„Seine Tendenz zur Normalität entsprach einer Persönlichkeit, die durch die Konfrontation mit dem Unbewußten nicht entwickelt, sondern nur gesprengt worden wäre. (…) Man kann wohl sagen, daß das heutige Kulturbewußtsein, insofern es sich philosophisch reflektiert, die Idee des Unbewußten und deren Konsequenzen noch nicht aufgenommen hat, obwohl es seit mehr als einem halben Jahrhundert damit konfrontiert ist. Die allgemeine und grundlegende Einsicht, daß unsere psychische Existenz zwei Pole hat, bleibt noch immer eine Aufgabe der Zukunft.“
Carl Gustav Jung (‚ERINNERUNGEN, TRÄUME, GEDANKEN‘, 1961)
G&GN-Institut, Berlin-Neukölle (Ende Februar 2010) / Angeregt durch die beiden jüngsten Kommentare seitens Thien Tran & Anonymus über angeblich esoterische Tendenzen innerhalb der Lyrik von Tom de Toys, versucht das G&GN-Institut nun anhand von öffentlich zugänglichen sowie noch unpublizierten Texten diverser Institutsmitarbeiter diese Interpretation der Direkten Dichtung nachzuvollziehen und vorallem zu verstehen, ob sich der „junge“ Literaturbetrieb generell von der DIREKTEN DOKUMENTATION „SEELISCHER“ DIMENSIONEN ZUGUNSTEN EINER SOGENANNTEN „SACHLICHEN“ EBENE distanziert oder inwiefern es sich um ein Mißverständnis handelt, das die ambivalente Bedeutung des Begriffs Esoterik mit sich bringt, wenn dieser absurderweise in die Nähe von Zen gerückt wird, also einer Haltung, deren traditionelles Anliegen es ist, die Wirklichkeit gerade nicht als „geheim“ zu empfinden sondern als ERFAHRBARES TOTALES „JETZT“:
„Als ein Meister des Zen einmal gefragt wurde, was Zen sei, erwiderte er: ‚Eure Alltagsgedanken.‘ Ist das nicht klar und ehrlich? Zen hat gar nichts zu tun mit Sektierergeist irgendwelcher Art. Christen können Zen ebenso ausüben wie Buddhisten, genau so, wie große und kleine Fische zufrieden miteinander im selben Ozean leben. Zen ist der Ozean, Zen ist die Luft, Zen ist das Gebirge, Zen ist Donner und Blitz, Frühlingsblume, Sommerhitze und Winterschnee; ja mehr als das, Zen ist der Mensch. Unter all seinen Förmlichkeiten, Überlieferungen und Überbauten, die sich in seiner langen Geschichte angehäuft haben, im Grunde lebt dieser Kern des Zen fort. Sein Hauptverdienst liegt darin, daß wir in diese letzte Wirklichkeit hineinzuschauen vermögen, ohne irgendwelche Ablenkung. (…) Alles in allem: Zen ist -was nachdrücklichst betont sei- eine Sache persönlichen Erlebens. Gibt es irgend etwas in der Welt, was man als reine Erfahrung bezeichnen könnte, so ist es Zen. Weder ein Berg von Büchern, noch eine Unzahl von Lehrern machen je einen Menschen zum Meister des Zen. Das Leben selbst muß in der Mitte seines Flusses erfaßt werden…“
Daisetz Teitaro Suzuki (1958, in: ‚DIE GROSSE BEFREIUNG‘; übersetzt 1969: Rascher-Verlag)
„Lieber Tom, ach, wenn Du hier unser deutschsprachiger Zen-Meister-Dichter bist, (…), dann hat das, was Du tust nur wenig mit Buddhismus zu tun, zumal Dein Verständnis der Null wohl eher ESOTERIK ist, eine aufdringliche Mischung aus christlichem Gedankengut (Glaube, Liebe, Hoffnung) und fernöstlicher Schule oder Philosophie (…)“
Thien Tran (5.2.10, Lyrikmail-Kommentar zum Gedicht #2139 „Reduktion I“)
„ach, herr de toys, aus ihnen spricht wie immer der blanke neid. und alles nur, weil sie es mit ihrer esoterischen lyrik nie in die von ihnen erwähnten anthologien schaffen. nichts für ungut, herr kollege.“
