101. Lyrik-Taschenbücher der Woche

Der Leser der Gedichte des Iain Crichton Smith (1928-1998) findet sich unversehens in einem Brueghel-Bild wieder: das knochige Pferd, das einen Karren voller Schädel zieht, senkt den Kopf. Was bewegt einen schottischen Autor des 20. Jahrhunderts, der in seinem Land als einer der wichtigsten Dichter seiner Generation gilt, mit den Bildern der Renaissance zu korrespondieren? Der Sturz des Engels, die tanzenden Bauern, der Tod in Kapuzen findet sich wieder in Gedichten, die Motive aus der jüngeren Geschichte der gälisch sprechenden Minderheit der Hochlandbewohner aufgreifen. Deren Exodus begann Ende des 18. Jahrhunderts. Den Vertriebenen und Auswanderern und den gebliebenen Alten, die die gälische Sprache und ihre Kultur zu bewahren suchen, hat der Schotte seine Gedichte gewidmet. In ihnen beschwört er die Schönheit und den Glanz des Alten. Den Exilanten aber halten Hoffnung und Erinnerung am Leben. Smith umreißt dessen Elend in Hunger und Alkohol. Seine Verse spüren den Veränderungen nach, die Vertreibung und Emigration bei Menschen bewirken. Die Metaphern und Vergleiche, die an der Bildoberfläche als Schiffe, Segel und Meer aufblitzen, bewegen sich zwischen Hoffnung und Trauer. Obwohl die lyrischen Figuren der Gedichte als Individuen einer aussterbenden Kultur definiert sind, scheinen die Verse allen Heimatlosen, Verbannten und Ausgestoßenen gewidmet zu sein. Heimkehrer aber kommen in eine Welt zurück, die sich gewandelt hat. Sie sind Fremde geworden. Die sogenannten Kleinen Leute kommen in Monologen zu Wort. Das lyrische Ich ergänzt ihre Rollenreden mit Imaginationen und Symbole von schmerzlich schöner Klarheit. Es sympathisiert mit Außenseitern, die die gälische Sprache und die Traditionen zu bewahren suchen. / Dorothea von Törne, Die Welt 19.9.

Segel aus Salz.
Von Iain Crichton Smith. A. d. Engl. v. Elmar Schenkel.
Edition Rugerup, Hörby. 160 S., 19,90 Euro.

Über den dritten Gedichtband des Göttinger Literaturprofessors Heinrich Detering schreibt die Autorin:

Nie kommen die Verse moralisierend oder belehrend daher. Das unterscheidet sie wohltuend von anderen zur Poetenzunft wechselnden Dozenten. Dieser denkt auf heitere Weise nach über das kulturelle Klima oder „famous last words“

Wrist.
Von Heinrich Detering. Wallstein, Göttingen. 80 S., 15,40 Euro.

Außerdem  in der Sammelrezension über

Bernsteinherz.
Von Christoph Klimke. Mit Zeichnungen von Johann Kresnik. Eremiten, Düsseldorf. 67 S., 17 Euro.

Sämtliche Gedichte.
Von Hilde Domin. Hrsg. von Nikola Herweg und Melanie Reinhold. S. Fischer, Frankfurt/M. 351 S., 16 Euro.

100. Schall der Debatte

Gerrit Wustmann über das aktuelle „Poetenladen-Debättchen“:

Stefan Mesch streift durch die Lyrik im Onlinezeitalter, die eben dieses Gemisch aus Dichtung und Diskussion präsentiert, das vielleicht manchen Leser abschreckt. Da mosert Mesch, zugegeben nicht zu Unrecht, darüber, dass die Benutzerführung des Poetenladens suboptimal ist. Ja, und was bringt uns das? Richtig, schon wieder nichts. Und der durchschnittliche Zeitleser hat noch weniger davon, denn anstatt zum lyrischen Stöbern und Entdecken wird er eher dazu angeregt, angesichts des Gemäkels Abstand zu wahren. Iris Radisch hat das Publikum im Sommer 2007 schon mit einem selten unnkenntnisgeladenen Artikel davon abgehalten, Zugang zur Lyrik zu finden. Man hätte meinen sollen, dass einer, der aus der Szene kommt, es besser macht. Er hätte ja stattdessen über Lyrik schreiben und ein paar der wirklich herausragenden jungen Talente vorstellen können. Aber der Schall der Debatte scheint ihm wichtiger zu sein.

