163. Keine Einreise für Hölderlin

Bringt mir eure Müden, eure Armen, eure wimmelnden Massen, damit sie frei atmen können, aber bitte nicht KD Wolff! Dem Stroemfeld-Verleger KD Wolff wurde am Freitag auf dem John F. Kennedy Airport in New York die Einreise in die USA verweigert. Nach mehrstündigen Verhören wurde er mit der letzten Lufthansa-Maschine nach Frankfurt am Main abgeschoben. Sein bis 2010 gültiges 10-jähriges Visum, mit dem Wolff bereits drei Reisen in die USA unternommen hatte, sei angeblich schon 2003 widerrufen (revoked) worden. Das war Wolff bisher nicht mitgeteilt worden. KD Wolff war auf Einladung des Vassar College in die USA gereist, um an der Konferenz „African American Civil Rights and Germany in the 20th Century“ teilzunehmen, die vom Deutschen Historischen Institut in Washington, D. C. mitveranstaltet wird. Zu den Teilnehmern gehört u. a. Angela Davis. KD Wolff, der 1967/68 Bundesvorsitzender des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) war, war als „historischer Zeuge“ eingeladen worden, u. a. weil er 1969 das „Black Panther Solidaritätskomitee“ in Frankfurt gegründet hatte. / taz 29.9.

162. Balkanische Alphabete

(wer A sagt muß auch B sagen: nach Bulgarien jetzt Rumänien)

Mo 5. Oktober 20 Uhr
Literaturhaus Berlin

mit

Constantin Acosmei
Vasile Leac
Iulian Tanase

Sabine Küchler
Hans Thill
Ernest Wichner

lesen Sie:

Vasile Leac

Was Seymour sah, als er China im Ballon überquerte

Am Tisch zwei Fischer
speisen vom toten Fisch

(Sabine Küchler)

von seymour gesehen, als er über china im ballon flog

.zwei fischer zutisch
einen toten fisch essend.

(Hans Thill)

reimlos sah seymour, als er im ballon durch china reiste

.zwei fischer saßen an einem tisch
und aßen einen toten fisch.

(Ernest Wichner)

161. Hausgäste in Lesung und Gespräch

Almut Sandig, Johanna Geels und Laura de Weck

Literarisches Colloquium Berlin
Drei unserer derzeitigen Hausgäste stellen sich an diesem Abend dem Berliner Publikum in Lesungen vor. Ulrike Almut Sandig, geboren 1979, lebt in Leipzig. Sie debütierte 2005 in der Connewitzer Verlagsanstalt mit dem Gedichtband „Zunder“, 2007 folgte der Band „streumen“. 2009 wurde sie mit dem Leonce-und-Lena-Preis ausgezeichnet. Neben der Lyrik publiziert sie auch Prosa und Hörspiele. Auch die Niederländerin Johanna Geels, Jahrgang 1968, wurde neben ihren regelmäßigen Poetry-Slam-Auftritten durch ihre Lyrik-Veröffentlichungen bekannt. Sie verbringt einen Monat als Stipendiatin des HALMA-Netzwerks im LCB. Die 1981 geborene Schweizerin Laura de Weck ist Schauspielerin und freie Autorin. 2007 wurde ihr erstes Stück „Lieblingsmenschen“ in Basel uraufgeführt. Schon ein Jahr nach diesem hoch gelobten Debüt folgte das zweite Stück „SumSum“. Laura de Weck ist als Gast der Pro Helvetia im LCB.

Literarisches Colloquium Berlin e.V
Am Sandwerder 5
14109 Berlin

Dienstag, 6.10., 20:00 Uhr

160. … wie Wolf, Sandig, Egger

Dietmar Dath (Sämmtliche Gedichte) gibt der Welt ein Interview. Darin sagt er:

Ich versuche, eine Prosa zu erfinden, die kann, was Uljana Wolf in ihrer Lyrik kann oder Ulrike Almut Sandig oder Oswald Egger. Am weitesten vorn bei den allgemeinen Literaturproblemen sind derzeit Lyriker.

Welt-Einleitung:

Er ist einer der radikalsten Schriftsteller Deutschlands. Als bekennender Marxist fordert der Autor Dietmar Dath beispielsweise die Entmachtung der Aldi-Brüder. Gerade hat er zwei neue Romane veröffentlicht. WELT ONLINE sprach mit Dath über Zombies, Liebe und zeitgenössische Musik.

159. Lammla und andere Dichter

Am 22.9. brachte die Lyrikzeitung einen Kommentar zu einem Bericht aus Thüringen:

116. Begnadetes Thüringen

Gestern nachmittag schickte Uwe Lammla einen denunziatorischen Kommentar, in dem er mich Denunziant nennt. Hier meine Antwort.

