52. Meine Anthologie (Abräumer 3): birnen erraten

Kathrin Schmidt

birnen erraten

Ich habe birnen gekauft, sie duften
unter der achsel hervor, aus dem
beutel, du könntest sie,
wenn du nur wolltest, erraten.

du aber nimmst die tasche von meiner schulter,
den lebenden kater von meinem arm
und vom haar dir den glanz,
um ihn in die eigenen augen zu reiben.
den meerstreifen kannst du nicht sehen
unter der eben versinkenden sonne.

hättest du birnen erraten, wären wir
schwimmen gegangen im süßen saft, wir wären
beide behände delphine gewesen, denen
der abend nichts anhaben kann.

Zu viel abstruse Willkür uneigentlichen Sprechens und herbe Originalität attestierte ein Kritiker – gleichzeitig zu wenig Klartext (das mit der Stasi will er doch genauer wissen vom Gedicht) und wieder zuviel (in dem Birnengedicht hat er Mitleid mit dem hier anscheinend angegriffenen Mann, da hätte ers lieber poetisch). Nur in kleinen Portionen könne man diese Gedichte genießen wegen ihres „Eigensinns“? Ach was. Münchner mittlere Ästhetik? Hat sie nicht nötig. Diese Autorin hat ihre Sprache wiedergefunden, sie sprudelt und zündelt, daß es eine Art hat.

Kathrin Schmidt: Blinde Bienen. Gedichte
Kiepenheuer & Witsch 2010

51. Eingeschreint

Vorgetragen wurde ein Gedicht Bert Brechts, das einst Kinder in der DDR auswendig lernen mussten, ein gutes Beispiel für Brechts Stammbuchstil in seiner streng dogmatischen Phase (der wir auch Zeilen wie „Lenin ist eingeschreint in dem großen Herzen der Arbeiterklasse“ verdanken).

Das Brecht-Gedicht, zu dem laut Bericht der „Süddeutschen“ etliche Teilnehmer ihre Lippen bewegten, „als wollten sie es mitsprechen“, heißt „Lob des Kommunismus“ und beschreibt diesen u.a. mit den Zeilen: „Er ist vernünftig, jeder versteht ihn. Er ist leicht. Du bist doch kein Ausbeuter, du kannst ihn begreifen. […] Er ist nicht das Chaos, sondern die Ordnung. Er ist das Einfache, das schwer zu machen ist.“ Und: „Wir aber wissen: Er ist das Ende der Verbrechen.“ Ein vernünftiger Mensch, selbst einer mit „K-Vergangenheit“, sollte keiner Ideologiedebatte bedürfen, um zumindest dieses Glaubensbekenntnis zu widerrufen. / THOMAS KRAMAR, Die Presse 12.1.

 

50. Letzter Brief

Hadayatullah Hübsch, der am 4. Januar in Frankfurt starb, war ein zum Ahmadiyya-Islam konvertierter Dichter und Schriftsteller. Immer wieder hat er sich in Briefen an diese Zeitung zur muslimischen Religion geäußert.

Schreibt die FAZ und veröffentlicht seinen letzten Brief an „diese Zeitung“, ohne mitzuteilen, wann er sie erreichte (doch nicht postum?) und auch ohne weitere Informationen (zum Beispiel daß Hübsch auch jahrelang FAZ-Mitarbeiter war). In dem Brief setzt sich Hübsch mit Thilo Sarrazins Goethebild auseinander.

 

49. Mit Whisky

Am 25. Jänner 1759 wurde Robert Burns, der berühmteste Dichter Schottlands, geboren. Aus diesem Anlass findet auch in Wien eine Robert Burns Night mit Lyrik, Musik und Whisky statt. / Wiener Zeitung

48. Ohne Risiko

„Wir können uns das Risiko wie Lyrik leider nicht leisten“, sagt Anna Brandstätter, Vorsitzende der „Kulturakzente 4840“. Dennoch will man nicht bloß auf „Mainstream“ setzen: „Wir versuchen, auch unbekannte Autoren und da vor allem aus Oberösterreich zu forcieren“, betont Schriftführer Ferdinand Lehner, der gleichzeitig bedauert: „Bekannte Namen ziehen mehr als unbekannte Qualität.“ / Oberösterreichische Nachrichten