Und über „Bella triste“:

Damals hatte diese kleine aber beachtliche Redaktion erstmals in den überregionalen Feuilletons auf sich aufmerksam gemacht, als sie eine wirklich hervorragende Ausgabe mit Schwerpunkt Lyrik und Lyrikdebatte herausgab. Was so hoffnungsvoll begann wurde zu eben jenem lahmen Tanz um die eigene Achse. Selbst das wäre verzeihbar, würde der Truppe nicht inzwischen etwas Elitäres anhaften (ich lasse meinen Eindruck, sollte ich mich irren, gerne korrigieren). Das spürt man daran, dass es in der „Community“ inzwischen zwei Debattenlager gibt: Das „offene“ und das „Bellalager“, das sich weitestgehend auf Autoren aus dem Dunstkreis der Hildesheimer beschränkt. Dieses Lager debattiert nicht „mit den Anderen“, sondern allerhöchstens über sie, eine Haltung, die auch in Meschs heutigen Einwurf spürbar ist. Man kann sich nichtmal drüber ärgern – nur wundern. Bis heute lese ich die Bella gerne, aber sie ist im Vergleich mit anderen „jungen“ Literaturzeitschriften nichts Besonderes. Man kann darin großartige Entdeckungen machen (bezogen auf Lyrik und Prosa), man findet aber auch vieles, das mit Wasser gekocht ist.

/ Neue Rheinische Zeitung 19.9.

Zur Debatte siehe die Leserkommentare bei der Zeit und hier

Beim Poetenladen lese ich:

Der urspüngliche Zeit-Text von Stefan Mesch wurde aufgrund der Kritik geändert: Die Wendung „blöd versteckt“ musste Stefan Mesch streichen.

99. Gedichteland

Stellen Sie sich vor, es gäbe ein Land, in dem jede überregionale Zeitung, die etwas auf sich hält, jede Woche eine ganze Seite voller Gedichte publiziert. Gedichte, die von einer Expertenjury aus 3.000 bis 4.000 Einsendungen ausgewählt wurden, die Leserinnen und Leser jeden Alters, aus allen sozialen Schichten stammend, eingesandt haben.

Malen Sie sich dazu eine tausendjährige Tradition des Gedichteschreibens aus, eine Tradition, die dieses Land so durchdrungen hat, dass alle in der Schule das Gedichteschreiben lernen, dabei einen Sinn für jedes einzelne Wort, einen Zugang zur Welt und eine Ausdrucksmöglichkeit für ihre Gedanken und Gefühle gewinnen. Stellen Sie sich jetzt noch Gedicht-Gesellschaften vor, mit zehntausenden von Mitgliedern, die regelmäßig Gedichtwettbewerbe abhalten. Wenn das Ihre Vorstellungskraft übersteigt, fahren sie einfach mal nach Japan. Da gibt es das alles. Nachzulesen in dem im Reclam Verlag erschienen Band „Gäbe es keine Kirschblüten… Tanka aus 1300 Jahren“. / Deutsche Welle 17.9.

98. Klaus Wagenbach über DDR-Literatur

Die 50er Jahre waren voller Hoffnung, selbst für einen Dichter wie Reiner Kunze, und man vergisst immer, dass eine Reihe von Autoren vom Westen nach dem Osten gewechselt sind – Stephan Hermlin, Wolf Biermann, Peter Hacks, Adolf Endler, um nur einige zu nennen. Ihre Hoffnungen galten einem Staat, in dem jedes Kuhkaff ein Klubhaus und jede Kleinstadt ein eigenes Theater hatte, in dem jeder größere Betrieb und jede Kaserne über eine Bibliothek verfügte und in dem es sogar ein Literaturinstitut gab. Und es gab – das war mein besonderer Neid – das „Poesiealbum“.

Ein monatliches Lyrikheft, das man für 90 Pfennige an jedem Kiosk kaufen konnte.

