113. Fräuleinwunder

Sind „die Täler gefüllt mit Dorffesten“, wird „der Teich am Schilf gepackt“ und „das Altlaub in den Bäumen vergessen“ – dann hat man es mit Bildern aus Gedichten von Nora Bossong zu tun. Für ihren jüngsten Band „Sommer vor den Mauern“ wurde sie soeben mit einer der für Lyriker bedeutsamsten Auszeichnungen, dem Peter-Huchel-Preis, geadelt.

Zum Abschluss des Festivals „LiteraPur 12“ stellte sie den Band am Freitag in Eichstätt in einer Lesung im Kapuziner-Bau der Uni vor.

Das Literatur-Festival, maßgeblich von Michael Kleinherne und Christopher Knoll, beschäftigt am Lehrstuhl für Didaktik der Deutschen Sprache und Literatur, organisiert, bot eine Woche lang eine Art „literarisches Fräuleinwunder“ der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur: Bossong bildete den Abschluss und Höhepunkt einer Reihe, die auch Lesungen der Autorinnen Stefanie Sourlier, Donata Rigg und Franziska Gerstenberg und einen Poetry Slam mit Pauline Füg umfasst hatte. / Donaukurier

112. Tristan

Alexander Rudolph ist Simian Keiser ist Tristan Marquardt. Drei Namen, zwei Pseudonyme. Der 24-Jährige Alexander schreibt gerade seine Doktorarbeit, nebenbei legt er als Simian Platten auf, schreibt als Tristan einen Lyrikband und versucht in München einen Platz für junge Schreibende zu schaffen.

Drei Namen. Es sind drei Namen, die sich hinter Alexander Rudolph verbergen. Unter diesem, seinem richtigen Namen begegnet man ihm in München an der Universität, wo er als wissenschaftlicher Mitarbeiter Geld verdient und seine Doktorarbeit schreibt. Ist er Tristan Marquardt, findet man ihn in Berlin auf Lyriklesungen, verwendet er sein
Pseudonym Simian Keiser, legt er in Zürich oder Berlin auf Partys auf. Trifft man ebendiesen jungen Mann in einem kleinen Café in der Nähe der Münchner Universität, ist schnell klar, über welchen dieser drei Bereiche er sprechen möchte: die Lyrik. Und damit steht auch der Name fest, mit dem er angesprochen wird: Tristan Marquardt.

Es ist ein Pseudonym, das sich der 24-jährige Lyriker vor zwei Jahren gegeben hat, der in seiner Berliner Studienzeit den Lyrikkreis G 13 mitgründete und der bereits beim Internationalen Poesiefestival in Berlin lesen durfte. Mittlerweile ist er in München angekommen, arbeitet hier an seinem ersten eigenen Lyrikband und organisiert nun auch in seiner neuen Heimat eine Lesereihe für Lyriker. Im Einstein Kulturzentrum soll sie in diesem Sommer beginnen und München damit einen Ort geben, wo junge Lyriker zusammentreffen. / Marie Schoeß, Süddeutsche

111. Gedichtschwemme

Soviel (Gegenwarts-)Lyrik war nie bei den 99,977 % des Publikums, deren Lyrikkonsum mit Schulschluß aufhörte. Da ist schon wieder eins. Die taz bringt heute ein Grassgedicht zum Thema Urheberrecht. Als Ghostwriter fungierte der Berliner „Heimatdichter“ (taz) Uli Hannemann, und macht er seine Sache schlecht? Nein!

Er stellt sich in die europäische Tradition aufgeklärter Streitbarkeit, die von den großen Griechen über die Humanisten der Renaissance bis hin zum Bild-Kolumnisten Franz-Josef Wagner reicht. Gerade mit Letzterem verbindet Grass – inzwischen oft als „intellektueller Wagner“ gehandelt – das altersweise Intervenieren in die Zeitläufte. Die publizistische Frequenz trennt sie. Noch.

