BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
I’ve always been fascinated by miniatures of all kinds, the little glass animals I played with as a boy, electric trains, dollhouses, and I think it’s because I can feel that I’m in complete control. Everything is right in its place, and I’m the one who put it there. Here’s a poem by Kay Mullen, who lives in Washington, about the art of bonsai.
Bonsai at the Potter’s Stall
Under fluorescent light,
aligned on a bench
and table top, oranges
the size of marbles dangle
from trees with glossy
leaves. White trumpets
bloom in tiny clay pots.
Under a firethorn’s twisted
limbs, a three inch monk
holds a cup from which
he appears to drink
the interior life. The potter
prizes his bonsai children
who will never grow up,
never leave home.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2006 by Kay Mullen, and reprinted from her most recent book of poetry, “A Long Remembering: Return to Vietnam,” FootHills Publishing, 2006, by permission of Kay Mullen and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
Those of us who have gone back home to attend a reunion of classmates may have felt the strangeness of being a vaguely familiar person among others who, too, seem vaguely familiar. Dana Gioia, who served the country for four years as the Chair of the National Endowment for the Arts, is an accomplished poet and a noted advocate for poetry.
Reunion
This is my past where no one knows me.
These are my friends whom I can’t name—
Here in a field where no one chose me,
The faces older, the voices the same.
Why does this stranger rise to greet me?
What is the joke that makes him smile,
As he calls the children together to meet me,
Bringing them forward in single file?
I nod pretending to recognize them,
Not knowing exactly what I should say.
Why does my presence seem to surprise them?
Who is the woman who turns away?
Is this my home or an illusion?
The bread on the table smells achingly real.
Must I at last solve my confusion,
Or is confusion all I can feel?
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2010 by Dana Gioia, whose most recent book of poetry is Interrogations at Noon, Graywolf Press, 2001. Poem reprinted from Poetry, September, 2010, by permission of Dana Gioia and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Als U.S. poet laureate 2001 – 2003 schrieb Billy Collins das Gedicht „The Names„, eine der ersten bekannt gewordenen lyrischen Reaktionen auf die Terrorangriffe von 9/11. In einem Telefoninterview mit der Salt Lake Tribune sagt er auf die Frage, ob er rot wird, wenn er mit Robert Frost verglichen wird:
Nein, ich korrigiere nur schnell den Vergleich. Verglichen mit Frost ähnelt meine Lyrik einem seit 6 Monaten nicht gemachten Bett. Frost war genial im Beachten der formalen Regeln – Reim und Metrum – in Gedichten, die gleichzeitig so natürlich wie ein Lied daherkommen. Das kann ich nicht. Ich klinge natürlich, aber ich befolge weit weniger einschränkende Regeln. Vergleichen kann man uns nur darin, daß wir beide in unserer Zeit viele Bücher verkauft haben.
„Über Lyris willst du schreiben? Tja, da bist du zu spät gekommen“: Der Jerusalemer Kreis versammelt die letzten deutschsprachigen Autoren aus der Generation Paul Celans (…)
Der 1922 geborene Autor und Bildhauer Manfred Winkler kommt wie Shmueli ebenfalls aus der Bukowina, aus Putila, und wie Shmueli veröffentlicht er Lyrik beim Aachener Rimbaud-Verlag. Mit seiner Frau Herma wohnt er in den Bergen bei Jerusalem. Von dort aus schafft er es ebenfalls nicht mehr zu den Treffen. In den Kriegsjahren verlor er sowohl im Zuge der Deportationen der Deutschen als auch der „Umsiedelungen“ der Kommunisten seine gesamte Familie. 1959 erst machte Winkler Aliyah, wanderte nach Palästina aus, denn so lange dauerte es, bis ihm erlaubt war, aus Rumänien auszureisen, wo er zehn Jahre lang lebte, arbeitete und schrieb. Mit einem Mantel und einem Hut, beschreibt Herma Winkler ihren Mann, wie in Europa, so ist er hier angekommen. Und dann so in den Kibbuz Beit Alfa gefahren. Ein Bild für die Götter sei das gewesen.
