79. Polnisch-deutsch-jüdisch

Im Berlin der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts war Kaléko auf dem besten Weg sich als erfolgreiche Schriftstellerin und Lyrikerin zu etablieren. Mit ihrer pointensicheren „Großstadtlyrik“ hatte sie sich die Herzen der Berliner erobert. 1933 erschien ihr erstes Buch, das „Lyrische Stenogramheft“, deren erste Auflage bald vergriffen war. Ernst Rowohlt druckte die zweite und wagte es, 1935, ihr „Kleines Lesebuch für Große“ herauszubringen. Als sich herausstellte, dass Mascha Kaléko Jüdin ist, wurden die Bücher beschlagnahmt, ihre Werke fielen der nationalsozialistischen Bücherverbrennung zum Opfer. Die polnisch-deutsch-jüdische Dichterin emigrierte nach Amerika. / merkur-online

78. „GeBalltes“ Wochenende in Pirmasens

Am kommenden Samstag, 19. Februar 2011, wird in der Festhalle Pirmasens einer der Höhepunkte im Programm des Hugo-Ball-Jahres 2011 stattfinden: Zur „Langen Nacht der Preisträger“ reisen nicht weniger als zehn der bisherigen Hugo-Ball-Preisträger an und werden sich in Talkrunden und Lesungen mit Moderation und Musik präsentieren. So berühmte Autoren wie Judith Hermann, Klaus Wagenbach, Robert Menasse, Feridun Zaimoglu oder Thomas Rosenlöcher – um nur einige zu nennen – zeigen ihre Entwicklung seit der jeweiligen Verleihung des Hugo-Ball-Preises auf. Sie wurden stets von einer findigen und mit der richtigen Portion Spürsinn für Schriftstellerkarrieren ausgestatteten Jury ausgewählt, was sicher auch als eine Auszeichnung für den Hugo-Ball-Preis selbst zu werten ist, den die Stadt Pirmasens seit 1990 alle drei Jahre verleiht.

Gleich am darauf folgenden Morgen, am Sonntag, 20.Februar, wird mit der Verleihung des Hugo-Ball-Preises 2011 an den Schriftsteller Andreas Maier der nächste Höhepunkt im Rahmen des Hugo-Ball-Jahres geboten: die nicht minder hochkarätig besetzten Laudatoren, der Büchner-Preisträger Arnold Stadler und der Literaturkritiker Michael Braun, werden den Hauptpreisträger und den des Förderpreises, den Lyriker Ulrich Koch, würdigen. Stilvoll umrahmt wird die Preisverleihung von Balthasar Streiff, dem bedeutendsten Schweizer Alphornkünstler unserer Tage, der traditionelle undzeitgenössische Elemente dieses Musikinstrumentes perfekt und einfühlsam zuverbinden weiß.

Am 22. Februar 2011 feiert die Stadt Pirmasens den 125. Geburtstag von Hugo Ball, der 1916 im Cabaret Voltaire in Zürich mit Dada eine der wichtigsten Kunstrichtungen des 20. Jahrhunderts begründet hat, mit einem Festvortrag des Professors für Kunsttheorie und Ästhetik, Bazon Brock, im Carolinensaal.

www.pirmasens.de/hugo-ball-jahr

77. Poetisches Viagra

Um den Valentinstag herum tummeln sich unfehlbar bei Literaturfreaks im WWW Beiträge über die erotischsten Verse der Dichter. Selbstverständlich sind die bösen Buben wie Byron und Shelley immer gut vertreten, aber erstaunlicherweise wird die Dichterin, die in meinen Augen die aphrodisierende Wirkung des geschriebenen Wortes am besten kennt, dabei so gut wie nie  genannt.

Was mich an Emily Dickinson so fasziniert, ist, daß sie von außen betrachtet ein schlichtes, sprödes und provinzielles Mädchen aus New England war, die wahrscheinlich als alte Jungfer belächelt wurde, dazu bestimmt, jungfräulich zu sterben, aber dank ihrer  unheimlichen Bildkraft ähneln ihre Sätze virtuellem Striptease. Ihre Worte flirten, scherzen und kitzeln die Vorstellungskraft.

