Zwar hatte trotz alledem in den letzten zwanzig Jahren ein Fermentierungsprozess, eine gewisse Öffnung gegenüber Innovation und Modernisierung in der saudischen Literatur eingesetzt. Doch erst in allerjüngster Zeit zeitigt diese Entwicklung auch greifbare Resultate. Ghazi al-Qusaibi, Dichter, Diplomat und Minister der saudischen Regierung, sowie auch der liberale und reformorientierte Denker Turki al-Hamad wagten sich mit Romanen über die moderne arabische oder saudische Gesellschaft an die Öffentlichkeit, und mittlerweile ist zumindest arabischsprachigen Lesern ein rundes Dutzend saudischer Schriftstellernamen geläufig. / Fakhri Saleh, NZZ
Eine angenehme Spannung brachte der Abend auch mit der Darstellung der sorbisch-serbischen Literaturbeziehungen. Poet Kito Lorenz, vor zwei Jahren mit dem internationalen Poetenpreis »Goldener Schlüssel Smederevo«, einer Stadt bei Belgrad, ausgezeichnet, und die Dichterin Roza Domascyna, selbst Teilnehmerin dieses Poesiefestivals in Serbien, rezitierten ihre Gedichte sorbisch und deutsch. Sie waren auch in einer dreisprachigen Anthologie – sorbisch, deutsch und serbisch – vom vor zwei Jahren verstorbenen bekannten serbischen Dichter und Übersetzer deutscher Literatur Zlatko Krasnij und seinem Sohn Jan Krasnij übersetzt und herausgegeben worden. Jan Krasnij nahm in Bautzen die Gelegenheit wahr, über diese fruchtbaren sorbisch-serbischen Literaturbeziehungen zu sprechen und Gedichte von Lorenc und Domascyna in Serbisch zu rezitieren.
Den interessanten und begeisternden poetischen Reigen schloss der slowenische Verleger und Literat aus dem österreichischen Klagenfurt Lojze Wieser mit literarischen Leckerbissen in Dialekten seiner Muttersprache und in Deutsch. Der bekannte Verleger von Peter Handkes Büchern brachte auch eine von ihm herausgegebene Anthologie mit Gedichten von Kito Lorenc in Deutsch unter dem Titel »Erinnerungen an eine Nacht im Freien« mit. Wieser sprach gleichzeitig über die wichtige Rolle der Literatur für den Identitätserhalt nationaler Minderheiten sowie ihrer Muttersprachen und ermutigte sorbische Literaten, seiner großen Bücherreihe »Europa« Themen über die Sorben beizusteuern. / Alfons Lehmann, Lausitzer Rundschau
Wendelmuth spannt seine Lyrik klar und mit meist passender Betonung über den von ihm komponierten Musikteppich. Dass er auf Sperenzchen wie rollendes „R“ oder übertrieben tiefe Stimme verzichtet, mag manche Hörgewohnheit unterlaufen, letztlich verstärkt es die Wirkung der Texte. / Andreas König, Märkische Allgemeine
Vor mehr als 25 Jahren legte er aber Farben und Pinsel beiseite und konzentrierte seine kreativen Kräfte ganz aufs Schreiben. Dabei half und hilft ihm Gabriela. Ihren Platz hat Gabriela auf dem Schreibtisch, den der Frankfurter Dichter vom Vater geerbt hat. Gabriela, das ist eine graue, in die Jahre gekommene elektrische Schreibmaschine, an der Böhmer alle Gedichte tippt und noch mehrmals abtippt. Bis zu sieben Mal korrigiert und ändert er die Verse. Anhand der abgetippten Versionen kann er den Schaffens-Prozess verfolgen. Auf einem Computer schreibt er aus Prinzip nicht. Kreativität am PC kann der Lyriker sich nicht vorstellen.
Das jüngste Ergebnis seines Schaffens liegt auf dem Biergartentisch, der als Ablage dient: Knapp 150 Seiten umfasst der Gedichtband in Din-A-4-Format, dem Böhmer den Titel „Am Meer. An Land. Bei Mir.“ gegeben hat. Das Buch war noch nicht erschienen, als er eine Nachricht erhielt, die ihn „einigermaßen perplex“ machte: dass er den Hölty-Preis für Lyrik bekommt. Deutschlands höchstdotierte Auszeichnung für einen lebenden Dichter wird ihm im September verliehen. In der Begründung der Jury heißt es unter anderem, dass Böhmer „einzigartig in der zeitgenössischen deutschen Literaturlandschaft“ sei. Der Dichter macht kein Geheimnis daraus, dass ihm diese Ehrung gut tut. Er ist sieht aber auch ein Problem, das er mit einem Wort benennt: Eitelkeit. „Das ist äußerst gefährlich, sie verdummt“, sagt er in ruhigem Ton, „Beispiele gibt es genug“. /Canan Topçu, FR
Lesung mit Paulus Böhmer und Peter Heusch aus „Am Meer. An Land. Bei mir.“ , Dienstag, 14. September , in der Romanfabrik, Hanauer Landstraße 186. Einführung: Sascha Anderson. Beginn 20.30 Uhr.
