79. Iranischer Dichter ausgezeichnet

Der Friedrich-Rückert-Preis, den die Stadt Coburg alle zwei Jahre vergibt, ist grundsätzlich keine politische Auszeichnung. Er steht, wie der diesjährige Preisträger Dr. Essmâ’il Cho’i gestern bei seiner Ehrung im Riesensaal von Schloss Ehrenburg sagte, für die Annäherung des christlich geprägten Westeuropas an die islamische Welt, für die Verständigung von Okzident und Orient. Trotzdem bekam der Festakt eine politische Dimension, als Essmâ’il Cho’i, einer der großen alten Herren der modernen iranischen Poesie und einer der letzten lebenden Repräsentanten der zweiten Blüte der persischen Lyrik, den Gästen aus Kultur, Wirtschaft, Politik und staatlicher Verwaltung sein Schicksal schilderte. / Wolfgang Braunschmidt, Neue Presse 17.5.

78. Poesiefestival in Marrakesch

In Marrakesch fand am 14. und 15.5. zum 5. Mal ein internationales Dichtertreffen statt. Es stand unter dem Motto „Die Poesie – eine universelle Brücke zwischen den Kulturen“. Dabei wirkten auch das Goethe-Institut und das Instituto Cervantes mit. Es gab auch einen Akzent auf „gewisse Dichter im Exil oder im Gefängnis“.

[Namen dieser gewissen Dichter fallen nicht. Auch über den deutschen oder spanischen Beitrag schweigt der Artikel. Die Website des Goethe-Instituts Marokko schweigt über das Festival und bringt lediglich halbwegs einschlägig einen Artikel über Herta Müller. Außerdem verweist sie auf einen Veranstaltungskalender in französischer Sprache, bei dem z.B. Oskar Pastior auftaucht, von dem eine französische Ausgabe präsentiert wurde. Aber der Kalender geht nur bis April.]

In einem Wettbewerb wurden junge Dichter zwischen 16 und 20 aufgerufen, Texte in den Sprachen Arabisch, Amazigh (Berbersprache) und Französisch einzureichen. Der Preis für Amazigh ging an Jamal Ennaciri, der für Arabisch an Boustane Chaimae und für Französisch an Jad. / aufaitmaroc 16.5.

77. Mit dem Bild bricht die Botschaft

Auch Krause, 1961, ist ein Demontierer. Seine Gedichte sind Bauwerke – aus Stilen und Farben und Anklängen. Fast mit dem Wort wechselt er den Gestus. Ganz so, als misstraue er den üblichen Lyrismen, dem Eingänglichen durchkomponierter Verse sowieso. Selbst dann, wenn er sich mit den strengen Gedichten Buonarottis beschäftigt hat: „Satansziege frisst die Reifen der Vollendung an …“ Wer da erwartet, er würde jetzt die Satansziege beim Reifenfressen sehen, der irrt. Mit dem Versbruch bricht auch das Bild: „Namen wie Missionen stromauf zu den Dörfern“. Und mit dem Bild bricht die Botschaft. …

Die Worte sind – je öfter benutzt, um so stärker – mit Bedeutungen beladen. Manche Worte sind die Mahnmale ihrer selbst geworden. Nicht nur das Wort Pforte. Man könnte aus moderner Dichtung ein ganzes Vokabelwerk machen, in dem sie gewürdigt werden, weil selbst die Dichter nicht mehr sehen, wie ehrwürdig sie sind, all diese: festgezurrt, Waldgrund, Nüstern und Klippen, grobschlächtig und kubisch, innewohnen und umwallen.

Das Ergebnis: Texte mit Ecken, Kanten, scharfen Wendungen und einem gepflegten Arbeitscharakter. Der Dichter lässt nicht nur beim Arbeiten zuschauen. Er fordert auch vom Leser Arbeit am Wort-Werk. Das ist dann also Entscheidungssache, ob man noch eine Stunde Arbeit mit Dieter Krause dransetzt. Oder sich doch lieber umsäuseln lässt von Ovid oder Buonarotti.  / Ralf Julke, Leipziger Internet-Zeitung 17.5.

