2. GEDICHTKONFERENZ 2011 in der Alten Schmiede Wien am kommenden Mittwoch:
„2. GEDICHTKONFERENZ 2011 Zustandsbilder – Empfindungsregister – Zurichtungen von Sprache CHRISTIAN FILIPS (Berlin) liest aus HEISSE FUSIONEN (roughbooks, 2010) • HELMUT NEUNDLINGER (Wien) liest aus TAGDUNKEL (Mitter Verlag) • STEFAN BAYER (Wien) liest aus BOTANISCHE TRÄUME (Sisyphus Verlag, 2010)
Christian Filips’ sich fortschreibendes Gedichtprojekt Heiße Fusionen bietet ein Panorama zeitgenössischen urbanen Bewusstseins. Die Krise, nicht zuletzt eine Folge verschlingender Fusionen, ist allgegenwärtig. Sie bricht als „Instant Krise“ ins sprachlich und denkerisch kaum mehr gegebene „Private“ ein. Die Bestandsaufnahme wird mit sprachlichen Tableaus geleistet, in denen Bildsplitter, Fragmente, Versatzstücke und technokratische Jargons die Herrschaft über das Bewusstsein an sich gerissen haben. Nur Heischesätze, zwar auch schon im Diktat des grenzenlosen Habenwollens benannt, leisten mit ihren Evokationen von Empfindung und Beziehung eine Art Widerstand gegen die Brechung.
„Mit Sprachwitz und bissigem Sarkasmus bannt Filips die Phänomene der Wirtschaftskrise in poetische Abbreviaturen mit gelegentlich köstlichen und manchmal bitterbösen Pointen.“ (Roman Bucheli, NZZ)
Christian Filips, *1981 in Osthofen bei Worms. Schulzeit in Frankreich und Belgien, Studium der Philosophie und Germanistik in Wien und Berlin. Dramaturgische Arbeit mit Tänzern, Komponisten und Performern, dichterische Übersetzungen aus dem Englischen, Niederländischen, Italienischen; lebt als freischaffender Dichter und Dramaturg (u.a. für Literaturwerkstatt Berlin, Lautten Compagney Berlin, Zeitgenössische Oper Berlin, Deutsche Oper Berlin, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften) in Berlin. Neugründung der Liedertafel als Werkstatt für Dichter, Komponisten und Sänger; Zusammenarbeit mit der Sing-Akademie zu Berlin / Universität der Künste. Auftritte als Moderator, gelegentlich auch als Sänger und Performer, insbesondere mit Bo Wiget und der Lautten Compagney. Seit 2010 Mitherausgeber der roughbooks (zusammen mit Urs Engeler), Programm- und Archivleiter der Sing-Akademie zu Berlin. Schluck auf Stein. Gedichte (2001); Rimbaud-Preis 2001 (Ö 1 / Der Standard).
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Das Themenspektrum der „Botanischen Träume“ ist weit gefächert – es reicht von Liebe, Angst, Enttäuschung, Freundschaft und Tod über gesellschaftskritische und politische Texte bis hin zu solchen, die in erster Linie durch ihre äußere Form die Schönheit lyrischer Ausdruckskraft zur Geltung bringen wollen. Die Gedichte versuchen die Leserin und den Leser zuerst mit einer magischen, metaphorischen, an rhetorischen Stilmitteln reichen Sprache in ihren Bann zu ziehen, um sie und ihn anschließend mit emotionalem und geistigem Tiefgang zu überzeugen.
Stefan Bayer, *1989 in Wien, wo er nach Kindheit und Jugend in Niederösterreich wieder lebt.
Seit 2007 Studium der Biologie und Romanistik an der Universität Wien.
Publikationen sowie in Literaturzeitschriften und Anthologien; Positive Ladungen. Gedichte (2008).
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Während Helmut Neundlinger von existentiellen Konstellationen und Situationen erzählt, komponiert er mit Worten und idiomatischen Wendungen und fügt so seine Gedichte zusammen. Wie das Oxymoron des Buchtitels pulsiert hier das Lebensgefühl in Gegensätzen, die doch als Einheit erscheinen. Schlaf und Nichtschlaf bilden ein zentrales Motiv der Unruhe vor dem Verlangen nach Ruhe, so wie Schlingensiefs grenzenlose Welterfassung, in einem eigenen Abschnitt angerufen, mit rastloser Betriebsamkeit kontrastiert und sich zu einem Spiel mit der Macht verbindet; die liedhafte Leichtigkeit vieler Gedichte ist dabei von ihrer Empfindungstiefe nicht zu trennen.