Ein unter falschem Namen auftretender Anonymus (19.2.10, L&Poe-Kommentar zum Ticker „Poesielabel Perplex“, 17.2.10)
„Es ist ganz sicher, daß das Geheimnisvolle zum Träumen verleitet und der Welt eine Tiefendimension gibt, und daß im Gegensatz dazu die tagtäglichen Dinge an Reiz verlieren. Deshalb hegen die Esoteriker gern das Geheimnisvolle. (…) Die Etymologie des Wortes ‚Esoterik‘ läßt die Notion des Geheimen mitschwingen, indem sie zu verstehen gibt, daß man keinen Zugang zu einem Symbol, einem Mythos oder zur Wirklichkeitswelt haben kann ohne ein persönliches Bemühen um eine stufenweise, progressive Erläuterung, d.h. ohne eine Art Hermeneutik. Ferner gibt es auch kein allerletztes Geheimnis, sobald man einmal entschieden hat, daß alles geheim sein soll.
Antoine Faivre (1992, in: ‚ESOTERIK‘; übersetzt 1996: Aurum-Verlag, Edition Roter Löwe)
Antoine Faivre (vom Religionswissenschaftlichen Institut der Sorbonne, Paris) rückt so manchen berühmten Dichter in seinem Buch „Esoterik“ (1992, Presses Universitaires de France) in die Nähe des Esoterischen: Oscar Venceslas Milosz, William B. Yeats, Aleksandr Blok, den Surrealisten André Breton, Fernando Pessoa und den deutschen Maler & Dichter Joseph Anton Schneiderfranken (alias Bo-Yin-Ra, 1876-1943: „Das Buch der Gespräche“, 1920). Über den Seelenforscher Carl Gustav Jung (1875-1961) schreibt er, dessen „nicht reduktionistische Orientierung seines Denkens hat ihm die Entdeckung erlaubt, daß alchemistische Transmutation und die Symbolik ihrer markierten Pfade eine hochpositive – da trans-formierende – Arbeit der Psyche auf der Suche nach ihrem eigenen Gefüge, nach ihrer ‚Individuation‘, darstellt.“ Hier drängt sich uns die Verwunderung auf, daß gerade im wörtlichsten Sinne „junge“ Dichter genau das abzulehnen scheinen, was doch gerade ein Markenzeichen der Jugend ist: DAS TIEFE RINGEN UM SINN UND LETZTE FRAGEN. In anderen Epochen wie der Beat-Generation (hier könnten nun unzählige Zitate von Alan Watts bis Allen Ginsberg folgen!) war die „esoterische Suche“ die Voraussetzung für schriftstellerische Tätigkeit schlechthin, nur nannte man das damals eher „spirituell“ oder sogar „religiös“, was aber im Kontrast zu jeder angestrebten Versachlichung von emotionalen Ereignissen als synonym mißverstanden wird. Bedenkt man die seelische Besessenheit, mit der Malewitsch sein „Schwarzes Quadrat“ entwickelte, oder die Konkrete Poesie ebenso wie manch sprachmagisch inspirierter Dada geradezu zwanghaft versuchten, eine EXISTENZIELLE ESSENZ der sogenannten „Wirklichkeit“ künstlerisch einzufangen, dann erstaunt umso mehr, warum sich eine ganze junge Generation von deutschen Dichtern ideologisch von „esoterischen Ebenen“ abgrenzen muß, um ihren vermeintlichen „Stil“ als Conradi-salonfähig zu legitimieren, der dann allerdings absurderweise vor lauter neologistischen, grammatikalischen und metaphorischen Originalitätsbemühungen derart ins Willkürlich-Hermetische abdriftet (wie z.B. die Tranig naiv-faszinierte Fastfood-Verwertung der Zahl Null zeigt), daß nicht nur der Echtpop-Veteran Brinkmann sondern selbst Celan (der ja ganz offensichtlich bei vielen der Fraktion „Jetzt“ als Vorbild gilt) noch unesoterischer wirken!
