21. Umbenennen

Albert Sergel wurde 1876 in Peine geboren. Bekannt geworden ist er durch Kindergedichte. Doch er schrieb auch politische Gedichte – als Anhänger der Nationalsozialisten. Die Grünen im Peiner Stadtrat fordern daher eine Umbenennung der Straße. / Peiner Allgemeine

 

20. halb mattes glas

L&Poe Woche der türkischen Poesie

achim wagner

halb mattes glas

beim tumult
unter hastigen schirmen
ipek
hautnah verteilte flüche

– gekippte konstellationen –

in einer oberen etage
nur noch
das ausgesprochene der zeitungen

wo dein sommersprossiger rauch

eine weitere kleine unordnung
zu dieser zeit des tages

(nach cemal süreya)

Zum Auftakt der kleinen „Woche der türkischen Poesie“ 2011 eine Gedicht von Achim Wagner, das sich auf den Dichter Cemal Süreya bezieht. Achim Wagner schreibt: „für mein gedicht gibt es nicht das eine – bestimmte – referenzgedicht süreyas, es ist ein kleiner versuch der annäherung an süreyas lyrische position, ebenso wie der versuch der über- und hinzuschreibung aus meiner (subjektiven) sicht…“

weitere anmerkung: „ipek“ ist sowohl ein türkischer frauenname als auch das wort für „seide“…

cemal süreya:

Am 9.4. gibt es in Stuttgart im Rahmen der Langen Nacht der Museen eine Präsentation der Gemeinschaftsarbeit „devam“ (= Fortsetzung, Dauer, Weiterführung) von Tessa Knapp (Multimedia-Künstlerin) und Achim Wagner; „eine arbeit, die wir 2009 in istanbul begannen… werde selbst bei der präsentation nicht anwesend sein können, da ich am 08.04. in ankara einen literaturabend im hiesigen goethe-institut moderieren werde…  achim wagner“

(Vgl. Woche der türkischen Poesie 2010, 4.4. – 11.4.)

19. American Life in Poetry: Column 315

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

We who teach creative writing have been known to tell our students that there is no subject so common and ordinary that it can’t be addressed in a poem, and this one, by Michael McFee, who lives in North Carolina, is a good example of that.

Spitwads

Little paper cuds we made
by ripping the corners or edges
from homework and class notes
then ruminating them into balls
we’d flick from our fingertips
or catapult with pencils
or (sometimes after lunch)
launch through striped straws
like deadly projectiles
toward the necks of enemies
and any other target where they’d
stick with the tiniest splat,
I hope you’re still there,
stuck to unreachable ceilings
like the beginnings of nests
by generations of wasps
too ignorant to finish them
or under desktops with blunt
stalactites of chewing gum,
little white words we learned
to shape and hold in our mouths
while waiting to let them fly,
our most tenacious utterance.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2005 by Michael McFee, whose most recent book of poetry is The Smallest Talk, Bull City Press, 2007. Poem reprinted from Shinemaster, Carnegie Mellon Univ. Press, 2006, by permission of Michael McFee and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

18. Wagners Australien

Wagners Australien wurde noch nie betreten, es ereignet sich nur hier, wo ein Häuptling spricht: «ich bin der letzte eines volkes, / allein mit der geschichte, einer sprache, / die mit ihm untergeht». Das Gedicht heisst «hononanz», und die Tante im Gedicht, die «das thema torte / in schmale kapitel teilt» fragt: «was heisst das denn? was ist das für ein wort?» Es ist eine Vokabel, die zwischen Assonanz und Homonym schillert (und damit zwei rhetorische Grundtechniken preisgibt), in dem das deutsche Wort Hohn sich mischt mit dem lateinischen honor, Ehre. Die Friedenspfeife des Häuptlings, «das kalumet // liegt kalt im schoss», während in Assonanzen und Alliterationen «das dorf noch immer qualmt» und mit jenem «qualmt» dann doch zurückbindet an «das kalumet», das «kalt» im Schoss liegt. Ein lautlicher Firnis schliesst die Oberfläche dieser traumhaft schönen Texte ab, ein Spiegelglanz aus Laut-Lichtern, wo auf dem Jahrmarkt, den die «frühen buchführer» besuchen, vielleicht nur deshalb «anis» ausliegt, weil die Silben das Wort «papier» vorbereiten. / Angelika Overath,  NZZ 2.4.