Jeckes wurden die korrekt gekleideten deutschen Einwanderer damals genannt – manche vermuten, es käme von dem Wort Jacke. Im Kibbuz blieb Winkler nur ein Jahr. Die Erfahrungen, die er im Ostblock mit dem Kommunismus machte hätten ihm gereicht. In Jerusalem besuchte er den Sprachkurs Ulpan, der den Einwanderern in kürzester Zeit ein alltagstaugliches Hebräisch beibrachte, und nach wenigen Monaten schrieb er sein erstes hebräisches Gedicht. Und gewann sofort Preise. Manches macht, dass ich auf Deutsch schreibe, manches, dass ich auf Hebräisch schreibe, sagt er. Alles ist irgendwie in Verbindung. Und jetzt werde ich dir vorlesen, was ich erlebt habe, als ich hier ankam. Nix, nämlich. Alles und nix.
Was er vorliest, ist ein Auszug aus einem Brief an seinen Freund, den siebenbürgischen Autor Hans Bergel. Die Korrespondenz der beiden wird demnächst im Berliner Verlag Frank & Timme erscheinen: „1962 erschien der erste selbstständige Lyrikband (auf Hebräisch). Er war innerhalb von 6 Wochen vergriffen. Im Alter von 40 Jahren wurde ich zu einer Art Wunderkind der hebräischen Literatur. Trotz der fast unsäglichen Schwierigkeiten waren es die glücklichsten Jahre meines Lebens, nicht allein das Gefühl der Freiheit beherrschte mich, sondern auch die Gewissheit, endlich in einem Land Boden unter den Füßen zu haben. Ich war ununterbrochen inspiriert. Die äußeren und inneren Schwierigkeiten wirkten befruchtend auf mich. Die Dynamik, die das Land beseelte und vorantrieb, machte mich besessen.“ / Luise Boege, Freitag
Die Anfänge des Dichters Frančič liegen in den späten siebziger Jahren, in einer autoritären Phase des Tito-Sozialismus; für die Kunst ist die bleierne Zeit eine Ära der Experimente, und beides, die Freiheit und den repressiven Geist der Gesellschaft, wird man in Frančičs Werk spüren. Der junge Autor tut sich schwer mit jener Gesellschaft, die der Knabe Franjo nur als Feindin erlebt hat. Die frühen Bücher haben sprechende Titel, «Egotrip», «Heimat, bleiche Mutter», «Nein», «Fuck». Frančič revoltiert gegen Cliquenwirtschaft im Literaturbetrieb, und der Betrieb reagiert beleidigt, mit Ablehnung, Boykott. Seit ein paar Jahren nun kommen sie gut miteinander aus, der Betrieb und der Paria von einst; der Autor wird verlegt und geehrt, bis in die Schulbücher hat er es geschafft.
Frančičs Werk ist ein unüberschaubarer Korpus – Prosa, Lyrik, Stücke, Hörspiele, Drehbücher, Kinderbücher. Es ist ein Strom, der Erlittenes und Erträumtes mit sich reisst, ein ewig mäandernder, sich stetig selbst imitierender Fluss von verborgener Schönheit. / Uwe Stolzmann, NZZ
Waren Gedichte lange Zeit verpönte Intellektuellenliteratur und das Schreckgespenst eines jeden Schülers, konnte sich die kontemporäre Lyrik längst von ihrem Nimbus der Unzugänglichkeit lösen und begeistert heute Menschen aus allen Altersklassen, Schichten und Kulturen. / goodnews-stuttgart.de
Im Programm: Ulrike Almut Sandig, Hans Thill, Ernest Wichner sowie als „Lokalmatadoren“ Tobias Borke (Rap) und Matthias Grabow (Lyrik)
Christoph Wenzel
DURCH DIESE GLÄSER
wird alles zur majuskel: ein dicker filzer
buchstabiert reflexe in den kernsatz –
ein riß im loch ein biß
im buch & erst der fleck verrät
dem blick die brille:
erkennungszeichen der vermittlung
von syntax & sterben eingefaßt
im begriff sein und zeit
totzuschlagen
Aus: Christoph Wenzel, zeit aus der karte, Gedichte (Lyrik-Taschenbuch Nr. 49), Rimbaud Verlag 2005, mit der Anmerkung: Der Hagener Lyriker Ernst Meister (1911-1979) trug im Alter wegen zunehmender Kurzsichtigkeit eine Brille mit besonders starken Gläsern und schrieb, um die eigene Schrift besser lesen zu können, häufig mit einem besonders breiten Filzstift.