Schreibt Stephanie Green in der Huffington Post und rückt einige „klassische“ Beispiele ihrer unartigen und doch schönen Gedichte ein, nicht ohne die Warnung: Versuchen Sie nicht, diese Gedichte allein in Ihrer Wohnung zu lesen. Hilfreich kann ein romantischer Partner sein oder ein elektronisches Gerät.

76. 01.Transklinischer Ticker / Posttraumatische Schreibtherapie: LÄSST SICH DIE MYSTISCHE OZEANIK OHNE NEUROTISCHE STÖRQUELLE AUTOMATISCH ALS „POESIEFREIE PERMAEKSTASE“ PSYCHOSOMATISCH VERKRAFTEN & VERANKERN?

G&GN-INSTITUT NEUKÖLLE ALAAF / Das fragt sich der „ehemalige“ Dichter Herr De Toys im 14.Teil seines Therapietrip-Tagebuchblogs (www.Schmer-Zen.de) nach 7-wöchiger Analyse seiner somatoformen Symptome in einer Spezialklinik, als er sich über sein eigenes „trivial-esoterisches“ Gedicht ‘ANKUNFT’ aus dem Jahre 1991 wundert – und kommt zu folgenden Kurzschlussfragen:

„(…) DIENT DAS DISSOZIA-TIEFE nur als notwendige technik, um überhaupt in das leere der leere vorzustoßen? ganz abgesehen von der schier unlösbaren urfrage, ob es sich hierbei um „literatur“ handeln darf oder lediglich um eine aufgeschriebene selbsterfahrung (esoterik par excellence!). ist DAS womöglich der unterschied zwischen somatoformer und anti-neurotischer (desublimierter „direkter“) bewußtseinsaktivität: NICHT das totale ausblenden der mystischen leere an sich sondern die FREIGESETZTE FÄHIGKEIT, dieses schockierende kosmologische loch NICHT MEHR BESCHREIBEN zu müssen (um sich doch wieder an einen als worthülse verpackten GEDANKEN ÜBER DAS GESICHTSLOSE metaphorisch zu klammern -wie der falsche nihilist an das wortwörtlich nichtssagende wörtchen „nichts“ [dessen wahre natur transdualistisch OHNE das antipodische „alles“ gemeint ist, weil es wie das tao BEIDE SEITEN DER MEDAILLE AUF DERSELBEN „GROßEN“ SEITE der leeren unendlichkeit enthält {ein koan: stell dir das ganze sein als gigantische goldmünze mit nur 1 einzigen seite vor, auf der in geheimschrift eingestanzt zu lesen steht: „KEIN WORT HAT GÜLTIGKEIT – SELBST DIESER SATZ NICHT!“}]-, weil die aus dem loch resultierende Grundlose Inwesenheit als unerträgliches schleudertrauma auf die noch-neurotisch „entwurzelte“ psyche wirkt) sondern „es“ einfach nur im bewußtsein zu integrieren, es permaekstatisch zu verankern in einem der vielen noch ungenutzten hirnräume im hintersten winkel der schaltkreislabyrinthe. und dann ist da ja außerdem noch der LESER: je nachdem, ob er beim „lyrischen“ lesen in einem stabilen persönlichkeitskern ruht („stabil“ kann hier groteskerweise beides bedeuten: sowohl unneurotisch offen als auch genügend dicht sublimiert – welch ironie des schicksals!) oder selbst sowieso schon wegzufliegen droht, kann die lektüre für ihn entweder befreiend (bestätigend) oder beunruhigend (beängstigend) wirken, schlimmstenfalls sogar denselben „mystisch-psychotischen“ schub auslösen, der zur niederschrift führte? ich habe keine ahnung, ob lyrik „an sich“ solch eine macht auf die wahrnehmung ausüben kann. liegt die macht alleine beim leser oder zieht der text wie eine getarnte zauberformel den leser in seinen bodenlosen bann? ich würde spontan behaupten, daß beides stimmt und abhängig ist von der jeweiligen bewußtseinsverfassung beim lesen, WIE eigenmächtig ein leser sich des textes „bemächtigen“ kann oder/und ihm ausgeliefert ist. (…)“