Ein wöchentlicher ARD-Talk mit Thilo Sarrazin, Arbeitstitel „Schnauzer der Woche“, ist geplant, weitere Poeme ebenso. Das zum Urheberrecht hat die taz veröffentlicht, nächste Themen: Schlecker, Eurovision Song Contest, Syrien. (das)

Auszug aus dem Gedicht:

Schlecht denkt, doch um so besser dünkt sich’s voller Drogen, den Blinker aufgeblendet auf der Datenautobahn:

Der Diebstahl unsrer Seele, unsres Weltenplans, der Diebstahl eines Gutes, das selbst uns nicht gehöre.

Dem Künstler neidig wie ein Jude, der saubere Christenmenschen sieht, so will er ihn zerstören.

Törichtei und Frevelmut in einer Welt voll leeren Komputergebrumms gebiert Kopie, Betrug, Betrugskopie.

Hinein das Poem in den Komputerkasten und tausendfach hinaus, Gorgonenhaupt, ich weiß nicht, wie das geht.

Das edle Dichterwort, geschändet von einer grölenden Meute Kartoffelchips nagender Hornbrillenträger.

Liegt wehrlos, nackt im Staub und wartet bange auf den nächsten Rotarmisten einer Fälschergeneration.

Manch mutiger Mann, Sven Regener, Charlotte Roche und Manuel Andrack, trat dem Pack entgegen.

Sprach „Halt“, „So nicht“ und „Nehmt uns nicht noch unser Geld, sonst leiden unsre Kinder Hunger!“

110. Gedichtroman

Das ganze Buch ist in Versen verfasst, es handelt sich tatsächlich um den Gedichtroman, den der Untertitel verspricht. So gut wie interpunktionslos dichtet sich Perros durch seine bisherige Vita – gerade einmal 41 Jahre alt war er, als er 1964 diese seine Memoiren verfasste. Die nimmt ihren Auftakt sogleich mit einem Scherz, aus dem sich schnell eine Programmatik herauskristallisiert: „Man sagte mir ich sei geboren / aber in so einem komischen Ton / (…) / kurz ich erwarte Bestätigung / dieses verdächtigen Ereignisses“. Die eigene Existenz als Gerücht, das sich noch bestätigen muss also; die nur sprachlich verbrieft ist und über die sich Perros nur mit poetischen Mitteln Gewissheit zu verschaffen meinte. In diesen Memoiren erhält die Sprache eine existenzielle Dimension von immenser Eindringlichkeit: „Ich schreibe dies alles als würde ich / morgen sterben und als schlüge die / Stunde niemanden mehr zu sehen“, heißt es an anderer Stelle, ein paar Verse darunter: „Nichts wir sind nichts als Glücksfälle / um zu benennen was niemals einen / Namen hätte haben sollen“. / Kristoffer Cornils, fixpoetry

Georges Perros: Luftschnappen war sein Beruf. Gedichtroman. Aus dem Französischen und mit einem Nachwort von Anne Weber. Matthes & Seitz Berlin 2012. 190 S. 22,90€.

109. Misik exklusiv auch in Günter-Grass-Versen

Und in Erwägung, dass wir politisch in der See der Belanglosigkeit treiben
Wie einst Odysseus im Mittleren Meer
Ist die Frage tatsächlich berechtigt ob nicht die Sprache der Alten
In unsere Debatten brächte Kultur

Der Dichter Grass jedenfalls Ihn wollen wir preisen
Für seine kommentierende Kunst
Ab nun soll erscheinen kein Kommentar ohne Verse
Keine Glosse ohne metrisches Maß

Mehr davon bei:

VIDEOCAST VON ROBERT MISIK – FOLGE 235

Der ruchlose Martin Graf auf Besuch bei einer alten Dame
Der Standard 28. Mai 2012, 21:11

Ein Schurkenstück – jetzt exklusiv auch in Günter-Grass-Versen!

(Video bis zum Ende anschauen!)

108. Gedankenfreiheit

Im FAZ-Blog erzählt Marina Weisband die kuriose Geschichte des Liedes „Die Gedanken sind frei“

107. Stolterfoht, der Listige

Der Lyrikvortrag als Leistungsschau, oder anders: Die Lyrik als Betrieb ist das Thema von Stolterfohts „Radioessay“, wie der produzierende Südwestrundfunk das Stück keck klassifiziert.

