119. Camus und Char

Camus selbst war ein Mann von aufrechtem, freilich auch unbeugsamem Charakter. Der Kritiker eigener Schwächen und Fehler mass seine Zeitgenossen mit der gleichen Elle, was das intellektuelle Milieu von Paris gern hysterisch und mit Empörung quittierte. Ein einziger Schriftsteller von Format hielt dieser Prüfung stand, weil er von ähnlicher Wesensart war: René Char. Anfangs den Surrealisten verbunden, während der deutschen Besetzung im Widerstand engagiert, nach 1945 quer zu allen Moden ein Schöpfer von Wort und Klang mit starkem metaphysischem Anspruch – so trat er in Erscheinung, im eigentlichen Sinn: der Dichter. …

Der Beginn der Freundschaft datiert, wie die Korrespondenz ersichtlich macht, von 1946. Das Ende fällt mit Camus‘ Tod im Automobil von Michel Gallimard in den ersten Januartagen 1960 zusammen. Auf dem Schreibtisch des Hauses in Lourmarin ist damals ein Band mit Gedichten Chars aufgeschlagen. Kein zufälliges Zeichen der Sympathie – bei vielen Gelegenheiten tat Camus kund, dass er René Char für den grössten Dichter Frankreichs seit Apollinaire hielt. / Martin Meyer, NZZ 24.8.

Albert Camus – René Char: Correspondance 1946–1959. Gallimard, Paris 2010. 265 S., € 20.–.

118. Leistens Landschaften

Leisten will nach eigener Aussage nicht die Unterschiede von Kultur- und Gefühlswelten gegeneinander ausspielen, «sondern im Fremden das Eigene und im Eigenen das Fremde neu entdecken.»

Ineinander verflochtene Satzübergänge führen tief hinein in diese bewegenden Sprachlandschaften, die uns bis nach Rom oder Nordwestafrika mitnehmen – schließlich bis ans Ende des Lebens, das in diesem Poem aufscheint: «Was ein Glück, wenn wir uns noch erkennen im letzten Moment.» Und den schönen Satz enthält: «wir brauchen bilder, die sich in unsere Träume legen.» / Grit Schorn, Aachener Nachrichten

Am Samstag, 28. August, liest Christoph Leisten im Haus Löwenstein, Markt 39, aus seinem neuen Gedichtband «bis zur schwerelosigkeit». Die Lesung beginnt um 12 Uhr.

Christoph Leisten: «bis zur schwerelosigkeit», Gedichte. Rimbaud Verlag, 59 Seiten, 15 Euro.

117. Halters Bombe

Am 10. September erscheint auf dem Berliner Label Traumton Records das Debüt-Album von Schule der Unruhe, Jürg Halters neuer Band. Titel des Albums: la bombe.
Mehr hier: http://www.juerghalter.com
Hier sind vier ganze Songs von «la bombe» zu hören:http://www.myspace.com/schulederunruhe

116. Verborgene Seele

Wenn Alexandra Amort etwas erlebt, was sie irgendwie bewegt, dann setzt sie sich oft hin und schreibt. Am liebsten reimt die Riedlingerin dabei. Nun ist ein Gedichtband mit dem Titel „Empfindungen einer verborgenen Seele“ erschienen.

Die Gedichte zeigen der 30-Jährigen zufolge, wie sie die Welt erlebt „und wie ich sie mir manchmal wünsche“. Oft geht es um Abschied, Tod, Gott oder Engel. Es handle sich um „eine Gefühlsreise durch mein Leben“, berichtet Alexandra Amort. Sie leidet an Schizophrenie und am Asberger-Syndrom, einer leichteren Form von Autismus. / Augsburger Allgemeine

Der Gedichtband „Empfindungen einer verborgenen Seele“ von Alexandra Amort ist erschienen im Deutschen Lyrik Verlag in Aachen. ISBN 978-3-89514-962-7.

115. Fotos und Gedichte aus Litauen in Münster

Die eindringlichen Schwarz-Weiß-Fotografien aus Litauen sind zugleich Dokumente auch der jüngsten Zeitgeschichte des baltischen Staates. Am Mittwoch, 25. August, bietet das Stadtmuseum um 16 Uhr einen besonderen Rundgang durch diese Foto-Ausstellung an. Die Aufnahmen werden kontrastiert durch Gedichte litauischer Autoren wie Antanas Venclova, Sigitas Geda oder Ricardas Gavelis. Bilder und Worte geben einen intensiven Eindruck davon, was Menschen in der osteuropäischen Republik in den vergangenen 60 Jahren bewegt hat. / presse.service.de

114. American Life in Poetry: Column 283

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

I’ve read dozens of poems written about the events of September 11, 2001, but this one by Tony Gloeggler of New York City is the only one I’ve seen that addresses the good fortune of a survivor.

