Ein Sprung und er ist auf der Bühne. Zwei Schritte zum Mikrofon und Deutschlands erfolgreichster Poetry Slammer „Sebastian23“ haucht mit viel Bass in der Stimme: „Hallo ihr Süßen. Geht’s euch gut?“ Was dann kommt, entzieht sich jeglicher literarischen Einordnung.
Rhythmisch stößt er Laute in das Mikrofon, bis es klingt, als habe ein DJ seine Turntables angeschmissen. Er rappt: „Trinken wir Bier an der Bar, bis ein Buh wie ein Boah klingt.“ Der Saal johlt. „Tauchen wir ab in den jauchzenden Schnaps der Nacht“, ruft der Slammer.
Er liebt solche Sätze – und 900 Menschen in der Darmstädter Centralstation lieben sie auch. Ihre Liebe hat „Sebastian23“, der eigentlich Sebastian Rabsahl heißt und dieses Jahr 30 geworden ist, den Titel „Deutschsprachiger Meister im Poetry Slam“ eingebracht. Schon bei den Weltmeisterschaften 2008 in Paris holte der Bochumer Silber. Stefan Raab lud ihn in seine Sendung ein, mit Ulrich Wickert diskutierte er über den Verfall der deutschen Sprache. Ungefähr 250 Auftritte absolviert Rabsahl pro Jahr. / Hannes Vollmuth, FR 19.8.
Am 9. September beginnt das 9. internationale literaturfestival berlin − und somit der literarische Ausnahmezustand in dieser Stadt − mit einer Rede von Arundhati Roy, die auch am 10. September im Haus der Berliner Festspiele in einem Gespräch mit Gabriele von Arnim auftreten wird.
Das Programm mit über 200 Autoren aus allen Kontinenten und 200 Veranstaltungen zeichnet sich wiederum durch Qualität, internationale Vielfalt und (kultur-)politischen Gehalt aus. Der Fokus in diesem Jahr ist die »Arabische Welt«. …
Eines der bedeutendsten Treffen zwischen arabischen und internationalen Autoren und dem deutschen Publikum steht bevor: Über 30 Autoren werden aus dem arabischen Raum anreisen. Das Anliegen des Fokus Arabische Welt ist es, den Kulturkreis des arabischen Raums für das interessierte Publikum zu öffnen, das gegenseitige Verständnis zu fördern und den lebendigen Austausch zwischen Künstlern, Vermittlern, Autoren und dem Publikum anzuregen. Ziel unserer Bemühungen wird sein, in Berlin eine Bühne zu errichten, die unseren Gästen aus dem arabischen Raum die Möglichkeit einer authentischen Vermittlung ihrer Literaturen, ihrer geistigen, kulturellen und politischen Haltungen gibt. Das Programm haben wir nach dem Motto ausgerichtet: Welche Fragen bewegen die arabische Welt?
So viel Poesie wie nie! In sechs Nächten der Poesie, die sich in den vergangenen Jahren zunehmender Beliebtheit erfreuten, werden Poeten aus dem arabischen Raum und anderen Regionen ihre neuesten, und zum Teil noch unveröffentlichten Gedichte vortragen. Der deutschsprachigen Poesie ist erstmals ein eigener Abend gewidmet. Zudem wird der große schwedische Dichter Göran Sonnevi auftreten.
So viel Musik wie nie! Den ersten Auftritt des Festivals wird – wie im vergangenen Jahr − der russische Akkordeon-Künstler Aydar Gaynullin vor der Rede Arundhati Roys haben. Wolf Biermann wird die Stadt Berlin besingen, Bachar Zarkan mit seinem Ensemble von acht Musikern Gedichte der islamischen Mystik und Vertonungen moderner arabischer Lyrik (u. a. von Mahmud Darwisch) zu Gehör bringen. Das Festival wird zudem mit dem Hip-Hop-Musical »À nos morts« (Die vergessenen Befreier) an die französischen Kolonialsoldaten der Weltkriege erinnern. / Africalive.de
Winders Wörterbuch zur Gegenwart, heute: befickbar / Der Standard 18.8.