1. Herr Lammla behauptet, ich habe in meinem Kommentar „das Bild von einer „braunen Wolke“ imaginiert“, die sich „über Thüringen zusammenballe“.  Das ist nicht richtig, weder dem Wort noch dem Sinn nach.  Offensichtlich hat er es selber „imaginiert“, um seiner Antwort die gewünschte Richtung geben zu können.
2. Er sagt, er glaubt, daß ich mich an dem Wort „begnadet“ gestoßen habe. Auch das ist nichts als Interpretation. Ich habe lediglich meine Meinung ausgedrückt, daß ich anders als sein Literaturvereinssprecher es nicht auf ihn anwende. Ein begnadeter Lyriker ist für mich nicht einer, der tausende Verse geschrieben hat, das ist für mich eine Frage der Qualität. Herr Lammla hat seine Fans, die ihn, es ist leicht im Internet zu finden, für ein Genie halten – ich gehöre nicht dazu.
3. Zutreffend ist seine Aussage, daß ich nicht zu denen gehöre, die Freude „an diesen Dingen“ habe. Jedenfalls wenn er mit „diesen Dingen“ seine eigene Lyrik meint. Nein, die bereitet mir keine Freude. Ich habe keineswegs nur das erste auf seiner Seite auffindbare Gedicht gelesen, sondern jetzt und bei früherer Gelegenheit eine größere Stichprobe, weil es zu meinen Gewohnheiten gehört, Texte auch aus (mir) entlegenen Zonen zu suchen und zu prüfen. Also auch aus vom Literaturbetrieb nicht beachteten Provinzen, seis regional, politisch oder religiös. Da findet sich viel Schrott und auch jede Menge Beachtenswertes, seine Verse gehören für mich nicht dazu.
4. Ich hatte versucht, in aller Kürze, die ein kleiner Kommentar erlaubt, zu erklären, warum ich diese Lyrik nicht für „begnadet“ halte. Mein Fazit war: „Die Reime sind rein, das Metrum einwandfrei, der Wortschatz tümlich, die Grammatik verdreht und der Sinn … je nach Geschmack kann man sagen: kraus oder ff (feierlich-feucht).“ Man könnte über Metrum und Reim durchaus mehr sagen, die reinen Reime sind manchmal platt, das regelmäßige Metrum nicht selten mechanisch. Ich habe mich auf die für mich auffälligsten Merkmale seiner Verse konzentriert.  Die Grammatik ist verdreht, offenbar aus Reim- und Metrumzwang, und auch manchmal falsch, Beispiele?

„So traut sich die Sonne nicht fragen“
„Daß wer sich Müh für echten Frieden gäbe“
„Entführt den Bläsers Traum,“
„Hier sind der Mut, der Rausch und die Geschichte
Nicht vor dem Sturm und Fluten eingedeicht,“
„Das einzigste, das der Chronist uns bot.“

(Auf die Schnelle gefunden, ohne Ihre Heimseite oder die junge Freiheit bemühen zu müssen.)
Grammatische Fehler sind manchmal erlaubt, aber wie das Volk weiß: „zuviel zerreißt den Sack“.

Bei weitem häufiger ist die Grammatik verdreht:

Von diesem Holze sind die Weiserstäbe
Zu Hoheit und Gericht in deutschen Hainen,

so weit korrekt, aber wie weiter?

Daß wer sich Müh für echten Frieden gäbe,
Zeigt, daß er wußt, mit Hasel zu erscheinen.

Wer wem was tut (wer Roß und Reiter ist), das wird allzuoft nicht gesagt. „Wer sich Müh für echten Frieden gäbe“, um Verstehen bemüht übergehe ich das falsche Pronomen; hier beginnt eine Aussage im Konjunktiv: und wie weiter? Wer sich also jene „Müh … gäbe“, der „Zeigt, daß er wußt, mit Hasel zu erscheinen.“ Erklären Sie mir jetzt nicht Grimms Märchen oder germanische Bräuche: wer Konjunktiv und Indikativ mischt, schafft Unklarheiten. Man kann die dann „poetisch“ nennen und von „poetischer Lizenz“ sprechen – ich nenne das Übermaß solcher bemüht verdrehter Stellen ein Ärgernis.
Was passiert in den letzten vier Zeilen folgender Strophe?

Und während Ortnit kämpft und stirbt,
Reift andernorts aus Gottes Plan,
Beschattet rings von Nacht und Wahn,
Der Sproß, der um die Krone wirbt,
Am stolzen Byzantinerthron
Ein Intrigant dem Kaiser steckt,
Die Untreu schuf den dritten Sohn,
Den grade die Gemahlin heckt.

Oder hier, diesmal am Anfang:

Du weißt von Begegnung und Scheiden,
Den Wunsch sich im März zu verfrühn,
Von Herrschaft und Huld, und aus beiden
Den Schmerz, und du könntest dich mühn,
Die Gärten des Gauklers zu meiden,
Die Wahrträume, hell und verworrn,
Die Liebe entfliehn und dem Leiden,
Doch niemals dem Goldenen Korn.

Die erste Zeile ist in Ordnung, in der zweiten beginnen die Rätsel: Soll das heißen, „du weißt von dem Wunsch“? Das wär verständlich, aber grammatisch falsch. Oder sind zwei unterschiedliche Konstruktionen ineinandergeschoben („du weißt von“ – „du weißt den Wunsch“)? Das konnte der thüringische Professor Galletti schöner und die geniale Friederike Kempner witziger. Ebenso wieder am Schluß der Strophe: du könntest „die Gärten … (und die) Wahrträume“ meiden, okay, aber „die Liebe entfliehn“? Das ist entweder ein grammatischer Fehler oder ein gallettianischer Gedanke, zu hoch für seine dummen Schüler (denn er war ein Schullehrer in Gotha).
„Schattierung ist wie Mutterkorn an Ähren / Und läßt sich heiter den Verwandlungsblühn.“ – Versuchen Sie es selber. Wer läßt sich wem? Oder von wem? Und was? – Ach was. Es gibt so viel echte Poesie in der Welt, warum soll ich mich lange mit mäßiger aufhalten?

5. Herr L. wirft mir Bildungsferne vor:

Wenn man die Deutschen Sagen der Brüder Grimm nicht kennt, bleiben freilich Hinzelmann und Hudemühlen ohne Sinn und man weiß auch nicht, was der Drost in dem ganzen zu suchen hat. Bildungsferne ist eben nicht unbedingt die richtige Basis, um Gedichte zu beurteilen.