Stolterfoht, der Listige, nimmt die sportive Komponente des „Schauwettbewerb[s]“ beim Wort und prägt seinem „fiktiven Feature“ (Verlag) konsequent das Vokabular des Pferdesports, genauer: des Derby ein. „Stallwette“, „Distanz“, „Kommando“, „Zucht“, „Rekord“ – alles „ist am Start!“, um den Lyrikbetrieb karikierend kenntlich zu machen. Bereits der Titel, Anspielung auf das Deutsche Reiterabzeichen, deutet die rennpferdliche Sicht an, die die drei Sprecher einnehmen und mit einiger, launig daherkommender Maliziosität beibehalten.

Stolterfoht geizt nicht mit Sottisen („Am Hindernis ,Widmungsgedicht‘ scheute der Text ,Für Oskar Loerke’ und begrub seinen Verfasser unter sich“) und verteilt genüsslich leichte Schocks. „Der Decktext ,Militär’ im Deutschen Literaturarchiv Marbach“… – Seitenhieb vielleicht auf dessen Architektur, die anderen Vorbildern zu huldigen scheint als der Bonner Kanzlerbungalow?  …

Der „Lehrling“ muss mit der „Jurybeschaffenheit“ vertraut sein – ist es eine „tiefe“, ist es eine „glasharte“ Jury? Exkurse zu den Themen: „Kleines Lesungs- oder Wettbewerbsglossar“, „Lyrische Typen – zur Einführung“, „Ein Tag bei den Texten“, „Die Vielseitigkeitsdichtung“ (in Analogie zum Vielseitigkeitsreiten) bringen Aufklärung über alles, was der angehende Dichter wissen muss. Aber es ist alles gefakt, oder fast: Unter der Maskerade ist das Gemeinte gut zu erkennen. Das Gemeinte und die Gemeinten. / Meinolf Reul, Textem

Ulf Stolterfoht, Das deutsche Dichterabzeichen. Hörspiel. 56 Seiten, broschiert. Reinecke & Voß, Leipzig 2012. 8,00 Euro

Der Verlag Reinecke & Voß in Leipzig, bei dem Das deutsche Dichterabzeichen erschienen ist, wurde 2009 gegründet. Autorennamen wie Miron Bialoszewski ( http://reinecke-voss.de/cms/biaoloszewski.html ), Alexej Krutschonych ( http://reinecke-voss.de/cms/krutschonych.html ), Georg Hoprich ( http://reinecke-voss.de/cms/hoprich.html ) und Aloysius Bertrand, Verfasser des von Ravel in Musik gesetzten Gaspard de la Nuit ( http://reinecke-voss.de/cms/bertrand.html ) belegen das Interesse des Verlegers an der Geschichte der europäischen Moderne, die durch die Hintertür auch im vorliegenden Buch präsent ist. Hinter Wladimir und Velimir, „Stammväter“ des Lyrischen Typs „Wladimirer oder Windältester“, verbergen sich keine anderen als Wladimir Majakowskij und Welimir Chlebnikov. 

106. Auch leise Sensationen

Wer sicher ist in der Welt, schreibt keine Lyrik. Doch für die Wünschelrutengänger nach Wirklichkeit kann der Vers Intensität, also Sinn, also Erdung, bedeuten. Auf einmal schiesst eine banale Aussenwahrnehmung zusammen mit einer Empfindung: Irritation, Staunen, Erschrecken oder Einbruch von Schönheit, Glück. Solche Vorgänge sind, das wissen mit den alten Mystikern die modernen Poeten, äusserst flüchtige, ja blitzartige Erscheinungen und grenzen als Epiphanien an religiöse Erfahrung. …

Viele der Gedichte Sielaffs sind Zurufe an Kollegen (Robert Creeley, William C. Williams, Ezra Pound); wie Pinselstriche oder Überschreibungen evozieren Verse eine Leinwand Gauguins, eine Fotografie Ciurlionis, ein Feuerwerk von Cai Guo-Qiang.

