138. Sommernachtsgezwitscher

Hört ihr das, so höhnte eine Stimme auf einem Greifswalder Hof. Ich saß beim zweiten Bier am dritten Tisch und schrieb das Protokoll. Die Stimmen sprachen über die Politlyrikaktion einer Hamburger Wochenzeitung. Da haben sie, sprach die Stimme, lauter Dichter ausgewählt, die gar keine politischen Gedichte schreiben. Wenigstens Monika Rinck, warf eine Stimme ein. Ja vielleicht, sprach die erste. Aber sonst? Da geht eine Dichterin zu einem FDP-Mann und schreibt ein Gedicht darüber. Oder einer schreibt über Atomkraft, aber so, daß die CSU unterschreiben könnte. Ja, wie auch anders heute, eine dritte. Immerhin eins der besseren Gedichte, eine vierte. Und warum schreiben die nicht über die Flüchtlinge, die im Mittelmeer ersaufen, die fünfte. Es war ein Stimmengewirr, an dem vielleicht das Bemerkenswerteste war, daß es am Biertisch stattfand, während die Medienstimmen beharrlich schweigen.

Zwei Biere weiter redeten sie über die Stralsunder Matadore. Die toten: Uwe Lummitsch, Andreas Schäning, Christian Jax. Und die auswärts lebenden, Thomas Kunst, Jörn Hühnerbein, Jörg Schieke, Silke Peters, wo seid ihr? Die Stimmen kannten sich aus. Es war eine laue Nacht.

137. Enzensberger in Zürich

Tatsächlich zeigte sich Enzensberger in Zürich nicht nur als beispielloser Wortkünstler, sondern beglückte das Publikum auch mit seinen pointierten, von geistiger Beweglichkeit zeugenden Beobachtungen und Einsichten, die er manchmal mit einem bubenhaften Kichern unterstrich. Da es um das Thema Übersetzung ging, skizzierte Enzensberger eingangs anhand eines Verses des spanischen Liebesdichters Pedro Salinas die Prozesse, die im Übersetzer angestossen werden: «Es sind Geisterstimmen aus anderen Räumen, die einen heimsuchen», so paraphrasierte er Salinas. Die Geisterstimmen riefen Hörspiele im eigenen Kopf hervor; wenn man sie nicht mehr losbringe, tauge das Gedicht. «Übersetzen heisst, mit solchen Heimsuchungen umzugehen. Wer sich damit befasst, belohnt sich selbst – der Übersetzter ist also kein Märtyrer, sondern ein brüderlicher Egoist, der sich nimmt, was er brauchen kann», hielt Enzensberger fest. / Dorothee Vögeli, NZZ

136. Weil das mit dem Rockstar nicht geklappt hat

Er sei, schreibt Armitage einmal, Lyriker geworden, weil das mit dem Rockstar nicht geklappt habe. Dahinter steckt vergleichsweise wenig Koketterie, denn Armitage ist auch ein Sänger der im Norden recht bekannten Band Scaremongers. Seine Frau, Speedy Sue, ist mit dabei: ‚Less is more‘ heißt ein Titel, und das sagt auch etwas über die unaufgeregte Poetologie von Armitages Texten.

Alles passt. Nur die beiden Romane ‚Little Green Man‘ und ‚The white Stuff‘, in denen Armitage etwas zu dick aufträgt und sich als Sprachrohr der benachteiligten Jugend gebärdet, gingen etwas daneben. Und somit wäre wohl schon geklärt, warum die deutsche Literaturwelt, die sich doch sonst sehr aufmerksam in Richtung englischsprachiger Literaturbetrieb reckt, erst mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Beginn von Simon Armitages literarischer Karriere einen Auswahlband seiner Gedichte zustande gebracht hat. Der Lyriker Jan Wagner hat die Gedichte übersetzt, die Auswahl getroffen und ein Nachwort geschrieben.

