Ein Altersbuch, in mehrerer Hinsicht. Einerseits in den Themen, den Motiven. Erika Burkart, die Grande Dame der Schweizer Literatur, geht auf die neunzig zu, ist in die „späten, die kurzen, / immer kürzeren Jahre gekommen, / da Gott sich zerstreut“. Ein Firnis von Abschiedsstimmung, von Melancholie des Verlusts liegt so über den Gedichten des neuen Bandes „Geheimbrief“. Leben vollzieht sich im abgetönten Licht des Bewusstseins, dass „praktisch alles, womit du so lebst, / Morgenbäume, geliebte Menschen, / Bücher und Abendfenster, // untergeht“. Nachts um zwei (viele dieser Poeme sind Spätnacht- oder Frühmorgengedichte) erwacht sie und sieht die „krebskranke Mutter“, die „krebskranke Schwester“. Die eigene Vergänglichkeit rückt in den Blick. In der Septemberstille des Hochmoors tickt „mein / verängstigtes Herz“ gegen den hörbar gewordenen „Basso ostinato der Zeit“. Zur „schwarzen Beere / ist mein Leben geschrumpft, / ist bitter, / hält sich verborgen, hoffend, / der Dunkle Vogel / finde sie nicht“. / Hans-Dieter Fronz, Badische Zeitung 25.7.
Erika Burkart: Geheimbrief. Gedichte, Ammann Verlag, Zürich 2009. 86 Seiten, 17,95 Euro
Die Shortlist für den 18. Forward Prize wurde gestern veröffentlicht. Die Preise für den besten Gedichtband, den besten Debütband und das beste Einzelgedicht werden am 7.10. verliehen.
Nominiert für die Auswahl des besten Gedichtbandes (£10,000):
Glyn Maxwell – Hide NowSharon Olds – One Secret ThingDon Paterson – RainPeter Porter- Better than GodChristopher Reid – A ScatteringHugo Williams – West End Final
Für den besten Debütband kandidieren:Siân Hughes, The Missing; Emma Jones, The Striped World; Meirion Jordan, Moonrise; Lorraine Mariner, Furniture; JO Morgan, Natural Mechanical, Meghan O’Rourke, Hatlife.Für das beste Einzelgedicht sind nominiert: Paul Farley (Moles); Michael Longley (Visiting Stanley Kunitz); Robin Robertson (At Roane Road); Elizabeth Speller (Finistere); George Szirtes (Song) und CK Williams (Either/Or).
Bei Göran Sonnevi geht es stets ums Ganze. In den frei schwingenden Versen seiner Langgedichte finden sich Erinnerungen, Bilder von Landschaft, Mystisches und philosophische Reflexionen vereint. Vielleicht existieren tatsächlich unendlich viele imaginäre Dimensionen, wie es einmal heisst, alle gleich wirklich, alle von gleicher Wichtigkeit. Göran Sonnevi jedenfalls schafft mit seinen Versen solche vielgestaltigen Welten, Gedichte, die an kleine Labyrinthe erinnern oder an das Astwerk von Bäumen, «verzweigt wie die Hirschgeweihkrone / Der Runenbaum, Drachenspiralen». Dabei ist den Gedichten nichts ferner als bemühte Rätselhaftigkeit, vielmehr weisen sie meist ins Offene, feiern die Veränderung und umspielen Momente von Freiheit: «Ich folge den Konturen dessen, was ich nicht weiss / Wie kann ich die Konturen des Unbekannten erkennen?»
Doch so offen die Verse auch sein mögen, ihr Fluchtpunkt ist immer schon die Vergänglichkeit, die «Schneide der Integration, der Tod». …
Aber es gibt auch andere Gedichte in diesem Band. «Bin ich an den Punkt der Feigheit gelangt / in mir selbst?», fragt Sonnevi einmal, «wo ich nicht den Versuch wage / einer klaren Stellungnahme, angesichts des Krieges, / zur Verteidigung menschlicher Werte oder für / völkerrechtliche Unverletzlichkeit?» An solchen Stellen hätte man sich fast ein wenig Feigheit von Sonnevi gewünscht, bezieht er wenig später doch eindeutig Stellung. Sei es im Lamentieren über die «Masken der politischen Führer», sei es in deutlicher Kritik an der Macht der Medien und der Märkte, oder sei es in plakativen Sätzen über jüngste Kriege – statt das Politische in Bilder einzulagern oder es mit philosophischen Spekulationen zu verbinden, missbraucht er den Vers als Behältnis für Meinungen und Botschaften. Gestern in der Zeitung, heute schon im Gedicht. So unterläuft er genaue jene Offenheit und Beweglichkeit, die er andernorts als die Peilmarken seines Schreibens betont. / Nico Bleutge, NZZ 23.7.