Die Gedichte des Lyrikbandes „tagdunkel“ nehmen die Sprache dort auf, wo sie scheinbar am nacktesten dem Alltagsmund entfährt: in den Redewendungen, den rhetorischen Tagesresten und vermeintlichen „Nebenwörtern“ jener Sprechakte, in deren Zwischen- und Untertönen sich die Sehnsüchte und Ängste des Subjekts ablagern. Wenn dieses Ich nicht gerade mit sich selbst über seine innere Dunkelheit verhandelt, dann richtet es sich – auf beredte Weise „nichts sagend“ – an ein namenloses „Du“, erhält Nachrichten von Schlingensief oder einem toten Fußballspieler aus Kamerun. Der Schlaf spielt eine so zentrale Rolle, dass er akribisch gesammelt wird, und Wettbüros erweisen sich als Zufluchtsorte nicht gelebter Träume und unausgesprochener Tragödien.
Helmut Neundlinger, *1973 in Grieskirchen (OÖ), lebt seit 1992 in Wien. Studium der Philosophie und Germanistik. Lektor, Journalist, Publizist, Musiker, Redakteur von „Recherche. Zeitung für Wissenschaft“. Regelmäßige journalistische Beiträge in der Wiener Straßenzeitung „Augustin“, im Monatsmagazin „Datum“ und netzwerkanalytische Interpretationen von Fußballspielen im „Standard“. Bücher: Co-Herausgabe von Christian Loidl 1957–2001 (2007); „von einen sprachen“. Untersuchungen zum Werk Ernst Jandls. Gemeinsam mit Michael Hammerschmid (2008); Tagebuch des inneren Schreckens. Essays über Hermes Phettbergs „Predigtdienste“ (2009).
Literarische Welt: Manche Gedichte wirken autobiografisch.
Nora Gomringer: Vielleicht nur, weil ich gerne das verpönte lyrische Ich verwende.
Literarische Welt: Wieso verpönt?
Nora Gomringer: Ich halte es nicht für verpönt, aber ich kenne ein Gespräch zwischen den Lyrikerinnen Sarah Kirsch und Marion Poschmann. Während Sarah Kirsch ganz leicht und offen „ich“ sagt, versteckt sich Marion Poschmann hinter einem „wir“. Ich habe kein Problem mit dem „Ich“ und einem angesprochenen „Du“.
Literarische Welt: Gedichte dürfen sich scheinbar heute nicht mehr reimen.
Nora Gomringer: Wer reimt, steht natürlich in starker Konkurrenz mit den großen Reimenden der vergangenen Jahrhunderte. Ich beherrsche das nicht und bin eigentlich froh, dass die Lyrik befreit ist vom Reim – seit fast hundert Jahren.
(…)
Nora Gomringer: Ich meine sowieso, dass ein Lyrikband perfekt verfilmbar ist. Ich weiß nicht, warum das keiner sieht.
Literarische Welt: In Frankreich müssen Politiker, die Präsident werden wollen, sagen: „Ich liebe Balzac“ oder so was Ähnliches. Nur Jacques Chirac hat gesagt: „Ich lese Gedichte, die sind kürzer.“
Nora Gomringer: Genau richtig! Ich habe einfach nicht viel Geduld für schlechte Prosa. Es ist wesentlich einfacher, Lyrik zu lesen.
Für die Welt sprach Ulrich Wickert mit Nora Gomringer
Was bleibt, nach einem halben Leben in einem Land, das die existenzielle Heimatlosigkeit nie aufheben konnte, ist ein ätzender Sarkasmus. Es klingt wie ein bitterer Schlussakkord, wenn Drawert in einem New York-Zyklus aus dem Jahr 2010 noch einmal seine Biografie resümiert.
„Mein Land“, heißt es da, „mein Land war eine Rittmeisterpeitsche, / ein vergifteter Brunnen, Abfall vom Hund. / Ich werde es nicht mehr erwähnen, / ostdeutsch verwundet und westdeutsch / verwaltet, ich habe zu sprechen begonnen / und war sofort allein.“
Und dieser Vers lässt sich fast als Daseinsformel des Autors Kurt Drawert lesen: „Ich habe zu sprechen begonnen und war sofort allein“.