Thema Wortschatz in L&Poe:
2003 Jan # Walser über Hölderlin
2006 Mrz #100. Goethe-Wörterbuch
2008 Jun #41. Wortschatz
2008 Aug #43. „Zerlegen und wieder Zusammensetzen“
2008 Aug #74. Valeri Scherstjanoi: Heimkehrreime
2009 Jun #17. Broiler, Dispatcher, Dumper
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Waterhouse: Vielleicht unterscheidet man zu sehr zwischen Verständnis und Missverständnis. Als ob das Gegensätze wären. Vielleicht kann man es ja auch so sehen, dass das Missverständnis eine Nuance des Verstehens ist. Nicht das ganz andere, sondern sehr nahe. Das Verstehen ist nicht eindeutig nur das Verstehen – und das Missverständnis ist auch eine gemischte Form, die zum Teil aus Verstehen und Nichtverstehen, Missverstehen, Verstellung sich zusammensetzt. Ich sage es mal am Beispiel einer Übersetzung, die Paul Celan gemacht hat von einem portugiesischen Gedicht.
Standard: Ein Gedicht von Fernando Pessoa …?
Waterhouse: Im Grunde ist es von Fernando Pessoa, in diesem Fall aber von einem der Pseudonym-Autoren, von Alberto Caeiro. In der deutschen Übersetzung hat das Gedicht einen Titel – und in der portugiesischen Version hat es keinen. Der Titel in der deutschen Version lautet: Aus den zusammenhanglosen Gedichten. Von Fernando Pessoa aber gibt es keinen Zyklus mit dem Titel Zusammenhanglose Gedichte. Auch dieser Titel Zusammenhanglose Gedichte: Da ist etwas paradox. Wenn ein Zyklus von Gedichten Zusammenhanglose Gedichte heißt, haben sie ja dadurch einen Zusammenhang bekommen. Da, glaube ich, ist das Missverstehen gefragt. In solchen Phänomenen, wo eine Satzaussage in sich das Gegenteil enthält. Solche Sätze bieten sich an, nicht in binären Systemen zu denken. Entweder – oder. Und da, glaube ich, berührt sich diese Gedankenfolge mit dem Thema der Demokratie. / Der Standard 19.8.
Peter Waterhouse spricht am Freitag, um 19.30 Uhr, in Pernegg im Waldviertel.
19.30 Vortrag und Gespräch Peter Waterhouse zum Thema „Der Wert der Missverständnisse“.
Neu von Peter Waterhouse
Vier Bücher, die Peter Waterhouse übersetzt oder herausgegeben hat, erscheinen in den kommenden Wochen in neuen Ausgaben. Sie alle waren zuletzt vergriffen. Übersetzungen stehen im Schaffen des Autors gleichberechtigt neben eigenen Prosawerken, Essays, Theaterstücken und Gedichten.
William Logan reviews Arda Collins’s debut poetry collection It Is Daylight, winner of the 2008 Yale Series of Younger Poets Prize.
By William Logan
Poetry Media Service
It Is Daylight, by Arda Collins. Yale University Press, $16.00.
Arda Collins comes to her first book fully formed, and it’s a little scary. The title may be It Is Daylight, but the cover is black, and the title page is black—the Goths have at last taken over Yale University Press. Louise
Glück, who chose the book for the Yale Series of Younger Poets, provides an intimate, bemused introduction that finds a blood-tie from Collins to Berryman and Dickinson, those poets of airless self-dramatization. It might be more accurate to say that she’s a grown-up version of Wednesday Addams, the sort of girl happiest raising spiders or trying to electrocute her younger brother.
These poems take place in the happy, happy suburbs, so of course the unnamed speaker is miserable—if the Welcome Wagon were a hearse, she’d be overjoyed.
At last, terror has arrived.
Next door, the house has gone up in flames.
A woman runs from the burning wreck, her face smeared
with blood and ashes. She screams that her children are kidnapped.
It’s truly exciting, and what more would anyone ask?
