128. Lyrikförderung in der Schweiz

Das Migros-Kulturprozent lanciert ein neues Modell zur Förderung der Schweizer Literatur und insbesondere der Lyrik. Unterstützt werden Publikationen, Audio-CDs und Veranstaltungen. Die Lyrik-Förderung ist mit insgesamt Fr. 70’000.– dotiert.

Die neue Literaturförderung des Migros-Kulturprozent will … die Lyrik durch Beiträge an die Produktion und Verbreitung umfassend und substantiell unterstützen. Verlage, die qualitativ überzeugende Lyrikbände und -Audio-CDs von zeitgenössischen deutschsprachigen Schweizer Autorinnen und Autoren herausgeben, werden mit einem Produktionsbeitrag sowie zusätzlich mit einem Beitrag an das Autorenhonorar gefördert. Dazu erhalten überregional wichtige Lyrik-Veranstaltungen in der Deutschschweiz einen Förderbeitrag.

Die Lyrik-Förderung startet als Pilot in der Deutschschweiz. Es ist geplant, das Projekt auch in den anderen Sprachregionen der Schweiz durchzuführen. Die Förderbeiträge werden erstmals im Winter 2006 vergeben. Gesuche können ab sofort eingereicht werden. Reglemente und Antragsunterlagen können auf http://www.kulturprozent.ch (Förderung / Finanzierungsbeiträge) bezogen werden. /presseportal.ch

Weitere Informationen: Barbara Kreyenbühl, Leiterin Kommunikation, Direktion Kultur und Soziales, Migros-Genossenschafts-Bund, 01 277 20 79,barbara.kreyenbuehl@mgb.ch.

141. Steckbrief

Eine Anthologie moderner armenischer Lyrik unter dem Titel „Avis de Recherche“ (Steckbrief) ist in Frankreich erschienen. Die zweisprachige Anthologie enthält Beiträge von 20 Autoren aus Armenien und der Diaspora, die alle nach 1945 geboren wurden.

Wäre eine solche Anthologie vor 20 Jahren veröffentlicht worden, hätte vermutlich die Diasporalyrik Protest gegen den Genozid ausgedrückt, die aus Armenien dagegen optimistischen Patriotismus, oder sie wäre angefüllt mit Allegorien. Jetzt ist es umgekehrt.

Die Werke der Dichter aus Armenien sind sozialer, sie drücken Stimmungen von Verzweiflung und Unzufriedenheit aus, die früher von der sowjetischen Realität verursacht wurden und nun von den Auseinandersetzungen im unabhängigen Armenien. Gelegentlich verwenden sie Humor, wie in den Gedichten des ältesten Autors, des 61jährigen Howhannes Grigorjan. Der Buchtitel stammt von einem seiner Gedichte: der französische Ausdruck für „Wanted“. Darin schreibt er: „Am Ende des 20. Jahrhunderts um 16.15 Uhr / verließ das armenische Volk seine Heimat und kam nicht zurück…. / wer es sieht / melde es unverzüglich dem Parlament / das es für ein paar Tage braucht / für Neuwahlen“. … Die Diasporapoeten lieben Metaphern, innovative und persönliche, eine Lyrik asozialer Erfahrungen. Und wenn sie sich mit der Realität versöhnen, dann in Zusammenhang mit Armenien, wie in Vehanusch Tekjans Zeilen: „Mein Land ist traurig, denn ich bin nicht da.“ / Vahan Ishkhanyan, ArmeniaNow.com.

39. Poetik der Beziehung gesucht

Der Dichter Édouard Glissant aus Martinique rettete mit seiner Eröffnungsrede den – von den Vor-Eröffnungsreden der Offiziellen arg belasteten – Beginn des Internationalen Literaturfestivals Berlin, meint die taz vom 7.9.:

Ein „Lob der Unterschiedlichkeiten und der Differenz“ wollte Glissants Ansprache sein, und er trug dieses Lob der Unterschiedlichkeiten sitzend vor, mit einer Stimme, die brüchig war und die immer wieder verloren zu gehen drohte (am Tag drauf wurde bekannt, dass er nach dem Auftritt mit einem Schwächeanfall ins Krankenhaus gehen musste) -, aber die gerade dadurch eine Aufmerksamkeit forderte und auch erhielt, die nach den Grußworten vorher schon ganz unwahrscheinlich geworden war. In Édouard Glissants Rede war der vorher so heftig formulierte politische Anspruch des Literaturfestivals auf eine sehr zurückhaltende Art und Weise eingelöst – womöglich einfach dadurch, dass diese Rede so dicht war und dass sie trotz ihres poetischen Gehaltes ohne viel Worte auszukommen schien.