Schon für diese drei Taten, mit denen er nun erstmals Armitage ins deutsche Bewusstsein geholt hat, muss man ihm danken. / HANS-PETER KUNISCH, SZ 22.6.

SIMON ARMITAGE: Zoom! Gedichte. Ausgewählt und aus dem Englischen übersetzt von Jan Wagner. Berlin Verlag, Berlin 2011. 86 Seiten, 18 Euro.

135. American Life in Poetry: Column 327

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

 

Some of us have more active fantasy lives than others, but all of us have them. Here Karin Gottshall, who lives in Vermont, shares a variety of loneliness that some of our readers may have experienced.

 

More Lies

 

Sometimes I say I’m going to meet my sister at the café—
even though I have no sister—just because it’s such
a beautiful thing to say. I’ve always thought so, ever since

I read a novel in which two sisters were constantly meeting
in cafés. Today, for example, I walked alone
on the wet sidewalk, wearing my rain boots, expecting

someone might ask where I was headed. I bought
a steno pad and a watch battery, the store windows
fogged up. Rain in April is a kind of promise, and it costs

nothing. I carried a bag of books to the café and ordered
tea. I like a place that’s lit by lamps. I like a place
where you can hear people talk about small things,

like the difference between azure and cerulean,
and the price of tulips. It’s going down. I watched
someone who could be my sister walk in, shaking the rain

from her hair. I thought, even now florists are filling
their coolers with tulips, five dollars a bundle. All over
the city there are sisters. Any one of them could be mine.

 

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2010 by Karin Gottshall, whose most recent book of poetry is Crocus, Fordham University Press, 2007. Poem reprinted from the New Ohio Review, No. 8, Fall 2010, by permission of Karin Gottshall and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

134. Fußballlyrik

Der Bayer Paul Thaller (50) alias Verserl-Paule wird über jedes der 32 Spiele ein Gedicht verfassen. Jeweils auf Oberbayerisch und auf Hochdeutsch. / B.Z.

133. James Richardson wins Jackson Poetry Prize

Poets & Writers, Inc. has named James Richardson the fifth annual recipient of the Jackson Poetry Prize, a $50,000 award given to honor an American poet of exceptional talent who deserves wider recognition.. This year’s judges were Mark Doty, Rita Dove, and Gerald Stern. The Jackson Prize was established in 2006 with a gift from the Liana Foundation and is named for the John and Susan Jackson family.

Read the press release here.

In 2007, Elizabeth Alexander was selected as the inaugural recipient of the Jackson Poetry Prize by the poets Lucille Clifton, Stephen Dunn, and Jane Hirshfield. In 2008, Tony Hoagland was selected by Philip Levine, Robert Pinsky, and Ellen Bryant Voigt. In 2009, Linda Gregg was selected by Brenda Hillman, Edward Hirsch, and Charles Simic. In 2010, Harryette Mullen was selected by Fanny Howe, Ted Kooser, and C.K. Williams.

132. Arabische Lyrik beim poesiefestival

Schnelle Veränderungen erwartet Hint Shoufani nicht, solange es an demokratischer Gesinnung mangelt. Die Palästinenserin, Jahrgang 1978, gehört zu den schillerndsten Figuren der arabischen Frauenliteratur, ihre Themen sind: „Tod, Politik und Sex“.

Aus ihren englischen Gedichten spricht Pessimismus, aber auch eine kraftvolle Sinnlichkeit, die sich in assoziativen Wortketten den Weg bahnt. …

Aggressiven Rap zu hämmernden Hip-Hop-Beats schmettert der 22-jährige Tunesier El Général. Seine Protesthymne „Rais Lebled“ (Chef meines Landes) ist eine direkte Aussprache mit Staatschef Ben Ali. Über Facebook fand das zensierte Video seinen Weg in die Welt, mittlerweile gilt es als Auslöser für den Sturz des Kleptokraten. Die provokative Diktatoren-Konfrontation sucht auch die junge Ägypterin Hend Hammam. Ihr Gedicht „Brief an den Präsidenten der Republik“ formuliert eine in rhythmischen Reimversen verfasste Anklage gegen Hosni Mubarak: scharfzüngig, in einfachem Umgangsarabisch. Mit ihrem Landsmann Deeb teilt sie ein zentrales Anliegen: die Demokratisierung in der Kunst antizipieren, durch den Gebrauch des landeseigenen Dialekts, der noch die untersten Schichten erreicht. / Martin Ernst, Tagesspiegel