Denn die Geschichte des Sprechens ist bei diesem Dichter mit Traumatisierungen verbunden. Als Kind hatte Drawert unter dem autoritären Charakter seines Vaters zu leiden, einem Polizeioffizier, der dem widerborstigen Jungen die Alphabete des real existierenden Sozialismus einprügeln wollte, bis dieser ins zwanghafte Verstummen zurückfiel. Für sein Sprach-Versagen wurde der junge Drawert in die Dunkelheit des Kellers gesperrt, da er nicht willens schien, sich in die die Sprachregelungen des Staates einzuüben. Dort, in der Finsternis des Kellers, scheint sich das Misstrauen gegenüber allen fest etablierten Sprachordnungen ausgebildet zu haben, das den Schriftsteller Kurt Drawert geprägt hat, bis in die Mikrostruktur seiner Gedichte hinein. Das Zur-Sprache-Kommen, so hat es Drawert in seinen Essays immer wieder beschrieben, ist der Sündenfall. Die Alphabetisierung ist der Schrecken, denn sie ist mir Gewalt verbunden, mit der gesellschaftlichen Durchsetzung einer Herrschaftssprache. …
In den ganz frühen Gedichten Drawerts ist als Vorbild auch der rebellische, ganz der Alltagsbeschreibung zugewandte Lyriker Rolf Dieter Brinkmann sichtbar. Die Orientierung des jungen Kurt Drawert an westdeutschen Autoren hat denn auch die frühen DDR-Leser irritiert. So erklärt sich auch die Verwirrung von Drawerts großem Förderer Heinz Czechowski, der 1987 ein Nachwort zu Drawerts Debütbuch „Zweite Inventur“ beisteuerte. Denn mit Drawerts kühlen Lakonismen, seinen akribischen Erkundungen eines Lebens, das sich aufzulösen beginnt, hatte man in der DDR der achtziger Jahre Schwierigkeiten. Hier sprach ein Autor ganz beharrlich vom „Privateigentum an Empfindung“ – und das war nicht mehr unterzubringen in einer Poetik, die auf eine unerschütterbare Ordnung der Kollektivität aus war. / Michael Braun, DLF
Kurt Drawert: „Idylle, rückwärts. Gedichte aus drei Jahrzehnten“
C.H. Beck, München 2011
272 Seiten, 19,95 Euro
[Mit Verlaub, das mit Czechowskis Verwirrung und unerschütterbarer Kollektivität ist aber, für mich, ein arges Klischee. „Was mich betrifft, so bin ich ich“, dichtete der in den 70ern und nannte einen Gedichtband danach.]
DER OZEAN GEFALTET, MIT VERLAUB,
Es waren zwei, zwei Ozeane, fein
Gefaltet, laß die Arme Segel sein,
Die oben an die Wolken stoßen, Staub,
Nur Flocken, Staub, Kondomverpackungsschnitzel,
Gedachte Katzen, Haus als Außenpfosten,
Dies Wurzelnwünschen gab es nie im Osten,
Maskara, Puder, Lippenstiftgekritzel.
Sie wollte ohne Abschied sein, wer mochte
Es ihr verdenken, Ozeane, seltsam
Gefaltet, Kontinente, ungelogen.
Es sprang was auf, es kollerte und pochte,
Es gab Gedichte, so, wie wir die Welt sahn
Und Staub im All, zur Erde hingebogen.
Thomas Kunst
99% unserer Südtiroler Literaten wären am besten nie geboren, meinetwegen können sie noch heute ins heimatliche Gras beißen, um nicht weiteres Unheil anzurichten.
In der Einladung zum heurigen »literarischen kolloquium« heißt es: »Südtirols Literatur ist tot«. Wie aber kann etwas tot sein, das es nie gegeben hat? So spreche ich nun über Dinge, die es nicht gibt. …
Solche Gedichte hat man nie verboten und nie verbrannt. Sie tun niemandem weh. Das sind die Exkremente einer total vertrottelten Bozner Schießbudengesellschaft, die wohl über den Dingen steht und dann und wann ihre Seele entleert. / Aus der „Brixener Rede“ von Norbert C. Kaser, gehalten am 27. August 1969 im Rahmen der Studientagung der Südtiroler Hochschülerschaft in der Cusanus-Akademie in Brixen. Mehr
Um das Rauschpotenzial geht es ihr. Um das Rauschen der Welt und um das Rauschen der Sprache. Für das Leben sei es genauso Bedingung wie für die Literatur, so Judith Zander in ihrer Rostocker Poetik-Vorlesung „Störquellen. Poetik des Rauschens“. Das Mehrdeutige, das Verstörende, die „Anderwelt“ des Rauschens könne bedrohlich sein, aber auch zum Rauschmittel werden. Ein wahres Orchester des Rauschens bietet die Natur. Vielleicht ist sie deshalb seit jeher unerschöpfliche Quelle der Poesie. Nichts steht dafür mehr als das Rauschen der Bäume, meint Judith Zander:
„Bäume sind eine eigene Kategorie. Also wenn man da anfängt, darüber nachzudenken, dass das Pflanzen sind, dann wird einem ganz unheimlich zumute, sodass Pflanzen wirklich solche Ausmaße erreichen können.
