Die Arbeitsgemeinschaft Alpen-Adria lädt zum vierten Dichter-Symposium nach Caorle bei Venedig. Schirmherr der diesjährigen Veranstaltung ist der ungarische Dichter Géza Szöcs.
Flussi Diversi – Poesie in alpen-adriatischer Vielfalt
27-29 Mai 2011
http://flussidiversi.jimdo.com/
Liste der teilnehmenden Dichter:
Antonio Cassuti (Italia)
Augusto Debernardi (Italia)
Conny Stockhausen (Italia)
Diana Rosandić (Croazia)
Egon Günther (Germania)
Enrico Grandesso (Italia)
Eros Olivotto (Italia)
Fabio Franzin (Italia)
Flavio Ermini (Italia)
Gábor Nagy (Ungheria)
Gerhard Altmann (Austria)
Géza Szöcs (Ungheria)
Giacomo Scotti (Italia)
Gianluca Chierici (Italia)
Ida Travi (Italia)
Isabella Panfilo (Italia)
Iztok Osojnik (Slovenia)
Linda Mavian (Italia)
Luciano Cecchinel (Italia)
Marina Moretti (Italia)
Mario Rossetti (Italia)
Marko Kravos (Italia)
Maurizio Mattiuzza (Italia)
Mila Haugová (Slovacchia)
Nikola Kraljic (Croazia)
Patrizia Valduga (Italia)
Renata Visintini Lambertini (Italia)
Roberto Nassi (Italia)
Tiziano Brogliato (Italia)
Tomaso Kemeny (Italia)
In „Le Chant d’al-Andalus“ (Das Lied Andalusiens), übersetzt und kommentiert von Hoa Hoï Vuong und Patrick Mégarbané, die bereits „Ors & saisons“ et „Le Diwan de Bagdad“ im gleichen Verlag veröffentlicht haben, finden sich 40 Dichter, Männer und Frauen, Leute von Adel und aus dem Volk, Kurtisanen und Weise.
In diesen Gedichten entdeckt der Leser den Gesang eines Volkes auf der Höhe seines Ruhms, das fern von rigiden Dogmen seine Wesensart und Sensibilität bewahrte, in Freiheit aufblühte und mit seinen Qualitäten Ruhm erwarb. / obiwi
„Le Chant d’al-Andalus“ : Une anthologie de la poésie arabe d’Espagne,
de Patrick Mégarbané et Hoa-Hoï Vuong.
Edition bilingue arabe-français, Sindbad, Actes Sud, 23 €
Eva Dranaz denkt an pädagogisches Potenzial: „Wenn das Partypublikum sich über die Visualisierung mit Literatur auseinanderzusetzen beginnt, erschließt das vielleicht neue Leserkreise.“ Da in weiterer Folge angedacht ist, die visualisierten Texte als DVDs auf den Markt zu bringen, steht auch die Nutzung als „Seh-Buch“ für den Privatgebrauch, wie Jochen Fill in Analogie zum Hörbuch sagt, im Raum.
„Ich stelle mir das so vor, dass jemand die DVD in sein Home-Cinema einlegt und den Ton über den Lautsprecher hört wie ein normales Hörbuch; zusätzlich erzeugen die Bilder eine Stimmung im Raum“, zeigt sich Jona Haier visionär. Der ebenfalls beim „Literatur Lab“ mitwirkende Gründer des Mono-Hörbuchverlags, Till Firit, gibt zu bedenken: „Mir scheint, dass da ein anderes, eher kunstaffines Publikum angesprochen wird, weil gerade Hörbuchkonsumenten häufig angeben, dass sie nichts sehen wollen und es sich um eine Frage der Bequemlichkeit in bestimmten Situationen handelt.“
Er sieht besonders Dichtung als geeignet für visuelle Übersetzungen mit Videoclip-Charakter: „Lyrik erzeugt selbst schon starke Bilder, die sich gut zur Arbeit von Visualisten fügen lassen.“ / Daniel Kalt, Die Presse
Nicht alle chinesischen Kinder wollen bei Klavier- und Pisa-Wettbewerben auftrumpfen. Es gibt auch solche, die sich lieber in die Gefühle eines ausrangierten Blindenhundes hineinversetzen: „Sein Blick fiel auf einen Spiegel, / Dort sah er einen Hund, / Der genauso aussah wie er selbst, / Beim einsamen Herumstreunen.“ Der Hund legt sich bei dem Spiegel nieder und beginnt ihn abzulecken: „Der Blindenhund neben dem Hund im Spiegel / Hörte ein anderes Herz schlagen, / Spürte eine andere Körpertemperatur. / Der Spiegel wurde warm, / Und sie merkten es nicht.“
Als Gao Can diese Zeilen schrieb, war sie elf Jahre alt. Heute ist sie fünfzehn, und bei verschiedenen Verlagen sind mittlerweile neun Bücher von ihr erschienen, fünf Lyrikbände und vier Essay- und Märchensammlungen. Ursprünglich waren sie für andere Kinder gedacht, doch inzwischen werden sie vor allem von Erwachsenen gelesen. / Mark Siemons, FAZ
Mit „Über die Liebe und das Meer“ ist nun erstmals eine Auswahl seiner Lyrik auch auf Deutsch erschienen.
