10. Verödet

Verödet. Ich bin ein verwirrtes Wesen, seit sie nicht mehr da ist. Ein verirrtes? Ein Buchstabe weniger, den hätte sie sicher eingespart. Spare in der Zeit, dann hast du in der Not. Zum 80. Geburtstag: für meine verstorbene beste Freundin Elfriede Gerstl. / Elfriede Jelinek, Die Presse 2.6.

9. Fleiß & Müßiggang

Der fleißige Mann, Peter Hacks, hatte schon im Stall von Bethlehem himmelschreiende Zustände ausgemacht: „Herumtreiber, Ochsen, Esel, Clowns. / Das ist ein wahrer Ort des Grauns. / Was auf der Welt die Ordnung scheut und gammelt, / Find ich in diesem Loch versammelt“, läßt er Herodes in Maries Baby klagen, einem Krippenspiel aus der Honecker-Ära. („Er ist vernünftig, jeder versteht ihn. Er ist leicht“, rühmt hingegen Brecht den Müßiggang in „Lob der Faulheit“ von 1931: „Er ist gut für dich, erkundige dich nach ihm.“) / Wenzel Storch

8. abcdefghijklmnopqrstuvwxyz

Der Wiener Digitalpoet Jörg Piringer hingegen sieht innerhalb der Medienkunstszene eine enorme Erwartungshaltung in Bezug auf die Weiterentwicklung mobiler Geräte. In seiner Alphabet-Arbeit ‚abcdefghijklmnopqrstuvwxyz‘ erweckt er Buchstaben auf der Leinwand zum Leben, belegt sie in Live-Performances mit dem Klang seiner Stimme und lässt sie computergesteuert sowohl seh- als auch hörbar agieren und interagieren. Über 5000 Mal hat sich seine so entstandene Smartphone-Applikation schon verkauft.

Öffentlichkeitswirksamkeit hin oder her, es zeichnen sich neue Rezeptionswege für Medienkunst und digitale Poesie ab. Der Künstler Johannes Auer jedenfalls experimentiert unbeeindruckt von dem geringen Echo weiter auf dem Feld der digitalen Poesie. Im Januar 2011 hat er mit der Uraufführung der SearchSonata 181 in Stuttgart seine Such-Trilogie vollendet. Dabei werden Sucheinträge aus Google und Co in Lautpoesie transformiert und von einer Sprecherin vorgetragen. Auer hat dem Computer die Regeln vorgegeben, nach denen Worte in Laute umgewandelt werden. Dazu verwendet er einen Textgenerator. Dieser ist eigentlich dazu da, sprechbare Passwörter zu erzeugen.

Für den Künstler sind Passwörter die ‚Sehnsuchtsworte der Maschinen‘ – vergleichbar mit den Suchmaschinen-Einträgen als ‚Sehnsuchtsworten der Menschen‘. Auer sieht sich in der Tradition des Stuttgarter Kreises um Max Bense, Professor für Philosophie und Wissenschaftstheorie an der Technischen Hochschule Stuttgart. Hier liegen in den 1950er und frühen 1960er Jahren die Anfänge sprachkünstlerischer Arbeit mit dem Computer im Umfeld experimenteller Poesie. / Cara Wuchold, Süddeutsche Zeitung 24.5.

7. Lyrikmarkt

Samstag, 02.06.

Poets‘ Corner

Sa 2.6. ab 13:00
 Uhr
In den Bezirken, Eintritt frei

Die Dichter Berlins erobern die Stadt. Sommerlesungen in den Bezirken.

13:00–15:00 Uhr
Neukölln: open air. Vor dem Kreativraum an der Galerie im Körnerpark.
Mit Norbert Lange, Jinn Pogy, Jan Skudlarek, Jan Wagner, Fiona Wright

15:00–17:00 Uhr
Treptow-Köpenick: Wagendorf Lohmühle, Lohmühlenstraße, Ecke Kiefholzstraße. Bei schlechtem Wetter ebenfalls dort.
Mit Shane Anderson, Nora Bossong, Tom Bresemann, Catherine Hales, Björn Kuhligk, Ron Winkler, Mathias Traxler Jazz: Christopher Dell (vibraphon) / Christian Lillinger (drums)

15:00–16:30 Uhr
Tempelhof-Schöneberg: HAUS am KLEISTPARK,
Grunewaldstraße 6–7. Bei schlechtem Wetter ebenfalls dort.
Mit Norbert Hummelt, Hendrik Jackson, Nadja Küchenmeister, Dana Ranga, Tom Schulz, Asmus Trautsch