Bruno Brachland, Nr.11, 6./7.2.1999
ÜBER(N)ACH(T)
sich im alltäglichen
spiel verlieren
während die regierung
sämtliche gesetze ändert
jeden nächstbesten
ersatz gutheißen
der Das echte LEBEN
wirklich MACHT
so wirklich
daß es scheint
als ob Nichts fehle
jedenfalls nichts greifbares
obwohl selbst seele nur
noch ein wahnhaftes wort
für unmögliche wünsche War
in zeiten wo fast
Alles körperlich entgrenzt
um die beweise gegen
gott nachzuvollziehen
bis die sinne SINN erzeugen
ohne große geister zu beschwören
Seltsamerweise lassen sich seit einigen Jahren sogar gleich zwei parallele Trends in der Gesellschaft beobachten, die nicht gegensätzlicher sein könnten: einerseits wird viel medialer Wind um die angebliche Renaissance der Gattung Lyrik gemacht (obwohl selbst Auschwitz nur zu ihrem Fake-Suizid führte und bei den literarischen Adlon-Popperzombies mündet), andererseits tendieren immer mehr Menschen zur „ganzheitlichen“ (bzw. grenzwissenschaftlichen) Beschäftigung mit sich selbst bzw ihrem SELBST: Yoga, Taijiquan, Zazen, transpersonale Psychotherapie, Quantenphysik, Astrologie und Astronomie, Neurophilosophie und „sogar“ Lyrik stehen bei solchen Menschen hoch im Kurs, die sich NICHT OBERFLÄCHLICH sondern „sinnsuchend“ mit sich selbst auseinander- und zusammensetzen wollen! Darum ist ein gewisser reziproker Effekt der zeitgenössischen Lyrik umso spannender: der Bedarf nach „innovatiefen“ Gedanken steigt zwar allgemein, aber wird eben nicht von solchen „hoch“-literarisch sublimierten Texten befriedigt, die in ihren eigenen elitär-kapitalistischen Zirkeln zirkulieren. Repräsentativ ausgerichtete Leseshows in Rathäusern und Museen sowie Preisspektakel in Vereinen und Verlagen möchten zwar gern all jenen Millionen Menschen, die diesen meist katastrophal langweiligen Literaturorgien in Anzug und Doktortitel nicht live beiwohnten, suggerieren, sie hätten den einzig wichtigen Event des Vortages verpaßt und damit quasi „sich selbst“ (denn laut Hilde Domin spiegelt ja der Dichter den seelischen Tiefgang des Lesers in einem exemplarisch erlebten und darum poetisch verwertbaren Augenblick), aber das Aberwitzige daran ist, daß eben diese suggestive Kraft der germanistischen Inzucht-Boulevardpresse das schlechthin esoterischste Element am ganzen Betrieb darstellt, weil es ähnlich hypnotisch funktioniert wie Laufstegmode: je durchsichtiger die kaiserlichen Klamotten desto kostbarer, weil sie einen „ernsten“ (offiziös-legalen) Blick auf die letzte tabuisierte Wahrheit gestatten: das nackte Fleisch, das ansonsten nur für Chirurgen und Bordells reserviert bleibt!
