„Ein Gedicht, in dem Rhythmus, Syntax und Struktur klar sind, hat sein eigenes moralisches Verantwortungsbewusstsein“, so Poet Tomas Venclova aus Litauen auf der Abschlusszeremonie des Qinghai Lake Poetry Festival am Donnerstag. Venclova wurde mit dem Golden Tibetan Antelope Award ausgezeichnet, dem höchsten Preis des Festivals.
Tu An, ein 88-jähriger chinesischer Poet und Vize-Präsident des Chinesischen Instituts für Poetik, sagte, die Leute machten einen Fehler, wenn sie versuchen, die poetischen Traditionen zu verändern. Zeitgenössische chinesische und ausländische Poetik sei voll von „vulgären Gedichten, die Verfall, Gewalt und Wolllust beinhalten“.
Doch das Qinghai Lake Poetry Festival wurde für die Auszeichnungen gelobt, die an solche Poeten verliehen wurden, die nicht eine solche Sprache verwenden. „Die Tatsache, dass der höchste Preis des Festivals an einen europäischen Poeten ging, zeigt, dass China offen für den Kulturaustausch ist“, so Petr Borkovec, ein junger tschechischer Poet. Venclova, der bekannt ist als einer der größten lebenden europäischen Poeten, erklärte, Poetik sei die Essenz der menschlichen Sprache. „Sie kann weltlich sein, aber nicht vulgär“, meint er. …
Viele chinesische und ausländische Poeten appellierten auf dem Festival an ihre Kollegen und Leser, die „Reinheit der Poetik“ aufrechtzuerhalten.
an alle die sich für das Ende der Welt interessieren
Loren Madsen, ein Künstler aus den Staaten, hat
in dieser Arbeit alle bis anhin, angekündigten
Weltuntergänge sorgfältigst aufgelistet.
Kirche der 1000 Tage eine Gastpredigt von Christian Filips.
Im Nordkurier veröffentlicht Margret Franzlik eine Erinnerung an einen Aufenthalt von Wolfgang Hilbig und Gert Neumann am mecklenburgischen Tollensesee, Sommer 1969.
„Knaggisch, schaddisch, plaggisch, naggisch“. Was das ist? Eine Beschreibung, „wie die Bääm sichs Johr üwwer verännere“. Ein Gedicht von Gerd Dudenhöffer, dem Mann, der den meisten bekannt ist als Heinz Becker. / Susanne Müller, Wormser Zeitung
In den Tagen des arabischen Frühlings, der täglich Menschenopfer fordert, klingen diese frühen Zeilen natürlich vage und geradezu enthaltsam, weswegen Adonis’ Auszeichnung auch gelegentlich kritisiert wurde. Doch der Dichter kann auch anders. Um das zu zeigen, zitierte Sartorius einen Artikel, der vor drei Monaten in der Londoner Tageszeitung „Al-Hayat“ erschien: Die Arbeit der revolutionären Bewegungen werde „erst abgeschlossen sein, wenn Rechtsprechung, Bildungswesen und Sicherheitsapparat vollständig und umfassend von der Politik entkoppelt werden, wenn die Frauen ihr vollständigen bürgerlichen Rechte erhalten, bei absoluter Gleichstellung mit ihren männlichen Mitbürgern.“
In der Lyrik erklingen solche Töne natürlich nicht, und deswegen hob Sartorius Adonis’ Hoffnung auf „einen befreiten Islam“ hervor, „der die heutigen Imame entmachtet und an die unkonventionellen vorislamischen Denker des frühen Mittelalters anschließt“. / Dierk Wolters, Frankfurter Neue Presse zur Verleihung des Goethepreises an den Dichter Adonis
Im zweiten Teil der Lesung trug U We Claus seine „47 Mesostics on Allen Ginsberg“ in englischer Sprache vor. Als der Autor im April 1997 vom Tod des Dichters der Beat-Generation in den USA erfuhr, schuf er als eine Art „persönlicher Trauerarbeit“ 47 Gedichte. Diese entstanden aus einer Rede Ginsbergs im August 1993 zu seiner spirituellen Entwicklung. Claus wählte für seinen poetischen Nachruf die alte Form des Mesostichons, bei dem in einem Gedicht eine senkrechte Buchstabenreihe einen Begriff ergibt, in diesem Falle „Allen Ginsberg“. / Mainpost
Wenn ich Falb lese, dann mache ich das in großen Zügen. Fünf, manchmal zehn Gedichte hintereinander. Manchmal den ganzen Band. Renne von einer Szene in die nächste, ohne Luft zu holen. Sehe ihrem Entstehen und Auflösen zu, beobachte mich beim denken. Und ich kann beruhigt sagen, dass die Zeit, die ich mit diesen Texten anfülle, ausgefüllt ist. Dass bei ihren unberechenbaren Bewegungen, bei ihrem lässigen Alles-oder-Nichts dabei zu sein, schön ist.