Das war natürlich ein Traum für mich! Jetzt haben wir dieses ganze Erbe am Hals, jetzt sind wir die Erben. Ob wir es wollen oder nicht, das ist deutsche Literatur … Kurz und gut, wir haben gewartet, und es kam nichts. Und diese DDR-Anthologie, die wir jetzt gemacht haben, war ein Lieblingsprojekt von mir. Ich hatte doch angefangen mit DDR-Literatur, 1960, als ich noch Lektor beim S.Fischer-Verlag war. Damals habe ich Peter Huchel zum ersten Mal gedruckt, Hermlin, das erste Buch von Christa Reinig. Also, das Gelände war mir vertraut. Es ging uns, wie wir es auf der Rückseite des Schutzumschlags zum Ausdruck bringen, darum, die schönsten, charakteristischen, vergessenen oder verbotenen Gedichte in Erinnerung zu bringen. Zum Beispiel „Schwarze Bohnen“ von Sarah Kirsch. Ein wunderbares Gedicht, ganz bescheiden, ganz einfach, ganz unpolitisch – und trotzdem tobende Reaktionen! Es erschien damals bei mir im „Tintenfisch“, dem Jahrbuch für Literatur, und hat in der DDR furchtbare Reaktionen ausgelöst.

Weil es „dekadent“ war?

Nein, weil die Kulturpolitiker entsetzlich dumm waren. Ich nenne nur Alfred Kurella und die Kafka-Konferenz 1963 in Liblice. Er hat es nicht verstanden. Und sie haben auch bei Sarah Kirsch nur gesehen, da beschreibt eine Autorin, wie sie Kaffeebohnen kleinmacht und hinterher die Bohnen wieder zusammensetzt. Ein sehr merkwürdiger, schöner Vorgang. Es war dieses Unverständnis, was dann ganz klar in dem berüchtigten Plenum im Dezember 1965 zutage trat, wo Ulbricht wörtlich gesagt hat, die DDR ist ein sauberer Staat. Sauberer Staat – da habe ich mir immer vorgestellt, wie einer an dem Staat rumschrubbt. Und dann fiel der fatale Ausdruck, wir dulden keine Anarchisten. Wenn das Wort „Anarchist“ fällt, sage ich als Verleger, sind die Lyriker immer vorgewarnt. Denn Dichter sind geborene Anarchisten, denen fällt, wenn der Tag lang ist, viel ein und sehr viel Divergierendes. …

Manche sagen, aus der DDR würden höchstens zehn, zwölf Dichter bleiben.

Zehn, zwölf? Das ist viel! Da muss ich auch im Westen ganz ordentlich zählen, bis ich zwölf zusammenkriege.

(…)

Hilbig ist ein klassischer Fall. Der wäre im Westen wahrscheinlich kein Lyriker geworden. Der ist in der ganzen Ambivalenz ein echtes DDR-Produkt. Eddie Endler auch. Die haben sich zu Tode gesoffen – eine Art stiller Freitod.
/ Frank Quilitzsch, Thüringische Landeszeitung 18.9.

100 Gedichte aus der DDR. Hrsg. v. Christoph Buchwald und Klaus Wagenbach, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin, 160 S., 16,90 Euro

97. Beim ilb wird gefeiert

Daniela Danz, gefeiert als die „neue Stimme der deutschen Lyrik“, liest Prosaminiaturen aus ihrem Gedichtband „Pontus“. Bei ihr ist die antike Mythologie nicht nur Referenz, sondern Grundlage der Poetik. In „Helles Meer“ etwa beschreibt die Dichterin den Ritt der Helle und des Phrixos über den späteren Hellespont, es ist eine Grenzüberschreitung zwischen Europa und Asien. Gleichsam überschreitet Danz in ihren Gedichten die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Mythos und Realität, denn immer wieder kollidieren in den Zeilen antike Motive und Formen mit Verweisen auf aktuellste Thematiken.

Anders als Daniela Danz hat sich der gefeierte Nico Bleutge ganz vom lyrischen Subjekt verabschiedet. Die vorgestellten Gedichte seines Bandes „Fallstreifen“ sind mehr Kollektor von Wahrnehmungen als Reflexion von Gelebtem oder Phantasiertem. Sein Thema ist das visuelle Abtasten der Welt und ihrer Beschaffenheit, die er mit klirrend klaren Worten beschreibt. …

Volker Sielaff unterdessen liebt die große Geste nicht. Er habe Schwierigkeiten mit Mythen, sagt der Dichter bei „New German Poetry“. Stattdessen besinnt er sich in seinen Poemen auf oftmals ganz alltägliche Momente, die in präzisen Beobachtungen zu erstaunlicher Prägnanz gebracht werden. / Frauke Fentloh, Berliner Morgenpost

9. Internationales Literaturfestival Berlin , Haus der Berliner Festspiele, Schaperstr. 24, Wilmersdorf, Tel. 25 48 90 sowie an weiteren Spielorten. Das Festival geht am Sonntag um 20 Uhr mit dem HipHop-Musical „Die vergessenen Befreier“ im Haus der Festspiele zu Ende.

