38. „tapfer bis hinein / in die schlafzimmer“

Nach der von Andreas Berner schön gestalteten bibliophilen Mappe „ortsbeschreibung“ (Hinterwaelt 2008) legt Thomas Spaniel nun seinen sechsten Lyrikband vor.

Wie in den früheren treffen wir auf eine nüchterne, hart konturierte Sprache, mit der Spaniel illusionslos Weltzustände zeichnet und vor Verdrängungsmechanismen warnt: „aber man schweigt / tapfer bis hinein / in die schlafzimmer“. / Martin Straub, Thüringische Landeszeitung

Thomas Spaniel: die irren kurse einer sterbenden fliege. Gedichte, Udo Degener Verlag, Potsdam, 94 S., 13.80 Euro

37. „Nichts als Worte, / beteuere ich“

Wo soll man diese Gedichte lesen? Winters etwa im Dienstabteil eines fahrenden Fernzugs, zur Zeit besser nackt auf einer Brandmauer hoch über der Stadt. Oder auf der Straße vor einem Knast. Der Verfasser war Bewährungshelfer. Vielleicht ist es die aufgeschnappte Beobachtung eines Klienten, daß alles expandiert, ins Maßlose, und dann wieder auftaucht, »smaller and smoother / than a billard ball but weighing more than Saturn«.

So steht es im Titelgedicht des Lyrikbandes »Zoom!«, das wie aus Angst vor Lösungsgedöns in eine philosophische Farce umkippt: »Die Leute halten mich auf der Straße an, bedrängen mich / in der Schlange vor der Kasse / und fragen: ›Was ist das, das so klein / und ungeheuer glatt ist, / und dessen Masse doch größer ist als die des beringten Planeten?‹ / Nichts als Worte, / beteuere ich. Doch man nimmt es mir nicht ab.« / Antonín Dick, junge Welt 11.7.

Simon Armitage: Zoom! – Gedichte. Berlin Verlag, Berlin 2011, 197 Seiten, 19,90 Euro * Ausgewählt und übersetzt von Jan Wagner.

36. Gestorben

Dubai: Mohammad Khalifa Bin Haydher, „Vater patriotischer und romantischer Gedichte“, starb am Mittwoch in Paris an den Folgen eines Herzanfalls. ER war 63 Jahre alt.

Er war ein prominenter Autor, ein Mann schöner und kreativer Worte. Er gehörte zu den Großen der arabischen Lyrik.

Er war von seiner Großmutter Mariam Bint Ali inspiriert, sie stammte aus dem Al Mansouri-Stamm und war selbst eine Dichterin und Vortragskünstlerin. / gulfnews

In einem beigefügten Gedicht über „Dubai’s Light“ heißt es:

For how will it’s light ever fade
when the face of ‘Mohammad’* lights it all

* His Highness Shaikh Mohammad Bin Rashid Al Maktoum, Vice-President and Prime Minister of the UAE and Ruler of Dubai.

 

35. Teufelsküche

WAWERZINEK: Wir haben uns geeinigt, dass ich der Feingeist bin.

KRAMPITZ: Und ich der Agitator.

Der waren Sie auch, als Sie sich im Vorjahr das Jörg-Haider-Gästebuch aus dem Bergbaumuseum mitgenommen haben. Haben Sie mit diesem Skandal gerechnet?

KRAMPITZ: Nein. Ich hatte den Auftrag für „Volltext“ einen Artikel über Klagenfurt zu schreiben und keine Ahnung. Dann sehe ich das Buch und denke, das ist eine authentische Quelle. Wenn ich frage, ob ich es haben kann, reißen die alle Stellen raus, die ich haben will, und drinnen abschreiben kann ich nicht. Also zack.

Werden Sie Ähnliches tun?

WAWERZINEK: Nein. Das ist nicht zu toppen. Unter uns: Ich hätte so etwas auch gar nicht gemacht. Aber jetzt heißt es, ah, der Stadtschreiber, sobald er da ist. Ich stehe auf und möchte die Hand schütteln und die gehen alle an mir vorbei und schütteln ihm die Hand. Er hat mit diesem Haider-Buch-Klau Sympathien gewonnen.

