76. Geheimbrief

Ein Altersbuch, in mehrerer Hinsicht. Einerseits in den Themen, den Motiven. Erika Burkart, die Grande Dame der Schweizer Literatur, geht auf die neunzig zu, ist in die „späten, die kurzen, / immer kürzeren Jahre gekommen, / da Gott sich zerstreut“. Ein Firnis von Abschiedsstimmung, von Melancholie des Verlusts liegt so über den Gedichten des neuen Bandes „Geheimbrief“. Leben vollzieht sich im abgetönten Licht des Bewusstseins, dass „praktisch alles, womit du so lebst, / Morgenbäume, geliebte Menschen, / Bücher und Abendfenster, // untergeht“. Nachts um zwei (viele dieser Poeme sind Spätnacht- oder Frühmorgengedichte) erwacht sie und sieht die „krebskranke Mutter“, die „krebskranke Schwester“. Die eigene Vergänglichkeit rückt in den Blick. In der Septemberstille des Hochmoors tickt „mein / verängstigtes Herz“ gegen den hörbar gewordenen „Basso ostinato der Zeit“. Zur „schwarzen Beere / ist mein Leben geschrumpft, / ist bitter, / hält sich verborgen, hoffend, / der Dunkle Vogel / finde sie nicht“. / Hans-Dieter Fronz, Badische Zeitung 25.7.

Erika Burkart: Geheimbrief. Gedichte, Ammann Verlag, Zürich 2009. 86 Seiten, 17,95 Euro

72. ERLANGER LITERATURPREIS FÜR POESIE ALS ÜBERSETZUNG

ÜBERSETZERPREIS DER KULTURSTIFTUNG ERLANGEN FÜR BARBARA KÖHLER UND ULF STOLTERFOHT

Erlangen, 24. Juli 2009
Anlässlich des 29. Erlanger Poetenfests (27. bis 30. August 2009) vergibt die Kulturstiftung Erlangen zum dritten Mal den „Erlanger Literaturpreis für Poesie als Übersetzung“. Die mit 5.000 Euro dotierte Auszeichnung wird in diesem Jahr gemeinsam an die Autoren und Übersetzer Barbara Köhler und Ulf Stolterfoht verliehen. Die Jury des „Erlanger Literaturpreises für Poesie als Übersetzung“ würdigt damit ihre Übersetzungen von Gertrude Steins „Tender Buttons – Zarte knöpft“ (Barbara Köhler, 2004) und „Winning His Way – wie man seine art gewinnt“ (Ulf Stolterfoht, 2005). Barbara Köhler und Ulf Stolterfoht werden die Auszeichnung im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung des 29. Erlanger Poetenfests am Donnerstag, 27. August 2009, 20 Uhr, im Erlanger Markgrafentheater persönlich entgegennehmen.

„Gertrude Steins sinnoffene Poesie lässt zahlreiche Lesarten zu. Barbara Köhler und Ulf Stolterfoht nehmen unterschiedliche Perspektiven auf die von ihnen übersetzten Texte ein, die sich gegenseitig ergänzen und in einem dialogischen Verhältnis zueinander stehen.
‚Tender Buttons’ (‚Zarte knöpft’) von 1914 ist einer der bekanntesten und am schwierigsten zu übersetzenden Texte von Gertrude Stein. Die kubistischen Prosaminiaturen widersetzen sich dem herkömmlichen Bedeutungspostulat. Barbara Köhler übersetzt die sinnliche Bewegung der Sprache, in der Klänge, Rhythmen und Bedeutungen frei flottieren. Indem sie das Bedeutungsspektrum der Wörter entfaltet, erweitert sie die vielfältigen Möglichkeiten der poetischen Sprache.
Gertrude Steins Erzählgedicht über Dichtung ‚Winning His Way’ (‚wie man seine art gewinnt’) von 1931 steht formal zwischen den Prosastücken ‚Tender Buttons’ und den ‚Stanzas in Meditation’. Gertrude Stein macht die Wörter zu ihrem eigenen Gegenstand. Sie schreibt Wörter über Wörter, die eine Welt aus Sprache erzeugen. Die Übersetzung von Ulf Stolterfoht ist eine Reflexion über die Verdinglichung der Sprache und die Entstehung einer rein poetischen Welt im Gedicht.“ (Aus der Begründung der Jury)

