Die Zeit punktet weiter mit Lyrik. In der heutigen Ausgabe wird die Politikserie fortgesetzt mit 2 Gedichten von Ann Cotten, eins beginnt so:
Hab ich Angst vor den Arbeitern? Ja.
Hab ich Angst, dass sie aufhören zu
arbeiten? Vielleicht. Hab ich Angst, dass
sie mich verachten? Ja. Hab ich Angst
vor den Angestellten? Ja. Weil sie schlau
sind? Nein, weil sie schlechte Dinge
ausführen. Und keine Phantasie haben.
Hab ich Angst vor den Kritikern? Nein.
Vor Arbeitslosen? Nein. Sie haben genug
Zeit. Vor dem Wahnsinn? Ja.
Neu ist, daß der eher alberne Vorspruch fehlt, der stets so begann:
Seit dem 10. März versuchen wir im Politikteil der ZEIT, Politik von einer anderen Seite und auf andere Art wahrzunehmen. Elf Lyrikerinnen und Lyriker verfassen eigens für die ZEIT Gedichte, sie zeigen uns ihre Sicht auf die Politik. Mal schreiben sie unabhängig von den Ereignissen, mal gehen sie direkt auf politische Erlebnisse ein.
Womit wir anfangs nicht gerechnet hatten, ist die Fülle und Dichte der Ereignisse, wie wir sie seit Anfang dieses Jahres erleben.
Eben so politischer Smalltalk. Die Serie läuft in der 28. Woche, in den vergangenen Wochen mit Gedichten von Marion Poschmann, Michael Lentz und Hendrik Rost. Und immer noch im politischen Teil anstatt im Feuilleton. Zumindest in Augenkontakt mit Herrn Normalo-Leser oder bitteschön, Frau Normala. Das ist nicht nichts und es sind genug gute Gedichte für meinen Geschmack und sicher auch andere Geschmäcker. Aber es ist keine Mediensensation. „Lyrik“. Und das seit 28 Wochen.
Sensationell und schon seit gestern abend in allen Boulevards aber ist ein französisch geschriebenes Gedicht samt deutscher Interlinearversion. Man suche bei Google nach „Sexgedicht“, „Orgasmusgedicht“, „Orgasmuspoem“ oder so. Aber vorsichtig, nehmen Sie lieber Google News, Trittbrettfahrer werden sich schnell einstellen mit schärferer Kost. In der Zeit übrigens nichts dergleichen. Nichts als seriöse wissenschaftliche Kommentierung und der Text. Es handelt sich um ein vor 270 Jahren vom gerade inthronisierten König Friedrich II. von Preußen geschriebenes Gedicht. Er wollte einem Südländer beweisen, daß auch ein Preuße Wollust empfinden und ausdrücken kann. Der Herr hielt nichts von deutscher Dichtung und schrieb folglich auf Französisch. 10 Bände füllen seine Gedichte, aber dies eine fehlt. Die Zeit von heute druckt es zum ersten Mal. Nicht weil es wirklich weg war – offenbar haben es die Herausgeber von 1912 schamhaft weggelassen. Preußen eben. Dabei ist es gar nicht so „schlimm“. Metaphorische Leidenschaft, poetische Wollust in französischen Alexandrinern, die so klingen:
Divine volupté! Souveraine du monde!
Mère de leurs plaisirs, source à jamais féconde,
Exprimez dans mes vers, par vos propres accents
Leur feu, leur action, l’extase de leurs sens!
Göttliche Wollust! Herrin der Welt!
Mutter ihrer Genüsse, stets fruchtbare Quelle,
Bezeuge in meinen Versen mit Deiner Stimme
Ihr Feuer, ihr Tun, die Ekstase ihrer Sinne!
Naja, eben polierte Poesie, wie die deutschen Neutöner, die jungen Wilden der 1770er Jahre meinten. Goethe, Heine, Hoffmannswaldau & Co. haben da, auch da mehr zu bieten.