Einen Mangel an Schönheit in der Welt konstatierte Glissant, und er definierte die Schönheit ausgehend von der Spannung, die aus den Unterschiedlichkeiten und der Differenz resultiere. Dieses Bewusstsein für die Unterschiedlichkeiten ist nun bei Glissant ebenso politisch wie poetisch zu verstehen – und deshalb konnte er davon ausgehend auch ebenso auf die afrikanischen Einwanderer vor den Toren Spaniens und Europas zu sprechen kommen wie auf das Wesen der Kunst, die ein „Streben hin zur Realisierung der Menge an Differenzen auf der Welt“ sei. Eine „Politik der Beziehung“ forderte er ebenso wie eine „Poetik der Beziehung“ – allerdings müsse beides erst noch erfunden werden. Der Anspruch aber, den Glissant mit seiner Parallelisierung von Politik und Poetik formuliert, überzeugte schließlich weit mehr als die vollmundigen „Links von der Mitte“-Bekundungen von Ulrich Schreiber zuvor. / Anne Kraume

106. Dichteraufstand in England, 1967

Gordon Burn kehrt an den Schauplatz der literarischen Invasion von Sparty Lea bei Newcastle aus dem Jahr 1967 zurück (Guardian 26.8.)

Entgegen heutigem Anschein, wenn man die Agrarfahrzeuge beobachtet, die am King’s Head vorbeirattern, dort wo die Hütte von Sparty Lea unter den Hammer kam…, stieß Allendale mit den 60er Jahren so heftig zusammen, daß es sich einen Platz in der Untergrundmythologie erwarb. Inspiriert von der „Stammesversammlung“ von 30 Dichtern 1965 und 7000 Zuschauern bei der Lyrikolympiade in der Albert Hall, gelang es dem 19jährigen MacSweeney, eine zusammengewürfelte Armee von englischen Dichtern der neuen Generation zu gemeinsamem Trinken, Lesen und Kämpfen versammeln. Das Ereignis dauerte über eine Woche (alle Zahlen und Daten geschätzt) in Sparty Lea. Die Dichter wohnten in einer Ansammlung von vier Hütten, die der Familie MacSweeneys gehörten. Sie waren angehalten, der radikalen „oppositionellen Poetik“ Ausdruck zu verleihen, die sie vom Mainstream unterschied.

„Es war ein regelrechter blutiger Aufruhr“, sagte MacSweeney kurz vor seinem frühen Tod an den Folgen seines Alkoholismus vor sechs Jahren. …

Fast 40 Jahre danach wird das Ereignis lebhaft diskutiert auf Message Boards und Lyrik-Webseiten. Zumindest eins ist unstrittig: nachdem der marxistisch-obskurantistische Lyriker Jeremy Prynne aus Cambridge den Dichter Tom Pickard aus Newcastle aufgefordert hatte, seinen kleinen Sohn während der Lesung zum Schweigen zu bringen, ging Pickard nach draußen und knallte seinen Landrover gegen Prynnes viertürigen Morris Oxford.

„Es muß ungefähr hier gewesen sein“, sagt Pickard, der immer noch in der Gegend lebt. … „Ich fuhr den Hügel hinauf, schaltete in den zweiten, trat auf die Bremse und knallte hinein.“ Mit diesem Verstoß erwarb er die Freundschaft von Allen Ginsberg und anderen aus der Beat-Generation, während er in England als Künstler von der Bildfläche verschwand. „Die englische Intelligenzia verstieß mich“…

 

73. Carl-Christian Elze

Ralf Julke schreibt am 17. August in der Leipziger Internetzeitung:

So wie einst Walther von der Vogelweide die Welt aufweckte mit seinem Jubelruf: Hurra, ich hab min Lehen!, so weckte jüngst Carl-Christian Elze seine Freunde auf mit der Botschaft: Ich hab mein Buch! Kein selbstverständlicher Ruf in einer Landschaft, in der Gedichte eher als Freizeitvergnügen für gelangweilte Stenotypistinnen gelten und Schriftsteller Moralapostel sein müssen, sonst werden sie vom Feuilleton gar nicht wahrgenommen. Dergleichen ist Elze aber nicht.