… Drei Lyrikbände hat der im Sommer gestorbene Saramago in seiner portugiesischen Heimat zwischen 1966 und 1975 veröffentlicht. Teilweise überarbeite er sie später und brachte sie erneut heraus. Er selbst stellte einmal klar, dass Gedichte nicht nur Hobby oder Fingerübungen waren, sondern es eine „poetische Konstante“ in seiner Arbeit gab. In seiner Lyrik fänden sich „erstmals Verbindungen, Themen und Obsessionen festgeschrieben, die zum strukturell unveränderbaren Rückgrat eines literarischen Corpus“ geworden seien. …
Darüber liefert er sich einen – fiktionalen – Streit mit seinem deutschsprachigen Dichterkollegen Rainer Maria Rilke (1875-1926). „Schreiben Sie nicht Liebesgedichte“, zitiert er ihn und antwortet sofort: „Warum nicht, Rainer Maria? Wer hindert / Das Herz am Lieben und wer entscheidet, / Welche Stimmen sich im Vers artikulieren?“ / Christina Horsten, Nordkurier
José Saramago: Über die Liebe und das Meer. Hoffmann und Campe, Hamburg. 101 Seiten, 15 Euro, ISBN 978-3-455-40320-6
Der Weimarer Lyriker Christian Rosenau wird mit dem Thüringer Literaturstipendium „Harald Gerlach“ ausgezeichnet. Das mit 12.000 Euro dotierte Stipendium wurde auf Initiative des Thüringer Literaturpreisträgers Ingo Schulze und der Literarischen Gesellschaft Thüringen im Jahr 2009 ins Leben gerufen. Mit der zum dritten Mal vergebenen Förderung erhält der Stipendiat die Möglichkeit, ein Jahr lang intensiv an seinem Lyrikband zu arbeiten. Stipendiaten waren bisher Lutz Seiler und Jan Volker Röhnert. / jenapolis
(Ein Jahr lang von 12.000 Euro? Da kann er ja prassen und intensiv arbeiten, o Mann! Von wieviel leben die, die das Geld (wessen) so großzügig verteilen, und die solche Formulierungen finden? Falsch gerechnet, die vergleichen nicht mit sich, sondern mit den anderen Dichterlingen.)
Wulf Segebrecht stammt aus dem protestantischen Preußen (geboren in Neuruppin, Schulen in Königsberg, Kolberg in Pommern, nach 1945 Lübeck), seine Universitätslaufbahn spielte sich überwiegend in katholischen Gegenden ab. Wie dem auch sei, das Protestantische (oder das Wort Protestant) in Gedichten Nora Bossongs sticht ihm sehr ins Auge:
Das Subjekt kommt in diesem Fall aus dem nüchternen Bremen. Daher das „Rolandslied“, daher auch die Bremer Stadtmusikanten, die gleich mehrfach zitiert werden. Ein ganzer Abschnitt des Gedichtbandes ist „Im Protestantenland“ überschrieben. Da, im norddeutschen „Diesigland“ unter magerem Protestantenhimmel, beobachtet und rekapituliert die Dichterin mit fast volkskundlichem Interesse die „Aussterbende Art“ der Rotrockfrauen, die mit knöchernen Protestantenfingern die Bibel durchblättern, führt mit befremdeter Beglückung durch die alten niedersächsischen Klöster und zur Teufelsbrücke im Deister, wobei sogar plattdeutsche Wendungen aus Fritz Thörners einschlägigem Heimat-Gedicht zitiert werden.