In Halifax (Kanada) starb die gefeierte Dichterin und Lehrerin Maxine Tynes im Alter von 62 Jahren. / The Chronicle Herald
Pierre-Edgar Moundjegou-Magangue, der bedeutendste gabonesische Dichter des 20. Jahrhunderts, starb am 31.8. im Alter von 69 Jahren. Bekannt wurde er vor allem durch das Chanson «Le chant du coupeur d’okoumé». Er veröffentlichte unter dem Pseudonym Magang Ma Mbuju Wisi. Seine Dichtung war von Friedrich Nietzsche beeinflußt, ihr Rhythmus von Volksliedern Südgabuns geprägt. / Gaboneco
Der Lyriker und Übersetzer Herbert Lomas starb im Alter von 87 Jahren. Seine Gedichtfolge „Death of a Horsewoman“, das er seiner Frau Mary widmete, die 1944 bei einem Reitunfall ums Leben kam, inspirierte Ted Hughes zu seinen Birthday Letters, mit denen er spät doch noch auf den Tod von Sylvia Plath antwortete. / Guardian 12.9.
Lyrik blüht in Communities, besonders unter jungen Leuten mit Hintergründen historischer Benachteiligungen.
Man muß sich nur das Kunstgeschehen in und um Durban vor Augen führen, die Vielzahl der Lyrikveranstaltungen, besonders an beliebten Jugendtreffs wie dem BAT Centre, dem Stable Theatre und (neuerdings) dem Playhouse, wo während des Südafrikanischen Frauenkunstfestivals Lyrik- und Gesprächsrunden unter jungen Leuten populär waren.
Was aber viele von jenen nicht ahnen: generell, und ganz besonders in KwaZulu-Natal, kommt die Poesie aus der jahrhundertealten Tradition der Loblyrik.
Deshalb wird das Umkhosi Wezinkondlo Zama-Afrika zur Feier der „lebenden Lyriklegenden“ am 22.9. im Playhouse stattfinden.
Bongani Mavuso, Koordinator der Veranstaltung und selbst ein geachteter Dichter, sagte, das Projekt sei von Buzetsheni Mdletshe angeregt, dem Lobdichter des Königs Goodwill Zwelithini, der bedauerte, daß die Lyrik der jungen Dichter hervorgehoben werde, die Loblyrik hingegen vernachlässigt.
„Die Lobdichter sind wichtig, weil sie das Wesen unserer Kultur verstehen. Auch in anderen afrikanischen Ländern gibt es sie. Deshalb entschlossen wir uns zu dieser Veranstaltung.“ / Latoya Newman, Tonight
Wie bringt man 40 Jahre Kärnten in 111 Gedichten unter? Nicht leicht. Josef K. Uhl, 1947 im steirischen Köflach geboren, seit 1972 mit inniger Hassliebe an Klagenfurt gebunden, Herausgeber der Literaturzeitschrift „Unke“ und Talent-Scout, musste ein Jahr lang mit Sebastian Rasbornig „raufen“, bevor er seine Texte zur Veröffentlichung hergab.
Als „Rock ’n‘ Roll des Herzens“ sind Uhls Gedichte jetzt bei kitab (16 Euro) erschienen. / USCHI LOIGGE, Kleine Zeitung
steht über einem Porträt des Leipziger Slam-Poeten Julius Fischer bei Zeit online, darunter die Zeile:
Poetry Slam ist ein Angebot von Fisherman’s Friend. Für den Inhalt ist ausschließlich Fisherman’s Friend verantwortlich.
Sie verkaufen offenbar ihre Rubriken. Wir sind gespannt, wer Lyrik übernimmt.