Seit Jahr und Tag ist der heute 32jährige Mitherausgeber der Leipziger Literaturzeitschrift „Plumbum“. …

Wer heutzutage Gedichte zeugt, muss damit rechnen, kontaminiertes Material verwenden zu müssen. Das ist der Preis der Forscher: Sie wissen schon zu viel. Sie müssen immer wieder zum Ur-Schleim zurück. Alles von neuem Denken. Die Vorsicht ist angeraten. Denn Idyllen trügen. Wer wüsste das besser als ein studierter Biologe? Das sind Leute, die mit gemütlichem Bariton als Untertext zu Tierfilmen sprechen: „So schließt sich der Kreis des Lebens, wird der Jäger zur Beute. Das ist die unerbittliche Stimme der Natur. Bald kommt der Große Regen …“

Selbst das irrlichtert in Elzes Texten, unübersehbar selbst dann, wenn der Autor die Verse zerstückelt und versucht, der Sprache ihre einlullende Gemütlichkeit zu nehmen. Aber wie gesagt: Auch Wort-Fügungen sind heuer kontaminiert, Worte wie Menschenmaterial oder Transzendenz, die Elze bewusst in sein Familienalbum einfügt. Denn ein Ort taucht immer wieder auf, entpuppt sich als eigentlicher Mittelpunkt aller seiner Reisen: Nordhausen, Dora Mittelbau, die Stollen, in denen die Nazis im 2. Weltkrieg die V2 montieren ließen von Häftlingen.

Carl-Christian Elze „stadt / land / stopp. Gedichte“, Mitteldeutscher Verlag, Halle 2006, 14 Euro

vgl.: Carl-Christian Elze: Gute Orte zum Vorlesen

In L&Poe 2004 Jun #63. In der Leipziger; 2006 Mrz #6. BELLA triste Nr. 14

74. THE BEAT GOES ON

Allen Ginsberg mag tot sein, schreibt Kevin Friedl in der New York Post, aber in manchen Teilen von Downtown New York ist sein Geheul (Howl) immer noch zu hören. Wer sich nach der Zeit zurücksehnt, als die Beats dort durch die Straßen zogen, sollte diesen Sonnabend (also gestern!) beim Bowery Poetry Club vorbeikommen, wo es einen ganzen Tag mit Veranstaltungen zum Thema „Howl! 50 Jahre danach“ gibt. Jason Shinder, ein Freund Ginsbergs und Herausgeber des Buches „The Poem that Changed America: Howl! Fifty Years Later“, leitet die Veranstaltung, bei der ein halbes Dutzend Lyriker und Schriftsteller zu erklären versuchen, warum dieses unflätige 50 Jahre alte Gedicht immer noch anhörenswert ist. Der berühmte Nyoricanische Dichter Edwin Torres führt das Publikum durch eine Lesung des Gedichts, und Amiri Baraka trägt Musik und Lyrik mit seinem Ensemble vor.

(Wie schade, daß ich wegen der Sperrung des Hamburger Hauptbahnhofs das Flugzeug nach New York verpaßt habe).

August 19. Bowery Poetry Club, 310 Bowery (betw. Houston & Bleecker Sts.), 212-614-0505; Readings begin at 1 p.m. ($10), music at 8 p.m. ($12).

107. Bum-bum-bum bum-bum…

22.7. 2006

Wie der Dichter William Wordsworth von den Bauern seines Wohnorts gesehen wurde, hat ein Zeitgenosse notiert – in der Sprache der Bauern, die ihn beobachten, wie er „mumbling“ (murmelnd) bzw. wie sie sagen, „bumming“ (offenbar soviel wie: „bum bum vor sich hinmurmelnd“) spazierengeht. Miss Dorothy Wordsworth, die Schwester des Dichters, lief ihm nach und pickte die Worte auf, wie sie fielen, und brachte sie zu Papier. Vielleicht half sie ihm auch das eine oder andere zu dichten:

He was not popular. That is, he was shy and retired, and did not mix freely with the people. He didn’t frequent public houses, unlike Hartley Coleridge. Canon Rawnsley’s interviewees invariably think of Hartley as a preferable character, a friendly man, a great drinker and a philosopher – a being superior to a poet. Wordsworth’s hobby, says one witness, was poetry. „It was a queer thing, but it would like eneuf cause him to be desolate; and I’se often thowt that his brain was that fu‘ of sic stuff, that he was forced to be always at it whether or no, wet or fair, mumbling to hissel‘ along t’roads.“