Göran Sonnevi: Das brennende Haus. Ausgewählte Gedichte 1991 bis 2005. Aus dem Schwedischen von Klaus-Jürgen Liedtke. Verlag Carl Hanser, München 2009. 142 S., Fr. 26.50.
La Trace du papillon, de Mahmoud Darwich, traduit de l’arabe (Palestine) par Elias Sanbar, Actes Sud, 186 p., 20 €.
Anthologie poétique bilingue, de Mahmoud Darwich, Babel, 320 p., 8,50 €
«So lange man noch Neugierde in sich hat und staunen kann, ist das Alter egal.» Ihrem Leitspruch ist die Lyrikerin Hilde Domin bis zu ihrem Lebensende 2006 treu geblieben.
Voller Tatendrang arbeitete die vielfache Literaturpreisträgerin noch mit 95 Jahren an Erinnerungen ihrer frühen Kindheit und hielt bis zum Schluss bundesweit Lesungen. Zu ihrem 100. Geburtstag an diesem Montag (27. Juli) ermöglicht ihr Nachlass emotionale Einblicke in das Leben der Wahl-Heidelbergerin, deren mädchenhaft Jugendlichkeit und Lebenslust noch heute auf Fotos besticht.
Der S. Fischer Verlag hat zu dem Jubiläum neben einem neuen Gedichtband leidenschaftliche Briefe der Dichterin an ihren Ehemann Erwin Walter Palm veröffentlicht. Unter dem Titel «Die Liebe im Exil» gibt der Schriftwechsel Einblicke in die bewegten Jahre auf der Flucht vor dem Nazi-Regime in Deutschland und liefert anrührende Zeugnisse von Heimatlosigkeit und Verlassenheit. / Marion van der Kraats, m&c 23.7.
Auszug aus der Pressemappe:
Eine junge Filmemacherin entdeckt die Lyrik von Hilde Domin und beschließt, die berühmte Dichterin kennen zu lernen. Sie trifft auf eine wache, unkonventionelle 95jährige in einer Wohnung voller Bücher, Rosen und Erinnerungen – mit einer Lebensgeschichte, in der sich das letzte Jahrhundert spiegelt.
Hilde Domin, Jahrgang 1909, erzählt mit großer Offenheit aus ihrem spannungsreichen Leben: von ihrer Kindheit in Köln, von 22 langen Jahren im Exil, von der Rückkehr nach Deutschland und ihrer späten Karriere als Dichterin. Zum ersten Mal spricht sie vor der Kamera über Erwin, die große Liebe ihres Lebens, und über ihre Einsamkeit im Alter.Themen, die der individuelle Blick der Filmemacherin in ausdrucksstarken Bildern festhält.
Anna Ditges, Jahrgang 1978, hat Hilde Domin immer wieder besucht und die alte Frau in ihrem Alltag, auf Reisen und quer durch ihre Erinnerungen begleitet – fast zwei Jahre lang, bis zum Tod von Hilde Domin im Februar 2006. Mit ‚Ich will dich9 8 ist ein intimer und bewegender Film entstanden, der in seiner Konzentration auf das Wesentliche ähnlich präzise und eindringlich ist wie die schnörkellose Lyrik der Hilde Domin.