„Szukam słowa“: Ich suche Worte. So heißt das erste Gedicht, das die große Skeptikerin und Literatur-Nobelpreisträgerin Wisława Szymborska 1945 veröffentlichte*. Seit der ersten polnischen Teilung im Jahre 1772 bis zur Gründung der Zweiten Republik 1918 und erst recht wieder nach dem deutschen Überfall 1939 ging es für die Schriftsteller unseres Nachbarlandes vor allem darum, Worte zur schwierigen bis prekären Lage ihrer Nation zu finden. „Die polnischen Dichter konnten es sich nie leisten, abseits ihrer Zeit zu stehen. Zu gewaltsam drängte sich die Geschichte in ihr Leben“, schreibt Karl Dedecius, aus Łódź stammender Gründer des Deutschen Polen-Instituts, im Nachwort zu den von ihm übersetzten „Polnischen Gedichten des 20. Jahrhunderts“. (…)
„Kosmische Weite der Vision und Großzügigkeit“ reklamierte Czesław Miłosz für seine Poesie. „Ich füge meine Worte / schleppe meine Zeit“ schrieb dagegen 1954 Tadeusz Różewicz. Als erster Lyriker Nachkriegspolens stieß er in Deutschland auf breite Resonanz. (…)
Der 31-jährige Danziger Tadeusz Dąbrowski, der zu den hoffnungsvollsten jüngeren Lyrikern zählt, schreibt in „Das zeitgenössische Gedicht“: „Früher nahm man an, es ernähre sich von menschlichem Blut, aber es / begnügt sich mit Fliegen, einem Maikäfer, einer Motte“. Damit bringt er den Bedeutungswandel, den die polnische Literatur seit 1989 erfahren hat, auf den Punkt. / Katrin Hillgruber, Tagesspiegel
*) Hier auf Englisch
Lothar Warneke (»Leben mit Uwe«, »Unser kurzes Leben«, »Einer trage des anderen Last«) drehte zunächst nahezu dokumentarische Spielfilme, er wagte darin überbordende erzählerische Unschärfe und Bebenlosigkeit, er schien sich aus dem eigenen Film zurückzuziehen, er erinnerte in seiner puren Abbildungstreue an Gedichte des Hallenser Lyrikers Axel Schulze, einem frappierend detailreichen Protokollanten des Alltäglichen, Unspektakulären – solche Gedichte hat ja auch Peter Handke geschrieben, der einen Filmabspann oder eine Fußballmannschafts-Aufstellung in gebrochene Zeilen setzte, und allein, indem man so etwas aus üblichem Zusammenhang nimmt und als Gedicht bezeichnet, stellt sich in der Leserempfindung ein verfremdender Impuls ein, Wahrnehmungswinkel ändern sich. / Hans-Dieter Schütt, ND 14.9.
(na, ob der Handkevergleich so treffend ist?)
„Das Gedicht ist eine Waffe, mit Zukunft geladen“ heißt es in einem spanischen Gedicht von Gabriel Celaya. Das Potential sich auf zukunftsbeeinflussende und poetische Art der Notwendigkeit der Veränderung in den heute vorherrschenden Gesellschaftsstrukturen anzunehmen, zeigt die Ausstellung „Die Revolution im Dienste der Poesie“ dreier sozialkritischer Künstler Spaniens. Im Gebäude des Artitude e.V., einem ehemaligen Senatsreservespeicher, werden im Rahmen einer Kooperation mit der spanischen Botschaft die künstlerischen Positionen von Fernando Sánchez Castillo, dem Künstlerduo Democracia und Santiago Sierra präsentiert. / art-in-berlin
Das Verlagshaus J. Frank | Berlin verbindet Literatur und Illustration auf ungewöhnliche Weise. Insbesondere in der »Belletristik. Zeitschrift für Literatur und Illustration« wird der interdisziplinäre Ansatz deutlich. Beiträge zeitgenössischer Autoren, ein Querschnitt durch unterschiedlichste Gattungen und Mischtexturen, werden durch herausragende Illustratoren interpretiert.
Am 24. September erscheint die elfte Ausgabe der Zeitschrift in Form einer Sonderausgabe: 13 Autoren und Autorinnen der Berliner Lyrikgruppe G13, die sich daran macht, die neue deutschsprachige Gegenwartslyrik mit einer Feuer-Infusion zu entfachen, präsentieren ihre Texte. Gedichte der Gruppe um Max Czollek, Maria Natt, Tristan Marquardt u.a. wurden von namhaften Illustratoren wie Dieter Jüdt, Maike Plenzke, Mehrdad Zaeri, Guglielmo Manenti u.a. interpretiert. Die Präsentation am 24. September ist der Auftakt zu einer bundesweiten Lesereise!
