Michael Lentz / Uli Winters / Valeri Scherstjanoi / Dalibor Markovic / Wolfgang Heisig (Musik)
Dramaturgie: Michael Lentz
Auftaktveranstaltung: In welchem Käfig du dich auch befindest, verlasse ihn
Do 11.9., 19:00 Uhr
VGH Versicherungen,
Hannover
Preise:
12 EUR
10 EUR erm.
LAUT MEMORIAL. Valeri Scherstjanoi im Jüdischen Friedhof Weissensee. Video aus „Djinn der Nordsee“, Berlin 2007. 0:45
ALFABET. Scherstjanoi documented spring 2007. 1:04
Hörspiel
Regie: Bernhard Jugel
BR 2004, Länge: 44’04
Sonntag, 24.8.2008, 15.00 Uhr [Bayern 2]
Heimkehr und Kehrreim gehen in dieser Sendung eine poetische Verbindung ein. Heimgekehrt ist der Lautdichter Valeri Scherstjanoi ins nördliche Ostpreußen – die Heimat seiner Vorfahren. Dort lebten einst zwischen Weichsel und Memel die Pruzzen. Sie vermischten sich mit deutschen und anderen Einwanderern, ihre Sprache starb im 17. Jahrhundert aus. Sprachreste erhielten sich in nordostpreußischen Ortsnamen.
Manche Orte wurden 1938 von den Nationalsozialisten umbenannt, weil sie nicht richtig deutsch klangen. Nach 1945 ersetzte die sowjetische Administration alle deutschen Ortsnamen durch russische. Doch noch sind die alten Namen nicht ganz verschwunden. Sie sind festgehalten in Broschüren wie dem ‚Ortsnamenverzeichnis Gebiet Kaliningrad (nördliches Ostpreußen)‘.
Scherstjanoi will die Namen seiner Heimat „zurück in den großen deutschen Wortschatz holen“ und hat sie daher rückläufig, d.h. entsprechend ihrer Endsilben geordnet. Zeitgleich kehrt er zurück in seine Kindheit und lässt den Zuhörer durch kurze Ankedoten teilhaben am Leben seiner Familie. Prätlack, Nimmersatt, Pelludschen, Matzkutschen, Prosit, Tilsit. Eine Klangsymphonie aus Kehrreimen. Heimkehrreime.
Mit Valeri Scherstjanoi
Valeri Scherstjanoi, geb. 1950. Lautdichter, Hörspielautor. BR-Hörspiele: Polyphonia (1991), lautLand (1994), Matrjoschka (1996), Tango mit Kühen (1999) und Makrophon (2000).
Märchen
ach,
Schneewittchen todesrot
hat sich unter
die Tram
geweht
Anhören:
Die Texte von Bertram Reinecke sind eine Art „Vokalsestine“ – Gedichte, bei denen das Permutationsschema der Sestine auf die Anordnung der Silben pro Zeile angewandt wird. Jede Zeile besteht aus 5 Silben, in der ersten Zeile folgen die Vokale der alphabetischen Folge aeiou und vertauschen sich dann, bis in der 5. Zeile die Originalfolge wieder erreicht ist. Hier 2 der von Scherstjanoi gesprochenen Strophen:
Ach Mensch! Nie sollst du…
Du Ach! sollst Mensch nie –
Nie du Mensch! Ach! sollst –
Sollst nie… Ach du Mensch…
Mensch sollst du nie? Ach…
Ach Mensch nie sollst du…
Ach es ist so dunckl
un das Todes Kimmr
tint su trerach wonn
or sich bawugt end
efhobt sun schwir Hammr
ante Stindo schlugt
Anhören
Nacht. &
griff nach
deinem Namen,
nackt. &
griff nach &
dein Atem.
Nacht in deinen Armen &
griff deinen Nacken
nach & nach &
ahne deinen Leib
bleib bei, mein
nach & nach
& sei mir nah
& kein Begriff
kein Satz um
eine
Naht. &
griff nach
deinen Worten,
wund. &
griff nach &
dein Mund.
