56. Dichter-Gespräch

Monika Rinck, Liesl Ujvary und Max Marek
Lesung und Gespräch

10. März 2010, 20 Uhr (Mittwoch)
Akademie der Künste, Pariser Platz 4, 10117 Berlin, Clubraum
Eintritt € 5/3, Tel. 030 20057-1000

In der Reihe Dichter-Gespräch werden Monika Rinck und die Lyrikerin Liesl Ujvary aus ihrem Werk lesen und mit Max Marek vor allem über den dichterischen Impuls in der Lyrik und in anderen Medien sprechen.

Vom Gedicht als „einer philosophischen Tat“ spricht Peter von Matt. Dichtung und die Präzision des Gedankens – das ist das poetologische Credo von Monika Rinck. Und seit jeher richtet sich ihr Blick auf die interdisziplinäre Grenzüberschreitung. Ihr gerade in der edition sutstein erschienenes Buch „Elf kleine Dressuren“ beinhaltet elf Textvignetten, es geht um Dressur, um Training, Konzentration Versagen und Destruktion. Zu jedem Kapitel schuf der Künstler Max Marek ein Bild, Papierschnitte, die die Essenz jedes Textes in bildnerischer Präzision abbilden. So ist jedes Buch ein Unikat, 15 Exemplare sind erschienen, alle signiert.
Liesl Ujvary zeigt Videos. / Kulturkurier

55. blick auf die künstlerin

In der Wiener Alten Schmiede gibt es eine von Martin Prinz konzipierte Veranstaltungsreihe mit dem schönen Titel „Doppelte Buchführung. Leben und Schreiben in Zeiten der Konkurrenzgesellschaft“. Darin kommt etwas zur Sprache, was sonst schamhaft beschwiegen wird: Wovon leben Schriftsteller, die keine Bestseller produzieren? Und wovon Schriftstellerinnen?

Diesen feinen Unterschied in der Verbuchung des Nichts macht jedenfalls Barbara Hundegger: „stimmen gedämpft bei anblick / des künstlers davon lebt / der davon muss der leben // stimmen spitz beim blick auf / die künstlerin wovon lebt / denn die davon kann die leben“.

Von taxfreiem Bedauern und vom Taxiertwerden (der „blick auf die künstlerin“ ist eben etwas anderes als der „anblick des künstlers“) weiß Barbara Hundegger ein Lied zu singen, verfertigt sie doch fast ausschließlich Gedichte und tut das außerdem noch fern der Zentren des literarischen Betriebs, in Innsbruck, weshalb sie nach wie vor als Geheimtipp gilt: zu Unrecht, denn Hundegger ist eine der besten Dichterinnen des Landes. Sie schreibt, mit einer imponierenden Lässigkeit, Gedichte, die zugleich handfest sind und subtil, zupackend und zart. / Daniela Strigl in Falter : Buchbeilage 10/2010 vom 10.3.2010 (Seite 22)

Barbara Hundegger
2009 | Skarabaeus, Innsbruck
94 Seiten
EUR 16,90


54. Anagramm-Wettbewerb

Im Rahmen von „Luzern bucht“ vom 5.-7. März 2010 (Literaturfest, Buchmarkt und Anagrammtage)  fand dieses Jahr zum Abschluss der unter dem Motto „Luft & Liebe“ dargebotenen Veranstaltungen in der Kornschütte die Verleihung des Anagramm-Preises statt.

Der vom Verlag Martin Wallimann, Alpnach, und der Stiftung HAUS am SEE, Horw, ausgeschriebene Anagramm-Wettbewerb wurde der Lyrikerin und Sprachspielerin Brigitte Fuchs aus Teufenthal in der Schweiz verliehen. 30 Wortkünstler aus dem gesamten deutschsprachigen Raum waren dazu eingeladen worden, drei unveröffentlichte Anagramme (zwei davon in freier Form und eines mit dem Titel ZWISCHEN HALBER NACHT UND GANZEM TAG) einzusenden. Juriert wurden die unter einem Kennwort eingegangenen Beiträge durch die dreiköpfige Jury, bestehend aus Ina Brueckel (ZHB), Josef Birrer (BVL) und Matthias Burki (Verlag Der gesunde Menschenversand). Das „Preisgeld“ besteht aus einem zweiwöchigen Aufenthalt im HAUS am SEE im Park Krämerstein, Kastanienbaum, Horw/LU.

