Bei lyrikkritik.de (Rubrik Rezensionen) bespricht Dirk Uwe Hansen Bertram Reineckes „Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst“ (via roughbooks), Auszug:
Als Bertram Reinecke vor wenigen Monaten den Schlusszyklus des Bandes „Weg über die Fußgängerbrücke bei Nacht“ in Greifswald vortrug, ertappte ich mich dabei, wie ich bei dem Vers „Auf steigt der Strahl und fallend gießt“ in die Runde schaute und befürchtete, unseren C.F. Meyer milde abgenickt werden zu sehen. Denn wie das Cento die Gefahr mit sich bringt, den Dichter zum cleveren Kombinierer zu degradieren, so kann es auch den Zuhörer/Leser zum besserwisserischen Bildungsbürger machen, der seine Klassiker gediegen gebunden auf den Regalen in seinem holzgetäfelten Schädel zur Verfügung stehen hat. Dass ich durch das Lesen von Centos in ein solches Monster verwandelt werden könnte, war meine größte Angst, und all denen, die diese Angst teilen, sei die Lektüre des Sleutels ganz besonders empfohlen. Nirgendwo findet hier ein Abnicken von Klassikern statt; zu vielfältig sind die Quellen, zu groß Reineckes Konsequenz im Vermeiden von Kunststückchen. Man betrachte nur „Es hört auf hell zu sein“ (12) oder „Die Liebenden sind blaß und zart wie Schaum“/„Des Wassers Klarheit wird ihnen entstreben“ (30/31) und die dazugehörigen Anmerkungen. Ein normales Bildungsbürgerrepertoire reicht hier nicht aus, um die Montage der Gedichte nachzuvollziehen, und so verweist Reinecke den Leser nicht nur auf die eigene Bibliothek (das auch (81): er „lese Luther nach!“), sondern gleich auf digitalisierte Quellen (79). Manches Mal mag die Quelle sich auch dem Zugriff entziehen. „Weiter nichts als eine schnarrende Murki (Fragment)“ (18) ist ein solcher Fall, in dem der Leser lieber die eigene Vorstellung bemüht, als die einzelnen Quellen zu recherchieren. Dass es sich bei diesen Quellen um „verschiedene Listen“ handelt, erfährt man aus den Anmerkungen (79), und der Zusammenstoß der Textsorten Fragment und Liste hat Witz, ohne witzig zu sein.
Sieht man dem Fragment von der schnarrenden Murki schnell an, dass es aus verschiedenen Komponenten zusammengesetzt ist, wirken andere Gedichte mehr „wie aus einem Guss“, so die Zusammenstellung aus Formulierungen der Paulusbriefe (20), die eine geschlossene Oberfläche vorgaukelt und daraus ihre Wirkung zieht, oder die Sonette aus Danteversen. „Für Archäologen“ (28) ist ein Gedicht, das schon in Reineckes Band „Engel oder Pixel“ (Schock Edition, Berlin 2012) zu lesen war, dort aber ohne Angaben zur Montagetechnik. Im Sleutel erweist es sich dann als Montage aus Sätzen aus S. Trojans „Um uns arm zu machen“. In beiden Fällen funktioniert es gut.
Fátima Miranda ist eine stimmliche Unmöglichkeit, eine klangliche Abnormalität, eine Außerirdische des Gesangs. Auf dem poesiefestival berlin präsentiert sie am 7.6.2012 zum ersten Mal in Deutschland ihr neues Programm „perVERSIONS“.
Sie entführt altbekannte Evergreens in die unendlichen Weiten ihres klanglichen Universums, moduliert sie, dreht sie durch ihren lautpoetischen Transformator und schickt sie zurück auf die Erde. Das Konzert ist in sieben Atmosphären strukturiert, die jeweils aus 3-4 Liedern bestehen. Vertraute, innige Stimmungen wechseln sich ab mit extrovertierten Songs voll kosmischer Klarheit, groteskem Humor und abgründiger Brillanz. Lou Reeds „Walk on the Wild Side“ singt Miranda im Bellcanto mit Tröte, Schubert-Lieder werden zu Walgesang – Fátima Miranda ist ein Gesamtkunstwerk
Mit auf der Bühne ist der Pianisten Miguel Ángel Alonso Mirón. Das Piano ist bei „perVERSIONS“ keine Begleitung der Stimme, sondern ein multi-klangliches Instrument und der Pianist ist Teil der Performance.