Nicht eine Stunde um dich
ohne Stimme. Amen.
Schönheit I
Ich in: Spiegeln. In:
Seen [nicht fotogen]
aus Arabesken aber:
wüste Steine. Teiche
seien: Augen [seine].
Ich bin: rau liebkost
in Pinien, wild. Mein
Weg: verzierter Fels.
Ich: fliehe nicht. Ich bin:
aus lauter Schmuck. Ich:
schreite. Sehe keinen
Lidschlag Schatten.
Schwimme. Schimmert
im Gehirn mein Stolz?
Ich: singe. Alles Lied ist
Ding ist: Ich. Ich bin.
Schönheit II

nebel
über dem boden hängt der erste nebel
langsam aufgestiegen aus dem holz
der nacht und deckt die dielen zu im flur
die fliesen und wabert hin zur haustür
wo der hund im zug die ohren aufgerichtet
blinden auges wacht und schlägt ans fenster
schon als schmaler streif ich greife stumm
nach deiner hand die luft wiegt leicht
so zwischen dir und mir nur eine atemtreppe
du gehst in ungestörtem rhythmus auf
und ab und windgebogen ähren deine wimpern
die zart geäderte struktur durchpulster lider
darüber schwebend eine weiße wand ich falle
eine spur kaum sichtbar kriecht in meine atemwege
die laute von erstickter kehle kehren wieder
und alle worte die ich einmal kannte sind nur mehr
geflockte stunden auf der zunge bitterschwer
staub
wenn die tür geschlossen wird, sind auch die hunde
still in ihren hütten. der flugverkehr ist eingestellt, kein
rasenmäher und kein weckerticken, nichts stört. nur
der saum der gardine, der am boden schleift. ein lichtstrahl
der mein auge trifft. fiebergefühle. das holz knackt leise.
nur eine wespe, die ans fenster schlägt. draußen wiegen
sich die tannen. im zimmer, unter meinem bett, wo einer
liegt mit stumpfem messer, zittern die flusen. staub.
staub. ich höre die wespe, die über mir ist. das klappern
von tellern aus der küche, gläserklirren, jetzt das besteck:
wer, wenn ich schriee, hörte mich denn, ist erst der tierfilm
im dritten programm und das gespräch in vollem gang
und nichts davon für mich bestimmt, gefangen im endlosen
nachmittagslicht. staub. staub. bin ich das insekt, das maßlos
erschöpfte, in diesem bett lag meine mutter als kind.
>>blind<<
für ihre schönheit blind, muss blind gewesen sein;
vor leidenschaft fast blind, ich müsste denn blind sein!
der blind dem trieb zu bösen taten folgt, dass ich taub und blind,
bin ich denn blind? da wart und guck ich blind mich!
plutos, alt und blind. so ist er denn wirklich blind?
dann blind in der irre, zeus selber ist blind.
blind soll er wieder werden, der auf einem auge blind war.
dass du blind wärest, für seine eigenen angelegenheiten blind.
wenn schon, dann nur blind.
schwachsinnig ist der maulwurf von natur und blind.
blind entfährt die waffe der hand, blind in ihrer liebe zu iason;
dein unglück macht dich blind.
der stab ist blind, wo ich doch schwach nur sehen kann,
der ich blind mich bewege am stock, wart ihr blind.
jawohl, der soll blind sein! tritt auf, blind, wenn auch blind
blind gegenüber allen erfordernissen. nicht ich mache den jungen dir blind,
wenn auch blind, blind gewesen war. dass du blind bist:
da du so blind bist? blind, so blind, sie müssten denn selbst alle blind sein?
nicht eben blind; nicht viel besser als blind.
du bist blind an deinem seelenauge. ich hingegen sehe sehr gut.
wie ich höre, auch blind und taub? bin ich dir so blind als du mich siehst?
und zu allem dem noch lahm und beinahe blind.
du sollst blind gewesen sein, sagt man.
du bist, wenn ich nicht sehr blind bin, aus einem weissen stein
Anm. d. Verf.:
„>>blind<<“, das eine Montage aus verschiedenen übersetzten antiken Textstellen die das Wort enthalten ist, versucht das Gestische durch Redundanz auszusteuern und klanglich – würde ich sagen – einen dubstep hinzulegen; jede Erzählung die dabei entstehen könnte ist rein zufällig.
