48. Mechanik und Esprit

Auf eine andere Art exotisch wirkt in einer nach dem Authentischen, Eigentlichen, Unmittelbaren gierenden Leserwelt jene Gruppe der französischen Schriftsteller, die sich «Oulipo» abkürzt (auf Deutsch: «Werkstatt für potenzielle Literatur») und die der Pariser Romanist Jürgen Ritte einem begeisterten Publikum in einer Hotelbar vorstellte. Die Mitglieder der Gruppe schreiben nach selbst verordneten, teilweise sehr komplizierten Regeln – von denen der Leser möglichst nichts bemerkt. Das Verfahren ist noch nicht die Kunst: Aber es ermöglicht sie, bringt sie im besten Fall gerade durch Beschränkung hervor. Die von Ritte übersetzten Beispiele zeigten wunderbar, wie auch Komik aus purer Mechanik entstehen kann – wenn sie vom Öl des Esprits angetrieben wird.

O-Töne: Das ist ein weiterer Trumpf des Leukerbader Festivals. Die Veranstalter legen Wert darauf, dass viel in Originalsprachen gelesen wird. So konnte man Isländisch (Sjón) und Weissrussisch hören (Valzhyna Mort), ungarische Verse (Istvan Kemeny) und englische Prosa (…) / Martin Ebel, Tages-Anzeiger

47. Benediktbeurener Lieder

Die Texte sind um 1280 im Kloster Benediktbeuren entstanden: etwa 200 Gedichte bunten Inhalts in lateinischer, deutscher und französischer Sprache, also ein „modernes“ europäisches Konzept. Orff wählte daraus eine Folge aus und ordnete sie in drei Gruppen: Veris laeta facies (Frühling) – In taberna (In der Schenke) – Amor volat undique (Liebe). Das Werk wird eingeleitet und beschlossen durch den dramatisch großartigen Anruf der Göttin des Schicksals: „O Fortuna – velut luna – statu variabilis“ („O Fortuna, wie der Mond veränderlich“). Das erlebte 1937 in Frankfurt am Main seine Uraufführung. Der Jubel war hier schon groß. Orff an seinen Verlag: „Alles, was ich bisher geschrieben habe, können Sie nun einstampfen! Mit den Carmina Burana beginnen meine gesammelten Werke.“ / Friedrich Stang, derwesten.de

46. Grünbein und Zaimoglu reisen nach Rom

In seiner Lyrik wird der Rombesucher zum „Brotlaib, von Sonnenstrahl durchbohrt“, gibt sich der Reisende zwischen altrömischen Relikten und barocken Gebäuden „wohligem Phototropismus“ hin, „und die Steine brüten nach alter Devise Latein oder Schweigen“. Grünbeins römische Lyrik zeigt einen durch die Stadt schweifenden Augenmenschen, der die Obelisken sieht als „steinerne Feuerraketen“ auf deren Spitzen Roms Stare Ausschau halten – nach was? Nach Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft?

(…)

Feridun Zaimoglu, den Autor mit deutscher und türkischer Herkunft, hätten die Römer wohl manchmal „für einen Sizilianier im Exil, einen Sarazenen, vielleicht einen Polen gehalten“. Als „Heiden-Moslem“ sah er sich vor, nur nicht aufzufallen bei Prozessionen, in denen er mit ging, beim Knochenspan-Sammeln fürs Toten-Nougat, der Blutverflüssigung eines Heiligen. „Ich fand es gewaltig“, sagt er, und „Spott und Häme sind meine Sache nicht“: also keine Kritik am römischen Glauben.

/ Inge Braune, Südwestpresse

45. Noch’n Pastiche

Thomas Kunst

DAS EINFACHSTE: SIE MEIDEN DIE VERGLEICHE.
Sie jubeln über größte Poesie,
Sie loben, preisen und sie feiern die,
Die sich im Hauptfeld wähnen, selten bleiche

Und blutleere Gedichtattrappen, starre
Gebilde ohne Trotz und Sprachverlangen,
Im Blick: die Ausreißer nie einzufangen,
Verfolge das schon über zwanzig Jahre.

Warum gelangt mit den Gedichten niemand
In meine Top Einhundertfünfunddreißig,
Ich hätte jetzt so gerne Gernhardt hier,

Auch Hacks und Heine, deren Sachverstand,
Auf Netzwerke und auf das Hauptfeld scheiß ich
Und lese jetzt: Am Meer. An Land. Bei mir.