(In ihren Gedichten, stellt er aber fest, spielen Päpste eine größere Rolle). Auch sonst ist er beeindruckt, gewiß zu Recht:
Wer sich auf Nora Bossongs Gedichte einlässt, kann sich auf manche Entdeckungen dieser Art gefasst machen. Die Lyrikerin hat sich die scheinbare Beiläufigkeit zum Stilprinzip erkoren und erweist sich gerade durch den frappanten Beziehungsreichtum des Unspektakulären als eine der größten Begabungen der jungen Literaturszene.
„Sommer vor den Mauern“ ist nach „Reglose Jagd“ (2007) der zweite Gedichtband der 1982 geborenen Autorin, die inzwischen auch mit zwei Romanen hervorgetreten ist, zuletzt mit „Webers Protokoll“, einem belletristischen Pendant und Vorläufer zur öffentlichen Diskussion um das „Amt“.
/ FAZ
Nora Bossong: „Sommer vor den Mauern“. Gedichte. Edition Lyrik Kabinett bei Hanser, München. 96 S., geb., 14,90 Euro.
Der Prix Camoes, wichtigster Literaturpreis der portugiesischen Sprache, geht dieses Jahr an den Portugiesen Manuel Antonio Pina. Der Autor wurde 1943 in Sabugal geboren und hat zahlreiche Gedichtbände und auch Kinderbücher veröffentlicht. Der Preis, der mit 100.000 Euro dotiert ist, wurde 1989 von Portugal und Brasilien gestiftet und würdigt die lusophonen Autoren, die sich um die portugiesische Sprache verdient gemacht haben. Bisher haben ihn u.a. die Brasilianer Jorge Amado (1994) und Ferreira Gullar (2010), die Portugiesen Antonio Lobo Antunes (2007) und José Saramago (1995) und der Angolaner Pepetela (1997) erhalten. / rtl (Belg.)
Wien. Am 17. Mai um 19 Uhr 30 liest der Writer-in-Residence des quartier21 Ostap Slyvynsky im Raum D / quartier21. Der ukrainische Autor und Übersetzer schreibt Lyrik und Essays und ist Co-Herausgeber der polnisch-deutsch-ukrainischen Literaturzeitschrift „RADAR“. Ostap Slyvynsky wurde 2009 mit dem Hubert-Burda-Preis für junge Lyrik ausgezeichnet. Zuletzt erschien der Gedichtband „The Running Fire“. In seiner Lesung am 17. Mai liest Slyvynsky Gedichte in ukrainischer Sprache, die deutsche Übersetzung von Claudia Dathe trägt Prof. Alois Woldan vom Institut für Slawistik der Universität Wien vor.
In einem Anfall hemmungsloser Liebe griff ich nach einem himmlischen Stern.‘ Wer sonst als der chilenische Dichter Pablo Neruda könnte seinen Leserinnen und Lesern einen Stern vom Himmel holen? In zahlreichen seiner Gedichte spielen das Universum und dessen Himmelskörper eine zentrale Rolle, dienen als Metaphern oder gar Sinnbild der Liebe. Die Ode an einen Stern ist eines von Nerudas poetischen Glanzlichtern, das in wenigen Strophen zentrale Konstellationen des menschlichen Daseins und Zusammenlebens offenlegt. Der Text erzählt von der Liebe, ihren Schatten- und Sonnenseiten, von Verlustängsten, Schuldgefühlen und der Größe, die sich hinter dem selbstlosen Verzicht verbirgt. / MARLENE ZÖHRER, SZ 6.5.
PABLO NERUDA: Ode an einen Stern. Aus dem Spanischen von Fritz Rudolf Fries. Illustrationen von Elena Odriozola. Bajazzo 2011. 32 Seiten, 14,90 Euro. (ab 5 Jahre und für Erwachsene)
Auf die Frage, was Literatur- und Kunstkritik derzeit unterscheide, hat die österreichische Schriftstellerin Marlene Streeruwitz unlängst geantwortet: ‚Die Kunstkritik ist anspruchsvoller als die Literaturkritik‘. Da trifft es sich doch bestens, dass Michel Houellebecq in seinem jüngsten, Goncourt-Preis-gekrönten Roman ‚Karte und Gebiet‘ eine fiktive Kunstkritikerin zum Mythos aufbaut, die schweigt, während er einen Literaturkritiker über Kunst schreiben lässt, der im wirklichen Kulturleben Frankreichs quicklebendig durch das fünfte Arrondissement von Paris flaniert. / Ina Hartwig, SZ 3.5.