Dieter Krause „Farbkammern“, Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2010, 12,95 Euro

76. Popikone Rimbaud

… Rimbaud besitzt auch 120 Jahre nach seinem Tod eine Faszination, die ihm längst den seltenen Rang eines geradezu universellen Phänomens von zeitloser Gültigkeit verschafft hat. Diese Bedeutung, die Rimbaud geradezu als den Archetyp heutiger Pop-Ikonen ausweist, denen er den Nachweis überzeitlicher Geltung jedoch uneinholbar voraus hat, dokumentiert sehr anschaulich die von Claude Jeancolas gestaltete Ausstellung „Rimbaudiana. L’éternité d’une icône“, die derzeit in Paris gezeigt wird. / JOHANNES WILLMS, SZ 12.5.

„Rimbaudiana. L’Eternité d’une icône“, bis 1. August. Galerie des bibliothèques, 22, rue Malher, Paris IV. Der Katalog kostet 39 Euro.

75. Petrarcapreis wieder da

Mit der Verleihung an Friederike Mayröcker im vergangenen Jahr ist der Hermann-Lenz-Preis aufgegeben worden. Er hatte zehn Jahre bestanden. Der Stifter des Preises, Hubert Burda, und die Jury (Peter Hamm, Peter Handke, Alfred Kolleritsch und Michael Krüger) vergeben nun wieder den vor fünfzehn Jahren ausgesetzten Petrarca-Preis, der in den Jahren 1975 bis 1995 an Lyriker wie Zbigniew Herbert, Jan Skácel, Tomas Tranströmer und Philippe Jaccottet vergeben worden war. Die Verleihung des neuen Petrarca-Preises wird zum ersten Mal im Juni auf Schloss Salem stattfinden. Die ersten beiden Preisträger sind der Franzose Pierre Michon und der Italiener Erri de Luca. / SZ 10.5.

74. Gestorben

Rane Arroyo, a poet and UT* creative writing professor, died May 7 of a cerebral hemorrhage.

“His death is a great tragedy and loss for poetry and Puerto Rican literature in the United States,” said Lawrence La Fountain-Stokes, a Latino studies and Spanish professor at the University of Michigan. / Toledo Free Press

*) University of Toledo, Ohio

73. Les Murray’s „collected words“


Les Murray
talks with Harriett Gilbert. (Audio from The Strand and BBC World Service)

72. Lyrik ist cool, Leute!

„Es besteht kein Zweifel, dass in unserer Zivilisation die Poesie die bei weitem verrufenste Kunst ist, die einzige Kunst, der der Durchschnittsbürger keinen Wert abgewinnen kann.“ Dieser Satz stammt nicht von einem überzeugten Lyrik-Hasser, sondern von George Orwell, der sich Anfang der 1940er Jahre redlich um die Vermittlung und Popularisierung englischsprachiger Lyrik über das Radio bemühte. Geändert haben solche Initiativen freilich wenig: Wer liest heute Gedichte, außer zwangsweise im Deutschunterricht? …

Weil der Nordstaatler Henry Wadsworth Longfellow 1848 kein einziges Gedicht des Südstaatlers Edgar Allan Poe in seine Lyrikanthologie „The Waif“ aufgenommen hatte, war Poe dermaßen fassungslos, dass er diese furiose Energie in sein berühmtestes Gedicht „The Raven“ (Der Rabe) steckte, eine Vokalsymphonie der besonderen Art. …

Es scheint, als wolle Baker die jahrtausendealte literarische Gattung Lyrik dem Publikum von heute auf dem Weg einer hippen, dennoch aber reflektierten und originellen Stillage zurückerobern. Lyrik ist cool, Leute! / Ernst Grabovszki, Ö1 16.5. über

Nicholson Baker, „Der Anthologist“, aus dem Englischen übersetzt von Matthias Göritz und Uda Strätling, C. H. Beck

71. Fest für Jaccottet

Mit einem Fest für Philippe Jaccottet begannen die diesjährigen Literaturtage (die noch bis Sonntag andauern). Der Dichter aus der Romandie, seit den fünfziger Jahren in Frankreich lebend, erhielt den Grossen Preis der Schweizerischen Schiller-Stiftung.