DER GANZE TRIP: http://www.TherapieTRIP.de/
(incl. Festrede für den verabschiedeten Chefarzt)

75. Nach Belzec…nach Belzec…nach Belzec…

Janka Heschele ist gerade 11 Jahre alt. Sie sitzt in einem Zug, der nach Belzec fährt. Belzec liegt nahe Lublin im östlichen Polen.
Das Mädchen schreibt:

Wie schrecklich der Anblick –
Ein Waggon voller Menschen
Und Tote dazwischen.
Nackt stehn sie, ihr Stöhnen
Geht unter im Rattern der Räder.
Nur der Verurteilte hört,
Was das Rad zu ihm spricht –
Nach Belzec…nach Belzec…nach Belzec…
Zum Tode…zum Tode…zum Tode…
Nach Belzec…nach Belzec…nach Belzec…
Für den Tod…für den Tod…für den Tod.
(…)

Der Band „Lyrik gegen das Vergessen“ versammelt Texte, die von KZ-Insassen, Ghetto Bewohnern, Inhaftierten und letztlich Verdammten während ihrer Gefangenschaft geschrieben wurden. (…)

Es sind keine großen Dichter die hier geschrieben haben, sondern ganz normale Menschen. Es sind die Werke junger und alter, männlicher und weiblicher, jüdischer oder kommunistischer Laien-Lyriker. Doch vor dem Hintergrund ihrer Erfahrung sind eindringliche, verstörende und manchmal geradezu entsetzliche Verse entstanden, die einem das Herz zuzuschnüren vermögen. / Kyffhäuser Nachrichten

„Lyrik gegen das Vergessen“; Michael Moll, Barbara Weiler (HG.)
Schüren Verlag, Marburg 1991.

74. Gemäßigt avantgardistisch

Die mit 7500 Euro dotierte Auszeichnung habe sich die junge Autorin, die zugleich Leiterin des «kookbooks»-Verlags ist, gleich in doppelter Hinsicht verdient, so Jochen Hieber, Vorsitzender der Jury. «Uns beeindrucken das hohe ästhetische Niveau ihrer Lyrik und der gemäßigt avantgardistische Ausdruck. Zugleich möchte die Jury sie auch für ihre verlegerischen Leistungen auf dem Feld der jungen, zeitgenössischen Literatur ehren», erklärte Hieber. …

«Daniela Seels Lyrik vermeidet jede falsche Feierlichkeit und spielt das komplizierte poetische Spiel mit der Sprache viel lieber mit ernster Leichtigkeit und aller Lust zum Experiment», heißt es in der Entscheidungsbegründung. Neben der «herausragenden Poetin» sei sie «eine ,möglich Macherin‘ zeitgenössischer Lyrik».

Die anstehende Veröffentlichung ihres ersten Gedichtbandes, «ich kann diese stelle nicht wiederfinden», war dabei «nur der Anlass für die Entscheidung und nicht der Hauptgrund», legt Hieber dar. / Patrick Wichmann, Frankfurter Neue Presse

Die Jury begründete die Vergabe des Förderpreises damit, dass die Texte in diesem Buch „Sensibilität im Wortsinn vorführen, Sinnlichkeit bis in die feinsten Nuancen erkunden. Daniela Seels Lyrik verfährt kompromisslos auf höchstem ästhetischem Niveau, vermeidet jede falsche Feierlichkeit und spielt das komplizierte poetische Spiel mit der Sprache viel lieber mit ernster Leichtigkeit und aller Lust zum Experiment. Neben der herausragenden Poetin würdigt die Jury auch die verlegerische Tätigkeit Daniela Seels. …“ Daniela Seel gründete 2003 den Verlag „kookbooks“, mit [sic] sie Werke vielversprechender junger Autoren herausgibt. Auch zwei Gedichtbände des Förderpreisträgers 2008, Hendrik Jackson, sind im Programm.

