7. First we take Asturias

Der kanadische Dichter, Komponist und Sänger Leonard Cohen erhält den spanischen Prinz-von-Asturien-Preis für Literatur. Die Jury begründete ihre Entscheidung in Oviedo (Nordspanien) damit, dass Cohen die Poesie und die Musik zu einer einzigartigen Einheit zusammenführe.

Der 76-Jährige setzte sich gegen insgesamt 32 Bewerber durch. «Mit seinem literarischen Werk hat er drei Generationen in aller Welt beeinflusst», betonte die Jury. Zu den grössten Erfolgen des Kanadiers gehören Lieder wie «Suzanne», «Bird on the Wire» oder «First We Take Manhattan». / NZZ

6. Versuchsanordnung

«Ein Jüngling liebt ein Mädchen, die hat einen andern erwählt; der andre liebt eine andre und hat sich mit dieser . . .» – nur beinahe vermählt, denn weit drastischer als im Gedicht von Heinrich Heine ist die zwischenmenschliche Versuchsanordnung in der Tragédie lyrique «Andromaque» des belgisch-französischen Komponisten André Ernest Modeste Grétry nach der gleichnamigen Tragödie von Jean Racine. / Alfred Zimmerlin, NZZ

5. Nicanor Parras Metalyrik

Der Titel „Nicanor Parras metalyrische Gedichte als Kommentar zur ‚Weltsprache‘ einer Antipoesie“ eröffnet eine dreifache Fragestellung: zum Ersten ist da die Frage nach der Produktivität von Metalyrik für die Diskussion von Poetizitätskriterien. Zum Zweiten die Frage nach Eigenschaften einer Gedichtsprache in Abgrenzung zur Alltagssprache und zum Dritten die Frage nach einer Systematisierung von Verstößen gegen lyrische Konventionen. Dies soll vor dem Hintergrund Parras so genannter Antipoesie erörtert werden.

Parra wurde 1918 in Chile geboren. Mit seiner Gedichtsammlung „Poemas y antipoemas“ von 1954 gelang ihm der literarische Durchbruch. Für die chilenische Lyrik und die gesamte Literaturgeschichte Lateinamerikas ist diese Publikation ein markanter Einschnitt. Der Band ist in drei Sektionen unterteilt: die „Poemas“, die so genannten „Poemas de transición“ und die „Antipoemas“. Parra setzt sich mit seinen „Antipoemas“ von lyriktypischen Kompositionen ab, wie sie in jener Zeit in Chile verbreitet waren. Insbesondere Vicente Huidobro, Pablo de Rokha und Pablo Neruda sind Zielscheiben seiner Gedichte. In dem Gedicht „Manifiesto“ verflucht er diese drei als „kleinen Gott“, „Heilige Kuh“ und „wütenden Stier“. Auch Jorge Luis Borges bleibt in einem späteren „Antipoema“ von Seitenhieben nicht verschont. In Anspielung auf ein bekanntes, auf Englisch verfasstes Gedicht des magischen Realisten heißt es bei Parra: man solle doch bei Borges bleiben, er biete die Erinnerung an eine gelbe Rose, betrachtet bei der Dämmerung. / Nils Bernstein, literaturkritik.de

4. Hans Keilson (12.12.1909 – 31.5.2011)

Sein Leben hat mehr als 100 Jahre berührt, durchlebt: glückliche, traumatische, mörderische, produktiv verarbeitete – nun ist er nicht mehr unter uns. Am 31. Mai 2011 ist der jüdische Schriftsteller, Psychoanalytiker, Exilant und Menschenfreund Hans Keilson im Alter von 101 Jahren in einem Krankenhaus im niederländischen Hilversum verstorben. Ich werde ihn vermissen. Er hat das Leben zahlreicher Leser bereichert, weltweit. Was jedoch mehr zählen mag ist Hans Keilsons jahrzehntelange psychotherapeutische Arbeit mit jüdischen Jugendlichen, Überlebenden der Schoah. Ihnen hat er Lebensmut geschenkt, über ihr schweres Schicksal hat er geschrieben. Immer wieder. …

1934 publiziert er in der jüdischen Zeitschrift „Der Morgen“ sein erstes Gedicht: „Neuer Psalm“, 1936 folgt die pädagogische Reflexion „Juden und Disziplin“. …

Hans Keilson wird nicht denunziert, überlebt. Seine Eltern hingegen werden in Birkenau ermordet. Er widmet ihnen die Gedichte „In den Tagen des November“ (1947), „Sterne“ (1967) und „Dawidy“ (1997).
Keilson schreibt, zu seiner eigenen Überraschung, „im zweiten Jahr meiner Emigration (…) in einer plötzlichen Aufwallung eine Anzahl deutscher Gedichte“ (Keilson 2005, S. 227). Er publiziert diese unter zwei Pseudonymen in niederländischen Zeitschriften. / Roland Kaufhold, hagalil.com

3. Gedicht-Körper

Nicht umsonst nennt Seel ihren Verlag ein „labor für poesie als lebensform“.