47. Das Maß allen Lebens ist die Axt, sagt der Baum

Rezension eines Gedichtbands von Martin Bernhardt

Von Michael Gratz

Die Axt, die das Leben der Bäume beendet, ist eine seiner Bildfindungen, die er in mehreren Texten verwendet. Das Gedicht „Abseits der Grenzen“ entstand im Oktober 1983, da war er 22 Jahre alt:

Abseits der Grenzen
steht neben der Mauer
eine zweite Mauer
dazwischen wächst Gras
wird der Tau kommen
wird das Gras blühen
dann singt der Strom in den Zäunen

Wird der Tau trocken
wird das Gras welk
wächst ganz woanders ein Baum
der von allem nichts weiß

Werden die Männer kommen
werden den Baum sehen
auf dem etwas sitzt und ruft

Wird einer zu fällen beginnen
wird der Baum sagen
das Maß allen Lebens
ist die Axt

Der Band, der „fast alle im Nachlaß gefundenen Gedichte“ und einige Mail-Art-Karten sowie Fotos und Materialien enthält, umfaßt 80 Seiten. Die Gedichte stammen aus den Jahren 1978 bis 1996, die meisten aus den 80er Jahren. Der Titel ist eine Variante des Axt-Bildes:

„Das Maß allen Lebens ist die Axt, sagt der Baum.“

Die frühesten Gedichte stammen aus seinem 17. Lebensjahr – 6 Gedichte insgesamt. Nicht eins davon liest sich wie ein Anfängergedicht, wie man sie so oft zu lesen bekommt. Das scheint eine Greifswalder Spezialität. Die in Greifswald lebende Barockdichterin Sibylla Schwarz starb mit 17 Jahren und wurde zu Recht als „ein Wunder ihrer Zeit“ gerühmt. Mit 17 war sie besser als Goethe, habe ich mal geschrieben. Und es stimmt. Heute werden ihre Gedichte in vielen Ländern gelesen. Mit dem Wort „Wunder“ haben wir es heute nicht so sehr, aber Martin Bernhardt war ein Frühvollendeter. So schrieb er mit 17:

Was KEINER WEISS

Wie Gras sein
Wie Grenzen der grünen Gewalten

Wirf mir deine Hand zu Wald
Nimm mich auf
In wallenden Wogen
Verwurzel die grünen Gewölbe
Wir wollen wieder wissen
Woher der Wind weht
In dem wir uns nicht wenden
Widerwärtig was ihr da redet
Welcher Verlockung
Wollt ihr mich entwenden
Wenig was ihr noch erwartet
Ich aber wohne in wirklichen Welten
Was da welk war
Wird sich wohlig verwachsen
Wie wunderbar diese Wende
Weil es Wunder gibt
Wie Wald

Sibylla Schwarz lebte während des 30jährigen Krieges und mußte als Kind nacheinander die marodierenden kaiserlichen und schwedischen Truppen erleben. Martin Bernhardt lebte im tiefsten Frieden in der DDR, also in einem Land, das wildwachsendem Talent mißtraute. Selbstgedruckte Gedichte oder künstlerische Experimente wie Performance oder Mail Art erregten den Argwohn der Oberen. Ein Heer von Spitzeln wurde auf undomestizierte Talente gehetzt. Hätte er in Berlin gelebt, hätte er vielleicht zur dortigen Undergroundszene gefunden, die in diesen Jahren gewisse Freiräume gewann. Uwe Kolbe oder der aus Greifswald geflohene Bert Papenfuß konnten sich dort trotz Bespitzelung und Schikanen mit Gleichgesinnten entwickeln. Die Szene in der Provinzstadt wurde unbarmherzig verfolgt. In Ermangelung wirklicher Staatsfeinde hielt man sich an die unangepaßten jungen Leute.

Martin Bernhardt nahm die Gängelung mit wachen Sinnen wahr. Seine Gedichte sprechen oft von Bedrohungen und Grenzen. Der von der Kälte bedrohte Vogel, die Staatsgrenze an der Ostsee, über die nur die Wolken und die Gänse hinwegfliegen können. Im Gedankenspiel macht er es ihnen nach, im Gedicht „Steilküste“:

Wenn die Scheinwerfer / der Grenzboote / das Meer absuchen nachts / sehe ich in Gedanken / ihre / Rücklichter.

Trauer begegnet in diesen Gedichten und nicht selten der Tod. Aber meist verbunden mit Aufbegehren. Eine Mail-Art-Karte von 1988 zeigt den Grabstein Gerhart Hauptmanns auf Hiddensee. Auf dem Bild ist „GERHART“ und „MANN“ durchgestrichen und dafür etwas hinzugefügt, man liest: HAUPT sache Leben. Noch auf dem Grabstein der Einspruch gegen den Tod.