Mitglieder der Jury des Friedrich Hölderlin-Preises sind Vorsitzender Jochen Hieber (F.A.Z.), Oberbürgermeister Michael Korwisi, Kulturdezernentin Beate Fleige, Professor Dr. Anne Bohnenkamp-Renken (Freies Deutsches Hochstift), Professor Dr. Heinz Drügh (Johann-Wolfgang-Goethe-Universität), Professor Dr. Gerhard Kurz (Hölderlin-Gesellschaft) sowie der jeweilige Vorjahrespreisträger. / Frankfurt-live.com

73. Aufruf für Paul Verlaine

Die Association des Amis de Paul Verlaine – Freundeskreis Paul Verlaine – ruft dazu auf, Geld zu spenden, um die Wohnung, in der der Dichter Paul Verlaine geboren wurde, zu kaufen und eine Gedenkstätte zu errichten. Aber es eilt. Die Wohnung in Metz steht zum Verkauf. Man brauche sehr schnell die Summe von 300.000 €. / bibliobs

72. Förderpreis zum Friedrich Hölderlin-Preis für Daniela Seel

Der österreichische Autor Arno Geiger erhält den mit 20.000 Euro dotierten Friedrich Hölderlin-Preis 2011 der Stadt Bad Homburg. Der 42-Jährige ist der erste Schriftsteller, der nach dem Förderpreis im Jahr 2005 nun auch den Hauptpreis erhält. …

Den mit 7.500 Euro dotierten Förderpreis zum Friedrich Hölderlin-Preis erhält die Lyrikerin Daniela Seel. Der Preis wird am 5. Juni übergeben. / Kurier

Die Jury bezeichnete die gebürtige Frankfurterin als „Geheimtipp der jüngeren Lyrik“. Ihr Gedichtband „ich kann diese stelle nicht wiederfinden“ wurde als Buch gewürdigt, dessen Texte Sensibilität im Wortsinn vorführten und Sinnlichkeit bis in die feinsten Nuancen erkundeten. / FR

71. Elektrolyrik Darmstadt

Elektrolyrik Darmstadt, Franziska Maurer

Das P-Magazin Darmstadt schreibt in der aktuellen Ausgabe Februar:

Passen Lyrik und elektronische Musik zusammen? Lyrik erschließt sich meist erst nach mehrmaligem Lesen und Reflektieren. Der Genuss kommt in Etappen. Für unmittelbare Extase sorgt dagegen elektronische Musik. An diesem Abend im Schlosskeller wird die Mixtur versucht: In Lounge-Atmosphäre gibt es die Vermengung von Lyrik und elektronischen Sounds. Martina Weber, Silke Peters und Özlem Üzgül Dündar werden ihre Vokal-Werke zum hintergründigen Beat der Darmstädter Djanes Franziska Maurer (Bedroomdisco) und Doris Vöglin (DontCanDJ) vortragen. Initiatorin des Projekts Bianca Gillich moderiert und führt durch den Abend.

Schloßkeller Darmstadt
Dienstag 22.2.
Beginn: 20:30 Uhr
Eintritt: 4 €

70. Quasimodo deutsch

Einen Vers des sizilianischen Dichters Salvatore Quasimodo (1901-1968) kennt fast jeder in Italien auswendig: Die Wendung „Und gleich ist es Abend“ hat es zum geflügelten Wort gebracht. Anhand einer vorbildlich gestalteten, zweisprachigen Ausgabe ist der Nobelpreisträger von 1959 jetzt auch bei uns neu zu entdecken. Die kundig kommentierte Auswahl bietet einen Querschnitt durch das Werk; rund die Hälfte der 110 Texte kann man zum ersten Mal auf Deutsch lesen.