Aufgabe der Literatur sei es, solche Unermesslichkeit als Teil des Rauschens der Welt in ihre Texte hineinzulassen und vorher nicht gehörtes Rauschen aus sich selbst heraus zu erzeugen, so die Autorin. / Michaela Schmitz, dlf
Judith Zander: „oder tau“, Gedichte, dtv Premium 2011, 97 Seiten, 11,90 EUR.
Der israelische Dichter Uri Zvi Greenberg (1896-1981) war einer der großen expressionistischen Dichter der hebräischen Lyrik. Er wurde in einer Chassidim-Familie in Bialikamin in Galizien geboren, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte. Als er anderthalb Jahre alt war, zog seine Familie nach Lwow (Lemberg).
1912 veröffentlichte er erste Gedichte auf Hebräisch und Jiddisch. Im Ersten Weltkrieg war er Soldat im österreichischen Heer an der serbischen Front. Nach der Unabhängigkeitserklärung Polens 1918 gab es ein Pogrom in Lwow, das seine Familie wie durch ein Wunder überlebte.
1923 ging er in der dritten Einwanderungswelle nach Israel. 1931 – 1935 war er Redakteur der jiddischen Zeitschrift „Le monde“ in Warschau. 1936 ging er nach Palästina zurück, 1937 wieder nach Polen und 1939, zwei Wochen nach Kriegsausbruch, endgültig nach Israel. Seine Angehörigen wurden in der Shoah ermordet. Er wurde Abgeordneter der ersten Knesset und bekam 1957 den israelischen Preis für Schöne Literatur. / Eliane Ketterer, Israel Valley 23.6.
Hier gibt es (nationalistische) Gedichte auf Englisch
Die Besonderheit des Issatals liegt in der Zahl seiner Teufel. Sie ist dort größer als sonstwo. (…) Es ist wahrscheinlich, daß die Teufel, da sie die abergläubische Bewunderung des Volkes für die Deutschen kennen – Menschen des Handels, der Erfindung und der Wissenschaft –, sich mehr Ansehen zu geben versuchen, indem sie sich wie Immanuel Kant von Königsberg kleiden. Nicht umsonst ist an der Issa der andere Name für unheimliche Macht Niemczyk* – der bedeuten soll, daß der Teufel auf der Seite des Fortschritts ist.
Czesław Miłosz, Tal der Issa (Dolina Issy). Roman. Leipzig und Weimar: Gustav Kiepenheuer 1988, S. 8.
*) Diminutiv von „Deutscher“
Miłosz bei L&Poe
Im Rückblick erscheint die Demütigung Raebers durch die Gruppe 47 wie der fatale Wendepunkt in seiner Biografie. Zwei Jahre zuvor hatte er noch mit seinem Lyrikband «Die verwandelten Schiffe» und den dort kunstvoll entfalteten Korrespondenzen zu den Mythologien der römischen Antike die Bewunderung auf sich gezogen. In diesen bewegten Jahren um 1956/57 hatte sich Raeber nicht nur als bedeutende Stimme der modernen Lyrik etabliert, sondern war auch mit einer kompromisslosen Radikalität aus seiner Ehe ausgebrochen und hatte seine beruflichen Bindungen als Tutor an der Hamburger Universität aufgegeben, um nur noch als freier Schriftsteller zu leben. / Michael Braun, NZZ 16.6.
Kuno Raeber: Aus dem Nachlass I und II: Tagebücher, Korrespondenz; Gedichte, Prosa, Aufsätze. Werke, Band 6 und 7. Hrsg. v. Christiane Wyrwa und Matthias Klein. Scaneg-Verlag, München 2011. Zus. 1100 S., Fr. 65.10.