Ich kenne den Drost nicht? Das ist ein Irrtum. Ich kenne sogar mehrere: Droste. Der Droste können Sie kein Wasser reichen. Die kann auch reimen. Die reimt zwar nicht wie Sie Blaugezack auf „greises Wrack“, aber: schier auf Tapetentür, Jammer auf Seelenkammer, Knirren auf Schwirren, Kehle auf Garngesträhle und Höhlenstube auf Mergelgrube. Das war vor 150 Jahren, und es ist genau und modern.
Meine Bildungsferne, nun gut. Herr Lammla sagt (jetzt nennt er mich nicht mehr Vorredner oder Verredner, sondern „Denunziant“:

Es gibt wohl „eigentümlich“ oder „volkstümlich“, gewiß aber nicht „tümlich“. Das macht aber nichts, denn eine Aussage ist nicht gewollt. Der Denunziant begnügt sich mit unheilsschwangeren Andeutungen.

O doch, das gibt es, Herr L. Es gibt den bayrischen Dichter Bertolt Brecht, vielleicht kam der in Ihrer DDR-Schule nicht vor, der sagte: „Das Volk ist nicht tümlich.“ Das ist das Gegenteil von schwangeren Andeutungen: eine klare Aussage. Und Absage. Paßt auf Funktionäre (denen wir vor 20 Jahren zugerufen haben: WIR sind das Volk! Nicht nur in Leipzig. Auch in Greifswald. Ein bißchen später als in Leipzig, aber doch: zuerst an dem Tag, als das Politbüro Honecker absetzte.) Das Volk ist nicht tümlich! (Auch dem FDP-Vorsitzenden ins Stammbuch)
„Der Wortschatz tümlich“, hatte ich in meinem Lammla-Kommentar geschrieben. Ich hätte auch mit Gottfried Benn von „seraphischem Ton“ sprechen können. Alles ist „hehr“ hier, „zaubrisch holder Laut“ säuselt, die Wälder heißen „Hain“, und wuchtig tiefer Ernst wabert und walhallt durch diese Verse. Das gibt es in manchen Volksliedern (nein, dort ist es immer genau), bei manchem romantischen und neuromantischen Dichter, das gibts auch sehr oft im 20. Jahrhundert, aber ach! an welchen Stellen?
6. Herr Lammla sagt, es sei nicht seine Art, auf jede Polemik zu reagieren. Auf meine Polemik reagiert er allerdings schon zum zweitenmal. Im Februar 2008 brachte die Lyrikzeitung einen längeren Ausschnitt aus einem im WWW gefundenen Text Lammlas. Mein Kommentar beschränkte sich auf die Überschrift „31. Wiedergeburt der deutschen Dichtung (Faul seit 1945)“ und einen Nachsatz (oder vier kurze Nachsätze). Hier Lammlas letzter Satz und meine Antwort:

Ich habe also guten Grund zu der Behauptung, daß etwas faul sei im Vaterlande, und zwar seit 1945. / Uwe Lammla

[Päng! Da war also die Welt noch heil?? Oder „nur“ die Welt der Lyrik?? Vaterland und Lyrik warn ganz schön kaputt, eh! MG]

Anlaß genug für Lammla, mir einen Brief zu schreiben, in dem er sich dagegen verwahrte, in die rechte Ecke gestellt zu werden. Er schrieb:

Sehr geehrter Redakteur,
In Ihrer Lyrikzeitung … zitieren Sie aus meiner Selbstdarstellung (www.lammla.de) den Satz „Ich habe Grund zu der Annahme, daß etwas faul sei im Vaterlande, und zwar seit 1945“ und fügen die Anmerkung an: „Da war also die Welt noch heil?“ Ich empfinde dies als Entstellung und bitte um Korrektur.
Wenn ich die Literaturpolitik seit 1945 kritisiere, habe ich deswegen keine andere gutgeheißen. Es ist jedenfalls ein Faktum, daß die deutsche Dichtung bis 1945 über die verschiedenen Gesellschaftssysteme hinweg außerordentlich produktiv und vielgestaltig war. Dann setzte ein Niedergang ein, der sich in den 60ern beschleunigt hat. Woran das liegt und ob dies bedauerlich ist, darüber kann man diskutieren. Es ist jedoch nicht korrekt, demjenigen, der diesen Niedergang diagnostiziert, ein Faible für die Zeit von 1933-45 zu unterstellen.

Ich druckte seinen Brief mit dieser Antwort:

Lieber Herr Lammla,
zunächst bin ich erleichtert über, ja dankbar für die Klarstellung, daß Ihre Zeilen nicht die „Literaturpolitik“ 1933-45 gutheißen wollten. Sie werden zugeben, daß der zitierte Satz verschiedene Deutungen offenließ. Zu den Prinzipien der Lyrikzeitung gehört, daß ich nicht jede Meinung kommentiere, die ich nicht teile. Aber einen Satz, der so verstanden werden kann, wie es bei dem von Ihnen angeführten Satz der Fall ist, kann ich nicht unkommentiert stehenlassen. Hier noch einmal Ihr Schlußsatz und mein Kommentar:

Ich habe also guten Grund zu der Behauptung, daß etwas faul sei im Vaterlande, und zwar seit 1945. / Uwe Lammla
[Päng! Da war also die Welt noch heil?? Oder „nur“ die Welt der Lyrik?? Vaterland und Lyrik warn ganz schön kaputt, eh! MG]