DNÄ (Der Nachäffer), 27.1.1999
ESOTERISCHE ENTROPIE (E²-TERRE)
jahrtausende
am eignen leibe
abgearbeitet
mit letztem mut
die sätze produziert die
glaubensschulen über-
treffen ohne eine
neue botschaft zu
verkünden frei und
frech die fülle
des weltganzen als
DIE EIGENTLICHE LEERE
sch(w)ätzen lernen nur
aufgrund der grundlosen
anwesenheit
gesetze schaffen weitere
gesetze regeln die gesetze
um das leuchten mancher
zellen zu versachlichen
den lebenshunger in das
internet verbannen !
wo der integrale frieden
– einsam und vernetzt –
STILLSCHWEIGEND
ausgesessen wird anstatt
die postmodernen parks
mit liebenden zu über-
sähen Jetzt
Ist Endlich Etwas klar:
das echte loch ermöglicht
zentnerschweren kindern
WIRKLICHKEIT
auf allen ebenen
An anderer Stelle bemerkten wir bereits, daß sich bei einer Umfrage im Umfeld des G&GN-Instituts herausstellte, daß „normalsterbliche“ Lyrikfans (Leselaien) aus anderen Berufsfeldern (wie Medizin, Jura, Müllabfuhr und Schneeschaufeln) meist große Probleme damit haben, die neuere Lyrik für ihr seelisches Alltagsleben kreativ anstatt nur respektiv-konsumistisch zu verwerten, weil das pseudosachlich-ÜBERINDIREKTE (metaphorische oder semiphilosophische) Moment preisgekrönter Texte schnell zu einer instinktiven Interpretationsblockade führt, die sich natürlich durch übereifriges höfliches Applaudieren auch journalistisch leicht vertuschen läßt. Trotzdem weiß jeder insgeheim, daß das erhoffte „nackte Fleisch“ schimmlig war. Prophylaktisch publiziert darum so mancher stolze Dichter natürlich auch überkompensatorische Ausnahmetexte (die manchmal bis ins slamtauglich Komödiantische reichen müssen!), die zwar ontogenetisch ihre Frustration über die eigene stilistische Redundanz ausbalancieren sollen (was dann aber aufgrund des Mangels an metapoetologischer Basis eher prätenziös anrührt), aber im laufenden Betrieb zur billigen Abwechslung mithilfe über-direkter erotischer, politischer oder vulgärsprachlicher Effekte dient, um den „Ernst“ des ansonsten übersublimierten „zeitgemäßen“ Stils zu untermauern. Was allerdings wirklich zeitgenössisch relevant und sogar zeitgemäß ist, oder besser: war – DAS stellt sich historisch leider oft erst posthum heraus, und selbst dann ist oft noch nicht einmal das Werk selber gemeint, sondern dessen plötzliche „sensationelle“ Markttauglichkeit ausschlaggebend, denn der Tod (als materieller Schock) bleibt als letztes Kleidungsstück der ontischen Nacktheit (neben der Liebe als spiritueller Schock) jenes große esoterische Element, das weder Preisträger noch Präsidenten mit noch so vielen Nadelstreifen neokonservativ liberal (gewollt „lässig“) übermalen können. Und DIESER Respekt vor den letzten „geheimnislosen Geheimnissen“ unseres Daseins hat eine mystische Tragweite, der man nicht gerecht wird, indem man nur ein „großes“ WORT als selbstreferenzielles Buchstabenkombinat aus dem historisch bewährten Baukastensystem der „letzten“ (poetisch anmutenden) Wörter taktisch in ein Gedicht einbettet wie eine schnell hingepustete gefrorene Riesenseifenblase – umgeben von flirrend heißer Luft, die den Mißbrauch der freien Buchstaben als Monitorstrichverband relativieren sollen. Eine