Dort findet vom 7. Mai bis 27. Juni 2010 eine grosse Anagramm-Ausstellung statt, bei der auch die Wettbewerbsbeiträge gezeigt werden.

Einer der Siegertexte:

Wie Goethe gern schrieb

Schreib gewogen, heiter,
schreib ihretwegen, Ego:
Schreiben gehoert ewig!

Woher geistigen Becher?
Bewege Gehirn erotisch,
betoere Gehirn, schweig!

Gebe Gewirr Schoenheit,
gebe Irrweg Schoenheit!
Gebe rein Hochwertiges!

Wein beschert gehoerig
Grobheiten. Schweige er,
gebe wichtige Rosen her!

So. Wichtigere Begehren,
oh Richter? Gegenbeweis?
Schreib weniger, Goethe!

Brigitte Fuchs

53. EEE-Teil 4: „RE:RE:RE:ÜBERWANDLER-SCHNEE VON ÜBERGESTERN“

so leute, das gibt keinen echten ticker, das wird hier der INOFFIZIÖSE EEE-teil 4, damit sich keiner zwang antun braucht… FOLGENDES: (OHNE HEADLINER, OHNE UNTERTITEL, OHNE INSTITUTSWEIHEN):

„Mit normal meinte ich so ‚Standardgedichte‘ die z.B. in der Schule behandelt werden (…). Bei solchen Gedichten habe ich keine Probleme, aber „Überwandler“ ist anders als die Gedichte die ich bisher gelesen habe, die einzelnen Bilder die der Dichter vermittelt kann ich nicht wirklich deuten (…) Sogar mit der Überschrift kann ich nichts anfangen, was soll ein Überwandler sein?“

(27.10.2006, 13:08h #4 „KrEeSKor04“)

„im spieltrieb / zwischen meinen lippen (…) / wie ein einziges gebet der stille“

(De Toys, 6.-9.Zeile aus der VOLKSVERSION* des 41.E.S.)

http://knk.punapau.dyndns.org/publisher/site/knk/public/obj/page.php?obj=8644

RE:RE:RE:ÜBERWANDLER-SCHNEE VON ÜBERGESTERN:

