Die Frage, die das Poesiefestival zum Abschluss in die Runde wirft, ist in eigener Sache natürlich eine substanzielle: Sind Lyrics Lyrik? Kann man Songtexte von Blumfeld oder F.S.K. neben die Gedichte Paul Celans stellen? Und: hätte der letzte Nobelpreis an Bob Dylan gehen sollen?
Auch in diesem Jahr soll die Grenze des traditionellen Lyrik-Begriffs wieder ein bisschen erweitert werden. Die These, die das Kolloquium verfolgt, gibt sich radikal, ist aber eigentlich nicht überraschend: Songtexte seien der „eigentliche Energiekern der Gegenwartslyrik“. / Martin Ernst, Tagesspiegel
Auch in der Schweiz werben die (Jung-)Liberalen aller Couleur für die Freiheit:
Bisher seien über 70’000 Unterschriften gesammelt worden, sagte Brenda Mäder, Präsidentin der Jungfreisinnigen und Co-Präsidentin des Referendumskomitees, an der Delegiertenversammlung der FDP am Samstag in Visp. Eingereicht bei der Bundeskanzlei wird das Begehren am 5. Juli, die Frist läuft am 7. Juli ab. Das Referendum ergriffen hatten die Jungparteien von FDP und SVP, die FDP sowie Exponenten der Grünliberalen, der Piratenpartei und der SVP.
Der Grossverteiler Migros unterstützte die Unterschriftensammlung finanziell. / nachrichten.ch
Migros ist, wen wunderts, der Bock als Gärtner. Der „Grossverteiler“, schönes Wort, verteilt auch Bücher im großen Stil in Ex Libris – Buchhandlungen. Wenn die Preise endlich liberalisiert sind, können Supermärkte und Tankstellen endlich die den Yuppies oder Julis wichtigen Bücher günstig anbieten. (Die anderen werden dann nach Freiburg oder Mailand fahren).
Dani Landolf schreibt:
Viel bedenklicher ist, dass von Ex Libris mit der von den meisten Schweizer Medien fast durchwegs unkritisch begleiteten Dumping-Kampagne systematisch versucht wird, die Vielfalt der Schweizer Buchhandelslandschaft – und mit ihr die Autoren und Verlage – zu zerstören. Denn wenn der Schweizer Buchhandel am Boden ist, braucht es kein Preisbindungsgesetz mehr. Und genau das ist das Ziel von Ex Libris. Das Unternehmen hat die Rabatt-Aktion nicht zufälligerweise nach dem Entscheid der Kommission für Wirtschaft und Abgaben (WAK) für ein Buchpreisbindungsgesetz lanciert.
Ex Libris ist eine Firma, die keine Buchhandels-GAV-Löhne zahlt, keine Buchhändlerinnen anstellt (geschweige denn welche ausbildet), ein sehr dürftiges Bestseller-Sortiment führt und sich offensichtlich nicht um den Gewinn (teilweise liegt der Ladenpreis unter dem Ankaufspreis), sondern nur um das Ausschalten der Konkurrenz kümmern muss. Mit der Migros im Rücken kann sich das Ex Libris offensichtlich leisten. Der restliche Schweizer Buchhandel nicht.
Mit dieser Aktion gibt Ex-Libris genau die Richtung vor, in der sich ein total liberalisierter Buchmarkt bewegt: In Ländern ohne Buchpreisbindung läuft der Kampf um die billigsten Bestseller nämlich über die Supermärkte, der restliche Buchhandel steht aussen vor – und mit ihm die Autoren und Verlage, die nicht nur Massenware produzieren. Der grosse Verlierer dieser Entwicklung ist die kulturelle Vielfalt.
(1976 sang Wolf Biermann beim Kölner Konzert: „Auch Liberale werden wir befrein“. Tja, vielleicht im nächsten Jahrhundert!)
Liber, Conversations-Lexikon; oder, Encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände [2. Auflage], Band 5. Macklot, 1816:
ein Beiname des Bacchus bei den Römern, bei welchem man sich den Begriff eines Lösers und Befreiers dachte. Ursprünglich war Liber ein alt – italienischer Gott der Zeugung und Verpflanzung, der seinen Namen von dem alten Worte libare (gießen, befeuchten) hatte. Er wurde mit der Libera und der Ceres gemeinschaftlich verehrt.