Um es mit Falb zu sagen:
»führ bitte die raupennummer / noch einmal auf, vor den rabatten. Ausatmen. gib mir alles.«
/ Andreas Bülhoff, litlog.de
Robert Gernhardt erzählte gern, er habe eine zutiefst traurige Kindheit hinter sich. Im Schwimmbad sei er kein Adonis gewesen, wenn besser gebaute Jungen mit den Mädchen flirteten, war er auf dem Handtuch mit einem Gedichtband nur Zaungast. Später schrieb er selbst Gedichte, in denen das Jugendtrauma konserviert ist. „Ist das Herz auf dem Sprung, ist das Hirn auf der Hut/ Springt das Herz in die Luft, greift das Hirn nach dem Schirm/ Schwebt das Herz himmelwärts, spannt das Hirn seinen Schirm/ Stürzt das Herz auf den Schirm, ist das Hirn obenauf:/ Siehste, mein Lieber. Immer schön auf dem Teppich bleiben!“ / Roland Mischke, Welt am Sonntag
Dem syrisch-libanesischen Dichter Adonis ist in Frankfurt/Main der Goethe-Preis verliehen worden. Die Jury ehrte ihn dafür, „die Errungenschaften der europäischen Moderne in den arabischen Kulturkreis getragen“ zu haben.
…
Adonis ist bekennender Laizist und überzeugt, dass nur die Säkularisierung der Gesellschaft die arabische Kultur und Politik weiterentwickeln kann. Dem Wochenblatt „Die Zeit“ sagte er 2002: „Immer wenn die Religion nichts vorschreibt, ist die arabische Kultur großartig. Alles, was in der arabischen Kultur frei davon ist, ist außergewöhnlich.“ Seine Poesie in seinen Büchern, Artikeln und Vorträgen versteht er als zivilisatorisches Kulturprojekt, das in der Lage ist, die arabische Geschichte neu zu schreiben und zu definieren.
Inzwischen pendelt Adonis zwischen Paris und Beirut. Ost und West, glaubt Adonis, begegnen sich vor allem durch Kunst und Poesie. Das ist ganz im Sinne Goethes, der bereits zu seiner Zeit erkannte: „Wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen.“ Aber Adonis erkennt, dass „Ost oder West zwei Begriffe sind, die mehr ideologisch als geographisch auseinander gehen“.
/ Lina Hoffmann, Deutsche Welle
Am 26. August 2011 wurde im Rahmen des 31. Erlanger Poetenfests der vierte Erlanger Literaturpreis für Poesie als Übersetzung verliehen.
Aus der Laudatio auf Elke Erb von Ilma Rakusa:
Elke Erb hat ein selten feines Ohr und ein Ethos, das beeindruckt. Ein Wortethos. Man muss ihr nur beim Reden zuhören, wie sie die Worte wählt, wie sie es schafft, erfinderisch, um der Sache gerecht zu werden. Was dabei entsteht, ist ein Elke-Idiom, unverwechselbar und wahr, denn Elke Erb ringt nicht nur um den richtigen, sondern um den wahren Ausdruck. Das meint Wahrhaftigkeit mit allem Drum und Dran, andere mögen es Authentizität nennen. Und wie, bitte, geht das mit dem Übersetzen zusammen, wo nicht die eigene, sondern eine fremde Stimme im Vordergrund steht? Elke Erb sieht es als ihre Aufgabe an, jeder sprachlichen Wahrhaftigkeit auf den Grund zu gehen, so gründlich, dass sie diese Wahrhaftigkeit neu formulieren kann.
Wir wissen und bewundern es: Neben ihrem umfangreichen eigenen poetischen Werk hat Elke Erb viel übersetzt, vor allem aus dem Russischen: Gedichte und Prosa von Marina Zwetajewa, Verse von Alexander Blok, Boris Pasternak und Olga Martynova, ein dramatisches Poem von Sergej Jessenin, Romane und Gedichte von Oleg Jurjew, außerdem den schwierigen Weißrussen Ales Rasanau, der mit seinen Poemen, Versetten, aphoristischen „gnomischen Zeichen“ und haikuartigen „Punktierungen“ eigene Genres entworfen hat. Daneben hat Elke Erb – aufgrund von Interlinearübersetzungen – auch aus fernen oder ihr wenig geläufigen Sprachen nachgedichtet: etwa das wunderbare georgische Versepos Wis und Ramin oder (in jüngerer Zeit) Verse der Deutsch-Amerikanerin Rosmarie Waldrop. / Literaturblog Bayern
Valeri Scherstjanoi liest Alexej Krutschonych
1) Das süße Weinen 2:04
Auch wer weder Russisch noch Sa-umnisch beherrscht, kann deutlich hören, wie der rauhe „Tsara“ in das Süßholzgeraspel der Poesie einbricht (bei 0:16). Nicht nur Belyj, auch der feine Herr Kandinsky erschrickt da. Außerdem, wie sich die Matrosen von Kronstadt in die Politik einmischten.