Null bleibt eine Null bleibt eine Null… gegen diese mystisch-monströse XXL-Matrix der mathematischen Leerstelle (dem erfahrbaren Loch!) hilft weder die eine noch die andere Pille, hier bleibt jeder Dualismuß von Eins bis Unendlich auf der asymptotischen Rennpiste nach diversen Erschöpfungs- und Erhebungsschleifen liegen! Und vielleicht klingelt erst dort irgendwo in diesem unerhört transtopisch aufgerichteten gekrümmten Elementarraumzeitgefüge das Handy mit der entscheidenden SMS: „Kommst Du mit ins Grüne? Die Sonne scheint!“
ONLINE-QUELLENANGABEN:
Thien Tran (5.2.2010, Lyrikmail-Kommentar zum Gedicht #2139 „Reduktion I“):
http://www.lyrikpost.de/blog/2010/02/04/lyrikmail-2139-tran/#comment-10625
https://lyrikzeitung.wordpress.com/2010/02/17/poesielabel-perplex/
Bruno Brachland, Nr.11, 6./7.2.1999 „ÜBER(N)ACH(T)“:
http://www.wulle.de/GGN/BrunoBrachland/uebernacht.html
DNÄ (Der Nachäffer), 27.1.1999 „ESOTERISCHE ENTROPIE (E²-TERRE)“:
http://www.wulle.de/GGN/DerNachaeffer/esoterischeentropie.html
ERSTVERÖFFENTLICHUNG DIESER PRESSEMELDUNG AM 25.2.2010 @ MYSPACE-BLOG:
http://blogs.myspace.com/index.cfm?fuseaction=blog.view&friendId=482406116&blogId=529870971
Ror Wolf versucht beharrlich, die eingespielten ästhetischen Konventionen zu durchbrechen. Seine Romane haben keinen nennenswerten Plot, seine Erzählungen brechen immer wieder nach einer vielversprechenden Exposition ab, seine »Enzyklopädie für unerschrockene Leser« verspricht zwar mit großen Worten Ratschlag und Unterweisung, aber sein Alter ego Raoul Tranchirer weiß neben akademischen Nullphrasen oder Allerweltsweisheiten nichts Substanzielles, dafür viel Grillenhaftes, Groteskes beizusteuern. Und die Gedichte sind immerhin gereimt und metrisch streng gebaut, aber sein Dichterkollege Robert Gernhardt bemerkte auch hier zu Recht die entgrenzende, beinahe anarchische Poetik. »Kein Zweifel, da hat nicht nur er (der Wolf), da hat auch es (das Sprachpotential) gedichtet.« Im Verlag Schöffling & Co. erscheint nun eine Gesamtausgabe dieses vielgestaltigen Werks.
/ Gespräch mit Ror Wolf, junge Welt 26.2.
Ror Wolf: Werke – Im Zustand vergrößerter Ruhe/Die Gedichte. Schöffling & Co, Frankfurt am Main 2009, 480 Seiten, 49 Euro * Herausgegeben von Friedmar Apel
Thomas Schröder (Hrg.): Raoul Tranchirers Enzyklopädie für unerschrockene Leser, Band 2. Schöffling & Co, Frankfurt am Main 2009, 486 Seiten, 75 Euro
Zwar ist Eastwood kein politischer Regisseur wie ein Spike Lee und verweigert sich Ideologien. Dennoch schaffte der Filmemacher es bereits in »Bird« (1988), seinen Film über den schwarzen Jazz-Musiker Charlie Parker, Rassismus unbeschönigt, aber subtil darzustellen. In »Invictus – Unbezwungen« greift er sogar auf ein Symbol zurück, nämlich das Titel gebende Gedicht des südafrikanischen Dichters William Earnest Henley. Es hat Mandela in seiner Haftzeit gestärkt und öffnet dem Rugby-Kapitän die Augen für die jahrzehntelange Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung. Den Schlussvers des Gedichts können beide Protagonisten für sich in Anspruch nehmen: »Ich bin der Meister meines Schicksals/ Ich bin der Kapitän meiner Seele.« / Kira Taszman, ND 26.2.