2007 erschien im kleinen Wiener Verlag Edition Korrespondenzen ein Gedichtband, der die ganze Vorstellung über die Lyrik der Leningrader Katastrophe revolutionierte. «Blockade» entstammte der Feder von Gennadi Gor, der Entdecker war der Übersetzer Peter Urban, der sich zunächst der Kurzprosa zugewandt hatte. Der von Urban zweisprachig herausgegebene Band war nicht nur eine deutsche, sondern auch eine russische Erstveröffentlichung. Gor (1907–1981) war in den sechziger und siebziger Jahren ein bekannter und beliebter Science-Fiction-Autor. Seine frühere experimentelle Prosa kannten nur wenige, und von seinen Gedichten wusste niemand.
«Edgar Poes unsinniges Lächeln, / Cervantes mit unsichrem Gang, / Nutzlos, doch golden ein Fischlein / Ein höchst gefährlicher Fang. / Mich töten wird man, weiss ich, an einem Montag / Und liegen lassen wo der Waschtisch ist. / Und waschen wird sich dort mein Häscher / Und wundern dort wo man sich küsst, / Und lächeln, während er sich wäscht.» Aus solchen Zeilen spricht das absolute Entsetzen – vor dem Erfrieren, vor dem Verhungern, vor dem Gefressen-Werden, buchstäblich, von einem, der zum Kannibalen wird. In Gors Gedichten verwandelt sich der Kannibalismus in eine schaurige Metapher, sie wird zum Leitmotiv der Blockade-Existenz. Viel wichtiger aber ist, dass diese Gedichte das Chaos und die Erstarrung der Zeit in der Hölle der Blockade wiedergeben, und dies in ständigem Dialog mit dem eigenen Tod. Was Gors Gedichte zu einem Ereignis im russischen Literaturleben macht: Es hat sich herausgestellt, dass die von der Doktrin des sozialistischen Realismus verpönte Sprache der Leningrader Avantgarde die einzige dichterische Sprache war, die dem existenziellen Ausnahmezustand gewachsen war. Fast scheint es, als ob die «seltsamen Dichter» der dreissiger Jahre, Daniil Charms (während der Blockade im Gefängnisspital verhungert), Alexander Wwedenski (beim Gefangenentransport erschossen) und Nikolai Sabolotski (damals im Arbeitslager), ihre Sprache, ihre poetische Imagination und ihren komplexen Zeitbegriff in Vorahnung der Blockade entwickelt hätten. …
Eine weitere Entdeckung ist die 2011 in Moskau erschienene Gedichtsammlung von Pawel Salzmann (1912–1985), einem Maler und Grafiker und Schüler von Pawel Filonow 1883–1941), dem im ersten Blockade-Winter ums Leben gekommenen Klassiker der russischen Kunst-Avantgarde. / Oleg Jurjew, NZZ 3.9.
In der NZZ schreibt Oleg Jurjew über das Leben und Sterben in der Hölle des belagerten Leningrad.