Liberalität, Liberale, liberale Ideen. Conversationslexikon 4. Auflage 1817–1819, 10 Bände [Brockhaus], Band 5, 1817:
Liberalität (von liber, der Freie, daher liberales, dem Freien gemäß) bezeichnet ursprünglich den Freisinn, oder die eines freien Mannes würdige Denkart und Handlungsweise. Der eigentliche Gegensatz davon ist die Servilität (von Servus, der Knecht oder Sclave, daher serviles, dem Sklaven gemäß), mithin der Knechtsinn, oder die gewöhnlich dem Sklaven eigene Denkart und Handlungsweise; wofür man aber lieber Illiberalität sagt, weil solche Denkart und Handlungsweise auch bei Personen vorkommen kann, die sich nicht im Zustande der Knechtschaft befinden.*
Liberalismus, Brockhaus Wissen 2004:
[aus lateinisch liberalis die Freiheit betreffend] der, Staats-, Gesellschafts- und Wirtschaftsauffassung, die die Freiheit des Einzelnen als grundlegende Norm menschlichen Zusammenlebens ansieht und den Fortschritt in Kultur, Recht, Sitte, Wirtschaft und sozialer Ordnung als den Inhalt geschichtlicher Entwicklung versteht. (…)
Der wirtschaftliche Liberalismus erhielt seine klassische Begründung durch A. Smith, D. Ricardo, J. Mill und fand seinen Ausdruck im 19. Jahrhundert in der Forderung nach Gewerbefreiheit, freiem Wettbewerb, Freihandel und in seiner extremsten Form im Manchestertum. Staatseingriffe, wie sie für den Merkantilismus typisch sind, lehnt der klassische Wirtschaftsliberalismus ab. (…) Das Gebot der Nichteinmischung des Staates gilt prinzipiell auch für die Beziehung zwischen Arbeitgebern und -nehmern. Die soziale Frage kann nach Auffassung des klassischen Liberalismus nur durch Selbsthilfe der Betroffenen und durch eine Verbesserung des Bildungswesens gelst werden. Unter Berücksichtigung praktischer Erfahrungen zeigt sich der wirtschaftliche Liberalismus des 20. Jahrhunderts als Neoliberalismus, dessen wirtschaftstheoretische Grundlagen weitgehend der Freiburger Schule entstammen.
[Selbsthilfe, genau!]
*) Die Stelle erklärt vielleicht ein wenig, wieso bei den letzten Bundestagswahlen so viele Leute, die kein Hotel besaßen, eine Partei wählten, die ankündigte, etwas für Hotelbesitzer zu tun (und, selbstredend, von Hotelbesitzern finanziell unterstützt wurde. M.G.
In neuen Einzelbänden und reichhaltigen Anthologien ist Serbien als lyrische Grossmacht zu entdecken, schreibt Ulrich M. Schmid in der NZZ:
Der Hamburger Slawist Robert Hodel gibt in einer umfassenden Anthologie mit dem Titel «Hundert Gramm Seele» einen kompetenten und lesenswerten Überblick über die serbische Lyrik der siebziger und achtziger Jahre. Die Gedichtsammlung wird eröffnet von Branko Čučaks (geb. 1948) provozierendem Text «Schock» (1971), in dem der Titoismus als «SCHEISSPARTEI» beschimpft wird. Viele Autoren prangern soziale Missstände an und verwandeln ihre Gedichte in kleine Prosaminiaturen. Gleichzeitig finden sich aber auch radikale Sprachexperimente wie etwa Stevan Tontićs poetische Deklination «Verb sterben», die von Hodel kongenial übersetzt wird: «Starb ach / sterb ech / verstarb an Verstand / versterb erst vergerbt / verstörb öft zermörbt / steurb staurb / staub / staubst und saust / straube und traure». Als Schweizer greift Hodel auch auf das Berndeutsche zurück, um dialektale Gedichte von Miroslav Cera Mihailović in eine angemessene Sprachform zu bringen.