This mumbling, this „continually murmuring his undersong,“ as Canon Rawnsley puts it in his politer register, features in the peasants‘ vocabulary as „bumming“. Here is Wordsworth on the grass walk at Rydal Mount: „. . . he would set his heäd a bit forrad, and put his hands behint his back. And then he would start bumming, and it was bum, bum, bum, bum, stop; then bum, bum, bum reet down till t’other end, and then he’d set down and git a bit o’paper out and write a bit; and then he git up, and bum, bum, bum, and goa on bumming for long enough right down and back agean. I suppose, ya kna, the bumming helped him out a bit.“

Another witness: „Mr Wordsworth went bumming and booing about, and she, Miss Dorothy, kept close behint him, and she picked up the bits as he let ‚em fall, and tak ‚em down, and put ‚em on paper for him. And you med be very well sure as how she didn’t understand nor make sense out of ‚em.“ Dorothy, known to all these neighbours as a clever women who perhaps wrote some of Wordsworth’s poems for him, but certainly helped him out with them, is seen both in her latter days as an invalid, and off her head, and earlier as a fellow walker with her brother. / James Fenton, Guardian 22.7.

Wordsworth in L&Poe: 2001 Mrz (Osterglocken (Golden daffodils) / Largely through the mediation of Coleridge); Jul; 2002 Apr (William Blake); Sep (Wordsworth was in town); 2004 Mrz #62. Massen-Simultanlesung; Apr #55. Nächtliches Abenteuer eines werdenden Dichters; Aug #49. Prelude zu Freud; 2005 Feb #68. ANNE WINTERS is a nature poet; Mai #44. Wenn Amerikaner Sonette schreiben; Mai #100. Fußnotenpflicht für Lyrik; 2006 Mrz #119. Was wir zuerst gelesen

55. »Vokabelkrieger«

nennt sich ein Intelligenztest im Internet, mit dem auf eine bestimmte Sprachbegabung geschlossen werden soll. … Und es gibt jetzt auch eine gleichnamige Künstlerzeitschrift, die eigentlich ein Künstlerbuch ist und 34 Autoren und Künstler mit Originalarbeiten, Texten und Medien versammelt. Band 1 handelt vom Wasser.

Vorgestellt wurde dieser Almanach Ende Juni zur »langen Nacht der Vokabelkrieger« auf der Ferieninsel Sylt mit Lesungen von Anne Weber, Artur Becker, Bettina Gundermann, Arne Rautenberg. Außerdem gab es einen Auftritt der neuformierten Gruppe Pathetische Patienten (Wolfram Spyra, Valeri Scherstjanoi, Hartmut Andryczuk) mit elektronischen Sounds, Lautpoesie, Kurzfilmen und Gesang sowie einer kleinen Inszenierung von Welimir Chlebnikows Poem »Der Untergang von Atlantis«. / Lena Koroljova, junge Welt 14.7.

Die Künstlerbuchzeitschrift Vokabelkrieger wird herausgegeben vom Kunst: Raum Sylt-Quelle und dem Hybriden-Verlag Berlin und erscheint einmal im Jahr.www.hybriden-verlag.de

31. Elche & Molche

Im Kapitel „Kritiker in der Kritik“ in „Aus dem Hinterland. Lyrik nach 2000“ zitiere ich auf den Seiten 129 und 134 diese beiden Zweiteiler, die den einen oder anderen Leserbrief herausforderten:

Die schärfsten Kritiker der Elche
wären gerne selber welche.

F. W. Bernstein

 

Die größten Kritiker der Molche
waren früher eben solche.

Robert Gernhardt

F. W. Bernstein dokumentiert in dem mehrseitigen Nachwort ELCHE / SELBER WELCHE zu seinem Lyrikband „Lockruf der Liebe“ (Haffmanns, Zürich 1988), wie er und Gernhardt auf einer winterlichen Autofahrt in diesen Dichterwettstreit eingetreten sind, aus dem Bernstein nach bravourösem Kampf (mit Würmern, Kühen, Quallen und weiterem Getier) letztlich als Sieger (nach Verlängerung und Elfmeterschießen) hervorging, zumal er (Bernstein!) auch noch die wohl bekannteste Alternative „Die größten Kritiker der Elche/ waren früher selber welche“ beisteuerte. Gernhardt konterte zwar recht geschickt mit den Molchen, aber Bernstein hatte das (bei der Fußball-WM wieder abgeschaffte) „Golden Goal“ bereits erzielt. Im übrigen sei Molchkritik ein Kapitel für sich, beschließt ein sichtlich mit sich zufriedener Bernstein ein Nachwort, das auf 6 Seiten sowohl beste Unterhaltung als auch umfassende Aufklärung aus erster Hand im Hinblick auf den Urheber des Elche-Zweiteiler garantiert.