Jan Wagner: Australien. Gedichte. Berlin-Verlag, Berlin 2010. 206 S., Fr. 27.90.

17. Laudatio auf Marion Poschmann

Bettina Schulte: Laudatio auf Marion Poschmann zum Peter-Huchel-Preis am 3. April 2011

Wer mit Marion Poschmanns Gedichten in Berührung kommt, gerät ins Schwimmen. Das kann man zunächst buchstäblich verstehen. Das Element dieser Dichterin ist das Fluide: Wasser in allen Aggregatzuständen – als Welle, als Wolke, als Nebel, als Dampf, als Regen, als Eis, als Schnee. Man folgt ihr in Räume unter Wasser: „du hast mir Quallen, hast mir Bullaugen gegeben, /zwei runde Fenster in das unscheinbarste Meer“; in Räume voller Schäume: „sofern es mich hier gab, in diesem Raum voll Schäumen / war ich ein Badewahn vor weißer Kachelwand“; in Räume, in denen das Wasser von oben kommt: „es spritzt, es zischt. Fontänen prasseln /nieder auf mich“. Man folgt ihr – in Reminiszenz an eine Kindheit unter Brustenge und Atemnot – ins Solebad im Mülheimer Raffelbergpark mit seinem Inhalationsraum. Dort „atmen (wir) einander ein mit der Geduld der / Engel, Cumulonimbus, Cirrus, Stratus, / inhalieren unsere Schemen, es ist /nichts zu erkennen.“ …

Nein: Die Lyrikerin stellt die sinnliche Gewissheit selbst auf den Prüfstand. Sie nimmt den Prozess der Wahrnehmung selbst ins Visier, indem sie das empirische Sehen auf seine seit Platon behauptete Erkenntniskraft testet. Mit fragwürdigem Ergebnis. Die überwiegend dem Sehvorgang gewidmeten Kapitelüberschriften des Bandes sprechen eine klare Sprache: „Testbilder“, „Störbilder“, „Spiegelungen“, „Trugbilder“ und „Nachbilder“ werden angekündigt. Und das Kapitel ziemlich in der Mitte der Sammlung – es umfasst die meisten Gedichte – variiert den Titel: „die Geisterseher“.

In dieser Zentralabteilung wird der Leser mit „Bilokation“ und „Levitationen“ konfrontiert, zwei klassischen Phänomenen aus dem Reich des Spiritismus. Doch handelt es sich bei Marion Poschmann durchaus um irdisch-diesseitige Beobachtungen: um „Beleuchtungskörper, die in Unterführungen / unter der Decke schwebten“. Damit indes begnügt sich das Gedicht nicht. Schließlich ist die Heilige Stadt der Katholiken Rom im Spiel. Und so heißt es weiter: „zerwühltes / Licht an den Wänden, die Laken und Schweißtücher /bleicher Leiber –“. So elegant kann das Gedicht, selbst mit der Gabe der Bilokation ausgestattet, den Schauplatz wechseln und auf jene Levitation anspielen, die das Kernstück des römischen Glaubens ausmacht – um aber keineswegs abzuheben, sondern fast rüpelhaft auf dem Boden der Tatsachen aufzuschlagen: „elektrifizierte Reliquien, /umschwirrt von Fliegen und Pißgeruch, / sie brannten“, lauten die drei desillusionierten letzten Verse des Gedichts.

Man sieht: Das ist bei aller poetischen Geisterseherei und allen poetologischen Unschärferelationen, bei allem „Dämmerungssehen“ der „Spähtrupps des Unterbewusstseins“, sehr bewusst und sehr präzise gearbeitet. Neben den vertikalen Vernetzungen im Gedicht gibt es gleichzeitig ein horizontales Verweissystem von atemberaubender Dichte. Oft sind es Gedichtpaare, die sich spiegelbildlich gegenüberstehen: „vage Einsichten“ und „vage Aussichten“, „Selbstporträt als Innozenz (nach Velàsquez)“, „Selbstporträt als Innozenz (nach Bacon)“; „Vanitasgedanken bei Nacht“, „Vanitasgedanken am Tag“ – darüber hinaus die Minizyklen „Glanz“ und „Dampf“.
Das Double „vage Einsichten“/ „vage Aussichten“ sticht durch eine Eigenheit noch hervor: Es handelt sich um gereimte Sonette. Wie Marion Poschmann die aus der Renaissance überlieferte Urform des Gedichts wiederbelebt und tauglich macht für das 21. Jahrhundert: Das ist ganz hohe Kunst. Hören Sie selbst die die virtuosen und klangschönen Verse der Dichterin.

