Veröffentlicht am 12. Juni 2012 von lyrikzeitung
Wenn man das Wort Gedicht lang genug auf Käsekuchen anwendet, kommt es als Überraschung zurück, wie hier, frei übersetzt: „Zwei Dichter des Wortes verzaubern ihr Publikum unterm Sternenzelt“.
Vénéjan. Deux poètes des mots enchantent leur public sous un ciel étoilé / Midi libre
Veröffentlicht am 12. Juni 2012 von lyrikzeitung
Noch ein Auszug aus Cornelius Wüllenkempers Festivalbilanz (Grass hat mit zwei schnell hingeschriebenen politischen Gedichten tatsächlich geschafft, was ihm zuletzt mit Gedichten nicht mehr gelang, er ist überall dabei):
Selbst bei der eigentlich spielerisch-unterhaltend programmierten Poet’s Corner, bei der Autoren an öffentlichen Orten in Berlin ihre Werke vortrugen, dichtet der deutsche Lyriker Hendrick Jackson in „Das Ende des falschen Propheten“ über den Tod von Osama Bin Ladin:
„Jemand liebt den Tod mehr als die Freiheit
Ein anderer liebt die Freiheit mehr als den Tod
Ein Dritter liebt Freiheit und Tod,
kann sich aber unter beidem nichts vorstellen …“
Beim Poesiefestival war in diesem Jahr vor allem eine junge Generation von Dichtern zu erleben, die, wie es die Britin Jen Hadfield ausdrückte, Lyrik weniger als programmfreie Sprachästhetik versteht, denn als politischen Akt, als die freieste und individuellste Ausdrucksform der persönlichen Weltwahrnehmung. So erklärten sich auch die Organisatoren der Literaturwerkstatt die durchweg große Resonanz beim Publikum damit, dass Lyrik – wie zuletzt bei Günter Grass – heute vor allem dann für Aufsehen sorgt, wenn es um die unmittelbare sprachliche Übersetzung der Weltgegenwart geht. / Cornelius Wüllenkemper, DLF
Veröffentlicht am 12. Juni 2012 von lyrikzeitung
Es ist das erste Lübecker Lyrik-Festival im Grass-Haus; am Donnerstag fand der zweite Abend statt; drei Schweizer AutorInnen reisten aus den Bergen extra für ihn ans Meer: Lea Gottheil, Ilma Rakusa und Christian Uetz. / Unser Lübeck
Veröffentlicht am 12. Juni 2012 von lyrikzeitung
Wochengedicht #10: Ulrike Draesner (kommentiert von Rudolf Bußmann) / Tages Woche
Veröffentlicht am 12. Juni 2012 von lyrikzeitung
Der Erde, so heißt es in Wulf Kirstens Gedicht „die erde bei Meißen“, schreibe er „beidhändig ins gästebuch“ einen „einsilbigen gruß“. Dieses Gedicht schrieb der 1934 in Klipphausen bei Meißen geborene Steinmetzsohn im Alter von dreißig Jahren. Das darin zum Ausdruck kommende Bewusstsein, nur Gast auf dieser Erde zu sein, hat sich bis in die Gedichte der jüngsten Zeit gehalten.
Eine Sammlung mit Gedichten aus den Jahren von 1954 bis 2004 trägt den Titel „erdlebenbilder“ und im „Stimmenschotter“ – so der Titel des 1993 erschienenen Gedichtbandes – sucht er nach dem verlässlichen und unverwechselbaren Ton. In der Sprache wendet er sich dem Erdreich zu und beide will er in seinen Gedichten kultivieren. Die dadurch entstehenden Sprachskulpturen, zeichnen sich durch einen außergewöhnlichen Reiz aus. Kirsten vermag Punkte in der Landschaft zu einer Linie zu verbinden, die dem Wort Schönheit einen Halt zu geben vermag.