Selbstverständlich wurde in der Hölle viel Literatur produziert! Die meisten der Schriftsteller, die in der Stadt geblieben waren (viele waren ins Landesinnere evakuiert worden), wurden mobilisiert und den Armeezeitungen oder dem Rundfunk zugeteilt. Dieser war das für einfache Blockade-Menschen relevante Medium. Das Radio sendete nicht nur Nachrichten, Musik und Reden der kommunistischen Parteiführer, sondern auch Gedichte und Reportagen. Einige Lyriker, die ihre Gedichte im Leningrader Rundfunk vorlasen, wurden unglaublich populär. Man könnte sich an Olga Bergholz (1910–1975) erinnern, die in den dreissiger Jahren als linientreue junge Lyrikerin viel Schlimmes anrichtete, etwa Kollegen in der Presse beschuldigte, «feindliche Spione» zu sein. Das konnte indes ihre eigene Verhaftung 1938 nicht verhindern. Ihr Mann, der Lyriker Boris Kornilow, wurde hingerichtet; gepeinigt bei Verhören, verlor sie ihr ungeborenes Kind. 1939 vom NKWD freigelassen und rehabilitiert, trat Bergholz der Partei bei und setzte ihre Karriere fort. Während der Blockade wurde sie für von grosser emotionaler Stärke geprägte Gedichte wie eine Heilige verehrt, was sie nach dem Krieg unantastbar machte. Sie trank viel und war durch ihr loses Mundwerk stadtbekannt. Einmal lud man sie in die KGB-Zentrale im Litejnyi Prospekt ein, als Ehrengast, damit sie ihre Gedichte vortrüge. Sie kam, schon angetrunken, und fragte, noch bevor sie ihren Mantel ablegte: «Los, Leute, zeigt mir, wo ihr derzeit foltert!»
Die Gedichte von Bergholz kann man, wie auch viele andere Werke, die während der Blockade verfasst wurden, allerdings kaum Dichtung der Blockade nennen. Es sind Gedichte (und auch Prosastücke) über die Blockade, Texte, die versuchen, etwas Rationales ins Unbegreifliche der Gegenwart zu bringen, Menschen Mut zu machen und Halt zu geben. In diesem Sinne ähneln sich zum Durchhalten aufrufende Gedichte der Rundfunk-Dichter und leise, verzweifelte «Privatbeschreibungen» des Blockade-Alltags. Nehmen wir etwa ein Gedicht von Natalia Krandijewskaja-Tolstaja (1888–1963), einer Lyrikerin und zeitweisen Frau des berühmten sowjetischen Romanciers Alexei Tolstoi. Es erzählt, wie Menschen mit Eimern das Wasser aus den Flüssen und Kanälen holten: «Lass uns den Eimer am Kinderschlitten festbinden, / und Wasser holen fahren / – hinter der Brücke gibt es einen steilen Hügel, / Vorsicht beim Abstieg . . . (. . .) Das Schneegestöber kreiselt über der Newa, / in weissen Federn, im Silber, / mit dem Wasserholen war es genau so / vor 200 Jahren, zur Zeit des Zaren Peter . . . » Wir sehen, dass hier mittels Verweis auf die Geschichte ein Rationalisierungsversuch unternommen wird. Solche Gedichte von Krandijewskaja sowie ihr Blockade-Tagebuch wurden zu ihren Lebzeiten nicht veröffentlicht – sie galten als zu privat, zu unheroisch.
Ernst Meister gehört zu den bedeutendsten Lyrikern nach dem 2. Weltkrieg. Heute wäre dieser Dichter 100 Jahre alt geworden.
Die Lesung, die auf MetaPhon zu hören ist, wurde in einer Reihe präsentiert, die Doris und Hans-Werner Gey in ihrer Galerie in den 1970-ern in Hagen veranstalteten. Weiter Informationen zum Kooperationspartner unter: www.lyrikwelt.de (Autoren / Meister).