sofern es mich hier gab, in diesem Raum voll Schäumen
war ich ein Badewahn vor weißer Kachelwand
und meinem Spiegelbild es schien mir unbekannt
ein heller Widerstand in unsichtbaren Träumen.

dies war der Stoff, aus dem sich nackte Körper bäumen.
der bleiche Wasserdampf, die ausgetilgte Hand.
ein Bild, ein Fertigteil mit ungewissem Rand
wie ist die Welt so still in Seifenblasenräumen.

es fiel mir leicht, und doch – wie wäscht man Spiegelbilder?
meins floh, es war nur schwer zu mir zurück zu bitten
aus blindem Kondensat in diese Zimmerzeit.
ich wischte weg, was war, ich sah mich mild und milder.
ich lag dort aufgebahrt in meinem Dämmerkleid
ein grauer Gegenstand, um den die Nebel glitten.

/ Badische Zeitung

Mehr: Bericht der „Badischen Zeitung

16. Kritik der Lahmarschigkeit

Seine „Metaphorik der Überraschung“ sei als „Kritik der Lahmarschigkeit“ des herkömmlichen Gedichts zu verstehen. Lerner habe mit „Die Lichtenbergfiguren“ einen „furiosen Gedichtband“ geschrieben, ein „Meisterstück moderner Sonett-Kunst“, das „lyrische Direktheit mit kluger poetologischer Reflexion verbindet“.

Lerner und sein deutscher Übersetzer, der ein Jahr ältere Steffen Popp, haben gestern Morgen den Preis der Stadt Münster für Internationale Poesie erhalten.

Laudatorin Monika Rinck sagte ambitionierte Sätze wie „Die Gedichte wissen, was sie tun, indem sie mit den Dingen zusammenstoßen“ und „Wir sehen das Gewohnte, das Ungewohnte und das, woran man sich unmöglich gewöhnen kann, in der Kombination von Beidem.“ …

Lerner las mit warmer, dunkler Stimme seine Gedichte, Popp tauchte sie in seine eigene Melodie. „Gather your marginals, Mr. Specific. The End/is nigh“, schreibt Lerner. Und Popp übersetzt: „Pack deine Fußnoten ein, Dr. Akribisch. Das Ende/ ist nah.“

Man sollte ganz dringend die Gedichte von Lerner lesen. / Sabine Müller, Münstersche Zeitung

Ben Lerner: Die Lichtenbergfiguren. Gedichte. Zweisprachig. Übersetzt von Steffen Popp. Luxbooks, 52 S., 18,50 Euro.

15. Den Kritikern ins Stammhirn

Über Literatur und Kritik

Von Frank Schäfer, junge Welt

Auch wenn die Kritik selbst literarisch ist, praktiziert sie Reduktion, sie schließt aus. Die Überheblichkeitsgeste der Kritik ist ihre Kompensation dieses Umstands. Sie weiß das naturgemäß selbst, und sie ärgert sich grün vor Neid. Deshalb auch oft dieser Furor sowohl des Verrisses wie des Lobs. Ist doch nur Kunst, könnte man dagegenhalten, tut doch keinem weh. Aber in beiden Fällen sind es Machtdemonstration, die umso forcierter ausfallen, je deutlicher der Kritiker dem Künstler zu verstehen geben will, daß er den längeren Füller hat. Insofern steckt noch in der größten Laudatio ein Kern Verachtung.

Schriftsteller schreiben etwas auf, um zu sehen, wie die Welt aufgeschrieben aussieht.