Der ehemalige Landvermesser und spätere Literaturprofessor Salvatore Quasimodo gilt als großer Repräsentant des Hermetismus, einer Strömung, die an das Erbe des Symbolismus anknüpft und das Gedicht als Chiffre begreift. Quasimodos Klangmagie, die symbolisch aufgeladenen Motive wie Wind, Wolke, Wasser, Licht, Baum, Sumpf, die syntaktischen Muster mit Verkürzungen, dem Verzicht auf Artikel und einem schillernden Gebrauch der Präpositionen passten in das Schema der neuen Richtung. / Maike Albath, DLR

Salvatore Quasimodo: Gedichte 1920 – 1965. Italienisch – Deutsch
Ausgewählt und übersetzt von Christoph Ferber, mit einem Nachwort von Georges Güntert und Kommentaren von Antonio Sichera
Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, Mainz 2010
332 Seiten, 20 Euro

69. „Ein pathostrunkener Dilettant, dem jedes Gefühl für Form fehlt“

Bernhard ein begabter Lyriker? Mitnichten. Ein pathostrunkener Dilettant, dem jedes Gefühl für Form fehlt. Es ist das harsche Urteil eines Mannes, der den Editionsplan der Bernhard-Werkausgabe kennt. 2014 wird es den Band 21 geben. Lyrik. Herausgeber: Raimund Fellinger. 3000 Blatt mit Gedichten liegen noch im Gmundener Thomas-Bernhard-Archiv, und das ist nur der Rest eines Autodafés, das in den Fünfzigern stattgefunden hat. Die Editionsgeschichte von Bernhards Lyrik ist ebenso durchwachsen wie ihr Verkaufserfolg. 1958 werden vom Band „Unter dem Eisen des Mondes“ 1000 Exemplare gedruckt. 1968, also nach dem großen Erfolg von „Frost“, warten davon noch 739 auf Käufer. Als Lyriker war Bernhard ein Netzwerker, der 1955 mit einem gewissen Sepp Hödlmoser bei der Bundespolizeidirektion Salzburg „Wochen der Dichtung“ anmeldet, deren Autoren er auch gleich noch publizistisch abfeiert. Bei S. Fischer, der dann doch nicht sein Verlag wurde, macht Bernhard Verträge über zukünftige Werke, unter anderem den Band „Dichtung I“. Aber das Selbstbewusstsein bröckelt, bis Bernhard 1961 ein Ende seiner lyrischen Produktion verkündet. / Paul Jandl, Die Welt

68. Gert Jonke mit Kreide

Bei Facebook gefunden: Anlässlich des 65. Geburtstages des Schriftstellers Gert Jonke und der Verleihung des ersten Gert-Jonke-Preises am 6. März im Musil Haus gibt es im RAJ (Badgasse 7, 9020 Klagenfurt) vom 8. Februar bis 6. März dreizehn (13) Jonkegedichte auf der schwarzen Tafel zu lesen. Die Auswahl der Gedichte wurde von Wilhelm Huber besorgt. (Der österreichische Schriftsteller war 2009 gestorben).

67. Bloggerin verurteilt

Ein syrisches Militärgericht hat eine junge Bloggerin zu fünf Jahren Haft verurteilt. Ihr wird Spionage für die USA angelastet. Syrische Menschenrechtler und die US-Regierung bezeichneten den Vorwurf als absurd.

Nach Angaben der Organisation «Human Rights Watch» hatte die 19-jährige Tal Al-Malluhi in ihrem Blog Gedichte und andere Texte veröffentlicht, die sich mit dem Leid der Palästinenser auseinandersetzen. Im Dezember war sie spurlos verschwunden. / kuvi.de

 

66. „The Raven“

Der Amerikanist Walter Grünzweig, die Komponistin Olga Neuwirth, die Prinzipalin des Wiener Kabinetttheaters, Julia Reichert, und der Schriftsteller Ilija Trojanow sprechen über das berühmteste Gedicht der englischsprachigen Literatur.