Altmanns poetische Welt beschränkt sich im Wesentlichen auf die drei Grundelemente Luft, Wasser und Erde – das Feuer kommt nur zweimal vor. Seine Betrachtungen gelten vornehmlich einer Küstenlandschaft, speziell in den Abschnitten „Gemälde mit Fischreiher“ und „Das Jahr an der Küste“. Viele Reflexionen drehen sich um Bäume, immer wieder Bäume, Tiere, die ihren Platz in der Landschaft suchen, sowie Relikte, die der Mensch dort hinterlassen hat. Dabei werden die Elemente der Natur oftmals personifiziert: „wolken stechen in see“; „das licht wellt sich auf dem wasser und ermattet am strand“. Und Regen, viele Seiten langer Regen sorgt für die melancholische Grundstimmung dieses Buches. / Henning Heske, fixpoetry
Andreas Altmann: Das zweite Meer. Gedichte. poetenladen, Leipzig 2010.
Seit dem Start zum Nguyen-Tieu-Tag (dem 15. Tag des ersten Mondmonats) 2003 ist der Vietnamesischer Lyriktag zu einer nationalen Tradition geworden, immer im zeitigen Frühjahr.
In diesem Jahr wird zu diesem Anlaß ein großes landesweites Festival veranstaltet zum 1000. Gründungstag der Hauptstadt Hanoi, sagt der Dichter Huu Thinh, Vorsitzender des Vietnamesischen Schriftstellerverbandes.
In der Hauptstadt Hanoi wird der achte Vietnamesische Lyriktag am Sonntag eröffnet.
Er beginnt mit einem Prozession der heiligen Flamme vom Thuongtempel (gewidmet den Hung-Königen, den Gründern der Nation, und dem Königlichen Edikt über die Verlegung der Hauptstadt von Hoa Lu in der Nordprovinz Ninh Binh nach Dai La – heute Hanoi – des Königs Ly Thai To).
Nach Angaben der Veranstalter werden klassische und zeitgenössische Gedichte von Dichtern aus dem ganzen Land im Haupthof des Van Mieu (Tempel der Literatur) verlesen, der Vietnams erste Universität war. / Viêt Nam News
An dieser Stelle befand sich ein Beitrag von Tom de Toys, der wie gewohnt streitbar war und bedenkenswert: aber er bezog sich auf einen fälschlich mit dem Namen Ron Winkler unterzeichneten Kommentar. Leider kann ich das nicht so ohne weiteres erkennen: der Fälscher hatte ebenfalls eine Berliner IP-Adresse und gab als Mailadresse an: intendenzen@gmx.de. Ich hab nicht zum ersten mal damit zu tun und finds zum Kotzen, aber da kann man wohl nicht viel ändern. Gottseidank fängt wordpress alle Spamkommentare ab (mehr als 1000 seit August, mehr als echte Kommentare). Aber diese getürkten Kommentare sind nicht leicht rauszufischen. So kann ich nur jeden bitten, mich zu informieren, falls jemand unter seinem Namen segelt. Ron Winkler meinte auch, daß der Kommentar zu Tom de Toys bei lyrikmail möglicherweise gar nicht von Thien Tran stammt… (Gregor Koall: vielleicht tauschen wir mal die Daten aus, zum Abgleich?)*
Tom bitte ich, seinen Beitrag so zu modifizieren, daß er sich nicht auf diese beiden Kommentare bezieht.
Mir und Ihnen wünsche ich fröhlichen Streit und auch mal erbitterten, aber möglichst wenig von solch öden Kindereien.
*) Alles wird gut: der lyrikmail-Kommentar ist wirklich von Thien Tran, erfahre ich gerade.
Der Stralsunder Verlag „mückenschwein“ präsentiert sich derzeit in der Galerie des Greifswalder Koeppenhauses. Zu sehen sind Bücher und grafische Arbeiten, wie Skizzenbücher, Buchkunstwerke oder Kunstpostkarten. Am Abend der Ausstellungseröffnung war Gunter Lampe zu Gast. Als Dichter und Mitbegründer des Verlages las er aus seinen Werken vor. Gunter Lampe wurde 2006 zum Lyrikmeister Mecklenburg-Vorpommern gekürt. / Nordkurier 25.2.