Roland Barthes erinnert daran, »daß das Mindere nichts Minderwertiges ist, sondern eine Gattung wie andere auch«. Eine Gattung zumal, die aufrichtiger und wahrer sein muß, weil sie sich von der Empirie nicht so weit entfernt. Man müsse der »größtmöglichen Zahl von ›kleinen Welten‹ Gehör verschaffen«, »die ›große Welt der Herden‹ durch die unaufhörliche Teilung der Partikularitäten angreifen« und immer wieder versuchen, »dem Prestige großer Proportionen zu widerstehen, und so den Eifer der Medien bremsen, das Ereignis selbst zu erzeugen«. Karl Kraus wußte das zwar auch schon, aber was wußte der nicht? Und letztlich gehört das immer noch allen Kommentatoren, Leitartiklern, Glossisten und nicht zuletzt Literaturkritikern ins Stammhirn geritzt.

14. Weltgeist beim Bier

Von Bertram Reinecke

Wer diese Gedichte beschreiben möchte, dem mag der spätere Kolbe einfallen. Auch hier herrscht ein sonorer Ton, der der Geschichte eingedenk ist, der die Tradition kennt, das Pathos aber zurückstutzt und nur durch das Alltagsweltliche oder Geschichtliche hindurch aufblitzen lässt.

Auch mag dem Gedichtleser ein Name wie Andre Schinkel einfallen. Wie dieser legt Schulreich dem sprechenden Gegenüber oft gefeilte Sentenzen in den Mund. Insgesamt ein Sprechen, dass versucht, dem Schönen sein Eigenrecht einzuräumen, das Weltfremde, dass der klassischen Schönheit vielfach zu eignen scheint, jedoch gänzlich abstreifen will.

Wer so vergleichend vorgeht, ist aber immer in Gefahr, seinem Gegenstand unrecht zu tun. Auch hier, insofern Schulreich leicht in den Ruch geriete den Stil größerer Kollegen zu kopieren. Er mag sie lesend kennen und schätzen, verfolgt seine eigene Arbeit aber auch schon seit über zwanzig Jahren und sein Band zeigt auch ältere Beispiele, sodass es immer ebenso gut möglich ist, dass die ostdeutschen Verhältnisse der Jahrtausendwende in ihrem konkreten So und So diesen Ton gefunden haben und dass sozusagen der (Welt)Geist der Nachwendezeit diesen Ton ausprägte in einem koevolutionären Prozess.

Es sollen darum nun die Eigenarten von Schulreichs Ton abgegrenzt werden: Gedichte der vorgenannten Dichter scheinen oft eine feine Unterscheidung zu machen: Entweder entscheiden sie sich für den Alltag dezidiert. Oder sie stellen sich auf den Standpunkt der Geschichte. Angesichts eines wichtigen Themas scheint der Alltagskram nicht wichtig. Mag er auch gewissermaßen als Zitat exemplarisch aufgerufen werden, so neigen die Texte doch dann dazu, notwendige Verrichtungen zu thematisieren. Als würden die Subjekte der Geschichte nicht zu allen Zeiten auch in der Kneipe sitzen und Bier trinken. Bei Schulreich ist das anders. Ein Gedicht über den Jugoslawienkrieg endet z.B. so:

Fett rändert im Napf, in Erregung
ich rufe und rufe nach Bier:
Ein Schrei fasst Raum, hinterm Fluß
zieht Musik auf, Engelstrompeten.
Ich zahle und sitze. Kommtgeht.

Eines über Weimar bzw. Buchenwald ähnlich:

Weimar und alle verlassen,
bar jeder Kämpfe, Krämpfe
genieße ich die pure Frucht,
habe die Schatten gezählt.