Die in Madrid lebende Vokalperformerin Fátima Miranda hat sich ein hochvirtuoses Repertoire an stimmlichen Techniken und darstellerischen Mitteln erarbeitet, die ihren Soloperformances ein unverwechselbares Gesicht geben und in vielen Zügen einzigartig sind. Miranda benutzt ihre Stimme nicht nur zum Sprechen und Singen, sondern auch wie ein Perkussions- und Blasinstrument, kombiniert östliche, westliche und selbsterfundene Gesangstechniken und verfügt über einen Stimmumfang von vier Oktaven. In ihren multimedialen Auftritten zeigen sich spanisches Erbe und Temperament sowie die Neigung zu grotesker Übertreibung und ironischer Brechung.
Das 13. poesiefestival berlin findet statt vom 1. – 9.6.2012 in der Akademie der Künste, Hanseatenweg 10. Weitere Informationen unter: www.literaturwerkstatt.org
Das poesiefestival berlin wird gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds und findet statt in Kooperation mit der Akademie der Künste.
Do 7.6.2012, 20.00 Uhr
Fátima Miranda: perVERSIONS
Akademie der Künste,
Hanseatenweg 10, 10557 Berlin
Emily Dickinsons Leben findet in der Sprache statt. In ihren Gedichten evoziert die Weltverlorene die Welt – irgendwann trägt die Amerikanerin nur noch weiß und verlässt das Zimmer nicht mehr. ‚I wish I were a Hay‘ heißt die Schlusszeile des fünfstrophigen Gedichts ‚The Grass so little has to do‘. Wie Heu die Tage in der Scheune zu verdämmern, ist der Wunsch des lyrischen Ichs. …
‚I wish I were a Hay‘, die jüngste Tanzperformance des Choreographen Stefan Dreher, setzt sich mit dem Naturgedicht auseinander, ist getanzte Lyrik. / Florian Welle, Süddeutsche Zeitung
Die Literaturwerkstatt Berlin wird neuer Partner von Litradio, dem Webradio des Studiengangs Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Von nun an sollen in regelmäßigen Abständen Veranstaltungsmitschnitte der Literaturwerkstatt als Audiostream auf litradio.net veröffentlicht werden. Den Anfang machen, am 5. März 2012, zwölf Poesiegespräche. Der Lyriker und Literaturkritiker Nico Bleutge erkundet hier in Lesung und Diskussion mit namhaften Autoren, u. a. Elke Erb, Manfred Peter Hein, Christian Steinbacher, Lutz Seiler und Marion Poschmann, deren Schreibwerkstätten und die Konzepte ihres Dichtens. Zum Start der Kooperation wird die gesamte Veranstaltungsreihe auf litradio.net publiziert.