The blood and ashes, those manifest signs of mourning and penitence, suggest an attention almost religious. In these affectless monologues, even the disasters are deadpan. (Collins has perhaps learned something from Anne Carson, our master of Keatonesque delivery.) The paranoia and numbness that infuse the poems create a world where the speaker doesn’t know how to respond to the terrible things that happen. Normality looks odd to her—“Nearby, a gathering of // wives are seated at a bamboo // table. They wear suits and dainty shoes // and little anguish veils across their faces. // They have expensive, sharp silverware.“ Such portrayals of the lifelessness of the living (the dead, to her, are not dead—they’re just tanning) are delicious. When Collins goes too far, it’s a devastatingly funny too far—the ladies above „have handmade White House // and Pentagon salt-and-pepper shakers.“
Collins is a Nietzschean fatalist, yet the world is a mystery to her, a cipher that can never quite be decoded. It’s peculiar when a book’s tone and manner are riveting, but its content banal, though even banalities can have irresistible fascination.
I thought how god loves this place;
the grass was coming in, and the crocuses.
What if someone died, or got fired,
or vomited alone in the middle of the night?
The apartments were wood on the outside.
stained red like the color of a picnic table.
I was so ugly, I wasn’t sure I’d even be able to drive.
At first I thought she’d written, “It was so ugly,” but her wording is more telling. This flat deposition (for a lawsuit never to be concluded) shows Marianne Moore’s love for the minutiae of being. If Collins has none of Moore’s élan or her enchanted gift for description, the younger poet sees the world through strange eyes, and in them the old world is made new again. Our younger poets were born a hundred years after the moderns; no wonder the lessons of Pound and Eliot and Moore and Stevens seem antediluvian, they’ve been so often absorbed and re-absorbed. (When you teach “In a Station of the Metro” now, you have to explain a lot about the Métro of 1914.) Collins, whatever her debts, has learned how to make the ordinary bear the sorrows of hell.
This poet is only dimly aware of her virtues. The book is far too long (though most first books would be stronger at half the length), and the poems become too comfortable with their stark monotone, their theatrical double-spacing, their fiercely prosaic line (Collins has a wicked sense of the demotic—“You go to your piano lesson. You // stink“). More is the enemy of better here. The occasional touch of run-of-the-mill surrealism makes some poems seem to lie on a spur line from the Ashbery factory. Sometimes the poems leave me baffled. (I don’t get the point of a long poem about a serial killer or a dreary prose poem about God and microwave ovens.) After ninety pages, even lack of affect becomes affectation.
Still, this creepy, irresistible book is a masterful debut. It’s impossible to know what Collins will do next, but more of the same would be tedious rather than unbearable. Louise Glück, comparing her to other poets, has apparently forgotten that the abrupt manner, the goggle-eyed guilelessness, and the bloodless tone (like that of a high-functioning victim of Asperger’s syndrome) were long ago patented by Glück herself. If the vampires of Twilight wrote poetry, it would be this sort of poetry—they long to fit in, too.
William Logan’s most recent book of criticism is Our Savage Art: Poetry and the Civil Tongue. His new poetry collection, Strange Flesh, appeared last fall. This review first appeared in The New Criterion. Distributed by the Poetry Foundation at http://www.poetryfoundation.org.
© 2009 by William Logan. All rights reserved.
(Eine Nachricht für Kurzentschlossene im Raum Greifswald – courtesy Dr. Ulrich Rose, Antiquar & Blogger)
In der Alten Bäckerei eröffnet sich heute für spontane Nachtschwärmer eine weitere (die einzige?) Option für kulturorientiertes Ausgehen am Dienstag im August.
Um 20 Uhr wird dort (Alte Bäckerei, Mehring/Feldstraße, Fleischervorstadt) im Rahmen einer Finissage Einblick in die Sammlung Papenfuß gewährt.