96. Hermann Hesse Literaturpreis

Der Schweizer Schriftsteller Alain Claude Sulzer wird mit dem von der Stiftung Hermann Hesse Literaturpreis Karlsruhe, die von der Literarischen Gesellschaft Karlsruhe betreut wird, vergebenen Hermann Hesse Literaturpreis 2009 ausgezeichnet. Der 1953 in Basel geborene Autor erhält den mit 15.000 Euro dotierten Preis für seinen Roman „Privatstunden“, der gerade bei Suhrkamp als Taschenbuch erschienen ist.

Der mit 5.000 Euro dotierte Förderpreis geht in diesem Jahr an den 1978 in Wiesbaden geborenen Autor Christophe Fricker für „Das schöne Auge des Betrachters“. Der Lyriker zähle mit seinem Gedichtband zu den großen Hoffnungen der zeitgenössischen Dichtung, begründete die Jury: „In bewusster Anknüpfung an die Gedankenlyrik Stefan Georges“ sprächen Frickers Texte „von Freundschaft und Liebe, kurzum von den Erschütterungen des Herzens in einer Zeit, in der für schöne Seelen wenig Platz ist“. Die Jury lobte Fricker als „hellen Beobachter“, der in „kontrastreichen Denkbildern in musikalischem Duktus und von bilderreicher Wucht die Gefühlskultur stets im Widerstreit mit dem schnöden Materialismus der Epoche“ zeige. Die Preisverleihung findet am 26. November um 17 Uhr im Karlsruher Rathaus statt. / hermann-hesse-preis.de

95. Bei Ling über das Frankfurter Symposion (und über Celan und China)

Das war das sowohl absurdeste als auch unvergesslichste Symposion, an dem ich je teilgenommen habe. Willkommen zurück im Kalten Krieg – ähnlich bizarr und unberechenbar ging es hier zu. Bis zuletzt, als ich in letzter Minute mein Flugzeug nach Frankfurt bestieg, hatte ich keine genaue Vorstellung davon, was mich dort erwarten würde. Ich war auf alles gefasst, auf Demütigungen, selbst darauf, möglicherweise gar nicht eingelassen zu werden. …

Beim letzten Panel des Symposions, als endlich die Rolle der Literatur auf der Tagesordnung stand, versuchte ich also als Verleger, auf Paul Celan zu sprechen zu kommen. Ich habe in meinem Verlag „Tendenzen“ eine chinesische Biographie mit ausgewählten Werken von Paul Celan herausgebracht, ein Band, der für mich persönlich zum wichtigsten Werk während der Zeit meines schriftstellerischen Exils in den vergangenen Jahren geworden ist. Was ich auf der Konferenz nur kurz ansprechen konnte und den Gästen aus meinem eigenen Heimatland klarmachen wollte, war, dass Celan sein Leben lang, als Dichter in einer schwierigen Zeit, keinen Moment lang aufgehört hat, das auch nach dem Krieg noch in seinem Vaterland – Deutschland – fortbestehende faschistische Denken bloßzustellen und zu kritisieren. Zu jeder Lesung, die er bei seinen Besuchen in Deutschland hielt, brachte er sein ganz persönliches Leid mit und spürte das kleinste Detail auf, mit dem dieses Land seine eigene finstere Geschichte zu kaschieren versuchte.

Doch, was mich immer zutiefst berührt hat, ist, dass dieses Deutschland, das Land seiner Muttersprache (und der Sprache seiner Mutter, die von Deutschen getötet wurde), Celan empfangen hat. Und nicht nur empfangen hat, sondern ihn auch als einen der großen Dichter der eigenen Literatur geehrt hat. Nicht nur, dass er mit dem Büchner-Preis ausgezeichnet wurde; die Deutschen zollten ihm aufrichtigen Respekt. Und was mich noch tiefer beeindruckt ist, dass seine deutschen Schriftstellerkollegen ihn stets als ihresgleichen betrachtet und empfangen haben.

