38. Zuviel lyrisches Sperma

Wie groß und reflektiert der Gestaltungswille schon des jungen Autors war und wie enorm die poetische Schubkraft, die ihn antrieb, das zeigen diese Gedichte aus dem Nachlass verblüffend deutlich. Der Band enthält zwei Gedichtsammlungen, die Brinkmann in dieser Form konzipiert hat: „Don Quichotte auf dem Lande. Gedichte 1959/1961“ und „Vorstellung meiner Hände. Gedichte 1963“. Wie er seinen Sound formte, in wechselnder Absetzbewegung zu dem, was er für modisch hielt, das kann man hier fast mit Händen greifen – schmerzhafter und deutlicher als in den poetologischen Selbstaussagen, die er seinen Gedichten beifügte, wenn er sie an Zeitschriften schickte.

Die erste Sammlung hat einen völlig anderen Ton als die zweite. Aber schon in der ersten gibt es Gedichte, in denen Brinkmann poetisch reflektiert, was er in einem Brief an seinen Freund Ralf-Rainer Rygulla als seine Schwäche ansah: „zuviel Krolowsche Schönheit und zuviel an lyrischem Sperma“ / Meike Feßmann, DLR

Rolf Dieter Brinkmann: „Vorstellung meiner Hände. Frühe Gedichte“, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2010, 96 Seiten

 

37. Kültür in Augsburg

Wer Informationen über die mittelalterliche Literaturgeschichte Kleinasiens und der Türkei, vor allem über die türkische Lyrik sucht, braucht Ausdauer und Spürsinn. Lyrik-Übersetzungen aus dem Türkischen erzielen bis heute nur minimale Auflagen und fristen ein Nischendasein. Mit den Wanderderwischen Mevlana, Haci Bektasch Veli und Yunus Emre stellte der Kültürverein historische Leuchttürme türkischer Dichtkunst vor, deren Gedichtformen und -themen auch von heutigen Autoren noch aufgegriffen werden.

Für die gerade nach Kleinasien zugewanderten Turkstämme war das 13. Jahrhundert eine Zeit der politischen Unruhen, Hungerskatastrophen und Kriege. In dieser Atmosphäre entstand eine reichhaltige islamisch-mystische Literatur: Mitreißende Liebesgedichte und gewaltige lehrhafte Epen. Mevlana hinterließ der Nachwelt ein Gedicht mit über 25 000 Doppelversen in persischer Sprache und gilt als der größte der drei Lyriker.

Yunus Emre hingegen war der erste Dichter, der die türkische Sprache für die Lyrik nutzte. Zwar verwendete auch er arabisch-persische Versmaße, seine bekanntesten Gedichte jedoch folgen dem silbenzählenden türkischen Versmaß. / Stefanie Schoene, Augsburger Allgemeine

 

36. Stuttgart 60

Mathias Kehle versucht in seinem Blog eine Debatte um politische Lyrik zu starten. Anlaß ist das Gedicht des Tages vom 9.11., eingesandt von Widmar Puhl – ein Sonett mit der Überschrift „Stuttgart 60“. Kehles Einleitung:

In der letzten Zeit ist mir oft die Frage begegnet, was politische Lyrik leisten kann. Gibt es „gute“ Gedichte mit einer Botschaft? Sitze ich im Elfenbeinturm, wenn ich politische Lyrik für mich persönlich ablehne? Widmar Puhl hat mir ein Gedicht zum Themenkomplex „Stuttgart 21“ gemailt. Ich stelle es ausdrücklich zur Diskussion, denn viel wichtiger als die Frage, ob sich ein Schriftstellerverband zu einem Bauprojekt äußern soll oder nicht, ist die, was wir mit unseren sprachlichen Mitteln leisten und bewirken können.

 

35. Pressemitteilung der Elke Erb Gesellschaft

Leipzig, den 8.11.2010

In den Nachmittagsstunden des 7. November 2010 hat sich in den Räumen des Deutschen Literaturinstitutes Leipzig eine Elke Erb Gesellschaft e.V. gegründet. „Zweck des Vereins ist die Erfassung, Betreuung und Verbreitung des Werks der Dichterin Elke Erb, sowie die Förderung und Verbreitung zeitgenössischer Literatur überhaupt. Der Satzungszweck wird insbesondere verwirklicht durch: Publikationen, Jahrestagungen, öffentliche Veranstaltungen, Jahrbücher, Korrespondenzen und die Vorbereitung einer Werkausgabe“ (Satzung).