Deutschland besitzt über tausend Literaturpreise, aber auffallend wenige Übersetzerpreise. Dieses Missverhältnis hat vor allem etwas mit dem immer noch mangelnden Bewusstsein dafür zu tun, dass der internationale Erfolg eines Buches wesentlich von der Qualität seiner Übersetzung abhängt. In dieser Situation hat sich das Erlanger Poetenfest die Förderung von Poesie als Übersetzung zur Aufgabe gemacht. Im Rahmen des 24. Erlanger Poetenfests wurden erstmals Autoren als Übersetzer eingeladen. Die Erlanger Übersetzerwerkstatt soll die Stellung der Übersetzer im Literaturbetrieb stärken. Mit der Übersetzerwerkstatt und dem Übersetzerpreis wollen das Erlanger Poetenfest und die Kulturstiftung Erlangen gemeinsam einen Markstein in der deutschen Literaturlandschaft setzen und ein Bewusstsein dafür schaffen, wie sehr gerade Übersetzungen die deutschsprachige Gegenwartsliteratur bereichern.

Die Jury des „Erlanger Literaturpreises für Poesie als Übersetzung“ besteht selbst aus Übersetzern. Dieses bislang einzigartige Konzept verbürgt die herausragende sprachschöpferische Qualität der ausgezeichneten Arbeiten, unabhängig von der Nationalität der übersetzten Autoren. Der Jury gehörten in diesem Jahr an: Georges-Arthur Goldschmidt (Erlanger Literaturpreis für Poesie als Übersetzung 2007), Annette Kopetzki, Adrian La Salvia (Jury-Sprecher), Benedikt Ledebur, Camilla Miglio, Peter Waterhouse, Norbert Wehr und Franz Josef Czernin (in beratender Funktion).

29. ERLANGER POETENFEST – 27. BIS 30. AUGUST 2009
Informationen ab August 2009 unter www.poetenfest-erlangen.de

70. Shortlist für britischen Forward Prize veröffentlicht

Die Shortlist für den 18. Forward Prize wurde gestern veröffentlicht. Die Preise für den besten Gedichtband, den besten  Debütband und das beste Einzelgedicht werden am 7.10. verliehen.

Nominiert für die Auswahl des besten Gedichtbandes (£10,000):

Glyn Maxwell – Hide Now
Sharon Olds – One Secret Thing
Don Paterson – Rain
Peter Porter- Better than God
Christopher Reid – A Scattering
Hugo Williams – West End Final
Für den besten Debütband kandidieren:
Siân Hughes, The Missing; Emma Jones, The Striped World; Meirion Jordan, Moonrise; Lorraine Mariner, Furniture; JO Morgan, Natural Mechanical, Meghan O’Rourke, Hatlife.
Für das beste Einzelgedicht sind nominiert: Paul Farley (Moles); Michael Longley (Visiting Stanley Kunitz); Robin Robertson (At Roane Road); Elizabeth Speller (Finistere); George Szirtes (Song) und CK Williams (Either/Or).
BBC 22.7.; Guardian 23.7.

69. Unbekanntes und Allzubekanntes

Bei Göran Sonnevi geht es stets ums Ganze. In den frei schwingenden Versen seiner Langgedichte finden sich Erinnerungen, Bilder von Landschaft, Mystisches und philosophische Reflexionen vereint. Vielleicht existieren tatsächlich unendlich viele imaginäre Dimensionen, wie es einmal heisst, alle gleich wirklich, alle von gleicher Wichtigkeit. Göran Sonnevi jedenfalls schafft mit seinen Versen solche vielgestaltigen Welten, Gedichte, die an kleine Labyrinthe erinnern oder an das Astwerk von Bäumen, «verzweigt wie die Hirschgeweihkrone / Der Runenbaum, Drachenspiralen». Dabei ist den Gedichten nichts ferner als bemühte Rätselhaftigkeit, vielmehr weisen sie meist ins Offene, feiern die Veränderung und umspielen Momente von Freiheit: «Ich folge den Konturen dessen, was ich nicht weiss / Wie kann ich die Konturen des Unbekannten erkennen?»