Auch leise Sensationen sind sagbar. Volker Sielaffs Sprache bewahrt Augenblicksempfindungen, die ohne sie verloren gingen, nicht teilbar, nicht «real» wären. So führt eine Galerie der Tiere zur schönen Wirklichkeit der Eule («gleich einer Fellmütze über den Stamm gestülpt»), zum Kranich, diesem «Emblem im Flug», oder zu des Mauerseglers «Reuiger Herzschrift am Himmel». Wo, wenn nicht im Vers, erführen wir von den sich balgenden Füchsen und ihrer fremden Nähe: «Ein Beben vom See her // warf Sandkuhlen auf, verebbte / im Keuchatem ihrer Schnauzen lautlos / waren sie gekommen lautlos / stahlen sie sich wieder davon»? / Angelika Overath, Neue Zürcher Zeitung 26.5.

Volker Sielaff: Selbstporträt mit Zwerg. Gedichte. Christian-Lux-Verlag, Wiesbaden 2012. 102 S., Fr. 26.50.

105. Konstantin Wecker 65

Zu seinem 65. Geburtstag bringt Konstantin Wecker einen Band mit seinen gesammelten Gedichten heraus. «Jeder Augenblick ist ewig» heißt das Buch. Es könnte auch der programmatische Titel seines intensiven und alles andere als langweiligen Lebens sein.

Und der Gedichtband ist noch etwas anderes: ein Statement. «Ich glaube, von meinem ganzen Wesen her bin ich Lyriker. Alles dreht sich um das lyrische Ich», sagt Wecker im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa. Auch seine Lieder seien immer Lyrik gewesen. «Ich bin ja angetreten mit dem Wunsch, meine Gedichte zu vertonen und sie so besser an den Mann zu bringen als nur gesprochen.»

Den Weg zum Liedermacher fand er nicht – wie viele seiner Kollegen – über den amerikanischen Folk oder die französischen Chansons, sondern über die italienische Oper. Seine große Liebe zu Puccini ist bekannt. / Die Welt

Sie sind gekommen, um gegen die Beschneidung von Grundrechten zu protestieren. Sie halten das Grundgesetz in den Frankfurter Himmel, weil es ihrer Meinung nach mit Füßen getreten wird. Rund 500 Demonstranten haben sich am Donnerstag sich auf dem Platz vor der Frankfurter Paulskirche versammelt.

Unter ihnen auch der Liedermacher Konstantin Wecker. Im Rahmen der Blockupy-Protesttage wollte er eigentlich ein Konzert geben, doch auch diese Veranstaltung wurde verboten. Wecker ist empört: „Singen war nicht mal in der DDR verboten.“ / zdf.de

Mehr: Spiegel-InterviewSüdwestpresse / Konstantin Wecker wünscht sich mehr Aufbegehren / KONSTANTIN WECKER IN GRIECHENLAND

Jeder Augenblick ist ewig: Die Gedichte von Konstantin Wecker von Deutscher Taschenbuch Verlag (Taschenbuch – 1. Juni 2012) EUR 9,90

104. Benkels Aphorismen

Dank des Kurznachrichtendienstes Twitter ist der Aphorismus in Form des Mikroblogging eine auflebende Form. Bestand die Modernität des Aphorismus bisher in seiner Operativität, so entspricht diese literarische Form im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit der Denkgenauigkeit der Spätmoderne. Es ist sozusagen Twitteratur.

Holger Benkels »Gedanken, die um Ecken biegen« gehen jedoch weiter als der geschriebene Text; sie sind kein Ende, sondern ein Anfang. Sie versuchen, diesen kleinen Rest an Sprache etwas aufzuhellen, und wagen es seine Ränder verstehbar zu machen. Benkels Aphorismen folgen keinem linearen und systemischen Denken, sie entfalten sich vielmehr assoziativ und labyrinthisch.

