„Der Klabund ist ein überaus buntfarbiger Kugelkäfer, dem seine natürliche Buntheit noch nicht genügt. Wo immer er was Farbiges findet, rollt er sich darin herum, so lange, bis er auf seinen kleinen Stacheln einiges davon aufgespießt hat, was ihn noch bunter erscheinen lässt, als er ist.“ So beschrieb Franz Blei den Schriftsteller- Kollegen, der in der Weimarer Republik in aller Munde war. Der schillernde Käfer hieß eigentlich Alfred Henschke. Mit Anfang 20 brach der Apothekersohn aus Crossen sein Studium ab und legte sich das Pseudonym Klabund zu – eine Mischung aus Klabautermann und Vagabund. / wdr ZeitZeichen
Lesung mit Horst Samson (Lyrik), Irmgard M. Ostermann (Prosa) und Ursula Teicher-Maier (Lyrik)
Eintritt: 5,–
Casablanca
7.11. 16.00 Uhr
| VERANSTALTUNGSORT | |
| Casablanca Adalbertstraße 36a 60486 Frankfurt – Bockenheim |
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| Telefax: | 069/7077548 |
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(Der Stadtteil muß Belebung sehr nötig haben, daß sie sich zwei Lyriker kommen lassen. Respekt – und Salute bzw. fröhliches Wandeln)
Dem 1933 in Lemgo geborenen Schriftsteller selbst sind in seinem Werk dagegen die Gedichte das Wichtigste. Sie erscheinen immer wieder in deutschsprachigen Anthologien, werden aber ansonsten kaum zur Kenntnis genommen. Ein Schicksal, das sie mit den Gedichten vieler anderer Autoren teilen. Nun hat Eckart Kleßmann eine Biografie über Matthias Claudius veröffentlicht sowie den bibliophilen Band „Abschiede, wolkenleicht“, in dem der Autor seine eigenen Gedichte versammelt hat. / Annemarie Stoltenberg, NDR
Abschiede – wolkenleicht
Kleßmann, Eckart
TvR Medienverlag Jena
12,90 €
Es geht, bis auf Franz Hessels schönes Herbstgedicht ‚Rotes Laub‘, um die Gedichte anderer Autoren. Stéphane Hessel rezitiert sie auswendig. Gedichte auswendig lernen? Das kann ein Instrument schwarzer Pädagogik sein oder eine brav vollzogene Übung. Beim 93jährigen Stéphane Hessel, der in Berlin, wo er 1917 geboren wurde, sein neues Buch ‚Ô ma mémoire‘ (Grupello-Verlag, Düsseldorf) vorstellte, ist es anders. Im Buch erklärt er das am Unterschied der Redewendungen: ‚Auswendig lernen‘ macht aus der Sache ein fleißakrobatisches Kunststück. Im englischen ‚learn by heart‘ oder im französischen ‚apprendre par coeur‘ – der zweiten und dritten Sprache Hessels – ist Gedichte lernen als bloße Mechanik nicht denkbar. In den KZs von Rottleberode und Buchenwald, in die Hessel als Widerstandskämpfer kam, lebte er mit Edgar Allen Poes ‚The Raven‘ und Paul Valérys ‚Le Cimetière marin‘. Es sind Gedichte, in denen von Büchern die Rede ist – die im KZ nicht zur Verfügung standen. Hessel trug in Buchenwald Gedichte von Hölderlin vor, während dessen patriotische Hymnen von den Nazis als gewalttätiger Nationalismus interpretiert wurden. / HANS-PETER KUNISCH, SZ 25.10.
Geladen war Rowohlt – nach Ingo Schulze, Uwe Tellkamp und Hertha [ein h zuviel, MG] Müller in den Vorjahren – als Übersetzer belletristischer Texte aus dem angloamerikanischen Raum. Mit aktuell 166 übersetzten Büchern gehört er zu den Fleißigsten und Produktivsten seiner Zunft, wobei die Breite der Genres erstaunt. Sie reicht von A. A. Milne, dem Erfinder von „Pu, der Bär“, über seinen kauzigen Leib-und-Magen-Autor Flann O’Brien bis hin zu F. Scott Fitzgerald, Kurt Vonnegut, Padget Powell und Frank McCourt, dessen Welterfolg „Die Asche meiner Mutter“ er ins Deutsche übertrug.