Theo Breuer

(Danke – also auch da erweist sich Ihr Buch als zuverlässige Informationsquelle!)

30. G&B

… die Verse »Die schärfsten Kritiker der Elche?/ waren früher selber welche« stammen von F.W. Bernstein, Dichter und Zeichner wie Robert Gernhardt.

Der Irrtum ist indes weit verbreitet. Else Buschheuer berichtete im Mai 2006, wie sie in einer Sendung mit Marcel Reich-Ranicki über den »Elche / selber welche«-Reim sprach. »Der ist von Gernhardt!«, trompetete, ahnungslos wie fast immer, der Lauthals Reich-Ranicki. Buschheuer widersprach und korrigierte den FAZ- und Fernsehmann. »Das ist von F.W. Bernstein.« Reich-Ranicki beharrte auf seinem Irrtum und schnappschildkrötete brüsk: »Nein. Von Gernhardt! Bernstein ist ein Dirigent!« Sprach der berühmteste Literaturkritiker des Landes, der Erste seiner sinnlosen Zunft. / Wiglaf Droste, junge Welt 3.7.

 

13. „Geile TXten heisser Hausfrauen“

verheißt die Mail – aber keine „Texten“, nicht mal Tittentexten – es ist nichts als der übliche tägliche, stündliche SPAM. X = it, that’s it! Wer’s mag! Den anderen empfehle ich die aus einer pommerschen Kleinstadt in die Weltstädte Berlin und New York ausgeschwärmte „Dada-Baroness“ Else Ploetz alias von Freytag-Loringhoven:

Keiner

(Literarisch
Five-o-clock)

1
„Gewiss“ –

so
sprach
er –

„Das
ist
richtig –

Der
Koitus**
ist
klotzig
wichtig“ – –

2
„Gestatten
Sie

Herr – – –
Zappelmann –

das
kühle
Wort:

Wenn
man
ihn
kann.

3
Der
Koitus

braucht –
wie
die
Dichtung:

Rhytmus –
tiefinnerlichste
Richtung – – –

4
Kälte –
Feuer –
Fantasie – – –

5
Er
ist
geschlechtliches
Genie –

Ein
Körperblutgesang
unbändig – – – – –

6
Sonst
ist
er
unanständig – –

– – wie?

7
Panik
im

Tellerauge

spricht
er:

8
„Gnädige –

ich

bin

kein

Dichter“

Else Freifrau v. Freytag-Loringhoven

**) Note: Für „Koitus“ kann „Liebesrausch“ genommen werden. Nicht gern. Schwächt ab! Und warum auch?

Aus: Elsa von Freytag-Loringhoven: Mein Mund ist lüstern. I got lusting palate. Dada-Verse. Hrsg. u. übersetzt von Irene Gammel. Berlin: edition ebersbach 2005, S. 24 (Hier die – stärkere – Original-Faksimilefassung)

In L&Poe: 2002 Aug (Dada Queen); 2003 Nov; Dez (Wunderbarer Wahnsinn); 2004Feb #8. Pommersche Muse, pommerscher Dada; 2005 Mai #28. Ihr Arsch

Überblickbarer Text

Durch ihre Literarisierung verlor die Dichtung aber auch ihre Eindeutigkeit. Nicht nur weil, wie Plato bemängelte, alles Schriftliche offen interpretierbar war, da es bloss Worte, nicht aber Intonation, Mimik und Gestik zu registrieren vermochte, die bestimmten, wie etwas wirklich gemeint war. Nein: Zusätzlich zu diesen sich auftuenden Ambiguitäten büsste die Poesie auch an allgemeiner Verständlichkeit und Zugänglichkeit ein. Wo die orale Dichtung bei ihrem epischen Extemporieren noch auf die kurze Aufmerksamkeitsspanne eines zuhörenden Publikums durch kurze Informationseinheiten, allgemein gültige Formeln und dauerndes Wiederholen Rücksicht genommen hatte, hatte die Poesie es nun mit Lesern zu tun. Für die ein Gedicht überblickbar wurde. Beliebig oft lesbar. So entstand der «Text» – sein immer dichter geflochtenes Gewebe, das erst nach mehreren Malen durchschaubar wurde.