131. INSKRIPTIONEN & OSTRAGEHEGE präsentieren Ulrich Hachulla

Am 1. Juli 2011 ab 18 Uhr wird das Erscheinen der vierten Ausgabe der INSKRIPTIONEN mit einer Ausstellung von Ulrich Hachulla gefeiert. INSKRIPTIONEN und OSTRAGEHEGE veranstalten gemeinsam ein literarisches Sommerfest, zu dem 100 Exemplare der INSKRIPTIONEN No. 4 zum Signieren ausgebreitet auf den Tischen liegen werden.

Auch in diesem Jahr wurden wieder literarische Beiträge von „inskriptionen.de“ ausgewählt, um sie in limitierter und numerierter Ausgabe als gedruckte Anthologie zu veröffentlichen. Unter dem Titel „echofrakturen“ versammeln sich Gedichte, Essays, Prosastücke und ihre Kommentare sowie Graphiken von Ulrich Hachulla.

Wie in den INSKRIPTIONEN werden auch im neuesten OSTRAGEHEGE-Heft Arbeiten von Ulrich Hachulla zu sehen sein. Umso mehr freuen wir uns, an diesem Abend eine Hachulla-Ausstellung in den Räumen des Verlags eröffnen zu können.

Und wie es sich für ein literarisches Sommerfest gehört: es wird gelesen! Autorinnen und Autoren der INSKRIPTIONEN No. 4 – „echofrakturen“ wie Jens Rosch, Ilona Schlott, Theodor Holz, Nikamos, Frank Norten, Karolin Pfeffer – um nur einige zu nennen – werden ihre Texte vorstellen. Als besonderen Lese-Gast erwarten wir Kerstin Hensel.

Zwei geniale Musiker aus der Ukraine werden den Abend abrunden: Elena und Ruslan Kratschkowski sind Akkordeonisten der Superklasse.

Die neue Ausgabe von INSKRIPTIONEN:

INSKRIPTIONEN No. 4
echofrakturen
http://l-lv.de/shop/index2.htm?group=20&itemid=662

Die bisherigen Ausgaben von INSKRIPTIONEN:

INSKRIPTIONEN No. 1
denkporno
http://l-lv.de/shop/index2.htm?group=15&itemid=583

INSKRIPTIONEN No. 2
parnoia, pink
http://l-lv.de/shop/index2.htm?group=15&itemid=616

INSKRIPTIONEN No. 3
mondgefleckt, elektrisch
http://l-lv.de/shop/index2.htm?group=20&itemid=629

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Veranstaltungsort:

Leipziger Literaturverlag
Galerie ERATA
Brockhausstr. 56
D-04229 Leipzig

130. Jakarta Berlin Arts Festival

http://www.jakarta-berlin.de

Montag, 27.6., 18 Uhr
Zwischen den Welten – Literatur
Lesung und Gespräch mit Agus Sarjono und Brigitte Oleschinski, Moderation Berthold Damshäuser

Dienstag, 28.6., 18 Uhr
Zwischen den Welten – Literatur
Lesung und Gespräch mit Jamal D Rahman und Uwe Kolbe, Moderation Berthold Damshäuser

Mittwoch, 29.6., 18 Uhr
Zwischen den Welten – Literatur
Lesung und Gespräch mit Dorothea Rosa Herliany und Ulrike Draesner, Moderation Berthold Damshäuser

Donnerstag, 30.6., 18 Uhr
Zwischen den Welten – Literatur
Lesung und Gespräch mit Joni Ariadinata und Tobias Hülswitt, Moderation Berthold Damshäuser