Vor jetzt über 3 Jahren, am 25.10.2006, verschickte Lyrikmail als #1400 die Volksversion* des toysianischen 41.E.S.-Beispiels für die Liebeslyriktheorie ERWEITERTE SACHLICHKEIT mit dem Titel „ÜBERWANDLER“, das in einem typischen Internetforum eine Interpretationsdebatte ohne finale Lösung auslöste, die sich einerseits zum Vergleich mit dem Diskussionsstil in der Lyrikzeitung eignet, andererseits aber auch exemplarisch zeigt, WIE sich eine junge Leserschaft (ein User gibt sein Alter mit 22 an) mit „zeitgenössischer“ Lyrik ÜBERHAUPT auseinandersetzt, was an sich schon dankenswert und mutig ist!!! Spannend fände ich persönlich, ob andere HIER mitlesende Dichter ähnliche Erfahrungen dokumentieren können: ich wäre neugierig darauf zu erfahren, wie z.b. ein Gedicht von Thien Tran von derart ambitionierten und wunderbar SCHAMLOSEN Lyrikfans VERSTANDEN wird (oder nicht). DAS wäre nochmal eine völlig andere Nuance zu unserem eigenen letztlich für alle Parteien hier reichlich nervtötenden und „leider“ mißlungenen Versuch von „gewissen“ Dichtern, von anderen „gewissen“ Dichtern auf eine VERSTÄNDNISBASIS hoffen zu wollen… Auf gut Deutsch finde ich es echt zum Kot-ZEN, daß meine „Feinde“ nicht über das Stadium der argumentlosen plumpen Vorwürfe hinaus gelangen, während ich mehrere Tage FREIZEIT zur Aufarbeitung des Themas investiert habe, sogar das Buch von C.Seife GEKAUFT & GELESEN habe (man bedenke, daß ich im Grunde gar kein Geld besitze für solche noch so kleinen Extra-Anschaffungen, ich habe keine 12mit3xnull Euro Stipendienförderungen sondern lebe nach unseren Maßstäben hier „verarmt“ – und TROTZDEM neidlos glücklich mit meiner Existenz in einem Land, wo der Begriff „Armut“ ein Luxus ist gemessen mit wirklich armen Ländern) und mir 3x 3E’s aus den Fingern sauge… Leute, schreibt doch auch mal einen durchgeknallten Artikel mit ein paar „verwirrenden“ Zitaten, dann wäre die Lyrikzeitung nicht so trocken!!! ANNA PANEK zum Beispiel fehlt mir hier, sie hat immer so herrlich erfrischend „verwirrende“ Meldungen abgegeben… Aber ok, ich werde ab jetzt auch nur noch völlig neutrale, obercoole sachliche Presseticker abliefern, keine persönliche Randnotiz mehr und das „klägliche“ Kommentarfeld (um nur noch und nöcher Tran zu zitieren) nicht mehr anrühren. Aber ich finds zum Kot-ZEN langweilig OHNE Klagemauer und ohne selbstverfasste Klagelieder… Naja, Tran hat schon recht: ich kann mich über meinen „Kram“ (hat das Wort irgendwas mit Heideggers „Zeug“ zu tun?) auch woanders unterhalten, klar doch! Gerne. Nur zu gerne. Vorallem am liebsten in AUßER-literarischen Kreisen, da können die Leutchen nämlich noch über Lyrik lachen und Spaß dran haben und sich wilde Schlachten liefern, ohne es böse zu meinen. Zum Beispiel auf Chirurgenpartys (Gruß an K, falls Du grade in der Klinik Notdienst schiebst und Dir die Zeit mit meinen Lesetips breit grinsend totschlagen kannst, weil zum Glück niemand eingeliefert wird!) oder buddhistischen Meditationszirkeln, die sich eh nur wundern, wie wenig Sinn die deutschen Intellektuellen für feinstoffliche Bewußtseinsebenen haben. Eine ganze esoterische Tradition geht hier den Bach runter – und ich weiß zumindest 1 weiteren hier neben mir, der DAS auch weiß!!!! Aber ich schwimme gerne in diesem immer breiter werdenden reißenden Strom, mal mit, mal gegen, es ist doch inzwischen völlig wurschtbrot, WASSER BLEIBT WASSER BLEIBT WASSER BLEIBT WASSER… und alles ist Pop und pöpper – alaaaaaaaaaaaaaaf!!! helauuuuuuu! Vorgestern hat sich jemand in meinem Bekanntenkreis suizidiert, DEM konnte KEIN Gedicht, KEIN EINZIGES VERDAMMTES SCHEISS GEDICHT helfen. Noch nichtmal ein schönes Video mit dem Zauber der Sonne auf dem Wasser. DER hat das Leben NICHT als „Märchen“ sondern als ALPTRAUM empfunden. Und DAS sind um keine einzige Ecke gedacht die ECHTEN Probleme der (deutschen) Lyrik (was wollte Ginsberg? Verdammt, was wollte er, was wollte Artaud, was will ein Thien Tran!!!!!), richtig fette echte Probleme!!! Ich habe mit einem Gedicht vor über 15 Jahren immerhin eine damals 15-jährige Sängerin einer Jugendpunkband durch meine Lesung in einem Jugendklub davor bewahrt, aufzugeben. Und scheisse nochmal, das soll kein Eigenlob sein, ich will hier nur BEISPIELE LIEFERN: BEISPIELE WIE BALLSPIELE !!!! Ich hab die ganze Tasche voller Beispiele, und ich bin nicht der einzige, aber ich gehöre zu den wenigen, die sich nicht zu schade sind, darüber zu REDEN. Schweigen kann ich auch noch später „wie ein Grab“ OHNE wie!!!

