81. Preis für Seel*

Mehr konnte ich leider nicht finden – aber die Information ist ja da:

kunstpreis literatur von lotto brandenburg an daniela seel für „ich kann diese stelle nicht wiederfinden“, 15.9., preisverleihung in potsdam. mit laudatio und lesung. 19.00 h, haus der brandenburgisch-preußischen geschichte, kutschstall, am neuen markt 9, 14467.

*) auch wenn sie schon einige Preise bekommen hat: 81 ist die Nummer der Nachricht im September

80. Unter- und übertreibend

Bedeutet der Name des höchsten afrikanischen Berges, des «Kilimandscharo», nach dem wahrhaft ironischen Understatement des Kiswahili, der am meisten gesprochenen Sprache in Ostafrika, «kleiner Hügel von Njaro»? Oder empfiehlt es sich, seine Spitze – als «den höchsten Punkt afrikanischer und deutscher Erde» – die «Kaiser-Wilhelm-Spitze» zu nennen, wie es der Deutsche Hans Meyer bei seiner Erstbesteigung am 6. Oktober 1889 unter Aufpflanzung der deutschen Fahne und, begleitend dazu, der dreimaligen Ausrufung eines kräftigen «Hurra» tat? / Ludger Lütkehaus, NZZ 13.9.

Wikipedia bringt je nach Sprache unterschiedliche Berichte (es lohnt sich auch in die Details zu gehen: was nicht nur für Hölderlin-Fassungen gilt):

  • (… von 1902 bis 1918 Kaiser-Wilhelm-Spitze oder auch Wilhelmskuppe) (Deutsch)
  • Tussen 1885 en 1918 was die berg die hoogste punt op Duitse gebied en tussen 1902 en 1918 was die berg Kaiser-Wilhelm-Spitze of Wilhelmskuppe genoem. (Afrikaans)
  • It is unknown where the name Kilimanjaro originates, but a number of theories exist. European explorers had adopted the name by 1860 and reported that it was its Swahili name,[5] with Kilimanjaro breaking into Kilima(Swahili for „hill, little mountain“) and Njaro,[6] whose supposed origin varies according to the theories—according to some it is an ancient Swahili word for white or for shining,[7] or for the non-Swahili origin, a word from the Kichagga language, the word jaro meaning „caravan“. The problem with all these is that they cannot explain why the diminutive kilima is used instead of the proper word for mountain, mlima. The name might be a local joke, referring to the „little hill of the Njaro“ being the biggest mountain on the African continent, since this is a nearby town, and guides recount that it is the Hill of the Njaro people. A different approach is to assume that it comes from the Kichagga kilmanare or kileajao meaning „which defeats the bird/leopard/caravan“. However this theory cannot explain the fact that Kilimanjaro was never used in Kichagga before in Europe in the mid-19th century.[5]

    An alternative theory is as follows: On November 10, 1848, the German missionary Rebmann wrote in his diary: „This morning we discerned the Mountains of Jagga more distinctly than ever.“ Jagga was the pronunciation of Chagga by Europeans. Kilimanjaro may also be the European pronunciation of the Chagga phrase that „Kile-lema-irho“, meaning „we failed to climb it“ in Kiuru, Kioldimoshi, Kimarangu, Kivunjo, Kikibosho, Kimachame and Kirombo, Kichagga in general. If so, name itself, Kile-lema-irho/Kilimanjaro, would have been the Chagga way of explaining to kyasaka (newcomers) when they asked about the shining mountain top of Kibo and Mawenzi Peak. Kibo peak is more visible from the Kibosho Area, and Mawenzi from Maranu.[citation needed]

    In 1861 von der Decken climbed Mt. Kilimanjaro together with Richard Thornton (1838-1863)[8], „who got no farther than 8,200 feet“[9] (2,500 metres). In 1862 von der Decken tried a second time together with Otto Kersten. They reached a hight of 14,000 feet (4,280 metres).[10] [11]

    In the 1880s, the mountain, at that time spelled Kilima-Ndscharo in German following the Swahili name components, became a part of German East Africa after Karl Peters had persuaded local chiefs to sign treaties (a common story that Queen Victoria gave the mountain to her grandson Kaiser Wilhelm II is not true).[12] In 1889 the peak of Kibo was named „Kaiser-Wilhelm-Spitze“ („Kaiser Wilhelm peak“) by Hans Meyer, on the first ascent to the summit on 5 October 1889. [5] That name was used until 1918, when after World War I the German colonies were handed over to the British empire. When British-administeredTanganyika gained its independence in 1961, the peak was named „Uhuru peak“, meaning „Freedom peak“ in Swahili.