Freitag, 1.7., 18 Uhr
Zwischen den Welten – Literatur
Lesung und Gespräch mit M Faizi und Tolya Glaukos, Moderation Berthold Damshäuser

129. Wie man von Lyrik leben kann

Baxter Black ist von Beruf Cowboylyriker, und ein erfolgreicher dazu.  Die New York Times nannte ihn “probably the nation’s most successful living poet”, den wahrscheinlich erfolgreichsten lebenden Dichter des Landes. Der schrieb jetzt ein Ratgeberbuch, ein „how to“-Buch mit dem sprechenden Titel “Lessons from a Desperado Poet: How to Find Your Way When You Don’t Have a Map, How to Win the Game When You Don’t Know the Rules, and When Someone Says It Can’t Be Done, What They Really Mean Is They Can’t Do It.” Lektionen eines Deperado-Dichters: Wie man seinen Weg ohne Karte findet, wie man das Spiel macht ohne die Regeln zu kennen, und Wenn jemand sagt, es geht nicht, meint er in Wirklichkeit, Er kann es nicht.

Letztere bezieht er zum Beispiel auf Pulitzerpreisträger, die sagen, von Lyrik kann man nicht leben. Sie vielleicht nicht, aber er. Unaufhaltsam nähert er sich einer Million verkaufter Bücher.

Sein erstes Buch, “A Cowboy and His Dog”, erschien 1980. Seit 30 Jahren schreibt er eine wöchentliche Kolumne, die heute von 150 Zeitungen nachgedruckt wird. / Candace Krebs, Ag Journal 24.6.

Bei cowboypoetry.com mehr Informationen und drei seiner beliebtesten Gedichte

128. „Nur wenn sie richtig inszeniert wird, wird sie zugänglich“

Lyrik ist ähnlich wie Musik: Nur wenn sie richtig inszeniert wird, entfaltet sie ihre volle Schönheit und wird dem Rezipienten zugänglich*. Um das zu erreichen, haben sich das Deutsche Institut der Johannes Gutenberg-Universität und die Innenarchitekten der FH im Rahmen von „Stadt der Wissenschaft“ zu einem Lyriklabor zusammengeschlossen, in dem sie im vergangenen Semester mit Sprache und deren Ausdruck experimentierten. / Wiesbadener Tagblatt

Das Lyriklabor öffnet am 1. und 2. Juli jeweils um 21.30 Uhr. Führungen dauern bis etwa 24 Uhr. Karten (5 Euro/2,50 Euro) gibt es an der FH Holzstraße, in der Buchhandlung „Bukafski“ und bei „carmelotta und die Liebe zum Detail“.

*) Und wenn sie dann an Opernhäusern inszeniert wird, bekommt sie vielleicht auch richtig Knete, wie heute die Kunst der Oper?

127. Sind Songtexte Lyrik?

Die Frage, die das Poesiefestival zum Abschluss in die Runde wirft, ist in eigener Sache natürlich eine substanzielle: Sind Lyrics Lyrik? Kann man Songtexte von Blumfeld oder F.S.K. neben die Gedichte Paul Celans stellen? Und: hätte der letzte Nobelpreis an Bob Dylan gehen sollen?

Auch in diesem Jahr soll die Grenze des traditionellen Lyrik-Begriffs wieder ein bisschen erweitert werden. Die These, die das Kolloquium verfolgt, gibt sich radikal, ist aber eigentlich nicht überraschend: Songtexte seien der „eigentliche Energiekern der Gegenwartslyrik“. / Martin Ernst, Tagesspiegel

126. Jungliberal

Auch in der Schweiz werben die (Jung-)Liberalen aller Couleur für die Freiheit:

Bisher seien über 70’000 Unterschriften gesammelt worden, sagte Brenda Mäder, Präsidentin der Jungfreisinnigen und Co-Präsidentin des Referendumskomitees, an der Delegiertenversammlung der FDP am Samstag in Visp. Eingereicht bei der Bundeskanzlei wird das Begehren am 5. Juli, die Frist läuft am 7. Juli ab. Das Referendum ergriffen hatten die Jungparteien von FDP und SVP, die FDP sowie Exponenten der Grünliberalen, der Piratenpartei und der SVP.