Ein ehemaliger Mitarbeiter des chilenischen Nobelpreisträgers Pablo Neruda bestätigte, daß der Dichter im Auftrag des Diktators August Pinochet „ermordet“ worden sei. Die Nerudastiftung dementiert, aber die Sache bewegt die chilenische Presse.
Nach der bisher bekannten Version starb Neruda am 23. September 1973 im Alter von 69 Jahren an Komplikationen von Prostatakrebs, verstärkt durch emotionale Bedrängnis: zwei Wochen zuvor fand der Putsch Pinechets statt, bei dem sein Freund Salvador Allende gestürzt [und ermordet] wurde.
Sein ehemaliger Sekretär und Fahrer Manuel Arraya versicherte in den letzten Tagen, daß Neruda ermordet worden sei, um zu verhindern, daß er vom Exil aus gegen das Régime wirken könne.
Neruda habe ihm anvertraut, daß er beunruhigt sei wegen einer Spritze, die ihm ein Arzt mitten in der Nacht in der Klinik gegeben habe.
Ein Flugzeug und ein Visum nach Mexiko standen bereit, um ihn am 24. September ins Exil zu bringen, doch in der Nacht davor starb er. / Le figaro
Dass das Lesen längst nicht tot ist im Land Shakespeares, zeigt die empörte öffentliche Reaktion auf die drohende Schliessung von achthundert Bibliotheken. Die geplante Massnahme löste teilweise heftige Reaktionen unter britischen Schriftstellern aus: Philip Pullman unterstellte David Cameron und Nick Clegg, vermutlich nie eine öffentliche Bibliothek benutzt zu haben. Im Gespräch mit dem «Evening Standard» fuhr er fort: «Die Entscheidung, so viele Bibliotheken so schnell zu schliessen, muss ideologisch motiviert sein. Es ist ein Akt grösster Dummheit, veranlasst von Menschen, die nicht viel lesen und den Wert von Büchern nicht verstehen.» …
So allgegenwärtig wie in Dublin, wo die Dichter des Landes schon am Flughafen in Bild und Zitat grüssen, ist die Literatur in London sicher nicht. Aber ein Blick auf die zahlreichen Events rund um die Literatur im Land lässt die englische Lesefreudigkeit in nahezu rosigem Licht erscheinen – und macht auch eine Veränderung im Leserverhalten deutlich. …
Das Southbank Centre ist auch Schauplatz der Lesungen für den T. S. Eliot Prize der Poetry Book Society, einen der wichtigsten Literaturpreise im Vereinigten Königreich neben dem Booker Prize, dem Costa Book Award (in der Nachfolge des Whitbread Book Award), dem Independent Foreign Fiction Prize und dem Forward Poetry Prize. Die Lyriklesungen zum T. S. Eliot Prize mussten in diesem Jahr in die Royal Festival Hall mit 2900 Sitzplätzen verlegt werden, da doppelt so viele Karten verkauft werden konnten wie im Vorjahr – so sehr hat allein die Lyrik in den vergangenen Jahren an Popularität gewonnen. / Marion Löhndorf, NZZ
Marcel Beyer
Greifswaldvariationen
Eröffnungsvortrag der Tagung »Der Dichter und sein Schatten«, Greifswald, 27. April 2011
(Die Benn-Passage)
II
Mehrstimmigkeit – das einzige wirksame Gegengift gegen den ganzen monolithischen, den fanatischen, den faschistischen und chauvinistischen Schwachsinn in der Poesie und im Reden darüber. Gegen Germanengequatsche. Mehrstimmigkeit: Material aus allen Richtungen, ohne Rücksicht auf die jeweilige Provenienz. Beim Schreiben von Gedichten macht sich nicht derjenige die Finger schmutzig, der in die staubige Plattenkiste greift, sondern nur immer derjenige, der eherne Werte verkündet oder deren Verlust beklagt. Mehrstimmigkeit auch: Wenn eine Einzelstimme vier Oktaven umfaßt und Arrangeur und Schallplattenproduzent einzelne Laute aus dem Spektrum herausgreifen und am Schneidetisch so aneinanderfügen, als mache die Stimme einen Satz vom schrillen Schrei zum tiefen Grollen. Also her mit dem Zeug:
gebt Gottesliter,
Höllenyards,
gebt Rillen
einzuhalten,
aufzuhalten
e i n n i s t e n möchte man schreien –
nichts –
gebt Rillen!