Rowohlt bot im vollbesetzten, bald wogend vergnügten Festsaal des Alten Leipziger Rathauses Einblicke in die Werkstatt des Nachdichtens und Selberdichtens. Im Zuge der Übersetzertätigkeit sei er ein „Notpoet“, bekannte er. Und zwar nicht im Sinne eines zwanghaft lyrischen Menschen, der jedem morgens vor dem Fenster vorbeiflatternden Vogel hinterher dichtet, sondern gleichsam als bodenständiger Problemlöser, der es beim Übertragen von Erzählwerken regelmäßig auch mit dichterischen Zeilen zu tun bekommt und der es sich zur Aufgabe macht, seinen Lesern „ordentliche Lyrik“ zu liefern. Deutlich fällt sein Bekenntnis zur traditionellen lyrischen Form aus, wobei sich dabei Ironie und persönliche Vorliebe durchdringen. „Ordentliche Lyrik“ sei für ihn die, „die sich rechts hinten reimt“. / Ralph Gambihler, Freie Presse
Majakowski ist zuerst ein Gesicht, eine Gestalt ohne Maß. Man betrachte die Bilder Rodtschenkos oder Schklowskis: Koloß der Jugendlichkeit, harter Schädel und weiche Lippen, ein düsterer Blick über den Horizont hinaus, eine überspitzte Eleganz. Dandypoet, Futurist und Kommunist. … Wladimir Majakowski hat den Tod gewählt, vielleicht aus Liebeskummer. Er war knapp 37. 15 Jahre früher hatte er geschrieben: „Immer öfter denke ich: / Wär’s nicht gescheiter / auf die Stirn einen Schlußpunkt mit Blei zu setzen“*. Das war nicht nach Stalins Geschmack. Der Sowjetherrschaft gefiel es, ihre besten Dichter zu verfolgen oder zu vernichten: Jessenin, Blok, Achmatowa, Zwetajewa… Trotzdem wurde er bis zur Auflösung der Sowjetunion der offizielle Dichter des kommunistischen Reichs. Das war sein zweiter Tod. / Thierry Clermont, Le Figaro 28.10.
La Vie en jeu, une biographie de Vladimir Maïakovski de Bengt Jangfeldt, traduit du suédois par Rémi Cassaigne, Albin Michel, 590 p., 25 €.
| Euer Traum
im Hirn ist verweichlicht bereits, In meiner Seele fand sich von grauen Haaren kein Schimmer, |
Вашу мысль
мечтающую на размягченном мозгу, У меня в душе ни одного седого волоса, |
(aus dem Prolog von Wölkchen** in Hosen, Übersetzung von Alexander Nitzberg) (zitiert bei Wikipedia)
*) aus dem Prolog des Poems „Die Wirbelsäulenflöte“, in: Wladimir Majakowski: Wolke in Hosen. Deutsch von A. E. Thoß. Berlin: Volk und Welt 1949, S. 11
**) Freilich Облако heißt Wolke: warum Wölkchen wie in der Fernsehwerbung?
Dienstag, 2. November 2010 – 21 Uhr
Villa Elisabeth, Invalidenstr. 3, Berlin
Eintritt frei
„Warum denk ich stets, ich trinke mich in deine Richtung? Es könnte ja auch sein, ich trink mich von dir weg!“ Am Ende langer Abende kommen in dunklen Lokalen Grund- und Lebensfragen auf. In diesen Situationen hilft nicht mehr viel weiter, eines aber hilft immer: ein Lied für die nächste und letzte und immer nächste letzte Runde.
„O Pomerol! O Pomery! Wie soll ich weiterleben? Wie?“ Die Dichter und Komponisten der Liedertafel widmen sich am 2. November finalen Experimental-Chansons und süchtigen Kunstliedern, auch für stumme Sänger.
Mit Franz Tröger, Bo Wiget, Christian Filips und Monika Rinck
(gefunden im roughblog)
Die alten Ägypter hatten die Sonne und den Fluß:
Die Liebe der Schwester ist auf jener Seite.‘
Es ist der Fluß dazwischen.
Krokodile liegen auf der Sandbank.
Ich steige herab zum Wasser.