    Hans Meyer, a German professor was the first European to conquer Mount Kilimanjaro, accompanied by an Austrian mountaineer named Ludwig Purtscheller and a Marangu Army Scout named Kinyala Lauwo. They completed the climb on the 5 October, 1889. [13]

    The Ki- prefix in Swahili has several underlying meanings. The old Ka- diminutive noun prefix (found now only as Kadogo – a small degree), merged with the Ki class. One of its meanings was to also describe something unique of its kind: Kilima, a single peak, as opposed to Mlima, which would better describe a mountain range or undulating country. Several other mountains also bear this prefix, such as Kilima Mbogo (Buffalo Mountain), just north of Nairobi in Kenya. People with disabilities are also placed in this class, not so much as a diminutive idea; but a unique condition they possess: a blind or a deaf person, Kipofu and Kiziwi. This prefix „Ki-“ in no way implies a derogatory sense. The name Kibo in Kichagga means „spotted“ and refers to rocks seen on snowfields. (English)

79. Sehnarben

Den musikalisch dahinströmenden Versen im Zyklus «Sehnarben» stellt sich etwa der herbere, sprödere Modus von «Wintersaat» entgegen. In den «Briefgedichten» entwirft die Autorin sensible, aufmerksame Porträts von Wegbegleiterinnen und Freundinnen, wobei sie die eigene Existenz in jener der dargestellten Frauen spiegeln lässt, um selbstkritisch die Differenz wahrzunehmen. Manche dieser Gedichte, deren Aussagen sich aus dem feministischen Engagement nähren, enthalten indessen programmatische Ansätze, welche die poetische Atmosphäre etwas beeinträchtigen. / NZZ

Brigit Keller: Sehnarben. Gedichte. eFeF-Verlag, Bern 2011. 160 S., Fr. 25.–.

78. Banatsko

Erst anderthalb Jahre zuvor war sie aus London nicht etwa nach Polen oder Russland gezogen, in Länder, deren Sprachen sie beherrscht, wie ihre mehrfach ausgezeichneten Übersetzungen, unter anderem von Olga Tokarczuk, Hanna Krall und Svetlana Vasilenko, zeigen. Nein, Kinsky zog nach Budapest, ohne Ungarisch zu sprechen. Anderthalb Jahre lebte sie mit dem Gefühl, kein Wort in der schwierigen Sprache sagen zu können. Dann zog sie nach Battonya, legte vor dem «alten, mariatheresiengelben Serbenhaus» einen Garten an, vermietete den Rest des Feldes, erkundete die Gegend und schrieb. «Meine Texte sind aus der Sprachlosigkeit im Alltag entstanden. Die Namen der Dinge bekommen auf einmal einen ganz anderen Wert, wenn man alles neu benennen lernen muss.» «ich nenne die welt / wie ich will», heisst es in «die ungerührte schrift des jahrs»: «mein / abend- und morgenland und / schweige dabei, in der / mundart der dinge / zuhaus.»

Im Banat, das sowohl in Ungarn wie in Rumänien und Serbien liegt, wuchs die Schriftstellerin Esther Kinsky heran. In den achtziger Jahren hatte die Übersetzerin schon zwei Kinderbücher und Gedichte auf Englisch veröffentlicht. Nun erschrieb sie sich unter dem Eindruck der Sprachlosigkeit einen Zugang zur Tiefebene. / Jörg Plath, NZZ 14.9.