Five Years Later

My brother was on his way
to a dental appointment
when the second plane hit
four stories below the office
where he worked. He’s never
said anything about the guy
who took football bets, how
he liked to watch his secretary w
alk, the friends he ate lunch with,
all the funerals. Maybe, shamed
by his luck, he keeps quiet,
afraid someone might guess
how good he feels, breathing.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2009 by Tony Gloeggler, whose most recent book of poetry is The Last Lie, New York Quarterly Books, 2010. Poem reprinted from Paterson Literary Review, Issue 37, 2009/2010, by permission of Tony Gloeggler and the publisher.

Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

113. Benns Geliebte

Benns Geliebte waren Dichterinnen und Journalistinnen wie Erna Pinner, Gertrud Zenzes, Doris Hahn, Mopsa Sternheim oder Käthe von Porada. Sie waren Schauspielerinnen und Sängerinnen wie Ellen Overgaard, Lili Breda, Elinor Büller oder Tilly Wedekind. Allerdings bekennt er 1926: „Mit der Liebe ist es nicht mehr weit her, es vergehen Wochen und Monate ohne Abenteuer und dann waren sie nachher doof.“ Der Gedichtentwurf „Liebe von 1952“ beginnt mit den Worten: „Liebe – / dies Wort wollen wir gar nicht in die Diskussion werfen / ich bleibe ja doch in mir allein / aber ich sehe dich gern an / ich fühle dich gern an / ich esse gerne mit dir / wir sprechen so freundschaftlich mit einander / sind den ganzen Tag auf einer zärtlichen Ebene ach – morgen / weisst du was davon.“ / Joachim Dyck, Tagesspiegel

112. Siebenbürgische Elegien

Der Sammelband besteht aus zwei Teilen, in acht bzw. zehn Kapitel gegliedert, mit Titeln wie „Transsylvanische Todesarten“, „Abschiedsschwere“, „Die Kunst der Wiederkehr“, „Exil“, „Siebenbürgisches Requiem“, „Erinnerung und Mutters Sprache“, „Rote Zeit – Tote Zeit“ etc. Es ist der Versuch, die Vielzahl der Gedichte der 44 Autoren thematisch zu ordnen. Die Texte sind in deutscher, rumänischer, ungarischer Sprache sowie in sächsischer Mundart und in der Mundart der Roma verfasst. Alle Gedichte sind aus der jeweiligen Muttersprache ins Deutsche oder Rumänische übertragen, Schlesaks Gedichte von Cosmin Dragoste und Andrei Zanca. Einige Beispiele seien hier genannt und Schlesaks Eingangsgedicht „Schwach nur“ auszugsweise zitiert: „Schwach nur / ein Echo/ von Nirgendwo// Der Auszug// Geschwärzte Chroniken leuchten/ In Museen// Von Westen her täuschend/ Ein Licht, gekonnte/ Sonnenuntergänge/ Rot/ Freizeit Ferienfreude Und/ Zweihundertfünfzig Sorten Brot// (…) Schön dieses Mutter/ Land// Woher wir kamen/ Vor fast tausend Jahren/ Dort kommen wir wieder an/ Mit Grabsteinen im Gepäck.“

Die teilweise trügerischen Verlockungen des Westens und die Untergangsstimmung der Exilanten werden hier in wenigen Worten bildhaft beschworen. In der sächsischen Fassung lauten die Verse: „Schwach/ Nor an Echo/ (hier fehlt leider die entsprechende Zeile der deutschen Fassung)// Der Auszach// (…) Wohär mar kaamen/ Vur fast tausend Johren/ Do kun mar wedder un/ Mät Grawstienen/ äm Gepäck.“ …

Einige von Schlesaks Texten sind schon in dem Gedichtband „Weiße Gegend – Fühlt die Gewalt in diesem Traum“ 1981 im Rowohlt-Verlag erschienen, werden in der vorliegenden Ausgabe um weitere Strophen ergänzt, z. T. mit verändertem Druckbild, darunter „Deutsch in Transsylvanien“ und „Von Nachgeborenen“, nicht zuletzt die Erinnerung „Für O.P.“: „Ossi isst auf russisch sein Gesicht auf/ Dann schwimmts richtig konturlos zu den harten Kernen./ Er isst Naturgesetze auf.“ Darin wird die Rolle des Essens für den in Russland hungernden Oskar Pastior lange vor Herta Müllers „Atemschaukel“ thematisiert. Auch dieses Gedicht wird nach dem Tod des Freundes mit einer zweiten Strophe zum Epitaph, das sein Weiterleben in den Gedichten apostrophiert: „Er starb plötzlich. Er starb unerwartet./ (…)/ Er starb lautlos kurz vor dem Auftritt/ mit Laut Gedichten./ (…)/ Der Tod holte ihn/ vom Schreibtisch. Gedichte blieben dort liegen./ Sie sind seine Stimme. Solange wir leben/ hören wir seine Gedichte mit seiner Stimme.“