Nächste Sendetermine:
30.7.09 / 23:45 Uhr im SWR
30.7.09 / 22:50 Uhr im RBB
Weitere Details auf der (sehr interessanten) Homepage: www.ichwilldich-derfilm.de
Die Dichterin Nora Iuga ist eine trotzige Träumerin, darin mag das Geheimnis ihrer Jugendlichkeit liegen. Im Wunschtraum wie im Nachtmahr hält sich alles frisch. „Wann werden wir schlafende Logiker, schlafende Philosophen haben“, hatte André Breton 1924 in seinem ersten surrealistischen Manifest gefordert. Es waren Rumänen wie Eugène Ionesco oder der Lyriker Gellu Naum, die sich als Bretons gelehrigste Schüler erwiesen. In einem Land, das jahrzehntelang absurde politische Zustände zu ertragen hatte, bewahrten unbelehrbare Individualisten wie Nora Iuga den „rumänischen Traum“: „Du, Vergrabene, rief da Gellu Naum / und stopfte mir eine Handvoll Blätter in den Rachen / welch grüne Agonie, stell dir doch vor / ja, stell dir vor, welch eine grüne Agonie“, heißt es in ihrem Gedicht „Au Ralenti“ aus dem Zyklus „Die Nachtdaktylographin“.
Die 1931 in Bukarest geborene Lyrikerin, Mentorin junger Talente und vor Energie übersprudelnde Hutliebhaberin, ist seit Jahrzehnten eine vielverehrte Größe im kulturellen Leben ihres Landes. Außerdem hat sich die Germanistin als Übersetzerin aus dem Deutschen, etwa von Herta Müller, Elfriede Jelinek oder Günter Grass“ „Die Blechtrommel“, große Verdienste erworben. Vor zwei Jahren wurde Nora Iugas poetisches Werk endlich auch dem hiesigen Publikum in allen Facetten vorgestellt, mit dem Sammelband „Gefährliche Launen“ (Klett-Cotta-Verlag). Der Rumäniendeutsche Ernest Wichner, Leiter des Literaturhauses Berlin, übertrug die „Capricii periculoase“ in ein wunderbar geschmeidiges Deutsch. / KATRIN HILLGRUBER, SZ 22.7.
Die Schulden drückten, die Bezüge wurden gepfändet, und zum Schluss verlor er durch die Zwangsversteigerung alles, was er hatte.
Und doch war dies die produktivste Zeit in seinem Leben. Detlev von Liliencron kam viel herum, lernte Land und Leute des Nordens kennen, Leute, denen es oft nicht besser ging als ihm, und er machte nun seinen Traum wahr: Er schrieb. Verfasste Gedichte und Balladen, ein Leipziger Verleger brachte 1883 sogar eine erste Auswahl heraus, doch die Ernüchterung kam schnell: Verkauft wurden in zwei Jahren nur 23 Exemplare. Liliencron wechselte vom Gedicht zum Drama, schrieb nun auch einen Roman (»Breide Hummelsbüttel«) und Erzählungen, der Erfolg allerdings blieb ihm verwehrt. Seine Lage wurde immer trostloser.
Die Deutsche Schillerstiftung erbarmte sich seiner und spendete ihm häppchenweise über 10 000 Mark. Inzwischen waren Storm und Fontane auf ihn aufmerksam geworden, sie sparten nicht mit Lob, und als man 1897 zu einer ersten öffentlichen Sammlung für ihn aufrief, unterschrieb beinahe alles, was in der Kunst Rang und Namen hatte: von Böcklin über Dehmel, Hauptmann, Fontane, Klinger, Liebermann, Raabe bis zu Richard Strauß. Der Ruhm kam dann doch noch. Liliencron wurde Ehrendoktor der Universität in Kiel, Richard Dehmel edierte 1900 zum ersten Mal das Werk, und nun sah man, in diesen neun, später fünfzehn, dann noch einmal acht Bänden, auch seine Leistung, vor allem den vitalen, sinnlichen, bildkräftigen Lyriker mit seinen Naturgedichten, den Balladen und dem Epos »Poggfred«, diesem »kunterbunten« Hauptwerk, in dem er seiner Fantasie, wie Arnold Zweig 1949 notierte, freien Lauf ließ, »mit Göttern, Sternen und Wikingern umspringend, daß es nur so rauchte«. Rilke nannte »Poggfred« 1897 »ein Wunderbuch«, verfasst mit großer Hünenkraft, und Thomas Mann sprach vom »leichtesten, glücklichsten, kecksten, freiherrlichsten Gebilde der modernen Literatur«. / Klaus Bellin, ND 22.7.