Am 29. Jänner 1845 erschien „The Raven“ erstmals im New Yorker „Evening Mirror“ und machte den Verfasser über Nacht berühmt und zum Mittelpunkt der literarischen Salons und Soireen. Das „long poem“ über einen Protagonisten, der sich in düsteren Träumen nach seiner verstorbenen Geliebten sehnt, vereint alle Motive, die für Poes Schaffen typisch sind: der Tod einer schönen jungen Frau; der einsam trauernde Liebende; die masochistische Sucht nach Affirmation seines Leids und die quälende Ungewissheit, ob es ein Leben und vielleicht ein Wiedersehen nach dem Tod gibt. / Eva Schobel, ORF

65. Rückblende Juli 2001: Journalistischer Sumpf

Gestorben ist der deutsche Schriftsteller Arno Reinfrank in London im Alter von 66 Jahren. Reinfrank verließ die Bundesrepublik 1955 aus Protest gegen die Adenauer-Politik. Seit 1989 gehörte Reinfrank dem deutschen Schriftstellerverband PEN (Ost) an.

Zwei weitere Lyriker starben durch Selbstmord.

Der holländische Rockmusiker, Maler und Lyriker Herman Brood sprang im Alter von 54 Jahren vom Dach des Amsterdamer Hilton Hotels in den Tod. Er trug einen Abschiedsbrief bei sich, in dem stand, dass er keine Lust mehr habe.

Der Italiener Mario Stefani nahm sich schon im März das Leben. Die FAZ zitiert eine große Zeile:

„Wenn Venedig die Brücke nicht hätte, wäre Europa eine Insel.“

Dante: das Persönliche war politisch, schreibt der amerikanische Dichter Robert Pinsky in einer Besprechung des Dante-Buches von R.W.B. Lewis / The New York Times *) 29.7.01 . Pinsky veröffentlichte vor kurzem (2001!) eine Übersetzung des Inferno.

Dass Federico Hindermann zu den besten Schweizer Lyrikern der Gegenwart gehört, ist kaum bekannt (schrieb die NZZ):

Das liegt nicht nur an der modischen Zerstreutheit der Literaturkritiker, sondern auch an der diskreten Eleganz, mit der dieser Autor sich während seines ganzen Lebens der Publizität entzog und Einordnungen widersetzte. Einem Kritiker schrieb er einmal: «Es gibt doch, wenigstens für mein Empfinden, kaum etwas Überflüssigeres als die üblichen Anzeigen von Lyrik mit drei oder vier herausgerissenen Versen und dem Vermerk über die Richtung des Verfassers.»

Unzufriedenheit mit der Kritik auch andernorts:

T. S. Eliot durchbrach den Nebel über dem journalistischen Sumpf seiner Zeit mit der Gründung der von ihm herausgegebenen Zeitschrift «Criterion»; der britische Lyriker und Literaturwissenschafter Craig Raine versucht mit «Areté» neuerdings das Gleiche.

Wer auf dem Kopf gehe, sagte Paul Celan in seiner „Meridian“-Rede im Oktober 1960, interpretiere die Welt anders, weil er den Himmel als Abgrund unter sich habe. Dieses Bild hat seitdem eine eigentümliche Karriere gemacht: Celans Interpreten proben den Kopfstand, weil sie glauben, nur so mit ihm auf Augenhöhe zu sein. Doch stehen ihnen die Kommentatoren gegenüber. Sie müssen mit beiden Beinen fest auf der Erde stehen, wenn sie die Gedichte in Lemmata teilen, um sie danach dem Leser als Gedichte wieder zurückzugeben. / Süddeutsche 27.7.01

Liest man Bashos Gedichte in einer westlichen Übersetzung, kann leicht der Eindruck entstehen, die Einfachheit dieser immerhin vierhundert Jahre alten Gedichte impliziere poetische Anspruchslosigkeit. Aber gerade das Gegenteil ist wahr, denn wie stets ist poetische Unmittelbarkeit Ergebnis einer komplexen Rhetorik. /Hans Jürgen Balmes NZZ 26.7.

Thema im Juli war das Forum der 13 (hier) und Marcel Beyers west-östliche Erfahrungen mit Meldestellen, heißen sie nun Hausbuch (Dresden) oder Einwohnermeldeamt (Köln).