Als gelernter Lyriker schreibt Benkel gleichsam in Zirkelbewegungen, auf die Momente zu, da etwas aufgeht. / Matthias Hagedorn, KuNo

103. Salzburger Stier für Eckenga

Kabarettforum Salzburger Stier 2012
Der Deutsche Preisträger: Fritz Eckenga, „Ein Wort liebt das andere“, Gestaltung: Doris Glaser

Fritz Eckenga ist ein wahrer Liebhaber der deutschen Sprache. Seine Spezialität sind absurd-komische Alltagsgeschichten, die er mitunter auch zu Lyrik verarbeitet.

Legendär ist Fritz Eckenga, Jahrgang 1955, eigentlich schon seit den 1970er Jahren. …

Der Dortmunder gilt als Meister des wohlklingenden Paarreims, den er gerne benutzt, um überraschend neue Zusammenhänge herzustellen. Er beherrscht virtuos die geschliffenen Wendungen der Regionalsprache. Seine Lebensklugheit erinnert an die Erich Kästners. Von vielen wird er als der einzige legitime Nachfolger Robert Gernhardts gehandelt. In Saarbrücken wurde er mit dem Salzburger Stier 2012 für Deutschland ausgezeichnet. / ORF

102. Journalisten als Geisel

Reporter ohne Grenzen verlangt von den iranischen Behörden unverzüglich Auskunft über das Schicksal von zwei jungen Autoren, von denen man seit ihrer Ankunft in Täbris am 2. Mai nichts mehr gehört hat. Nach Aussage von Rashad Majid, Chefredakteur der Zeitung 525, „wurden Farid Huseyn und Shahriyar Hajizade von acht Männern in Zivil festgenommen, als ihr Bus in der Stadt ankam“.

Die Organisation hält es für unstrittig, daß die beiden auf die Liste von Journalisten gehören, die in den diplomatischen Spannungen zwischen Iran und Aserbaidschan zur Geisel wurden.

Der junge Dichter Farid Huseyn arbeitet für die aserbaischanischen Zeitungen Kaspiy und 525. Shahriyar Hajizade ist ebenfalls Dichter und Journalist.

Die beiden wurden von Bahran Surgun nach Teheran eingeladen, um eine iranische Ausgabe von Schriften Farid Huseyns zu präsentieren. Auf der Rückreise wurden sie verhaftet.

Zwischen den Nachbarländern gibt es wachsende Spannungen wegen territorialer Ansprüche und unterschiedlicher geostrategischer Interessen im Zusammenhang mit dem Verlauf von Öl- und Gasleitungen. Teheran klagt Baku an, daß es die beträchtliche Aseriminderheit in Nordiran manipuliere, während Baku proiranische religiöse Kreise in Aserbaidshan beschuldigt, mit Teheran zusammenzuarbeiten.

Iran hält weiterhin den aserbaidschanischen Journalisten Said Matinpour gefangen und Aserbaidschan den Herausgeber der Website Islamazeri.az, Ramin Bayramov, und Anar Bayramli, der für iranische Medien arbeitet. Mehr

Reporters sans frontières
47, rue Vivienne
75002 Paris
France
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tél: +33 1 44 83 84 84
téléc: +33 1 45 23 11 51
@rsf_rwb

101. Wandelbare Elefanten

Hier stand ein Text von NN, den er eine halbe Stunde später zurückrief:

 „müssen wir leider zurücknehmen, gut, dass das im onlinegeschäft möglich ist.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/noch-n-gedicht-wo-waere-guenter-grass-ohne-griechenland-11764737.html

Im weiteren Fortgang

Literatur: Grass will Gedicht zu Griechenland nicht kommentieren
FOCUS Online – ‎26.5. 12:30
Literaturnobelpreisträger Günter Grass will sein neues Gedicht zu Europas Griechenland-Politik nicht weiter kommentieren. „Er möchte es nicht ergänzen“, sagte seine Sprecherin Hilke Osohling am Samstag der Nachrichtenagentur dpa.