KRAMPITZ: Für mich ist es eine bittere Erfahrung, mehr Presse zu bekommen, wenn ich ein Buch klaue, als wenn ich eins schreibe.

Was bedeutet Ihnen die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann?

KRAMPITZ: Ich finde ihre Gedichte sehr schön – diese radikal-pazifistischen Gedichte.

WAWERZINEK: Ich halte die Bachmann für weit überschätzt. KRAMPITZ (unterbricht ihn): Du bringst uns beide in Teufelsküche. Also ich kann nicht solche Gedichte schreiben.

WAWERZINEK: Natürlich kannst du das.

/ BETTINA AUER, Kleine Zeitung

34. Gedicht

Thomas Kunst

 

LA PLAYA, HANDELSZENTRUM, ABENDROT.
Die Linien zählen alles, zählen nichts,
Das stufenweise Ätzen des Gewichts
Der Kupferplatte, Licht in Lohn und Brot.

Wir beide wollen alles, laß uns losen.
Viskosität der Gärten, Lappenton,
Die Farben in den Rillen trocknen schon,
Die Zwetschgen handeln hier von Aprikosen.

Die schwarzen Linien sind die grauen, Stufen
An Helligkeit mit Lappen rauspoliert,
Den Druck erst einwedeln, dann wiedersehen.

Betrunken nachts noch Hopper angerufen,
Die Leere dieses Sommers fast kapiert,
A Woman, Hill and Houses, Road in Maine.

(für Eva)

 

33. Seuls les poètes peuvent sauver le monde

Nur die Dichter können die Welt retten, schreibt Musina bei Agoravox:

Wie ihr möchte auch ich wahrhaft informiert werden, nicht angeödet von dem Strom von Interpretationen, der von allen Seiten kommt und den man uns als „Analysen von Experten, Gedanken von Intellektuellen, Meinungen von Gelehrten oder Essays von Spezialisten“ andreht. Ich schnappe mir lieber einen Stapel Bücher und genieße das kleine Wunder: Bashô, Buson, Issa, die die geschliffensten japanischen Mikrogedichte schrieben, genannt Haiku. Augenblickhafte Wunder der Bildlichkeit, wie frische überfallartige Brisen. Und der große Pablo Neruda, dessen Liebesgedichte einen fast zum Weinen bringen. Oder der erstaunliche und geheimnisvolle Pessoa, der unvermeidliche Baudelaire. Heute aber möchte ich euch Rimbaud anbieten.

Hier eine seiner „Illuminationen“. Lest ihn ohne daß ihr versucht zu verstehen. Laßt euch von den Metaphern forttragen und in die Höhe heben, ihr werdet es erleben:


Métropolitain

Du détroit d’indigo aux mers d’Ossian, sur le sable rose et orange qu’a lavé le ciel vineux viennent de monter et de se croiser des boulevards de cristal habités incontinent par de jeunes familles pauvres qui s’alimentent chez les fruitiers. Rien de riche. — La ville !

 Du désert de bitume fuient droit en déroute avec les nappes de brumes échelonnées en bandes affreuses au ciel qui se recourbe, se recule et descend, formé de la plus sinistre fumée noire que puisse faire l’Océan en deuil, les casques, les roues, les barques, les croupes. — La bataille !

 Lève la tête : ce pont de bois, arqué ; les derniers potagers de Samarie ; ces masques enluminés sous la lanterne fouettée par la nuit froide ; l’ondine niaise à la robe bruyante, au bas de la rivière : les crânes lumineux dans les plans de pois — et les autres fantasmagories — La campagne.

 Des routes bordées de grilles et de murs, contenant à peine leurs bosquets, et les atroces fleurs qu’on appellerait cœurs et sœurs, Damas damnant de longueur, — possessions de féeriques aristocraties ultra-Rhénanes, Japonaises, Guaranies, propres encore à recevoir la musique des anciens — et il y a des auberges qui pour toujours n’ouvrent déjà plus — il y a des princesses, et si tu n’es pas trop accablé, l’étude des astres — Le ciel.

 Le matin où avec Elle, vous vous débattîtes parmi les éclats de neige, les lèvres vertes, les glaces, les drapeaux noirs et les rayons bleus, et les parfums pourpres du soleil des pôles, — ta force.