Audio >>blind<<
Was sucht in den lichtdurchfluteten Räumen des Tagungs- und Bildungszentrums Kloster Irsee die phonetische Poesie? Wer will sie haben?
Wer meldet sich an für einen Kurs beim Lautdichter und Scribentisten Valeri Scherstjanoi und mit welcher Erwartung was zu lernen?
Überlebt das freundliche Motto Kunst leben / Kunst leben / Kunst leben das derart offene Poem Valeri Scherstjanoi? Wen? Ein lebendes Poem?
Ach, aber handelt es sich bei dem, was Sie da machen nicht eher um ein Konzert für Neue Musik?
Was ist noch mal Literatur?
Wo hören die Klostermauern eigentlich auf und gesetzt den Fall, tatsächlich innerhalb von Irsee, wie lange hält man es in ihnen aus?
Wo hört der Sommer auf? Wo hört die Kunst auf?
Und wann ist im Allgäu Schluss mit Brüllen? Nachts? Wer ruft, falls nicht, die Polizei?
Was sagen die Glocken? Was sagt das Braunvieh dazu?
Orgasmus oder phonetische Morgengymnastik?
Wie soll ich das aufschreiben?
/ Mara Genschel
Am Ende der DDR erschien eine erstaunliche Anthologie: wortBILD. Visuelle Poesie in der DDR. Die Herausgeber Guillermo Deisler (geboren 1940 in Chile, im Exil in der DDR) und Jörg Kowalski (1952 in Halle) versammeln TextBilder von Elke Erb, Kito Lorenc, Richard Pietraß, von bekannten Künstlern wie Manfred Butzmann, Carlfriedrich Claus, Joseph Huber, Robert Rehfeldt, jungen Autoren des Underground wie Stefan Döring, Johannes Jansen, Bert Papenfuß oder Rainer Schedlinski, dazu von vielen bis dahin unveröffentlichten. 10 Autoren sind nicht auf dem Gebiet der DDR geboren, lebten aber zu jener Zeit dort. Darunter 4, deren Muttersprache nicht Deutsch war: zwei Chilenen, ein Tscheche und ein Russe (?) aus Kasachstan. Der heißt Valeri Scherstjanoi. Seine Mutter wurde nach Kasachstan ins Frauen-Gulag gesteckt. Früh beschäftigte er sich mit den Experimenten der russischen Futuristen. 1979 kam er in die DDR. In einem Gedicht beschrieb er seinen Weg so:
Ich bin in einem Lande geboren,
das nie meine Heimat war.
Ich bin in einem Lande aufgewachsen,
das es nicht mehr gibt.
Ich ging in ein Land,
das es auch nicht mehr gibt.
Und die Muttersprache meiner Mutter
ist nicht meine Muttersprache
( 1995 )
(von seiner Homepage lautland.de)
In der DDR kam er zunächst ins Erzgebirge, und in einer unabhängigen Galerie sah er zum ersten Mal Arbeiten von Carlfriedrich Claus, dem Laut- und Schriftartisten. Er wurde sein Freund und arbeitete mit ihm zusammen. In der Anthologie von 1990 ist er u.a. mit einer „Glasnostleiter“ vertreten. 1994 bis 1996 war er künstlerischer Leiter des Internationalen Festivals der Lautpoesie „Bobeobi“ in der „Wabe“ in Berlin-Prenzlauer Berg. Er veranstaltet Lautkonzerte, hält Vorträge über die russische Avantgarde im In- und Ausland und arbeitet für den Rundfunk. Mehrfach hielt er Kurse für Lautpoesie mit jungen Autoren, so zuletzt zum 21. Schwäbischer Kunstsommer vom 2. – 10. August 2008 im Kloster Irsee.