… Diese Naturgedichte sind erdgebunden und weisen doch von der Landschaft immer wieder auch in gesellschaftliche Räume, in die Individuen von einer launischen Natur hineingestellt worden sind. / Michael Opitz, DLR
Wulf Kirsten: fliehende ansicht
Gedichte, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2012
80 Seiten, 16,95 Euro
Veröffentlicht am 12. Juni 2012 von lyrikzeitung
Seit die Zeit fleißig gegossen hat, geht die politische Dichtung blühenden Zeiten entgegen. Doch doch. Neustes Beispiel:
Es gibt mal wieder was Neues von Konstantin Neven DuMont: Der Sohn von Verleger Alfred Neven DuMont (u.a. Express, Frankfurter Rundschau, Berliner Zeitung) übt sich seit neuestem öffentlich in politischer Dichtkunst. Auf seinem Google+ und seinem Facebook-Profil hat er ein Gedicht in bester Günther-Grass-Manier gegen die Verschwendungssucht der herrschenden Klasse veröffentlicht. Auf Reime habe er “bewusst verzichtet” schreibt Konstantin Neven DuMont dazu.
Hier ein Auszug aus dem politischen Gedicht Konstantin Neven DuMonts.
“Die Armen bekommen Peanuts
damit sie ihre Klappe halten”.
Veröffentlicht am 11. Juni 2012 von lyrikzeitung
Abseits des poetisch-musikalischen Programms des diesjährigen Berliner Festivals standen Themen im Vordergrund, die in Dichterkreisen, wenn überhaupt, bisher gern als zweitrangig betrachtet wurden und mit denen der deutsche Moralpoet Günter Grass erst unlängst für Entrüstung und für Spott gesorgt hatte: unverhüllte politische, gesellschaftliche oder religiöse Gegenwartsfragen. Das Festival-Projekt renshi.eu griff die griechische Krise der EU, die Frage nach Politik, Markt und Solidarität auf. Dichter aus den 27 EU-Mitgliedsstaaten und dem assoziierten Kroatien hatten in Form des Renshi, eines japanischen Kettengedichts, Bilder von Europa versprachlicht.
Die 1980 in Litauen geborene Lyrikerin Gabrielė Labanauskaitė verglich in ihrem Renshi-Beitrag die europäischen Regierungschefs mit Vätern, die Wirtschaft mit Müttern, die Börsenkurse mit Schwestern, das Kapital mit Brüdern und die Presse mit Cousins. Am Ende kam Labanauskaitė zum ernüchternden Schluss, dass sie selbst schon lange Waise sei. / Cornelius Wüllenkemper, DLF
Veröffentlicht am 11. Juni 2012 von lyrikzeitung
Syrische Dichter und Aktivisten erinnern in Berlin an die Lyrikerikone Nizar Qabbani, kommentieren die politische Lage aber nur in Andeutungen
Eine bitterböse Abrechnung mit der Mentalität der Zeit begründete seinen Ruhm als populärster Dichter der arabischen Welt. Als Nizar Qabbani 1954 sein Gedicht „Brot, Haschisch und Mond“ veröffentlichte, war er im diplomatischen Dienst der syrischen Botschaft in London. Den Arabern, schrieb der 1923 in Damaskus Geborene darin, sei ihr Stolz abhandengekommen. Träge, faul und schwach würden sie sich ihrem Schicksal ergeben, anstatt es in die Hand zu nehmen. Ein „Orient, der die Geschichte ewig wiederkäut“ streife „all seine Würde und Lebenskraft ab“. In Fatalismus, Armut und Unwissenheit gefangen, flüchteten sich die Araber, so Qabbani, in Drogenrausch und Tagträume. …
Nach der Niederlage der arabischen Staaten gegen Israel 1967, als mit dem militärischen Totalausfall auch der vom ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser verkörperte arabische Nationalismus gründlich diskreditiert war, war es wiederum Nizar Qabbani, der mit seinen „Randbemerkungen im Heft der Niederlage“ die Schwäche der Araber hinter ihrer bombastischen Rhetorik entlarvte. Ein völlig an der Wirklichkeit vorbeigehendes Selbstbild attestierte Qabbani insbesondere den arabischen Führern.
/ Andreas Pflitsch, Tagesspiegel
Veröffentlicht am 10. Juni 2012 von lyrikzeitung
„Morgenstimmung“ heißt das Gedicht von Frank Wedekind, von dem man weiß, dass er alles erprobend praktizierte, was er besang.