Der Grossverteiler Migros unterstützte die Unterschriftensammlung finanziell. / nachrichten.ch

Migros ist, wen wunderts, der Bock als Gärtner. Der „Grossverteiler“, schönes Wort, verteilt auch Bücher im großen Stil in Ex Libris – Buchhandlungen. Wenn die Preise endlich liberalisiert sind, können Supermärkte und Tankstellen endlich die den Yuppies oder Julis wichtigen Bücher günstig anbieten. (Die anderen werden dann nach Freiburg oder Mailand fahren).

Dani Landolf schreibt:

Viel bedenklicher ist, dass von Ex Libris mit der von den meisten Schweizer Medien fast durchwegs unkritisch begleiteten Dumping-Kampagne systematisch versucht wird, die Vielfalt der Schweizer Buchhandelslandschaft – und mit ihr die Autoren und Verlage – zu zerstören. Denn wenn der Schweizer Buchhandel am Boden ist, braucht es kein Preisbindungsgesetz mehr. Und genau das ist das Ziel von Ex Libris. Das Unternehmen hat die Rabatt-Aktion nicht zufälligerweise nach dem Entscheid der Kommission für Wirtschaft und Abgaben (WAK) für ein Buchpreisbindungsgesetz lanciert.

Ex Libris ist eine Firma, die keine Buchhandels-GAV-Löhne zahlt, keine Buchhändlerinnen anstellt (geschweige denn welche ausbildet), ein sehr dürftiges Bestseller-Sortiment führt und sich offensichtlich nicht um den Gewinn (teilweise liegt der Ladenpreis unter dem Ankaufspreis), sondern nur um das Ausschalten der Konkurrenz kümmern muss. Mit der Migros im Rücken kann sich das Ex Libris offensichtlich leisten. Der restliche Schweizer Buchhandel nicht.

Mit dieser Aktion gibt Ex-Libris genau die Richtung vor, in der sich ein total liberalisierter Buchmarkt bewegt: In Ländern ohne Buchpreisbindung läuft der Kampf um die billigsten Bestseller nämlich über die Supermärkte, der restliche Buchhandel steht aussen vor – und mit ihm die Autoren und Verlage, die nicht nur Massenware produzieren. Der grosse Verlierer dieser Entwicklung ist die kulturelle Vielfalt.

(1976 sang Wolf Biermann beim Kölner Konzert: „Auch Liberale werden wir befrein“. Tja, vielleicht im nächsten Jahrhundert!)

Liber, Conversations-Lexikon; oder, Encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände [2. Auflage]Band 5. Macklot, 1816:

ein Beiname des Bacchus bei den Römern, bei welchem man sich den Begriff eines Lösers und Befreiers dachte. Ursprünglich war Liber ein alt – italienischer Gott der Zeugung und Verpflanzung, der seinen Namen von dem alten Worte libare (gießen, befeuchten) hatte. Er wurde mit der Libera und der Ceres gemeinschaftlich verehrt.

Liberalität, Liberale, liberale Ideen. Conversationslexikon 4. Auflage 1817–1819, 10 Bände [Brockhaus], Band 5, 1817:

Liberalität (von liber, der Freie, daher liberales, dem Freien gemäß) bezeichnet ursprünglich den Freisinn, oder die eines freien Mannes würdige Denkart und Handlungsweise. Der eigentliche Gegensatz davon ist die Servilität (von Servus, der Knecht oder Sclave, daher serviles, dem Sklaven gemäß), mithin der Knechtsinn, oder die gewöhnlich dem Sklaven eigene Denkart und Handlungsweise; wofür man aber lieber Illiberalität sagt, weil solche Denkart und Handlungsweise auch bei Personen vorkommen kann, die sich nicht im Zustande der Knechtschaft befinden.*