Aus der Eröffnungsrede, die der österreichische Schriftsteller Raoul Schrott (geb. 1964) am «34th Poetry International Festival » in Rotterdam gehalten hat. / NZZ 28.6.2006

Literatenhochburg Krakau

«Vor mir Krakau im grauen Talgrund. / Schwalben tragen die Stadt auf langen Zöpfen / aus Luft. Krähen in schwarzen Pelerinen / behüten sie», heisst es in einem Gedicht von Adam Zagajewski. Zwanzig Jahre lang hat er einst in dieser Stadt gelebt – vor einigen Monaten ist er aus dem Pariser Exil zurückgekehrt, um es noch einmal zu versuchen. Als wären zwei Nobelpreisträger, Czeslaw Milosz und Wislawa Szymborska, für eine mittelgrosse Stadt nicht genug, hat auch er (der ebenfalls bereits als Nobelpreis-Kandidat gehandelt wird) sich den Krakauer Dichtern angeschlossen, was der Stadt endgültig den Nimbus einer Literatenhochburg verliehen hat. / Marta Kijowska, NZZ 27.6.2006

Dichter Hegel

Das Totalitätsdenken war die radikalste Abstraktion der konkreten Welt und zugleich die tiefste Verbeugung vor der Realität, die dem menschlichen Denken je möglich war. An einer Stelle schrieb Hegel: „grabe einen Toten aus und befrage die Made, die an seinem Fleische nagt: Was der Pfaff am Grabe versprochen, hat sie eingelöst – das Leben nach dem Tode. Wäre sie begabt zu Glück, sie wäre dankbarer Christ. Wäre sie Mensch, sie wollte Papst werden. Wäre sie Philosoph, sie würde Tinte scheißen, die vom Tod als einem Festmahl kündet. Der Mensch, der Christ, der Philosoph aber, sie alle sind im Gegensatz zu unserer Made todunglücklich: weil sie leben und die Glückseligkeit erst im Tode erwarten. Sie sind unglücklich, weil sie der Tote sein wollen und nicht die Made!“

In diesen Zeilen ist Größe und Tragik des Totalitätsdenkens in einem radikalen Bild verdichtet (weshalb man Hegel als einen der größten deutschen Dichter lesen sollte)… / Robert Menasse, SZ 27.6.2006

111. Sprachvertrauen

Das literarische Unternehmen, das Michael Donhauser seit mindestens fünfzehn Jahren mit grosser Konsequenz und Gelassenheit verfolgt, wirft immer wieder die Frage auf, wie wir der Welt gegenübertreten. Denn dass wir es tun und dass in dem, was Heidegger als Dasein charakterisierte, die Glücksbedingungen des Ästhetischen liegen, daran will Donhauser keine modischen Zweifel hegen. Aus dieser grundlegenden Sicherheit ergibt sich dann weiter ein Sprachvertrauen, mit dem sich der 1956 in Vaduz geborene, in Wien und Vaduz lebende Autor abseits der diversen Strömungen der literarischen Moderne befindet – und dennoch in beständigem Austausch mit ihr. Lyrische Sprechweisen, die in seinen Texten oft durchklingen, kommen von weiter her. Goethe oder Hölderlin, Michael Donhauser bewahrt sie und trägt sie weiter, indem er ihre Inhalte entdramatisiert, den alten Formen ihre Strenge nehmend, sie in neue Kontexte, neue Nachbarschaften stellend. / Leopold Federmair, NZZ 30.5.

Michael Donhauser: Ich habe lange nicht doch nur an dich gedacht. Urs Engeler Editor, Basel / Weil am Rhein und Wien 2005. 194 S., Fr. 39.–.

In L&Poe: 2001 Mrz (Vom Jazzpianisten Thelonius Monk / Eines der grossen programmatischen Dichtwerke der klassischen Moderne); Sep; 2002 Mrz (Lyrik in ausgewählten Zeitschriften); Jul (Die Leonberger Kreiszeitung); Nov (Die Leonberger Kreiszeitung / Sieben Himmel); 2004 Mai #76. Paul Jandls Fazit zu Meran, NZZ 17.5. / #77. Meraner Lyrikpreis; Aug #4. Konzepte; 2005 Mrz #17. 9 – 13 – 17: Engeler überall; Mrz #109. Michael Donhauser erhält Jandl-Preis für Lyrik; Mai #89. Donhausers Sehen; Jun #46. Ein Lyrik-Weg; Jun #68. Unauffällige Radikalität; Jul #78. Unikatkünstler; Sep #5. Alphabet der Welt; Nov #45. Engeler Newsletter; Nov #122. Ausgezeichnete Lyrik; 2006 Mai #25. Der Meraner Geschmack_