Schreibt das Hamburger Abendblatt (Link ist nicht nötig, nur für Abonnenten, wers trotzdem sucht google). Ah ja, Morgenstimmung. Ich hab meine Tante geschlachtet.
Veröffentlicht am 10. Juni 2012 von lyrikzeitung
Hans Magnus Enzensberger spricht mit der Welt über Sachen von denen er was versteht: Poesie und Internet. Die Spießer sind, wer hätte das gedacht, die „Netz-Gemeinde“, sagt er, Die Welt übersetzt: Piraten (der Welt-Leser nickt). Die Poesie sind Kinderreime, davon hat er (jetzt bin ich im wesentlichen nicht ironisch) Ahnung:
Enzensberger: Das sind ja Gebrauchsgegenstände, Gedichte, die etwas bewirken, die funktionieren – auch heute noch. Es ist nicht wahr, dass das eine verschwundene Tradition ist. Nehmen Sie das Versteckspielen. Wer ist dran? „Ene mene subtrahene divi davi dorimene, ecker, brocka, kasa, nocka, zingele, zangele, duss.“ Und dann muss er das sein.
Welt Online: Ist der Kinderreim ein Vorläufer der Poesie?
Enzensberger: Ja, das sind ja die ersten Erfahrungen, die man mit Reimen macht. Reimen ist Magie, ein Zaubermittel. Er geht ins Ohr hinein und setzt sich fort – bis in den Schlager, den Popsong. Das lebt ja alles. Die Dichter beschweren sich immer über ihre kleinen Auflagen; niemand würde Gedichte lesen. Das ist nur die halbe Wahrheit. Die Leute lesen vielleicht andere oder haben andere im Kopf.
P.S. Er spricht auch über Facebook, ist er da drin? Woher hat er seine Informationen? Achso, von der Bewußtseinsindustrie.
P.P.S. Die Welt weiß auch, daß viele Bücher von Enzensberger kostenlos im Netz heruntergeladen werden können. Ogott, das weiß ja noch nicht mal ich! Wo verkehren die nur?
Veröffentlicht am 10. Juni 2012 von lyrikzeitung
Mozart war fünf, als er sein erstes Menuett komponierte. Mit 16 schrieb Rimbaud avantgardistische Lyrik. Als der 31-jährige Schubert an Typhus starb, hatte er sein Spätwerk schon hinter sich. Heute erscheinen solche Karrieren fast unmöglich. Mangelnde Berufsperspektiven, lange Ausbildungsgänge, die Abhängigkeit von den Eltern – all das lässt junge Künstler später reifen. / Konstantin Richter, Die Welt
Veröffentlicht am 10. Juni 2012 von lyrikzeitung
Als Zeitzeuge mit der Kraft der Verständigung wird morgen, Sonntag, der Lyriker Tuvia Rübner in Weimar mit dem Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung geehrt.
Die Laudatio hält Adolf Muschg.
Die Thüringische Landeszeitung sprach mit dem Autor:
Herr Rübner, Sie schreiben auf Deutsch und auf Ivrit. Welche Sprache empfinden Sie als Ihre Heimat?
Ivrit. – Und Deutsch. Die meisten Gedichte, die auf Deutsch herausgekommen sind, sind meine Übersetzungen, außer dem ersten Band „Wüstenginster“, den Christoph Meckel und Efrat Gal-Ed übertragen haben. Wenn ich übersetze, gibt es natürlich manchmal Änderungen, wo es nötig ist, sprachlich etwas anders zu machen. Außerdem gibt es noch original deutsche Gedichte, die es im Hebräischen nicht gibt. Aber sie sind in der Minderzahl.
Veröffentlicht am 10. Juni 2012 von lyrikzeitung
Wir kommen langsam ans Ende mit der Durchsicht der Schätze des Frühjahrs. Und weiß Gott waren da Schätze darunter. Sie lagen wie Braunkohle kurz unter der Oberfläche und ihre Gruben sind weithin sichtbar für jeden. Im Grunde brauchte man nur zugreifen und hielt ein Buch in der Hand, dessen Lektüre sich lohnte. Es wäre müßig; Namen zu nennen, denn die Liste ist lang. Über viele der Bücher ist bereits geschrieben worden, über viele aber auch nicht. Doch wir werden uns befleißigen, nicht allzu viele und große Lücken zu lassen.