Das sind ein Ausruf, zwei Fragen und eine Aussage, letztere mit noch einem angehängten Ausruf. Auf die Fragen haben Sie zum Teil geantwortet. Meinen Aussagesatz lasse ich stehen: Vaterland und Lyrik waren ganz schön kaputt.
Was Sie in Ihrer Stellungnahme ein Faktum nennen, das halte ich für eine Meinung. Darüber hinaus eine, die ich nicht teile. Nehmen wir nur die 12 Jahre bis 1945: „außerordentlich produktiv und vielgestaltig“? Hinter mir, im Regal, steht meine in Jahrzehnten zusammengetragene Bibliothek der neueren deutschen Lyrik. Darunter auch zahlreiche Gedichtbände und Anthologien, die in diesen Jahren in Deutschland erschienen sind. Darunter sind ein paar Stille im Lande, wie der außerordentliche Konrad Weiß, ein paar Achtbare, auch ein paar, die neben Oden auf den Führer auch Achtbares geschrieben haben, und sonst? Soviel Beflissenheit, soviel  Flachsinn, auch flacher Tiefsinn, war selten in der Geschichte der deutschen Lyrik. Das ist eine Meinung, meine. Ich könnte Belege anführen, Sie oder andere könnten gegenhalten. Aber da Sie vom „Faktum“ reden, halten wir uns an Fakten. 1933-45 war die Vielfalt innerhalb Deutschlands doch erheblich eingeschränkt. Wieviele Lyriker (und nicht nur deutsche!) wurden verboten, ins Ausland, in den Selbstmord getrieben, zum Schweigen, zum Verstummen gebracht? Wieviele haben sich angepaßt, haben Verrenkungen  gemacht? Wieviele wurden totgeschlagen? Wieviele von servilen Kritikern und Germanisten verhöhnt, verleumdet, totgeschwiegen? Was wurde dafür hochgelobt? Wieviele künftige Talente starben als halbe Kinder im Krieg? Wieviele polnische, serbische, ungarische, wieviele jüdische Dichter, wieviele künftige Nobelpreisträger starben durch Krieg und Terror? Um nur einen einzigen zu nennen: der ungarische Dichter Miklós Radnóti wurde im November 1944 von SS-Leuten erschossen. In seiner Tasche lagen blutbeschmierte letzte Gedichte. 1967, in den von uns unterschiedlich beurteilten 60er Jahren, erschienen sie auf Deutsch. Nein, ich teile Ihre Meinung nicht (aber ich habe sie in jener Meldung ausführlich zitiert, weit mehr als einen Satz)**.

Diesmal bekam ich keine Antwort (er reagiert ja nicht auf jede Polemik).

Meine Nachricht vom 5.6. 2008 hatte noch eine Anmerkung:

**) Wer mag, lese Lammlas Gedichte, z.B. dies hier, das quasi direkt zum Thema ist. Hätte ich ihn damals genauer gelesen, hätte ich weniger zitiert oder mehr kommentiert. Sein Kamerad bin ich nun doch nicht, und seine Ästhetik? Pah, das gibts, und L&Poe ist ein Ort, zu dokumentieren und archivieren, was es gibt. Hiermit geschehen.

7. Lammla nennt mich Denunziant und Entlarver, weil ich von seinem Gedicht „Quisqualis“ schreibe, hier rede er einmal Klartext. Es handelt sich um ebenjenes Gedicht, das ich Anfang Juni 2008 in der Anmerkung kommentiert und verlinkt habe. Den Artikel der neurechten Wochenzeitung „Junge Freiheit“ vom 18. Juli 2008 kannte ich da noch nicht. Herr L. hätte es leicht über Google herausfinden können. In seinem Kommentar schreibt er:

Er hat es in Windeseile geschafft, aus 30.000 Versen genau das Gedicht herauszufinden, wo ich angeblich den Klartext rede, den ich ansonsten vermissen lasse. Dabei konnte er auf Vorarbeit zurückgreifen, denn einige Beflissene waren bereits dem Wink der „Jungen Freiheit“ nachgegangen, ich schreckte vor Tabu-Themen nicht zurück, und hatten das Gedicht „Quisqualis“ aus seinem Zusammenhang herausgelöst und zum Credo des Dichters erhoben.

Neinnein, der Vorarbeit dieses Blattes bedurfte ich nicht. Ich bin es gewöhnt, selber zu lesen, statt „Unverstandenes nach(zu)plappern“ – ich sagte es schon eingangs. Ich habe zwar nicht behauptet, daß in diesem Gedicht die „Gestimmtheit“  oder das Credo des Vieldichters stecke, aber es ist da. Und so läßt er sich herbei, darauf einzugehen:

Auch wenn einzig die denunziatorische Absicht dafür spricht, an diesem einzelnen Gedicht die Gestimmtheit meines umfangreichen Werkes festzumachen, will ich dennoch auf den Inhalt dieser Verse eingehen.

Allerdings beschränkt sich sein Eingehen auf den „Rassegedanken“, den er vor der modernen biologistischen Sicht verteidigen will:

Seit Jahrtausenden haben die Menschen mit dem Begriff der Rasse opperiert [sic], durchaus nicht nur für Pferde oder Hunde, sondern für Menschen. Auch wenn, wie ausdrücklich im Gedicht eingeräumt wird, unsere Zeit nichts von diesem Begriff wissen will, besteht er im kollektiven Unbewußtsein weiter und ist damit ein Thema des Dichters. Das Gedicht wendet sich gegen einen biologistischen Ansatz, der gerade modern und nicht tradiert ist, und interpretiert Rasse als Erbe des Glaubens. Dies hat keinerlei Überlegenheitsgeste oder irgendeinen Herrschaftsanspruch, sondern ist einfach eine Suche nach Selbsterkenntnis. Daß im Nationalsozialismus tief verwurzelte Symbole politisch eingesetzt wurden, ändert nichts daran, daß diese Symbole mit verborgenen Wünschen und Sehnsüchten
korrespondieren. Wenn es gewisse Leute nun verbieten wollen, diese Wünsche und Sehnsüchte zu kennen oder anzuerkennen, ist dies ein ganz unerträglicher Dogmatismus und geradezu das Gegenteil von Freiheit und Selbstbestimmung.