Außer Schlesaks Gedichten kommen nur wenige deutsch schreibende Dichter zu Wort: Carmen Elisabeth Puchianu, Christel Ungar und Joachim Wittstock. Die überwiegende Mehrheit der Gedichte stammt von rumänischen Autoren, ein paar von ungarischen (Martha Iszak, Géza Szöcs, Zsófia Balla), eines („Jahreszeit in Hermannstadt“) von Luminiţa Mihai-Cioaba ist in Romanes geschrieben, von ihr ins Rumänische übersetzt und ins Deutsche gebracht von Beatrice Ungar: „Anotimpo ando Sibio“ („Anotimp in Sibiu“/ „Jahreszeit in Hermannstadt“). Ein kurzer Ausschnitt soll die Poesie des Romanes illustrieren: „Akharal ma o Sibio ande reat/ Pe la droma cinora pherde divanuri“ (= Mă cheamă Sibiul în noapte/ Pe străzile înguste şi pline de soapte = „Ruft mich Hermannstadt in der Nacht/ In die engen Gassen voller Flüstern.“) / Konrad Wellmann, Siebenbürgische Zeitung

Dieter Schlesak: „Transilvania mon amour. Siebenbürgische Elegien/ Elegii ardelene“, Editura hora Verlag, Hermannstadt 2009, 376 Seiten, ISBN 978-973-8226-82-1, Preis: 17 Euro (56 Lei).

111. Intelligenz

… schon die Frage „Was ist Intelligenz?“ ist nicht ganz einfach zu beantworten. Einer userin, die mich fragte, antwortete ich: – Intelligenz, du wirst damit geboren, Jennifer. Wenn die Eindrücke in dich hineinpurzeln, wenn du darauf mit einem Schwall von Ideen antwortest, und wenn du auf einen Klumpen total neuer Dinge triffst und du in sie eindringst, mühelos, wie ein heisses Messer in die kalte Butter, dann, Jennifer, hast du Intelligenz.

… quälend allerdings ist es für helle Geister (Glück ist die Geschwindigkeit des Denkens, Nietzsche), sich mit solchen Menschen auszutauschen, die von der Natur eher stiefmütterlich ausgestattet sind. Sie haben dann wenig Neugier, ihr Denkvermögen ist schwergängig (nicht bergfreudig), ihr Gedächtnis lahmt, Kombinationsgabe ist nur schwach ausgebildet, Vorstellungskraft und Pfadfindermut auf verschlungenen geistigen Wegen, – sie fehlen ihnen. – Es tut regelrecht weh, wenn du (und nicht die/der andere) ihn hüpfen und leuchten siehst, den springenden Punkt. Und du hast keinen, der dein Aha-Erlebnis teilt. – – Übrigens – ebenso wie eine hohe Empfindlichkeit für alle Phänomene der sinnlichen Welt (zu hören, zu schmecken, zu sehen, zu riechen, zu ertasten) kann auch eine überragende Intelligenz das soziale Leben komplizierter machen.

/ Wilhelm Fink, Hamburg

110. Eggers Hausbuch

Dieses opulente Buch braucht Zeit, immer wieder. Man sollte es auf dem Tisch liegen haben und bei Lust und Laune hineinschauen, ob am Anfang, gegen Schluss oder in der Mitte. So würde es ein Hausbuch, wie der Autor es am liebsten sieht. Man hätte einen Hausgenossen, der einen mit Klängen aller Art versorgt, splitternden und voll tönenden, mit Bildern wie «Augenblicksgötter», mit kleinen Berichten, sperrig wie Alpensagen. Obwohl das Buch in Wien, Berlin und anderen Metropolen entstanden ist, spürt man ihm eine ländlich-alpine Herkunft an. Alte Wörter wie «schwenden» und «worfeln» deuten darauf hin, minuziöse Natur- und Jahreszeitenstudien aus Feld, Wald, Rebhängen, Flüssen, Gebirgen. Oswald Egger, 1963 geboren, ist in Südtirol aufgewachsen und hat jahrelang in Lana gewirkt, bevor er auf Reisen ging und sich in Wien niederliess. …

Oswald Egger erschliesst sprachliches Neuland wie einst die Romantiker. Wie sie liebt er urtümliche Lautungen. Er ist ihnen auf ganz moderne Weise verwandt. / Beatrice von Matt, NZZ 19.8.