Eine zweite Anthologie mit dem Titel «Eintrittskarte» schliesst direkt an Hodels Ausgabe an. Der in Köln lebende Publizist Dragoslav Dedović stellt 29 serbische Lyriker vor, die zwischen 1957 und 1980 geboren sind. …
Nur indirekt kann man den Rom Ilija Jovanović (1950–2010) zur serbischen Literatur zählen. Er wuchs in einer Zigeunersiedlung in Serbien auf, emigrierte 1971 nach Österreich und war langjähriger Obmann des Romano Centro in Wien. In einer sorgfältig gestalteten Ausgabe liegt nun eine Auswahl seiner zweisprachigen Gedichte in Romanes und Deutsch vor. Jovanović denkt immer wieder über das Aussenseitertum der Roma nach: «Nie lasst ihr uns / Wurzeln schlagen / einen Stamm bilden / die Äste ausbreiten. / Was bleibt uns übrig / als uns zurückzuziehen / in unsere Schale und / zu zweifeln / dass es eine Welt gibt / und dass wir leben.» Aus seiner Jugend in Serbien erinnert sich Jovanović noch an die «Verachtung», die ihm entgegengebracht wurde und ihm «bis heute in den Knochen steckt».
21.06.2011
Der Dichter und sein Schatten, Lesungen bei Litradio
Monika Rinck und Bertram Reinecke
49:25
Urs Allemann und Marcel Beyer
52:12
Lesung im Rahmen der internationalen Fachtagung Der Dichter und sein Schatten. Fallstudien zur Einflussdichtung, die vom 27. bis 30. April 2011 im Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald stattfand.
Die Tagung hat versucht, das Phänomen der Einfluss-Lust (und nicht nur der „Einfluss-Angst“, mit der sich die wirkungsmächtige Studie von Harald Bloom auseinandergesetzt hat) unter der Perspektive ihrer Produktivität neu zu bewerten. Die Grundannahme ist, dass die Auseinandersetzung mit anderen DichterInnen und ihrer Sprache für die Entstehung einer eigenen Poetik konstitutiv ist. Dies gilt insbesondere für moderne Lyrik, in der im zwanzigsten Jahrhundert Formen wie Zitation und Montage, literarische ‚ready mades‘ und andere affirmative Formen von Intertextualität (bis zum Extremfall des Plagiats) ihre literarische Blüte erleben und aus dem Schatten des Trivialen treten. Das Verhältnis von Originalität und Epigonentum wird komplexer als bisher zu beschreiben sein. Nietzsche beklagt 1879 in Der Wanderer und sein Schatten die „Originalitätswut“ der Modernen, die im Unterschied zu den antiken Autoren eine regelrechte Angst vor der Konvention an den Tag legen würden. Doch gerade nachdem sich die modernen Autoren seit der Romantik scheinbar oder wirklich von den „Ketten“ der Tradition befreit (ein Bedürfnis jeder literarischen Avantgarde) und die vollständige Freiheit und Ungebundenheit ihrer künstlerischen Schöpfung behauptet haben, können sie sich ohne jegliche Einfluss- und Konventionsangst ‚leisten‘, auch epigonal zu sein: Wo der Zwang der Konvention nicht mehr so stark ist, kann die dezidierte Aneignung fremder Vorbilder anfangen.
Novalis schreibt in seinen «Fragmenten und Studien 1799–1800»: «Kritik der Poesie ist Unding. Schwer schon ist zu entscheiden, doch einzig mögliche Entscheidung, ob etwas Poesie sei, oder nicht.» Was Salvatore Quasimodo (1901–1968), den Literaturnobelpreisträger von 1959, angeht, fällt diese Entscheidung leicht. Gianni Selvanis zweisprachige Auswahl von zwanzig Gedichten («Das Leben ist kein Traum», Piper 1960) war ein Konzentrat. Jetzt hat die Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung eine Edition vorgelegt, die mit Fug und Recht als ultimativ bezeichnet werden darf.