Doch so offen die Verse auch sein mögen, ihr Fluchtpunkt ist immer schon die Vergänglichkeit, die «Schneide der Integration, der Tod». …

Aber es gibt auch andere Gedichte in diesem Band. «Bin ich an den Punkt der Feigheit gelangt / in mir selbst?», fragt Sonnevi einmal, «wo ich nicht den Versuch wage / einer klaren Stellungnahme, angesichts des Krieges, / zur Verteidigung menschlicher Werte oder für / völkerrechtliche Unverletzlichkeit?» An solchen Stellen hätte man sich fast ein wenig Feigheit von Sonnevi gewünscht, bezieht er wenig später doch eindeutig Stellung. Sei es im Lamentieren über die «Masken der politischen Führer», sei es in deutlicher Kritik an der Macht der Medien und der Märkte, oder sei es in plakativen Sätzen über jüngste Kriege – statt das Politische in Bilder einzulagern oder es mit philosophischen Spekulationen zu verbinden, missbraucht er den Vers als Behältnis für Meinungen und Botschaften. Gestern in der Zeitung, heute schon im Gedicht. So unterläuft er genaue jene Offenheit und Beweglichkeit, die er andernorts als die Peilmarken seines Schreibens betont. / Nico Bleutge, NZZ 23.7.

Göran Sonnevi: Das brennende Haus. Ausgewählte Gedichte 1991 bis 2005. Aus dem Schwedischen von Klaus-Jürgen Liedtke. Verlag Carl Hanser, München 2009. 142 S., Fr. 26.50.

75. Gar nicht rätselhaft

„Eiserne Gutmütigkeit!“ Oder auch, an einer anderen Stelle in Hans Magnus Enzensbergers neuem Gedichtband „Rebus“: „gußeiserne Gutmütigkeit“. Die schöne Wortfügung taucht in den letzten Jahren bei Enzensberger immer wieder einmal auf; als hätte sich da im lyrischen oder biographischen Ich eine bestimmte Haltung gefestigt, von der man die Welt nicht ungern in Kenntnis setzt. Wenn Gutmütigkeit „eisern“ ist oder geworden ist, dann erscheint sie weniger als eine Frage des Naturells als der Disziplin.

Und als disziplinierte kann natürlich die Gutmütigkeit so gut gar nicht sein, wie sie es als eine Eigenschaft des Charakters wäre. Die eiserne Gutmütigkeit, die uns Enzensberger in letzter Zeit gern suggeriert, ist, wie könnte es anders sein, weder eisern noch gutmütig. Eher könnte man sagen, dass hier jemand spricht, der sich von nichts und niemandem mehr aus der Gelassenheits-Reserve bringen lässt, nicht einmal von sich selbst. Solche Gedichte, in denen der aufgeregten Welt der Meinungen und Kämpfe noch einmal ostentativ der Rücken gekehrt wird, muss man sich leisten können. …

Ein Rebus ist bekanntlich ein Bilderrätsel, aber in diesen Gedichten gibt es, was man nicht nur beklagen muss, gar keine Rätsel.

Als man schon fast die Hoffnung aufgegeben hat, in diesem Band etwas zu finden, das über das Lob des Treppensteigens hinausgeht, langt man bei einer fast zehnseitigen „Coda“ an, die einen dann doch wieder etwas versöhnlicher stimmt. Hier darf man doch noch einem Ich begegnen, das etwas in sich herumträgt, das überhaupt an etwas trägt und also mit seinem Gepäck doch geringfügig schwerer ist als Luft.
Die „Coda“ ist eine Art Selbstgespräch über ein Motiv namens „Alles Mögliche“. Man müsste, sagt sich der Sprecher, jenseits von Gelassenheit und Ironie schon noch einmal etwas tun. Sogar die „alte Wut“ ist nicht ganz vorbei. „Manchmal, nachts“ holt sie „mich ein/ hinterrücks. Wie früher hat sie / gewöhnlich recht. Aber merkt sie nicht / daß es keinen Zweck hat, daß sie stört, / daß ich sie nicht haben will? Sie weiß doch, / daß alles, was menschenmöglich ist, womöglich nicht reichen wird, um uns zu retten?“ Gibt es womöglich doch einen lyrischen und Lebens-Zustand nach der „eisernen Gutmütigkeit“? „Ich bleibe dabei / vorläufig wenigstens“, vermelden die letzten Zeilen. Das „vorläufig“ lässt hoffen. / CHRISTOPH BARTMANN, SZ 16.7.*

HANS MAGNUS ENZENSBERGER: Rebus. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009. 120 S., 19, 80 Euro.