UND NUN FÜR HARTGESOTTENE, DIE „WEITERLESEN“ WOLLEN (ja doch, Gruß an Brinkmännchen: weitermachen, weitermachen, weitermachen, bitte bleiben sie nicht stehen, es gibt hier nichts zu sehen! fanta, cola, google, marl-boro, mal andre bon-ZEN, mal mal, mal mal, g-schichten türmen sich auf andere g-schichten wie schildkröten ohne panzer in der unendlichen weite des „des“… des was? des-dur? des-moll? schmoll…)

Weiterlesen

52. Unter dem Titel

„Grammatik der Sprachen von Babel“ wird eine Veranstaltung zum Thema Poesie und ihre Poetik in Gedicht und poetologischer Erzählung angekündigt. Johanna Schwedes, Norbert Lange, Jürgen Buchmann und Sophie Dethleffs bei Reinecke&Voß. Musik: Frank Hilpert, Sa 20.03. Beginn: 19.00 Uhr, Eintritt frei, Cafè Anton Hannes, Beethovenstraße 17

Über Jürgen Buchmann und Norbert Lange wurde jüngst berichtet, hier noch ein wenig aus der Werbeprosa des Verlages zu den beiden anderen:

Der sonore Ton von Johanna Schwedes entfaltet einen soghaften Reiz. Gedichte voller Melancholie aber auch voll feiner Komik, die selbst da absolut zeitgenössisch bleiben, wo von abgelegenen Dingen wie Hexen und Feen die Rede ist.

Wenn Klaus Groth der Goethe des niederdeutschen Sprachraums ist, dann ist Sophie Dethleffs dessen Wieland. Wie dieser wurde sie von ihrem unmittelbaren Nachfolger, der sich selbst eine Klassik erfand, an den Rand gedrängt und verunglimpft und ist deshalb heute weithin unbeachtet.

51. Nelly-Sachs-Ausstellung

Das Jüdische Museum Berlin eröffnet am 24. März eine Ausstellung über Leben und Werk der Dichterin Nelly Sachs. Die Ausstellung «Flucht und Verwandlung» würdigt die Nobelpreisträgerin anlässlich ihres 40. Todestages, wie das Jüdische Museum mitteilte. Es werden bisher unveröffentlichte Fotos, Manuskripte sowie Ton- und Bildaufnahmen gezeigt. / Berlin Online

50. Klerikal-Rambo

Mathilde Vietze hat Walter Mixa ein Gedicht gewidmet.

Mixa, das Sprachrohr der Reaktionäre tönt sehr laut,
damit endlich mal wieder die Presse auf ihn schaut.

Mehr

49. Vogel im Salat

Ganze Hochkulturen gingen unter in den großen Bränden der Antike. Doch die Tontafeln, auf denen die Sumerer ihre Keilschrift aufbewahrten, wurden in den Flammen nur noch härter. Gut 4000 Jahre alt sind einige der dadurch überlieferten Gedichte, die zwar kultisch-religiösen Zwecken dienten, doch im Ritual der Fruchtbarkeit auch explizite, exzessive Sexualsymbolik transportierten. Wenn der „Vogel“ im „Salat“ (oder der „Kresse“) wildert und das „Beet der Beine“ eine „Wässerung“ empfängt, ahnt man noch heute, was gemeint sein könnte. …

Die eigenen Gedichte Schrotts kommen der Triebkontrolle eines kultivierten Mitteleuropäers näher. / Hans-Günter Fischer, Mannheimer Morgen 9.3.

48. Wechsel in der Leitung des Lyrik Kabinetts – Dr. Maria Gazzetti nach München

Nach zwanzig intensiven Jahren zieht sich die Gründerin, Ursula Haeusgen, in den Vorstand der Stiftung zurück und übergibt die Leitung des Lyrik Kabinetts Dr. Maria Gazzetti. „Ich bin zufrieden und glücklich, dass sich alles so gefügt hat“, sagt Ursula Haeusgen. Sie schätze Maria Gazzetti sehr, ihre Liebe zur Literatur, ihre Begeisterung, Energie und Phantasie. „Ich bin überzeugt, sie ist die Richtige, der nicht ganz einfachen Vermittlung von Poesie noch einmal einen neuen und kräftigen Impuls zu geben“. Maria Gazzetti hatte nach 15-jähriger erfolgreicher Tätigkeit als Programmleiterin des Literaturhauses Frankfurt am Main letztes Jahr bekannt gegeben, ihren bis zum 30. Juni 2010 befristeten Vertrag nicht mehr zu verlängern. Sie beginnt ihre neue Aufgabe in München Ende dieses Jahres.

