhouse
Ins literarische Gedächtnis schreibt sich in diesem «Akzente»-Heft auch ein eigenwilliger Autor mit Gedichten und Aphorismen ein, der in dunkler Stunde Europa verlassen hat und erst allmählich hierzulande wieder einen Namen trägt, den man nennt: der 1937 in Wiener Neustadt geborene und seit langem in Jerusalem lebende Elazar Benyoëtz, ein Wortspieler und Wortkünstler ersten Ranges. «Das natürlichste Deutsch / nach Auschwitz / wäre Jiddisch // Nun ist Deutsch / die natürliche Sprache / nach Auschwitz», lautet eine seiner knappen und denkwürdigen Überlegungen.
Nebst vielen anderen Schreibenden aber begegnet man hier auch einer Autorin, welche aus der wenig wahrgenommenen Kulturlandschaft der Lausitz stammt. Róza Domascyna, 1951 geboren, lebt in Bautzen, schreibt Lyrik und Prosa in deutscher und sorbischer Sprache und gehört demnach zu einer Minorität innerhalb der westslawischen Sprachgruppe. Mit der vielsagenden Überschrift «Gedächtniskraut» versieht sie ihre drei Gedichte und hofft vielleicht, dass gegen das Vergessen doch ein Kraut gewachsen wäre. Sie überrascht in «Naturgedicht», einem längeren Poem, mit ausgedehnten botanischen Kenntnissen und lässt hier wie in den beiden anderen Texten vermuten, dass die Nähe zur Volksdichtung und zum Liedgut noch immer als ein lyrischer Anreiz wirksam ist. Stimmen wie diejenige von Róza Domacyna bereichern das Gewebe der deutschsprachigen Lyriklandschaft um neue Farben und alte Traditionen.
/ Beatrice Eichmann-Leutenegger, NZZ 26.3.04
Akzente. Zeitschrift für Literatur. Heft 1, Februar 2004. 108 S., Euro 7.90 (Hanser-Verlag, München).
neue deutsche literatur. Zeitschrift für deutschsprachige Literatur. Heft 1, Januar/Februar 2004. 194 S., Euro 10.- (Aufbau-Verlag, Berlin).
Eine Schlüsselfigur bei diesem Widerspiel von stehender oder ins Vakuum gesaugter Luft einerseits, Wind und Sturm auf der anderen Seite ist Jakob van Hoddis. Das Gedicht ¸¸Van Hoddis in Tübingen“ macht den verstummten Dichter, im Blick auf seine Odyssee durch die Psychiatrien, zu einem Verwandten des Sperlings, dem in seiner schmalen Kammer die Luft ausgeht: das astloch in der diele bei der tür / auf das er starrt. In dem die luft versickert. Van Hoddis war die Stimme des expressionistisch entfesselten Sturms gewesen, hatte dem Bürger den Hut vom spitzem Kopf geweht. Sein Gedicht ¸¸Weltende“ ließ es in allen Lüften hallen ¸¸wie Geschrei“, aber die landläufige Ineinssetzung von Expressionismus und Formzertrümmerung kann sich auf ihn nicht berufen.
Er hat mit reimlosen Versen experimentiert, aber nicht den Reim dem reinen Ausdruck, dem Schrei geopfert, und seinen ¸¸Todesengel“ in Strophen auftreten lassen, die einem strengen Reimschema folgen. / Lothar Müller, SZ*) 26.3.04 {nach kostenloser Anmeldung im 7-Tage-Archiv zugänglich)
JAN WAGNER: Guerickes Sperling. Gedichte. Berlin Verlag, Berlin 2004. 84 Seiten, 16 Euro.
Was in der folgenden Darstellung als körperliche Fortbewegung erscheint, verweist auf die schöpferische Imitation, ist aber auch für die besondere Denkweise Petrarcas bezeichnend: «Ich will nicht daran gehindert werden, den Fuss dorthin zu setzen, wohin es mir gefällt, hier vorüberzugehen, hier ins noch Unbegangene einzudringen, dem kürzeren oder, wenn es mir in den Sinn kommt, dem gemächlicheren Weg zu folgen, zu eilen und innezuhalten, abzuschweifen oder auch umzukehren.» / Georges Güntert, NZZ 27.3.04
Karlheinz Stierle: Francesco Petrarca. Ein Intellektueller im Europa des 14. Jahrhunderts. Hanser-Verlag, München 2003. 973 S., Fr. 77.-.
Given the historical circumstances of Plath’s death, it was perhaps inevitable that the poetry would end up being shortchanged. What’s stranger is that the fascination with the life has not led to the benign neglect of the work, but has actually resulted in its being actively misread (even by people who have never really read it). A particularly striking example of this was the reaction critics had to Sylvia. A reviewer for Salon blithely asserted that Plath’s work was „carping.“ Writing in the New Yorker, Anthony Lane — generally a sensitive reader of poetry — bemoaned the poems‘ „self-absorption“ and encouraged the film’s viewers not to read Plath afterward; instead, he hoped they would find „better and saner things to do.“ At the time, when I told one colleague, a well-read journalist, that I liked Plath’s work, he responded, „You mean you liked her when you were eighteen?“
This is unfortunate. Plath’s work shouldn’t be cavalierly dismissed, because she is one of the most original American poets of the second half of the century. The fascination with the grisly bits of her biography has caused emphasis to fall on the poetry’s most heated, personal aspects — and indeed it’s easy to imagine how lines like „Every woman adores a Fascist,“ repeated out of context, quickly come to seem more attitudinal than insightful. But Plath was among the most publicly ambitious, disciplined, hard-working poets of the century. / Meghan O´Rourke, Poetry (mitgeteilt von Poetry Daily)
26.3.04
In seiner Washington Post*)-Kolumne Poet´s Choice stellt Edward Hirsch am 25.3.04 ein furioses Antisklaverei-Gedicht von John Greenleaf Whittier vor – gerichtet gegen einen Verräter an der guten Sache (Ichabod ist Hebräisch und bedeutet: schändlich):
Befit his fall!