Im Nachklang der Klangwerktage Hamburg fand am 28. November 2007 in Leipzig ein Lautkonzert mit Valeri Scherstjanoi statt – „ein Nachspüren fremder Töne von Mara Genschel, Nadja Küchenmeister, Johanna Schwedes, Bertram Reinecke und Norbert Lange. Scherstjanoi las die Texte der jungen Autoren und zwischendurch eigene Lautgedichte, teilweise auch angeregt durch das Lautmaterial der Fremdtexte. Scherstjanoi und die beteiligten jungen Autoren haben mir die Erlaubnis gegeben, einige dieser Texte und Tonaufnahmen zu veröffentlichen. Diese Nachricht eröffnet ein kleines Dossier zu diesem bedeutenden Künstler.
Scherstjanoi in L&Poe: 2001 Mrz # Drei Stunden Lyrik im ZDF; 2002 Sep # Über die Nacht der Literatur; 2003 Okt # Nossackpreis an Endler; 2005 Sep #48. Schrift. Zeichen. Geste.; 2005 Nov #65. Literatur und Strom; 2006 Jul #55. »Vokabelkrieger«; 2007 Jun #86. „das Alphabet ist ein Knast!“; 2007 Jul #6. „Kitsch Me!“ – Nr. 9; 2007 Jul #16. Freigelassen; 2007 Nov #139. Die Klangwerktage Hamburg
Uwe Lammla schreibt:
Sehr geehrter Redakteur,
In Ihrer Lyrikzeitung … zitieren Sie aus meiner Selbstdarstellung (www.lammla.de) den Satz „Ich habe Grund zu der Annahme, daß etwas faul sei im Vaterlande, und zwar seit 1945“ und fügen die Anmerkung an: „Da war also die Welt noch heil?“ Ich empfinde dies als Entstellung und bitte um Korrektur.
Wenn ich die Literaturpolitik seit 1945 kritisiere, habe ich deswegen keine andere gutgeheißen. Es ist jedenfalls ein Faktum, daß die deutsche Dichtung bis 1945 über die verschiedenen Gesellschaftssysteme hinweg außerordentlich produktiv und vielgestaltig war. Dann setzte ein Niedergang ein, der sich in den 60ern beschleunigt hat. Woran das liegt und ob dies bedauerlich ist, darüber kann man diskutieren. Es ist jedoch nicht korrekt, demjenigen, der diesen Niedergang diagnostiziert, ein Faible für die Zeit von 1933-45 zu unterstellen.
Lieber Herr Lammla,
zunächst bin ich erleichtert über, ja dankbar für die Klarstellung, daß Ihre Zeilen nicht die „Literaturpolitik“ 1933-45 gutheißen wollten. Sie werden zugeben, daß der zitierte Satz verschiedene Deutungen offenließ. Zu den Prinzipien der Lyrikzeitung gehört, daß ich nicht jede Meinung kommentiere, die ich nicht teile. Aber einen Satz, der so verstanden werden kann, wie es bei dem von Ihnen angeführten Satz der Fall ist, kann ich nicht unkommentiert stehenlassen. Hier noch einmal Ihr Schlußsatz und mein Kommentar:
Ich habe also guten Grund zu der Behauptung, daß etwas faul sei im Vaterlande, und zwar seit 1945. / Uwe Lammla
[Päng! Da war also die Welt noch heil?? Oder „nur“ die Welt der Lyrik?? Vaterland und Lyrik warn ganz schön kaputt, eh! MG]
Das sind ein Ausruf, zwei Fragen und eine Aussage, letztere mit noch einem angehängten Ausruf. Auf die Fragen haben Sie zum Teil geantwortet. Meinen Aussagesatz lasse ich stehen: Vaterland und Lyrik waren ganz schön kaputt.