Es sei vorweggenommen, dass Christoph Ferber mit jedem der italienisch und deutsch vorgestellten 112 Gedichte ein höchst differenziertes Gespräch geführt hat. Und das heisst: Exakte Übersetzungen wechseln ab mit Passagen, die als ein «Weiterdichten» der italienischen Originalversion verstanden werden können, wie Hugo Friedrich im Rahmen seiner nach wie vor unentbehrlichen Studie «Die Struktur der modernen Lyrik» angedeutet hat. Die Kommentare von Antonio Sichera und das Nachwort von Georges Güntert liefern die Schlüssel zu einem Opus, das von der Wahrheit der Poesie Zeugnis ablegt. Dass diese Wahrheit sich sowohl hinter einer Geheimschrift verbergen als auch im Klartext offenbaren kann, erweist sich als evident. Sicheras Kommentare spiegeln eine äusserst penibel erstellte Quellengeschichte. Das Lesen mutiert zu einer Lektion. Namen wie Ugo Foscolo, Giovanni Pascoli, Giacomo Leopardi und Gabriele D’Annunzio verweisen auf eine breite Skala von Einflüssen, die es letzten Endes auch fraglich erscheinen lassen, Quasimodo ausschliesslich einer Strömung der modernen Lyrik zuzuordnen. Ein Kästchendenken verbietet sich. Es wäre sogar ein Verstoss gegen das Freiheitsprinzip hermetischen Dichtens. / Hansjörg Graf, NZZ 17.5.
Salvatore Quasimodo: Gedichte. 1920–1965. Italienisch – deutsch. Ausgewählt und übersetzt von Christoph Ferber. Mit einem Nachwort von Georges Güntert und Kommentaren von Antonio Sichera. Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, Mainz 2010. 336 S., Fr. 31.40.
Für die NZZ sprach Hoo Nam Seelmann mit dem koreanischen Autor Kim Kwang Kyu über koreanische Lyrik:
Welche Tendenzen gibt es in der Lyrik?
Kim: In der koreanischen Gegenwartslyrik lassen sich zwei grosse Richtungen ausmachen. Die eine zielt darauf, die traditionelle Lyrik durch neue Sujets und Stilelemente behutsam zu bereichern und zu erneuern. Man will so die Kontinuität der alten Lyriktradition erhalten. Die andere stellt dieses Bestreben als solches in Frage. Vor allem die junge Generation zeigt wenig Interesse an Überliefertem. Vergleichbar ist vielleicht die heutige Entwicklung in Korea mit dem Aufkommen des Expressionismus um 1900 in Deutschland. Die jungen koreanischen Lyriker scheinen wenig an der Interaktion mit den Lesern interessiert zu sein. Diese Entwicklung verschärft die gegenwärtige Krise der Lyrik zusätzlich. Aber das mag auch eine unnötige Sorge eines alten, etablierten Lyrikers sein. Denn die Werke der deutschen Expressionisten gehören ja inzwischen zu den Klassikern.
Traditionell galt in Korea die Lyrik als die edelste Gattung der Literatur und wurde von der Elite gepflegt, während Prosa mehr für die breitere Bevölkerung gedacht war. Wie sieht das heute aus?
Kim: Im alten Korea gab die Liebe zur Poesie den Massstab dafür ab, ob jemand gebildet war oder nicht. Heute werden Kenntnisse der Lyrik nur für die Schulprüfungen benötigt, was gewiss einen Abstieg bedeutet. Die Gegenwart ist mehr das Zeitalter der Prosa, besonders der Romane, so dass die Lyrik immer mehr an Bedeutung verliert. Trotzdem erfreut sich die Lyrik in Korea im Vergleich zu den deutsch- und englischsprachigen Ländern dank der Tradition einer grossen Beliebtheit. Eine zahlreiche Leserschaft belegt dies.
Kim Kwang Kyu: Geboren 1941 in Seoul. Studium der Germanistik in Seoul und München. Professor für Germanistik an der Hanyang-Universität. Bekannter Übersetzer deutschsprachiger Lyrik und Kulturvermittler. Er erhielt zahlreiche koreanische Literaturpreise. Auf Deutsch erschienen: «Die Tiefe der Muschel» (Pendragon, 1999), «Botschaften vom grünen Planeten» (Wallstein, 2010).