The Scotsman vom 25.3.04 stellt Edwin Morgan vor, den neuen schottischen Poet laureate.
An Vorwürfen indes und an gefluchten Versen herrscht kaum Mangel. Es wirkt originell und berührt, wenn dem «rücksichtslosen Spermaträger» die Verfehlungen vorgehalten werden. Unnötig muten dagegen jene Verwünschungen an, die etwa ganz unerwartet gegen die «satanischen Pfaffen» gespien werden. Trotz solchen Schwächen (?) und einigen Wiederholungen bieten Remettres grobe Zärtlichkeiten eine intensive Lektüre. Immer wieder beeindruckt uns diese merkwürdige Liebeslyrik durch ihre Direktheit und ihre schlichten, eindringlichen Bilder: «Wir werden uns immer und ewig begegnen / In den Gegenständen, die Du mir / An den Kopf schmeissen wolltest / Oder in den Blumen, die ich nicht / Wagte, Dir zu schenken.» / schreibt Gieri Cavelty im Zürich-Teil der NZZ vom 25.3.04 (und lüftet in ihrer Besprechung das Pseudonym der Zürcher Autorin). [Dem Genitiv scheint ohnehin nicht zu halten].
Jani Remettre: Merde. Gedichte einer merkwürdigen Liebe. Froschau-Verlag, Zürich 2003. 117 S., Fr. 22.-
Freie Verse am Fleischwolf der Geschichte, geschrieben in der vom Leben abgeschliffenen und nicht selten obszönen Sprache von Farmern und Landarbeitern: Der australische Lyriker Les Murray hat mit „Fredy Neptune“ ein großes Weltepos geschaffen / urteilt Frank Schäfer in der taz vom 25.3.04 über
Les Murray: „Fredy Neptune“. Aus dem australischen Englisch von
Thomas Eichhorn. Ammann Verlag,
Zürich 2004, 519 Seiten, 29,90 €
Alle reden von Lolita. Die 1932 im Memelland geborene Berliner Lyrikerin Aldona Gustas sagt von sich: „Ich war ein Lolitatyp.“ Und wettert gegen Welttage**) der Poesie:
Was soll das sein, ein Welttag? Poesie ist jeden Tag. Gertrude Stein, meine liebste Autorin, hat gesagt: „Jederzeit ist es Zeit, ein Gedicht zu machen.“ Jederzeit! Ich hab mir das Motto an meine Tür gehängt. Ich mag es nicht, wenn Poesie abgehoben ist, so feierlich und mit Kerzenschein. Das ist vielleicht das Litauische in mir. In Litauen gehört die Poesie in die Küche, ins Schlafzimmer, ins Wohnzimmer, in den Flur. Ein Tag Poesie – ich bin entsetzt. / taz 22.3.04
**) –> 69 (L&P 03/04)
Over the years Ms. Carson, whose work deals with extremes of passion and eroticism and who creates verse and prose embedded with references to classical scholarship, has acquired a cult following. … Often called a „poet of heartbreak,“ her cultural references span the ages and range from scholarly essays on, for example, the Greek concept of women as unclean, to poetic musings on Akhmatova, Tolstoy and Catherine Deneuve in her collection „Men in the Off Hours.“ / Dinitia Smith, NYT *) 27.3.04
Zwei Jahre lang haben Menschen mit Psychiatrieerfahrung in einer Gruppe am Elisabethenstift literarische Texte geschrieben. Sie wurden begleitet von dem Schriftsteller Kurt Drawert, der diese Textwerkstatt auch konzipiert hatte. Die Beiträge sind jetzt als Broschüre in der Reihe „Darmstädter Dokumente“ unter dem Titel „Jeder Tag ist zu lang“ veröffentlicht worden. / Darmstädter Echo 18.3.04*)
Gegen-Gedichte und Auf-den-Bush-Klopfen: las die Kleine Zeitung 23.3.04*) in der Literaturzeitschrift Manuskripte.
Auch Richard Rocholl vom Stralsunder Mückenschweinverlag ist an spannenden Begegnungen auf der Messe interessiert. Der 24-jährige freiberufliche Grafiker betreibt den Verlag nebenbei und sucht immer nach guten Autoren. Derzeit braucht er Illustratoren, um lustige Kinderbücher herzustellen. Kindern verdankt der Verlag übrigens seinen unernsten Namen, der zugleich auch ein bisschen Programm ist. Am Messestand liegt Lyrik aus, die der Verlag zu Tiefstpreisen, handgebunden und in guter Qualität auflegt. Darunter der Gedichtband „Chlebnikov am Meer“ von Bertram Reinecke. / Horst Krieg, OZ 23.3.*
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