33. Falbs Hybridstil

Es ist wohl einfach so, dass sich die wahren und entscheidenden Gründe für die Wirkung dieses Gedichts (und manch anderer) nicht ordentlich analytisch erfassen, beschreiben, benennen lassen, ein Sachverhalt, den Gerhard Falkner (im Nachwort zu Falbs Band „die räumung dieser parks“, 2003) sehr klar formuliert hat: Es ist „diese Klippe auf das Unverständliche hinaus, (der) echte Poesie ihre seltsam berauschende Wirkung verdankt“.

Natürlich stehen die Falbschen Biotope nicht völlig isoliert in der lyrischen Landschaft. In mancher Hinsicht ähnliche Gedichte schreibt der US-amerikanische Lyriker Ben Lerner (*1979, „The Lichtenberg Figures“, deutsche Ausgabe 2011). „Mein Hybridstil hat sich zu einem eigenen Genre entwickelt“, heißt es in einem seiner Gedichte- Das trifft zu, aber lange vor Lerner und Falb hat Gottfried Benn in seinem Buch „Doppelleben“ (1950) den „Stil der Zukunft“ als „Montagekunst“ bezeichnet  und beschrieben: „Nichts wird stofflich-psychologisch mehr verflochten, alles angeschlagen, nichts durchgeführt. Alles bleibt offen … Wenn der Mann danach ist, kann der erste Vers aus dem Kursbuch sein und der zweite eine Gesangbuchstrophe und der dritte ein Mikoschwitz und das Ganze ist doch ein Gedicht …“

Man sollte nicht argwöhnen, dass Gedichte, wie sie Benn vorausgesehen hat, Falb, Lerner und andere in unseren Tagen geschrieben haben, frei sind von jeglichem Ernst, jeder Aussage. Ernst und Aussage sind „disguised“ in diesen Gedichten, auf hinterhältige Art. „Ich wünschte, alle schwierigen Gedichte wären tief. / Hupen Sie, wenn Sie wünschten, alle schwierigen Gedichte wären tief“ (Ben Lerner). / Maximilian Zander über ein Gedicht von Daniel Falb, Fixpoetry

32. Klickkonzert

Wenn der Nobelpreisträger bekanntgegeben wird, müssen allerorten schnell Artikel her. Google wird befragt, und da es ein Lyriker ist, leitet Google an Lyrikseiten weiter. Die Aufrufzahlen verdoppelten, verdreifachten sich gestern gegenüber dem Durchschnitt auf über 1.800 und scheinen heute noch anzusteigen. (Na wenn’s der Wahrheitsfindung dient…).

31. bis der boden brot kotzt*

Mittwoch, 12.10.2011, 21 Uhr, Rumbalotte continua**:
floppy myriapoda – Subkommando für die freie Assoziation
Release Heft 18 zum Thema „Kinder, Küche, Knast“

Programm:
+ SARAHROTH will keine Kinder.
+ Kamil Majchrzak zerstört die Familie.
+ Clemens Schittko sagt „JA!“ zum Nein.
+ Tom de Toys stiftet an zur Massenhysterie.
+ Bertram Reinecke toppt die Lebensmittelindutrie.
+ Die lebende Repetiermaschine Rex Joswig intoniert ein Gedicht von Kai Pohl.
+ Emmanuel Eni und Silvia Koerbl entdecken die Kochkünste des schwarzen Mannes in Europa.

Anschließend: Gepflegter Hangout mit DJ Caruso.

Eintritt frei.

+++

Heft 18 mit Beiträgen von (i. d. R. i. A.) Johann Heinrich, Tom Nisse, Kai Pohl, Anna Hoffmann, Rex Joswig, Scheiffele, Jonathan Pohl, Paul Günter Krohn, Emmanuel Eni, Julia Sohn-Nekrasov, Ann Cotten, Ernst Fuhrmann, Johannes Witek, SARAHROTH, Petra Coronato, Ernst-Jürgen Dreyer, Helmut Höge, Eberhard Loosch, Ronald Galenza, Anette Lang, Joachim Wendel, Clemens Schittko, Schwartz, HEL Toussaint, Ni Gudix, Martin Dakovic, Bernd Volkert, Andreas Paul, Kamil Majchrzak, Maria Zalinska, Niccolò Agnoli, Ralf S. Werder, Alex Galper, Andreas Hansen, Hans Horn, Jörg Burkhard, Siegfried Strauch, Arne Rautenberg, Robert Bosshard, Matthias Reichelt.