Das süße Weinen
Сладкий плач
Зайкли
уня
нове меньга най ое!
без пличь незьмя
мзень!
ах – хо – цлью!
тсара
ладой савей
тсвейт!…
[sladkʲij platʃʲ
sajklʲi
unʲa
nɔvʲɛ mʲɛnga naj ɔjɛ
bʲɛz plʲitʃʲ nʲɛzʲmja
mzʲɛn
ax xɔ ʦlʲju
tsara
ladɔj savʲɛj
tsvʲɛjt]
2. Tönen der Revolution 1:38
TÖNEN DER REVOLUTION
Das Orkan-Gebrüll redet in der Sprache von Sturm und Gekreische: Pfeifen, Entsetzen einflößend (A. Krutschonych). Und die Symbolisten? Und die Vergangenheitler? Ächzen und Stöhnen!
„… wir, entflammt, atmen auf
Werden idiotisch schwach“. (A. Belyj)
Und bei uns?
… Vorwärts
Singend und pfeifend!
„Es gibt noch gute Buchstaben
Эр
Ша
Ща“
[ɛr ʃa ʃʲːa ]
W. Majakowski, „Befehl an die Armeen der Künste“)
Man muss mit stachligen Lauten reizen und brennen.
Aus:
Alexei Jelissejewitsch Krutschonych „Phonetik des Theaters“
Übersetzt, eingeleitet und kommentiert von Valeri Scherstjanoi.
1. Auflage
ISBN 978-3-9813470-5-0
Paperback: 19×12
10 Euro
Weitere Beiträge:
Zum Beispiel James Laughlin. Geboren 1914, gestorben 1997. Erbe einer Pittsburgher Stahl-Dynastie und deshalb finanziell unabhängig. Neben der Damenwelt und dem Skifahren widmete er sich ausgiebig der Lyrik, gründete mit New Directions einen der wichtigsten Verlage für US-amerikanische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Beeinflusst unter anderem von William Carlos Williams, prägte er den light verse mit, eine Schule der Dichtung, die vorgibt, sich ganz alltäglichen, geradezu unscheinbaren Dingen zu widmen, um daraus jedoch ungeahnt hellsichtige Wendungen zu zaubern.
In dem nun vom Leipziger Literaturverlag herausgebrachten Band Dylan schrieb Gedichte hat die Autorin Christine Pfammatter letzte Gedichte Laughlins sorgsam zusammengestellt und erstmals ins Deutsche übertragen. / Marc Ottiker, Freitag
Dylan schrieb Gedichte James Laughlin ausgewählt und übersetzt von Christine Pfammater, Leipziger Literaturverlag 2011, 136 S., 19,95 €.
Eva Glawischnig: Ich habe manchmal den Eindruck, Feminismus wird wie eine Keule gegenüber Frauen verwendet, und es wird überhaupt nicht hinterfragt, was der Kern ist. Für mich ist Selbstbestimmung der Kern des FeministischSeins. Allerdings glaube ich auch, dass Männer sehr wohl bestimmten Geschlechterrollen unterliegen, auch teils zwangsweise, und auch sie sollten sich zur Wehr setzen. Ist es nicht auch ein Klischee – der einsame Wolf, der Literat?
Wolf Wondratschek: Ich habe mich nie als einsamen Wolf stilisiert. Carmen, mein großes symphonisches Gedicht, ist die Klage einer Frau über die Schwäche der Männer. Die fürchtet nicht die Diktatur der Stärke, sondern die Diktatur ihrer Schwäche. In meinen Romanen, Erzählungen und Gedichten ist die Frau stark, und die Männer sind oft kläglich, kleinlich, lächerlich, schwach. Natürlich usurpieren sie seit Menschengedenken die Macht. Die Frauen müssten nur abwarten, bis dieses ganze Getue in sich zusammenbricht.
/ LISA NIMMERVOLL, Der Standard
Für das Portrait „Hilbig. Eine Erinnerung“ von Siegfried Ressel trafen sich Freunde und Weggefährten des Dichters in der leeren Schalterhalle des Bahnhofs Meuselwitz. Hier im thüringischen Industrieort Meuselwitz wurde Hilbig am 31. August 1941 geboren, hier wuchs er vaterlos auf, lernte Bohrwerkdreher. Hier in „M“, wie Hilbig oft schrieb, wurde er Heizer und begann zugleich Weltliteratur zu schreiben. Eine faszinierende wie katastrophisch verlaufende Künstlerbiographie nahm hier ihren Lauf.
Der Literaturredakteur des Hessischen Rundfunk, Karl Corino, bekam 1977 von Wolfgang Hilbig aus Meuselwitz, DDR, ein paar Gedichte und Kurzgeschichten zugesandt. Corino: „Ich weiß noch: vor meinem Fenster blühte ein Frühkirschenbaum, und ich wusste schlagartig nach der Lektüre dieser Texte: Ein neuer bedeutender deutscher Autor.“ / 3sat
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