… denken wir an die rauschhaften Prophezeiungen Walt Whitmans, an das Erstaunen William Carlos Williams‘ angesichts simpler Dinge oder Robert Creeleys der Luft zum Atmen abgelauschte Zeilen – die „geschichtslose„ amerikanische Topographie hat eine eigene Lyrik hervorgebracht, die ohne Blindheit gegenüber den Unwegsamkeiten des Lebens voll Versprechen und unverbrauchter Schönheit steckt.
Das ist die poetische Facette am seit mehr als zweihundert Jahren staatstragenden American Dream, aus dessen Substanz auch der 1969 geborene Kevin Prüfer noch schöpft. Doch sein heutiges Amerika ist mit dem Alltag, den es ihm schenkt, nicht mehr ganz so jung und unverbraucht. Der mit Banalitäten wie Smalltalk, Billboards, Shoppingmalls angereicherte way of life kann leicht zur Ödnis geraten. Nicht einfach, aus diesen die Vorstellung überwuchernden Virtualitäten und Realitäten zweiter und dritter Hand Schönheit und Versprechen herauszufiltern – oder gar Wahrheit über die ins Wohnzimmer strahlenden Kriege, die die Nation in der Ferne ausficht. Prüfer jedoch versucht dies mit ästhetischer Raffinesse und Schlichtheit in einem zu bewerkstelligen: „Der Westen, zufrieden und sonnengegerbt, denn so besagt es die Geschichte,/ gefangen im Strudel/ allen entschwunden, außer dem sanften Traum,/ in dem der Westen westwärts reitet, der Wüstenstadt entgegen,/ zu den Mädchen, die sich um ihn scharen,/ die sein Pferd berühren,/ das schweißfeuchte Fell, die Flanken streicheln, den Sattel / und seine Schenkel -/ Köstlich, köstlich, sagen sie, dann lächeln sie / und ziehen ihn zu sich herab.“ Prufers Ars poetica ist nicht im Avantgarde-Sinn innovativ, dafür zugänglich, erprobt, variantenreich und voll Witz, den wiederum kulturpessimistische Melancholie kontrastiert. / Jan Röhnert, FAZ 21.6.
Kevin Prufer: Wir wollten Amerika finden
Ausgewählte Gedichte. Zweisprachig. Aus dem Amerikanischen von Norbert Lange und Susanna Mewe
Einband: Englisch Broschur
Seitenzahl: 220
Preis: 24,- EUR
ISBN: 978-3-939557-46-3
»Mein Imperium fiel wie ein Blutstropfen ins Gras.« Kevin Prufers Gedichte sind Expeditionsunternehmen in ein zerrissenes, um seine Träume und Selbstbilder gebrachtes Amerika. Sein Thema sind Zusammenbrüche und Unfälle von Autos wie Staaten. Sein Amerika ist eine Landschaft in der Notaufnahme, »Schnee« liegt wie »kleine Beruhigungsmittelchen im Garten verstreut«, seine Mitbürger begegnen ihm als schlaflose Pilger zwischen Einkaufszentren, Zerstreuung und Kriegsberichterstattung. Kevin Prufer hat das politische Gedicht für die Popmoderne reaktiviert und schafft es dennoch in diesem Waste Land des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts die eigentliche Poesie des Menschseins zu feiern. Der Band ist in enger Zusammenarbeit mit Kevin Prufer von Susanna Mewe und Norbert Lange übersetzt worden.
„Für mich ist das heute in erster Linie sein Todestag, also ein Trauertag, und das tut natürlich weh.“ Die Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller war sehr bewegt, als gestern im Thüringer Landtag ein Denkmal enthüllt wurde, das von nun an öffentlich an ihren Freund und Mitstreiter, den 1999 im Alter von 48 Jahren verstorbenen Schriftsteller und DDR-Oppositionellen Jürgen Fuchs erinnert. / Thüringische Landeszeitung
poesiefestival berlin
Fr 24.6.
U-Bahnhof Brandenburger Tor
Eintritt frei
10:00 Katharina Schultens 12:30 Hendrik Jackson 15:00: Ursula Krechel
Mit freundlicher Unterstützung durch: Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), Berliner Fenster, Stiftung Berliner Mauer
Fr 24.6. ab 10:00
Akademie der Künste, Pariser Platz, Black Box
Eintritt €1,50 Anmeldung erbeten unter bildung(at)literaturwerkstatt.org
Viele Texte ihres letzten Gedichtbandes „Dschinn“ (2007) entstanden auf und handeln von Mallorca. Doch mit Betrachten gab sich Sabine Schiffner, die heute zwischen Köln und Palma lebt, nicht zufrieden: Sie wollte „in diese Welt rein“ und studierte Katalanisch.