Wenn ich von Klartext sprach, meinte ich indes etwas mehr. Das Gedicht selbst bringt ja das „Sonnensymbol“ explizit in Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus. In seinem Namen seien Verbrechen begangen worden, sagen die Lehrer dem Kind; aber etwas in ihm (der Rassegedanke eben!) wehrt sich, und schließlich erkennt der Herangewachsene, daß es vom Feind ersonnene Märchen sind. Was gibts da falsch zu verstehen? Aber davon schweigt er.

Der gehobenen rechten Postille gefällt das Gedicht. So stand es in der „Jungen Freiheit“ vom 18.7. 2008:

Sowohl die Wahl der Themen und Bilder als auch die strenge Form ihrer Verarbeitung zeigen an, daß der Autor die gegenwärtig gängigen Denk- und Werteschablonen nicht nur meidet, sondern ihnen fundamental entgegentritt. So beschwört er in „Polemos“ (Idäisches Licht) den Krieg in schicksalsschweren Versen mit Heraklit als den „Vater aller Dinge“. Die „Burg der Gefahren“ (Deutsche Passion) – das ist das hedonistisch-merkantile Treiben, welches wir als Konjunktur und Aufschwung zu sehen gewohnt sind. Uwe Lammla scheut selbst vor heißesten Eisen nicht zurück. „Bist du von Rasse …“ hebt eines seiner Gedichte an.

8. Ist Lammla ein begnadeter Dichter? Wer es glaubt, wird es sich von mir nicht ausreden lassen. Meine Nachricht vom 22.9. war eine ironische Reaktion auf einen Bericht der Ostthüringer Zeitung, der das Wort zitierte. „Thüringen, ist da noch was?“, war meine Schlußfrage. Ich frage es noch.

In seinem Buch „Erlkönig“ (bei Google-Buchsuche auffindbar) schreibt Lammla, daß er es gut fand, als ihn „ein Freund als Dichter in die Netz-Enzyklopädie Wikipedia eintrug und einen Artikel schrieb“. Den Namen des Freundes nennt er nicht. In einer alten, bei Wikipedia nicht mehr auffindbaren Fassung, die ich mir am 9.6. 2008 gespeichert habe, steht:

„Die Verse sprechen für sich. Es ist der alte Unterschied von Kunst und Gutgemeint. Lammla hat es eben, und tausend andere haben es nicht (werdens auch nie erjagen).“ Rolf Schilling, Dichter

Wer ist Rolf Schilling, Dichter?  Google weiß: „einer der bedeutendsten Dichter des 20. Jahrhunderts – wenn nicht gar der Dichter des 21. Jahrhunderts“. (Noch ein verkanntes Genie) Das steht bei einem der neurechten Szene verbundenen „Neofolk“-Seite. Auf der aktuellsten Version des Lammla-Artikels bei Wikipedia (15.8. 09) fehlt das Schilling-Zitat. Ich empfehle dies Ihrer (jetzt nicht Lammlas, sondern meiner Leser) geneigten Kenntnisnahme:

Uwe Lammla lernte nach dem Abitur in Leipzig Buchhändler und reiste nach kurzer Berufstätigkeit 1984 nach Bayern aus. In München studierte er Philosophie und gab die Werke des Dichters Rolf Schilling heraus. Er schrieb vor allem Gedichte, in jüngster Zeit auch Dramen und Essays. Im Mittelpunkt seiner Gedichte stehen der lutherische Glaube, das antike Erbe, die nationale Identität und die Heimat. Uwe Lammla ist Mitglied im Palmbaum Thüringische literarhistorische Gesellschaft Jena, in der Literarischen Gesellschaft Thüringen Weimar, im Friedrich Bödecker Kreis Erfurt, in der Wilhelm-Lehmann-Gesellschaft Eckernförde sowie in diversen Thüringer Heimatvereinen.

Dichtung

Der Althistoriker Johannes Nollé schrieb zu Lammlas Gedichten: „Lammla hat sich freigemacht von den Zwängen, Anerkennung zu finden, und damit Dichter-Freiheit gewonnen, die nur auf das hört und allein auf das ausgerichtet ist, was Bedeutung hat. Und wie für Hölderlin die Dichter frei sind wie Schwalben, hängt sich Lammla an die vielgestaltigen Vogelzüge, die ihn mit der Traumwelt, d.h. mit der göttlichen Offenbarung, in Verbindung bringen.“[1]
Seiner Ankennung unter allerlei fachfremden Wissenschaftlern (Historiker, Theologen, Chemiker, Biologen, Wirtschaftswissenschaftler, Politologen) steht ein weitgehendes Schweigen der Literaturkritik und Literaturwissenschaft gegenüber. Dies könnte damit zusammenhängen, dass Lammla in seinem dichterischen Stil und auch in seinen teils polemischen Essays die Gegenwartsliteratur angreift und ablehnt. Thematik und Formenkanon speisen sich vor allem aus der deutschen Tradition vor 1960. Unbestritten scheint die Vielfalt der Themen, die er in tradierten Formen gestaltet. Sogar seine Dramen zu antiken und mittelalterlichen Stoffen, aber auch über die letzte Fürstin von Schwarzburg-Rudolstadt, die 1951 in der DDR starb, sind in gereimten Jamben ausgeführt. Eine Nähe zu rechtskonservativem Denken zeigt er mit seinen Beiträgen im „Jahrbuch für Natur und Mythos“[2].

[Hinweis: das hier Eingerückte ist ein Wikipedia-Artikel – nicht von mir und nicht meiner Meinung]

Lammla in L&Poe:

2008    Feb    #31.    Wiedergeburt der deutschen Dichtung (Faul seit 1945)
2008    Jun    #22.    Antwort
2009    Mrz    #143.    Neue Generation?