77. Hubert Skolud (1950-2011)

Der Junge aus dem Bürgerhaus im Südwesten Berlins ist an Lebensenergie, Neugier und Entdeckerfreude kaum zu übertreffen. Und Ende der Sechziger bietet die Halbstadt jede Menge Schlupfwinkel, in denen Heranwachsende sich ohne Hilfe von außen erwachsen geben können. Hubert schreibt Gedichte und liest sie so vor, dass man glaubt, einem großen zeitgemäßen Ereignis beizuwohnen. Jedenfalls Gleichaltrige glauben das und Mentoren, die, ähnlich wie er, von Amerikas Beat-Poeten bezaubert sind. Andere halten dieselben Zeilen, Schrift und Klang für faulen Zauber.

Diese doppelte Wirkung wird Hubert Skolud sein Leben lang hervorrufen, er wird dem Glück und dem Fluch des Schreibens auch immer entfliehen: Durch Projektplanung, Betreuung fremder Vorhaben, Sprung und Sturz ins Feiern, aber vor allem durch Menschenfang. …

Vielleicht ist es gar nicht erstaunlich, dass jemand, dessen Alltag so oft aus Jonglage von Halbwahrem, Verschwiegenem, Unbewältigtem besteht, sehr nach der Wahrheit verlangt. Im Schreiben wollte Hubert Skolud sie entdecken. Dass wir zu Hause sind, „wo Lügner Lügner Lügner nennen“, dies Nietzsche-Wort zitiert er oft, das gelte es zu überwinden.

Eine Krebskrankheit hat er gerade überwunden, lebt mit frischen Projekten am Start und der jungen Gefährtin seiner letzten Jahre, als er sich nach einer verzweifelten, von Wortwechseln und Telefonaten erfüllten Sommernacht vor ihren Augen aus dem Fenster stürzt. / Manfred Maurenbrecher, Tagesspiegel

76. Meine Anthologie 75: Sharon Olds, The Pope´s Penis

The Pope’s Penis

It hangs deep in his robes, a delicate
clapper at the center of a bell. 
It moves when he moves, a ghostly fish in a
halo of silver seaweed, the hair
swaying in the dark and the heat — and at night, 
while his eyes sleep, it stands up
in praise of God. 

From „The Gold Cell“ 
Sharon Olds‘ other collections of poetry are „Satan Says“ and „The Father.“ She teaches at NYU and helps run the NYU workshop at a state hospital for the severely physically challenged. She was New York State Poet Laureate from 1998-2000
From: http://www.salon.com

einige Wörter

del. zierlich, zart, empfindlich
cl. Klöppel
g. gespenstisch, wörtlich alt auch: geistlich
seaw. Seetang, Alge
sw. schaukeln, hin- und herbewegen

(Beitrag von 2001)

75. Keine Feinde

Der Band «Ich habe keine Feinde, ich kenne keinen Hass» versammelt Texte zu ganz unterschiedlichen Themen, die aber alle das moralische Totalversagen der chinesischen KP illustrieren. Auch wenn Lius Thesen nichts bahnbrechend Neues bringen, so überzeugen sie doch durch ihr reflexives Niveau. In ihnen verbinden sich historisches Wissen mit politischer Verve und einer tiefen Menschlichkeit. Der nun erschienene Band ist ein wichtiges Dokument und eine Art Handbibliothek, auf die deutsche Leser noch lange zurückgreifen müssen, wenn es um Liu Xiaobo geht. Er soll erst 2020 aus dem Gefängnis entlassen werden. / Katharina Borchardt, Neue Zürcher Zeitung

Liu Xiaobo: Ich habe keine Feinde, ich kenne keinen Hass. Ausgewählte Schriften und Gedichte. Mit einem Vorwort von Václav Havel. Herausgegeben von Tienchi Martin-Liao und Liu Xia. Aus dem Chinesischen von Karin Betz und Hans Peter Hoffmann. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2011. 412 S., Fr. 35.50.

74. 2011 Prizes for Contributors to Poetry Announced

Nine prizes awarded to poets, critics, and essayists featured in the magazine over the past year

CHICAGO — The Poetry Foundation and Poetry magazine are proud to announce the winners of nine awards for contributions to Poetry over the past year. The prizes are awarded for poems and prose published during the past 12 months, from October 2010 to September 2011.

