62. Das eigene Sprechen

Bei Faustkultur ein ausführliches Gespräch übers Gedichteschreiben mit Marcus Roloff, Auszug:

Beim Produzieren wird man allerdings selber schon gesteuert. Man wird gesteuert durch die Geschichte der Poesie. Man weiß, was überhaupt nicht geht. Man sortiert ja schon. Das andere aber, was dabei eine Rolle spielt, ist, dass man auch immer einen Fokus hat, der sich auf etwas richtet, was einen von anderen, die Gedichte schreiben, unterscheidet.

Ja, das ist das sogenannte Eigene. Das ist das eigene Sprechen, das man sich im Laufe der Jahre erarbeiten muss, das man der Stimme der Anderen entgegenhält. Das fällt einem nicht zu, glaube ich. Das ist eine Sache, die einem dann irgendwann bewusst wird: dass es geht, dass es funktioniert. Wenn das eine oder andere eintritt, wie auch immer, merkt der Lyriker, aha, es funktioniert. Es funktioniert, was ich hier versuche. Ich habe ein Gedicht – auch wenn es nur eins ist –, das so stehen bleiben kann! Diese Erfahrung macht einem irgendwie Mut und freut einen. Und gleichzeitig ist es so, dass das jedes Mal neu erarbeitet werden muss. Es ist nicht so, dass es los geht und man es einfach aufschreibt. Klar, man muss losschreiben, einfach möglichst die ganze Zeit schreiben, das ist ganz wichtig, aber das heißt noch lange nicht, dass man da gute Gedichte aufschreibt. – Also gedanklich ist mir der Ansatz, ständig in einem Steinbruch zu wühlen, näher als das dreimal im Jahr einmalige Behauchtwerden: Aus vielem, was man notizen- und entwurfsartig geschrieben hat, etwas zu machen, also das Material selber herstellen oder das, was man geschrieben hat als Material betrachten, – und dann einen Tag später, Tage, Wochen, manchmal Jahre später gucken, was ist das? Hat das Sinn im Sinne von: Kann man daraus überhaupt etwas machen? Mir ging es ja lange Zeit speziell um meine Ost-Herkunft. Und wenn man mal schaut, wie die Gedichte in der Entwurfsfassung zum Teil aussehen, – da wurde mir recht schnell klar, das war mitunter sehr schwach zu Anfang. Es gab da eine Stimmung, die im Gedicht eingefangen wurde, der – für mich sehr wichtige – Erinnerungsmodus, der Vergangenem hinterherstöbert, das entscheidende Einstiegszenario; und dann musste ich das aber auffüllen mit wirklich Konkretem. Und das Konkrete war am Anfang manchmal äußerst schwach. Es war vielleicht ein Bild oder eine spezielle Erinnerung: Klassenraum, Häkel- oder Gartenarbeit, Jugendzeit, Gerüche, – ich weiß noch, wie die Klassenzimmer rochen in der DDR. Und da musste ich eben versuchen, dafür konkretere Bilder zu finden, die dann auch stichhaltig sind. Und da habe ich dieses Harte-Schnitte-Verfahren für mich entdeckt, das Überblenden historischer Schichten. Das heißt, Bild an Bild, zackzackzack, relativ hart, relativ knapp – sowieso. Das war für mich wichtig zu sehen, dass das gelingen kann, schlaglichtartig ein Gedicht aufzubauen: Dinge, die miteinander zu tun haben, die Erinnerung ist grundsätzlich da an etwas mehr. Das aber muss man herausschälen, da muss man gucken, was ist das genau? Es kann nicht sein, dass das irgendwie im Vagen bleibt. Das muss schon aus dem Ungefähren rausgezogen werden ins Klare und Deutliche. Ich bin durchaus ein Verfechter von Klar und Deutlich. Gleichzeitig ist mir dieses Präzisionsargument aber auch zu nackt. Sprache sollte präzise sein, ja. Anders geht es ja gar nicht, das ist kaum mehr, als eine Klappentext-Kategorie. Also ich meine, diese Kategorie ist selbst nicht präzise.

Suchst Du sprechende Bilder?

Bilder, die so stark sind, dass sie über das, was man selber erlebt hat, irgendwie hinausgehen; dass das greifbar wird auch für den Leser. Sie sollten dann so tragfähig sein, dass ich als Leser das, was da speziell steht, auch wenn ich es nicht kenne, verstehe – also Namen zum Beispiel, Ortsnamen, das sind natürlich für mich auch nur Platzhalter und gleichzeitig für mich höchst wichtig, weil sie etwas Bekannt-Unbekanntes transportieren. Bei mir reicht oft schon, wenn ich mir vorstelle: „Mecklenburger Dorf“, das ich kenne, durch das ich gefahren bin oder das ich besser kenne durch Verwandtschaft usw. Das ist dann für mich schon so ein Bedeutungsträger, dass sich daraus langsam ein Gedicht ergeben kann, wenn man’s richtig anstellt. Also Namen, Ortsnamen, Eigennamen, die sollte man auch sparsam verwenden, aber ich tu’s gerne, denn konkreter geht’s gar nicht. Ein Name ist das Gegenteil von abstrakt. Und wenn jemand den Namen nicht kennt und mit dem Ort nichts anfangen kann, dann ist es meines Erachtens nicht schlimm, wenn das im Ganzen was ergibt, wenn das so ein eigener Sprachkontext ist, der so dasteht, – auch wenn er etwas verschlossen ist. Ich mag zum Beispiel das Spätwerk von Peter Huchel sehr gerne. Das ist extrem verschlossen. Das ist kodifiziert. Von Celan reden wir jetzt gar nicht. Das ist eine ganz eigene Nuss. Aber es geht in der Gegenwart wohl auch gar nicht mehr darum, auf eine klassische Weise verständlich zu sein, so dass alles von allen nachvollzogen werden kann. Es geht vielleicht eher darum, das eigene Sprechen so weit zu treiben, dass es für den Leser in einem produktiven Sinn rätselhaft bleiben kann.