(Alle archivierten Beiträge über den Button Archiv erreichbar – einfach Jahr, Monat + Nummer suchen)


158. Gedicht

ES GAB SCHON BESSERE ZEITEN AN DER SPITZE,
Die Eitelkeit, das Intertextuelle,
Die Einzigartigkeit, Gedichtappelle,
Ach, Dichter, wie ihr irrt, denn eure Blitze

Die, repariert, die Netzwerke erfassen,
Die Sickergruben vor den Heizperioden,
Erfüllen das Vermächtnis von Dioden:
Den Strom in eine Richtung durchzulassen,

In eine Richtung nur, die andere
Ist isoliert, Diskurse, Demutsglück,
Aus Angst und Angst und Feiertagsbefeuchtung,

Ich kann gut denken, wenn ich wandere
Von Heidelberg nach Ansbach und zurück,
Ich hoffe, unterwegs kommt die Erleuchtung.

/ Thomas Kunst (Leipzig)

157. UNPAVED TERRAIN

Poet Lucia Perillo talks about her poetry, her disability, and her changing relationship with nature.

By Maria McLeod
Poetry Media Service

Maria McLeod: Lucia, your background and early training doesn’t include writing. I wonder, as someone who has taken a more nontraditional route, how did you enter the field?
Lucia Perrillo: In 1980, I had just gotten a job at the Denver Wildlife Research Center. I believe that place is closed now, but it was an animal damage control facility, meaning that it researched ways to kill animals to keep them from destroying livestock or agricultural crops.
We killed coyotes; we killed birds. I killed lots of things. So I graduated with this degree in wildlife biology to go off and study wildlife, and I end up killing wildlife. So it was really a weird time, a troubling year in my life.
But how I got into writing was this way: I was a single woman living in this strange city, and I didn’t have any friends. I didn’t want to go to a bar alone, but I discovered that I could go to plays alone, and it wasn’t weird, or I could go to poetry readings alone. So, it was just a way to have places to go at night that would be safe. And that’s how I came to poetry, too, by going to open mics, and just kind of stumbling into them, because it was something you could do.
Also, when I lived in Denver, I saw Gregory Corso and Allen Ginsberg read in Boulder. Ginsberg played with the band, and Gregory Corso’s wife was drunk and got bounced from the bar. The whole thing was very surreal. I remember that Gregory Corso’s wife stood up on a chair and then started screaming, „Where’s mah man?  Where’s mah man?“ [laughter] And I remember that he said something about her. „My wife just got bounced!“
MM: When you left Denver, what did you do after that?
LP: I went to California in 1981. I got a job at the San Francisco Bay Wildlife Refuge. I did a variety of things, but I led a lot of nature walks around southern San Francisco Bay.
Again, I didn’t know very many people. I lived in Palo Alto, and I was writing a lot, and one day I pedaled my bike over to this writing workshop at the local community college. I saw this man give a talk, and I don’t even remember what the talk was about, but he had a captivating presence. I learned that he was giving a class at San Jose State, a night class, a poetry-writing workshop. That was Bob Hass. So I went and enrolled in his workshop.
MM: When I read Dangerous Life [Perillo’s first book, published in 1989] again in preparation for this interview, I looked for repeated themes. In the end, I decided it was a book about victimization, about calling attention to the victimizers and the victim. What was that book about for you?
LP: I don’t know why I was so interested in victimization, or I felt that I had been victimized as a woman. Certainly I was a person of privilege. I’ve never been a victim of a violent crime. I’ve never been raped, never had an abortion. I mean, I’ve lived sort of in a bubble. Maybe I felt like I had to create that myth for myself, or these violent events, because I hadn’t had one. . . . But I will say that I became less interested in women’s issues when my identity as a woman was subsumed by my identity as a person who was sick. It was in ‘88 that I was diagnosed with MS [multiple sclerosis]. Then that identity overtook these earlier concerns because they paled. My earlier feminist concerns, my feelings of discrimination, were small potatoes compared to what I was up against subsequent to that. I acquired a new identity. Now, you know, I don’t even feel like a woman anymore. I don’t feel that’s my primary identity. It stopped being my concern. I felt that: Oh, I’m this other thing now.
MM: So in 1988, was Dangerous Life completed as a manuscript at the time you were diagnosed?
LP: It was already complete, and it was already in [with the publisher].  The funny thing is that it has an epigraph from Nietzsche at the beginning of the book, “I sometimes think that I lead a highly dangerous life since I’m one of those machines that can burst apart!” But when the book came out, Tess Gallagher pointed it out to me. She said, „Oh, you’ve got this epigraph. Were you already diagnosed with MS?“ But no, the book was already created before that. So it was a little prophecy from Nietzsche.
MM: Your book of essays, I’ve Heard the Vultures Singing: Field Notes on Poetry, Illness, and Nature, was published by Trinity University Press in 2007. It seems that your work as a researcher is especially evident in that book. In fact, you mention conducting research in the essay “Knowledge Game: Gulls.” You call a person from Audubon and you ask what kind of gulls you are seeing. But you also really study them, read about them. Can you tell me what brought this book of essays about for you?

LP: A friend of mine, a nonfiction writer and journalist, said, „Well, you should write about your life,“ prose about my life. So I wrote some prose about my life. There was not too much to say about having a terrible disease. I hadn’t really figured out what I would say about it except it sucks, you know. But that’s not a very profound statement. So I decided that I would write about the kind of interactions you can still have with nature as a disabled person. It’s hard because you don’t have the ability to go on unpaved terrain anymore. I lost that thing that I really loved, and what could I still do? It was a way of making little projects for myself. I had to write the essays, so I had to go look at the gull so I could write the essay.

Maria McLeod is a Bellingham, Washington-based poet, freelance writer and documentarian. She authored a history of the Washington state Department of Ecology, which was published in 2005. This article first appeared on http://www.poetryfoundation.org. Learn more about Lucia Perillo, and her poetry, at www.poetryfoundation.org.