THE LEVINSON PRIZE, presented annually since 1914 through the generosity of the late Salmon O. Levinson and his family, in the amount of $500, is awarded to Carolyn Forché for her poems in the February and March 2011 issues, „Travel Papers“  and „The Ghost of Heaven,“ as well as her essay in the May 2011 issue,„Reading the Living Archives: The Witness of Literary Art.“ Forché is editing, with Duncan Wu, the second volume of her anthology Against Forgetting and is at work on a prose account of her formative years as a poet. She directs the Lannan Center for Poetics and Social Practice at Georgetown University, where she is a professor of English.

THE BESS HOKIN PRIZE, established in 1948 through the generosity of our late friend and guarantor Mrs. David Hokin, in the amount of $1,000, is awarded to Tom Pickard for his poem in the December 2010 issue, „Lark & Merlin.“ Pickard’s most recent book, More Pricks Than Prizes,  was published by Pressed Wafer earlier this year. He lives in the North Pennine Hills of England.

THE FREDERICK BOCK PRIZE, founded in 1981 by friends in memory of the former associate editor of Poetry, in the amount of $500, is awarded to Reginald Dwayne Betts for his poem in the September 2011 issue, „For you: anthophilous, lover of flowers.“ Betts is the author of the memoir A Question of Freedom (Avery, 2009) and the poetry collection Shahid Reads His Own Palm(Alice James Books, 2010). He will be spending the 2011–12 year as a Harvard Radcliffe Fellow working on a poetry collection titledBastards of the Reagan.

THE J. HOWARD AND BARBARA M.J. WOOD PRIZE, endowed since 1994, in the amount of $5,000, is awarded to Franz Wright for his five poems in the January 2011 issue and his poem in the May 2011 issue, „Our Conversation.“ Wright’s recent collection of prose poems, Kindertotenwald, was published this fall by Alfred A. Knopf. His other books include Entries of the Cell (Marick Press, 2010) and Wheeling Motel (Alfred A. Knopf, 2009).

THE FREDERICK NIMS MEMORIAL PRIZE FOR TRANSLATION, established in 1999 by Bonnie Larkin Nims, trustees of the Poetry Foundation, and friends of the late poet, translator, and editor, in the amount of $500, is awarded to A.E. Stallings for her translations of Angelos Sikelianos in the June 2011 issue and Plutarch in the July/August 2011 issue. Her most recent book is a verse translation of Lucretius, The Nature of Things (Penguin, 2007). Stallings is a current Guggenheim Fellow.

THE FRIENDS OF LITERATURE PRIZE, established in 2002 by the Friends of Literature, in the amount of $500, is awarded to Sina Queyras for the selection of her poem, “Euphoria,” that appeared in the December 2010 issue. Queyras is the author of four books of poetry, including Expressway (2009) and Lemon Hound (2006), both published by Coach House Books. Her first novel, Autobiography of Childhood, will be published in April 2012.

THE EDITORS PRIZE FOR FEATURE ARTICLE, established in 2005, in the amount of $1,000, is awarded to Joshua Mehigan for his essay in the July/August 2011 issue, „I Thought You Were a Poet.“ Mehigan’s first book, The Optimist (Ohio University Press, 2004), was a finalist for the Los Angeles Times Book Prize. He is a 2011 NEA Fellow. His article will be reprinted in 2012 in the German journal Krachkultur, translated by the poet Christophe Fricker.

THE EDITORS PRIZE FOR REVIEWING, established in 2004, in the amount of $1,000, is awarded to Peter Campion for his review of The H.D. Book in the September 2011 issue. Campion is the author of two books of poems, Other People (2005) and The Lions(2009), both from the University of Chicago Press. He is a 2011–12 Guggenheim Fellow and teaches in the MFA program at the University of Minnesota.

THE EDITORS PRIZE FOR BEST LETTER, established in 2009, in the amount of $250, is awarded to Belle Randall for her letter in the December 2010 issue.

The prizes are organized and administered by the Poetry Foundation in Chicago, publisher of Poetry magazine.


73. Cotten, Ann

Ann Cotten

Dieser Artikel behandelt Ann Cotten, eine fiktive (1) Figur aus dem 2010 im Suhrkamp Verlag erschienenen Buch „Florida-Räume“.

Für die Autorin siehe Ann Cotten [1].