(Arthur RIMBAUD – Illuminations)

Deutsche Fassungen gibt es reihenweise, zum Beispiel hier:

  • Arthur Rimbaud: Das poetische Werk. München: Matthes & Seitz 1988. (Licht-Spuren)
  • Illuminations. Illuminationen. Französisch und Deutsch, übersetzt von Rainer G. Schmidt. Urs Engeler Editor 2004
  • Illuminations. Farbstiche. Übersetzung Walter Kücher. Reclam Stuttgart 1991

32. Gestorben

Der Schriftsteller Henry Meillant (eigentlicher Name Henri Ravard) starb im Alter von 87 Jahren in Cosne-sur-Loire. Er veröffentlichte Romane und 20 Gedichtbände. 1958 gründete er die Société poétique de France, die später in Société des poètes et artistes de France umbenannt wurde. / Actua Litté

31. Wider die Abschaffung der Schreibschrift

Auch in der Schulpolitik: Leute, die nicht wissen, was sie tun, treffen Entscheidungen mit Folgen, die sie nicht abschätzen können und nicht verantworten werden. In der Welt streiten Sibylle Lewitscharoff, Jan Koneffke und Burkhard Spinnen wider die Abschaffung der Schreibschrift. Koneffke schreibt:

„Verschiedenes ist gut“, wusste Hölderlin, und in meiner Erinnerung ist genau dies die Erfahrung, die ich als Kind bei Verwendung von Druck- und Schreibschrift machte. Der Vorzug, beide Schriften erlernt zu haben, bestand nämlich darin, auf spielerische Weise von der einen zur anderen wechseln zu können. Die eine, die Druckschrift, war die offizielle Schrift, die Schrift der Bücher in der elterlichen Bibliothek, der verstreuten Zeitungsseiten auf dem Sofa, der Haltestellen- und Bahnhofsschilder, des weißen Schriftzugs auf grünem Grund: Polizei. In meinen Augen gehörte diese Schrift zur Welt der Erwachsenen. Folglich nutzte ich sie bei „offiziellen“ Anlässen. In Druckschrift trug ich, mit knappen neun Jahren, in meinen Kalender ein: „Hajo Drees als Vorarbeiter abgesetzt“, denn dieser Kalender gehörte „in Wirklichkeit“ einem Baustellenleiter meines Namens (selbstredend betrachtete ich mich als Chef). Zwei Wochen später und wiederum in Druckschrift schrieb ich in den Kalender: „Hajo Drees als Vorarbeiter wieder angesetzt.“ Anscheinend hatte ich mich mit dem Nachbarskind in der Zwischenzeit ausgesöhnt.

Die Schreibschrift hingegen war die individuelle, private Schrift. Sie gehörte unmittelbar zu mir. Ich benutzte sie, wenn ich Briefe an Großeltern oder Tanten schrieb, Wunschzettel oder ein Geburtstagsgedicht für meine Mutter.

In der Frühzeit der Pubertät, in der ich nun beinahe täglich Gedichte schrieb (allerdings an andere weibliche Wesen als die Mutter), entwickelte ich eine Kunstschrift aus der Kombination beider Schriftarten. Diese Kunstschrift sah wahrlich erwachsen aus und war dermaßen krakelig, dass sie nur einem echten Dichter gehören konnte. Gleichzeitig verbarg sie den Inhalt, für den ich mich irgendwie schämte, vor allen fremden Augen. Ihr Nachteil, unleserlich zu sein, wurde so zu ihrem größten Vorzug – ich kannte meine Gedichte ohnehin auswendig.

Nein, ich fürchte die Hamburger Schulpolitik macht es den Kindern keineswegs leichter. Sie verhindert nicht nur den spielerischen Wechsel von einer Schriftart zur anderen, der umso interessanter ist, als beide „weit voneinander“ liegen. Sie verhindert auch die bessere Vorbereitung auf eine Gesellschaft, die komplex und vielgestaltig ist, und ihren Mitgliedern Neugier, Phantasie und intellektuelle Flexibilität abverlangt.