Sonderbeilage »lauter heiland« mit Beiträgen von (i. d. R. i. A.) Knobi, Alexander Krohn, Dagmar Schnürer, Capo D. Aster, Benedikt Maria Kramer, Ralf S. Werder, Alexander Heinich, Jörn Sack, Thomas Steiner, Otfried Rautenbach, Bernadette Grubner, »Matthias« BAADER Holst, Tom de Toys.

+++

* »bis der boden brot kotzt« ist eine Zeile aus dem Gedicht Heimat von Anna Hoffmann.

+++

** Rumbalotte continua, Metzer Str. 9, 10405 Berlin, www.rumbalotte-continua.de

+++

Den Flyer gibt es hier: http://www.floppymyriapoda.de

30. Reaktionen auf die Nobelpreisvergabe

Zitat des Tages bei der New York Times:

„He is to Sweden what Robert Frost was to America.“

JOHN FREEMAN, the editor of the literary magazine Granta, on Tomas Transtromer, who won the Nobel Prize in Literature.

FAZ / Harald Hartung meinen:

„Nah der Realität, doch nicht von dieser Welt“

Etwas überraschend titelt der Spiegel:

„Überraschende Auszeichnung“

(Die Wettbüros wissen es seit vielen Jahren besser, und das müßte auch schon im Spiegel gestanden haben)

Weitere Würdigungen: NZZ (Hans Jürgen Balmes) / Märkische Allgemeine (Karim Saab) / Die Presse /

Peinlich:

Riesenpanne im serbischen Staatsfernsehen: Der Sender RTS hat den Literaturnobelpreis zeitweise fälschlich Dobrica Cosic, dem serbischen Nationaldichter und jugoslawischen Ex-Präsidenten zuerkannt. RTS entschuldigte sich am Nachmittag bei seinen Zuschauern und auch bei dem 89-Jährigen, dass dieser als diesjähriger Preisträger genannt wurde. …

Auch die Website des britischen „Guardian“ war zunächst auf die Täuschung hereingefallen, hatte sich aber wenige Minuten später korrigiert. / Spiegel

Hier ein Brief in Nordamerika lebender Bosnier an das Nobelpreiskomitee vom Februar diesen Jahres, in dem es aufgefordert wird, den Preis nicht an Cosic zu vergeben, da er mitverantwortlich für serbische Kriegsverbrechen sei.

29. Magang-Ma-Mbuju Wisi

poetenladen.de hat eine Stele für den am 31.8. verstorbenen gabunischen Lyriker Magang-Ma-Mbuju Wisi veröffentlicht (s. Nachricht #69 vom vergangenen September).

28. Auskunft

Gibt es bestimmte Menschen, die Lyrik besonders mögen?

Thomas Anz: «Tendenziell sind es Leute, die etwas introvertiert sind. Sie suchen in der Lyrik ein Wiedererkennen eigener Probleme, die dort sehr dicht bearbeitet werden. Oder sie wollen eine Zeitstimmung wiedererkennen. Es ist eher ein Lesertypus, der nicht pragmatisch und realistisch ist, sondern nachdenklich und für Schönes aufgeschlossen. Andererseits gilt Lyrik einem breiten Publikum immer noch als die Literatur, die am meisten Literatur ist. Das merkt man daran, dass unglaublich viele Leute Gedichte schreiben, auch wenn diese oft ganz furchtbar schlecht sind.»

/ Der Marburger Literaturwissenschaftler Thomas Anz im Gespräch mit Doreen Fiedler, news.de / dpa

27. Lyrik-Geschichten, die das Leben schrieb

Im Fernsehen bei einem bekannten Moderator das Opfer eines Justizirrtums. Ein Lehrer wird von einer neuen Kollegin, die er erst zweimal kurz sprach und die ihn, nach einem Streit im Lehrerzimmer, in dem sie etwa 5 Minuten allein waren, beschuldigt, sie anal vergewaltigt zu haben. Er wird zu 5 Jahren Haft verurteilt und muß sie auch absitzen. Erst danach findet er einen Anwalt, der von seiner Unschuld überzeugt ist und erreicht, nach weiteren 5 Jahren, einen freilich arg verspäteten Freispruch, wegen erwiesener Unschuld.