Es wurde beschlossen, eine vollständige Bibliografie der Schriften Erbs zu erstellen und für die zweite Jahreshälfte des nächsten Jahres eine Tagung zum Vers vorzubereiten.

(Informationen zunächst unter: erb.gesellschaft@gmx.de, und 015141223417)

34. Ausschau nach Wasseramseln

Seine Zeit in Calw nutzt Michael Wüstefeld zum Schreiben und für Ausflüge in die Umgebung. Einmal am Tag geht er über die Nikolausbrücke und sagt der Statue von Hermann Hesse guten Tag. „Ich bleibe eine Weile dort stehen und halte Ausschau nach Wasseramseln.“ Wulf Kirsten, der 1995 als Stipendiat in Calw war, hatte über die Vögel geschrieben. Bisher konnte Wüstefeld aber noch keine sichten. / Schwarzwälder Bote über den Calwer Hesse-Stipendiaten

33. Höhlenbewohnender Dichter-Postbote

Man lobt – oder schmäht – gern die unbegrenzten Möglichkeiten zur Bildung zusammengesetzter Substantive im Deutschen. Aber wie übersetzt man „facteur-poète troglodyte“? Die Wortgruppe bezieht sich auf den französischen Autor und Künstler Jules Mougin, der am Sonnabend im Alter von 98 Jahren in Rognes (Bouches-du-Rhône) gestorben ist. Facteur ist Postbote, es bedeutet aber auch Faktor oder „Macher“ wie in facteur d’orgues, Orgelbauer (mithin dem griechischen Poeten verwandt, der auch ein „Macher“ ist). Dichtender Briefträger? Mit einer Beimengung von Dichter-Dichter oder Macher-Dichter. Postbote war er wohl tatsächlich, Macher von vielerlei sowieso: neben mehr als 30 Büchern hat er gezeichnet, gemalt und „gebastelt“, wie er sagte. Anscheinend fertigte er eine Art Assemblagen, ein Bild hier legt es nahe (dort auch schöne Abbildungen von Bildern sowie Gedichtproben). Oft wird er der art brut zugerechnet – der Erfinder dieser Richtung, der Maler Jean Dubuffet, förderte ihn. Gleichzeitig fühlte sich der Arbeitersohn aus dem Norden der proletarischen Literatur der französischen Nachkriegszeit verwandt. In dem Blog, auf den obiger Link führt, zauberhafte Gedichte, die ich hier bloß zitiere:

Un magma d’où jaillissent les vérités de Mougin :

« Ma mère a été humiliée. Mon père a été humilié. Tout commence à partir de l’humiliation ! La colère et l’orage ! Petit à petit ! »

Ses obsessions : la guerre, la révolte, la mort, le sexe s’entrelacent pour former des brèves poétiques. Il navigue du particulier au général pour tirer morale de la vie :

« Quand Adrien Forclay
parlait
du con de sa « promise »
il disait
le nid de mésange !
Zut ! Au bout de la planche
On bascule
– et c’est la mort ! »

(con = Möse, nid de mésange = Meisennest, basculer = umkippen, herunterfallen)

Bleibt noch das dritte Wort nachzutragen, troglodyte: troglodytischer Dichter-Postbote. Das stimmt wortwörtlich, er lebte lange Zeit in einer Höhle in Chemellier (Maine-et-Loire), wo er die Tuffsteine bemalte und Besucher empfing.

(Gibts den schon auf Deutsch?)

Kurze Nachrufe hier und hier.

32. Meinten Sie: Streichwurst?

fragt google, wenn man irgend etwas weiteres über das Zeitschriftenprojekt „Streichelwurst“ erfahren möchte. Allenfalls lassen sich einige Blogeinträge zu ungewissen Themen unter diesem Stichwort finden. So bleibt nur, die Selbstanzeige des Organs hier einzustellen:

Die Streichelwurst. Das Magazin. feiert seine erste Ausgabe.

Sie wird regelmäßig unregelmäßig erscheinen. Nach Schätzungen etwa aller drei Monate.

Freuen Sie sich mit uns über Beiträge von: Katja Stoye-Cetin, Donata Rigg, Monika Rinck, Sebastian Gögel, Peggy Buth, Claudia Gülzow, Grit Hachmeister, Jochen Plogsties.