30. Fingerschnippen

Der vierte Gedichtband der Autorin widmet sich in drei Kapiteln – „Luftbrücken“, „Luftwege“ und „Luftspiegelungen“ – der Liebe, den Reisen in fremde Länder und dem Selbstverständnis als Frau und Dichterin. Widersprüche zwischen Tragik und Komik des Liebesalltags bringen sie drastisch oder zart, vor allem aber ironisch zur Sprache; „inniglich tippt sich königlich mit /Worterkennung“. Kürzeste Definitionen etwa zu „Seitensprung“ oder „Kapitulation“ wirken wie ein Fingerschnippen. / Dorothea von Törne, Die Welt

Nora Gomringer: Nachrichten aus der Luft. Voland & Quist, Dresden und Leipzig. 80 S. mit Audio-CD, 15,90 Euro.

29. Menetekel-Dichter

Wenige der großen Menetekel-Dichter haben die Urgründe ihres Schreibens aus dem 20. ins 21. Jahrhundert hinübergerettet. Zu denen, die sich nach wie vor als Zeitzeugen begreifen und ihre Verse dem Erinnern widmen, gehört der 1931 in Darkehmen/Ostpreußen geborene Manfred Peter Hein. …

Auch in „Weltrandhin“ setzt Hein seine Verse gegen Vergessen und Sprachlosigkeit. Er ist der am Abgrund wandelnde „Traumgänger“, der sich selbst ermuntert: „Geh und schreib nieder was / zum Schaufelrad der Kriege / irrlichtert über der Stadt“. Assoziationen zu eigenen Erlebnissen weitet er im Gedicht zum Archetypus. In ihm treffen sich der konkrete historische Augenblick und die Erfahrungen aller Geschundenen. / Dorothea von Törne, Die Welt

Manfred Peter Hein: Weltrandhin. Wallstein, Göttingen. 174 S., 19,90 Euro.

28. Multi-Identität

Die Distanz der Autorin zum lyrischen Ich wird durch die Anrede eines Du noch vergrößert. Gäbe es den Begriff der Multi-Identität – auf Marica Bodrozic träfe er zu. Die äußeren Bewegungen folgen den inneren und umgekehrt. So sind lyrische Mischformen entstanden: Poeme, deren Herz- und Seelengrund die Erinnerung an die frühe Kindheit beim Großvater in Svib und die dörfliche Gemeinschaft bleibt. Mit großem zeitlichem Abstand findet die seit 1983 in Deutschland beheimatete Lyrikerin eine Sprache für das Grauen. Dennoch ist der Krieg nicht mehr Hauptthema. Stattdessen thematisiert sie das Verdrängen: „an den Mauern saßen die Alten / als sei nichts geschehen / (Löcher in Köpfen und Herzen -; / das waren hier schon immer nur normale Bilder) als habe nie einer geweint.“ / Dorothea von Törne, Die Welt

Marica Bodrozic: Quittenstunden. Otto Müller, Salzburg. 68 S., 18 Euro.

27. Saarländer Vortragskünstler

Gut „gestaltete Vortragskunst gelang auch dem Saarländer Konstantin Honecker, dem Schnösel vom Literaturinstitut.“ So tönt es eulenspiegelhaft aus den dekonstruktivistischen „Gegenstrophen“ des 1979 geborenen Konstantin Ames. Für hauptstädtische Open Mike-Kenner, Lesebühnen-Gemeinden und Leser von einschlägigen Zeitschriften wie „Zwischen den Zeilen“ und „Edit“ ist er längst ein Geheimtipp, erst recht für Internet-Surfer zwischen lyrikline.org und karawa.net. Konstantin Ames ist unter den neuen Experimentellen einer der witzigsten, fröhlichsten und phantasievollsten Sprachakrobaten. …

Was sich unter scheinbar verspielter Oberfläche als Sprach- oder Sprechschluderei mit Dialekt-Elementen tarnt, hält dem gesellschaftlichen Alltag den Spiegel vor, verballhornt Etikettierungen und Werbestrategien. Statt in das übliche Wehklagen über die Brotlosigkeit der Dichtkunst einzustimmen, verziert Ames seine Gedichte mit listigen Überschriften. / Dorothea von Törne, Die Welt

Konstantin Ames: Alsohäute. Roughbook 011, Leipzig. 60 S., 7,50 Euro.