In China wird das, was nach offizieller Vorstellung als chinesische Literatur gilt, in die geographischen wie ideologischen Grenzen der Volksrepublik gezwängt. Jede chinesischsprachige Literatur, die sich außerhalb dieser Grenzen bewegt, wird ignoriert, der in Frankreich lebende Nobelpreisträger Gao Xingjian wird gar als „französischer Schriftsteller“ bezeichnet. Nestbeschmutzer wirft man eben aus dem Nest. Dabei haben gerade diese in der chinesischen Literatur Tradition: Kaum ein klassischer chinesischer Dichter, von Qu Yuan bis Du Fu, der nicht vom einem Landesherrn verstoßen worden wäre. Die heute im Exil lebenden Schriftsteller zu ignorieren heißt, einen wichtigen Teil der zeitgenössischen chinesischen Literatur zu verleugnen.

Nein sagen zu können gehört zu den wichtigsten Traditionen chinesischer Schriftsteller. Aber das gehörte zu den vielen Dingen, über in diesem Symposion zu kulturellen Fragen nicht gesprochen wurde. / Bei Ling, FAZ 19.9.

94. Selbsttor eines Dorfkickers

Kommentar von Axel Kutsch

Wir Älteren erinnern uns noch gerne an die Selbsttore von Franz Beckenbauer. So elegant hat vor und nach ihm kein anderer Fußballspieler den eigenen Keeper überlistet. Für uns Zuschauer war es die reine Augenweide, ein ästhetisches Vergnügen, ein Fest der Sinne.

Beim großen Franz hatte das Selbsttor Kultur. Bei Stefan Mesch, einem Mann der Kultur, der nun auch in der ZEIT ein Spielfeld gefunden hat, verkommt es zur bloßen Lachnummer – wie bei kuriosen Eigentoren auf holprigen dörflichen Sportplätzen.

In einem oberflächlichen Erguß über Lyrik im Netz (und anderswo), den er unter dem Titel „Wo Poeten laut werden“ in jener nicht vor Poesiekenntnissen strotzenden Wochenzeitung absondern durfte, holt er an einer Stelle kräftig zum Tritt gegen den Poetenladen aus, dessen professionelle Website vor allem in der Lyrikszene hohen Stellenwert genießt. Der „unübersichtliche und egalitäre Poetenladen“ verstecke Perlen blöd zwischen krauser Literaturkritik und Amateurtexten, konstatiert unser Dorfkicker voller Elan.

Allerdings geht dieser Tritt nach hinten los, hatte er sich doch vor vier Jahren vergeblich um eine Aufnahme in diesen nun von ihm geschmähten Poetenladen bemüht, die damals von der Redaktion aus qualitativen Gründen abgelehnt wurde.

War es Frust? War’s gekränkte Eitelkeit? Jedenfalls ist selten ein plumperes Selbsttor geschossen worden – nicht einmal auf holprigen Dorfplätzen, aber dafür in einer Zeitung, deren Ansehen trotz gewisser Defizite im Bereich der Poesie nach wie vor beträchtlich ist.

Was Franz Beckenbauer wohl dazu sagen würde? Aber fragen wir ihn lieber nicht.

93. Georg Drozdowski

Ein kaum bekannter Dichter der Bukowina soll dem Versinken entrissen werden – der Rimbaud Verlag fügte den in Czernowitz geborenen Georg Drozdowski (1899 – 1987) zu einer größeren Reihe deutsch schreibender Autoren aus diesem Raum. Herausgeberin des jüngst erschienenen Lyrikbandes ist Helga Abret, die bis zum Jahr 2005 als „Professorin für Neuere deutsche Literatur“ an der Universität Metz in Frankreich tätig war. …

Die Erfahrung der unbeschwerten Jugendjahre im Völkergemisch des Balkans samt dem nachfolgenden Grauen – dieses Wechselbad von geistiger Weite und fanatischer Verblendung ließen den Katholiken Drozdowski bis ins hohe Alter nicht zur Ruhe kommen: „Ich spähe nach dir, allein dein Schein überblendet […] Mein Ruf ist verschwendet […] Tu dich doch auf! Oder soll ich genesen, suchend aus mir?“ Er mag auch nicht unterscheiden zwischen (Juden-)Stern und Kreuz, da doch beide schmerzen. So ist in Lehrhaftem der Suchende zu finden, und die Mahnung ist sich des eigenen möglichen Irrtums bewusst.