Ann Cotton ist die siebente in einer Reihe fiktiver Autoren, die auf ein Inserat „Mit Schreiben Geld verdienen?“ reagiert haben und deren Texte in dem Buch „Florida-Räume“ versammelt sind. Unter den zehn erfundenen Charakteren befinden sich auch BettineBettines MutterKraussers ClemensAmun und Ein 200-kg-Tierfreund. Auffällig an der Figur Ann Cotten ist die Übereinstimmung ihres Namens mit dem der Autorin [2] des Buches. Bei ihren Zuschriften handelt es sich um Gedichte.

Mehr hier

72. Gestorben

Der in katalanischer Sprache schreibende französische Schriftsteller* Jordi Pere Cerdà, eigentlich Antoine Cayrol, starb am 11.9. in Perpignan. Er war der Barde seiner Region, der Cerdagne im Hochgebirge zwischen Frankreich und Spanien, die er nie verlassen hat. Sein Werk (Lyrik, Theater, Romane, Essays), sagt Wikipedia, spielt eine Rolle bei der Förderung der katalanischen Sprache und Kultur. Für sein Engagement wurde er mit hohen katalanischen Preisen geehrt, zuletzt 1999 dem Premi Nacional de Literatura de la Generalitat de Catalunya. André Bonet, Präsident des Centre Méditerranéen de Littérature, nennt ihn in seinem Nachruf den größten katalanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.

*) oder in Frankreich lebende katalanische? Was sagt Àxel dazu? Gleichwohl kommen beide Formulierungen zu spät, weil er nicht mehr schreibt und lebt. Sprache.

71. Jetzt komme, Feuer

Ein großer Dichter der Feuerinfusion ist der späte Hölderlin. Hier sein Gedicht „Der Ister“:

Der Ister


Jetzt komme, Feuer!
Begierig sind wir,
Zu schauen den Tag,
Und wenn die Prüfung
Ist durch die Knie gegangen,
Mag einer spüren das Waldgeschrei.
Wir singen aber vom Indus her
Fernangekommen und
Vom Alpheus, lange haben
Das Schickliche wir gesucht,
Nicht ohne Schwingen mag
Zum Nächsten einer greifen
Geradezu
Und kommen auf die andere Seite.
Hier aber wollen wir bauen.
Denn Ströme machen urbar
Das Land. Wenn nämlich Kräuter wachsen
Und an denselben gehn
Im Sommer zu trinken die Tiere,
So gehn auch Menschen daran.

Man nennet aber diesen den Ister.
Schön wohnt er. Es brennet der Säulen Laub,
Und reget sich. Wild stehn
Sie aufgerichtet, untereinander; darob
Ein zweites Maß, springt vor
Von Felsen das Dach. So wundert
Mich nicht, daß er
Den Herkules zu Gaste geladen,
Fernglänzend, am Olympos drunten,
Da der, sich Schatten zu suchen
Vom heißen Isthmos kam,
Denn voll des Mutes waren
Daselbst sie, es bedarf aber, der Geister wegen,
Der Kühlung auch. Darum zog jener lieber
An die Wasserquellen hieher und gelben Ufer,
Hoch duftend oben, und schwarz
Vom Fichtenwald, wo in den Tiefe
Ein Jäger gern lustwandelt
Mittags, und Wachstum hörbar ist
An harzigen Bäumen des Isters,

Der scheinet aber fast
Rückwärts zu gehen und
Ich mein, er müsse kommen
Von Osten.
Vieles wäre
Zu sagen davon. Und warum hängt er
An den Bergen gerad? Der andre,
Der Rhein, ist seitwärts
Hinweggegangen. Umsonst nicht gehn
Im Trocknen die Ströme. Aber wie? Ein Zeichen braucht es,
Nichts anderes, schlecht und recht, damit es Sonn
Und Mond trag im Gemüt, untrennbar,
Und fortgeh, Tag und Nacht auch, und
Die Himmlischen warm sich fühlen aneinander.
Darum sind jene auch
Die Freude des Höchsten. Denn wie käm er
Herunter? Und wie Hertha grün,
Sind sie die Kinder des Himmels. Aber allzugedultig
Scheint der mir, nicht
Freier, und fast zu spotten. Nämlich wenn

Angehen soll der Tag
In der Jugend, wo er zu wachsen
Anfängt, es treibet ein anderer da
Hoch schon die Pracht, und Füllen gleich
In den Zaum knirscht er, und weithin hören
Das Treiben die Lüfte,
Ist der zufrieden;
Es brauchet aber Stiche der Fels
Und Furchen die Erd,
Unwirtbar wär es, ohne Weile;
Was aber jener tuet, der Strom,
Weiß niemand.