Ein letztes Funkeln von aufklärerischem Geist scheint in unseren Lektüren zu leben und schnell kommen uns solche Stellen dann beliebig oder irgendwie unsauber vor. Wenn schon Biergelüst und Schrecken gegeneneinander geschnitten werden, dann soll das Gedicht gefälligst wenigstens eine Klage über Utopieverlust enthalten oder etwas dergleichen. Bei Schulreich wirkt alles oft beiläufig, schulterzuckend, als könne man sich abfinden. Aber mal ehrlich: Wenn wir die Nase rümpfen, ist es dann nicht eher, weil wir, wenn wir lesen, manchmal gerne bessere Menschen wären als wir sind? Obwohl wir doch, wenn wir die Weltprobleme wälzen, auf kleine Annehmlichkeiten ebenso ungern verzichten? „Höher hinaus will ich nicht“ bekennt Schulreichs Gedicht „Von Wettern gewaschen“ und anderswo heißt es:

Wir scharen uns
einen neuen Winter um Punschgläser, Zapfhähne,
trennen uns früh, weil niemand
Gott ist am Tisch, den wir verlassen

„… Das Bier erlischt/ in unbemossten Gläsern.“ Die zweite Besonderheit die damit zusammenhängt, besteht darin, dass sich Schulreichs Texte weiter von der Alltagssprache abzusondern trachten, als der Durchschnitt der Gedichte eines Hilbig und Kolbe, beziehungsweise, dies an Stellen tun, wo es diese beiden Dichter nicht für notwendig erachteten. „Wenn“ und „als“ sind sehr häufig durch das gehobene „da“ ersetzt. Inversionen tauchen plötzlich aus einem viel zurückhaltenderen Sprechgestus hervor:

hören den Spatzen zu die neuerliche Nester baun
unter dem First. Hinter der Stirn brüten wir aus
was niemals wir beginnen …

Im ruhigen prosanahen lose gebundenen Sprechen schwimmen Verse mit, die von der Gespanntheit an Hölderlin oder Klopstock erinnern: „da sind, die ich aus den Sinnen verlor, rücken Stühle“ heißt es im Gedicht „Nachtwerk“ oder „Höbe ich jetzt die Hand aus dem Blatthaus, ich könnte“…

Wenn mir auch die Funktion solcher auffahrenden poetischen Gesten nicht immer klar wird, so machen sie doch unaufdringlich fühlbar, dass hier etwas zusammengedacht wird, was ansonsten fein säuberlich in getrennten Schubladen liegt.

„Den Leipziger Südraumdichter Ekkehard Schulreich einen Schöngeist zu nennen, fällt schwer, und wahrscheinlich würde er solch Etikett auch als finstere Beleidigung vermerken“, stellt denn auch der Kollege Norbert Weiß im Nachwort fest. Schulreichs Dichtung ist eng mit dem Südraum von Leipzig verbunden. Als Lokalredakteur tut er sich auch beruflich dort um. Und wenn man bei Sächsischem Habitus und Kohleabaggerung sofort an Hilbig denken mag, ist das nicht seine Schuld. Er hört sich unter den gleichen Leuten um. Er kennt seine Leute, weiß was sie wissen, schreibt für die, die das erlebt haben. Er zitiert etwa verfremdet das Lied: „Soldaten sind vorbei marschiert“, bezieht sich auf vergangenen Funktionärssprech „… ehe/ der Schichtbus uns verlud in die Schlacht“ oder schneidet alte Zumutungen und neue gegeneinander:

… Meine Hand
für mein Produkt; Hands up, Lady, hands up!
In der Straße der Besten, zwischen Abba,
silikongerundeten Schönen im Spind, Silikose

Das ist eine ganz andere Haltung als sie Hans Ulrich Treichels Gedichte verkörpern, der der gleichen Gegend vor einigen Jahren ebenfalls einen Gedichtband widmete. Wo Treichels Ironie eher eine (melancholische) Distanz zu seinem Gegenstand wach hält, nutzt Schulreich dies Mittel, um gesellschaftliche Geltungsansprüche anzugreifen. (Lediglich, dass sie auch die Geltungsansprüche des lyrischen Ichs manchmal ironisch unterlaufen, stellt eine gewisse Gemeinsamkeit zwischen beiden Dichtern her.) Während jedoch Treichel aus dem Detail vor allem exotisches Kolorit für seine allgemein (West)menschlichen Beobachtungen zieht, und man sich fragt, ob etwa in seinem Gedicht „Interregio Berlin – Leipzig“ die „Kekse [..] aus Zwickau“ nicht ebenso aus Delitzsch und der „Kakao aus Plauen“ nicht ebensogut aus Radebeul stammen könnten, schreibt Schulreich eher wie ein Lokaljournalist, der „lebensecht“ zeichnet, weil er den Portraitierten am nächsten Tag wieder auf der Straße (bzw. beim Bier) begegnet. (Man hört, dass sein Verleger auf den Autor durch eine Lesebühne in dieser Gegend aufmerksam wurde.)