(Liebe sagen. Gedichte aus dem ägyptischen Altertum. Leipzig: Reclam 1973, S. 45)
Die Inka die Sonne und den Mais:
Sonne mein! Es lodert
das prächtige Gold deines Haars,
hat unsere Maisfelder umhüllt!
(Ketschua-Lyrik. Leipzig: Reclam 1982, S. 85)
Die Chippewa im wasserreichen Minnesota ihr Kanu:
In her canoe I see her,
Maiden of my delighted eyes.
I see in the rippling of the water
The trailing light slipped from her paddle blade.
A signal sent to me.
Ah, maiden of my desire,
Give me a place in thy canoe
…
Translated by Frances Densmore, with assistance from Robert Higheagle, as it appears in „Where One Voice Ends Another Begins: 150 Years of Minnesota Poetry,“ published by MHS Press. Vollständig hier, Marianne Combs, MPR News
Gedichtbände erscheinen in der Regel in einer Auflage von 100 bis 1000 Exemplaren, nach einer Umfrage aus dem Jahr 2005 hat jeder zweite Deutsche mit Lyrik wenig im Sinn und Geld verdienen lässt sich mit Poesie ohnehin nicht – nach Angaben des Börsenblattes des Deutschen Buchhandels gingen im Jahr 2009 nur 1,2 Prozent des Gesamtumsatzes in Deutschland im Bereich der Belletristik auf Lyrik und Dramatik zurück. Für viele Menschen ist Lyrik offenbar immer noch ein „Spielball durchgeknallter Eigenbrötler“, wie es die Literaturkritikerin Dorothea von Törne kürzlich nannte.
Tatsächlich ist das aber nur die eine Seite der Medaille. Während die Gedichtbände oft wie Blei in den Regalen der Buchhändler liegen, erfreuen sich inszenierte Lyrikabende, Lesungen, Aufführungen nach wie vor großer Beliebtheit. Und das liegt nicht allein an dem Phänomen Poetry Slam. Ein Stück weit folgt das Konstanzer Kulturbüro jetzt diesem Trend, wenn es vom 19. bis 24. November das erste Konstanzer Poesiefestival „dichter dran. Auf den Versen junger Lyrik“ ausrichtet. „Wir wollen die große Bandbreite der gegenwärtigen Lyrik zeigen“, sagt Angelika Braumann, Leiterin des Kulturbüros. …
„Wir wollen der Lyrik die Chance geben, aus ihrem sonst üblichen Schattendasein herauszutreten“, sagt Braumann und hat mit ihrem Team mehr als 20 Autorinnen und Autoren eingeladen, um in Konstanz an sechs Abenden zu lesen und sich auch auszutauschen. Die junge Lyrik soll dabei im Mittelpunkt stehen, wobei die Macher jung nicht an das Alter der Autoren binden, sondern im Sinne von „frisch und zeitgeistig“ verstehen wollen.
Auch der Literaturwissenschaftler Klaus Oettinger hat den Unterschied zwischen ausverkauften Leseabenden und unverkauften Gedichtbänden beobachtet. Er sieht das nicht als Widerspruch, sondern nur als Konsequenz aus dem Verhalten des Publikums, das Aufführungen mehr schätzt als stille Lektüre. Oettinger stellt lakonisch fest: „Früher gab es Verse, die hat man einmal gehört und nie wieder vergessen. Heute behält man eher den vortragenden Typen in Erinnerung als den Inhalt des Textes.“*) Der Konstanzer Professor beschäftigt sich schon lange mit der Lyrik. Anders als noch vor Jahren gebe es heute keine Gruppen oder klar zu umreißende Strömungen mehr. Dichter wie Durs Grünbein seien Einzelkünstler, „gewissermaßen Unikate“, so Oettinger*). / MICHAEL LÜNSTROTH, Südkurier 26.10.
*) Na wenns der Professor sagt…
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
It’s a rare occasion when I find dozens of poems by just one poet that I’d like to share with you, but Joyce Sutphen, who lives in Minnesota, is someone who writes that well, with that kind of appeal. Here is just one example. How many of us have marveled at how well our parents have succeeded at a long marriage?