Mit der Bachmann hat es wohl auch schöne Zeiten gegeben, wiewohl die Beziehung von einem gegenseitigen Nachlaufen und Abstoßen gekennzeichnet war: Wollte der eine den Kontakt wieder, wies ihn der andere zurück und umgekehrt, weiß Jörg Schmutter, der Münchner Kinderarzt, Psychoanalytiker und Maler, Jahrgang 1938, über das Sujet seiner aktuellen Bilder. Sie sind diesmal auch in heiteren Farben gehalten und visualisieren zum Teil die Gedichte Celans, die unter dem Eindruck der Bachmann-Beziehung entstanden sind.
Schmutterer, der im Juni 2008 seine Wasserburger Galerie mit Celan-Bildern, gemalt auf gebrauchten Lkw-Kunststoffplanen, eröffnete, hat nun einen größeren Posten alter Zeltplanen aus Baumwoll-Mischgewebe erworben, auf denen er seine aktuellen Bilder malt. „Es sind die Gebrauchsspuren auf dem Maluntergrund, die mich faszinieren“, erklärt er. / OVB 22.2.
Wenn Paul Celan zu seinem Gedicht „Von Dunkel zu Dunkel“ Frauengesichter mit einer wie eine Prothese klaffenden Augenpartie skizziert oder Hermann Hesse zu seinem vitalistisch-präpotenten Versen „O wilde Nächte“ eine grinsende Fratze schneidet, hat dies eindeutig den Charakter von Hilfszeichnungen. Der Wechsel des Mediums dient zur Lösung eines Problems oder auch zur Selbstanfeuerung der Dichterglut. Doch schon bei Rilke bewegt sich der Deutungswille auf das rutschige Eis der Textoberfläche. Denn worauf bezieht sich das merkwürdige Flügelwesen, das er in einer Notiz zur achten „Duineser Elegie“ hingehaucht hat? / Richard Kämmerlings, FAZ 24.2.
Randzeichnungen. Literaturmuseum der Moderne in Marbach. Bis 18. April. Zu den drei Teilen der Schau ist jeweils ein Marbacher Magazin erschienen; zusammen kosten sie 29 Euro.
ST. ARNOLD. Darf eine Straße heute noch nach der Dichterin Agnes Miegel benannt sein? Die Diskussion läuft, denn Miegel schrieb nicht nur Lobeshymnen auf ihre Heimat Ostpreußen – sondern auch auf Adolf Hitler. / Klaus Spellmeyer, Münstersche Zeitung 24.2.
vor 25 jahren, am 22. februar 1985, starb der katalanische dichter salvador espriu. viele gedenkbeiträge in zeitungen und veranstaltungen im katalanischsprachigen raum
auf deutsch ist das lyrische gesamtwerk in der übersetzung von fritz vogelgsang (1.3.1930 – 22.10.2009) im amman verlag (2007) erschienen, hierzu eine gute rezension von peter hamm aus demselben jahr:
http://www.zeit.de/2007/41/L-K-Espriu-TAB
hier zwei gedichte (in eigener übertragung, à.s.):
XV
Per la maresma
s’estén un fred, lentíssim
toc de campanes.
Boires i grills dominen
tots els camins del vespre.
XV
Über dem Marschland
breitet sich ein kaltes, sehr langsames
Glockengeläut aus.
Nebel und Grillen beherrschen
alle Wege des Abends.
Aus: Cementiri de Sinera [Friedhof von Sinera], 1946
—
IV
Mentre sèiem al cancell, en la vetlla d’estiu,
en el repòs de l’aire,
i el llum feia de sobte més trista la claror,
arribaven pels rials lladrucs llunyans dels gossos
de les altes masies de la nit.
Car tota la carena era nit, i la fressa
d’un vianant cansat aixecava
de la fosca, a poc a poc, la basarda.