Drei Laudatoren, jeder in seiner Sprache, sangen Jaccottets Loblied: Pierre Chappuis auf Französisch, Fabio Pusterla auf Italienisch und Andreas Isenschmid auf Deutsch. Chappuis zollte dem um wenige Jahre Älteren Beifall mit einer poetischen Hommage, die aufzeigte, wie Jaccottet, unabhängig von Moden und Literaturbetrieb, einer «vérité première» auf der Spur war und ist, unter Verzicht auf jegliche Versuchung durch Rhetorik und Kunstfertigkeit, und mittels des Wortes – la parole – den Abgrund zwischen der Wirklichkeit und uns überbrücken will. Dies stets im Bewusstsein, dass sein Unterfangen unvollendbar ist. Pusterla (sein Text ist abgedruckt in der heutigen Beilage «Literatur und Kunst») schälte heraus, was Jaccottets Werk für die italienische Lyrik bedeutet: In der bleiernen Zeit der Nachkriegsjahre habe es die erloschene Hoffnung wiedergeweckt – trotz oder gerade dank einer vorsichtigen Skepsis gegenüber der Sprache. Und Isenschmid evoziert seine Jaccottet-Lektüren, die ihn seit 15 Jahren eine neue Art des Staunens lehrten. / Barbara Villiger, NZZ 15.5.

70. Briten in Berlin

Ein Zeitsprung, ein Milieuwechsel, eine radikal veränderte Atmosphäre: die Pension des Fräulein Schröder in der Berliner Nollendorfstraße, wo Christopher Isherwood sein Haupt niederlegte, sofern er zum Schlafen kann und nicht den angeblich so frischen deutschen Jungens aus den Vorstädten nachspürte, vorzugsweise Arbeiterkinder, freilich arbeitslos. Neben W. H. Auden, der Berlin als „the buggers daydream“ rühmte, gesellte sich Stephen Spender als der dritte zum englischen Poetenbund. Von ihm stammen die eindrucksvollen Sätze: „Sex mit der Arbeiterklasse hatte selbstverständlich politische Konnotationen. Auf diese Weise konnten politisch Linksorientierte das Gefühl erhalten, dass sie mit der Arbeiterklasse wirklich in engen Kontakt kamen“.

Es ist zu fürchten, dass Wolfgang Kemps Anmerkung zutrifft, dass dies keineswegs ironisch gemeint war. Mit dem gleichen Ernst diente Spender eineinhalb Jahrzehnte später dem „Kongress für kulturelle Freiheit“, der von Arthur Koestler als eine Sammlungsbewegung der antikommunistischen Intellektuellen des Westens gegründet wurde. Versöhnlicher stimmt der Witz, mit dem der geniale Auden seine Berliner Glückseligkeit in (holpernde) deutschen Gedichten pries: „Der ist ein schöne Junge / Er wohnt jetzt in Berlin / Wo ich in vier Monaten soll wieder kehren hin… Er hat zwei nette Eier / Ein fein Schwanz auch dazu / Wenn wir ins Bett uns legen / Dann gibt es da kein Ruh…“ / Klaus Harpprecht, Die Welt 15.5.

Foreign Affairs. Die Abenteuer einiger Engländer in Deutschland 1900-1947
Carl Hanser Verlag, München 2010. 384 Seiten, 24,90 Euro.

69. Großer Schillerpreis für Jaccottet

Philippe Jaccottet wurde mit dem Großen Preis der Schweizerischen Schillerstiftung 2010 geehrt. Jaccottet zählt zu den bedeutendsten Lyrikern französischer Sprache. Sein Werk umfasst Gedichte, lyrische Prosa, Essays zu Literatur und Kunst sowie zahlreiche Übersetzungen aus dem Griechischen (Homer), aus dem Deutschen (Hölderlin, Musil und andere) und aus dem Italienischen (Ungaretti, Cassola).

Der mit 30.000 Franken dotierte Große Preis der Schweizerischen Schillerstiftung wird etwa alle fünf Jahre vergeben. Philippe Jaccottet erhielt den Preis zum Auftakt der Solothurner Literaturtage. / buecher.at

68. Künftiger, duftiger Divan

Edition und Kommentar von Goethes „West-östlicher Divan“, die Hendrik Birus 1994 vorlegte, wurden sofort als Meilenstein der Philologie gefeiert. Birus befreite den 1819 erschienenen „Divan“ von späteren Zusätzen in der „Ausgabe letzter Hand“, der die meisten späteren Editionen folgten, und bot diese bereicherten Fassungen separat, dazu die handschriftlichen Vorfassungen, vor allem die in Wiesbaden 1815 entstandene, alle Vorabdrucke, Nachlass-Stücke und Exzerpte. Zusammen mit einer detaillierten Werk-Chronologie entstand so erstmals das Bild eines „work in progress“, einer nicht nur zu einem anderen Kulturkreis – dem persisch-islamischen Orient -, sondern auch für weitere Komplettierung offenen „Versammlung“ von Texten. „Versammlung“, die wörtliche Übersetzung von „Divan“, nicht eine mehr oder weniger geschlossene „zyklische“ Struktur wurde als Bauprinzip erkennbar.