Die Präsentation der neuen Ausgabe der »Belletristik« findet im Rahmen der Veranstaltung »100 Thousand Poets for Change« am 24. September in der Z-Bar statt. In inspirierender Atmosphäre lesen hier die Autoren ihre Texte, parallel dazu werden die Illustrationen über einen Beamer präsentiert. Die globale Veranstaltung »100 Thousand Poets for Change«, initiiert von Michael Rothenberg (Autor, Herausgeber und Songwriter aus New York), verbindet an einem Abend 600 Lesungen in 450 Städten und 95 Ländern.
Weitere Informationen zum weltweiten Tag der »100 Thousand Poets for Change« findet ihr hier: http://www.facebook.com/event.php?eid=106999432715-571&%3Bref=ts
Das Verlagshaus J. Frank | Berlin, 2005 gegründet, ist ein Independent-Verlag und auf neue Literatur und Illustration spezialisiert. Neben der »Belletristik. Zeitschrift für Literatur und Illustration« erscheinen die »Edition Belletristik«, »Bibliothek Belletristik« sowie die »Edition Panopticon« und die »Edition Polyphon«. Parallel zur Lesereihe »Herzblut« wird vom Verlagshaus das internationale Festival für zeitgenössische Kammermusik und Gegenwartsliteratur »Zeitkunst« veranstaltet.
Präsentation der neuen Ausgabe der »Belletristik«:
Samstag, 24. September 2011 // 21 Uhr
Z-Bar Berlin, Bergstraße 2, 10115 Berlin (nahe U-Bahnhof Rosenthaler Platz)
„Lyrik im Café“ heißt eine neue Lesereihe in Hamburg, die am 21. September um 19.00 Uhr startet. Im Kulturcafé „Chavis“ (Detlef-Bremer-Str. 41) stellen die Initiatoren Charlotte Ueckert und Peter Engel das Programm vor und lesen eigene Texte. An jedem dritten Mittwoch im Monat sind Lesungen geplant, wobei neben den wichtigsten Hamburger Lyrikern auch auswärtige Gäste vorgestellt werden sollen. Vereinbart sind bereits Termine mit Carsten Klook, Herbert Hindringer, Judith Sombray und Ralf Thenior.
After sixty years of publishing print editions filled with memorable writing, Washington and Lee’s Shenandoah is now online. See it here.
Offener Antwortbrief an Stefan Weidle und die Kurt-Wolff-Stiftung
Urs Engeler | 12. September 2011
Lieber Stefan
Heute hat mich Deine E-Mail erreicht, die ich hier, weil sie mir eine Sache von öffentlichem Interesse zu betreffen scheint, wiederholen und beantworten will:
„Lieber Urs, wir hatten uns bei der Kalkulation des neuen Katalogs der Stiftung vertan und mußten einen Verlag rausnehmen. Leider hat es Dich getroffen. Der Grund ist, daß wir doch einige feste Bedingungen setzen: Die Bücher müssen eine ISBN haben und der Verlag eine Auslieferung. Und die Bücher müssen der Preisbindung unterliegen. Alle Kriterien erfüllen Deine Bücher nun nicht. Außerdem scheint Roughbooks ein Schweizer Verlag zu sein (auf Deiner Website fehlt das Impressum!). Deshalb mußten wir, als es darum ging, einen Verlag zu streichen, aus formalen Gründen den Deinen wählen. – Sehen wir uns denn in Frankfurt? Herzlich, Dein Stefan“
Nicht, dass ich wirklich enttäuscht bin, nicht im „Katalog der Stiftung“ zu stehen. Ich fand die formalen Vorgaben, denen man sich zu beugen hat, immer schon sehr beengend und das Resultat entsprechend uninspiriert. Sehr zweifelhaft scheint mir überdies Reichweite und Wirksamkeit der Broschüre. Ich bin also nicht gegen den Ausschluss. Ich finde sogar, er trifft in mir, der dem Bemühenden solcher Veranstaltungen immer fern und ferner steht, den richtigen.