MetaPhon: http://www.vordenker.de/meister/audio/Ernst%20Meister_1978_04_28.mp3
Frauen und Männern, die Dix heißen, ist sie im Moment auf der Spur. Doch interessiert sie sich nicht in erster Linie für den Maler mit dem Vornamen Otto, dessen 120. Geburtstag Anfang Dezember die Kunstwelt feiert. Annerose Kirchner interessiert sich für Menschen in Gera und Umgebung und die Frage, wie sie mit diesem berühmten Nachnamen leben.
Das aktuelle Reportage-Projekt ist ein bisschen Schuld, dass die Lyrikerin nicht mit dem Gedichtband fertig geworden ist, den sie sich zum 60. Geburtstag schenken wollte. Zwar war sie in letzter Zeit in vielen neuen Anthologien vertreten, aber die Erscheinungsjahre ihrer Lyrikbände 1991, 2001 zeigen, sie erblickten die letzten Jahrzehnte synchron mit den runden Geburtstagen der Dichterin das Licht der Öffentlichkeit. 2011 nun also nicht.
Erscheinen werden die neuen Gedichte erst im kommenden Jahr. …
Es ist der Weimarer Dichter Wulf Kirsten, der das Talent der jungen Frau entdeckt, die inzwischen Steno-Phonotypistin gelernt hat und beim „Freien Wort“ in Suhl arbeitet. Wulf Kirsten wird ihr Mentor und bleibt es bis heute. / Angelika Bohn, Ostthüringer Zeitung 2.9.
Wie aus mythischer Ferne weht dieser hohe Ton heran, diese dunkle Beschwörung metaphysischer Elementarwörter. In philosophischer Eindringlichkeit fragt der Dichter Ernst Meister nach den Verankerungen unserer Existenz. Bereits in seinem allerersten Gedicht, das 1932 sein Debütbuch „Ausstellung“ eröffnete, gerät das lyrische Ich vor einen Abgrund aus Angst: „Im Nichts hausen die Fragen. / Im Nichts sind die Pupillen groß.“
Wie viele moderne Lyriker, die in den 1930er Jahren zu schreiben begannen, ist auch die Poesie Meisters aus intensiver Heidegger-Lektüre entstanden. Der „Gedanke an Sein überhaupt“ und die Reflexion über das Verhältnis von Dichten und Denken haben ihn zeitlebens nicht losgelassen. …
Für sein literarisches Nachleben hat lange Jahre mit Leidenschaft der Aachener Rimbaud Verlag gesorgt. Bei Wallstein ist zum 100. Geburtstag eine akribisch kommentierte Werkausgabe in fünf Bänden erschienen, die nicht nur den Ansprüchen einer historisch-kritischen Edition gerecht wird, sondern auch die Fama vom „weltfernen Hermetiker“ auflöst. In Ernst Meisters Poesie, so wunderbar hat es Born gesagt, findet man „Zeichen für das Noch-Nicht-Totsein, für die Hoffnung und Behauptung, daß Leben sei, Gesang, und sei es auch ein Gesang ohne Grund.“ / Michael Braun, Badische Zeitung 3.9.
Die Gruppe 47, der zu Meisters Zeit tonangebende Literaten-Kreis, hat den westfälischen Lyriker nie eingeladen. «Kein Wunder, er hat die Gruppe schließlich als lyrischen Affenmarkt bezeichnet und scharf kritisiert», weiß Gellhaus. / Sabine Rother, Aachener Zeitung 31.8.