NEUES G&GN-INSTITUT 2012 (ELLER SÜDSATIRE) / E.O.Friedell (1898-1993) war kein allzu bekannter Dichter seiner Zeit. Sein Gedicht „WHEN THE MOON CAME DOWN TO EARTH“ vom 20.7.1969 anläßlich der ersten bemannten Mondlandung wurde von Tom de Toys unter dem Titel „ODE(M) DER OFFENBAR(T)EN (MONDÄNES ERWACHEN)“ zum 40-jährigen Jubiläum für die Lyrikzeitung übersetzt (siehe Ticker Nr.55 vom 20.7.09). Jetzt fand De Toys in der neuseeländischen Beat-Anthologie „HOW! FAR! RUNS! POETRY!“ (antiquarische Originalausgabe von 1967 in der Edition „Five-In-No-Jeep“) ein Kurzgedicht von Friedell, das 3 Jahre früher entstand und dessen Poetologie auf den Punkt bringt. Die Versuchung einer Übersetzung war zu groß, um ihr zu widerstehen, aber das Stakkato der Reime erschwerte einen kongenialen Wortlaut. Das G&GN-Institut erwarb eine umfassende Lizenz für das englische Original, so daß es auf bunt bedruckten Tshirts (www.PoemToGo.de) der hauseigenen Trademark „Poemie“ (www.PoemieXL.de) in Massenproduktion gehen kann. Hier für die Lyrikzeitung exklusiv BEIDE Versionen zum Vergleich (Kritik und Verbesserungsvorschläge der Übersetzung erwünscht!):
Ernest Otto Friedell, 3.3.1966 © POEMiE™
RESISTANT RESISTANCE
(A CUP OF POETRY TO RUN & BITE)
i like to share my thoughts
because they are no lords
in those i believe
shall be my teeth
to read some truth
standing on the roof
where stars are hit
i feel spirit
flowing in poetry
no rules to flee
no fools for tea
we run away
and bite the ray
of light in brains
to overcome
the normal pains
Übersetzung vom 4.3.2012 © POEMiE™
(translated by Tom de Toys)
RESISTENTES GEGENGIFT
(EINE TASSE DICHTUNG ZUM WEGÄTZEN)
ich teile meine gedanken gern
denn sie sind keine adligen herrn
nur jene denen ich glaube
und darum meinem gebiss erlaube
so einiges an wahrheit zu verstehen
während wir auf diesem dach stehen
wo sich die sterne berühren
kann ich das geistige spüren
wie es die dichtung durchzieht
dabei keinem regelwerk flieht
nur vor der teestunde von trotteln
rennen wir weg
und brennen den
lichtschweif ins gehirn
um die normalen
sorgen zu verliern
HINTERGRUNDRAUSCHEN:
https://lyrikzeitung.com/2009/07/20/55-mond-ane-zitate-zum-landungsjubilaum/
ORIGINALQUELLE DER LIZENSIERTEN DEUTSCHEN ERSTVERÖFFENTLICHUNG:
http://poemie.jimdo.com/pseudonyme/ernest-otto-friedell/resistant-resistance/
Im Streichquartett „Psalm“ ließ sich Mishory von drei Paul-Celan-Gedichten inspirieren: „Auge der Zeit / das titelgebende „Psalm“ / „Sandvolk“. Für die Streicher reizt Mishory alle Möglichkeiten radikaler Klangentfaltung aus, um Celans Lyrik, dieser apokalyptischen Sinnsuche auf die Spur zu kommen: vom Geräusch zur melodisch gesättigten Vokalise, vom gläsernen Flageolett-Ton bis zum scharf geschliffenen Ausbruch. / Manfred Engelhardt, Augsburger Allgemeine
Gilead Mishory „Psalm“ for String Quartet after Paul Celan. „Fugitive pieces“, Cycle for Piano after Anne Michaels. „Psalm“ for Violoncello and Piano. Auritus-Quartett; Gilead Mishory (Piano); Julius Berger (Violoncello). NEOS Music. 11022.
Die stärksten Erlebnisse sind vielleicht jene, in denen Unzusammenhängendes so schroff nebeneinander steht wie im Gedicht „En Ego*“, ebenfalls von Jakob van Hoddis. Es beginnt mit dem Satz: „Wir baun die Welt aus den Unendlichkeiten.“ Das Ende lautet lakonisch: „Und dazu ass er Bierwurscht mit Salat.“ / Andreas Rosenfelder, Die Welt
Überall blühen Frühlingsblumen und wuchern zugleich Metastasen, stehen ornamentale Blütenranken neben streuenden Lungenkarzinomen. Auch wenn sich das, was kommen sollte, niemand vorzustellen vermochte, drängte das Bild vom drohenden Weltende in die Kunst – um mit dem Kriegsausbruch dann von der Wirklichkeit so grausam überholt zu werden. / Sandra Kegel, FAZ
„1912 – Ein Jahr im Archiv“ ist im Deutschen Literaturarchiv Marbach bis 26. August zu sehen. Das dazugehörige „Marbacher Magazin“ kostet 15 Euro.