Interessante Gedichte und Prosagedichte, die zeigen, dass es auch nachdem der Ziegelstein „Es gibt eine andere Welt“ mit sächsischen Gegenwartsgedichten erschienen ist, dort noch Stimmen gibt, die man neu für sich entdecken kann.

Ekkehard Schulreich „Fette Jahre“. FHL Verlag. 154 Seiten Hardcover mit Lesebändchen mit Ilustrationen von Eckhard Zehne, 18 Euro

13. Meine Anthologie 73: Philippe Jaccottet, Vor lauter Donner

Vor lauter Donner
bekommt das Firmament heut Risse.

In der alten Welt
antworteten fast jedem Gewitter
eine entkleidete Nymphe
und ein ruhiger Hirt.

Sie sagte, zwischen zwei Schreien,
zwischen zwei Tränenausbrüchen:
»Ich habe ein Laubdach gefunden
und einen schlafenden Freund.«

Und er:
»Frohe Botschaft vor dem Ende der Welt:
noch immer läßt die Sternenmilch
deinen Busen schwellen.«

Philippe Jaccottet : Antworten am Wegrand. Deutsch von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz. München Wien: Hanser 2001, S. 56.

(Numerierte Beiträge meiner Anthologie stammen aus der ersten Staffel von 2000/ 2001)

12. Nicht golddurchschossen

Noch einmal Österreichisch. Die Presse beginnt eine Reportage über den Wiener Wurstelprater mit Versen von Heimito von Doderer. Einem Vers, genauer gesagt:

Lichtvoll bricht die Sonne durch die alten Praterbäume – und das war’s dann schon mit Heimito von Doderer. Über den ersten Satz der ersten Strophe kommen wir nicht hinaus. Es gibt hier keine weißen Tische, keine „golddurchschossnen Räume“, keinen „purpurblutenden“ Sonnenuntergang hinter „schweren Wipfeln“. Es gibt viel Lärm, grelles Licht, lautes Geschrei und den Geruch von altem Speiseöl.

Wir sind hier weit weg von der Idylle, die der große österreichische Autor in seinem Gedicht „Praterabend“ beschreibt.

 

11. „Brecht ähnlich“

Die Presse sprach mit dem Schauspieler und Regisseur Otto Schenk auch über Gedichte:

Na ja, den Morgenstern mag ich auch sehr gern, er bedient meinen Humor, und auch Brecht ist ein großer Lyriker, vor allem dort, wo er sich selber fremd wird. Aber Rilke bin ich ganz verfallen, seit ich bewusst gelesen habe. Er ist für mich der, der es am besten sagen kann, es ist so endgültig und unwidersprochen schön, was er in den Meistergedichten sagt. Vor allem die schlichten Worte, die im Alltag darben, liebe ich so. Bei aller ätherischen Ausartung, wie man das böse nennt, verlässt er nie das Menschenwort, das einfach Gesagte, das kommt auch so plötzlich, so überraschend. Es macht ihn Brecht ähnlich. Ich finde gar nicht so viel Unterschied zwischen einem guten Gedicht von Rilke und von Brecht.

„Armut ist ein großer Glanz von innen“ lässt mich ein bisschen schaudern. Da möchte ich ihm sagen: „Probier es nur einmal!“ Er meint es sicher anders, gerade im „Stundenbuch“ redet Rilke manchmal geradezu sozialistisch. Es gibt auch in der letzten Duineser Elegie, in die ich mich mit Achtung, Freude und Begeisterung begebe, Stellen, die mir unverständlich sind. Man findet aber auch so viel aufregend Untypisches bei ihm.