Drozdowski, ein Unzeitiger, bezeugt in seinen Gedichten nicht nur eigenwilliges Beharren in der Form, er verteidigt seinen Anspruch auf Freiheit gegenüber sich nicht selten überschätzenden Strömungen. / Christa Hagmeyer, literaturkritik.de

Georg Drozdowski: Mit versiegelter Order. Ausgewählte Gedichte 1934 – 1981. 
Herausgegeben von Helga Abret. 
Rimbaud Verlagsgesellschaft, Aachen 2009. 
227 Seiten, 25,00 EUR.
ISBN-13: 9783890865256

92. Nachtrag zum Teufel

In dem Roman „Tal der Issa“ des polnischen Nobelpreisträgers Czesław Miłosz lese ich:

Die Besonderheit des Issatals liegt in der Zahl seiner Teufel. Sie ist dort größer als sonstwo. (…) Es ist wahrscheinlich, daß die Teufel, da sie die abergläubische Bewunderung des Volkes für die Deutschen kennen – Menschen des Handels, der Erfindung und der Wissenschaft –, sich mehr Ansehen zu geben versuchen, indem sie sich wie Immanuel Kant von Königsberg kleiden. Nicht umsonst ist an der Issa der andere Name für unheimliche Macht Niemczyk* – der bedeuten soll, daß der Teufel auf der Seite des Fortschritts ist.

Czesław Miłosz: Tal der Issa. Leipzig u. Weimar 1988, S. 8

*) Diminutiv von „Deutscher“

91. In eigener Sache

Liebe Leute von textenet.de,

ich bitte Euch und Sie noch einmal dringend, die Lyrikzeitung aus dem Minifenster zu befreien oder, wenn das nicht möglich oder gewünscht ist, ganz rauszunehmen. Ein Fenster, in dem man nicht einmal eine Nachricht ganz lesen kann, ohne zu scrollen, und in dem man die Werkzeuge, wie die „Textwolke“ (aus der man beiläufig sieht, daß Leipzig nach Berlin die am häufigsten mit Nachrichten bedachte Stadt ist – klickt doch mal dort auf „Leipzig“), nicht sieht, ist eine Zumutung für Benutzer und nicht in meinem Sinne.

– Daß die Lyrik nicht fehle, füge ich ein Gedicht von Elke Erb bei, das mir, ich weiß nicht warum, gerade einfällt:

Hoch in den Jahren

Du? – sprichst zu schnell.
Und dann ins tote Ohr.