Die taz veröffentlicht Gedichte vor 10 Jahren wie heute fast nur noch in der wahrheit. So am 26.7. „sechs Grünbein-Anekdoten“ von Thomas Gsella (mit Gastreimen von Klaus Cäsar Zehrer). Der Anfang geht so:

Durs Grünbein saß zuhaus und schrieb
an seine Frau: „Ich hab dich lieb.“
Die Olle fands nach Tagen:
„Mir kannste det doch sagen!“

Ansonsten war über die taz als lyrikfreie Zone zu berichten:

Vorbei die Zeiten, als sie Ernst Jandls auf originelle Weise auf der Titelseite gedachten und als sie, noch Anfang der neunziger Jahre, serienweise internationale Poesie vorstellten. Die heutigen taz-Macher scheinen zu glauben, daß der heutige taz-Leser anderes erwartet. Ein Viertel des mageren zweiseitigen (hinter einer selbstreferentiellen „taz muß sein“-Seite versteckten) Kulturteils nimmt ein Lara-Croft-Foto ein. Milosz: Fehlanzeige.

Sonst aber sehr viel über den polnischen Dichter. Die Süddeutsche schrieb:

Er ist amerikanischer Staatsbürger, einer der bedeutendsten polnischen Dichter des 20. Jahrhunderts und in Litauen aufgewachsen – so viel zu den Wurzeln seines Schaffens. Als er 1980 überraschend den Literaturnobelpreis erhielt, wusste sein deutscher Verlag nicht, dass er die Rechte an einigen seiner Werke besaß – so viel zu seinem damaligen Bekanntheitsgrad.

Lesenlernen mit Stein & Draesner (Gertrude und Ulrike) war angesagt:

Ein weiteres wesentliches Element für das Lesenlernen ist die Wiederholung. Und da die Wiederholung als Variation, Modulation, Reihung, angedeutete Endlosschlaufe zu Steins bevorzugten Stilmitteln gehört, wurde „The First Reader“ ein wunderbares Gertrude-Stein-Buch, ein Dokument ihrer immer noch frischen literarischen Minimal-Art, verwandt beispielsweise den Prosapoemen aus „Zarte Knöpfe“ oder den Gedichten aus „Spinnwebzeit“. Mit Gertrude Stein lesen zu lernen ist eine herzerweiternde Übung. Ulrike Draesners Übersetzung vertieft den Lesegenuss. Mit ihrem sprachschöpferischen Ansatz der „Radikalübersetzung“, den sie bereits bei ihrer Übertragung von Shakespeare-Sonetten praktizierte, wird sie Gertrude Steins Sprachexperiment gerecht, wenn sie sich, wie die Stein, oft weniger am Wortsinn als an der Sprache selbst orientiert.

Gertrude Stein: „The First Reader“. Aus dem Amerikanischen von Ulrike Draesner . Zweisprachige Ausgabe. Ritter Verlag, Klagenfurt/Wien 2001, 125 Seiten, 39 DM /Florian Vetsch, taz 24.7.01

Thomas Kling war 2001 in jedem Monat präsent.  „Der surfende Hermes“, schrieb Cornelia Jentzsch:

Kling räumt mit Missverständnissen auf, indem er historisch weit ausholt. Seine Kritiker werfen ihm oft vor, hermetisch zu schreiben, meinen wohl aber eigentlich unverständlich. Der Dichter rückt den Begriff ins rechte Licht, in die unmittelbare Nähe zur mythologischen Hermesfigur. Der Götterbote funktioniert in seiner steten Reise- und Übersetzungstätigkeit zwischen Oben und Unten und zwischen Licht- und Schattenreich als „Teilchenbeschleuniger, als Beschleuniger von Sprachteilchen“, als Vermittler der Sphären. /  Berliner Zeitung 21.7.01

Ob die US-amerikanische Lyrik von Professoren gekapert wurde, diskutierte man in Übersee. „Kaum jemand in den USA schreibt Gedichte, nur Professoren, und kaum jemand liest sie, nur die Professoren, die sie schreiben“.