Zur Unterstützung des Lyrik Kabinetts hat sich auch ein neues siebenköpfiges Kuratorium konstituiert – zu seinem Vorsitzenden wurde Michael Krüger, zum stellvertretenden Vorsitzenden Christian Döring gewählt.

München, den 8. März 2010

Ursula Haeusgen

Stiftung Lyrik Kabinett
Lyrik-Bibliothek
Amalienstraße 83a
80799 München

47. American Life in Poetry: Column 259

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Wisconsin writer Freya Manfred is not only a fine poet but the daughter of the late Frederick Manfred, a distinguished novelist of the American west. Here is a lovely snapshot of her father, whom I cherished among my good friends.

Green Pear Tree in September

On a hill overlooking the Rock River
my father’s pear tree shimmers,
in perfect peace,
covered with hundreds of ripe pears
with pert tops, plump bottoms,
and long curved leaves.
Until the green-haloed tree
rose up and sang hello,
I had forgotten. . .
He planted it twelve years ago,
when he was seventy-three,
so that in September
he could stroll down
with the sound of the crickets
rising and falling around him,
and stand, naked to the waist,
slightly bent, sucking juice
from a ripe pear.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2003 by Freya Manfred. Her most recent book of poems is Swimming With A Hundred Year Old Snapping Turtle, Red Dragonfly Press, 2008. Poem reprinted from My Only Home, Red Dragonfly Press, 2003, by permission of Freya Manfred and the publisher.

Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

46. Zitieren

Aus einem Gedicht wird nie ein Maschinengewehr, aber genausowenig ist die Poesie ein geschütztes Reservat, selbst wenn ich denn mit Preisen und Stipendien überhäuft werde. Der Anspruch ist, das Niveau zu halten, und das schließt ein, dass ich meine Position hinterfrage. Welche Gedichte werden prämiert, welche Konventionen bestehen? Jedes Gedicht setzt sich einem Generalverdacht aus, weil Sicherheit nicht nur als Bedürfnis gilt, sie wird zur Gefahr, wenn man sich auf Positionen zurückzieht, die Sicherheit versprechen.

Norbert Lange, Das Geschriebene mit der Schreibhand. Aufsätze. Leipzig: Reinecke & Voß 2010, S. 36

Jedes Zitieren verpflanzt, und verfälscht somit. Und es gibt Richtiges im Falschen. Ich zitiere, also bin ich. Position.

Noch einmal Norbert Lange:

Niemand würde von einem Tischler erwarten, dass er mit seinem Tisch zum Weltgeschehen Stellung nimmt, oder von dem Jobber im Call-Center, dass er in den Haushalten politische Aufklärung betreibt. Warum eigentlich nicht?

45. Palpable explorations of womanhood

In honour of International Women’s Day, we’ve created a new PIW Archive Tour, with poems (by both men and women) which explore gender and celebrate women. The selection ranges from  Kazuko Shiraishi’s memories of her deceased mother to a Poetry Clip of Dorothy Porter’s ‘Trouble’ and a divorce poem by Israeli poet David Avidan. Poems by, among others, Ronelda Kamfer, Mallika Sengupta and Halyna Krouk are palpable explorations of womanhood as well as critical reflections on gender issues. / Lucy Pijnenburg, Poetry International Web

44. Stipendium für Röhnert

Der Autor Jan Volker Röhnert erhält das mit 12 000 Euro dotierte Harald-Gerlach-Literaturstipendium. Das Stipendium, das den Namen des 2001 gestorbenen Lyrikers, Schriftstellers und Bühnenautors Harald Gerlach trägt, wurde 2009 auf Initiative des Thüringer Literaturpreisträgers Ingo Schulze und der Literarischen Gesellschaft ins Leben gerufen. Röhnert debütierte 2001 mit dem Künstlerbuch „Fragment zum französischen Süden 1 & 2“. / SZ 3.3.