September 1976

Aus: Der Faden der Geduld, Berlin u. Weimar 1978, S. 102

90. Heidelberger Ästhetik in Leipziger Verlag

Ein wichtiges Buch ist anzuzeigen, eine Anthologie von 100 Gedichten der Gegenwart, jeweils mit einem etwa zweiseitigen Kommentar versehen. Die Kommentatoren sind verbürgte Fachleute, Michael Braun und Michael Buselmeier, ihre Kommentare sind nützlich und ärgerlich, wie es zu gehn pflegt. Denn wenn man sich über die eine und andere Aussage ärgert und gaaanz anderer Meinung ist, war es doch der Kommentar, der einen drauf gebracht hat. Also ein Buch, das Profis ebenso wie interessierten Laien etwas bringt: anschaffen! lesen! Eine Quelle meines Dissents mache ich im Vorwort der Herausgeber aus: das häuft schon im zweiten Satz mit „chiffriert“, „vieldeutig“ und „verstehen lernen“ recht kopflastige Begriffe auf die mehr oder weniger zarten Gedichtpflänzchen. „Das Verstehen in der Lyrik hat der Teufel gesehen“, meint Stolterfoht: Michael B + Michael B, seid ihr des Teufels?
Indes bietet das Vorwort einen weiteren Stolperstein. Am Ende der ersten Seite lese ich, schon im Sprung beifällig nickend: „So stehen neben den Texten prominenter Dichter der Gegenwart vorzügliche Gedichte (Bravo!) von oft ganz unbekannt gebliebenen (Bravissimo!) oder schnell vergessenen Autoren, wortmächtigen Außenseitern (Toll!), und man kann daraus folgern, wie ungerecht die selektierende (sehr gut!) Literaturkritik häufig (ich hätt es nicht besser sagen können!) –
an dieser Stelle muß man umblättern und liest weiter: „verfährt.“ Sehr richtig, denkt der Leser, und selbstkritisch ja auch! Aber der nächste Satz bleibt, jetzt sage ich mir und nicht einem: bleibt mir im Halse stecken: „Gedichte zum Beispiel von Friederike Mayröcker, Marcel Beyer oder Monika Rinck, die nach ungewohnten, offenen Formen für ihre ästhetischen Erfahrungen suchen…“ (der Satz geht weiter mit Namen wie Wulf Kirsten, Christoph Meckel oder Gregor Laschen). Friederike Mayröcker, nach Form suchend? Marcel Beyer, unbekannt geblieben? Monika Rinck, schnell vergessen? Wo leben die denn, bzw. ich?  Welcher Teufel (da ist er wieder) hat die erfahrenen Leser und Kritiker geritten, diese Namen mit diesen Adjektiven zu koppeln? Hat man das in Wien schon bemerkt? Typisch deutsch, wird man dort denken, wenn man liest, wie Mayröcker zur Außenseiterin stilisiert wird. Eingedenkend, daß Suhrkamp in Frankfurt seit langem Friederike Mayröckers Hausverlag ist, borge ich mir lieber ein Wort von Thomas Kunst und mutmaße, hier spricht wohl die Heidelberger Ästhetik. Wenn das zutrifft, wird es Zeit, ihr eine Leipziger Ästhetik entgegenzusetzen.
/ Michael G

Michael Braun / Michael Buselmeier: Der gelbe Akrobat. 100 deutsche Gedichte der Gegenwart, kommentiert
Gebundene Ausgabe 360 S. | 19,95 €
Poetenladen 2009

89. Sunne


«Wenn man ans Gute in der Welt glauben will, vielleicht Gott, aber nicht die Dichter für tot erklärt und der Populärkultur einen Funken Interesse entgegenbringt – dann kann man nicht anders: Man muss ‹Sunne› lieben.»
(Aargauer Zeitung)

«Ein Werk, vor dem man sich verneigen darf: Das neue Album ‹Sunne› von Kutti MC.»
(Der Bund)

«Er zeigt sich dabei so vielseitig und experimentierfreudig wie nie zuvor, sprachlich hingegen so virtuos und pointiert wie eh und je.»
(St. Galler Tagblatt)

«Morgen geht die ‹Sunne› auf: Das grossartige neue Album von Kutti MC erscheint endlich.»
(Tages-Anzeiger)

«Dieser Rapper, der irgendwie gar keiner ist und doch der Interessanteste seiner Zunft bleibt.»
(Neue Luzerner Zeitung)

«Die Berner Songwriter-Tradition erfährt durch Jürg Halter eine Frischzellenkur. Kutti MC hat seine eigene Form von Mundartmusik geschaffen.»
(78s.ch)

«Die Sonne als Hiebe austeilende, verstrahlende Institution, aber doch gütig, wegweisend, wärmend noch die letzte Sünderin. Ist es Rap, Soul, Pop? Songwriting 3000.»
(Weltwoche)

Über die Schweizer Szene schrieb die NZZ vor einiger Zeit:

Als viersprachiges Land multipler Mundarten bietet die Schweiz ein pralles poppoetisches Potenzial – und mit dem «Menschenversand» ein engagiertes Label, welches seit einem Jahrzehnt die Originalität solcher oralen Offenbarungen dokumentiert. Die Doppel-CD «Mund auf, Wort raus» kann als Kompendium von nicht weniger als 26 Formen der Mund(un)artigkeit bereits bei ihrem Erscheinen den Rang eines Klassikers beanspruchen.

Dabei muss es ( im Unterschied zum Kabarett ) nicht direkt witzig zugehen, der Rede Dreh speist sich nicht selten aus mehr oder minder sublimierter Aggression: vom stoischen Antiwitz Pedro Lenz‘ ( geb. 1965 ) über die paranoiden Szenarien eines Jürg Halter ( 1980 ), die atemlos abgehaspelten Kleinbürgerglücksmomente der wirkungssicheren Stefanie Grob ( 1975 ) bis hin zu den geniesserischen Gewaltphantasien Lara Stolls ( 1987 ) in der Rolle eines John-Deere-180-PS-Supertraktors.