*) illustriert mit einem schönen englischen Rebus

74. Spur des Schmetterlings

Man wollte aus ihm einen Nationaldichter machen, den Sänger der palästinensischen Sache. Machmud Darwisch, der im August 2008 im Alter von 67 Jahren starb, konnte sich dem politischen Druck entziehen, um seiner Phantasie freie Bahn zu verschaffen. Seine letzten Texte zeugen von seiner Liebe zur Natur, zum Wein, zu den Frauen… Auch wenn er gleichzeitig die Nöte seines Volkes ansprach, für das er aktiv gekämpft hat, früher, im Schoße der PLO. / Robert Solé, Le Monde 23.7.

La Trace du papillon, de Mahmoud Darwich, traduit de l’arabe (Palestine) par Elias Sanbar, Actes Sud, 186 p., 20 €.
Anthologie poétique bilingue, de Mahmoud Darwich, Babel, 320 p., 8,50 €

68. Neues von Hilde Domin

«So lange man noch Neugierde in sich hat und staunen kann, ist das Alter egal.» Ihrem Leitspruch ist die Lyrikerin Hilde Domin bis zu ihrem Lebensende 2006 treu geblieben.

Voller Tatendrang arbeitete die vielfache Literaturpreisträgerin noch mit 95 Jahren an Erinnerungen ihrer frühen Kindheit und hielt bis zum Schluss bundesweit Lesungen. Zu ihrem 100. Geburtstag an diesem Montag (27. Juli) ermöglicht ihr Nachlass emotionale Einblicke in das Leben der Wahl-Heidelbergerin, deren mädchenhaft Jugendlichkeit und Lebenslust noch heute auf Fotos besticht.

Der S. Fischer Verlag hat zu dem Jubiläum neben einem neuen Gedichtband leidenschaftliche Briefe der Dichterin an ihren Ehemann Erwin Walter Palm veröffentlicht. Unter dem Titel «Die Liebe im Exil» gibt der Schriftwechsel Einblicke in die bewegten Jahre auf der Flucht vor dem Nazi-Regime in Deutschland und liefert anrührende Zeugnisse von Heimatlosigkeit und Verlassenheit. / Marion van der Kraats, m&c 23.7.

73. TV-Tip: „Ich will dich. Begegnungen mit Hilde Domin“

Auszug aus der Pressemappe:

Eine junge Filmemacherin entdeckt die Lyrik von Hilde Domin und beschließt, die berühmte Dichterin kennen zu lernen. Sie trifft auf eine wache, unkonventionelle 95jährige in einer Wohnung voller Bücher, Rosen und Erinnerungen – mit einer Lebensgeschichte, in der sich das letzte Jahrhundert spiegelt.
Hilde Domin, Jahrgang 1909, erzählt mit großer Offenheit aus ihrem spannungsreichen Leben: von ihrer Kindheit in Köln, von 22 langen Jahren im Exil, von der Rückkehr nach Deutschland und ihrer späten Karriere als Dichterin. Zum ersten Mal spricht sie vor der Kamera über Erwin, die große Liebe ihres Lebens, und über ihre Einsamkeit im Alter.Themen, die der individuelle Blick der Filmemacherin in ausdrucksstarken Bildern festhält.

Anna Ditges, Jahrgang 1978, hat Hilde Domin immer wieder besucht und die alte Frau in ihrem Alltag, auf Reisen und quer durch ihre Erinnerungen begleitet – fast zwei Jahre lang, bis zum Tod von Hilde Domin im Februar 2006. Mit ‚Ich will dich9 8 ist ein intimer und bewegender Film entstanden, der in seiner Konzentration auf das Wesentliche ähnlich präzise und eindringlich ist wie die schnörkellose Lyrik der Hilde Domin.

Nächste Sendetermine:

30.7.09 / 23:45 Uhr im SWR
30.7.09 / 22:50 Uhr im RBB

Weitere Details auf der (sehr interessanten) Homepage: www.ichwilldich-derfilm.de

71. Die Stimme von Guillaume Apollinaire

hier in einem You tube-Video mit Le pont Mirabeau (den Hinweis fand ich bei Jan Röhnert auf Facebook) – Hier eine Animation auf das visuelle Gedicht Il pleut.