15:00–16:30 Uhr
Charlottenburg-Wilmersdorf: Kurfürstendamm / Ecke Uhlandstraße
Mit Simone Kornappel, Birgit Kreipe, Stephan Reich, Johann Reißer, Lutz Steinbrück

17:00–18:30 Uhr
Lichtenberg: Studio im Hochhaus, Zingster Straße 25. Bei schlechtem Wetter ebenfalls dort.
Mit Rebecca Ciesielski, Max Czollek, Maria Natt, Friederike Scheffler, Ilja Winther

Poesiegespräch: Gegenschein

Sa 2.6. 17:00 Uhr
Akademie der Künste, Hanseatenweg, Clubraum, Eintritt € 5 / 3

Michael Palmer Dichter und Übersetzer, USA, im Gespräch mit Daniela Seel Dichterin, Verlegerin, Berlin

6. Schottische Lyrik

„Jaja“, sagt er, „es ist dick, unhandlich, aber auch sehr voll.“ Iain Galbraith, seit 1982 Wiesbadener, obwohl in Glasgow geboren, hat sein neues Buch mitgebracht: 545 Seiten dick, über ein Kilo schwer und voller Gedichte. Schottischer Gedichte. Denn „ich bin Schotte und möchte, dass die Deutschen die Lyrik meiner Heimat kennenlernen.“ Auf keinen der 66 Autoren wollte er verzichten, erst recht nicht auf die deutschen Übersetzungen der Gedichte – denn darum geht es ja in seiner Anthologie. Um Originaltext und dessen deutsche Übertragung. …

Die ausgewählten Gedichte von John Davidson bis Jen Hadfield sind ja nicht nur in einfachem Schulenglisch geschrieben. Drei Sprachen werden vorgelegt: Scots, Gälisch und Englisch. Wobei die beiden Erstgenannten völlig verschieden sind – untereinander und sich vom gebräuchlichen Englisch abheben. Scots (westgermanisch) wird noch von etwa 30 Prozent der Einwohner Schottlands gesprochen; das keltische Gälisch, Verkehrssprache nur noch auf der Inselkette der Hebriden, ist veraltet, trotz aller Wiedererweckungsversuche. In Gedichtform aber hält auch sie sich noch. / Viola Bolduan, Main-Spitze

Beredter Norden – Schottische Lyrik seit 1900 / Iain Galbraith (Hrsg.) 
ISBN: 9783942955003 – Verlag: Edition Rugerup
Seitenzahl: 560
Erscheinungsdatum: 2011
Medium: Hardcover, Softcover
Gewicht: 1026 gr

5. Mehr Gestalt

Geben Sie einem Gedicht eine neue Gestalt
– ob als Video, Audio oder als klassische Übersetzung. / arte

4. Weniger Theater

Mehr Film, weniger Theater möchte man den immer wieder Trakl-Verse zitierenden Schauspielern bisweilen zurufen. Die Dialoge sind oft pathetisch. Und die hingebungsvolle Darstellung der an multipler Drogensucht leidenden Familie sorgt für unfreiwillige Komik. Etwa wenn die Mutter beim Zusammentreffen mit den anstrengenden Kindern stets erst zum Laudanum greift! So vorbildlich es sein mag, bezüglich der Einnahme bewusstseinsverändernder Substanzen die Perspektive der Drogenbeauftragten der Bundesregierung einzunehmen, so öde ist es. Tatsächlich bleibt die Frage, ob Trakl jemals eine einzige brauchbare Zeile geschrieben hätte, wenn er nicht so munter Alkohol, Opiate, Koks und Sonstiges genossen hätte.

Und das alles aus Schuldgefühl wegen der inspirierenden Liebe zur Schwester, wie der Film glauben machen will? In seltsamer Ausblendung der historischen Situation kurz vor dem Ersten Weltkrieg wird Georgs Schaffen und Scheitern einzig und allein dem Inzest zugeschrieben.  …

In der Reduzierung auf den Inzest entsteht das Bild eines unsympathischen Egomanen, dessen Selbstmitleid alsbald nervt. Den Wunsch, Georg Trakl zu lesen, spürt man nach „Tabu“ jedenfalls nicht mehr. / Katja Lüthge, FR

Tabu – Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden Österr./Dtl. 2011. Regie: Christoph Stark; 100 Min., Farbe. FSK ab 16.