„Wir sind die Welt gewöhnt. Wir haben die Welt lieb wie uns. Würde Welt plötzlich anders, wir weinten. Im Nichts hausen die Fragen. Im Nichts sind die Pupillen groß. Wenn Nichts wäre, o wir schliefen jetzt nicht, und der kommende Traum sänke zu Tode unter blöden Riesenstein.“
Das Gedicht „Monolog des Menschen“ steht in dem 1932 erschienenen Band „Ausstellung“, mit dem der 21-Jährige debütierte. Ein Kritiker der „Vossischen Zeitung“ sah in dem Buch den „gewiss nicht frivolen Versuch, Lyrik nach einer Jean Paulschen Anweisung ‚aus dem Leeren‘ zu schöpfen.“ / Christian Linder, DLR
Mehr: Ulf Heise, Märkische Allgemeine / WAZ / Münsterländische Volkszeitung
Der mit 5500 Euro dotierte Roswitha-Literaturpreis der Stadt Bad Gandersheim geht in diesem Jahr an die Schriftstellerin Olga Martynova.
‚Gewürdigt wird eine in zwei Sprachen (Deutsch, Russisch) schreibende Kosmopolitin, deren Musikalität, deren Witz und deren beeindruckende Bildung unsere Literaturgesellschaft bereichern‘, heißt es in der Entscheidung der Jury. / Süddeutsche 29.8.
Der Roswitha-Preis ist der älteste deutschsprachige Literaturpreis, der ausschließlich an Frauen vergeben wird. Gewürdigt wird damit eine herausragende literarische Einzelleistung einer in Europa lebenden und tätigen Schriftstellerin. Das Werk kann allen Bereichen literarischen Schaffens angehören.
Der Roswitha-Preis wurde von 1973 bis 1996 jährlich als Roswitha-Gedenkmedaille vergeben von der Stadt Bad Gandersheim. 1998 wurde er zur heutigen Bezeichnung umbenannt und ist seither mit 5.500 Euro dotiert. Die Auszeichnung ist nach der ersten deutschen Dichterin Roswitha von Gandersheim benannt. / Wikipedia
Ungeachtet der Proteste, die Äußerungen von Adonis zur Lage in Syrien in der arabischen Welt verursacht hatten, erhielt der 1930 in der Nähe der Küstenstadt Latakia geborene Dichter am vergangenen Sonntag den Frankfurter Goethe-Preis – einer von vielen arabischen Literaten, die mit dem demokratischen Aufbruch in ihrer Weltregion ausgezeichnet werden. Neben dem Goethe-Preis für Adonis ist im September der Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis in Osnabrück für Tahar Ben Jelloun zu verzeichnen, im Oktober der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für Boualem Sansal und im November der Hermann-Kesten-Preis für den ägyptischen Verleger Mohammed Hashim. Fehlt nur noch der Literaturnobelpreis. Auch dafür ist Adonis ein Kandidat.
Als Dichter und Vorreiter der literarischen Moderne in der arabischen Welt hätte er ihn zweifellos verdient – ist aber das Jahr 2011 der beste Zeitpunkt dafür? …
Der entscheidende Unterschied zwischen Adonis und den säkular und emanzipatorisch orientierten Kräften in Nordafrika ist nicht inhaltlicher Natur, sondern beruht auf einem irritierenden Timing. Adonis äußert seine Vorbehalte gegen die Protestierenden, während diese erschossen und eingeschüchtert werden, bevor sie ihre Ansichten überhaupt richtig äußern können. Und es mutet eigenartig an, die Verbesserung der Verhältnisse nicht mit der Abschaffung des ersten und offensichtlichsten Übels beginnen zu wollen, nämlich der Diktatur, sondern sie an Bedingungen zu knüpfen und den Unterdrückten zunächst einmal die rechte, und das heißt in diesem Fall die westlich-laizistische Gesinnung, vorschreiben zu wollen.
Diese herablassende Skepsis gegenüber den Revolutionen ist aber nicht nur die von Adonis und anderen abgehobenen, sich in Maximalforderungen gefallenden Intellektuellen, sondern sie ist auch in Europa weit verbreitet, ja sie bildete bis weit in den arabischen Frühling hinein die Grundlage der offiziellen westlichen Politik. / Stefan Weidner, Süddeutsche Zeitung 29.8.