© 2009 by Maria McLeod. All rights reserved.

156. Es lebt!

Fünfzig Ausgaben EDIT
Donnerstag, 8. /9. Oktober 2009
Café Cantona / UT Connewitz
Leipzig, Germany
In diesem Herbst erscheint die fünfzigste Ausgabe der Leipziger Literaturzeitschrift Edit. Wir feiern dies mit einem großen Lesespektakel, das ein breites, schillerndes Spektrum zeitgenössischer Literatur zelebriert. Der Literaturverein Edit hat elf hochverehrte, schon allseits gerühmte oder noch zu entdeckende Autorinnen und Autoren eingeladen, an zwei Abenden Texte zu lesen und zu performen. Zum Abschluss des zweitägigen Lesefests erwartet uns ein Auftritt des stets umjubelten Jens Friebe, der uns in Begleitung seiner Band zeigen wird, wie toll deutschsprachige Popmusik sein kann.

TERMINE
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DONNERSTAG, 8. OKTOBER, 20 UHR
CAFÉ CANTONA, LEIPZIG
Lesungen: Mara Genschel, Martin Lechner,
Juliane Liebert, Els Moors
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FREITAG, 9. OKTOBER, 20 UHR
UT CONNEWITZ, LEIPZIG
Lesungen: Marcel Beyer, Martina Hefter,
Mathias Traxler, Ann Cotten, Norbert Lange,
Tim Turnbull, Thomas Kapielski
Konzert: Jens Friebe & Band

155. Gedichte aus dem Fenster

Unter dem Titel „Fenster-Stimmen und AbendLichter“ lädt der Verkehrsverein Rheine am 2. Oktober alle Bürger und Gäste der Stadt ein, auf dem historischen Marktplatz mit dabei zu sein. …
Lyrik und klassische Melodien werden ab 20.30 Uhr aus den Fenstern der am Marktplatz gelegenen Häuser präsentiert. / Münsterländiosche Volkszeitung

154. Poetisches Podium

Am 30. September findet zum dritten Mal in diesem Jahr das “Poetische Podium“ der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik statt. …

Am Mittwoch lesen nun Kerstin Hensel und Angela Krauß, zwei der renommiertesten Autorinnen Deutschlands. Anschließend stellen die Autoren Simone Voß und Ekkehard Schulreich ihre Texte vor. Es moderiert Ralph Grüneberger.

Mittwoch, 30. September, 17 Uhr im Haus des Buches, Saal 1 (Gerichtsweg 28). Das “Poetische Podium“ wird vom Kulturamt der Stadt Leipzig sowie der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen. [sic]

Der Eintritt für die Veranstaltung ist frei. [Und für die Zuhörer?]

/ Leipziger Internet-Zeitung

153. Kirstens Misthaufen

Zufällig las ich gestern abend, bevor ich von Stössels Beitrag wußte, einen älteren Beitrag aus der Süddeutschen Zeitung über ein neues Buch von Wulf Kirsten. Paßt „wie Faust auf Gretchen“ (hörte ich gestern nacht im Fernsehen), voilà (im übrigen mag jeder selber denken und hoffentlich auch lesen):

Wulf Kirsten hat für sein sperriges, präzise beschreibendes lyrisches Werk, das sein Zentrum in seiner dörflich-agrarischen Ursprungsgegend nahe Meißen hat, in den letzten Jahren wachsende Anerkennung gefunden; im Jahr 2006 erhielt der heute 75-Jährige den hochdotierten Josef-Breitbach-Preis. Sein Verlag, Ammann, legt nun eine Sammlung von Essays und Reden der letzten rund fünfzehn Jahre vor, die zusammengenommen die eindrückliche Physiognomie eines so geselligen wie eigenwilligen Menschen ergeben, der sein Leben zwei Dingen widmete, der Landschaft und der Literatur. …

Als erschreckend leichtsinnig erscheint es ihm, wenn Heiner Geißler erklärt, das Nationale zähle nicht in gleicher Weise wie etwa die Rechtsstaatlichkeit zu den Grundwerten der Republik. Das, meint Kirsten, sei vielleicht in Ordnung für den jetsettenden Kosmopoliten, aber die weitaus meisten Leute bräuchten nun einmal den räumlich und einzelsprachlich begrenzten Rückhalt dessen, was sie kennen, als Bezugsrahmen ihres Lebens, als ihre erweiterte, schützende Haut. „Gut zu wissen, woher man kommt und auf welchen Misthaufen man gabelschwingend getreten ist.“

In diesem Sinn, und nur in diesem, darf man Wulf Kirsten einen Konservativen nennen. / BURKHARD MÜLLER, SZ 21.9.

WULF KIRSTEN: Brückengang. Essays und Reden. Ammann Verlag, Zürich 2009. 283 Seiten, 21,95 Euro.

152. Gedichtdiskussion

In Matthias Kehles Blog liefert Jürgen Peter Stössel einen Beitrag zur Lyrikdiskussion, der nach vier einleitenden Sätzen sehr konkret wird und je ein Gedicht von Kerstin Preiwuß („stillleben“, FAZ 6.8.) und Wulf Kirsten („lebensspuren“ von 1981) mit vielen Zitaten kritisch analysiert. Hier der Anfang – der Rest bei Kehle am 29.9.:

Was gut oder schlecht ist in der Lyrik, liefert natürlich Stoff für endlose Debatten. Die werden aber immer nur in Zirkeln geführt von Leuten, die dazu gehören (wollen), um andere draußen zu lassen. Ich stehe so weit abseits, dass ich die Spielregeln, selbst wenn ich sie kennen würde, nicht beachten muss. Darum wundere ich mich meistens nur, wer gerade wieder hoch gelobt und was für preiswürdig oder wenigstens druckenswert gehalten wird.