3. Vermeintlich einfach

Besonders ist für mich das vermeintlich Einfache. Fried berührt mit seiner Lyrik und Prosa die Menschen, die nicht zu intensiv interpretieren wollen, als auch die Menschen, die sich von seiner philosophischen Wortgewalt in den Bann ziehen lassen wollen. / Oberösterreichische Nachrichten

2. Verdikt

1951 meinte der Kulturphilosoph Theodor W. Adorno: „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“. Das klingt endgültig, auch wenn er diese radikale These später relativiert hat.

Es muss wohl offen bleiben, ob er sein Verdikt auch auf solche Literatur bezog, in denen über Auschwitz etwas gesagt wird – etwa „Schwarze Milch der Frühe“ von Paul Celan, „Die Ermittlung“ von Peter Weiß; oder auch ein Gedicht von Rosa Ausländer mit der Fügung „unendliche Sonnenfinsternis“ als Metapher für das maßlose Leiden – von der Malerin Ursula Dolski in ihrem Einführungsvortrag im Wilnsdorfer Museum zitiert. / WAZ

1. Erich Fried Preis 2012 für Nico Bleutge

Der junge* deutsche Dichter Nico Bleutge erhält den mit 15.000 Euro dotierten Erich Fried Preis 2012 – so hat es in diesem Jahr der alleinige Juror, der Autor Lutz Seiler, bestimmt.

Die Preisverleihung findet am Sonntag, den 25. November 2012 im Literaturhaus Wien statt

Lutz Seiler in seiner Jurybegründung:

Bleutges Gedichte befreien die Natur im Gedicht von den üblichen metaphorischen Rahmungen; mit einem sanften, fein rhythmisierten Sprechen, das sich vom Schauen und Hören leiten lässt, erreicht er eine besondere, vollkommen eigene Bildqualität. Ich sehe in Bleutges Werk einen vielversprechenden Ansatz für die Erneuerung des sogenannten Naturgedichts; allerdings ist der Begriff ohnehin unbrauchbar, also besser: für die Erneuerung von Natur-Wahrnehmung in der Sprache des Gedichts.

Seine Gedichte öffnen dem Leser die Sinne, sie lassen ihn teilnehmen am Schauen und Lauschen. Zarte Konturen.

Man könnte sagen: Bei Bleutge geht es um Sprach- und Wahrnehmungszustände vor der Natur, in denen das Gedicht – das ist die Utopie, die diesem Schreiben innewohnt – einen authentischen, also von Vorurteilen und Wertkontexten freien Ausgang nehmen möchte.

Was mich an Bleutge überzeugt: Dass ich den (angenehmen) Eindruck habe, sein Text sei nicht vorrangig dem Willen zum Gedicht gefolgt, sondern nur sich selbst, das heißt dem Schauen und der es begleitenden oder anführenden Sprachschau. Die dieser Sprachschau innewohnende Diktion tendiert zur Prosa, was ich als Teil eines umfassenderen Bemühens verstehe, alles Avancierte und Ambitionierte, das die lyrische Gattung selbst schon mitzubringen scheint, zu vermeiden.

Seine Gedichte sind bis ins Detail ausgearbeitet, feinstes Gewebe.**

/ Mehr

*) wie lange gilt man als junger Dichter? Bis 50 vielleicht – da hat er noch 10 Jahre Zeit.

**) Die Sprache, mit der Gedichte belobt werden, hat oft etwas Auratisches. Einschüchterndes. Nicht beim Kritiker Bleutge, übrigens. Bei seinem Lobredner aber schon. So hält man den uneingeweihten Leser auf Distanz, Dilthey, Staiger hättens nicht besser gekonnt: „Seine Gedichte öffnen dem Leser die Sinne, sie lassen ihn teilnehmen am Schauen und Lauschen. Zarte Konturen.“  Im Unterschied zu anderen Autoren sind sie authentisch – „also von Vorurteilen und Wertkontexten frei“. Die Surrealisten machten das mit Schlafentzug oder Drogen, wie machts der Herr vom Huchelhaus? Immerhin übt er subtil Selbstkritik, wenn man das richtig heraushört. Was man bei dieser Sprache nie wissen kann.