Peinlich überrascht bin ich aber von Deinen Gründen: keine ISBN, keine Auslieferung, keine Buchpreisbindung, und dann auch noch Schweizer!
Eine E-Mail von Dir als Vorsitzendem des Vorstandes der Kurt-Wolff-Stiftung in der Sache „es geht um das Buch“ des Inhalts: Wir beginnen an der Wirksamkeit unserer Publikation zu zweifeln, und wir würden uns deshalb mit Dir als einem Verleger, der nach neuen Wegen und Ideen sucht, gerne über andere Möglichkeiten unterhalten – eine solche mail hätte ich produktiver gefunden.
Es könnte der Stolz der Kurt-Wolff-Stiftung sein, dass sie Verleger auszeichnet und fördert, die in schwieriger Lage (in denen sich wohl fast alle Bücher und ihre Macher und Verkäufer befinden) Neues, auch Ungewohntes und Unübliches, versuchen. Es müsste Teil der Arbeit der Kurt-Wolff-Stiftung sein, die Erfahrungen mit diesen neuen Wegen und Ideen auszuwerten und Interessierten zu vermitteln. Es geht schliesslich um das Buch.
Aber offenbar geht es eher um den Börsenverein des deutschen Buchhandels.
Das ist sehr bedenklich.
Wenn Du mal in die buchpreisbindungsfreie Schweiz fahren willst, dann bist Du mir in Solothurn herzlich willkommen. Ich weiss, Du magst guten Wein, und ich koche gern. Dann können wir fern vom Reich des Börsenvereins über Bücher sprechen – und über das, worum es geht.
Mit herzlichem Gruß
Urs
1973 erschien ein Gedichtband von Nikolaj Assejew in der „Weißen Lyrikreihe“ des Verlages Volk und Welt. Ich kaufte ihn, wie die ganze Reihe, las aber wenig darin. Assejew schien mir der Inbegriff des (langweiligen) Sowjetdichters. Ich kannte Achmatowa (schon 1967 in der Reihe), Jessenin, Mandelstam und Majakowski, die waren interessant. Assejews Ruf spiegelt sich in einem Gedicht von Adolf Endler, das alle „langweiligen“ Dichter aufzählt – um den Namen Achmatowa zu vermeiden:
Besuch aus Moskau 1955
Fadejew! – Paustowski! – Korneitschuk!
Issakowski! – Bashan! – Schtipatschtow!
Ketlinskaja! – Kassyl! – Katajew!
»Ach, lebt die Achmatowa noch?«
(…)
Perwomaiski! – Fedin! – Lukonin!
Ja, sie lebt!, nun hören Sie doch!
Assejew! – Ashajew! – Fadejew!
»Sie lebt, die Achmatowa, noch?«
(Mehr hier)
Stschipatschow (Schtschipatschow), den kannte ich auch aus einem Gedicht von Jewtuschenko: „Fehlte nur noch, daß ich Stschipatschows Gedichte wiederkau!“ Nein, die interessierten mich nicht. Ich hatte Solshenizyn für mich entdeckt und, vor allem, die guten Lyriker. (Majakowski war auch im Schulkanon, aber für mich privat trotzdem ein Guter.)
Bei Majakowski fand ich dann den Hinweis auf Assejew. Der war zuerst von den Symbolisten beeinflußt, hatte sich dann für Chlebnikow und den Futurismus begeistert und gehörte in den 20er Jahren zur LEF, Linken Front, einer („abweichlerischen“) linksradikalen, noch vom Futurismus geleiteten Gruppierung, die damals nicht geliebt wurde, aber noch geduldet. Noch nicht ins Gulag gebracht (oder vorerst nur wenige – Gumiljow und Stschusj waren damals schon erschossen).
Dann fand ich den Namen Assejew bei Majakowski wieder. Am 6.6. 1924 wurde in der Sowjetunion der 125. Geburtstag Alexander Puschkins gefeiert. Der Klassiker war ein Haßthema mancher Avantgardisten, wie Goethe manchem in Deutschland („Und Goethe glänzt aufrecht und widerlich“, Johannes R. Becher). Majakowski hat kein Problem, den Klassiker von Kollege zu Kollege anzusprechen.