Am Meer. An Land. Bei mir. Ostheim/Rhön, 2010
Das Gesamtwerk des portugiesischen Schriftstellers Fernando Pessoa (1888-1935) ist auf Deutsch im Amman Verlag erschienen. Nach dem Ende des Zürcher Verlags, der in der ersten Jahreshälfte sein letztes Programm vorgelegt hat, übernimmt der S. Fischer Verlag die Ausgabe. Auch wenn der jüngste Band „Genie und Wahnsinn“ zunächst als Schlusspunkt der Ausgabe gilt, hat Egon Ammann bereits Fortsetzungen angekündigt, die bei Fischer herauskommen werden: 2012 eine Sammlung mit theoretischen Texten zum Modernismus unter dem Titel „Sensationismus“, übersetzt von Steffen Dix; 2013 ein weiterer Gedicht-Band in der Übersetzung von Inés Koebel.
Jan Wagner bespricht den letzten Band in der FR.
Fernando Pessoa: Genie und Wahnsinn. Schriften zu einer intellektuellen Biographie. Aus dem Portugiesischen von Steffen Dix. Ammann Verlag, Zürich 2010, 448 Seiten, 39,95 Euro. fr
Es sind Zeilen, die unter die Haut gehen. Sie entstammen einer Zeitungsanzeige, die am Freitag in der Berliner Tageszeitung „B.Z.“ erschienen ist. Adressiert ist das achtstrophige Gedicht an den Killer von Alexandra Spohn († 19). Am 7. August 1990, also vor 20 Jahren, wurde sie bestialisch ermordet. / bild.de
Anfang der 90er hatten übrigens nicht nur alternative Spinner aus dem Osten (L&Poe #32) was für Lyrik übrig – die taz hatte eine hervorragende Serie zur Weltlyrik. Das ist lange vorbei. Heute gibts da Gedichte fast nur noch auf der (satirischen) Wahrheit-Seite. Gestern „Der Theaterdonnergott“ von Reinhard Umbach (über Rolf Hochhuth). Am 1.7. ein Gedicht von Kay Sokolowsky für Ror Wolf zum Geburtstag. Das ist nicht viel, doch alles.
(Und insofern die witzige Entsprechung zu den Jahreszeitengedichten des Merkur. Hier Gedichte mit Thema, dort mit Pointe, beides dient zur Entschuldigung für die Gedichte. Mit etwas Senf gehts halt immer!)
Ein poetisches Sommergedicht von Kagawa Kageki wurde in einem Kommentar dem Eintrag aus meiner Anthologie hinzugefügt:
«Radiokunst» ist eine Sparte, die innerhalb der öffentlichrechtlichen Sender einen Freiraum bietet für experimentelle Künstlerarbeiten zwischen Sprache, neuer Musik und konzeptuellen Sounds. Etwas weiter umfasst der Begriff der «Ars Acustica» auch Arbeiten, welche nicht notwendig an das Medium «Radio» gebunden sind, sondern etwa als Klanginstallationen figurieren. / NZZ 6.8.
20 Years EBU Ars Acustica, 2 CD (152 Min.),www.ebu.ch/arsacustica, zu beziehen bei kunstradio@kunstradio.at
Zehn Jahre ist Ernst Jandl nun tot. Die Lücke, die sein Ableben in die deutschsprachige Poesielandschaft riss, ist nicht überbrückbar. «nur den lesern bleibe ich», hatte er antizipiert, «noch ein weilchen dichterlich.» Dies trifft nicht nur auf die ständige Sprach- und Erkenntnisarbeit zu, die Jandl in steter Erneuerung seiner poetischen Ausdrucksmittel in expressiver Form vollzog, sondern auch auf den massiv virtuosen Vortragskünstler, den zu imitieren bisher kein Interpret wagte. / NZZ 6.8.
Ernst Jandl spricht: Eile mit Feile. 1 CD (76 Min.), Der Hörverlag 2010.
Ingeborg Bachmanns Prosa und Lyrik war der Schriftstellerin Brigitte Schwaiger, die Ende Juli leblos in der Neuen Donau in Wien treibend entdeckt worden ist, Stütze und Trost.