Ein Labor, in dem sie nun, erstmals, sich selbst zu Wort meldet. „ich kann diese stelle nicht wiederfinden“: Spricht man Seel auf eine Passage daraus an, gerät sie tatsächlich ins Suchen, als könne sie den Vers in sich nicht finden, überlässt das Antworten lieber dem Fragenden. Es geht viel um Körper. Körperwahrnehmungen. Nicht jedoch im Sinne individueller Sinneserfahrung. Fast scheint es, als meine Seel, wenn sie vom Körper spricht, ein Kollektiv. Das Gedicht selber wird ihr zum Wortorganismus: „wenn der raum des gedichts kein auge hat, / das auf ein außen sieht, nur bewegung / im körper des autors, welcher der leser ist . . .“ – Autor und Leser, im Schreiben und im Wörter-Entziffern werden sie eins. Daniela Seel, Herz und Zentrum des Verlags, äußert sich im Gedicht – aber ob es nun ihr Name ist, der den Buchumschlag ziert, oder ein anderer, macht das einen Unterschied? Noch einmal fällt ihr Satz: „Das Ich wird überschätzt.“ / Dierk Wolters, Nassauische Freie Presse

Am 5.6. erhält Daniela Seel in Bad Homburg den Hölderlin-Förderpreis.

2. Erst den Menschen in die Schönheit einführn…

Hier gibts eine Aufnahme der Lesung von Elke Erb, Christian Filips und Bo Wiget im Rahmen von Prosanova (für alle, die nicht dabei waren, in Hildesheim oder Frankfurt, und sich selbst einen Eindruck machen wollen: es gibt Leute, die können was)

Haushaltsfragen

1. Auffangbecken Secession

„Nur Du, und nur Ich“ von Christian Uetz (Jg. 1963) ist ein verdammt merkwürdiges Büchlein, das in der Form nur bei Secession erscheinen konnte. Im Herbst 2010 gegründet, hat sich der Verlag von Christian Ruzicska (vormals Tropen Verlag) und Susanne Schenzle mit nur zwei Programmen bereits einen sehr guten Namen gemacht. Secession veröffentlicht Bücher von zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Autoren in Neuübersetzungen sowie neue Literatur, die sich etwas traut und dem Leser einiges zumutet. Der Verlag wird so zu einem Auffangbecken für Autoren, für die sich trotz ihrer literarischen Qualitäten im Literaturbetrieb niemand zuständig fühlt, die aufgrund des Zeitgeists durch den Raster der Verlagslandschaft fallen.

Womit wir bei Christian Uetz wären. Der Schweizer Lyriker und Spoken-Word-Poet ist ein Unikum, wie man bei einem Auftritt im Vestibül des Burgtheaters vor zwei Jahren feststellen konnte. Der Mann entblößt sich mit seinen Texten und tritt als Performer dem Publikum zu nahe. Ähnliches gilt auch für „Nur Du, und nur Ich“, seinen ersten Roman, den sich sein bisheriger Verlag Suhrkamp offenbar nicht antun wollte. / Sebastian Fasthuber in Falter : Woche 22/2011 vom 25.5.2011 (Seite 23)

 

134. Lyrikpreis München 2011

Am 27. Mai 2011 benannte die Abendjury drei Kandidatinnen für das Finale des Lyrikpreises München

Marie T. Martin, Köln
Sandra Trojan, Leipzig
Janin Wölke, Berlin

Die Juroren am 27. Mai 2011:

Eva-Elisabeth Fischer, Redakteurin SZ
Prof. Rolf Grimminger, Germanist
Dr. Ludwig Steinherr, Lyriker, Lehrbeauftragter für Philosophie
Stein Vaaler, Lyriker

Nominiert waren

Lydia Daher, Augsburg
Ute Eisinger, Wien
Marie T. Martin, Köln
Tibor Schneider, Tübingen
Sandra Trojan, Leipzig
Janin Wölke, Berlin

Sechs/sieben der Einreichungen werden von einer Vorjury ausgewählt. [verstehe ich nicht, M.G.]