Grass liest Gedicht „Europas Schande“
Autor/in: Grass, Günter  |  Sendedatum: 26.05.2012 13:40 Uhr NDR

Kommentar: „Grass lässt sich das Maul nicht verbieten“
26.05.2012 | 14:40 Uhr
Das Gedicht „Europas Schande“ stellt eine „aufregende künstlerische Intervention dar“, findet Stephan Lohr.
Audiobeitrag starten (02:28 min)

Günter Grass lässt Griechenland-Gedicht unkommentiert
Hamburger Abendblatt – ‎26.5. 16:30
Ruhe zu Pfingsten: Schriftsteller Günter Grass will zu seinem neuen politischen Gedicht nichts sagen. Auch Politiker hüllen sich in Schweigen. Lübeck/Berlin. Literaturnobelpreisträger Günter Grass (84) will sein neues Gedicht zu Europas 

„Europas Schande“: Grass will Griechenland-Gedicht nicht kommentieren
FOCUS Online – ‎26.5. 15:30
Das Gedicht von Günter Grass zu Europas Griechenland-Politik erhitzt die Gemüter sehr viel weniger als seine Verse zu Israel. Grass selbst will sich nach der Veröffentlichung von „Europas Schande“ auch nicht weiter dazu äußern.

Grass will zu Griechenland-Gedicht nichts sagen
Welt Online – ‎26.5. 15:30
Berlin/Lübeck (dapd). Der Schriftsteller Günter Grass will sich zu seinem neuen Gedicht über die Griechenland-Politik der EU nicht weiter äußern. Nach seiner Ansicht sei in dem Text alles zusammengefasst, was er dazu zu sagen habe, erklärte seine Sprecherin Hilke Ohsoling am Samstag auf dapd-Anfrage. Aus den Reihen der CDU musste sich der Literaturnobelpreisträger unterdessen harsche Kritik anhören.

Noch’n Gedicht Wo wäre Günter Grass ohne Griechenland?
FAZ – Frankfurter Allgemeine Zeitung – 26.5. 20:30
26.05.2012 · Ein paar Schlagwörter zu Griechenland, der Antike und Europa, verschrobene Sätze, unsinnige Genitivkonstruktionen – das Satiremagazin „Titanic“ hätte die Persiflage eines Grass-Gedichts auch nicht besser hinbekommen.

Mehr bei Google

 

 

100. Lyrikerkitsch (Ein Pirat antwortet dem Dichter)

Mein Freund ist der Michael Krüger. … Er hat sich bitter beklagt, dass ihr seine Bücher ins Netz stellt!

[Pause für eine Internetrecherche]

Nee, ich find ihn nicht. Da ist nichts von ihm im Netz, ganz bestimmt nicht! Der kann also wieder ruhig schlafen, dein Freund! Wir stellen ja auch nur rein, wo das Interesse da ist. Gedichte, nun ja … Er muss seine Sachen selbst posten, sonst wird das nichts mit der Copyrightverletzung. Wir nennen die Leute ‚Selbstlader‘. Da gibt’s durchaus ein paar, die das machen!

(…)

Sag mal, dein Freund, der Lyriker, hat der wirklich den Kopf ins Gras gelegt und bitterlich geweint? Oder ist das nur Lyrikerkitsch?

Da war im Biergarten, ja! Für solche Aktionen ist der immer wieder mal gut. Außerdem ist er nur eine Kneipenbekanntschaft, kein Freund! / Mehr

99. Uninformiert

In dem gleichen FAZ-Artikel versuchte Krüger seinem griechischen Freund „unsere Debatte um Urheberrechte zu erklären, die ich selbst kaum verstehe“. So seine Erklärung:

Hier wird, sagte ich schüchtern, gerade über das Verschwinden des Autors im Netz diskutiert. Eine kleine politische Gruppe, die sich Piraten nennt, hat der Gesellschaft eine Diskussion aufgezwungen, an der sich alle beteiligen müssen. Was im Netz steht, soll allen gehören, der Begriff „geistiges Eigentum“ wird abgeschafft, er sei „ekelhaft“. …

Und wer sind die Schurken? Die Schurken sind Verlage, die Bücher drucken, und Autoren, die sich einbilden, dafür ein Honorar verlangen zu dürfen. Wieder ein langes Schweigen.