Das Gericht, in erster Instanz, fragte sich nicht, wie, unter den Umständen, Analverkehr in weniger als 5 Minuten mit einer Frau, die sich wehrt, an einem nicht abgeschlossenen öffentlichen Ort möglich ist. Es störte sich auch nicht daran, daß die Frau 15 Minuten später in einem anderen Gebäude ganz normal Unterricht abhielt, wissen Sie zu welchem Thema? Das lyrische Ich, man denke, sagt das Fernsehn.

26. Forward Prize für John Burnside

Der schottische Dichter John Burnside gewinnt den mit £10,000 dotierten Forward Prize für den Band „Black Cat Bone“. Der Felix Dennis Prize für den besten Debütband geht an Rachael Boast  für „Sidereal“ (£5,000). Dem im Januar verstorbenen Dichter R F Langley wurde der Preis für das beste Einzelgedicht für „To a Nightingale“ zugesprochen. Die Preisträger wurden zum Vorabend des „National Poetry Day“ der Briten verkündet.

Vorsitzender der Jury war Andrew Motion.

Auf der Shortlist für den besten Gedichtband standen:

  • John Burnside – Black Cat Bone
  • David Harsent – Night
  • Geoffrey Hill – Clavics
  • Michael Longley – A Hundred Doors
  • D Nurkse – Voices Over Water
  • Sean O’Brien – November

/ BBC

Links

25. Suchanfragen,

die heute zur Lyrikzeitung führten (Auswahl):

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24. Lyrik-Fexe

Der Welt-Autor (schönes Wort) und hauptberufliche Modernefresser Tilman Krause schimpft:

Mutlos und kraftlos, ein Fall für Lyrik-Fexe

Die Würdigung Tomas Tranströmers ist eine schwache Entscheidung, denn er verkörpert jene klassische Moderne, die seit einem halben Jahrhundert etabliert ist.

Wie aufschlußreich seine Gleichsetzung „Lyrik“ = „Klassische Moderne“. Dann will ich unbedingt für beides sein!

Wessen Ignoranz ist größer: Reich-Ranickis, der behauptet, den Namen nie gehört zu haben, oder Krauses, der also etwa dies für „Klassische Moderne“ hält:

Im März ’79

Überdrüssig aller, die mit Wörtern, Wörtern, aber keiner Sprache daherkommen,
fuhr ich zu der schneebedeckten Insel.
Das Wilde hat keine Wörter.
Die ungeschriebenen Seiten breiten sich nach allen Richtungen aus.
Ich stoße auf Spuren von Rehhufen im Schnee.
Sprache, aber keine Wörter.

(Deutsch von Hans Grössel)

Aus: Tomas Tranströmer: Der Mond und die Eiszeit. Gedichte. München und Zürich: Piper 1992, S. 85.
Der und Reich-Ranicki passen freilich besser DAHIN (obwohl MRR Koeppen protegierte, während sich Krause auch als Koeppenfresser betätigt)

Hier das Gedicht auf Englisch

23. Schwer & sublim

Der Band bietet, dem Titel entsprechend, leicht und licht anmutende, auf eine unaufdringliche Art auch artistische, Gedichte. Die Schwere und Materialität, die in ihnen eingeschlossen ist, hat dank Wagners Sprach- und Formkunst etwas Sublimes und Durchlässiges, so daß man das Buch eher dem französischen als dem deutschen Geist zuschlagen möchte.

Achim Wagner, 1967 geboren, lebt in Köln und Istanbul. Es wäre schön, demnächst von ihm ‘türkische’ Gedichte, Prosaminiaturen und Nachdichtungen lesen zu dürfen. / mottz, Monnier Beach

Achim Wagner, flugschau / Gedichte / 72 Seiten, gebunden, mit 4 Illustrationen von Felix Beckheuer / [SIC]-Literaturverlag, Aachen & Zürich 2011 / 16,00 Euro

22. Nobelpreis für Tomas Tranströmer

Am schnellsten war Facebook (13:01), dann die New York Times (News Alert 13:18):

The 2011 Nobel Prize in literature was awarded Thursday to Tomas Transtromer, a Swedish poet whose surrealistic works about the mysteries of the human mind won him acclaim as one of the most important Scandinavian writers since World War II.