Quelle: Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 2, Stuttgart 1953, S. 198-201.

Im ersten Entwurf geht der Anfang etwa so:

Jezt kommen Feuer!
Begierig sind wir
Und wenn die Prüfung ist
An die Brutfedern gegangen
Mag einer spüren das Waldgeschrei. 

Friedrich Hölderlin: sämtliche werke. Frankfurter Ausgabe. Hg. D.E. Sattler. Band 8: gesänge II. Frankfurt/ Main: Stroenfeld / Roter Stern 2000, S. 719

70. Zeitlyrik

Die Zeit punktet weiter mit Lyrik. In der heutigen Ausgabe wird die Politikserie fortgesetzt mit 2 Gedichten von Ann Cotten, eins beginnt so:

Hab ich Angst vor den Arbeitern? Ja.
Hab ich Angst, dass sie aufhören zu
arbeiten? Vielleicht. Hab ich Angst, dass
sie mich verachten? Ja. Hab ich Angst
vor den Angestellten? Ja. Weil sie schlau
sind? Nein, weil sie schlechte Dinge
ausführen. Und keine Phantasie haben.
Hab ich Angst vor den Kritikern? Nein.
Vor Arbeitslosen? Nein. Sie haben genug
Zeit. Vor dem Wahnsinn? Ja.

Neu ist, daß der eher alberne Vorspruch fehlt, der stets so begann:

Seit dem 10. März versuchen wir im Politikteil der ZEIT, Politik von einer anderen Seite und auf andere Art wahrzunehmen. Elf Lyrikerinnen und Lyriker verfassen eigens für die ZEIT Gedichte, sie zeigen uns ihre Sicht auf die Politik. Mal schreiben sie unabhängig von den Ereignissen, mal gehen sie direkt auf politische Erlebnisse ein.

Womit wir anfangs nicht gerechnet hatten, ist die Fülle und Dichte der Ereignisse, wie wir sie seit Anfang dieses Jahres erleben.

Eben so politischer Smalltalk. Die Serie läuft in der 28. Woche, in den vergangenen Wochen mit Gedichten von Marion Poschmann, Michael Lentz und Hendrik Rost. Und immer noch im politischen Teil anstatt im Feuilleton. Zumindest in Augenkontakt mit Herrn Normalo-Leser oder bitteschön, Frau Normala. Das ist nicht nichts und es sind genug gute Gedichte für meinen Geschmack und sicher auch andere Geschmäcker. Aber es ist keine Mediensensation. „Lyrik“. Und das seit 28 Wochen.

Sensationell und schon seit gestern abend in allen Boulevards aber ist ein französisch geschriebenes Gedicht samt deutscher Interlinearversion. Man suche bei Google nach „Sexgedicht“, „Orgasmusgedicht“, „Orgasmuspoem“ oder so. Aber vorsichtig, nehmen Sie lieber Google News, Trittbrettfahrer werden sich schnell einstellen mit schärferer Kost. In der Zeit übrigens nichts dergleichen. Nichts als seriöse wissenschaftliche Kommentierung und der Text. Es handelt sich um ein vor 270 Jahren vom gerade inthronisierten König Friedrich II. von Preußen geschriebenes Gedicht. Er wollte einem Südländer beweisen, daß auch ein Preuße Wollust empfinden und ausdrücken kann. Der Herr hielt nichts von deutscher Dichtung und schrieb folglich auf Französisch. 10 Bände füllen seine Gedichte, aber dies eine fehlt. Die Zeit von heute druckt es zum ersten Mal. Nicht weil es wirklich weg war – offenbar haben es die Herausgeber von 1912 schamhaft weggelassen. Preußen eben. Dabei ist es gar nicht so „schlimm“. Metaphorische Leidenschaft, poetische Wollust in französischen Alexandrinern, die so klingen:

Divine volupté! Souveraine du monde!
Mère de leurs plaisirs, source à jamais féconde,
Exprimez dans mes vers, par vos propres accents
Leur feu, leur action, l’extase de leurs sens!