151. Pappkamerad Trakl

Der 1984 verstorbene Schriftsteller Franz Fühmann, dessen Engagement für das Werk Georg Trakls in der DDR noch mutige Pionierarbeit war, hat in seinem Essay „Vor Feuerschlünden“ bekannt: „In dem Augenblick, da ich für Trakl mich einsetzte, tat ich es in jenem Sinn, der den Betroffenen aufstöhnen läßt: Herr, schütze mich vor meinen Freunden! Ich suchte überall Entschuldigungen, war aufs Glätten aus, auf Verharmlosen, auf Richtigstellen im Sinne eines eindeutig Richtigen; es war arg. Im Wesentlichen lief es auf den Nachweis hinaus, dass die Dekadenz ja gar keine sei.“

Dem Frankfurter Romandebütanten und Trakl-Enthusiasten Martin Beyer, Jahrgang 1976, liegen solche Absichten naturgemäß fern. Ihm geht es vielmehr gerade um „Sehnsucht, Besessenheit, Dekadenz“ bei dem Salzburger Expressionisten, dessen Lebensdrama – Depressionen, Drogenexzesse, mutmaßlicher Inzest, früher Tod durch eine Überdosis Kokain – dem Schicksal manch heutiger Rock- oder Pop-Ikone nicht nachsteht. Und doch hört man auch diesmal den Geist des Dichters ächzen: Herr, rette mich vor meinen Verehrern!

Denn der Roman „Alle Wasser laufen ins Meer“ betreibt im Versuch, jene Biographie „zwischen Verzweiflung und Lust“ literarisch zu vergegenwärtigen, eine Verharmlosung schlimmerer Art: Dokumentarisch gewissenhaft unterfüttert, doch im Spekulativen so blauäugig wie klischeebeladen, lässt er Georg Trakl, den Schöpfer visionärer lyrischer Bild-welten, als Pappkameraden wieder auferstehen. / KRISTINA MAIDT-ZINKE, SZ 21.9.

MARTIN BEYER: Alle Wasser laufen ins Meer. Roman. Verlag Klett-Cotta, Stutt-gart 2009. 240 Seiten, 18,90 Euro.


150. American Life in Poetry: Column 236

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Cecilia Woloch teaches in California, and when she’s not with her students she’s off to the Carpathian Mountains of Poland, to help with the farm work.  But somehow she resisted her wanderlust just long enough to make this telling snapshot of her father at work.

The Pick

I watched him swinging the pick in the sun,
breaking the concrete steps into chunks of rock,
and the rocks into dust,
and the dust into earth again.
I must have sat for a very long time on the split rail fence,
just watching him.
My father’s body glistened with sweat,
his arms flew like dark wings over his head.
He was turning the backyard into terraces,
breaking the hill into two flat plains.
I took for granted the power of him,
though it frightened me, too.
I watched as he swung the pick into the air
and brought it down hard
and changed the shape of the world,
and changed the shape of the world again.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Reprinted from “When She Named Fire,” ed., Andrea Hollander Budy, Autumn House Press, 2009, by permission of Cecilia Woloch and the publisher. The poem first appeared in “Sacrifice” by Cecilia Woloch, Tebot Bach, 1997. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

149. Wendelin Schmidt-Dengler Vorlesung in Berlin

Donnerstag, 01. Oktober 2009 | 19 Uhr | Friedrich Hoess Saal, Österreichische Botschaft Berlin

Zur Sprache gebracht –  Erste Wendelin Schmidt-Dengler Herbst-Vorlesung

Wendelin Schmidt-Dengler war ein Vermittler zwischen Literatur, Wissenschaft und Öffentlichkeit. Niemand konnte die Vielfalt des heimischen und internationalen Literaturschaffens  mit soviel Lebendigkeit und Schlagfertigkeit nicht nur einem Fachpublikum, sondern auch einer breiteren Öffentlichkeit vermitteln. 
Das Österreichische Kulturforum veranstaltet zum Gedenken an sein Ableben im vergangenen Herbst von nun an jährlich eine Vorlesung, in der Autoren, Wissenschaftler und Journalisten aktuelle Positionen zu Literatur und Kultur der Gegenwart im gegenseitigen Austausch vorstellen.

Diesjähriger Hauptreferent: Ferdinand Schmatz

Thema: „Dichtung und/als Wirklichkeit“

Gesprächspartner: Prof. Juliane Vogel (Germanistik Institut Universität Konstanz), Paul Jandl (Literaturjournalist) und Prof. Thomas Macho (HU Berlin)

Ferdinand Schmatz studierte Germanistik und Philosophie in Wien. 1983-1985 Lektor für deutsche Sprache und Literatur an der Nihon Universität Tokyo, Japan. Seit 1988 diverse Lehraufträge für Kunst und Poetik im 20. Jahrhundert an der Universität für angewandte Kunst, Wien. Juror beim Ingeborg-Bachmann-Preis 1995 und 1996. 2007 führte sein im Haymon-Verlag erschienener Künstlerroman „Durchleuchtung“ zeitweise die Bücherbestenlisten an. Schmatz  erhielt in den vergangenen Jahren zahlreiche Preise, darunter den Georg-Trakl-Preis für Lyrik (2004), den H.C.-Artmann-Preis (2006), sowie erst kürzlich den Ernst-Jandl-Preis 2009.


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Einlass ab 18.30 Uhr

Wir ersuchen um Verständnis, dass nach Beginn der Veranstaltung kein Einlass mehr möglich ist. Die für den Einlass erforderliche Anmeldung bitten wir Sie unter +49- (0)30-202 87 – 114 oder über die Webseite www.kulturforumberlin.at/anmeldung.htm vorzunehmen.