Wie bitte?
Oder Urwald, Masse aus Saft
dunkelgrünem
unmessbar
gebt Gottesliter
Höllenyards
gebt Rillen
nichts –
Zahnräder
aus wo und wann und immer
Noch einmal: Wie bitte, was? Die vierte Strophe des Gedichts »Nur noch flüchtig alles« von Gottfried Benn, samt einer Variante, entstanden am 15. März 1955.
Nur noch flüchtig alles: Ich will nicht bestreiten, daß Benns Gedichte, zumal die späten, von einer tiefen Melancholie geprägt sind – dem Dichter darum aber die Trauer um den Untergang des Abendlandes auf die Schultern zu laden, halte ich für unstatthaft, um nicht zu sagen: obszön.
Gottfried Benn war entschieden ein Modedichter, war es von Anfang an, er hielt das Ohr am Puls der Zeit, begierig, Modeströmungen aufzunehmen, aufzugreifen und in Gedichte einfließen zu lassen, die gegenwartsbezogene, gegenwärtige, akute Gedichte sein sollten.
Gottfried Benns Gedichte: das jeweils großgeschriebene JETZT, und nicht die »große Ewigkeit«. Nur so läßt sich sein sensationeller Erfolg der letzten Lebensjahre erklären, immer auf »Tournéen«, »u las vor u. sang meine Arien«, wie er am 5. Januar 1955 an Thea Sternheim schreibt (beide Zitate: Benn-Sternheim S. 313). Mit welcher Wucht er, der annähernd Siebzigjährige, mit seinen Gedichten und öffentlichen Auftritten die Altväterlichkeit der Jungen aushebelt, läßt sich an einem Bericht ablesen, den Thea Sternheim Ende November 1955 vom Limes-Verlag erhält – hier ein längeres Zitat daraus:
»Am 15. war Benn dann schon wieder in Köln, wo er im NWDR mit Reinhold Schneider diskutierte. Thema: Soll die Dichtung das Leben bessern? Über 300 Leute in einem für 160 berechneten Saal. Zunächst je ein Referat von Benn und Schneider, die einander sehr sympathisch sind, anschliessend öffentliche Diskussion, die teilweise recht komisch gewesen sein muss. Unter anderem trat Heinrich Böll auf – ich weiss nicht, ob Sie den Namen kennen, er hat hier grossen Erfolg […] –, der langatmig erklärte, der christliche Dichter habe es ja wesentlich schwerer als der nicht glaubensmäßig gebundene, einerseits wolle er das Kunstwerk, andererseits aber habe er die ungeheure Belastung im Rücken, dass das Neue Testament über Kunst nicht aussagt, ohne sie auskommt; das Überwinden dieser Diskrepanz sein ein so tragisches Unterfangen. Benn fragte nur: Warum lassen Sie das Schreiben nicht, wenn es sie so bedrückt? Böll war zunächst sprachlos und begann dann, aus Thomas v. Aquin vorzulesen, worauf man ihn schleunigst aus der Diskussion zog.« (Benn-Sternheim S. 319)
Soweit die rasende Reporterin Marguerite Schlüter vom Limes-Verlag, die noch die Mitteilung folgen läßt: »werden wir zum 70. Geburtstag eine Langspielplatte machen lassen« (Benn-Sternheim S. 320). – Eine befreiende, aber im Rückblick doch auch erschütternde Momentaufnahme, es handelt sich um Benns letzten öffentlichen Auftritt, und wir alle wissen ja, welche Literaturauffassung die folgenden Jahrzehnte in Westdeutschland beherrschen soll – das schöne alte SCHÖNE WAHRE GUTE, in welcher Gestalt und mit welcher Stoßrichtung auch immer, und im Osten dasselbe minus Thomas von Aquin.
gebt Gottesliter,
Höllenyards,
gebt Rillen
… »werden wir eine Langspielplatte machen lassen« …
einzuhalten,
aufzuhalten
e i n n i s t e n möchte man schreien –
nichts –
gebt Rillen!