/ NZZ 6.3. 2009 (gefunden bei in|ad|ae|qu|at)

«Sunne» (Two Gentlemen/Irascible) ist überall im Handel erhältlich. Z.B. hier kann es probegehört werden: cede.ch

Kutti MC & One Shot Orchestra live:

2. Okt. Bern (Dampfzentrale), 3. Okt. Luzern (Südpol),
10. Okt. Aarau, Flösserplatz, 23. Okt. Nyon (Usine à Gaz),
30. Okt. Fribourg (Le Nouveau Monde), 31. Okt. Zürich (Moods),
6. Nov. St. Gallen (Kugl), 19. Nov. Basel (Kuppel),
20. Nov. Winterthur (Albani), 21. Nov. Thun (Mokka).

88. Keusch und sexy (also britisch)


Eine „Ode an die heiße englische Keuschheit“ nennt der Kritiker der New York Times den neuen Film von Jane Campion über die Liebe des Dichters John Keats:

John Keats war ein romantischer Dichter. Der Film „Bright Star“, der die Geschichte von Keats und Fanny Brawne, der Liebe seines kurzen Lebens, erzählt, ist ein romantischer Film. Der Jargon der Populärkultur und die irgendwie sehr spezielle Sprache der Literaturgeschichte verwenden das Wort in unterschiedlicher Bedeutung, aber Jane Campions gelehrter und hinreißender Film schafft es, sie zu vermengen und die Überschneidungen und Spannungen zwischen poetischem Schaffen und Liebesleidenschaft aufzuspüren. …
„Bright Star“ ist als „PG“ eingestuft [parental guidance suggested = Begleitung durch die Eltern empfohlen]. Er ist vollkommen keusch und wahnsinnig sexy.

Bright Star
Opens on Wednesday in Manhattan. Written and directed by Jane Campion; director of photography, Greig Fraser; edited by Alexandre de Franceschi; music by Mark Bradshaw; production designer, Janet Patterson; produced by Jan Chapman and Caroline Hewitt; released by Apparition. Running time: 1 hour 59 minutes.
WITH: Abbie Cornish (Fanny Brawne), Ben Whishaw (John Keats), Paul Schneider (Mr. Brown), Antonia Campbell- Hughes (Abigail O’Donaghue) and Kerry Fox (Mrs. Brawne).

87. Arabische Welt


Und so schwanken auch die literarischen Begegnungen auf dem Festival zwischen der Bewunderung eines grandiosen kulturellen Erbes und der schwer zu fassenden politischen Realität der arabischen Welt. Der Begriff selbst lässt unbestimmt, was er doch anerkennend zusammenfassen möchte.

Zu ihrer Eröffnungsrede wunderte sich die indische Schriftstellerin Arundhati Roy auf charmante Weise darüber, warum sie mit ihrer Rede (siehe FR vom 10.9.) ein Festival eröffnete, das doch zu Ehren der arabischen Literatur abgehalten werden solle. Iranische Autoren sind mit von der Partie, doch wehren sich gerade Iraner vehement gegen die Zuordnung zur arabischen Welt.

Der in Berlin lebende irakische Schriftsteller Najem Wali wiederum hat in seinen unlängst erschienenen Reisereportagen die Geschichte der irakischen Juden erzählt und darüber hinaus deutlich gemacht, wie synthetisch und von machtpolitischen Interessen geleitet unter Saddam Hussein irakische Kultur- und Sprachpolitik instrumentalisiert wurde.

Die arabische Welt gibt es nicht, und das Literaturfestival Berlin ist der Ort, auf dem die unterschiedlichen Lesarten von Mangel, Leerstelle und Vielfalt kenntlich gemacht werden. Zu Beginn hat Joachim Sartorius, der Leiter der Berliner Festspiele, von der Überforderung der Kultur durch die Erwartung versöhnender Aspekte gesprochen und die Hervorbringung des Fremden als wesentliche Leistung von Literatur hervorgehoben. Das ilb liefert das Material dazu auf beeindruckende wie irritierende Weise. / Harry Nutt, FR 16.9.