Es wäre uns eine Vergnüglichkeit Sie zur Präsentation und Feier begrüßen zu können.

Präsentation und Feier 13.11. ab 20.00 Uhr im EIS 36 Adalbertstraße 36 am Kottbusser Tor in Berlin

Dort kann man wohl auch die nicht ganz billige Zeitschrift (schlappe 15 Euro) in Augenschein nehmen.

31. Tod eines Hofdichters

Adrian Paunescu war im nationalkommunistischen Rumänien, nach Ceausescu, wahrscheinlich der bekannteste Mann. Es scheint sogar so gewesen zu sein, dass der Diktator den Hofdichter im Verdacht hatte, dieser wolle bekannter werden als er selbst. Der 1943 geborene Paunescu gehörte der Generation 60 an. Es war die erste Dichtergeneration, die, nach dem Stalinismus, vergleichsweise freier schreiben und publizieren konnte. Er war einer der Sprecher der jungen Autoren und von Anfang an äusserst populär durch seine politischen Gedichte, die formal eingängig waren und allerhand Frechheiten enthielten, wie sie in der Diktatur konspirativ augenzwinkernd von der Leserschaft goutiert wurden. / Richard Wagner, NZZ 8.11.

Mehr: New York Times 6.11. / La Specula (engl.) / Kondolenzschreiben des rumänischen Premierministers / NPR

30. American Life in Poetry: Column 294

 

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

I’m fond of poems about weather, and I especially like this poem by Todd Davis for the way it looks at how fog affects whatever is within and beneath it.

Veil

In this low place between mountains
fog settles with the dark of evening.
Every year it takes some of those
we love—a car full of teenagers
on the way home from a dance, or
a father on his way to the paper mill,
nightshift the only opening.
Each morning, up on the ridge,
the sun lifts this veil, sees what night
has accomplished. The water on our window-
screens disappears slowly, gradually,
like grief. The heat of the day carries water
from the river back up into the sky,
and where the fog is heaviest and stays
longest, you’ll see the lines it leaves
on trees, the flowers that grow
the fullest.

 

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2007 by Todd Davis from his most recent book of poems, The Least of These, Michigan State University Press, 2010. Reprinted by permission of Todd Davis and the publisher. Poem first appeared in Albatross, No. 18, 2007. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

29. Dichterreisen mit Fleming

Von Bertram Reinecke

Seit einiger Zeit erscheint in der Edition Cornelius des Projekteverlages ein Programm, in dem immer wieder Lyrik und Lyriker zu Wort kommen. Unbeachtet von einer größeren Öffentlichkeit erschien dort auch der von Richard Pietraß und Peter Gosse herausgegebene Band „Ich bin ein schwaches Both ans große Schiff gehangen. Die Lebensreise des Paul Fleming in seinen schönsten Gedichten“.

Wer sich aus Anlass 400. Geburtstages einem spannenden aber kaum präsenten Dichter widmet, kann verschiedene Dinge tun: Die Höflichkeit gebietet, ihn in einem Prachtband zu ehren. Dem durch den Anlass neugierig Gewordenen wäre eine Leseausgabe nach aktuellen Gesichtspunkten in die Hand zu geben. Zum Dritten wäre es interessant, der Wirkung des Dichters in der Gegenwart nachzugehen und den heutigen Stand der poetologischen Auseinandersetzung anhand seines Werkes ebenso aufzuzeigen wie zu befruchten.

Wenn die Herausgeber versuchen, alle diese Dinge zugleich zu tun, müssen sie ein partielles Scheitern billigend in Kauf nehmen.

Sorgfältig gestaltet ist der Band (großformatiges Hardcover mit Lesebändchen) von sächsischen Bildkünstlern in der Tat. (Gerade dies mag dazu geführt haben, dass das Buch bisher wenig diskutiert wurde, eilt solch prachtvollen Festschriften doch der Ruf voraus, im Gegenzug langweilig zu sein.)

