Sprachsalz-Gala vom 12.9.08, Hall in Tirol; Parkhotel Ausschnitt aus der Lesung von Klaus F. Schneider ; Aufnahme Rainer Haake.
Paul Bogaert
Die Gottheit Internet
Du arbeitest jetzt selbständig und aus eigenem Antrieb
an deinen Angaben und wirst auf Lebenszeit derart
mit der Database intim,
vom Input berauscht, von Scores geküsst.
Du verbesserst / bestätigst, was abweicht,
wenn verlangt.
Wer an nichts glaubt oder
länger nichts einsingt,
sackt weg.
Du profitierst indes davon, sehr viel zu bestellen.
Bei dir selbst kannst du unmöglich tot ankreuzen.
Da ist ein persönliches Textfeld für Zweifel.
aus dem Niederländischen von Christian Filips
Als Verfechter des open source-Gedankens geht Bogaert übrigens mit gutem Beispiel voran und hat alle Gedichte seiner bisherigen vier Bände sowie weiteres Material auf seiner Website frei zugänglich gemacht. Das eine oder andere gibt es auch in deutscher, englischer und französischer Übersetzung. Zudem findet sich auch im Schreibheft 62 und in Zwischen den Zeilen 28 jeweils eine kleine Auswahl von Übersetzungen. Auf lyrikline kann man sich eine handvoll Gedichte aus den ersten beiden Bänden anhören.
Vielleicht gibt roughbooks (mit Bogaert-Übersetzer Filips als Mitherausgeber) ja mal eine kleine Auswahl heraus, dann hätte der deutsche Leser auch was in der Hand – und könnte mal wieder der Gottheit Buch huldigen…
/ Peter Holland, de buurkamer („zwerftochten door de Nederlandse literatuur en cultuur / Streifzüge durch die niederländische Literatur und Kultur“, u.a. mit einem „Gedicht der Woche“ jeweils Flämisch und Deutsch)
Theodor Fontane
SO UND NICHT ANDERS
Die Menschen kümmerten mich nicht viel,
Eigen war mein Weg und Ziel.
Ich mied den Markt, ich mied den Schwarm,
Andre sind reich, ich bin arm.
Andre regieren (regieren noch),
Ich stand unten und ging durchs Joch.
Entsagen und lächeln bei Demütigungen,
Das ist die Kunst, die mir gelungen.
Und doch, wär`s in die Wahl mir gegeben,
Ich führte noch einmal dasselbe Leben.
Und sollt` ich noch einmal die Tage beginnen,
Ich würde denselben Faden spinnen.
Bereits am 9. Februar [schrieb börsenblatt.net bereits am 15.2.] ist der griechische Dichter Dimitri Analis in Piräus gestorben. Das teilte der Salzburger Verlag Jung und Jung heute mit. … Auf Deutsch erschien 1999 im Residenz Verlag Salzburg eine Auswahl seiner Gedichte in der Übersetzung von Peter Handke, der 2001 im Verlag Jung und Jung einen Briefwechsel zwischen Analis und dem syrischen Dichter Adonis herausbrachte, den er initiiert und mit einem Nachwort versehen hat („Unter dem Licht der Zeit“). Im Herbst 2012 wird ein weiterer Gedichtband von Dimitri Analis bei Jung und Jung erscheinen, ebenfalls übersetzt von Peter Handke.
Ein Gedicht hier
Dagegen der Tagesspiegel hat es nicht so mit der Lyrik:
Sind alles richtige Sätze, keine Angst, das ist keine experimentelle Lyrik.
Alle zitieren sie Gedichte.