*) Entweder Tippfehler für Ein Ego oder Kombination aus griechisch En = ein und lateinisch ego = ich [so die Ausgabe Dichtungen und Briefe, Wallstein 2007], oder nach dem lateinischen Gebet:
Nach dem Kommunionempfang, sei es durch die eucharistische oder geistliche Kommunion, gewährt unsere Mutter Kirche einen vollkommenem Ablass demjenigen Christgläubigen: „der… an einem beliebigen Freitag der Fastenzeit das Gebet En ego, O bone et dulcissime Iesu (Siehe, o guter und lieber Jesus) vor dem Bild des Gekreuzigten Jesus Christus nach der Kommunion andächtig betet. hier
Der Band enthält eine Auswahl aus Shiv K. Kumars neun Gedichtbänden aus vier Jahrzehnten. Immer wiederkehrende Themen sind unter anderem Tempel, Hurenhäuser, Liebe, Sex, Familie, Straßen und Städte. Das Gedicht „Ein indischer Mangoverkäufer“ ist typisch für Shiv Kumar.
„Durch die Schlitze ihrer geflickten Bluse eine nackte Schulter, zwei weiße Monde werfen jedes Pferd aus der Bahn/ Die argwöhnischen Augen jenes alten Mannes – träge Vögel, pickend an ihren Mangonippeln.“
Seine besten Gedichte werfen einen um, sind wild und ungeschliffen. / Gopikrishnan Kottoor, The Hindu 3.3.
Which Of My selves Do You Wish To Speak To? Selected Poems, Shiv K. Kumar, Penguin India.
Die Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz hat die Cismaraner Autorin Doris Runge in ihre Reihen aufgenommen. …
Die mal herbe, mal anmutige Schlichtheit der sie umgebenden Natur, die bewusst reduzierte Einrichtung ihrer Räume im „Weissen Haus“ – sie scheinen in Wechselwirkung mit dem Stil zu stehen, der vor allem das lyrische Werk Runges prägt: das Verdichten von Sprache, die Reduktion auf das absolut Notwendige. „Lyrik schreiben heißt, die Geschwätzigkeit abzubauen“, hat sie selbst einmal gesagt. Einzelne Worte kommen wieder und wieder auf den Prüfstand: „Hat das Wort noch Feuer, taugt es zur Alchemie – oder ist es sinnentleert?“ / Thomas Klatt, Lübecker Nachrichten
Vor 100 Jahre wurde Antonia Pozzi in Mailand geboren, die sich 1938 im Alter von nur 26 Jahren das Leben nahm. Mit Lesungen, kleinen Ausstellungen und einer dramatischen Bearbeitung ihrer Texte feierte das Teatro Parenti die Lyrikerin, die zu Unrecht jahrzehntelang kaum beachtet worden war (auf Deutsch liegt eine Auswahl ihrer Gedicht im Wallstein Verlag vor). / HENNING KLÜVER, Nachrichten aus Mailand, Süddeutsche Zeitung 25.2.
Lyrix – Lies mein Lied. 33 1/2 Wahrheiten über deutschsprachige Songtexte
Jenseits von Kracht: Was haben Rock und Pop mit Literatur zu tun? Es lesen Martin Betz, Tom Franke, Martin Jankowski und Bernhard Lassahn – Kai-Uwe Kohlschmidt (Sandow) und DJ Rex Joswig (Herbst in Peking) machen Musik.
Freitag, 2. März, 20 Uhr, Grüner Salon
(in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz)
Einlass ab 19 Uhr, Eintritt 7,- Euro.
HIER der Trailer.
Herzliche Einladung!!
—
Berliner Literarische Aktion e.V.
Kastanienallee 2
D – 10435 Berlin
Daniela Seel ist eine der angesagtesten deutschen Dichterinnen der Gegenwart. In Idstein liest sie aus ihrem Buch „ich kann diese stelle nicht wiederfinden“.
Schreibt die Allgemeine Zeitung, und ich füge hinzu: In Greifswald gewann sie gestern den Publikumspreis (Greifswalder Jury) gegen starke Konkurrenz.
Florian Voß startet einen oder ein Blog:
der plan ist, wieder richtig tagebuch zu führen, und zwar ohne rumgejammer – denn so haben meine früheren tagebücher immer ausgeschaut. ich betrachte das blog schon als richtiges literarisches projekt.
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