Am Freitag wird – ebenfalls um 20 Uhr – am gleichen Ort die Ausstellung so jung kommen wir nicht mehr eröffnet werden, die vielversprechend nach Hamburger Gymnasialpunk der zweiten Generation klingt und Hunger auf popkulturelles Feingefühl macht mit:
13 kunterbunten Einblicken in ein Gefühl von Jugend, das aus einem ebenso kunterbunten Chaos intimer Eindrücke erwächst: Absurdes, Versextes, Erstarrtes.
Das Online-Autorenlexikon auf www.literaturport.de steht ab sofort Schriftstellerinnen und Schriftstellern aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz offen. Wir laden alle Autoren ein, sich ins Lexikon einzutragen. Voraussetzung ist mindestens eine eigenständige Veröffentlichung (kein Eigen- oder Kostenzuschussverlag) im Bereich Belletristik oder Kinderbuch nach 1995.
Die schöne und gehaltvolle Seite Pennsound bringt neue Sapphoübersetzungen von Thomas McEvilley, Text und mp3 Englisch und Griechisch. Auch wer – wie leider auch ich – kein Griechisch kann, mag mit Gewinn seine Lesung der Aphroditeode anhören – sehr schön vernehmbar das metrische Muster der sapphischen Ode (in der 5. und 6. Strophe hört man im Hintergrund eine Polizei- oder Rettungssirene).
In seiner Einführung schreibt der Autor:
Sapphos Sprachgebrauch ebenso wie ihre individuelle Bildlichkeit haben einen großen Teil der lyrischen Tradition beeinflußt, nicht nur Catull und Horaz, sondern bis hin zu Hölderlin und Yeats. Mit der Erfindung der lyrischen Strophe* schuf sie fundamentale Neuerungen im Verhältnis von Signifikant und Signifikat; die von ihr geprägten neuen linguistischen Methoden ermöglichten den expressiven und intensiven lyrischen Ton, in dem die individuelle Stimme der Unendlichkeit gegenüberzustehen scheint; die moderne Lyrik hat sie mit ähnlich grundsätzlicher Funktion aufgegriffen. Man muß nicht zu weit ausholen für das Argument, daß sie der einflußreichste Dichter der westlichen Tradition war.
*) lyrical stance, vielleicht auch: der lyrischen Haltung, des „lyrischen Ich“
Der mit 3’000 Franken dotierte Basler Lyrikpreis geht dieses Jahr an den Autor, Übersetzer und Kulturwissenschaftler Felix Philipp Ingold. Die Preisverleihung findet im Rahmen des Internationalen Lyrikfestivals Basel am Sonntag, den 6. September 2009, um 11 Uhr im Literaturhaus Basel statt. / literaturhaus basel 18.8.
Aus der Begründung der Jury: Felix Philipp Ingold gehört seit langem zu den bedeutendsten Lyrikern der Schweiz. Er hat ein bilderreiches und formbewusstes lyrisches Werk geschaffen, das in vielfältiger Weise Tradition und Innovation verbindet. Wortlaut und Tonfall seiner Lyrik wissen sich im Resonanzraum aktueller Sprach- und Schreib-Öffentlichkeit zu Hause, ohne hier zuhause zu sein. / Börsenblatt 18.8.