Der heutige Ehrenvorsitzende der Front National Jean-Marie Le Pen will beweisen, schreibt Le Monde, daß er noch in Form ist und seine Lust an der Provokation nicht eingebüßt hat. Am 18.2. zitierte er in einer Rede über Ehre in der Politik im Zuge des Wahlkampfs zur Präsidentenwahl ein Gedicht des Kollaborateurs und Antisemiten Robert Brasillach. Von ihm stammt der Satz: „Man muß sich von den Juden im ganzen trennen und die Kinder nicht auslassen.“
Im Gespräch mit Journalisten sagte Monsieur Le Pen: „Ich habe ja auch mehrmals den Martiniquaner Aimé Césaire zitiert.“
Auch Putin liebt die Dichtung. Ulrich Heyden schreibt in Telepolis:
Auf einer martialischen Wahlkampfveranstaltung beschwor Putin den Sieg bei den Präsidentschaftswahlen am 4. März
Von der Wortwahl hätte man denken können, in Russland tobten Bürgerkrieg und ausländische Intervention. Doch es war nur ein Wahlkampfauftritt von Wladimir Putin. Auf einer Großveranstaltung im Moskauer Sport-Stadion Luschniki zitierte Putin gestern vor etwa 100.000 Menschen den russischen Schriftsteller Michail Lermontow, der in einem Gedicht [hier englisch] beschreibt, wie die russischen Soldaten 1812 vor der Schlacht von Borodino den Eid auf das Vaterland leisteten und „davon träumten, für die Heimat zu sterben“. Damals ging es gegen die Armee Napoleons. Heute geht es gegen diejenigen, so Putin, die sich „in unsere Angelegenheiten einmischen“.
Und auch unser Gauck, den ich mit keinem dieser beiden vergleichen will, zitiert in Bayern vor seinen erschreckten Zuhörern ein Gedicht auf Stalin, das er in den 50er Jahren auswendiglernen mußte und immer noch kann. (Hat er ihnen auch gesagt, daß der Autor aus Bayern stammte?). Hier zwei der Strophen eines Gedichts von Johannes R. Becher:
Dort wirst du, Stalin, stehn, in voller Blüte
Der Apfelbäume an dem Bodensee,
Und durch den Schwarzwald wandert seine Güte,
Und winkt zu sich heran ein scheues Reh.
Mit Marx und Engels geht er durch Stralsund,
Bei Rostock überprüft er die Traktoren,
Und über einen dunklen Wiesengrund
Blickt in die Weite er, wie traumverloren.
Unter dem Motto „Der siebte Engel ist ganz anders“ präsentieren Pawel Krzak aus Krakau und der Büdinger Gitarrist Ekaterine Davitashvili polnische Lyrik von Paul Celan bis Wislawa Szymborska. / Gelnhäuser Tageblatt
Vgl. auch L&Poe 59. Rückblende Juni 2001: Nicht jeder mag Berlin:
Ebenfalls in Berlin zeigt eine Ausstellung in der Stiftung “neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum” Leben und Werk des Dichters Jakob van Hoddis. (Was hier gezeigt werde, fragt eine Besucherin im Eingang. Irgendein russsischer Dichter, sagt einer vom Personal. Der andere durchwühlt meine Tasche wie am Flughafen.).
In seinem sechsten Gedichtband baut Christian Lehnert seine mystischen Klang-Kathedralen zu wohnlichen Gebets-Hütten um. … Lehnerts „Aufkommender Atem“ bewegt sich in melodiösen Rhythmen um die Themen Anfang und Ende, Wahrheit und Gott.
Christian Lehnert: Aufkommender Atem. Suhrkamp, Berlin. 99 S., 19,90 Euro.
Volker Sielaff nähert sich den großen Fragen behutsam: „Jemand sollte jeder Theorie mistrauen, die nicht / aus einem Flüstern kommt, aus einem Knistern.“ In diesen Versen knistert es intensiv: Alle sind Expeditionen ins Ungewisse. Silbe für Silbe tastet sich Sielaff voran – an Wörter wie „Seele“ zum Beispiel, „die einem nie ganz aufgehen“.
Volker Sielaff: Selbstporträt mit Zwerg. Luxbooks, Wiesbaden. 120 S., 22 Euro.
Im Unsichtbaren sind wir aufgehoben“, endet eines der frühen Gedichte der Tanja Dückers. Dennoch gehört die 1968 geborene Autorin nicht zu den religiös oder philosophisch orientierten Poeten. Schon ihren ersten Lyrikband „Luftpost“ (2001) schickte sie nicht in den Äther, sondern in Straßen zwischen Berlin und Barcelona. Fliegen, Atmen und Gehen hieß schon damals Nicht-Einverstanden-Sein mit der gesellschaftlichen Realität.