„Was wahr ist, streut nicht Sand in die Augen … / was wahr ist, rückt den Stein von deinem Grab“, so lautet das Post Scriptum, das Brigitte Schwaiger an den Schluss ihres letzten Werks, „Fallen lassen“, setzte – die Anfangszeile von Ingeborg Bachmanns Gedicht „Was wahr ist“. / Ö1
Ein Ort, der aus seinem Mythos Kräfte saugt: Czernowitz, ukrainisch Tscherniwzi. Dies sei die Stadt, schrieb man einst, «in der die Bürgersteige mit Rosensträuchern gefegt wurden und es mehr Buchhandlungen gab als Bäckereien». Als wolle man diese Worte für immer festhalten, hat Czernowitz den Rosenstrassenfegern ein Denkmal gesetzt: Die Hand eines Unsichtbaren fegt mit drei Rosen aus Bronze vor einer Hauswand das Pflaster. / Gerhard Gnauck, NZZ 6.8.
Jede Nation im Osten Europas kennt ihre postrevolutionären Frustrationen, doch nirgendwo sind sie so tief wie hier. «Wir sind wieder dort, wo wir standen, als ich vor dreissig Jahren angefangen habe zu schreiben», sagt Andruchowytsch, «auf der Etappe des Sowok.» Dieses Schimpfwort ist – wohlwollend – mit «Sowjetmensch» zu übersetzen. «Wir in Galizien haben es satt, der Sisyphus zu sein.» Andruchowytsch weiss nur einen radikalen Rat: Wenn die Russlandfreunde im Osten denn wollten, dann sollte man sie gehen lassen. Geht doch rüber, werdet die 84. Provinz Russlands, und lasst uns Europäer in Frieden leben! / NZZ 6.8.
Im Grunde waren wir ein Selbstverständigungsorgan: Wir haben geschrieben und gedruckt, was wir wollten. Wir fragten nicht danach, wen das wie stark interessierte. Wir druckten sogar Lyrik, in manchen Ausgaben auf zwei Seiten.
Wollte das jemand lesen?
Sicherlich nur sehr wenige. Aber wir haben es trotzdem gemacht, weil wir das richtig fanden: Endlich gab es mal Platz für etwas, das sonst kaum jemand zur Kenntnis nahm.
/ Torsten Schulz (gründete 1990 in Ostberlin die unabhängige Wochenzeitung „Der Anzeiger“), Gespräch taz 24.4.
„Die Lyriker dieser Welt lieben Jahreszeiten. Herbst, Winter, Frühling und Sommer haben ihre eigenen Färbungen, Stimmungen, Charaktere, die sich trefflich in Verse umschmieden lassen. Kein Poet von Rang hat sich das entgehen lassen, alle haben sie zum Genre der Jahreszeiten-Gedichte beigetragen. Also haben wir immer wieder jahreszeitliche Lyrik vorgestellt, und jedes Mal stießen wir bei Ihnen, den RM-Lesern, auf lebhafte Resonanz. In dieser Woche hat Andreas Öhler drei Lyrikseiten dem Sommer gewidmet, und wenn ich darauf hinweise, dass die Gedichte nicht nur die Schönheiten dieser Monate beschreiben, sondern auch deren Schattenseiten, ist damit nicht etwa der Schutz vor allzu hohen Temperaturen gemeint. Mehr auf den Seiten 7 bis 9″ / Rheinischer Merkur
Der Band «quellen» des Österreichers Ferdinand Schmatz bringt hundertsiebzig Seiten Gedichte in vielfältigen, freien Formen, darunter kürzere, meistens aber längere, einige gar sehr lang. Auf den ersten Blick (mit dem Auge) sind die in konsequenter Kleinschreibung gesetzten «Gesänge» kaum voneinander zu unterscheiden. Sie fügen sich zu einem manchmal engmaschig, manchmal grossräumig fliessenden Poem mit Wiederholungen, Variationen, Verweisen, Echos. Diese auch von weiter her: Hölderlin, Jandl, Mozart, Scelsi, Cage. …
Es geht ihm weder um den Urtext, noch um die Rückkehr zum Einfachen, Reinen, Einen, Wahren. Abstammung verstehen die Baum- und Gartenbewohner, die in seinen Gedichten einwachsen in das, was sie wachsen lassen, viel konkreter: «ab stamm macht es staunen uns an weisen / zu wiegen über den wiesen, was, nass / nur noch darunter, wo es uns wurmte».
Jede Metaphysik ist solch vegetativen Gedichten fern. Ja, es gibt wenig Lyrik heutzutage, die so vital und voller Lust und Witz ist: «als segel ein tuch / vom gaumen quer hin zur lust, / strudelnd vielleicht ab, auch das, / gestocktes lockend, zu fluss». Nicht um Bedeutungen geht es, sondern ums Spiel. Aber auch wiederum nicht um beliebige Wortspielerei, sondern um einen heiteren, bukolischen Tanz. / Samuel Moser, NZZ 20.7.
Ferdinand Schmatz: quellen. Gedichte. Haymon-Verlag, Innsbruck 2010. 170 S., Fr. 30.50
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