Was Sie in Ihrer Stellungnahme ein Faktum nennen, das halte ich für eine Meinung. Darüber hinaus eine, die ich nicht teile. Nehmen wir nur die 12 Jahre bis 1945: „außerordentlich produktiv und vielgestaltig“? Hinter mir, im Regal, steht meine in Jahrzehnten zusammengetragene Bibliothek der neueren deutschen Lyrik. Darunter auch zahlreiche Gedichtbände und Anthologien, die in diesen Jahren in Deutschland erschienen sind. Darunter sind ein paar Stille im Lande, wie der außerordentliche Konrad Weiß, ein paar Achtbare, auch ein paar, die neben Oden auf den Führer auch Achtbares geschrieben haben, und sonst? Soviel Beflissenheit, soviel Flachsinn, auch flacher Tiefsinn, war selten in der Geschichte der deutschen Lyrik. Das ist eine Meinung, meine. Ich könnte Belege anführen, Sie oder andere könnten gegenhalten. Aber da Sie vom „Faktum“ reden, halten wir uns an Fakten. 1933-45 war die Vielfalt innerhalb Deutschlands doch erheblich eingeschränkt. Wieviele Lyriker (und nicht nur deutsche!) wurden verboten, ins Ausland, in den Selbstmord getrieben, zum Schweigen, zum Verstummen gebracht? Wieviele haben sich angepaßt, haben Verrenkungen gemacht? Wieviele wurden totgeschlagen? Wieviele von servilen Kritikern und Germanisten verhöhnt, verleumdet, totgeschwiegen? Was wurde dafür hochgelobt? Wieviele künftige Talente starben als halbe Kinder im Krieg? Wieviele polnische, serbische, ungarische, wieviele jüdische Dichter, wieviele künftige Nobelpreisträger starben durch Krieg und Terror? Um nur einen einzigen zu nennen: der ungarische Dichter Miklós Radnóti wurde im November 1944 von SS-Leuten erschossen. In seiner Tasche lagen blutbeschmierte letzte Gedichte. 1967, in den von uns unterschiedlich beurteilten 60er Jahren, erschienen sie auf Deutsch. Nein, ich teile Ihre Meinung nicht (aber ich habe sie in jener Meldung ausführlich zitiert, weit mehr als einen Satz)**.
Vgl. L&Poe 2008 Feb #31. Wiedergeburt der deutschen Dichtung (Faul seit 1945)
**) Wer mag, lese Lammlas Gedichte, z.B. dies hier, das quasi direkt zum Thema ist. Hätte ich ihn damals genauer gelesen, hätte ich weniger zitiert oder mehr kommentiert. Sein Kamerad bin ich nun doch nicht, und seine Ästhetik? Pah, das gibts, und L&Poe ist ein Ort, zu dokumentieren und archivieren, was es gibt. Hiermit geschehen.
Paul Celan war keineswegs der einzige Dichter aus Czernowitz. Die Stadt mit dem Beinamen Kleinwien, die Hauptstadt der Bukowina, die zu ihrem Unglück aus Österreich-Ungarn nach Rumänien kam und dann der Ukraine zufiel, zu der sie heute noch gehört, war ein kulturelles Zentrum, vor allem ein Zentrum der jüdischen Kultur, reich und brodelnd.
François Mathieu hatte die ausgezeichnete Idee, ein Dutzend deutschsprachige jüdische Dichter aus der Bukowina in einer Anthologie unter dem Titel „Gedichte aus Czernowitz“ zu präsentieren.
In einem geschichtlichen Abriß schildert er vorab die unglaubliche Brutalität, mit der die Juden dieser Provinz behandelt wurden, die ab 1918 von den Rumänen massakriert und mißhandelt wurden mit einer Brutalität, die der der Nazis kaum nachsteht.