Tanja Dückers: Fundbüros und Verstecke. Schöffling & Co., Frankfurt/M. 104 S., 18,95 Euro.
/ Dorothea von Törne, Die Welt 25.2.
José Kozers Prolog ist eine angemessene Einleitung in diese atemberaubende Serie von 64 Gedichten, die alle den gleichen Titel tragen: „Ein sechzigjähriger Mann schreibt ein Gedicht und nennt es Anima. Tage später schreibt er eins in ähnlichem Ton und nennt es Anima, da bemerkt er, daß er eine Serie von Gedichten angefangen hat, die alle den gleichen Titel haben müssen.“ …
In der spanischsprechenden Welt gilt Kozer seit langem als einer der größten kubanischen Dichter seiner Generation. Er veröffebtlichte 52 Bände Lyrik und Prosa und ist der erste lebende Dichter der Diaspora, von dem ein Buch in Kuba veröffentlicht wurde.
Die Schwerverständlichkeit der Gedichte sollte den Leser nicht irritieren. Für Kozer ist schwierige Lyrik anregend: das Gedicht muß für Komplexität offen sein und flexibel genug, sie auch zu artikulieren. Statt einer klar ablesbaren Botschaft ist es ein poetischer Vorgang oder eine Reise durch verschiedene Materialien. Dies bildet die Erfahrung der Anima. Gestatte dir nicht, diese Gedichte für abstrakte symbolistische Sendschreiben zu halten; sie suchen nur die klarsten Details der Bewegung und Unmittelbarkeit der Welt:
Vermeide Aphorismen, Kozer: jedes allgemeine Gesetzt widerspricht sich selbst.
Glück ist Luft Olivenbäume blühendes Zuckerrohr (der Anblick)
Tabak in Blüten (rauch nicht)
iß einmal am Tag.
/ Stuart Cooke, The Australian
Anima
By Jose Kozer
Translated by Peter Boyle
Shearsman Books, 268pp, $35
Am 25. Februar 2012 findet um 19 Uhr in der Technischen Universität Berlin der Vorentscheid der Deutsch-Türkischen Kulturolympiade statt. Parallel werden auch in den anderen deutschen Bundesländern Vorentscheide ausgetragen.
In den Disziplinen Lieder, Volkstänze, Gedichte und Erzählung sowie Theater und Aufführung treten Schülerinnen und Schüler deutscher und nichtdeutscher Herkunft gegeneinander an, um sich für die Deutschland Preisverleihung am 29. April in Frankfurt zu qualifizieren. / berlin.business-on.de
Zum dritten Mal vergibt das Stuttgarter Schriftstellerhaus einen Förderpreis Lyrik aus dem Kreis der BewerberInnen für ein Stipendium, dank der finanziellen Unterstützung durch den VS Baden- Württemberg. Ausgezeichnet wird der österreichische Lyriker, Essayist, Musiker und Prosaautor Christoph W. Bauer für den Zyklus „getaktet in herzstärkender fremde“. Bauer, geboren 1968 in Kolbnitz/Kärnten, wuchs in Osttirol auf, lebt derzeit in Innsbruck. Sein letzter Lyrikband „mein lieben mein hassen mein mittendrin du“ erschien 2011 im Haymon Verlag, Innsbruck.
Die Laudatio hält Signe Sellke, 2. Vorsitzende des Vereins Stuttgarter Schriftstellerhaus.