67. Nora Iuga im Lyrik Kabinett

Die Dichterin Nora Iuga ist eine trotzige Träumerin, darin mag das Geheimnis ihrer Jugendlichkeit liegen. Im Wunschtraum wie im Nachtmahr hält sich alles frisch. „Wann werden wir schlafende Logiker, schlafende Philosophen haben“, hatte André Breton 1924 in seinem ersten surrealistischen Manifest gefordert. Es waren Rumänen wie Eugène Ionesco oder der Lyriker Gellu Naum, die sich als Bretons gelehrigste Schüler erwiesen. In einem Land, das jahrzehntelang absurde politische Zustände zu ertragen hatte, bewahrten unbelehrbare Individualisten wie Nora Iuga den „rumänischen Traum“: „Du, Vergrabene, rief da Gellu Naum / und stopfte mir eine Handvoll Blätter in den Rachen / welch grüne Agonie, stell dir doch vor / ja, stell dir vor, welch eine grüne Agonie“, heißt es in ihrem Gedicht „Au Ralenti“ aus dem Zyklus „Die Nachtdaktylographin“.

Die 1931 in Bukarest geborene Lyrikerin, Mentorin junger Talente und vor Energie übersprudelnde Hutliebhaberin, ist seit Jahrzehnten eine vielverehrte Größe im kulturellen Leben ihres Landes. Außerdem hat sich die Germanistin als Übersetzerin aus dem Deutschen, etwa von Herta Müller, Elfriede Jelinek oder Günter Grass“ „Die Blechtrommel“, große Verdienste erworben. Vor zwei Jahren wurde Nora Iugas poetisches Werk endlich auch dem hiesigen Publikum in allen Facetten vorgestellt, mit dem Sammelband „Gefährliche Launen“ (Klett-Cotta-Verlag). Der Rumäniendeutsche Ernest Wichner, Leiter des Literaturhauses Berlin, übertrug die „Capricii periculoase“ in ein wunderbar geschmeidiges Deutsch. / KATRIN HILLGRUBER, SZ 22.7.

65. Später Ruhm

Die Schulden drückten, die Bezüge wurden gepfändet, und zum Schluss verlor er durch die Zwangsversteigerung alles, was er hatte.

Und doch war dies die produktivste Zeit in seinem Leben. Detlev von Liliencron kam viel herum, lernte Land und Leute des Nordens kennen, Leute, denen es oft nicht besser ging als ihm, und er machte nun seinen Traum wahr: Er schrieb. Verfasste Gedichte und Balladen, ein Leipziger Verleger brachte 1883 sogar eine erste Auswahl heraus, doch die Ernüchterung kam schnell: Verkauft wurden in zwei Jahren nur 23 Exemplare. Liliencron wechselte vom Gedicht zum Drama, schrieb nun auch einen Roman (»Breide Hummelsbüttel«) und Erzählungen, der Erfolg allerdings blieb ihm verwehrt. Seine Lage wurde immer trostloser.

Die Deutsche Schillerstiftung erbarmte sich seiner und spendete ihm häppchenweise über 10 000 Mark. Inzwischen waren Storm und Fontane auf ihn aufmerksam geworden, sie sparten nicht mit Lob, und als man 1897 zu einer ersten öffentlichen Sammlung für ihn aufrief, unterschrieb beinahe alles, was in der Kunst Rang und Namen hatte: von Böcklin über Dehmel, Hauptmann, Fontane, Klinger, Liebermann, Raabe bis zu Richard Strauß. Der Ruhm kam dann doch noch. Liliencron wurde Ehrendoktor der Universität in Kiel, Richard Dehmel edierte 1900 zum ersten Mal das Werk, und nun sah man, in diesen neun, später fünfzehn, dann noch einmal acht Bänden, auch seine Leistung, vor allem den vitalen, sinnlichen, bildkräftigen Lyriker mit seinen Naturgedichten, den Balladen und dem Epos »Poggfred«, diesem »kunterbunten« Hauptwerk, in dem er seiner Fantasie, wie Arnold Zweig 1949 notierte, freien Lauf ließ, »mit Göttern, Sternen und Wikingern umspringend, daß es nur so rauchte«. Rilke nannte »Poggfred« 1897 »ein Wunderbuch«, verfasst mit großer Hünenkraft, und Thomas Mann sprach vom »leichtesten, glücklichsten, kecksten, freiherrlichsten Gebilde der modernen Literatur«. / Klaus Bellin, ND 22.7.