Er: Also wirst du in Zukunft die von dir verlegten Bücher nicht mehr ins Netz stellen? Ich: Das geht leider nicht, weil wir und die Autoren auf das Geld für elektronische Bücher angewiesen sind. Und wenn wir die Bücher nicht ins Netz stellen, werden sie von Piraten ins Netz gestellt. Das Telefonat wurde langsam ungemütlich, auch weil ich mich zunehmend schämte, einem armen griechischen Schlucker die neuen Spielregeln des Netzes erklären zu müssen.

… Was sagen eigentlich die deutschen Buchhändler dazu?, kam es aus Athen. Ach, rief ich, die sind verzweifelt! Je mehr Menschen sich Texte herunterladen, desto heikler werden die Überlebenschancen für die Buchhandlungen. Manche behelfen sich schon mit Non-Book-Angeboten. Non-Book-Angebote?, kam es durch den Äther. Ja, Kerzenständer, Vasen, Geschenkartikel.

Erschrocken (oder vielmehr hoffnungsfroh) ging ich zur Homepage des Verlags. Vielleicht könnte ich einen  Gedichtband des Verlegers runterladen, um meine kleine Krügersammlung aufzustocken. Es gibt nur einen, von 1982, Respekt, immer noch lieferbar, Klick auf „Inhalt“ bringt nichts, aber auf „Warenkorb“ kann man klicken. Runterladen geht gar nicht. Worüber redest du eigentlich, Väterchen?

Gut, suchen wir nach Neuerscheinungen. Derek Walcott, Weiße Reiher, erschienen Februar 2012, will ich haben, aber wo? Lizenz erwerben wär möglich, aber wieso, braucht man jetzt eine Lizenz zum Gedichtelesen? Warenkorb geht auch hier, ich probiers, aber das mach ich nicht, dann geht es über DHL vom Verlag, und die deutschen Buchhändler gehn leer aus. Nein, das will ich nicht.

Haben die nichts zum Runterladen? Nicht maln kleinen Kerzenständer, gar nix?

Aber eBooks wird es doch geben? Ja, gibt es. 20 von 179 werden angezeigt:

ALEXANDER ACIMAN, EMMETT RENSIN
Twitteratur
Weltliteratur in 140 Zeichen

Interessiert mich zwar nicht, aber mal sehn. Klickt man darauf, kommt:

Fester Einband, 208 Seiten
Preis: 12.90

Wie, fester Einband? Nein, das ist garkein eBook, jetzt muß ich noch mal „ebook“ klicken, da kann mans bei Libri oder Thalia herunterladen? nein,  auch nicht, erst mal ordern. Es ist sogar billiger als gedruckt, 9,99 €, aber wieviele Seiten hat es denn? Das steht nicht dabei, da muß ich Herrn Krüger noch mal fragen. Herr Krüger, wieviel Seiten hat denn das ebook von Twitteratur? Nicht daß das ne Mogelpackung ist mit dem Billigpreis!

Ach was, ich muß mich mit einem Zitat aus der Scheiße retten. Da ist es. Volker Braun hilft. Volker Braun, was sagen Sie zur Debatte?

Na also, ist das nicht dummes Geschwätz?

Jaja, beeile ich mich, aber …   aber er ist gar nicht zu bremsen:

Und das wird gequasselt unterm stupiden Beifall des Auditoriums und sogleich mehrfach wiedergekaut. So schnell geht die Eskalation des Blödsinns.

(Volker Braun: Es genügt nicht die einfache Wahrheit. Notate. Leipzig: Reclam 1975, S. 65)

Und ich denke da, das waren noch Zeiten, als die Schriftsteller klare Worte fanden. Heute unterzeichnen sie zu zehntausend eine Petition, schon mal vorsorglich, bevor die Piraten die Macht übernehmen und ihnen ihre Villen im Tessin wegnehmen.