Die Vorjury setzt sich 2011 zusammen aus:

Hans-Karl Fischer, Lyriker und Scherenschneider www.hanskarlfischer.de
Kristian E. Kühn, Lyriker, Essayist, Filmemacher
Ulrich Schäfer-Newiger, Lyriker, Mitherausgeber des „TORSO“
Stein Vaaler, Lyriker

Bericht über den ersten Leseabend hier

Die Einreichfrist für die zweite Lesung ist der 30. Juni 2011

133. Experiment und Existenz

Hier seien „alle wichtigen Stimmen des lyrischen Experiments in der Gegenwartsliteratur“ versammelt, renommierte das Frankfurter Lyrikfestival. Es waren ja tatsächlich sehr schätzenswerte Autoren vertreten, aber „alle“? Das verbuche ich unter „Westdeutsch for you“, Abteilung „Alles über…“: wonach die nächstbeste Zeitschrift 15 Seiten mit großformatigen Bildern zum Thema XYZ auf dem Titel ankündigt mit „ALLES ÜBER XYZ“.

Wie dem auch sei, leider konnte ich nicht hin, weil ich in Vorpommern gebraucht wurde. Jetzt lese ich im FAZ-Bericht so etwas wie den Soundtrack zum Werbefilmchen. Als Kronzeugen werden nacheinander Gottfried Benn, Durs Grünbein und Michael Lentz aufgerufen. Benn bezeugt:

Bis auf weiteres werde das abendländische Gedicht durch Worte und Formen zusammengehalten, nicht durch Rülpsen und Husten

und sprach von

„rezidivierendem Dadaismus“ .

Die vortragenden Dichter schienen dem zu widersprechen und die anhaltende Faszination zu bezeugen, die von „dieser Art“ ausgeht. Aber die Zeugen treten vor und relativieren. Kurt Schwitters sei

 weit radikaler als der Mainstream heutiger Lesebühnen

befand Zeuge Grünbein und hat völlig recht. Vielleicht wenig logisch im Bezug auf Schwitters folgert er:

Es gebe heute keine Regeln, fasste Grünbein zusammen, möglicherweise mit einer Ausnahme. „Es gibt vielleicht eine Fundierung des Schreibens in der Existenz.“

Vor tritt der Zeuge Lentz:

er bemühe sich um eine Wende vom Experimentellen zum Existentziellen [sic].

Womit sich der Kreis schließt und der abendländische Dichter Recht behält. Jetzt wissen wir alles über experimentelles Schreiben heute. [Hat nicht Paulus Böhmer vorgetragen? Franz Mon? Barbara Köhler? Ulf Stolterfoht?]

Stille. – „Was für eine Stille?“ (mehr)

Vgl. L&Poe 2011 Mai #119. Schwester Scham und Bruder Duden in Frankfurt

132. Sein erstes Gedicht. Guntram Vesper zum 70.

Geboren am 28. Mai 1941 in Frohburg in Sachsen, wuchs Vesper in die politischen Verwerfungen der frühen DDR hinein. Einen in krakeliger Schrift geschriebenen Kalendereintrag vom 17. Juni 1953 bezeichnete er später als sein ‚erstes Gedicht‘, ‚Sätze, deren Anfang und Ende ich suchen musste‘: ‚In der DDR alle Arbeiter gestreikt. Die Polizei mit Waffen vertrieben. Regierung war machtlos.‘ / Helmut Böttiger, Süddeutsche Zeitung 28.5.

131. Hölderlins Hauptwort

In Uwe Kolbes Essayband auch ein

… Brief an eine Eberswalder Schülergruppe, die sein Gedicht ‚Der Glückliche‘ gelesen hat und fragt, was es mit dem in Vers 10 erwähnten ‚Hauptwort Hölderlins‘ auf sich habe. Der Dichter antwortet: Es ist ‚das kleine Wort ,Aber“. Er hat es an den Anfang von Sätzen getan, an den Anfang von Versen, an den Anfang von Strophen. Es setzt nicht wirklich entgegen, es hat gar nichts gemein mit dem Aber des Trotzes. Es bedeutet so viel wie ,Aufgepasst“ oder ,Aufgemerkt“ oder ,Aufgewacht“ oder – und vor allem: Lasst uns weitergehen und schauen.‘ Es werden viele Bücher zum 50. Jahrestag des Mauerbaus erscheinen. Ein schmales, gehaltvolles ist jetzt schon erschienen. / LOTHAR MÜLLER, Süddeutsche Zeitung 26.5.