Kanalstraße 4 · 70182 Stuttgart
Gern hätte er eigenhändig den Blutdruck von Goethe und Hölderlin gemessen und in Erfahrung gebracht, «ob sie pyknisch waren u. zur Dicke neigten, ob sie Durst hatten, ob sie Bier oder Wein tranken, ob sie gut schliefen». Es war nicht vorrangig ein medizinisches, sondern poetisches Interesse, das Dr. Gottfried Benn von solchen Dichter-Untersuchungen träumen liess. «Le style c’est le corps», schrieb er 1930 in seinem Essay «Genie und Gesundheit», die Kunst – heisst das – verdankt sich dem Körper. …
Man hat Benns Essays der frühen dreissiger Jahre häufig als Bekenntnis zu einem kruden Irrationalismus gedeutet, der ihn folgerichtig 1933 zum Parteigänger der Nazis werden liess. So geradlinig verlief sein Weg ins Unheil aber nicht, wie eine neue, voluminöse Studie von Marcus Hahn über Benns Verhältnis zu den Wissenschaften zeigt. Zeitlebens blieb Gottfried Benn, der wütende Kritiker der modernen wissenschaftlich-technischen Zivilisation, den Naturwissenschaften verfallen. Zum Lyriker, der aus medizinischem Fachvokabular berauschende Klanggebilde zauberte, gehörte der Essayist, der mithilfe psychiatrischer Forschung die Unantastbarkeit der Poesie beweisen wollte. Benns Essays von 1930 stützen sich – bis hin zum schamlosen Abschreiben – auf die Typen- und Konstitutionslehre von Ernst Kretschmer («Geniale Menschen», 1927) und Wilhelm Lange-Eichbaum («Genie, Irrsinn und Ruhm», 1929). Es handelt sich um Bücher, die heute unfreiwillig komisch wirken, damals aber Standardwerke der Psychiatrie waren.
Die physischen und psychischen Defekte, die Lange-Eichbaum nahezu allen Künstlern attestiert, werden für Benn zu Ehrenmalen, Ausweisen ihrer Unbelangbarkeit. / Manfred Koch, Neue Zürcher Zeitung 21.2.
Marcus Hahn: Gottfried Benn und das Wissen der Moderne. Bd. 1: 1905–1920; Bd. 2: 1921–1930. Wallstein-Verlag, Göttingen 2011. Zus. 839 S., Fr. 129.–. Holger Hof: Gottfried Benn. Der Mann ohne Gedächtnis. Eine Biografie. Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 2011. 537 S., Fr. 41.90.
Der Band füllt dabei auch bedeutende Lücken der Literaturgeschichte auf: Andreas Gryphius reiste 1638, ein Jahr nach dem ‚Tulpenkrach‚, dem ersten Börsencrash der Weltgeschichte, nach Leiden, wo er das rechtliche und finanzielle Chaos der Folgezeit erlebte. Bereits 1614 hatte Roemer Visscher die Tulpenliebhaber und Spekulanten in seinen Sinnepoppen vergeblich gewarnt: Een dwaes en zijn gelt zijn haest ghescheijden („Ein Narr und sein Geld sind eilends geschieden.“). Reinecke hat jetzt endlich das Gryphius-Sonett nachgereicht, das der Meister selbst nie schrieb. Und einen originellen Kommentar zur aktuellen Finanzkrise gedichtet. / Peter Holland, de buurkamer
„Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst“ von Bertram Reinecke
roughbooks
Soeben bei literaturwerkstatt berlin gefunden:
23.02.2012
Wir trauern um Wolfgang Schlenker
Wie wir erst jetzt erfuhren, ist der Dichter und Übersetzer Wolfgang Schlenker bereits im September 2011 in Müncheberg aus dem Leben geschieden. Wolfgang Schlenker wurde 1964 in Nürnberg geboren, verfasste Gedichte und übersetzte aus dem Englischen und Italienischen, u.a. Werke von Gesualdo Bufalino, Emily Dickinson, Silvia Plath und Anne Sexton. Zu seinen Werken gehören „Das verwaiste Land“ (Remppis Verlag 1993) „Herr Heute“ (Ritter Verlag 1998) und „Nachtwächters Morgen“ (Urs Engeler Editor, 2000).
Er gewann den 1. open mike der Literaturwerkstatt Berlin (1993) und war u.a. mit dem Alfred-Döblin-Stipendium der Akademie der Künste Berlin ausgezeichnet. Zuletzt engagierte sich Wolfgang Schlenker bei dem Schreibprojekt Kinderstraße e.V.
Warum ist Eckard Sinzig nicht halb so berühmt wie andere Dichter, trotz viermal größerem Wortschatz und Themenradius, wirklichem Lebensdrama sowie Wunderkindstatus? Sieben Gedichte von E.S., mit einer Einleitung von Ulrich Holbein. in der eben erschienen Ausgabe karawa.net 003
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