Wer ein Lesebuch sucht, um einen ersten Einblick in das Werk des Dichters zu gewinnen, wird sicher eher zu einer wohlfeileren Ausgabe Zuflucht nehmen, auch wenn der Band einen zuverlässigen Text bietet, über dessen Editionsweise Richard Pietraß im Nachwort Rechenschaft gibt. (Dass der Anspruch, den Dichter „in seinen schönsten Gedichten“ vorzustellen, nicht sehr zeitgemäß ist, weil er reichlich subjektiv verschweigt, nach welchen Gesichtspunkten die Auswahl zu Stande kam, wird einen solchen Leser sicherlich weniger interessieren.) Immerhin kann die Rekontextualisierung durch den Versuch, abweichend von anderen Ausgaben eine chronologischen Anordnung zu bieten, für den Kenner reizvoll sein.

Bleibt das dritte und vielleicht spannendste Ansinnen, die Beantwortung der Frage, welche Impulse Fleming heutiger Dichtung zu geben weiß. Dies Anliegen wurde verfolgt, indem die Dichter (Erzähler und Literaturwissenschaftler) der sächsischen Akademie gebeten wurden, sich mit je einem Gedicht Flemings essayistisch auseinanderzusetzen. Während der Fokus auf Sachsen als weise Beschränkung ausgelegt werden kann, ergibt eine solche Vorgehensweise vor allem eins: Eine silberne Auslese, Honoratioren sind nun mal älter. So sind die vertretenen Lyriker abgesehen von Kerstin Hensel den 60 nahe oder darüber hinaus (während man als Literaturwissenschaftler augenscheinlich auch schon jünger zu Ehren kommen kann). Das ist etwas schade, sieht es doch so aus, als habe die Beschäftigung mit Fleming bzw. barocker Dichtung in Sachsen aus irgend einem Grunde aufgehört. Unbeschadet dessen sind mit Volker Braun, Elke Erb, Thomas Rosenlöcher, Róža Domašcyna, Kito Lorenc, Wilhelm Bartsch und Reiner Kunze gewichtige und interessante Stimmen vertreten. Die meisten Beiträge heben vom Vorlagegedicht sehr bald ab und nehmen Blick auf die bewegten Weltverhältnisse oder auf die Biografie Flemings. Das liegt bei diesem Autor nahe, der in bewegten Zeiten (Dreißigjähriger Krieg) ein bewegtes Leben führte (immerhin verschlug es ihn nach Russland und Persien).  Andererseits besteht dabei die Gefahr, die Gedichte selbst aus den Augen zu verlieren. Wenn man dann die Wahrhaftigkeit, Subjektivität oder Weltzugewandtheit des Dichters vielfach beschworen findet und nach der Vielzahl derartiger Beteuerungen Fleming einem wie eine Art Dichter mit protogoetheschem Weltbild vorkommen will, bleibt am Ende aber doch die Frage zurück: War da nicht noch etwas anderes?

Weiterlesen

28. Ausgezeichnet

Der karibische Dichter Christian Campbell gewann den Preis des Aldeburgh poetry festival für den besten Debütband für sein Buch „Running the Dusk“.  Das Buch stand auch auf der Shortlist für den Forward prize. Die Preissumme beträgt £3,000. / Guardian 5.11.

Campbell, Christian. Running the Dusk. Leeds: Peepal Tree, 2010. 81 pp. $16.95 (paper).

Besprechung hier

27. Gedicht ohne R

Laut dem Aufklärer Lichtenberg sei „Liebe ohne kleine Streitereien wie ein Gedicht ohne den Buchstaben R“. Prompt machte Görtz die Probe aufs Exempel und verlas „Ilkes Hebstgedicht“. / Badische Zeitung

26. Alle tun es

Oskar Pastior tat es, Georges Perec tat es, und Amerikas bizarrster Privatmythologe unter den Künstlern, Matthew Barney, tut es unter dem malerischen Titel «Drawing Restraint» noch immer äusserst lustbetont … Brunnschweiler, der vor Jahren mit «Herrgott und Teufel», einer 234-zeiligen «Litanei für 17 Buchstaben», das längste deutschsprachige Anagrammgedicht vorlegte, macht auch in seinem jüngsten Wurf wieder vor keinem tieferen Sinn und höheren Unsinn halt, wobei die kürzeren Texte meist durch ihren lakonischen Expressionismus bestechen – wie etwa die Transformation von «Der grosse Konsumator» zeigt, der am anderen Ende von Brunnschweilers Buchstabenverwertungs-Maschine als «Kern: Orgasmus, Eros, Tod» herauskommt. / NZZ 30.10.