Александр Сергеевич,
разрешите представиться.
Маяковский.
Дайте руку!
Вот грудная клетка.
Слушайте,
уже не стук, а стон;
Ungefähr: Alexander Sergejewitsch, gestatten Sie mir mich vorzustellen: Majakowski. Geben wir uns die Hand! Hier mein Brustkorb. Hören Sie: das ist kein Klopfen, das ist schon Stöhnen. (Юбилейное, „Jubiläumsverse“). Er plaudert ein Stündchen mit dem Kollegen. Erzählt ihm, wie er verleumdet wurde – Puschkin kannte sich da auch aus.
Vielleicht
bin ich
der einzige
der aufrichtig bedauert,
daß Sie nicht leben –
heute,
unter uns.
Wir hätten uns
im Leben
gut verstanden.
Bald
sterbe nun
auch ich,
verstumme jäh –
(Deutsch von Hugo Huppert, Majakowski: Gedichte. Berlin: Volk und Welt 1966, 3. Aufl. 1975, S. 102)
Bald sterbe nun auch ich? Majakowski wird gerade 31. Aber die Meute hetzt. Nach dem Tode, erklärt er dem Älteren, stehn wir nah beieinander, „Ich unter M, Sie unter P. Ach, zwischen uns steht Nadson. Kann man sich dagegen wehren? Antrag: man reih ihn hinten wo ins Alphabet.“ (ebd. 103). Nekrassow, ja, der kann stehenbleiben, „unser Kumpan“. Und die Zeitgenossen? Ein Gähnen! Jessenin? Bastschuhkunst fürs Dörflein. Besymenski? Nicht übel, wie Mohrrübenkaffee.
Und jetzt kommt Assejew:
Da ist
zwar noch
Assejew,
unser Kläuschen.
Der kann was.
Hat die Spannweite
von mir.
Doch ach, man muß verdienen,
denn man hat im Häuschen
Familie,
wenn auch klein,
man sorgt doch für.
(ebd. S. 104).
Das Gedicht entsteht im Juni 1924, wird gedruckt im gleichen Jahr in der Zeitschrift Lef, in der auch Assejew publiziert. Weihnachten 1925 nimmt sich Jessenin das Leben. Majakowski schreibt ein Gedicht gegen den Selbstmord – er will verhindern, daß das Beispiel Schule macht. Dichtung war eine Sache auf Leben und Tod. (Ist uns fremd – aber gestorben wird auch heute). Majakowski hat keine 5 Jahre mehr, dann setzt auch er „auf die Stirn einen Schlußpunkt aus Blei“.
Jedenfalls las ich dann auch Assejew. Hier ein Gedicht, das mir gerade wieder vor Augen fällt, aus dem gleichen Jahr 1924:
А. А. АХМАТОВОЙ
Не враг я тебе, не враг!
Мне даже подумать страх,
Что, к ветру речей строга,
Ты видишь во мне врага.
За этот высокий рост,
За этот суровый рот,
За то, что душа пряма
Твоя, как и ты сама,
За то, что верна рука,
Что речь глуха и легка,
Что там, где и надо б жёлчь, –
Стихов твоих сот тяжёл.
За страшную жизнь твою,
За жизнь в ледяном краю,
Где смешаны блеск и мрак,
Не враг я тебе, не враг.
18 апреля 1924
Meine Rohübersetzung:
Für A.A. Achmatowa
Nicht Feind bin ich dir, nicht Feind!
Ich wage nicht mal zu denken,
du, im Wind der strengen Rede,
sähst in mir deinen Feind.
Auf deinen hohen Wuchs,
auf deinen herben Mund,
auf deine aufrechte Seele,
aufrecht wie du,
darauf, daß ruhig die Hand,
daß deine Rede dicht und schlicht,
daß du Galle speist, wo es not, –
darauf deiner Gedichte Zahl.
Auf dein schreckliches Leben,
auf das Leben im Eisland,
wo sich Glanz mit Dunkel mischt,
nicht Feind bin ich dir, nicht Feind.