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46. American Life in Poetry: Column 303

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

 

There’s something wonderfully sweet about a wife cutting a husband’s hair, and Bruce Guernsey, who lives in Illinois and Maine, captures it beautifully in this poem.

 

For My Wife Cutting My Hair

 

You move around me expertly like the good, round
Italian barber I went to in Florence,
years before we met, his scissors
a razor he sharpened on a belt.

 

But at first when you were learning, I feared
for my neck, saw my ears like sliced fruit
on the newspapered floor. Taking us back in time,
you cleverly clipped my head in a flat-top.

 

The years in between were styles no one had ever seen,
or should see again: when the wind rose
half my hair floated off in feathers,
the other half bristling, brief as a brush.

 

In the chair, almost asleep, I hear the bright
scissors dancing. Hear you hum, full-breasted as Aida,
carefully trimming the white from my temples,
so no one, not even I, will know.

 

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2011 by Bruce Guernsey, whose most recent book of poems is “New England Primer,” Cherry Grove Collection, 2008. Reprinted from the Spoon River Poetry Review, Vol. XXXV, No. 2, Summer/Fall 2010, by permission of Bruce Guernsey and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

 

45. Sjóns Gedichte

„BuchKunst Kleinheinrich“ aus Münster hat die zweisprachige Ausgabe der Gedichte Sjóns mit 30 Aquarellen von Bernd Koberling bereichert. Verschwimmende Farbspielereien, die wie mikroskopische Welten wirken, gelegentlich auch wie Flechten auf den Felsen Islands. Koberlings Farbfantasien zwischen verblasstem Rot und kanariengelbem Frühlingssehnen sind die perfekte Ergänzung zu den rätselhaften Sprachbildern, die Sjón mit seinen Gedichten schafft. Momentaufnahmen und Stimmungsbilder, Seelenblitze und Geisterstimmen – es ist eine Vielfalt, die Sjón mit seinen Gedichten beschwört. „sieben finger auf einem sargdeckel / zähne begraben an einem abgelegenen ort / vogelflügel genagelt aufs gelenk / ich zähle meine wimpern / im zimmer in dem du geboren bist / räche dich nicht“, heißt es in „selbstporträt“. Wie in jedem guten Gedicht werden auch bei Sjón die Worte beim wiederholten Lesen fühlbar im Mund. Und wie schon in seinem Roman „Schattenfuchs“ auch hier seine Suche nach Geschichten und Bildern in der Vergangenheit wie in dem Gedicht „paris (1895/1985)“. „allein in der nacht / mit einem haschverkäufer / der flüstert: / chocolat, monsieur? / (zu hause stirbt jemand) / und am ende der straße / an der ecke / erreiche ich einen laden / mit mechanischen Puppen / (zu hause stirbt jemand) / sie sind mannshoch / antiquiert / und warten darauf / aufgezogen zu werden / (zu hause stirbt jemand).“ / Dirk Becker, Potsdamer Neueste Nachrichten

Sjón ist am morgigen Mittwoch, 20 Uhr, zu Gast im Wilhelmshorster Peter-Huchel-Haus, Hubertusweg 41. Den Abend moderiert Katharina Narbutovic, die Lesung der deutschen Übersetzungen übernimmt Lutz Seiler. Der Eintritt kostet 5, ermäßigt 4 Euro.

44. Meine Anthologie (Abräumer 2): Ausdrücken

Johanna Schwedes

Warschauer Straße

warm ist die Luft
wie von der Heizung genommen
Stechmücken Würstchenbuden der Kamikaze
mit entsichertem Haar
tanzt auf dem Fenstersims einen Walzer
ein Vogel der fällt
bis in den Straßengraben zwischen Hundetapsen
Zigaretten da
bricht die Eihaut der Augen
wie Fensterglas ich

ziehe die Luft enger
um meine Schultern und suche nach mir
in den kopfkissengroßen Manteltaschen
im Sirren der Gleise
im aufbrechenden Blau

streckt sich die Katze aus dem Schlaf
altmodisch wie ein Grammophon
sitzt sie am Weg
und deutet den Vogelflug
mit Augen aus Zelluloid
darauf sirren die Schwalben
wie Stechmücken

& der Abend ist zum Entzücken man könnte
Gedanken zu Papierschwalben falten und halten
ins Blau doch

ich möchte nur meinen Kopf
auf die Schienen legen
ausdrücken was ich sehe
wie Zigarettenkippen

 

In: Johanna Schwedes
Den Mond unterm Arm
Leipzig: Reinecke & Voß 2010
unpag. (40 Seiten)
8 Euro

43. Ermordet

Über den „bizarren“ Mord an dem portugiesischen Fernsehstar und Lyriker Carlos Castro in New York berichtet die Süddeutsche Zeitung.