(für Paulus Böhmer)

 

44. Schrumpfende Städte – Provinz im Gedicht

Im dritten Sommer der LYRIKOASE möchten wir Sie/Euch nun herzlich einladen
zur morgigen Lesung:

„Schrumpfende Städte – Provinz im Gedicht“
Es lesen: Adrian Kasnitz (Köln) und Thilo Krause (Zürich)
Moderation: Karin Fellner (München)

Am Dienstag, 12. Juli 2011, 20.00 Uhr
Im Infopoint Museen & Schlösser in Bayern, Alter Hof 1, 80331 München
Eintritt: 5,- Euro

43. Góngora 450

Heute vor 450 Jahren wurde der spanische Dichter Luis de Góngora geboren. Julia Macher widmet ihm im Deutschlandradio ein Kalenderblatt:

Am 24. Mai 1627 starb Luis de Góngora an den Folgen eines Hirnschlags. Seinen literarischen Einfluss behielt er bis in die Neuzeit: Im späten 19. Jahrhundert entdeckten die französischen Symbolisten ihn wieder und an seinem 300. Todestag trafen sich in Sevilla junge spanische Lyriker zu einer Hommage: Die sogenannte Generation von 1927 – Rafael Alberti, Federico García Lorca und andere – einte vor allem die gemeinsame Verehrung für Luis de Góngora. So wurde der alte Barockmeister zum Gründungsvater einer der produktivsten poetischen Avantgarden.

42. Labor

Neu im Lyrikwiki Labor: die ersten Beiträge von Studenten meines Literaturtheorie-Seminars mit Artikeln über einige der fiktiven Autoren in Ann Cottens Buch „Florida-Räume“ (siehe im Schlagwortregister unter „Cotten“ oder „Fiktive Autoren“)

41. Sum of her parts


„The is my first project for my film class. The assignment was to shoot a 3 minute short film with no dialog. The song I used is The Sum of Her Parts by The LVRS.“ (Luiza)

40. Maja Haderlap

Die Kärnter Slowenin Maja Haderlap hat am Sonntag mit einem Auszug aus ihrem Romanerstling „Engel des Vergessens“ den Ingeborg-Bachmann-Preis bei den 35. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt gewonnen.

Die zweisprachige Autorin, die bisher vor allem mit Lyrik-Veröffentlichungen von sich reden machte, hat ihr Buch in deutscher Sprache geschrieben, dies habe ihr „einen gewissen Schutz“ gegeben, wie sie erklärt. …

Die Autorin, die ihre Lyrik in ihrer slowenischen Muttersprache verfasst, wehrt sich dagegen, in „zwei Welten“ verortet zu werden, weil sie zweisprachig ist. Sie lebe in einer Welt mit zwei Sprachen, betont sie. / Kleine Zeitung

39. Edwin Kratschmer 80

Einen weiten Leserkreis erreichte bald darauf die Anthologie „Offene Fenster“, die, wiewohl von der Kulturbürokratie beargwöhnt, zwischen 1967 und 1990 in neun Bänden erschien.  …

Auch als Wissenschaftler galt Kratschmers dezidiertes Interesse der Lyrik von Jugendlichen. In seiner 1969 verteidigten Dissertation untersuchte er anhand von 1376 Gedichten und einer Umfrage unter 763 Schülern und Studenten das poetische Schaffen von DDR-Jugendlichen in einer bis dato in der Germanistik beispiellosen Ausführlichkeit und Gründlichkeit. Darüber hinaus sammelte er mit Unterstützung zahlreicher Gleichgesinnter zwischen 1964 und 1990 mehr als 100 000 Gedichte von 15 000 Jugendlichen. Diese einzigartige Sammlung machte Kratschmer 1995 der Universität Jena zum Geschenk. Die würdigte sein Engagement 1992 mit einem Lehrauftrag, 1996 mit der Verleihung der Friedrich-Schiller-Medaille und 1999 mit der Ernennung zum Honorarprofessor für Neueste deutsche Literatur. / Kai Agthe, OTZ 9.6.

38. „tapfer bis hinein / in die schlafzimmer“

Nach der von Andreas Berner schön gestalteten bibliophilen Mappe „ortsbeschreibung“ (Hinterwaelt 2008) legt Thomas Spaniel nun seinen sechsten Lyrikband vor.

Wie in den früheren treffen wir auf eine nüchterne, hart konturierte Sprache, mit der Spaniel illusionslos Weltzustände zeichnet und vor Verdrängungsmechanismen warnt: „aber man schweigt / tapfer bis hinein / in die schlafzimmer“. / Martin Straub, Thüringische Landeszeitung

Thomas Spaniel: die irren kurse einer sterbenden fliege. Gedichte, Udo Degener Verlag, Potsdam, 94 S., 13.80 Euro

37. „Nichts als Worte, / beteuere ich“

Wo soll man diese Gedichte lesen? Winters etwa im Dienstabteil eines fahrenden Fernzugs, zur Zeit besser nackt auf einer Brandmauer hoch über der Stadt. Oder auf der Straße vor einem Knast. Der Verfasser war Bewährungshelfer. Vielleicht ist es die aufgeschnappte Beobachtung eines Klienten, daß alles expandiert, ins Maßlose, und dann wieder auftaucht, »smaller and smoother / than a billard ball but weighing more than Saturn«.