In der Zeit der deutschen Besatzung, die Czesław Miłosz intensiv schreibend und übersetzend hauptsächlich in Warschau verbrachte, änderte sich seine poetische Orientierung. Am Beginn seiner Laufbahn hatte er die französische Lyrik bewundert, ab den späten dreissiger Jahren interessierte er sich mehr und mehr für englischsprachige Dichter – William Blake, T. S. Eliot, W. H. Auden. Damit lässt sich auch eines der Paradoxa in Miłosz‘ Werk erklären: Während in vielen Gedichten aus der Zwischenkriegszeit der Nebel apokalyptischer Erwartung waberte, registriert den Schrecken der grausamen und absolut realen Präsenz von SS und Gestapo in Warschau ein nüchterner, höchst intelligenter Dichter.
Anders als die kaum zehn Jahre jüngeren und sehr talentierten Warschauer Poeten (keiner von ihnen überlebte den Krieg) verzichtete Miłosz auf unmittelbare, gleichsam spasmisch verzerrte Bilder von Krieg, Tod, Horror und metaphysischer Hoffnung. Als bewusster Künstler, der die Bedeutung von Distanz und Reflexion kannte, schrieb er ironische, bittere Gedichte, gegründet auf Beobachtungen aus den Warschauer Strassen, und parallel dazu den ungewöhnlichen Zyklus «Die Welt. Eine naive Dichtung», der daran erinnerte, dass es eine gute, ideale Welt gibt. Er war zudem ehrlicher, scharfsichtiger Zeuge der Vernichtung der Juden; die beiden grossen Gedichte «Campo dei Fiori» und «Armer Christ sieht das Ghetto» sind ein bleibendes Zeugnis dessen, was Humanismus in der Lyrik im Moment der Katastrophe sein kann. / Adam Zagajewski, NZZ 25.6.
Geboren am 30. Juni 1911 im damals russischen, heute litauischen Seteniai, ging er im polnischen Wilna zur Schule und studierte dort anschließend Rechtswissenschaften. In dieser Zeit erschienen seine ersten Gedichte in der Zeitschrift „Alma Mater Vilnensis“, und bald bildete sich um ihn eine junge Dichtergruppe, die man die „Katastrophisten“ nannte, wegen ihrer düsteren apokalyptischen Visionen. Nach einem Aufenthalt in Paris als Stipendiat kehrte Miłosz nach Polen zurück, arbeitete als Rundfunkredakteur und engagierte sich während der Kriegszeit im polnischen Widerstand gegen die deutsche Besatzung. „Rettung“ nannte er seinen 1945 erschienenen Gedichtband. / Christian Lindert, DLR
Mehr: Freie Presse / Die Welt (F.J. Raddatz) / Gazeta Wyborcza (Was die Litauer über Miłosz wissen: „Pole ist er? Nach Amerika gegangen? Interessiert uns nicht.“ – Man findet hier viele Links, u.a. zum Krakauer Miłosz-Festival, an dem u.a. die Dichter Adonis und Bei Dao teilnahmen, und zum ganzen Miłosz-Jahr)
Gedichte auf Polnisch und Englisch (hier und da findet sich auch mal eins auf Deutsch)
Zu den lehrreichsten Schwierigkeiten, die Hilles Schaffen aufwirft, gehört der unklare textgenetische Status der Manuskripte, sogar der Publikationen zu Lebzeiten. Zu den in Zeitschriften veröffentlichten Gedichten gibt es oft handschriftliche Varianten, bei denen sich kaum entscheiden lässt, ob es sich um Vorarbeiten, Revisionen oder Neudichtungen handelt. …
Die nicht selten fast unlesbare Handschrift Hilles und seine ästhetische Randstellung verstärkten die Neigung, ihn nur als subkulturelles Unikum wahrzunehmen. Lediglich die DDR-Germanistik unternahm in den siebziger Jahren den Versuch, ihn wegen seiner sozialistischen Sympathien dem eigenen Kanon einzufügen, was aber am antikollektivistischen Gedanken seines Schreibens scheiterte*.