Angesichts solcher Verfolgung wurde die Poesie schnell zu einem Zufluchtsort, in dem man Angst und Leid ausdrücken und manchmal auch noch einmal versuchen konnte, den Sinn des Geschehens zu finden.
Mit Ausnahme Celans sind die Dichter dieser Anthologie in Frankreich** weitgehend unbekannt, es sind: Rose Ausländer, Alfred Kittner, Immanuel Weissglas, Alfred Margul-Sperber, Ilana Shmueli, Klara Blum, David Goldfeld, Alfred Gong, Selma Meerbaum-Eisinger, Moses Rosenkranz und Manfred Winkler.
Hier findet sich das Gedicht „Er“ von Weissglas, das frappierende Ähnlichkeiten mit Celans „Todesfuge“ hat, dem Gedicht, das ihn berühmt machte und dessen zentraler Vers (ohne Zweifel der wichtigste Vers der deutschen Lyrik nach dem Krieg) heißt: „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“. Weissglas schreibt: „Der Tod ist ein deutscher Meister“ [hier rückübersetzt aus dem Französischen, MG] / John E. Jackson, Le Temps, Genf, 24.5.
Poèmes de Czernovitz. Douze poètes juifs de langue allemande
Editeur: Laurence Teper
Trad. et présentation de François Mathieu. 240 p.
**) und für die meisten gilt: auch in Deutschland
In L&Poe: 2001 Feb # Lichtenwald erinnert an Rose Ausländer; 2001 Jun # Rimbaud Verlag Aachen; 2001 Jun# Über den Bukowiner-deutschen Dichter Moses Rosenkranz; 2002 Mrz # Moses Rosenkranz aus Czernowitz; 2003 Mai # Moses Rosenkranz, deutscher Dichter; 2003 Dez # SWR-Bestenliste; 2003 Dez # Dan Pagis; 2005Jan #73. Der israelische Lyris-Kreis; 2007 Jan #60. Manfred Winkler; 2007 Mrz #121. Weltliteratur, die die Welt nicht kennt; 2007 Apr #89. Besuch bei Manfred Winkler; 2008 Jan #80. „Dunkelgold“
Immer von neuem muss an ihn erinnert werden, an den neben Ivo Andric und Miroslav Krleza dritten grossen modernen Klassiker des alten Jugoslawien: Milos Crnjanski (1893–1977). Es ist um Crnjanski im deutschsprachigen Raum – trotz mehreren Übersetzungen – seltsam still geblieben. Dabei hat er mit seinem autobiografisch grundierten «Tagebuch über arnojevi» (1921, dt. 1993) einen der schockierendsten und lyrischsten Texte über den Ersten Weltkrieg vorgelegt und mit seinem Romanepos «Wanderungen» (1927–1962, dt. «Bora», 1988) ein Opus magnum über die Geschichte der Serben unter Kaiserin Maria Theresia, dessen Lektüre manche heutigen Konflikte zu erhellen vermag. Indes wird Milo Crnjanski ignoriert, und man mag sich fragen, warum.
Unter bewegten Umständen schuf Crnjanski ein vielseitiges Werk, bestehend aus Gedichten, Romanen, Reisebeschreibungen, Essays, historischen Dramen und autobiografischen Aufzeichnungen. Zu Letzteren gehören die lebens- und werkgeschichtlich höchst aufschlussreichen «Kommentare zu » (1959, dt. 1967), die nicht zuletzt die Entstehung des Frühwerks, insbesondere des Lyrikbandes «Ithaka» beleuchten. «Ithaka» liegt nun seit kurzem auch auf Deutsch vor – ein Anlass, diese ausserordentlichen Gedichte und ihren Autor zu würdigen.