43. Hopkins‘ Erfindungen

Es grenzt an Tollkühnheit, wenn ein Verlag einen Band mit Journalen und Tagebüchern von Gerard Manley Hopkins, einem ebenso gerühmten wie zugleich unbekannten Dichter, vorlegt in einer Zeit, da alle Buchherstellung auf Verkauf sinnt. Hopkins (1844-1889) war ein Sonderling in seinem Leben wie in seinem Werk. Als Werk hat er seine Sprachspielereien, Sprachexperimente, Sprachforschungen und Gedichte ohnehin nie verstanden. Er machte sie denn auch zu Lebzeiten nur einem kleinen Freundeskreis bekannt. …

Die stets sich wandelnde Gestalt dieser Luftbildungen festzuhalten, ihr Changieren in Farbe und Gestalt zu beschreiben, erfindet Hopkins eine eigene Sprache, in der die Worte so wenig haltbar sind wie die Naturerscheinung selbst. Er entwirft ein Idiom, das die Grammatik nicht achtet, keine Wortgrenze, keine Kompositionsvorschriften kennt. Worte und Dinge zerfließen in eins. Die Schönheit der Wolkenszenarien reißt ihn so hin, dass sie nur wie stotternd beschrieben werden kann, die Augenweide, die er genießt, geht in Stammeln unter: „Nach sechs ein sehr mager-strukturierter und blasser Damm von Pferdeschwanz Wolken nach Nordosten und Südwesten, die Formation der Haare oder Fäden im rechten Winkel, und näher betrachtet wurde es erkennbar als gegliederte Zweige. Ebenso am Morgen blasse durchsichtige entballende weiß-rosa Wolke in Blau getränkt und bald schwindend.“ …

Hopkins‘ Übersetzung von Naturbeobachtungen in Dichtung noch einmal in eine Fremdsprache zu transponieren, scheint kaum möglich zu sein, ein Grund für die geringe Bekanntheit dieses Autors außerhalb Englands. Der Übersetzung von Peter Waterhouse ist das schier Unmögliche jedoch gelungen. / HANNELORE SCHLAFFER, SZ 2.3.

GERARD MANLEY HOPKINS: Journal. Aus dem Englischen von Peter Waterhouse. Verlag Jung und Jung, Salzburg 2009. 279 Seiten, 28 Euro.

GERARD MANLEY HOPKINS: Geliebtes Kind der Sprache, zweisprachige Ausgabe, aus dem Englischen übertragen und kommentiert von Dorothea Grünzweig, 299 Seiten, Klappbroschur, Edition Rugerup, Nimrod Förlag, Hörby (Schweden) 2009.

GERARD MANLEY HOPKINS: Auf dem Rückflug zur Erde, englisch und deutsch (gesprochen von George L. Low und Helmut Becker), Einführung von Dorothea Grünzweig, Cembalo-Kompositionen von Henry Purcell (gespielt von Peter Kofler), Hörbuch, CD und Booklet, Edition Rugerup, Lyrik Kabinett und INIGO Medien, München 2009.

42. Das Verblüffendste an Kling

Vergil, Horaz, Hölderlin, George, Trakl, Benn: „Man kann eigentlich gar nicht mehr überinterpretieren, man kann nur unterinterpretieren“, stöhnt Norbert Hummelt. Kling habe, so Peer Trilcke, seine Funktion darin gesehen, „das historische Gedächtnis einer Gesellschaft zu bewahren“, aber seine Gedichte breiteten Wissen nicht aus, sondern rissen es nur an. Grinsend verwischen sie die Fährten, die sie selbst legen. Diese Ambivalenz und Vielstimmigkeit sei, mahnte Markus May, das Wesen von Klings Gedichten, man müsse ihn als „den lustvollsten Spracherfinder, den wir in der Gegenwart haben“ verstehen. Für den selbsternannten „Sprachinstallateur“ sei, so Norbert Hummelt, die Sprache das erste „Ekstaseinstrument“, er schreibe daher „Sprachgeschichte als Stammesgeschichte“: „Persönliches verbirgt sich unter der Maske des Naturforschers, Archäologen, Historikers, Reporters.“ Noch die eigene Krebserkrankung habe Kling analytisch und sezierend verhandelt.

Doch das Verblüffendste – und für die Philologie Schwierigste – an Kling ist, dass, wer ihn laut liest, ihn durchaus versteht. / Michael Stallknecht, SZ 2.3.