Thomas Brunnschweiler: AlltagsWorte. Anagramme. Nachwort von Stephan Krass. Verlag Martin Wallimann, Alpnach 2009. 128 S., Fr. 23.–.

25. Poetische Briefe

Im Frühjahr 1939 musste die 70-jährige Else Lasker-Schüler die Schweiz verlassen, bis zu ihrem Tod 1945 war Jerusalem die letzte Exilstation. Das Leben dort, «unter dem auserwählten Volke», erscheint in ihren Briefen als eine einzige «Hölle». Kaltherzig, engstirnig, brutal seien die Menschen um sie herum. …

Was immer an Lasker-Schülers Anschuldigungen erdichtet sein mag, poetisch sind sie in jedem Fall. Dauernd gebiert die Schmerzlitanei berückende Bilder, die sich zu lyrischen Sequenzen fügen: «Ich bin so unglücklich, Krähen werden kommen, meinen Schmerz aufpicken.» – «Ich bin so müde / Wär ich doch zu Haus / Ich trug Jerusalem auf meinem Augenlide.» – «Kläglich vergeht Minute und Stunde, / Die Aster bleicht auf meinem Munde.» Doch es gibt auch andere Töne. Die Lust am Fabulieren, am kindlich versponnenen Sprachspiel (bis hin zur bewussten Unsinnsproduktion) hat Lasker-Schüler niemals verloren. So teilt sie der Frau des Rabbiners Kurt Wilhelm energisch mit, «am Schabbatt in der Synagoge» den falschen Hut getragen zu haben: «Zu schnadahüpfl Tyrol». Sie müsse in Zukunft ihren «ganz runden russischheiligenschein hut» aufziehen. Unterzeichnet: «Prinz Jussuf». …

«Mein letztes Gedicht haben Sie sicher für sexuell gehalten?! Nicht die Spur.» Die Simon gewidmeten Gedichte bilden eine eigene Abteilung in Lasker-Schülers letztem Gedichtband, «Mein blaues Klavier» (1943): «An ihn». Der Amour fou einer blutjungen Greisin verdankt die deutsche Literatur Glanzstücke ihrer Liebespoesie. / Manfred Koch, NZZ 6.11.

Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Kritische Ausgabe Bd. 11: Briefe 1941–1945. Nachträge. Bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki und Andreas B. Kilcher. Jüdischer Verlag, Frankfurt am Main 2010. 912 S., Fr. 196.–.

24. Georges Haldas gestorben

Als Sohn eines Griechen und einer Schweizerin wurde er in Genf geboren, im Jahr 1917, und in der Rhonestadt hat er als Schriftsteller gelebt und gearbeitet bis zuletzt. Jeden Tag sass Georges Haldas im Café und schrieb in seinen Notizheften oder diskutierte mit Freunden, die fest damit rechnen konnten, ihn dort anzutreffen. Er war Lyriker, vor allem in seinen Anfängen, und veröffentlichte ein gutes Dutzend Gedichtbände, etwa «Cantique de l’Aube» (1942), «Chants de la Nuit» (1952) oder «La Blessure essentielle» (1990). / Martin Zingg, NZZ 1.11.

23. Juni 2010, Neue Zürcher Zeitung:

Poetischer Chronist

«Orte» widmet sich Georges Haldas

Martin Zingg ⋅ Unter den Autoren der Romandie ist er ohne Zweifel eine singuläre Erscheinung, inzwischen über neunzig Jahre alt: Georges Haldas. Seine Gedichte und «Chroniques» haben ihn bekannt gemacht, darunter die berührende Familiengeschichte «Boulevard des Philosophes». In den vergangenen Jahren hat er vor allem Notate publiziert, in seinen «Carnets», von denen inzwischen über ein Dutzend vorliegt. Dem Lyriker und poetischen Chronisten Haldas widmet die Literaturzeitschrift «Orte» nun ihre jüngste Nummer, mit einem anregenden und informativen Querschnitt durch sein Werk, von 1942, als «Cantique de l’aube» erschien, bis 2000, dem Erscheinungsjahr der «Poésie complète», eines über 900 Seiten starken Wälzers. Haldas sei ein «Dichter des Wesentlichen», heisst es einmal in dieser sympathischen und verdienstvollen Werkschau, die sich den Facetten seiner überaus aufmerksamen Wirklichkeitsbeobachtung widmet.