42. Poetologie des Schmerzes

Durchdringender noch als bei Heine lassen sich die Gedichte der Nelly Sachs, jene dunklen Lieder, gewoben aus der Sprache des Todes, als Erzeugnisse einer Poetologie des Schmerzes verstehen. In der Tat sind sie wesentlich entstanden aus der Erfahrung jenes grossen Leids, das der Holocaust für das Judentum bedeutete. Die Gedichte des Zyklus «In den Wohnungen des Todes», der 1943/44 im schwedischen Exil entstand und 1947 in einem vom Krieg zerstörten Deutschland erschien, gehören zu den eindrücklichsten dichterischen Verbalisierungen eines Schmerzes, der doch jede Möglichkeit dichterischer Versprachlichung übersteigen und, wie Adorno meinte, das schöne Gedicht überhaupt fragwürdig machen musste. Doch ihre förmlich durch die Vernichtung aufgebrochene Sprache wurde – gemeinsam mit der Lyrik des mit ihr befreundeten Paul Celan – zu den wortkräftigsten Widerständen gegen eben jenen Tod. / Andreas Kilcher, Tages-Anzeiger

(Dieser Text ist die gekürzte Fassung des Einführungsvortrags zur Ausstellung «Nelly Sachs. Flucht und Verwandlung», die bis 27. Februar im Strauhof Zürich zu sehen ist.)

41. Andere Wege

Ein dickes und gewichtiges Buch ist anzuzeigen: auf mehr als eintausend Druckseiten versammelt es das lyrische Gesamtwerk von H.G. Adler. Dass der 1988 in London verstorbene Autor, der Theresienstadt und Buchenwald überlebt hat und als einer der letzten Vertreter der Prager Deutschen Literatur gilt, ein derartig umfangreiches lyrisches Werk hinterlassen hat, war bislang weitgehend unbekannt. …

Unterteilt in neun chronologisch gereihte Gruppen, die von 1927 bis 1987 reichen und damit exakt sechs Lebensjahrzehnte umfassen. Die neun Gruppen wiederum sind in zahlreiche einzelne Zyklen gegliedert, in die hinein Adler jene 1.200 Gedichte setzte, die er unter dem Gesamttitel „Andere Wege“ als sein lyrisches Vermächtnis verstand. / Klaus Kastberger, Ö1 9.1.

H. G. Adler, „Andere Wege. Gesammelte Gedichte“, Drava Verlag

40. Anzeigen

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Wem das immer noch nicht reicht, ein weiterer Tip:

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39. Meine Anthologie – Abräumer

Erklärtes Prinzip meiner Anthologie ist Willkür. Falsch. Willkür ist nur der Anschein, ich sollte sagen Zu-Fall, unwillkürliche Widerfahrung. Was mich bei der täglichen Lektüre anspringt, überrascht, aufhorchen läßt und je nachdem beredt oder sprachlos macht. Und alles das minus die vielen verlorenen Gedichte, weil mein Tagwerk nicht jeden Tag Zeit läßt, das Zugefallene auch festzuhalten.

Gerade habe ich beschlossen, die Bücherstapel um meinem Schreibtisch herum, die ich in diesen Tagen gewälzt habe, nach solchen Gedichten abzuklopfen. Nicht was ich jetzt suche, sondern was mich in den letzten Tagen ansprang. Ich notiere sie mir auf einen Zettel und werde in den nächsten Tagen einige davon hier einstellen.