10. Preisverlehung in Staufen

Die Schriftstellerin Marion Poschmann wird morgen 11 Uhr mit dem diesjährigen Peter-Huchel-Preis für deutschsprachige Lyrik ausgezeichnet. Die 41-Jährige erhält die mit 10 000 Euro dotierte Auszeichnung für ihren Band «Geistersehen». Für die Jury überzeugt Poschmanns Lyrik durch sprachliche Virtuosität und gedankliche Geschlossenheit. Verliehen wird der Preis im südbadischen Staufen (Kreis Breisgau-Hochschwarzwald). / Schwäbische Zeitung

Im SWR-Radio gibt es einen ausführlichen Bericht am 5.4. 17:05 Uhr.

9. UTE UFERLOS

Warum diese alten sehnsuchtsgetränkten Gedichte auskramen… Kein geringerer als mein geschätzter Dichterkollege HEL ToussainT behauptet schon lange allen Ernstes, ich sei eher ein MYSTIKER als ein LYRIKER – ein veralteter Unterschied, den meine Poetologie der „Direkten Dichtung“ natürlich ad absurdum führt (und den vermutlich kein mystischer Dichter jemals selbst machte!). …

Aber zurück zu den wichtigen Dingen des Lebens: die SEHNSUCHT ritt mich wirklich inbrünstig und tief, bevor ich mein erstes „echtes“ (erfülltes) Liebesgedicht (gemäß der daraus hervorgegangenen E.S.-Forschung) niederschrieb. Und da fast jeder (junge oder steinalte, oder auch beides in einem) Mensch diesen allgemeinen „Lebenshunger“ nur allzu gut kennt, erfüllen die folgenden Texte vielleicht HEUTZUTAGE einen unvorhersehbaren Sinn, der in den 90ern nämlich noch gar nicht existieren konnte: dem heimlichen Sucher in seelischer Seenot im INTIMEN INTERNET Mut zu machen, daß er/sie NICHT der einzige einsame Mensch auf der Welt ist und „sogar solche“ vermeintlich „öffentlichen Menschen“ ganz stinkparanormale Verbündete in psychiatrisch grenzwertigen Zuständen sind… In diesem Sinne wünsche ich dem geneigten Leser GUTE UNTERHALTUNG bei der nicht-geleckten Lektüre dieser gradlinigen und dabei abgrundtief gratlinigen Lyrik, wie ich sie niemals mehr schreiben werde. Die Sehnsucht wandelt sich, auch der Stil (oder? oder klingen meine aktuellen Gedichte so ähnlich? was sagen die GerNmanisten*?) – andererseits fühle ich mich persönlich dank des mehrwöchigen Klinikaufenthaltes ausgerechnet diesen „peinlichen“ Frühwerken irgendwie fast verbundener als den aalglatten Lochgebeten (die kosmische Schmiere ist schuld!!!), denn ich erkenne in ihnen meine LEIDENSCHAFT (also die Fähigkeit, esoterisch-empirisch-ekstatisch zu leiden) als 1 LEGITIME Motivation zum Dichten viel purer, pathetischer und damit hautnäher & herznäher! Ich sage HERZNÄHER, weil ich so gerne im „GROßEN“ GEIST bade, der die „unendliche Leere“ besingt (die zweite Motivation!) und dabei sein eigenes Herz überspringt…

Lieber Hel, lieber Kai, hier sind sie nun, meine Herzschmerzgedichte – entscheidet erneut, ob ihr das einmal gefällte Urteil über mich revidieren heißt jetzt korrigieren heißt jetzt ausjustieren heißt EIGENTLICH illegalisieren müßt! Ich sage ALAAF! HELAU! UND HELAAF!!! HOCH LEBE DIE DICHTUNG – GANZ GLEICH WELCHER SORTE!!!

De Toys – Berlin-Neukölle, den 1. scherzfreien April 2011

*) nisten mager, Anm. Lyrikzeitung

8. idance

In der idance company tanzen Menschen mit Downsyndrom. Schriftsteller Peter Turrini war skeptisch – und macht jetzt mit Texten selbst mit:

Gestern Abend saß Turrini selbst auf der Bühne der Wiener Kammeroper. Im Scheinwerferlicht die idance company, sie tanzt zu Tango und Xavier Naidoo, zurückhaltend, temperamentvoll, immer ausdrucksstark, manche der Tänzer behindert, andere nicht. Turrini liest dazu Gedichte. Texte, die er vor gut 30 Jahren geschrieben hat: Damals war er 35 und saß in der Psychiatrie. Ein Arzt hatte ihm erklärt, dass er nicht mehr herauskomme, wenn er sich nicht mit den Erfahrungen seiner Kindheit konfrontiere, und verlangte bei jeder Visite ein Gedicht.