In der Bundesrepublik blieb Hilles Erbe der Regionalliteraturforschung überlassen. Und die Literaturkommission für Westfalen ist es auch, die in Zusammenarbeit mit der Peter-Hille-Forschungsstelle der Universität Paderborn im Aisthesis Verlag seit einiger Zeit vorbildlich edierte Ausgaben seiner Schriften herausbringt. Nachdem dort bereits 2007 die erste chronologische Ausgabe von Hilles Werken zu Lebzeiten herausgekommen ist, liegt nun die Gesamtausgabe seiner Briefe vor (Peter Hille: Sämtliche Briefe. Kommentierte Ausgabe. Hrsg. von Walter Gödden und Nils Rottschäfer, Bielefeld 2010). Es ist den Herausgebern hoch anzurechnen, dass sie sich bewusst bleiben, wie unpassend mit Blick auf Hille die Rede von „Sämtlichen Briefen“, vom „Gesamtwerk“, ja vom „Werk“ überhaupt ist. Das dem Band beigefügte Register von Hilles brieflich erwähnten, aber nicht nachzuweisenden Werken ist länger als die Liste seiner erschienenen Texte. Einige seiner Briefe, vor allem die an Lasker-Schüler, lesen sich selbst wie literarische Vignetten, und seine Manuskript- und Briefgestaltung, für welche die Ausgabe im Anhang Beispiele vorstellt, macht es schwierig, zwischen Haupt- und Paratext, Einfügungen und Nebengedanken zu unterscheiden. / MAGNUS KLAUE, FAZ 22.6.
Peter Hille:
Sämtliche Briefe: Kommentierte Ausgabe – Broschiert von Peter Hille, Walter Gödden und Nils Rottschäfer
EUR 49,80
*) was immer Scheitern da heißt. Ein paar Büchernarren versuchen einen Autor bekanntzumachen, zumindest der Reclamband landete in ein paar zehntausend Bibliotheken und wurde gelesen (Hille landete in meinem Kanon zB), aber sie haben den Staatsplan nicht erfüllt?
A new collection of fourteen “artist’s books,” featuring captivating poems and magnificent artwork, highlights the rich culture of Jewish communities in Latin America, thanks to the efforts of Stephen Sadow, professor of Spanish and Latin American literature at Northeastern University. …
In creating the books, Sadow selected 14 poems, and then he and his Argentinian colleagues, Perla Bajder and Irene Jaievsky, chose 14 Jewish artists from across Latin America. Each artist was asked to take one poem and create a unique piece of art based on his or her interpretation of the poem. Handmade in Buenos Aires, each book includes the poem in Spanish; an English translation of it by Sadow and his co-translator, J. Kates; the artwork; and bilingual biographies of the poet and artist. …
“I want to discover and promote the work of a subculture in Latin America that has been totally ignored by rest of the world, and is itself quite fragmented,” said Sadow, who noted that there are an estimated 400,000 Jews living throughout Latin America.
Sadow recently completed a 200-page “open source” anthology that brings together the work of 13 Latin American Jewish poets from the 1960s to the present and includes his and Kates’ translations of those poems into Spanish. Selected publications, including this anthology, can be found in the Northeastern Library’s digital archive.
“I want these poets to read each other’s poetry and the public to realize this kind of cultural work is being done throughout Latin America,” Sadow said. / Northeastern 29.6.
Friedrich Nietzsche
„Scherz, List und Rache.“
Vorspiel in deutschen Reimen. (Die fröhliche Wissenschaft)
13.
Für Tänzer.
Glattes Eis
Ein Paradeis
Für Den, der gut zu tanzen weiss.
Vgl. auch Nietzsches Schreibmaschine:
Brief Friedrich Nietzsches an Heinrich Köselitz, Genua, 17. Februar 1882. Dies ist der früheste erhaltene Schreibmaschinentext Nietzsches. Die Skrivekugle hatte der augenkranke Nietzsche von seiner Schwester Elisabeth geschenkt bekommen, Paul Rée hatte sie ihm am 4. Februar bei einem Besuch in Genua mitgebracht.
Original im Goethe- und Schiller-Archiv Weimar, Signatur GSA 71/BW 275,5 (früher 71/323).
Quelle: Wikisource
Für die Entstehung einer Kunstmusik im zaristischen Russland war Michail Glinka von herausragender Bedeutung: Statt sich an westeuropäischen Vorbildern zu orientieren war er einer der ersten Komponisten, die ein genuin russisches Idiom in ihrer Klangsprache realisierten. Mit seiner Entscheidung, am Gedicht »Ruslan und Ljudmila« des vom Zaren persönlich zensierten und beobachteten Alexander Puschkin als Sujet seiner zweiten Oper festzuhalten, begab sich Glinka kulturpolitisch auf dünnes Eis, denn er nahm in Kauf, dass die Handlung – die Verfolgung der Protagonisten durch ein fürstliches Ungeheuer – durchaus als Parabel verstanden wurde. / unser lübeck
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