Link: Seiler über Bleutge

118. Paradoxon der Übersetzung

Die Lebendigkeit und Präzision, die ich mit dem Bild auf dem Umschlag assoziiere, findet sich in allen Gedichten wieder; mit Miron Białoszewski hat der Verlag nach Aloysius Bertrand und Georg Hoprich erneut einen Autor der Vergessenheit entrissen, der nie hätte in Vergessenheit geraten dürfen; und die Übersetzung ist ganz wunderbar. Wenn ich dieses Urteil auch nicht auf Kenntnis der polnischen Sprache gründen kann (die ich leider nicht einmal auf Touristenniveau beherrsche), so kann ich doch beobachten, dass in den Gedichten nirgends ein falscher Ton zu finden ist, keine klapprige Unbeholfenheit, kein gestreckter oder gestauchter Vers, wie es oft in Übersetzungen vorkommt, vielleicht in manchen Übersetzungen mit mehr dokumentarischer Absicht vorkommen muss. Kraus übersetzt, als habe sie genau dieses Gedicht eben selbst schreiben wollen. Mehr mehr, schreit der Leser und wünscht sich zugleich, er könnte die Gedichte auch im Original lesen (Notiz an mich selbst: untersuche dieses Paradoxon der Übersetzung, dass, je besser die Übersetzung auf eigenen Füßen stehen kann, desto stärker der Leser sich wünscht, auch den Originaltext zu verstehen). / Dirk Uwe Hansen, lyrikkritik.de

Miron Białoszewski „Wir Seesterne“. Gedichte, polnisch und deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Dagmara Kraus, Verlag Reinecke & Voß:

117. Fragil labial

Ähnlich wie das „O“ und das „I“, das Runde und das Gestreckte, in den „Honigprotokollen“ aufeinandertreffen, die runde Vollständigkeit allein aber der „Hohn“ ist, wandert Rinck virtuos durch das „Weltinnenall des Binnenreims“, bis hin zu Rilke. Häufig erinnert die Lautstruktur an gleichsam umarmende Binnenreime, eine in dieser Art innerhalb prosanaher, dezent rhythmisierter Langzeilen überraschend neu wirkende Technik. Besonders gut zu verfolgen ist sie in „Stroh“, das auch eine Art immanenter Poetik enthält, insofern der „Versuch, doch zu begreifen“ einem Griff in den Nebel gleicht, bei dem man „auf der anderen Seite“ des fragilen, labi(a)len Zwischenraums wieder herauskommt, der die nie gelingende Vereinigung mehr umspielt als repräsentiert: „Nun, du hast keine Worte, aber willst, / wofür du keine Worte hast, besitzen.“

Da die Episoden und Reflexionen aufeinander aufbauen, scheint es geraten, den Band in protokollarischer Ordnung von vorn nach hinten zu lesen – und sich darauf zu freuen, wie Monika Rinck selbst ihn vorträgt: als Dichterin von oraler Poesie im besten Sinn, von scheinbar schlichten Liedtexten ebenso wie von komplexer, sprachreflexiver Poesie. / MARTIN MAURACH, FAZ 19.5. Mehr

Monika Rinck: „Honigprotokolle“. Gedichte.
kookbooks Verlag, Berlin 2012. 80 S., br., 19,90 [Euro].

116. Sie könnens nicht

Der Standard kanns, die FAS kanns, die taz kanns, ja sogar die Lyrikzeitung kann es – die „Welt“ kanns nicht. Oder finden Sie das witzig?

115. Lenaupreis an zwei Lyriker

Therese Chromik, Lyrikerin und von 2000 bis 2007 Direktorin der Theodor-Storm-Schule, ist im baden-württembergischen Esslingen abermals mit einem Literaturpreis ausgezeichnet worden. Gemeinsam mit dem Tübinger Lyriker Karl Corino erhielt die Wahl-Kielerin den Nikolaus-Lenau-Preis 2012. Vergeben wird die renommierte Auszeichnung von der Stadt Esslingen und der Künstlergilde. / Husumer Nachrichten

114. Pfingst-Posse

Was zeigt die kleine Pfingst-Posse? Im Netz verbreiten sich Fehlinterpretationen rasend schnell, wie mal wieder zu beweisen war. Sie klären sich dann aber auch recht schnell wieder auf – zahlreiche Twitter-Nutzer hatten das Stück dann doch als Satire erkannt. Und: Grass-Werkstücke haben seit seinem Israel-Gedicht an Gravitas eingebüßt. Selbst seine Originale gehen als Satire durch. Und wer letztlich deren Urheber ist, spielt fast keine Rolle mehr. / meedia.de