… »der langatmig erklärte, der christliche Dichter habe es ja wesentlich schwerer als der nicht glaubensmäßig gebundene« …
gebt Gottesliter,
Höllenyards,
Vor einigen Jahren habe ich die merkwürdige »Rillen«-Strophe aus Benns »Nur noch flüchtig alles« einmal bei einer Veranstaltung an der Universität in Weimar in die Diskussion geworfen, und es fiel den anwesenden Literaturwissenschaftlern sichtlich schwer, die erratischen »Rillen« nicht als ehernes Dichterwort zu deuten, die »Rillen« unter welchen Verrenkungen auch immer in einen Sinnzusammenhang des Gesamtgedichts einzupassen. Mein Vorschlag, sie, die »Rillen« als eine allzu wörtliche Übertragung Benns aus dem Englischen aufzufassen, wurde zwar zur Kenntnis genommen – doch nur, um alle literaturwissenschaftliche Energie dagegen aufzubieten. Und das trotz der Unzahl großartiger – ich betone: großartiger – Englischfehler und Englischbastardisierungen in den späten Gedichten von Gottfried Benn. Mit den »Rillen« können natürlich die zwei Rillen einer Schallplatte gemeint sein, doch die Aufforderung »gebt Rillen!« scheint mir doch eher darauf hinzudeuten, daß Benn im Jazz- oder Blueszusammenhang eine Formulierung wie »give the groove«, »groove it« oder »let’s groove« gehört haben könnte, also die Aufforderung eines Bandleaders oder Sängers an die Band, mit dem Spielen zu beginnen, um dann im Wörterbuch unter »groove« nachzuschlagen – und Benns Englischwörterbuch heißt ja meistens »Oelze« oder »Ilse« oder »verschwiegene junge Dame« –, wo er auf die wörtliche Bedeutung von »groove«, nämlich »Rille«, gestoßen sein dürfte – was mit der Slangphrase »let’s groove« nur sehr entfernt zu tun hat. An anderer Stelle, im Gedicht »Destille«, heißt es bei Benn im Tanzmusikzusammenhang: »ewig Rhythmenschübe« – das trifft den Groove schon besser.
Und um welchen Groove, um welche »Rillen«, welche »Höllenyards« und welchen »Urwald«, welche »Masse aus Saft« könnte es sich in »Nur noch flüchtig alles« genauer handeln? Könnte man den Gedichttitel nicht auch einmal weniger im Sinne eines »wehmütigen Abschieds vom klassischen Abendland« lesen, sondern schlichter auf flüchtige Medienkontakte, auf den Kontakt mit – zumindest bis zur Ausweitung des Internets – als flüchtig erachteten Medien beziehen?
»Nur noch flüchtig alles – nun die Anden«, schreibt Benn im März 1955. Die erste Hälfte der fünfziger Jahre führt mit Korea-Krise und Indochina-Krise, mit fanatischer Kommunistenfurcht und der täglichen Furcht vor dem Dritten Weltkrieg, der ein Atomkrieg sein und zweifellos einen »Großteil der Menschheit«, also die Europäer, auslöschen wird, sowie mit dem Bewußtsein, daß die Kolonialzeit nun langsam zu Ende geht – Ezra Pound hätte sich da, »Marokkaner und anderer Abschaum«, gut noch einmal als Propagandadichter für einige europäische Regierungen verdingen können –, die erste Hälfte der fünfziger Jahre führt in der westlichen Welt zur dritten – oder siebten, oder zwölften – großen Exotik-Welle: Daß die in Musik, im Film und auf den Bühnen präsentierten exotischen Medienwelten natürlich alles andere als »authentisch« sind, ist gar nicht zu bedauern, im Gegenteil: Das exotische Ägypten, das exotische Mexiko, die exotische Karibik und so weiter sind entweder artifiziell, oder sie sind gar nicht.
Zu behaupten, Benn habe Zeit seines Lebens etwas für die Exotik übrig gehabt, für dieses nach immer dem gleichen Rezept hergestellte Gebräu aus Ethnologie plus Hollywood plus Südfrucht plus leicht bekleidete Dame, hieße gehörig untertreiben – oder: Schrumpfköpfe zum Sonnengott tragen.