The Exam
It is mid-October. The trees are in
their autumnal glory (red, yellow-green,
orange) outside the classroom where students
take the mid-term, sniffling softly as if
identifying lines from Blake or Keats
was such sweet sorrow, summoned up in words
they never saw before. I am thinking
of my parents, of the six decades they’ve
been together, of the thirty thousand
meals they’ve eaten in the kitchen, of the
more than twenty thousand nights they’ve slept
under the same roof. I am wondering
who could have fashioned the test that would have
predicted this success? Who could have known?
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2010 by Joyce Sutphen, whose most recent book of poetry is First Words, Red Dragonfly Press, 2010. Poem reprinted by permission of Joyce Sutphen. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
hier sind schatten gegangen
(endliche gäste)
hier liegen schatten
(stillgelegte körper)
hier stehen lichter
(die rot aufleuchten)
als hätte die zeit
etwas aus
gebremst
„Dieser Dichter-Kumpel mit einem bitteren Herzen, der mehrere Leben hat“ (Dieter Schlesak) …
Seit 41 Jahren lebt der Schriftsteller in Köln, in der Bundesrepublik Deutschland, die er in seinem zweiten Gedichtband „Neue Heimat BRD oder Spätheimkehr nach 1000 Jahren“ in der Manuskripte-Reihe des Gauke-Verlags als Nummer 66 gehörig zauste. Das war im Namen der neu gewonnenen Freiheit, die sich der junge Poet in Bukarest und Kronstadt zuvor nicht ähnlich leisten konnte. Er war nicht in den Westen gekommen, um sich hier als Hilfe Suchender abspeisen zu lassen, so das Motto. Auch heute lässt er dies nicht zu. Er meldet sich, lautstark und unüberhörbar, wenn es um Ereignisse geht, die – nach seiner festen Überzeugung und aufgrund seiner Lebenserfahrung – so nicht geschehen sind/sein können. Da hält er mit seiner Kritik nicht zurück, spricht oft gegen den Wind, über Fakten, die er kennt, ob dies genehm ist oder nicht.
Brantsch gehört, wenn man Dieter Schlesaks Vorwort zum zweiten Gedichtband des Autors liest, zu den „Lebens- und Überlebenskünstler(n) mit Wort, Witz und Phantasie, ihre historische Erfahrung von der Kleinheit des Menschen und der Eitelkeit der Welt nützend, um die Tragik, ein Mensch zu sein, zu überwinden.“ Wichtiger erscheint mir, dass sich Brantsch in Rumänien und in der Bundesrepublik als aktiver Zeitgenosse betätigt, zu Wort meldet, wann immer er sich dazu berufen fühlt. / Horst Fassel, Siebenbürgische Zeitung
Veröffentlichungen
„Deutung des Sommers“. Gedichte, Bukarest 1967
„Neue Heimat BRD“, Hannoversch Münden 1983 „Karnevalsdemokratie oder Eulenspiegel, der einsame Rebell“, Frankfurt (Main) 1985
„Das Leben der Ungarndeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg im Spiegel ihrer Dichtung“, Wien 1995
„Das Leben der Rußlanddeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg im Spiegel ihres Schrifttums“, Wien 1999
„Goethe und Heine hinter Gittern“, Vechta 2004
„Pisastudie getürkt“, Vechta 2006
„Das Weiterleben der rumäniendeutschen Literatur nach dem Umbruch“, Vechta 2007
„Ich war kein Dissident“, Ludwigsburg 2009
„Inkorrektes über die Political Correctness“, Vechta 2009
Aufschlussreich ist, welches Schicksal bei Kathrin Schmidt der Reim erfährt, an dem sie sich wiederholt versucht. ‚(nabe) / um nabe stockt, der wagen bricht. mein irres lieben / geht aus dem leim. versuppt. verschleimt. Bleibt nur das hoffen / auf offnes, deinerseits. mir wächst ein bart, besoffen / stehn die haare ab. die Zähne. was, wenn blieben / (nur die wechsel…).‘ Das Dilemma, das sich hier auftut, ist wahrlich nicht nur das der Autorin. Damit der Reim wirkt, muss das Gedicht mit einer gewissen Grundgeschwindigkeit voranschreiten, denn sonst hat der Leser, wenn er am zweiten Wort, dem Echo, anlangt, das erste, den Ruf, schon vergessen. Schlägt er aber diese Geschwindigkeit ein, versteht er nichts mehr vom anspruchsvoll verschlüsselten Text. Man kann über diese Reime hinweglesen, ohne sie auch nur bemerkt zu haben: So sehr hat sich ihre Kraft im Handgemenge mit dem auch rhythmisch knorzigen Eigensinn des Inhalts geschwächt. Es nimmt dem sinnlichen Verlust das Maß, den die Lyrik erlitt, als sie sich vor rund hundert Jahren entschloss, das süß Konventionelle von sich zu tun und auf die herbe Originalität zu setzen. / BURKHARD MÜLLER, SZ 22.10.