In einem Gespräch mit der Mallorcazeitung sagt sie:
Poesie zu übersetzen, gilt als extrem schwierig.
Es ging erstaunlich gut. Ich glaube, das lag weniger an den Gedichten als am Mallorquinischen. Die Sprache eignet sich ideal für Poesie. Wir haben fast immer treffende Ausdrücke gefunden.
„Dschinn“. Deutsch-katalanische Lesung mit Sabine Schiffner und Rosa Planas, Dienstag (28.6.), 20 Uhr, Kulturzentrum Can Alcover, C/. Sant Alonso, 24, Palma. Eintritt frei.
Am Dienstag (28.6.) findet im Kulturzentrum Can Alcover in Palma eine deutsch-katalanische Lesung ihrer Arbeiten statt
poesiefestival berlin
Do 22.6. U-Bahnhof Brandenburger Tor
Eintritt frei
10:00 Ulrike Draesner 12:30 Norbert Lange 15:00 Philip Maroldt
Do 22.6. ab 10:00
Akademie der Künste, Pariser Platz, Black Box
Eintritt €1,50 Anmeldung erbeten unter bildung(at)literaturwerkstatt.org
Ach was, das sind Gedichte? Marica Bodrožic in der Versfalle.
So ist eine Kurzkritik von Michael Wüstefeld im Poetenladen überschrieben.
Ach was, das ist eine Kritik? Steckt etwa Rezensent Wüstefeld in der Verrißfalle?
Die Kritik ist mit 19 Sätzen angenehm kurz. Der kürzeste, Satz 2, hat nur 3 Wörter und 1 Zahl. 3 der 19 Sätze zitieren zwischen 1 Wort und 1,5 Versen aus dem kurzbesprochenen Gedichtband.
6 der 19 Sätze sprechen über das Leben und Treiben der Autorin und die Aufnahme von Person und Werk durch die Umwelt (Goetheinstitut, universitäre Einrichtungen, Preisjurys, Kritik…). Die Aufmerksamkeit für diese Autorin scheint dem Rezensenten unangemessen. Klingt mir ein bißchen nach Neid. (Kann mal jemand den Rez. einladen?)
5 Sätze beinhalten vorwiegend einfache, unwiderlegbare Aussagen über den Gedichtband, wie: 1. er hat 68 Seiten, 2. 25 Gedichte, daraus folgt 3. daß jedes Gedicht im Schnitt länger als 1 Seite ist, aber 4. einer hat nur 17 Zeilen.
Sätze 3, 4, 5, 7, 12, 16 und 17 (mithin 7 von 19) behaupten, daß es sich nicht um „Gedichte“, „Verse“, „Prosagedichte“ und „Poesie“ handelt, ohne die Spur eines Arguments.
2 Sätze verwenden stattdessen die Bezeichnungen „Textgebilde“ und „Versversuche“, auch hier ohne Beweisführung.
Der Verfasser dieser „Kurzkritik“ weiß, was Gedichte, Verse und Poesie sind. Sagt es uns aber nicht.
Der letzte Satz ist widerlich und ich wünschte, der Ladenchef hätte ihn gestrichen.