Liberalismus, Brockhaus Wissen 2004:

 [aus lateinisch liberalis die Freiheit betreffend] der, Staats-, Gesellschafts- und Wirtschaftsauffassung, die die Freiheit des Einzelnen als grundlegende Norm menschlichen Zusammenlebens ansieht und den Fortschritt in Kultur, Recht, Sitte, Wirtschaft und sozialer Ordnung als den Inhalt geschichtlicher Entwicklung versteht. (…)

Der wirtschaftliche Liberalismus erhielt seine klassische BegrüŸndung durch A. Smith, D. Ricardo, J. Mill und fand seinen Ausdruck im 19. Jahrhundert in der Forderung nach Gewerbefreiheit, freiem Wettbewerb, Freihandel und in seiner extremsten Form im Manchestertum. Staatseingriffe, wie sie fŸür den Merkantilismus typisch sind, lehnt der klassische Wirtschaftsliberalismus ab. (…) Das Gebot der Nichteinmischung des Staates gilt prinzipiell auch füŸr die Beziehung zwischen Arbeitgebern und -nehmern. Die soziale Frage kann nach Auffassung des klassischen Liberalismus nur durch Selbsthilfe der Betroffenen und durch eine Verbesserung des Bildungswesens gelšst werden. Unter BerüŸcksichtigung praktischer Erfahrungen zeigt sich der wirtschaftliche Liberalismus des 20. Jahrhunderts als Neoliberalismus, dessen wirtschaftstheoretische Grundlagen weitgehend der Freiburger Schule entstammen.

[Selbsthilfe, genau!]

*) Die Stelle erklärt vielleicht ein wenig, wieso bei den letzten Bundestagswahlen so viele Leute, die kein Hotel besaßen, eine Partei wählten, die ankündigte, etwas für Hotelbesitzer zu tun (und, selbstredend, von Hotelbesitzern finanziell unterstützt wurde. M.G.

125. Lyrische Großmacht

In neuen Einzelbänden und reichhaltigen Anthologien ist Serbien als lyrische Grossmacht zu entdecken, schreibt Ulrich M. Schmid in der NZZ:

Der Hamburger Slawist Robert Hodel gibt in einer umfassenden Anthologie mit dem Titel «Hundert Gramm Seele» einen kompetenten und lesenswerten Überblick über die serbische Lyrik der siebziger und achtziger Jahre. Die Gedichtsammlung wird eröffnet von Branko Čučaks (geb. 1948) provozierendem Text «Schock» (1971), in dem der Titoismus als «SCHEISSPARTEI» beschimpft wird. Viele Autoren prangern soziale Missstände an und verwandeln ihre Gedichte in kleine Prosaminiaturen. Gleichzeitig finden sich aber auch radikale Sprachexperimente wie etwa Stevan Tontićs poetische Deklination «Verb sterben», die von Hodel kongenial übersetzt wird: «Starb ach / sterb ech / verstarb an Verstand / versterb erst vergerbt / verstörb öft zermörbt / steurb staurb / staub / staubst und saust / straube und traure». Als Schweizer greift Hodel auch auf das Berndeutsche zurück, um dialektale Gedichte von Miroslav Cera Mihailović in eine angemessene Sprachform zu bringen.