The Swedish Academy said it recognized the 80-year-old poet „because, through his condensed, translucent images, he gives us fresh access to reality.“

In 1990, Transtromer suffered a stroke, which left him half-paralyzed and unable to speak, but he continued to write and published a collection of poems — „The Great Enigma“ — in 2004.

Die offizielle Seite

Mehr: taz (Daniela Seel) [„vor allem in Berlin“] / Die Zeit (Alexander Gumz) / Badische Zeitung (Michael Braun) / Kölner Stadtanzeiger hier und hier /

21. Daths Lyrik

Obwohl Dietmar Dath ein extrem produktiver Autor von Romanen und Artikeln ist, ist das in der Connewitzer Verlagsbuchhandlung erschienene Buch Gott ruft zurück sein erster Gedichtband. Dietmar Dath und der Heavy Metal, die Science-Fiction, der Marxismus der Gegenwart, die ästhetische Verteidigung drastischer Kunst: ja! Aber Dath und die Lyrik? Ungewöhnlich. …

Gott ruft zurück ist kein gereimtes lyrisches Sahnehäubchen auf Daths schriftstellerischem Schaffen. Es bricht mit kommunikativen Erwartungen, stellt sie klug in Frage. Darin nutzt der Text auf überraschende Weise das Potential von Gedichten – seltsame kommunikative Situationen produzieren können – das man ihnen eventuell im Jahr 2011 nicht mehr selbstverständlich zugetraut hätte. / Christopher Strunz, Die Zeit

20. Pillenknick

Die Jüngerinnen, die Jünger der Sappho sind aber schon generell beklagenswerte Geschöpfe: Man entsinnt sich ihrer wie lästiger Plagen. Die gesangliche Wurzel der Sprachen, das Bannen der Welt durch die Magie der Wörter, ist nicht bloß in Verruf geraten. Die ausübenden Dichterinnen und Dichter genießen das Prestige von Hufschmieden oder Ledergerbern. …

Mit der Erosion der Lyrik – verstanden als ein Medium, das für viele verbindlich Bedeutung erzeugt – bemächtigte sich so etwas wie ein lyrischer Pillenknick der Stockholmer Preisliste. Nach Brodsky besann man sich des wunderbaren Derek Walcott (1992): Der karibische Poet passte famos in das überfällige Aufkeimen postkolonialer Diskurse. Der Ire Seamus Heaney (1995) gab noch einmal einen Begriff von der betörenden Widerständigkeit seines auf Verse versessenen Heimatlandes. 1996 folgte die zurückgezogen lebende Krakauerin Wislawa Szymborska: eine Poetin des Alltagslebens, in deren hauchfeinen Sprachgespinsten der Schock des 20. Jahrhunderts nachzittert.

Danach: Stille. Kein Gedicht mehr, nirgends. / Ronald Pohl, Der Standard

19. Warum lesen die Ägypter keine Gedichte mehr?

Am 24.9. feierten ägyptische Dichter den World Poetry Movement Day mit Lesungen überall in Kairo. Wie üblich blieben die Besucherzahlen klein. Man fragt sich: warum haben die Leute aufgehört, Lyrik zu lesen, und kann die ägyptische Revolution ihr das Publikum wiederbringen?

4 ägyptische Dichter sagen ihre Meinung bei al-Masry al-Youm.

Ibrahim Dawood sagt: „Es macht mich froh, wenn der Leser sich anstrengt, um Kenntnis zu erlangen, statt die typischen Arbeiten zu lesen, die ihn mit einfachen Antworten abspeisen. Dichter, die es darauf anlegen, den Lesern zu gefallen, schaden der Lyrik.“ Sallem Al-Shahbany erwartet, daß die Revolution zu mehr Experimenten in der Lyrik führt.

Weitere Beiträge von Amin Haddad und Ashraf Youssef.

Über die Autoren wird gesagt: Ibrahim Dawood gehört zu den prominentesten free-verse-Autoren, Amin Haddad gehört ebenfalls zur Generation der 80er Jahre und verwendet Umgangssprache. Seine Gedichte seien meist politisch, einfach und doch tief, und er trägt sie gern zur Laute vor. Ashraf Youssef schreibt freie Verse in modernem Standard-Arabisch. Er experimentiert gern mit der Sprache und baut Sufisentenzen in seine Gedichte ein. Sallem Al-Shahbany schreibt in Umgangssprache mit ägyptischem Dialekt und orientiert sich an Folklore und Kinderliedern. / Ola El-Saket