Marica Bodrožic
Quittenstunden
Otto Müller Verlag, Salzburg 2011
An neuen Texten sind seither für die vorhellenistische Zeit nur poetische Bruchstücke von Archilochos, Sappho und Simonides hinzugekommen. Doch die griechische Literatur gerade der ersten vier Jahrhunderte steht heute in weiten Teilen völlig anders da als vor sechzig Jahren. Die homerischen Epen werden interdisziplinär untersucht, bei den Lyrikern interessieren Kommunikationsbedingungen und Performanzen, man hat gelernt, die Tragödie als Teil der politischen Kultur Athens zu verstehen, Mündlichkeit und Schriftlichkeit gelten nicht mehr als scharf voneinander abgegrenzte Phasen, die Rezeptionsgeschichte ist neben die traditionelle Textgeschichte getreten. …
Zu den hermeneutischen Chancen eines solchen Handbuchs gehört es, konträre Positionen scharf zu konturieren, ohne die agonistische Situation der ursprünglichen Debatte reproduzieren zu müssen. Wie das geht, zeigt die Einleitung zum Abschnitt über die Lyrik: Die neuere pragmatische Interpretation, in der die Dichtungen in soziale und religiöse Handlungsakte eingebettet erscheinen, hat sich weitgehend durchgesetzt, ohne dass damit die von Wilamowitz betriebene biographische Interpretation oder die zumal in Deutschland durch Forscher wie Hermann Fränkel und Bruno Snell einflussreiche geistesgeschichtliche Auffassung „widerlegt“ wären – beide haben wichtige Ergebnisse erbracht, erstere durch eine umfassende Erschließung und kritische Durchleuchtung des Überlieferungsbestands, letztere durch das Aufzeigen der großen Ideenlinien und gemeinsamen Anliegen der Dichter. Gegen modische Trends wagt der Bearbeiter eine vorsichtige Generalisierung: Insgesamt lasse sich die Tendenz zu einer grundsätzlichen Identität zwischen dem realen und dem poetischen Ich feststellen – um sogleich einzuräumen, dass dies speziell bei Pindar sehr umstritten sei. / Uwe Walter, FAZ
Bernhard Zimmermann (Hrsg.): „Handbuch der griechischen Literatur der Antike“. Erster Band: Die Literatur der archaischen und klassischen Zeit. Verlag C.H. Beck, München 2011. XXVIII, 816 S., geb., 138,- Euro.
Aus der „Griechischen Anthologie“, Buch XI: Trink- und Scherzepigramme
322
Der Grammatiker umtriebiges Geschlecht, Wurzelgräber der Musen
Anderer, traurige Motten im Flug von Distel zu Distel,
Quälgeister der großen Geister, wagt es, euch mit Erinna zu brüsten,
wadenbeißende kläffende Köter des Kallimachos,
Poetenpest, Kinderverschatter,
verzieht euch, heimlich nagende Schädlinge der schönklingenden Dichtung!
Γραμματικῶν περίεργα γένη, ῥιζωρύχα μούσης / ἀλλοτρίης, ἀτυχεῖς σῆτες ἀκανθοβάται, / τῶν μεγάλων κηλῖδες, ἐπ‘ Ἠρίννῃ δὲ κομῶντες, / πικροὶ καὶ ξηροὶ Καλλιμάχου πρόκυνες, / ποιητῶν λῶβαι, παισὶ σκότος ἀρχομένοισιν, / ἔρροιτ‘, εὐφώνων λαθροδάκναι κόριες. (Antiphanes)
Eine mehrbändige Ausgabe der Anthologia Graeca wird im Stuttgarter Verlag ANTON HIERSEMANN KG vorbereitet. Die Übersetzungen stammen von Dirk Uwe Hansen (Greifswald), Jens Gerlach (Hamburg), Peter von Moellendorff (Gießen), Kyriakos Savvidis (Bochum) und Christoph Kugelmeier (Saarbrücken). Der erste Band wird voraussichtlich noch in diesem Jahr erscheinen. Das 11. Buch kommt in den 3. Band und wird von Christoph Kugelmeier übersetzt. Die obige Übersetzung stammt von Dirk Uwe Hansen (nicht aus der Ausgabe).
Eine metrische Übersetzung von Dietrich Ebener in Dietrich Ebener (Hg.): Die Griechische Anthologie. 3. Band. Berlin u. Weimar: Aufbau Verlag 1981, S. 83
Wikipedia ist hier noch einsilbig bzw. -sätzig:
Antiphanes of Macedon is the author of ten epigrams in Greek Anthology; one of these is headed as Antiphanes of Megalopolis and may be by another poet.
Die katalanische Version hat dagegen 4 Sätze:
Antífanes (Antiphanes, Ἀντιφάνης) fou un poeta epigramàtic grec.