So steht es im Titelgedicht des Lyrikbandes »Zoom!«, das wie aus Angst vor Lösungsgedöns in eine philosophische Farce umkippt: »Die Leute halten mich auf der Straße an, bedrängen mich / in der Schlange vor der Kasse / und fragen: ›Was ist das, das so klein / und ungeheuer glatt ist, / und dessen Masse doch größer ist als die des beringten Planeten?‹ / Nichts als Worte, / beteuere ich. Doch man nimmt es mir nicht ab.« / Antonín Dick, junge Welt 11.7.

Simon Armitage: Zoom! – Gedichte. Berlin Verlag, Berlin 2011, 197 Seiten, 19,90 Euro * Ausgewählt und übersetzt von Jan Wagner.

36. Gestorben

Dubai: Mohammad Khalifa Bin Haydher, „Vater patriotischer und romantischer Gedichte“, starb am Mittwoch in Paris an den Folgen eines Herzanfalls. ER war 63 Jahre alt.

Er war ein prominenter Autor, ein Mann schöner und kreativer Worte. Er gehörte zu den Großen der arabischen Lyrik.

Er war von seiner Großmutter Mariam Bint Ali inspiriert, sie stammte aus dem Al Mansouri-Stamm und war selbst eine Dichterin und Vortragskünstlerin. / gulfnews

In einem beigefügten Gedicht über „Dubai’s Light“ heißt es:

For how will it’s light ever fade
when the face of ‘Mohammad’* lights it all

* His Highness Shaikh Mohammad Bin Rashid Al Maktoum, Vice-President and Prime Minister of the UAE and Ruler of Dubai.

 

35. Teufelsküche

WAWERZINEK: Wir haben uns geeinigt, dass ich der Feingeist bin.

KRAMPITZ: Und ich der Agitator.

Der waren Sie auch, als Sie sich im Vorjahr das Jörg-Haider-Gästebuch aus dem Bergbaumuseum mitgenommen haben. Haben Sie mit diesem Skandal gerechnet?

KRAMPITZ: Nein. Ich hatte den Auftrag für „Volltext“ einen Artikel über Klagenfurt zu schreiben und keine Ahnung. Dann sehe ich das Buch und denke, das ist eine authentische Quelle. Wenn ich frage, ob ich es haben kann, reißen die alle Stellen raus, die ich haben will, und drinnen abschreiben kann ich nicht. Also zack.

Werden Sie Ähnliches tun?

WAWERZINEK: Nein. Das ist nicht zu toppen. Unter uns: Ich hätte so etwas auch gar nicht gemacht. Aber jetzt heißt es, ah, der Stadtschreiber, sobald er da ist. Ich stehe auf und möchte die Hand schütteln und die gehen alle an mir vorbei und schütteln ihm die Hand. Er hat mit diesem Haider-Buch-Klau Sympathien gewonnen.

KRAMPITZ: Für mich ist es eine bittere Erfahrung, mehr Presse zu bekommen, wenn ich ein Buch klaue, als wenn ich eins schreibe.

Was bedeutet Ihnen die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann?

KRAMPITZ: Ich finde ihre Gedichte sehr schön – diese radikal-pazifistischen Gedichte.

WAWERZINEK: Ich halte die Bachmann für weit überschätzt. KRAMPITZ (unterbricht ihn): Du bringst uns beide in Teufelsküche. Also ich kann nicht solche Gedichte schreiben.

WAWERZINEK: Natürlich kannst du das.

/ BETTINA AUER, Kleine Zeitung

34. Gedicht

Thomas Kunst

 

LA PLAYA, HANDELSZENTRUM, ABENDROT.
Die Linien zählen alles, zählen nichts,
Das stufenweise Ätzen des Gewichts
Der Kupferplatte, Licht in Lohn und Brot.

Wir beide wollen alles, laß uns losen.
Viskosität der Gärten, Lappenton,
Die Farben in den Rillen trocknen schon,
Die Zwetschgen handeln hier von Aprikosen.

Die schwarzen Linien sind die grauen, Stufen
An Helligkeit mit Lappen rauspoliert,
Den Druck erst einwedeln, dann wiedersehen.

Betrunken nachts noch Hopper angerufen,
Die Leere dieses Sommers fast kapiert,
A Woman, Hill and Houses, Road in Maine.

(für Eva)