Es geht Katharina Schultens ganz offenkundig nicht mehr um die Entbindung des romantischen Zauberworts, sondern um die kühle Beobachtung von Strukturen. „Das künstlerische Material muss kalt gehalten werden“, hat einst Gottfried Benn dekretiert. Katharina Schultens hat diese Devise beherzigt. Wir lesen die Gedichte einer Autorin, die ihrem Gedichtband demonstrativ den Titel „gierstabil“ gibt – und damit auf einen Terminus aus der Kinematik und Fahrzeugtechnik zurückgreift, der bestimmte Steuerungstendenzen diverser Land- und Luft-Fahrzeuge bezeichnet. Und natürlich schwingt in dem rein technischen Begriff „gierstabil“ auch noch die assoziation zu „gier“ und damit die Konnotation eines heftigen emotionellen Geschehens mit. Aber just diese Verbindung von multiplen technoiden Strukturen und Körperelementen, von physikalisch-biomechanischen Modi und traditionellen Natur- und Nähe-Metaphern gehört zu den Eigenheiten von Katharina Schultens‘ Dichtkunst. Ihr Debütband „Aufbrüche“ hatte 2004 noch auf die Mobilisierung einer expressionistischen Sprache und die Evokation einer traditionellen Stimmungslyrik vertraut. In „gierstabil“ kommt nun ein ganz anderes Ich zu Wort, ein un-sentimentales, analytisch beobachtendes, ganz in die prozesshaften Abläufe und technisch-wissenschaftlichen Komplexitäten unserer Gegenwart vertieftes und sachlich registrierendes Ich. / Michael Braun, Poetenladen
Es gibt viele Momente, in denen genau dieses Dazwischen die eigentliche Vielfalt von »gierstabil« darstellt. Zeilen wie: »ich wispere ach / wissen sie – vielleicht bin ich das innere / des aktenschranks wenn er schließt« sind reflektiert und eingängig, intelligent und ästhetisch wertvoll. Der exzessive Gebrauch von &-Zeichen und Bindestrichen bringt den Fluß der Verse häufig ins Stocken. Das ist bei der elegant durchrhythmisierten Sprache ähnlich überflüssig wie die ironische Distanzierung vom Englischen. Diese wird als Fremdkörper hineinmontiert, tritt manchmal jedoch ein Verwirrspiel der Bedeutungen los. Und noch eine Form von übermotivierter Distanzierung zieht sich durch die Gedichte: Das »ich denkt«, »ist gewesen« und so fort. Natürlich wird ein Autor gerne mit seinen Ichs verwechselt, viel lieber vielleicht noch eine Autorin. Schultens’ Texte jedoch sprechen bereits aus sich heraus mit einer festen und faszinierenden Mehrzahl von Stimmen.
»wieso geht das nicht in unserer sprache. / wo haben die das gelassen? das: pathos?« – wo auch immer »die« das Pathos gelassen haben mögen: Man kann ihm zusehen, wie es sich neu erfindet und in die Gedichte einfügt, ohne peinlich zu sein. Manchmal sogar mit humoristischer Spitze: Im Kapitel »single in pivot«, wird von einem »er« berichtet, der »aus nächtlicher routine direkt in einen schoß« stolpert.
Schultens’ Verse bleiben haften, ohne klebrig zu sein. So oft sie auch überfordern, so oft fordern sie zum Nachdenken heraus. Diese Lyrik ist noch auf dem Weg begriffen, entwickelt sich aber unaufhörlich fort. Wie ein Fahrzeug, das sich ohne weiteres Eingreifen von außen geradeaus bewegt. Das ist ja schließlich auch die Definition des Begriffes Gierstabilität. Einen besseren Titel hätte der Band nicht haben können. / Kristoffer Cornils, junge Welt 1.9.
Katharina Schultens: gierstabil – Gedichte. Luxbooks, Wiesbaden 2011, 72 Seiten, 19,80 Euro
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