Alguns dels seus epigrames es conserven a l‘antologia grega. Va viure després de Meleagre, en temps de l’emperador August. Filip de Tessalònica va incorporar alguns dels seus epigrames a la seva antologia, cosa que ens els ha conservat.
Die Aufbau-Ausgabe sagt:
Antiphanes: Von Makedonien bzw. Megalopolis, 1. Hälfte des 1. Jahrhunderts u.Z.
Lustig ist, daß Megalopolis beinahe die griechische Übersetzung von „Mecklenburg“ ist, bzw. umgekehrt, Meckel = michel, groß (Gegensatz zu Luxemburg = lützel, little burg). Nur „Stadt“ statt „Burg“. Die Herzöge von Mecklenburg waren ja trotz des deutschen Namens Slawen wie die Makedonier seit dem Mittelalter. Makedonien wiederum hat auch „groß“ im Namen:
The name Macedonia (Greek: Μακεδονία, Makedonía) is related to the ancient Greek word μακεδνός (Makednos). It is commonly explained as having originally meant ‚a tall one‘ or ‚highlander‘, possibly descriptive of the people.
Außerdem umfaßt das slawische Wort „grad“, „gorod“ sowohl Stadt als Burg (Petrograd = Stadt Peters = Petersburg). Im übrigen wird auch der Name „Gratz“ von dem Wort abgeleitet, also Stadt- oder Burgbewohner. Hochgewachsene Stadtbewohner zwischen Deutschen und Slawen oder zwischen Dichtung und Grammatik. Stimmt schon. [Andere Deutung: gracz, polnisch Spieler]
Die kurze, einfältige Antwort: am besten gar nicht.
Der Film «Howl» nach dem gleichnamigen Gedicht von Allen Ginsberg verdient eine gründlichere Antwort. Denn dieser Bastard, gezeugt aus verschiedenen filmischen Gattungen, ist ohne Zweifel eine der aufregendsten Literaturverfilmungen, die in den letzten Jahren im Kino zu sehen waren. Ob sie als solche auch geglückt ist, ist wieder eine andere Frage. …
Das ist, im klassischen Rahmen eines amerikanischen Gerichtsdramas, immer auch grossartiges Schauspielerkino: David Strathairn als Staatsanwalt führt seinen Prozess wie ein Buchhalter, der sich an einem Literaturseminar auf der Grundstufe versucht. Das ist weniger ein puritanischer Eiferer als ein aufrechter Pedant. Wenn er die sexuell aufgeladenen Passagen als Beweismaterial vorträgt, dann klingt das, als wäre der menschliche Körper irgendein technisches Gerät und die Lyrik eine Bedienungsanleitung dazu. Was das denn zu bedeuten habe, so will er von einem Professor wissen, wenn Ginsberg in seinem Gedicht von «engelköpfigen Freaks, gierig nach der alten himmlischen Verbindung zum Stern-Dynamo in der Maschinerie der Nacht» schreibe. «Sir, Sie können Poesie nicht in Prosa übersetzen», sagt der Professor wie zu einem etwas begriffsstutzigen Kind. «Darum ist es Poesie.» …
Im Film nun lässt er ausgezehrte Männer durch Strassenschluchten segeln, ein Saxofonist sprüht einen Goldregen aus seinem Horn, und wenn im Gedicht von «karibischer Liebe» die Rede ist, explodieren Spermien wie Feuerwerk am Himmel.
Bilderbogen statt Streubombe
So wird, was in der Sprache der Lyrik flüchtig und ungezähmt bleibt, im Kino in platte Bilder gegossen. Der Zeichentrick operiert hier wie eine illustrative Krücke, die unsere Fantasie behindert, statt sie zu entfesseln. So bewirkt Drookers Bebilderung des Gedichts genau das Gegenteil von dem, was uns der Film sonst weismachen will: Das Gedicht, das angeblich wie eine Streubombe der Befreiung in die amerikanische Gesellschaft geplatzt ist, zieht als dekorativer Bilderbogen vorüber. Der literarische Sprengsatz implodiert in der Banalität.
Wie also verfilmt man ein Gedicht? Es braucht dazu nur die Sprache. Und einen Schauspieler wie James Franco, der sie zum Schwingen bringt. / Florian Keller, Tages-Anzeiger
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