/ Teresa Schaur-Wünsch, Die Presse

7. Arbeiterlyrik

Der Werkkreis Literatur der Arbeitswelt veröffentlichte „35 unterschlagene Gedichte“ von Alfons Petzold. Frank Milautzcki schrieb darüber bei fixpoetry. 2 Auszüge:

1

1911 erschien der Band „Seltsame Musik“ mit sozial engagierter Lyrik von Alfons Petzold beim Wiener Verlagsbuchhändler Theodor Daberkow, der sich sonst eher humoristischen Vorträgen, Parodien, Travestien und Couplets verschrieben hatte, aber diesem offensichtlichen Dichtertalent aus den Gossen nicht widerstehen wollte, als eine reiche Förderin das Portemonnaie zückte und ihre „Unterstützung“ auf den Tisch blätterte. Es war bereits Petzolds zweiter Band Gedichte. Gefördert wurde er (auch finanziell) von der Baronin Frida von Meinhardt, die in ihrer früheren Karriere als Schauspielerin gescheitert war und sich in der Folge als Rezitatorin österreichischer Dichter versuchte, dabei sehr bald Affinitäten zur Arbeiterbewegung entwickelte und schließlich ihre Vorträge in die Wiener Arbeiterbildungsvereine verlegte, wo sie dankbarere Zuhörer fand und 1907 auch Petzold kennenlernte. Sie schrieb das Geleitwort zur „seltsamen Musik“, worin sie ihr Hintergrundwirken nicht gerade verschwieg, und handelte sich prompt schärfste Kritik aus den Reihen der Sozialisten ein: sie töne mit einer Selbstgefälligkeit, die typisch sei für die Söhnchen und Töchterchen der Bourgeoisie – Alfons Petzold sei als Arbeiterdichter ganz aus sich gewachsen und schulde niemandem einen Dank, auch einer Frida von Meinhardt nicht. „Was  u n s  Petzold so lieb und wert macht: daß er der Dichter der Arbeit, der Not, daß er  u n s e r  Dichter ist. Ein Sänger der Freiheit, ein Rufer zur Enthebung aus dem kapitalistischen Joch.“ hieß es im Literarischen Beiblatt „Ohne Herrschaft“ der anarchistischen  Zeitschrift „Wohlstand für alle“ im November 1911, inclusive Hervorhebungen.

2

Nachwievor gilt: ausgesprochen sozialkritische Dichtung ist – aus dem Blickwinkel der Literaturkritik gesehen – selten gut und gute Dichtung – aus dem Blickwinkel der Sozialkritik gesehen – selten explizit sozialkritisch. Das hat mit Klassen von Aspekträumen zu tun, in denen Text entsteht, nachdem man sich einen Verhalt aus einem eigenen Kontext heraus angesehen hat. Die Aspekte der Welt, denen sich die fast immer universitär geschulten Dichter/innen glaubhaft widmen können, sind naturgemäß verschieden zu denen, die ein Malocher aus seiner Welt wird herauslesen können. Das ist einfach so und nicht weiter schlimm. Es ist für einen Arbeiter schlichtweg nicht sehr interessant, was manche Sprachexperimentatoren hervorstolpern und umgekehrt gehören die basics des Arbeiterlebens und dessen Betroffenheiten nicht unbedingt zum Vokabular des literaturbetrieblich geforderten/geförderten Abstraktheitsgrads. Dennoch gibt es fruchtbare Überschneidungen und der großer Teil der Lyrik heute ist mehr denn je in Aspekträumen unterwegs und lebendig, die man in allen Lebenskontexten verorten kann. Sie ist gegenwartsorientiert und nicht ewigkeitsgeil.

Alfons Petzold: 35 unterschlagene Gedichte. Ausgewählt und zusammengestellt von Herbert Exenberger. Mit einem Vorwort von Friedrich G. Kürbisch. Werkkreis Literatur der Arbeitswelt, Wien 2010.