Schon mit ihrem ersten Gedichtband „Aus blassen Fasern Wirklichkeit“, 2006 in der edition AZUR erschienen, erregte die 1981 in Weimar geborene Lyrikerin Nancy Hünger Aufmerksamkeit. Spätestens seit diesem Debüt gilt sie als großes Nachwuchstalent. Drei Jahre später nun liegt ein neuer Band vor. Gemeinhin sagt man, mit dem zweiten Buch schlägt die Stunde der Wahrheit. Und ich sage es ohne Umschweife: Dieser schön ausgestattete Band ist ein Ereignis. Hier meldet sich eine Poetin zu Wort, „eine Herrin der Worte“, wie Gisela Kraft in ihrem Nachwort schreibt. …
Aber was macht diesen Band zum Ereignis? Zwei Stichworte: die erstaunliche sinnliche Fülle und der Mut zur Empathie. „Hierseitig“ ist ein Begriff, der mehrfach in den Gedichten auftaucht. Ins Bild kommen Landschaften und Menschen. Die schwarzerdige Ukraine, graue Städte, Märkte in ihrer prallen Fülle und Farbenpracht. Da vertraut eine ganz ihrer Wahrnehmung und hat keine Scheu vor großem Ton. „Die Tage stemmen sich aus den Nächten, gebunden aus Wetter/ und Licht“. Dann gibt es wieder genaue, ins Detail gehende Beobachtungen, denn „auch die Dinge wollen beredet sein“. Mitfühlend schaut die Dichterin auf menschliche Not. Der Leser lernt Oleg kennen und jenen „wirklichen Jungen“ vor einem Hotel in Israel. „Oleg hat ewige Augen. Oleg geht in die vierte Klasse und ist nie da,/ nur ganz sacht anwesend“. Und über letzteren heißt es: „Ein Junge mit dünnen Armen und Augen, ich meine,/ Ärmchen und Äuglein, das gibt es, wenn der Körper die offene/ Bruchstelle der Seele ist.“ / Martin Straub, Thüringische Landeszeitung 17.8.
Nancy Hünger: Deshalb die Vögel. Instabile Texte, edition AZUR, Dresden, 77 Seiten, 14 Euro
ist eine von Künstlern produzierte Zeitschrift, die die Probleme der aus den Krisen der Moderne herrührenden kulturellen Formen anspricht, welche dahin streben, sich der Kontrolle der herrschenden Institutionen und den Fesseln der instrumentellen Vernunft zu entziehen. (Nun ja, die Sprache halt geschachtelt). Die aktuelle Ausgabe 33 enthält nicht nur Beiträge über die Strategie der radikalen Linken oder die Solidarität mit dem griechischen Aufstand, sondern auch von Martin Heidegger: „Rimbaud Vivant“ und einen Aufsatz über die antiimperialistische Ökologie des Dao De Jing. Und Gedichte: von Machmud Darwisch, Tarek Eltayeb, Jack Hirschman, Carl Auerbach (Poetry After Rwanda) und anderen.
gibt es mehrere alte Tricks, aber Adolf Endler war nie der Mann, der sich mit Althergebrachtem begnügte. Lebenslang trieben ihn jugendliche Experimentierfreude und sprachschöpferische Spottlust. Endler, der am 2. August starb, erfand selber die literarischen Genres, in denen er zu brillieren gedachte, und gab ihnen komische Namen wie „Ganovenpirouette“ oder „Lästerlaudatio“. / Evelyn Finger, Die Zeit 34
Adolf Endler: Nächtlicher Besucher, in seine Schranken gewiesen. Prosa. Wallstein 2008. 39 S., 12 Eu.
Der Lyriker Ulrich Koch hat mit dem Literaturbetrieb gänzlich abgeschlossen. Seine liebenswert misanthropischen Gedichte allerdings sind eine Entdeckung.