Assejews Gedicht auf die Achmatowa (deren Ex-Mann Alexej Gumiljow 1921 zum Vorsitzenden der Petrograder Dichtervereinigung gewählt wurde und ein paar Wochen später als Konterrevolutionär erschossen) ist ein aufschlußreiches Zeugnis, aber auch ein aufregendes Gedicht. Natürlich nur im Original. Jeder Vers hat exakt sieben Silben und drei Hebungen (wenn man will, hier wäre es vielleicht sinnvoll, von Füßen zu sprechen, hat jeder Vers zwei Jamben und einen Anapäst, fast immer nach dem Muster J-A-J). Das regelmäßige Muster bewirkt, daß die Zeilen wie Peitschenhiebe Schlag auf Schlag knallen. Der Paarreim ist – für russische Verhältnisse selbstverständlich – assonantisch frei gehandhabt (er mag das von Majakowski gelernt haben, der schreibt darüber in seinem Buch „Wie macht man Verse“, das zwar später erschien, nach Jessenins Selbstmord, aber sie werden darüber gesprochen haben; aber vielleicht war dies ohnehin, in Rußland vor 90 Jahren, Gemeingut. Während unsere deutschen Hirnis bis heute in der Schule, oder im Studium, lernen, „unreine“ Reime herauszupicken. Ach, ach und ach, und kein aber denne.)
Assejews Gedicht ist von Jürgen Rennert übersetzt (beteiligt waren weiter Jens Gerlach, Wilhelm Tkaczyk, Kito Lorenc, Martin Remané und Oskar Törne). Seine Fassung ist nicht schlecht, aber ein völlig anderes Gedicht. Nicht „schlicht und dicht“, wie Achmatowa und Assejew, sondern, wahrscheinlich notgedrungen, aufblähend. Schon von der Silbenzahl her: statt der 7 hat Rennerts Fassung regelmäßig 10, 12, 13. So beginnt er:
Bitter der Gedanke, du habest gemeint,
ich wollte dir übel, ich wäre dir feind,
dir, der Gestrengen, der Winde nicht wagen,
leichtfertige Reden zu hintertragen.
Zum Nachlesen:
Drei Dortmunder Autoren stellten die neue Nottbeck-Reihe „Roter Faden“ vor.
In ihr soll künftig in mehreren Lieferungen pro Jahr alte und neue Lyrik aus Westfalen veröffentlichen wird. Nach Grußworten von Museumsleiter Prof. Dr. Walter Gödden erläuterte der Schriftsteller Ralf Thenior („Mister Nottbeck“) Absicht und Programm der neuen Reihe, die demnächst noch in einer inszenierten größeren Veranstaltung präsentiert werden soll. Aus den ersten vier vorliegenden Heften der Edition trugen Ellen Widmaier, Thomas Kade und Ralf Thenior jeweils drei bis vier ihrer Gedichte vor… / Die Glocke
„Die Sterne beugen sich nieder,
und der Mond fließt den Fluss hoch“,
ist Teil eines Gedichtes von Du Fu (712-770 n. Chr.).
„Der Mond, voll ausgewachsen über dem Meer,
Den ganzen Himmel richtigstellend“,
von Zhang Jiuling, ein Premierminister während der Tang-Dynastie.
In der Tang-Dynastie schrieb der berühmte chinesische Dichter Li Bai (701-762 n. Chr.) ein Gedicht mit dem Titel „Allein mit dem Mond zu trinken“. Das Gedicht scheint über die Verblendung und Einsamkeit der Menschheit zu reden, die sich nach einer Verbindung mit dem Himmel sehnt.
„Aus einem Krug Wein inmitten der Blumen, trank ich alleine.
Es war niemand bei mir – bis, meine Tasse hochhebend,
ich den leuchtenden Mond fragte,
mir meinen Schatten zu bringen damit wir zu dritt sind.“
/ Zhi Zhen, The Epoch Times 12.9.
Hier mehr Li Bai (Li Tao-Po) und Mond

Neueste Kommentare