Es spricht – stellvertretend für eine lost generation – das Ich eines traumatisierten Kriegsheimkehrers und modernen Odysseus: aufmüpfig, anarchisch, widersprüchlich, elegisch, provokativ. Und dies in Hymnen und Grotesken, in Trinksprüchen und Scherzen, in Galgen-, Schlaf- und Soldatenliedern. Basso continuo ist der Krieg mit seinen Folgen: Wut, Trauer, Ekel, Sinnlosigkeit. «Nichts haben wir, keinen Gott, keinen Herrn. / Unser Gott ist das Blut», heisst es, oder sarkastisch: «Es geht uns gut.» «Das Schönste ist nicht: die Liebe, / sondern für ein bisschen Sonne zu töten und früh zu sterben.» Milo Crnjanski gibt einen defaitistischen poète maudit, wenn er ausruft: «Sei gegrüsst, Welt, blass wie ein Wintertag, / ängstlich taub. (. . .) / Für unsere Herzen ist nichts genug. / Für unsere Herzen ist alles Betrug. / Solang noch einer von uns atmet dieser Erde Luft: / verströme kein Garten seinen Duft. (. . .) / Wir sind für den Tod!» / Ilma Rakusa, NZZ 20.5.
Miloš Crnjanski: Ithaka. Gedichte. Aus dem Serbischen von Viktor Kalinke, nach Vorlagen von Stevan Tonti und Cornelia Marks. Erata-Literaturverlag, Leipzig 2008. 214 S., Fr. 30.20.
hier ein gratulationsakrostichon:
Hans Thill
13 Buchstaben
J edes Ohr entwickelt rasch grüne
O zeane ermuntert rohgereimte Gardinenschlampen ja
E ngelsgleich roch Gertrud jeweils ohne
R öhren getrunkenes Jerusalem Ortsteil Edingen
G eneriert jameslastige Otöne endlicher Rudi
B ißchen Weihrauch war nie drin. Eher weiche Dialekte
U nerhörter Förster Beerenberch baumlanger Dirigent der sonntags
R atten killte. Der Müll den wir bewohnten hieß dagegen
K airo oder Khaidelberg Keltenwall aus totem Lehm gestampft
H eimgeholt in die Dosenluft des besagten Pueblo Neruda.
A ls Autos mit Sorry-System durch scharenweise Möwenvögel ins
R utschen kamen (Highway/Kot) gab es einen Tütenknall der mit
D udendichtung nur sehr ungefährlich zu umschreiben wäre.
(steht auch im goldenen fisch)
In L&Poe: 2006 Aug #110. FLOPPY MYRIAPODA; 2007 Mai #9. Floppy myriapoda; 2007 Jun #117. Provinzlesung 2007 Kalte Buche/Rhön; 2007 Jul #85. TROMPETE1; 2007 Aug #105. floppy myriapoda Heft 6; 2008 Jan #65. E D K p r ä s e n t i e r t
Die Wochenzeitung „Die Zeit“ berichtete am 15. Oktober 1965 von einem Geschehen auf den Düsseldorfer Rheinwiesen. Dort, zum Erntedankfest, verbrannten Mitglieder des „Jugendbundes für Entschiedenes Christentum“ (EC) neben Zeitungs-Pin-ups und Kinoreklamen auch Bücher von Erich Kästner, Albert Camus, Grass‘ „Blechtrommel“ sowie Nabokovs „Lolita“. Dies, nach Meinung der EC, sei „Schund- und Schmutzliteratur“, Bücher voll brutaler, krimineller und sexueller Szenen; sie brächten die Menschen von Jesus ab. Zu den Flammen sangen die Jugendlichen, die aus Mittelstandsfamilien stammten, Lieder aus der „Frohen Botschaft“: „Wir jungen Christen tragen ins dunkle deutsche Land ein Licht in schweren Tagen als Fackel in der Hand …“
Diese Aktion war zuvor bei den Behörden angemeldet worden. Das Düsseldorfer Ordnungsamt hegte gegen die Aktion Bedenken – aus Gründen der Sicherheit! An den Flammen des Autodafés könnten die schmucken Bürgerhäuser der Innenstadt Schaden nehmen. Also verschob man den Ort des Vollzugs vom Karlplatz an den Rhein. / Reinhard Jirgl, FR 10.5.
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