Oswald Egger: Die ganze Zeit. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2010. 742 S., Fr. 72.50.

109. Mundart und Hochsprache

Lina Stöhr (1872 – 1938) ist eine „anerkannte Mundartautorin“, schreibt die Zeitung. In ihrem Geburtsort Faurndau ist eine Straße nach ihr benannt. Manchmal schrieb sie auch Hochdeutsch. 1933 veröffentlichte sie das Gedicht „Frauen heraus“:

„Höret unsres Heldenführers Ruf“ ist eine Formulierung, die sich vielleicht noch mit der anfänglichen Verehrung Hitlers gerade von durchaus auch emanzipierten Frauen erklären lässt. Sie schreibt aber auch von „Deutschem Wesen und deutschem Sinn“ und wörtlich: „Haltet sauber das deutsche Haus“ und fährt fort: „Hinaus jedes unsaubre Element, das fälschlich einen Deutschen sich nennt“. / Südwestpresse

108. Machen Sie es nicht kaputt, Herr Schlingensief

Die Berliner Morgenpost zitiert Christoph Schlingensief über seinen Besuch bei Angela Merkel im Kanzleramt:

Das war erschreckend. Da sitzen ihr Henning Mankell und Tilda Swinton beim Kaffeetrinken gegenüber, und sie stellt keine Fragen. Da wird nur gefragt, ob man noch ein Stückchen Kuchen möchte. Im Büro zeigte sie uns so eine potthässliche Marmorplatte mit Kamelen an der Tränke, die ihr irgendein Ölscheich geschenkt hatte. Das mussten wir uns alle angucken. Und als ich mal auf das Adenauer-Porträt von Kokoschka zuging, was wirklich ein schönes Bild ist, dann sagte sie nur: „Ja, aber machen Sie es nicht kaputt, Herr Schlingensief, ha, ha, ha.“ Mankell, Tilda und Wayne Wang haben hinterher unabhängig voneinander gefragt: „Ist die immer so?“

Christoph Schlingensief starb im Alter von 49 Jahren an Krebs.

107. Konkret

Wer jemals eine Lesung von Ernst Jandl besucht hat, weiß, dass seine Texte erst dann ihre ganze Wirkung entfalten, wenn sie vom Autor vorgetragen werden. Nicht nur, dass seine Stimme die Vokale modulierte und die Konsonanten krachen ließ – mit entsprechenden Folgen für die Mimik, nein, Jandl trug auch mit seinem ganzen Körper vor: expressive Handgesten, rudernde Arme, ein sich wiegender Oberkörper. Ein veritables Schauspiel also, das Jandls konkrete Poesie im wahrsten Wortsinne zu Leben erweckte. / Uwe Schütte, Wiener Zeitung 21.8.

Ernst Jandl: Das Öffnen und Schließen des Mundes, Poetikvorlesungen. DVD. Filmedition Suhrkamp, Berlin 2010, 30,80 Euro.

106. Gefallene Wort-Engel

Die österreichische Lyrikerin Cvetka Lipus betrachtet ihr Leben und die Welt – mit Wehmut, zarten Metaphern und Ironie.

Wird das Glück belagert, geschieht das in der Hoffnung, es einmal erobern zu können. Vor allem aber im Glauben, dass es das Glück überhaupt gibt. Wie beschaffen sind Glück und Belagerung, so beide aus dem Zauberland der Lyrik stammen?

Erste Aufschlüsse geben die Gedichtanfänge: „Idylle am Horizont, alter Trick, der nicht zieht“. „Das halb verheilte Gespräch verlangt nach Bestechung“. „Hier sind die Koordinaten Bestand und Verfall“. „Wilde Wüste mit Haut verklebt“. „Gefallene Wort-Engel irren umher zwischen“… / David Axmann, Wiener Zeitung

Cvetka Lipuš: Belagerung des Glücks, Gedichte. Aus dem Slowenischen von Klaus Detlef Olof. Drava Verlag, Klagenfurt/Wien 2010, 80 Seiten, 17,80 Euro.

105. Schweigen im Wal

Drum sag ich ab sofort, statt blöd durch die Dunkelheit zu sprinten, lieber ein Gedicht von Goethe zügig auf: „Über allen Gipfeln / Ist Ruh, / In allen Wipfeln / Spürest du / Kaum einen Hauch; / Die Vögelein schweigen im Wal.“ Ein Wal ist im Gebirge gestrandet und hat die Vogerln g’fressen? Ja. Weil bis zum „-de“ bin ich nimmer gekommen. / Claudia Aigner, Wiener Zeitung