Was den Augen gleich auffällt: viel Mitteldeutsches darunter. Ich fange auch gleich damit an. „Das Fahrwasser der Melancholie“ habe er hier einmal verlassen, sagt der Autor Thomas Böhme aus Leipzig im Nachwort. Man bemerkt es auch ohne den Hinweis. 66 Gedichte, jedes 14 Zeilen, die meisten reimlos und was man „freirythmisch“ nennt, manche aber auch durchweg gereimt und mit regelmäßigem Metrum. Die Gedichte gefielen mir gleich, spätestens beim siebten hat es gefunkt, Kafkas Droschkenkutscher. Unvergeßliche rätselhafte Kleinporträts: Der Eichmeister. Der Fährmann. Der Falkner. Der Gürtler. Hier der Hufschmied:

EIN HUFSCHMIED in den endlosen Weiten der Pußta
läßt an Feiertagen den Kaiser hochleben.
Man braucht ihn nicht lange zu bitten
von seinen Kriegserlebnissen zu erzählen.
Wohl mag er der letzte im Troß gewesen sein
bei den Weibern war er immer der erste.
Der Troubadour mit dem Tamburin
die Zigeunerin mit der Zimbel
der Hütejunge mit dem Mundhobel –
sie alle verstummen, wenn die Stelle mit Sissy kommt
wie sie im Herrensattel ihren Hintern spreizte.
Später sperrte man sie in ein Sanatorium.
Vor den Gulaschkesseln üben die Burschen
sich im Hufeisenweitwurf.

(S. 24)

Böhme, Thomas
Heikles Handwerk
66 Fallstudien
Poetenladen, Leipzig
15,80 Euro

 

(Das Buch geht alphabetisch von Abdecker bis Zuckerbäcker. Ein Abräumer ist aber nicht dabei, das Wort hier in der Überschrift bezieht sich nur auf meine Tätigkeit des Schreibtischräumens)

38. Brendels Gedichte

Der Pianist Alfred Brendel feierte am 5.1. seinen 80. Geburtstag. Zur Überraschung auch der Fachwelt, liest man, veröffentlicht er seit vielen Jahren Gedichte.*

Eine Überraschung jedoch nicht nur für die Feuilletons waren seine Gedichte, die er in eigener Lesung aus seinem Lyrik-Band „Spiegelbild und schwarzer Spuk“ als Hörbuch vorstellte. „Sprach-Capriccios in einer perfekt scheinlogischen Lakonik“ meinte dazu der Rezensent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Kollege der Süddeutschen Zeitung stieß in ein ähnliches Horn, als er die Besprechung mit „Kaustischer Witz. Spukbilder der Albernheit: Die Gedichte des Pianisten Alfred Brendel“ überschrieb. Der Erfolg dieser Lesung war so beachtlich, dass vor rund einem halben Jahr bereits die Fortsetzung „Alfred Brendel liest Vol.2“ erschien und die poetischen Exkurse um weitere humorvoll lyrische Reflexionen ergänzte. Zusammen mit dem bereits erwähnten umfassenden Video-Interview, das nun aus Anlass des 80. Geburtstags des Jubilars auch auf KlassikAkzente.de vollständig vorgestellt wird, kann man Alfred Brendel als einen universalen Künstler erleben, der die Idee von klassischer Musik ebenso wie die von künstlerischer Integrität der vergangenen Jahrzehnte nachhaltig und auf seine Weise genial geprägt hat.

Wer den Lyriker Alfred Brendel kennen lernen möchte, dem seien schließlich die beiden folgenden CDs empfohlen. Brendel liest darauf seine eigenen Werke:

/ klassikakzente.de

*) Im Januar 2004 schrieb Michael Braun:

Er sei, so hat Brendel deutlich gemacht, trotz seiner Bewunderung für die Kunstrevolutionäre des Dadaismus nicht an sprachexperimentellen Konstruktionen interessiert. Er bevorzugt Gedichte, die auf syntaktische und semantische Fassbarkeit setzen und Lesbarkeit nicht als Skandal empfinden. In einem programmatischen Gedicht erblickt ein «Dadaist» im Spiegel nicht nur einen verfremdeten Beethoven mit Schnurrbart, sondern auch die Elemente einer künstlerischen Dialektik, die auch der Autor für sich adoptiert hat: «Albernheit und Methode / Sinn im Unsinn / Grazie Anarchie / ein Stück Welt / zugleich absolut gar nichts.»  / Michael Braun, NZZ 15.1.

 

Alfred Brendel: Spiegelbild und schwarzer Spuk. Gesammelte und neue Gedichte. Carl-Hanser-Verlag, München 2003. 288 S., Fr. 34.60.

Wie ordnet man Alfred Brendel ein? Ich meine jetzt nicht Musik oder Literatur, sondern Geografie. Er wurde 1931 in Wiesenberg/Nordmähren geboren, entstammt einer österreichisch-deutsch-italienisch-slawischen Familie, studierte in Zagreb und lebt in London. Also vielleicht in Westeuropa lebender Südostmitteleuropäer.