Eine zweite Anthologie mit dem Titel «Eintrittskarte» schliesst direkt an Hodels Ausgabe an. Der in Köln lebende Publizist Dragoslav Dedović stellt 29 serbische Lyriker vor, die zwischen 1957 und 1980 geboren sind. …

Nur indirekt kann man den Rom Ilija Jovanović (1950–2010) zur serbischen Literatur zählen. Er wuchs in einer Zigeunersiedlung in Serbien auf, emigrierte 1971 nach Österreich und war langjähriger Obmann des Romano Centro in Wien. In einer sorgfältig gestalteten Ausgabe liegt nun eine Auswahl seiner zweisprachigen Gedichte in Romanes und Deutsch vor. Jovanović denkt immer wieder über das Aussenseitertum der Roma nach: «Nie lasst ihr uns / Wurzeln schlagen / einen Stamm bilden / die Äste ausbreiten. / Was bleibt uns übrig / als uns zurückzuziehen / in unsere Schale und / zu zweifeln / dass es eine Welt gibt / und dass wir leben.» Aus seiner Jugend in Serbien erinnert sich Jovanović noch an die «Verachtung», die ihm entgegengebracht wurde und ihm «bis heute in den Knochen steckt».

  • Eintrittskarte. Ulaznica. Srbija: Panorama pesništva 21. Veka. Serbien: Panorama der Lyrik des 21. Jahrhunderts. Herausgegeben von Dragoslav Dedović. Drava-Verlag, Klagenfurt 2011. 360 S., Fr. 35.40. 
  • Hundert Gramm Seele. Deset deka duše. Serbische Poesie aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Herausgegeben und übertragen von Robert Hodel. Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2011. 312 S., € 29.95. 
  • Ilija Jovanović: Mein Nest in deinem Haar. Moro kujbo ande ćire bal. Gedichte. Romanes und deutsch. Mit einem Nachwort von Elfriede Jelinek. Drava-Verlag, Klagenfurt 2011. 132 S., Fr. 25.30. 
  • Miodrag Pavlović: Misshelligkeiten, alte und neue. Gedichte. Aus dem Serbischen von Peter Urban. Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2011. 144 S., € 19.95. 
  • Boško Tomašević: Früchte der Heimsuchung. Gedichte. Aus dem Serbischen von Helmut Weinberger. Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2011. 172 S., € 22.95.

124. Lesung: Urs Allemann, Marcel Beyer, Monika Rinck, Bertram Reinecke

21.06.2011

Der Dichter und sein Schatten, Lesungen bei Litradio

Monika Rinck und Bertram Reinecke

49:25

hier

Urs Allemann und Marcel Beyer

 

52:12

hier

 

Lesung im Rahmen der internationalen Fachtagung Der Dichter und sein Schatten. Fallstudien zur Einflussdichtung, die vom 27. bis 30. April 2011 im Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald stattfand.

 

Die Tagung hat versucht, das Phänomen der Einfluss-Lust (und nicht nur der „Einfluss-Angst“, mit der sich die wirkungsmächtige Studie von Harald Bloom auseinandergesetzt hat) unter der Perspektive ihrer Produktivität neu zu bewerten. Die Grundannahme ist, dass die Auseinandersetzung mit anderen DichterInnen und ihrer Sprache für die Entstehung einer eigenen Poetik konstitutiv ist. Dies gilt insbesondere für moderne Lyrik, in der im zwanzigsten Jahrhundert Formen wie Zitation und Montage, literarische ‚ready mades‘ und andere affirmative Formen von Intertextualität (bis zum Extremfall des Plagiats) ihre literarische Blüte erleben und aus dem Schatten des Trivialen treten. Das Verhältnis von Originalität und Epigonentum wird komplexer als bisher zu beschreiben sein. Nietzsche beklagt 1879 in Der Wanderer und sein Schatten die „Originalitätswut“ der Modernen, die im Unterschied zu den antiken Autoren eine regelrechte Angst vor der Konvention an den Tag legen würden. Doch gerade nachdem sich die modernen Autoren seit der Romantik scheinbar oder wirklich von den „Ketten“ der Tradition befreit (ein Bedürfnis jeder literarischen Avantgarde) und die vollständige Freiheit und Ungebundenheit ihrer künstlerischen Schöpfung behauptet haben, können sie sich ohne jegliche Einfluss- und Konventionsangst ‚leisten‘, auch epigonal zu sein: Wo der Zwang der Konvention nicht mehr so stark ist, kann die dezidierte Aneignung fremder Vorbilder anfangen.