64. Reden & zeigen

Alle reden (alle deutschen Medien zumindest) über rasierte Körperzonen. Die Zeit zeigt sie uns in wünschenswerter Deutlichkeit. (Nr. 29, Teil Wissen S. 31 – auf der Website nur eine gezähmte Variante)  – Alle reden über Michael Jackson. Die Zeit gibt uns ein Gedicht Durs Grünbeins zu lesen: Sphinx des Pop (Nr. 28, Feuilleton, S. 39). Grünbein führt entweder eine lyrische Zeitchronik oder schreibt gelegentliche Zeitgedichte – auf Bestellung? Ein besseres Gedicht gibts jedenfalls ein paar Seiten weiter in der gleichen Ausgabe zu lesen, S. 43: Jan Wagner, nachschrift zu lukian. So kommt schließlich jeder auf seine Kosten.

66. Wahrheit und Aspirin

Die ambitionierte Eigenproduktion des Lörracher Stimmenfestivals „Pessoassion“, eine Hommage über den schwermütigen Dichter aus dem Fado-Land Portugal, führt in die entlegenen Räume der dichterischen Fantasie. Auf der abgedunkelten Burghofbühne ist die Caféhaus-Atmosphäre nachgestellt: Sieben Männer mit Hüten lassen sich an den Tischchen nieder, während ein Darsteller in die Rolle des Schriftstellers Philosophen, Selbstanalytikers, Esoterikers und Avantgardisten Pessoa und seiner verschiedenen Figuren schlüpft und an die Rampe tritt: „Ich brauche Wahrheit und Aspirin“./ Jürgen Scharf, Südkurier

63. Keatshaus

Das Londoner Haus, in dem John Keats 1818-1820 wohnte und wo er einige seiner beliebtesten Gedichte schrieb, wurde nach umfangreicher Sanierung wieder eröffnet. / Guardian 22.7. (mit Galerie)

62. Wiepersdorf

Marcus Roloff ist zurzeit Stipendiat auf Schloss Wiepersdorf. Frank Meyer sprach mit ihm für Deutschlandradio Kultur:

Meyer: Dann muss es ja noch eine andere Vergangenheitsschicht geben, stelle ich mir jedenfalls vor. Es wurde schon ganz kurz nach dem Zweiten Weltkrieg 1946 entschieden, Schloss Wiepersdorf zu einem Dichterheim zu machen. Wir haben vorhin schon gehört, Sarah Kirsch und Peter Hacks waren dort in DDR-Zeiten, Anna Seghers und Arnold Zweig auch. Prägt die DDR-Geschichte denn diesen Ort noch?

Roloff: Na klar schwingt das immer mit, und ich hab mir auch sofort aus der Bibliothek Sarah Kirschs Band „Rückenwind“ ausgeborgt, genauso wie Thomas Rosenlöchers Gedichtband „Am Wegrand steht Apollo“. Man ist also sofort konfrontiert auch mit Texten, unabhängig von den Arnims, und insofern ist dieses Romantische natürlich auch verquickt mit all dem, was es noch gibt, und da muss man sich erst mal zurechtfinden.

Meyer: Was das Leben in Wiepersdorf noch ausmachen muss, habe ich mir sagen lassen, ist der Dorfkrug von Wiepersdorf. Es gibt einen Schriftsteller, Jürgen Becker, der einen Roman geschrieben hat aus der Geschichte der Trennung, in dem er gerade diesen Dorfkrug von Wiepersdorf eingehend beschrieben hat, er ist also auch in die Literatur schon eingegangen. Wie oft sind Sie denn so im Dorfkrug?

Roloff: Es gibt freitags einen sogenannten Stammtisch, da versammeln sich die Einwohner, in aller Regel männlichen Geschlechts, dort, und da war ich, hatte das Glück, mit Jürgen Becker direkt auch in Kontakt zu kommen und dort hinzugehen und wurde gewissermaßen auch gleich über ihn, der wirklich sehr oft dort war und einen ganz tollen, herzlichen Kontakt auch immer noch hält zu den Wirten und deren Angehörigen, und da bin ich letzten Endes nicht jeden Freitag, aber doch hin und wieder, in jedem Fall. So eine Art Tapetenwechsel wird einem vor allem im weiteren Verlauf des Stipendiums dann auch nötig.

Meyer: Und kommen Sie da mit den Einheimischen tatsächlich ins Gespräch im Dorfkrug?

Roloff: Absolut, absolut.