KATHRIN SCHMIDT: Blinde Fische [sic! s. Kommentar]. Gedichte. Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2010. 86 Seiten, 16,95 Euro.
Como el toro he nacido para el luto
y el dolor, como el toro estoy marcado
por un hierro infernal en el costado
y por varón en la ingle con un fruto.
Como el toro lo encuentra diminuto
todo mi corazón desmesurado,
y del rostro del beso enamorado,
como el toro a tu amor se lo disputo.
Como el toro me crezco en el castigo,
la lengua en corazón tengo bañada
y llevo al cuello un vendaval sonoro.
Como el toro te sigo y te persigo,
y dejas mi deseo en una espada,
como el torno burlado, como el toro.
Sonett Nr. 23 aus „El rayo que no cesa“ (1936), vielleicht sein berühmtestes.
Dazu ein Zufalls- und damit Geburtstagsfund im Internet: eine (anonyme) Übertragung [Gustav Siebenmann, vgl. Kommentar] auf der Rückseite des Programmhefts zur Inszenierung der Oper „Carmen“ durch die Opernschule der Hochschule für Musik Detmold im Landestheater Detmold im Juli 2007, die in meinen Augen der (durchaus annehmbaren) von Erich Arendt und Katja Hayek-Arendt deutlich überlegen ist:
Wie der Stier bin ich zur Trauer geboren
und zum Schmerz, wie der Stier bin ich gezeichnet
durch ein höllisch Eisen in der Flanke
und, als Mann, mit einer Frucht im Weichteil.
Wie der Stier sieht mein übermäßig Herz
alles verkleinert und ich mach es,
mit dem kußverliebten Antlitz,
wie der Stier, deiner Liebe streitig.
Wie der Stier wachse ich unter dem Stachel,
die Zunge von Herzblut überströmt,
am Hals einen brausenden Sturmwind.
Wie der Stier lauf ich und stell ich dir nach,
und meine Begier läßt du an einem Degen enden,
genarrt wie der Stier, wie der Stier.
Das erste Heft der „manuskripte“ erschien am 4. November 1960 zur Eröffnung des Forum Stadtpark, mit dem die Zeitschrift lange Zeit auf organisatorischer wie auf ideeller Ebene verbunden war. Ein hektografiertes Heft, 15 Blätter in einer Auflage von 100 Stück, Preis drei Schilling, ausschließlich Lyrik beinhaltend. Der Titel „manuskripte“ war programmatisch: Es wurden fast nur unveröffentlichte literarische Texte abgedruckt, Essays und kulturpolitische Artikel waren Mangelware, Rezensionen gab es nicht.
Blickt man auf die 188 bisher erschienenen Nummern der Zeitschrift zurück, so entfaltet sich eine deutschsprachige Literaturgeschichte en miniature. Bereits in der zweiten Nummer veröffentlichte Kolleritsch Texte der Vertreter der „Wiener Gruppe“, die in den „manuskripten“ eines ihrer wichtigsten Veröffentlichungsorgane hatten. Auch Ernst Jandl und Friederike Mayröcker debütierten Anfang der 1960er Jahre in der Zeitschrift. Kolleritsch räumte aber nicht nur der österreichischen Avantgarde einen für sie überlebensnotwendigen Platz ein, sondern bemühte sich auch, ausländische Literaturen zu vermitteln. Schwerpunkte in den frühen Heften waren etwa (von Heimito von Doderer) vermittelte estnische Lyrik, tschechische Experimentalpoesie, brasilianische konkrete Literatur ( Noigandres ) oder Literatur der Stuttgarter Gruppe. / Peter Landerl, Wiener Zeitung
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