Aleshores algú va dir: «He vist avui
moltes orenetes, com pardals, damunt els camps.»
I una altra veu: «Potser plourà aviat.»
I jo vaig cloure els ulls i els mirava
un a un, ja en la pau, els meus morts.
I sabia aquest camí sense ells per sempre més
i com passen també els dies que vindran
per la llarga buidor del sorral.
IV
Während wir im Windfang saßen, wachend in der Sommernacht,
in der Ruhe der Luft,
und die Lampe plötzlich die Helligkeit trauriger machte,
kam durch die Flußbetten entferntes Gebell von den Hunden
der hohen Gehöfte der Nacht.
Denn der ganze Bergrücken war Nacht, und das Geräusch
eines müden Wanderers hob
aus dem Dunkeln nach und nach das Grauen.
Da sagte einer: »Ich habe heute
viele Schwalben auf den Feldern gesehen, wie Spatzen.«
Und eine andere Stimme: »Vielleicht wird es bald regnen.«
Und ich schloß die Augen und schaute
sie alle einzeln an, im Frieden schon, meine Toten.
Und ich wußte diesen Weg für immer ohne sie
und auch, wie die Tage vergehen, die kommen werden
über die lange leere Sandfläche.
Aus: Llibre de Sinera [Buch von Sinera], 1963
/ àxel sanjosé
Thomas Kling hat die deutsche Lyrik auf ihrem Weg ins 21. Jahrhundert wie kaum ein anderer Dichter geprägt. Er erschloss Themenbereiche und Schreibweisen, die seither zum festen Bestand poetischer Ausdrucksformen zählen. Fünf Jahre nach dem Tod des Lyrikers wird seinem Werk nun eine erste wissenschaftliche Tagung gewidmet. Veranstaltet wird sie vom Heinrich-Heine-Institut, das Klings Nachlass derzeit bearbeitet, zusammen mit dem Institut für Deutsche Philologie der LMU München und dem Göttinger Seminar für Deutsche Philologie sowie der Stiftung Insel Hombroich.
Sie startet heute unter dem Titel „Das gellen der tinte“ auf der Raketenstation Hombroich, dem ehemaligen Wohnort des Dichters und jetzigem Sitz des Thomas-Kling-Archivs. Erwartet werden Literaturwissenschaftler aus Deutschland, Österreich und den USA, die sich mit den Schreib-, Sprech- und Autorschaftskonzepten Klings auseinandersetzen. / Die Welt 24.2.
Der mit 15.000 Euro dotierte Calwer Hermann-Hesse-Preis für Literaturzeitschriften geht in diesem Jahr an das in Leipzig erscheinende Literaturmagazin poet. Die halbjährlich erscheinende Zeitschrift ist die Printausgabe des 2005 gestarteten Literatur-Internetportals poetenladen.
poet und poetenladen seien „eigenständige Foren, die das jeweilige Medium in herausragender Weise nutzen“, heißt es in der Begründung der Jury. Zusammen böten beide „ein beispielhaftes Konzept für die Förderung und Verbreitung junger Literatur“. Die Verleihung erfolgt am 2. Juli 2010, Hesses Geburtstag, in Calw.
Der Calwer Hermann-Hesse-Preis wird seit 1990 alle zwei Jahre verliehen, abwechselnd an eine deutschsprachige Literaturzeitschrift und an einen Übersetzer der Werke Hermann Hesses. Ausgezeichnete Zeitschriften waren zuletzt Sprache im technischen Zeitalter und EDIT.
Erich Kurt Mühsam
for medium high voice and piano von Gary Bachlund
Deutscher und englischer Text und Noten hier
Rr-r-revolution
macht man nur mit Liebe.
Weist den Hetzer von der Schwelle
nur der Intellektuelle
Kennt das Weltgetriebe.
…
Rr-r-revolution
macht die Herzen schwellen.
Laßt die Freiheit uns errichten
mit den lyrischen Gedichten
der Intellektuellen.
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