Die Südsee, Josephine Baker, das Bananen-, yes, Bananenröckchen. Überhaupt: Benns Obst- und Gemüsestand wäre, wie Rilkes Obst- und Gemüsestand – »ich ahne / Banane« –, einmal einer ernsthaften Untersuchung wert. Dann tritt – wie Gedichte brauchen auch Exotica immer einen Rest Geheimnis – Carmen Miranda auf. Schon folgen Thor Heyerdahl, Kon Tiki, Polynesien, Hawaii, der Voodoo, die Kannibalen, der Mambo, »Lotosland« als erste Abschnittüberschrift des »Ptolemäer« und als hundertfach aufgenommenes Exotica-Paradestück: »Nur noch flüchtig alles – nun die Anden« …
Bei der schillerndsten Figur der Exotik-Welle in den Fünfzigern, so heißt es seinerzeit, handele es sich um eine echte Nachfahrin eines Inka-Königs, sie sei gewissermaßen direkt aus den Anden ins Tonstudio in Los Angeles gekommen, und der Exotica-König Les Baxter wird es einmal im Interview bestätigen – ob man allerdings einem Les Baxter Glauben schenken sollte, der auf seinen Plattenhüllen als weltreisender Musikethnologe gepriesen wird, obwohl er später einmal bekennt, er habe Los Angeles kaum je verlassen, und seine exotischen Musikwelten seien allesamt in seinem Kopf entstanden … Andere behaupten, die Sängerin stamme aus Brooklyn oder aus Harlem und habe ihren tatsächlichen Namen, Amy Camus, nur in anagrammatischer Verwandlung exotischer gemacht, was aber dem Erfolg ihrer seit 1950 erscheinenden Alben nicht schadet, »The Voice of the Xtabay«, »Legend of the Sun Virgin«, »Mambo!«, »Legend of the Jivaro« – Sie wissen bereits, von wem ich rede, von der Andenprinzessin Yma Sumac, deren Stimmenumfang vier Oktaven umfaßt, auch wenn die Sprünge vom tiefen Grollen zum schrillen Schrei das Ergebnis minutiöser Arbeit am Schneidetisch sind. Sei’s drum –
gebt Gottesliter,
Höllenyards,
gebt Rillen
Oder Urwald, Masse aus Saft
dunkelgrünem
unmessbar
– nun die Anden
Ein Siebzigjähriger, der Yma Sumac hört? – Ganz gleich, ob dies den Tatsachen entspricht, das Bild, die Vorstellung allein genügt, um sich klar zu machen, welch tiefe Kluft zwischen Gottfried Benn und dem abstrusen, schrumpfgermanenhaften Tiefsinnsgestotter im Nachkriegsdeutschland herrscht, das er zum Beispiel im Kölner Sendesaal zu hören bekommt. Wenn man die Wahl hat zwischen der vor dem Hintergrund der zurückliegenden zwölf Jahre rundweg verlogenen Beschwörung des christlichen Abendlands und der rundweg verlogenen Inszenierung einer jungen Sängerin, die hinter einem Kannibalenkessel hockt, über dem ein handelsüblicher Schrumpfkopf aus Plastik schwebt – wer würde sich da nicht für Yma Sumac entscheiden?
Es geht mir auch gar nicht darum, in den Gedichten Benns hieb- und stichfest Verweise auf konkrete Anden-Exotica oder auf eine konkrete Sängerin aufzuspüren – schließlich ist diese Mood-Music mit riesigen Streichorchestern und Marimbas und Bongos und »Urwaldflöten« selbst dezidiert darauf ausgerichtet, eine akustische Tapete zu bilden, einen weichgezeichneten Hintergrundklang, aus dem das Individuum – als Sänger oder Instrumentalist – nur selten namentlich hervortritt. Wenn überhaupt jemand im Zentrum steht, seinen Namen gibt, sei es Les Baxter, sei es Martin Denny oder Esquivel, dann ist es der Arrangeur, der mit Geschick und »Geschmack« vorfabrizierte musikkulturelle Versatzstücke miteinander verknüpft und ausgestaltet – ein im Grunde ganz ähnliches Konzept wie bei Benn, wenn er in seiner modifizierend zitierenden Arbeitsweise aus Fremdmaterial »echten Benn« werden läßt.
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