UWE KOLBE: Vinetas Archive. Annäherungen an Gründe. Wallstein Verlag, Göttingen 2011. 224 Seiten, 19,90 Euro.

130. Nobelpreis für Dylan?

Um Dylan als das auszuzeichnen, was er ist, müsste die Schwedische Akademie nicht die sperrangelweite Tür noch einmal einrennen, die früher mal zwischen ‚Hochkultur‘ und ‚populärer Kultur‘ geschlossen war. Sie müsste sich auch nicht eine Liste von Zitaten von T.S. Eliot oder Robert Burns und besonders kryptischen ’surrealistischen‘ Texten (Rimbaud-Connection etc.) vorlegen lassen. Sie müsste sich nur daran erinnern, dass sie die Schwesterkünste der Literatur schon häufig mitgewürdigt hat. Winston Churchill erhielt 1953 den Preis nicht nur für seine Bücher, sondern auch für ‚die glänzende Redekunst, mit welcher er als Verteidiger von höchsten menschlichen Werten hervortritt‘. Warum sollte ihn Dylan nicht als glänzender Songwriter erhalten, der unter anderem durch die Elektrifzierung der Bibel, des Blues und der Ballade hervorgetreten ist? / LOTHAR MÜLLER, Süddeutsche Zeitung 24.5.

129. Gestorben

Der Lyriker, Dramatiker und Übersetzer Edwin Honig starb nach langer Krankheit im Alter von 91 Jahren. Seiner Großmutter, die kaum Englisch, aber Spanisch, Arabisch und Jiddisch sprach, verdankte er sein lebenslanges Interesse am Spanischen und Portugiesischen. 1944 übersetzte er den einige Jahre vorher von Francos Truppen ermordeten Federico García Lorca. In Portugal wurde er für seine Pessoaübersetzungen geehrt und auch der spanische König zeichnete ihn aus. / Richard C. Dujardin, Providence Journal

128. Sagenhaftes Island

Sehr zur Kümmernis der Isländer hatte Dänemark, das lange die Oberhoheit über die Insel besaß, viele Handschriften in seine Museen entführt. Erst 1971 wurden sie an den isländischen Staat zurückgegeben, die Heimkehr geriet zum Volksfest: „Wir standen an den Straßen mit der Nationalflagge in der Hand.“

Island ist Gastland der Frankfurter Buchmesse vom 12. bis 16. Oktober. „Sagenhaftes Island“ heißt das vielversprechende Motto für dieses bisher größte Panorama der isländischen Kunst und Kultur in Deutschland, schreibt die FR.

127. Freiheit und Demokratie für das syrische Volk

Aufruf deutschsprachiger Autorinnen, Autoren und Kulturschaffender

Friedliche Demonstranten, die sich für Freiheit und Demokratie einsetzen, werden in Syrien von einem verbrecherischen Regime verhaftet, gefoltert oder auf der Straße ermordet.
Seit Wochen werden die Städte Daraa, Banias, Homs u.a. von der Außenwelt abgeschnitten und belagert.
Dieses gleiche Regime, das seit Jahrzehnten das Land ausgeraubt, seine politischen Kritiker inhaftiert und gefoltert hat, verhindert jetzt jede friedliche Reform und steuert das Land in einen Bürgerkrieg.
Wir, die UnterzeichnerInnen solidarisieren uns mit dem syrischen Volk und seinem Einsatz für Freiheit und Demokratie und verurteilen das brutale Vorgehen des Assad-Regimes gegen die Zivilbevölkerung.

Wir appellieren an die syrische Regierung, das Blutvergießen zu beenden und eine friedliche und demokratische Lösung des Konflikts herbeizuführen.

Wenn Sie unseren Aufruf mit Ihrer Unterschrift unterstützen möchten, bitten wir Sie uns entweder unten im Kommentarbereich oder aber auch über Email (syrischefreiheit@googlemail.com) Ihren Namen und Ihre Stadt mitzuteilen.

Senden Sie uns einfach Ihren Namen und Ihren Wohnort. Ihre Unterschrift wird innerhalb von 48 Stunden auf der Liste aufgenommen.

Wir danken Ihnen für Ihre Solidarität!

http://syrischefreiheit.wordpress.com/