Es wurde sichtbar, was Goethes schöne Formulierung vom „künftigen Divan“ eigentlich bezeichnete: eine duftig-schwebende, von irdischen Anlässen und strenger Gelehrsamkeit angeregte, endlos weiter anregende Poesie. Zum aufgefrischten äußeren Eindruck gehörte, dass Birus den Druckerschwärzestaub der allzu vielen Kommata und Interpunktionen späterer Editoren abbürstete. / Gustav Seibt, SZ 7.5.

Goethe: West-östlicher Divan. 2 Bde. Hrsg. v. H. Birus. Dt. Klassiker Verlag, Berlin 2010, 32 Euro

67. ‚Sieh mich an!‘

‚Sieh mich an! Sieh mich an! Schau nicht dort hin, da drüben gibt es nichts zu sehen! Sieh mich an! Siehst du mich an? Sehen mich alle an?’…

‚Sieh mich an! Sieh mich an! Schau nicht dort hin, da drüben gibt es nichts zu sehen! Sieh mich an! Siehst du mich an? Sehen mich alle an?‘ Nein, es ist kein hyperaktives Kind, dass die Hauptrolle in Beth Fultons Clip spielt – es ist das Fernsehen. Für ‚Television Is A Drug‘ nahm sie sich das Gedicht ‚Television‘ von Todd Alcott her, der selbst übrigens als Drehbuchautor arbeitet. / Annekatrin Liebisch, monstersandcritics

66. Breitbach-Preis für Michael Krüger

Der Dichter, Essayist und Herausgeber Michael Krüger (66) erhält den Joseph-Breitbach-Preis 2010. Der Lyriker habe mit seinen Gedichtbänden wie „Diderots Katze“ (1978) oder „Die Dronte“ (1985) an die großen Traditionen des 20. Jahrhunderts angeschlossen, teilte die Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur mit. Die gemeinsam von der Akademie und der Stiftung Joseph Breitbach verliehene Auszeichnung ist mit 50 000 Euro Preisgeld der höchstdotierte Literaturpreis in Deutschland. Er wird am 24. September in Koblenz verliehen. / Südwestpresse

65. Benyoëtz’ Sprachmagie

Eine provokante Wirkung auf manche Leser entfaltet, obgleich nicht so intendiert, möglicherweise Benyoëtz’ Auffassung von Sprache. Im Einklang mit der jüdischen Tradition gilt sie ihm als die Quelle der gesamten Schöpfung. Wie schon im Band Allerwegsdahin. Mein Weg als Jude und Israeli ins Deutsche (2001) zitiert er aus dem Midrasch, der rabbinischen Bibelauslegung, zum ersten Buch Mose: „Gott schaute in die Tora und schuf die Welt nach diesem Plan. Auch Gott muss sich am Buch orientieren“ und knüpft hier direkt an: „Sprache – das ist der Baum des Lebens, der über Nacht zum Baum der Erkenntnis auswuchs“ (S. 37). Das läuft jeder kruden Kommunikationstheorie zuwider, die Sprache zum bloßen Austauschmedium zwischen Sender und Empfänger reduziert, und die wohl eher dem intellektuellen Zeitgeist entspricht als Benyoëtz’ Sprachmagie. In Keine Worte zu verlieren (2007), der Festschrift zum 70. Geburtstag, weist Kurt Oesterle zu Recht darauf hin, „dass nicht nur die Religion das ‚verlorene Thema’ ist, sondern auch die Sprache, eine genaue und wahrhaftige…“ Der Aufgabe, „ihr zu ihrem wahren Sinn zu verhelfen und sie vor bloßer Bedeutungsträgerei zu schützen“, ist sich Benyoëtz wie kaum ein anderer Aphoristiker bewusst. / Tobias Grüterich, fixpoetry.com