Ulrich Koch ist der Sänger der entvölkerten Vorstadt, der menschenleeren Provinz, die ihre Würde durch sein Gedicht erhält. Nicht das coole Signifikanten-Geklapper ist seine Sache. Er schwört auf zurückhaltend Modernes. Häufig finden sich Erinnerungen an klassische lyrische Formen, rhythmische Qualitäten, sogar Reime, in seinen Gedichten. …
Mit den typischen Repräsentanten der neuen Lyrik von jetzt, die in stylishen, neu gegründeten Verlagen veröffentlichen und sich in jungen, institutsgebundenen Magazinen selbst feiern, hat er tatsächlich allenfalls das Geburtsjahr gemeinsam. …
Ulrich Koch bewundert Heiner Müller dafür, wie er Brecht nachgesungen hat, und ist doch nur den Müllerschen Liebes- und Sterbegedichten verfallen. Er schätzt Durs Grünbeins Kurzschluss der Epochen und denkt dann doch wieder: „antike Scherben, mit Uhu verklebt“. Gerne hat er auch Huchel, Krolow und Born gelesen. Mit dem Literaturbetrieb hingegen ist er gänzlich durch. Gefragt nach den Erfolgen seiner dichterischen Karriere, spricht er von Trostpreisen und zweiten Preisen, die er bekommen habe. Im Schnitt drei öffentliche Lesungen pro Jahr sind in der Tat zu wenig, um sich heute, wo die Lesung die Literatur selbst zu ersetzen scheint, als Dichter fühlen zu dürfen. / sagt Die Zeit #34
Am 18.8. Gedicht des Tages bei Fixpoetry: Ulrich Koch, Montagmorgen
Ulrich Koch in L&Poe:
2006 Nov #100. Dem Sehen einen Atem
2009 Feb #23. Adrian Kasnitz in der „Lyrikedition 2000“
Peter Vermeersch, Professor für Politikwissenschaft an der Katholischen Universität Löwen, und David Van Reybrouck sind beide Mitglieder des Brüsseler Dichterkollektivs und begeistern sich für den Zusammenhang von Politik und Linguistik. Angesichts des im Jahr 2004 gescheiterten Verfassungsprojekts haben sie ein gemeinsames Abenteuer ersonnen, das den Bürgern durch Schreiben und Lyrik „die Rückeroberung Europas“ mittels einer Neufassung des Verfassungstextes in Versen ermöglichen möchte. …
Neben Seamus Heaney, dem irischen Literaturnobelpreisträger von 1995, finden sich daher unter den Poeten auch „neue Stimmen“ wie die der 20-jährigen Bulgarin Ekaterina Karabasheva. Manche Teilnehmer sind Journalisten, andere Übersetzer, Schriftsteller, Professoren, Dramatiker oder Teilnehmer an Poetry Slams. So beispielsweise Manza, ein Brüsseler mit marokkanischer Herkunft, der den Artikel 2 geschrieben hat: „Wie das lebt, wie das brüllt, wie das tanzt, wie das singt, wie sich das engagiert, wie das strebt, wie das widerspricht, wie das lebt, wie das befiehlt, wie das befruchtet, wie das sich verklärt in jenen schlaflosen Nächten, in denen nichts verhallt und alles gelingt, sich durch blanke Offenkundigkeiten abzeichnend, starke Begierden.“ / Pierre-Anthony Canovas -, cafebabel.com
La Constitution Européenne en vers, Passa Porte 2009.
HILDE IST BESTIMMT GAR NICHT NACH BONN GEFAHREN,
Nach Koblenz, Andernach, nach Kiel,
Sie muß hiergeblieben sein, ich spüre mit dem Finger
Ihre Piercingreste in der Luft, wir heirateten zwei
Mal im Schlaf, von allen Seiten, zum Glück
Vergaß sie, ihre Jacke mitzunehmen, ich habe mir
Vorgenommen, kleiner zu werden, mit
Kleineren Kartoffeln, kleinerem Obst, Steakmedaillons und
Winzigen Getränken, ich habe meine Arme
Mit Wäscheleinen enger geschnürt, ich schlafe
Nur noch mit hochgezogenen Knien, ich lese nur
Noch die Buchzeilen genau in der Mitte, ich stelle mich
Tagsüber gekrümmt vor meinen geöffneten Kühlschrank,
Probiere, mit den Händen phasenweise
Drin zu wohnen, lege
Weinverpackungen und Melonentrümmer
Auf die Arme, Arme
Mit nichts dahinter, ich
Hebe ständig Schnecken vom Boden auf, Grashalme,
Filterpapier und die Kinder von Ameisen, ich gehe in
Die Hocke und bleibe so, ich binde mich an einem Baum
Fest und versuche jetzt, von ganz allein zu bluten, ich
Schlenkere mit den Armen, warte auf Wölfe und
Haie, die auch mal für umsonst schwimmen, bin ich
Schon kleiner geworden, Hilde, ich winke ja gar nicht, ich
Warte, ich esse, ich teile mir mit den Wespen
Den kleinsten, jemals von einem Ast gefallenen,
Aufgesprungenen Apfel, ich bin schon
Kleiner geworden, du mußt
Hiergeblieben sein.
Thomas Kunst
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