(Guter Vorsatz!)
Eine, die es nach meiner Meinung jetzt, gleich und sofort zu schließen gilt, ist die Oppenlücke. Im verdienstvollen Wiesbadener Verlag Luxbooks erschien ein zweisprachiger Band unter dem Titel The Materials / Die Rohstoffe. Das Original ist 1962 im Verlag New Directions in New York erschienen. Oppen lebte von 1908 bis 1984 und gehörte zu den Objektivists, die in der amerikanische Literatur von nicht geringem Einfluss waren, und es wäre fatal, würden wir uns diesem Einfluss heute nicht aussetzen.
/ Jan Kuhlbrodt, Poetenladen
George Oppen
die rohstoffe
Gedichte, zweisprachig
Mit einem Nachwort von Paul Auster
Übersetzung: Norbert Lange
luxbooks 2012
147 Seiten, 22 Euro
Veröffentlicht am 9. Juni 2012 von lyrikzeitung
Honigprotokolle, das ist eine seltsame Gattung, man darf sagen: Monika Rinck hat sie erfunden. Zuerst hätten da nur Skizzen gestanden, die sich innerhalb von drei Jahren langsam zu dieser Form entwickelt hätten, wie Monika Rinck im Gespräch verrät. Um die sechzig dieser bienenfleißigen Gesänge werden nun als Prosagedichte präsentiert, und fast alle beginnen mit dem nur gelegentlich variierten Vers: ‚Hört ihr das, so höhnen Honigprotokolle …‘.
Schon dieser Einstieg offeriert ein üppiges Binnenreim-Spiel mit Ö und O und I, wie auch im Namen der Autorin ja das O und das I dominieren. Somit gießt sie immer auch ein bisschen Hohn aufs eigene Haupt, dem all das entspringt, ein honigsüßer, zynischer, reizender, abgeklärter, oft auch mild-ironischer Hohn. Das Thema? Alles und nichts. Das Hier und Jetzt und das Gestern. Das ganze Leben, oder besser: die ganze Sprache. Die brauchbare und, ja, die unbrauchbare Sprache, denn eine muss es doch sagen: ‚Das geht so nicht. Denk nach.‘ / Ina Hartwig, SZ 31.5.
MONIKA RINCK: Honigprotokolle. Gedichte. Mit vier Liedern von Bo Wiget. Kookbooks Verlag, Berlin 2012. 80 Seiten, 19,90 Euro.
Veröffentlicht am 9. Juni 2012 von lyrikzeitung
Sichtbar wird: Walter Buchebner war ein originärer Autor in der österreichischen Literaturlandschaft der 1950er-Jahre – international orientiert (seine Inspirationen kamen von Beat-Poeten wie Allen Ginsberg und Jack Kerouac ebenso wie von Wladimir Majakowski), suchte er nach eigenen Formen einer Lyrik, die auch zu gesellschaftlichen Diagnosen und politischer Kritik fähig ist. Er war weder an formstrenger Tradition noch an der Trakl-Nachfolge orientiert und stand auch den Sprachexperimenten der Wiener Gruppe kritisch gegenüber. …
Buchebners Gedichte sind nicht im Tageslicht klassischer Poesie angesiedelt, sondern in der Nacht, der von der Romantik konstruierten Gegenwelt zu Ratio, Funktion und Alltagsgetriebe. Sie sind Warnrufe vor Abstumpfung und Konvention, und auch die Eule als Totenvogel ist eine passende Assoziation, denn Buchebners Schreiben ist durchsetzt vom Bewusstsein des nahen Todes – noch bevor seine schmerzhafte Nierenkrankheit ausbricht. / Cornelius Hell, Die Presse 9.6.
WALTER BUCHEBNER
ICH DIE EULE VON WIEN
GEDICHTE, PROSA, TAGEBÜCHER. MIT 28 BILDNERISCHEN ARBEITEN DES AUTORS. HRSG. VON DANIELA STRIGL. 328 S., GEB., € 21,90
(EDITION ATELIER, WIEN)
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