Alle reden (alle deutschen Medien zumindest) über rasierte Körperzonen. Die Zeit zeigt sie uns in wünschenswerter Deutlichkeit. (Nr. 29, Teil Wissen S. 31 – auf der Website nur eine gezähmte Variante) – Alle reden über Michael Jackson. Die Zeit gibt uns ein Gedicht Durs Grünbeins zu lesen: Sphinx des Pop (Nr. 28, Feuilleton, S. 39). Grünbein führt entweder eine lyrische Zeitchronik oder schreibt gelegentliche Zeitgedichte – auf Bestellung? Ein besseres Gedicht gibts jedenfalls ein paar Seiten weiter in der gleichen Ausgabe zu lesen, S. 43: Jan Wagner, nachschrift zu lukian. So kommt schließlich jeder auf seine Kosten.
Die ambitionierte Eigenproduktion des Lörracher Stimmenfestivals „Pessoassion“, eine Hommage über den schwermütigen Dichter aus dem Fado-Land Portugal, führt in die entlegenen Räume der dichterischen Fantasie. Auf der abgedunkelten Burghofbühne ist die Caféhaus-Atmosphäre nachgestellt: Sieben Männer mit Hüten lassen sich an den Tischchen nieder, während ein Darsteller in die Rolle des Schriftstellers Philosophen, Selbstanalytikers, Esoterikers und Avantgardisten Pessoa und seiner verschiedenen Figuren schlüpft und an die Rampe tritt: „Ich brauche Wahrheit und Aspirin“./ Jürgen Scharf, Südkurier
Das Londoner Haus, in dem John Keats 1818-1820 wohnte und wo er einige seiner beliebtesten Gedichte schrieb, wurde nach umfangreicher Sanierung wieder eröffnet. / Guardian 22.7. (mit Galerie)
Meyer: Dann muss es ja noch eine andere Vergangenheitsschicht geben, stelle ich mir jedenfalls vor. Es wurde schon ganz kurz nach dem Zweiten Weltkrieg 1946 entschieden, Schloss Wiepersdorf zu einem Dichterheim zu machen. Wir haben vorhin schon gehört, Sarah Kirsch und Peter Hacks waren dort in DDR-Zeiten, Anna Seghers und Arnold Zweig auch. Prägt die DDR-Geschichte denn diesen Ort noch?
Roloff: Na klar schwingt das immer mit, und ich hab mir auch sofort aus der Bibliothek Sarah Kirschs Band „Rückenwind“ ausgeborgt, genauso wie Thomas Rosenlöchers Gedichtband „Am Wegrand steht Apollo“. Man ist also sofort konfrontiert auch mit Texten, unabhängig von den Arnims, und insofern ist dieses Romantische natürlich auch verquickt mit all dem, was es noch gibt, und da muss man sich erst mal zurechtfinden.
Meyer: Was das Leben in Wiepersdorf noch ausmachen muss, habe ich mir sagen lassen, ist der Dorfkrug von Wiepersdorf. Es gibt einen Schriftsteller, Jürgen Becker, der einen Roman geschrieben hat aus der Geschichte der Trennung, in dem er gerade diesen Dorfkrug von Wiepersdorf eingehend beschrieben hat, er ist also auch in die Literatur schon eingegangen. Wie oft sind Sie denn so im Dorfkrug?
Roloff: Es gibt freitags einen sogenannten Stammtisch, da versammeln sich die Einwohner, in aller Regel männlichen Geschlechts, dort, und da war ich, hatte das Glück, mit Jürgen Becker direkt auch in Kontakt zu kommen und dort hinzugehen und wurde gewissermaßen auch gleich über ihn, der wirklich sehr oft dort war und einen ganz tollen, herzlichen Kontakt auch immer noch hält zu den Wirten und deren Angehörigen, und da bin ich letzten Endes nicht jeden Freitag, aber doch hin und wieder, in jedem Fall. So eine Art Tapetenwechsel wird einem vor allem im weiteren Verlauf des Stipendiums dann auch nötig.
Meyer: Und kommen Sie da mit den Einheimischen tatsächlich ins Gespräch im Dorfkrug?
Roloff: Absolut, absolut.
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