26. Liebesgedichte, Hassgedichte, Mittendrin-Gedichte

Christoph W. Bauer, Hausacher LeseLenz-Stipendiat von Juli bis September 2010, bewältigt in seinem Liederzyklus „mein lieben mein hassen mein mittendrin du“, den er in Hausach fertiggestellt hat, den Spagat zwischen scheinbaren Gegensätzen. Liebesgedichte, Hassgedichte, Mittendrin-Gedichte enthält das Werk mit dem programmatischen Titel, das demnächst veröffentlicht wird. Der Österreicher Christoph W. Bauer behandelt in seinem Zyklus alle Phasen einer Liebe, vom ersten zarten Kennenlernen über die unerbittliche Routine des Alltags bis zum abgrundtiefen Hass bei der Trennung.

Der Clou dabei: Bauer lässt sowohl den Klassiker Catull als auch den Punk in Gestalt der Toten Hosen sprechen. Ein Widerspruch? Nein, denn Catull und die Toten Hosen sind eben nur scheinbare Gegensätze, wie Bauer betont: „In meinem Liederzyklus geht es um verschiedene Stationen der Liebe, und dieses Thema ist in der Literatur immer gleich behandelt worden, ob nun bei einem römischen Klassiker oder bei einer Punkband. Daher sind es nur auf den ersten Blick Gegensätze.“

Catull und die Toten Hosen habe er gewählt, weil diese seine stetigen Wegbegleiter gewesen seien, früher wie heute, erklärt Bauer. So lasse er sie in den Gedichten sprechen: „Beide werden direkt zitiert, die Texte wechseln zwischen hoher Sprache und der Sprache der Punks.“ / Marijana Babic, Schwarzwälder Bote

25. Dichter der Bukowina

„Todesfuge“ kann getrost als das Gedicht des 20. Jahrhunderts gelten, auch wenn Celan selbst das Gedicht als „viel bemüht“ bezeichnete. Zweieinhalb Monate vor seinem Freitod erschienen in der Zeitschrift „Neue Literatur“ die Gedichte „Er“ von Immanuel Weissglas und „Die Blutfuge“ von Moses Rosenkranz. Beide Dichter waren Jugendfreunde Celans. Zu jener Zeit soll Paul Celan, noch tief erschüttert von den Plagiatsvorwürfen der späten 1950er und 1960er Jahre, mit versteinerter Miene durch Paris geirrt sein. Nach seinem Tod fand man auf seinem Schreibtisch einen Gedichtband von Immanuel Weissglas.

Die Lesung will die Texte von Weissglas, Rosenkranz und anderen nebeneinander stellen, nicht aber den längst hinfälligen Vorwurf aufgreifen, Celan habe abgeschrieben. Weissglas sprach von einer Art Wettstreit, in welchem sich Celan und andere zur Czernowitzer Zeit befunden hätten. Der Celan-Biograph John Felstiner wies darauf hin, dass Celan in jeder Zeile von Todesfuge „Wortmaterial aus der zerbrochenen Welt, von der das Gedicht Zeugnis ablegt“, verarbeite. / idw

24. Liao Yiwu in Deutschland

Er war vier Jahre inhaftiert, wurde schikaniert – jetzt hat sich der chinesische Autor Liao Yiwu nach Deutschland abgesetzt. Kurz nach seiner Ankunft in Berlin sprach SPIEGEL ONLINE mit dem Dissidenten über seine furchtbaren Erfahrungen im Gefängnis und die China-Politik Angela Merkels.

Liao: Ich habe vor meiner Ausreise den Behörden zusagen müssen, mein Buch „Für ein Lied und hundert Lieder“ nicht im Ausland zu publizieren. Der Fischer Verlag hat den Erscheinungstermin dreimal verschoben – auch meiner persönlichen Sicherheit wegen. Ich bin aber nicht mehr bereit, mich in China wie eine Geisel halten zu lassen. Meine Zusage hatte ich nur gegeben, damit ich ausreisen darf. Natürlich ist eine derartige Abmachung eine unfassbare Beleidigung für einen Schriftsteller. / Spiegel