Göttliche Wollust! Herrin der Welt!
Mutter ihrer Genüsse, stets fruchtbare Quelle,
Bezeuge in meinen Versen mit Deiner Stimme
Ihr Feuer, ihr Tun, die Ekstase ihrer Sinne!

Naja, eben polierte Poesie, wie die deutschen Neutöner, die jungen Wilden der 1770er Jahre meinten. Goethe, Heine, Hoffmannswaldau & Co. haben da, auch da mehr zu bieten.

Hier die Zeit-Polit-Lyrik, hier das königliche Gedicht

69. Todesnachrichten

In Halifax (Kanada) starb die gefeierte Dichterin und Lehrerin Maxine Tynes im Alter von 62 Jahren. / The Chronicle Herald

Pierre-Edgar Moundjegou-Magangue, der bedeutendste gabonesische Dichter des 20. Jahrhunderts, starb am 31.8. im Alter von 69 Jahren. Bekannt wurde er vor allem durch das Chanson «Le chant du coupeur d’okoumé». Er veröffentlichte unter dem Pseudonym Magang Ma Mbuju Wisi. Seine Dichtung war von Friedrich Nietzsche beeinflußt, ihr Rhythmus von Volksliedern Südgabuns geprägt. / Gaboneco

Der Lyriker und Übersetzer Herbert Lomas starb im Alter von 87 Jahren. Seine Gedichtfolge „Death of a Horsewoman“, das er seiner Frau Mary widmete, die 1944 bei einem Reitunfall ums Leben kam, inspirierte Ted Hughes zu seinen Birthday Letters, mit denen er spät doch noch auf den Tod von Sylvia Plath antwortete. / Guardian 12.9.

68. Event der Lobdichter

Lyrik blüht in Communities, besonders unter jungen Leuten mit Hintergründen historischer Benachteiligungen.

Man muß sich nur das Kunstgeschehen in und um Durban vor Augen führen, die Vielzahl der Lyrikveranstaltungen, besonders an beliebten Jugendtreffs wie dem BAT Centre, dem Stable Theatre und (neuerdings) dem Playhouse, wo während des Südafrikanischen Frauenkunstfestivals Lyrik- und Gesprächsrunden unter jungen Leuten populär waren.

Was aber viele von jenen nicht ahnen: generell, und ganz besonders in KwaZulu-Natal, kommt die Poesie aus der jahrhundertealten Tradition der Loblyrik.

Deshalb wird das Umkhosi Wezinkondlo Zama-Afrika zur Feier der „lebenden Lyriklegenden“ am 22.9. im Playhouse stattfinden.

Bongani Mavuso, Koordinator der Veranstaltung und selbst ein geachteter Dichter, sagte, das Projekt sei von Buzetsheni Mdletshe angeregt, dem Lobdichter des Königs Goodwill Zwelithini, der bedauerte, daß die Lyrik der jungen Dichter hervorgehoben werde, die Loblyrik hingegen vernachlässigt.

„Die Lobdichter sind wichtig, weil sie das Wesen unserer Kultur verstehen. Auch in anderen afrikanischen Ländern gibt es sie. Deshalb entschlossen wir uns zu dieser Veranstaltung.“ / Latoya Newman, Tonight

67. Rock ’n‘ Roll des Herzens

Wie bringt man 40 Jahre Kärnten in 111 Gedichten unter? Nicht leicht. Josef K. Uhl, 1947 im steirischen Köflach geboren, seit 1972 mit inniger Hassliebe an Klagenfurt gebunden, Herausgeber der Literaturzeitschrift „Unke“ und Talent-Scout, musste ein Jahr lang mit Sebastian Rasbornig „raufen“, bevor er seine Texte zur Veröffentlichung hergab.

Als „Rock ’n‘ Roll des Herzens“ sind Uhls Gedichte jetzt bei kitab (16 Euro) erschienen. / USCHI LOIGGE, Kleine Zeitung