Die Welt fragte Friederike Mayröcker:

Frau Mayröcker, was empfanden Sie, als Sie erfuhren, dass Sie den Büchnerpreis bekommen?

Friederike Mayröcker: Ich habe geheult. Stundenlang habe ich geweint. Es war Freude, aber auch furchtbare Traurigkeit, weil die Menschen, die ich so geliebt habe, es nicht mehr erleben konnten – Ernst Jandl und meine Mutter.

Sie sind nach Ernst Jandl (1984) und H.C. Artmann (1997) die dritte Büchnerpreisträgerin aus der Wiener Gruppe von Dichtern, die mit experimenteller Poesie Aufsehen erregten. Was war so avantgardistisch an Ihrer Wortkunst?

Mayröcker: Wir trauten der herkömmlichen Sprache nicht mehr und haben damals nach dem Kriege versucht, etwas Neues zu machen. Wir haben aus Büchern, Zeitungen und Zeitschriften Texte montiert Sprachcollagen als Sprachverfremdung. / Welt am Sonntag 15.7.01

Zum Schluß zwei Blicke ins fremdsprachige Ausland. Tschechien (das nicht 2001, aber dunnemals Tschechoslowakei hieß):

Jan Zahradnicek (1905 bis 1960) war … mit dem surrealistischen Spieler Vitezslav Nezval und dem Tragiker Frantisek Halas einer der bedeutendsten Poeten der Epoche. Ihm blieb nichts an privaten und politischen Drangsalen erspart. Der Bauernsohn … stürzte als Junge so unglücklich vom Getreideboden, daß er zeitlebens verwachsen blieb. … Als die Kommunisten zur alleinigen Macht gelangten, verhängten sie über ihn und seine Freunde ein absolutes Publikationsverbot; im Jahre 1951 konstruierte der Staatsanwalt eine Verschwörergruppe katholischer Intellektueller, und man verurteilte Zahradnicek zu dreizehn Jahren Kerker. … (Er) wurde 1960 aus der Haft entlassen. Er starb noch im gleichen Jahr an den Folgen der Haft, und die Gedichte, die er als Häftling geschrieben hatte, zirkulierten wieder in geheimen Abschriften. / Peter Demetz, FAZ 14.7.01

Zahradnicek, Jan
„Vogelbeeren / Jeraby.“ Gedichte. Tschechisch-Deutsch
Bibliotheca Bohemica, Band 39, Vitalis Verlag, Furth – Prag 2001, ISBN 3934774709 Broschiert, 80 Seiten, 24,80 DM

Und Arabien (damals wie heute nicht ein Land, sondern viele):

Ein besonderer Genuss ist das Vorwort, das ungewohnt deutlich Kritik übt – am Hang arabischer Lyriker zum «rhetorischen Wortgeklingel» und am Opportunismus als einem «Grundübel» arabischer Kultur. Dass al-Maaly ausgerechnet Verse des Erzmodernisten Adonis als Beispiel zitiert, ist mehr als pikant. Wohl schätzt er sein literarisches Urteil – aber das ekstatische Loblied auf die iranische Revolution von 1979 («Das Volk des Iran schreibt an den Westen: / Dein Gesicht, du Westen, stürzt zusammen / Dein Gesicht, du Westen, ist abgestorben») ist tatsächlich eine Geschmacklosigkeit. Mit anderen Worten: Der Wanderer zwischen den Kulturen hat das Allzu-Arabische fortgelassen, der Leser weiss es ihm zu danken, wie er ihm dankt für das viele Schöne, das er glücklich ins Deutsche zu retten wusste. / Ludwig Ammann NZZ 3. Juli 2001

Khalid al-Maaly (Hg.): Zwischen Zauber und Zeichen. Moderne arabische Lyrik von 1945 bis heute. Aus dem Arabischen von Khalid al-Maaly, Heribert Becker und Suleman Taufiq. Verlag Das Arabische Buch, Berlin 2000. 493 S., Fr. 49.80.