Marcus Roloff Text und Audio

61. Arabische Apokalypse

Etel Adnan, die in der documenta-Halle mit ihren farbintensiven Bildern vertreten ist, verschmilzt in ihren Texten die Massaker und die Gewaltspirale im arabischen Raum mit fast kontemplativer Naturerfahrung und Traumgebilden. Eine „steinhafte Hitze“ entsteht und wir wollen ausatmen, auf den Stühlen zappeln, die Ärmel hochkrempeln, uns abkühlen und müssen doch weiter staunen. Die „Arabische Apokalypse“ ist kein bloßer Stoff, sie ist gegenwärtig. / Daniela Riess, Hessische/ Niedersächsische Allgemeine

60. Kritiker (Schwitters)

Kritiker

Tran 27

Kritiker sind eine besondere Art Menschen. Zum Kritiker muß man geboren sein. Mit ganz außergewöhnlichem Schaafsinn findet der geborene Kritiker das heraus, worauf es nicht ankommt. Er sieht nie den Fehler des zu kritisierenden Kunstwerks oder des Künstlers, sondern sein eigenes Fehlen, sichtbar gemacht durch das Kunstwerk. Der Kritiker erkennt durch angeborenen Schaaafsinn gewissermaßen seinen eigenen Fehler durch das Kunstwerk. Das ist die Tragik aller Kritiker, sie sehen Fehler, statt Kunst. Kunst sehen heißt für den Kritiker die Fehler am Kunstwerk rot anstreichen und eine Zensur darunter schreiben. Kritiker sind den mit Recht so beliebten Oberlehrern ähnlich. Allerdings braucht der Kritiker kein Examen zu machen, zum Kritiker ist man eben geboren. Der Kritiker ist ein Geschenk des Himmels an die Menschheit. Mit Oberlehrerin gesäugt nährt er sich von Kunstfehlern zum Segen der Schaaaafzucht. Sich sägen bringt Regen. Zwischendurch trinkt der Kritiker dann noch ein Gläschen rote Tinte. Jeder Kritiker hat einen Regenschirm, in den er wieder gewissermaßen hineingeheiratet hat. Denn sich sägen bringt Regen zum Segen der Schaaaaafzucht. Das besagte Oberlehrerin aber ist ein dicker, sirupartiger Saft, hergestellt aus Absonderungen der Galle von wirklichen geheimen Oberlehrern und dem Magensaft verblödeter Schaaaaaafe. Besagte Schaaaaaaafe brauchen kein Examen gemacht zu haben, wie der Kritiker. Den Regenschirm benutzt der Kritiker, um ihn verkehrt aufzudrehen. Kritiker brauchen ihre Regenschirme in der Kunstausstellung nicht abzugeben. Der Regenschirm aber muß ein Examen machen. Nur löcherige Regenschirme werden zur Kunstkritik zugelassen. Je mehr Löcher, desto mehr Regen, je mehr Regen, desto mehr Sägen, je mehr Sägen, desto mehr Kritik. Um auf das Schaf zurückzukommen: Kritiker sind eine besondere Art Menschen. Zum Kritiker muß man geboren sein. Kritiker sind schafgeboren, schafgesäugt mit Oberlehrerin und schlaftrunken von dem Kunstwerk. Der Unterschied zwischen Künstler und Kritiker ist der: „Der Künstler schafft, während der Kritiker schaaft.“

(Kurt Schwitters 1922)

 

  • Kurt Schwitters, Das literarische Werk, Bd. 5: Manifeste und kritische Prosa. Hg. Friedhelm Lach. Köln: DuMont 1981 (1997), S.- 117. Zuerst in: Kurt Merz Schwitters: Elementar. Die Blume Annas. Die neue Anna Blume. Berlin: Verlag Der Sturm 1922.

59. Mehrsprachige Gedichte

Als Angehörige einer bestimmten europäischen Generation sieht sich Zwetelina Damjanova: „Die extrem schnellen Wanderflüsse von Menschen haben eine neue, mehrsprachige Generation hervorgebracht, die vorher so nicht da war.“ Um ihre eigene Mehrsprachigkeit und die „eines ganzen Teils der europäischen Gesellschaft“ gehe es in ihrem neuen Gedichtband. Was im Inneren vorgehe, die Beziehung zu den Sprachen, wird dort artikuliert.

Es sind drei mal drei mal drei – insgesamt 27 – Gedichte aus jeweils drei Strophen zu jeweils drei Verszeilen. Jede Strophe ist in einer anderen Sprache verfasst: Bulgarisch, Spanisch, Deutsch. Mit diesen Sprachen ist Damjanova aufgewachsen. Ihre Eltern sind gebürtige Bulgaren, ihre Mutter spricht auch fließend Spanisch, weil sie von klein auf in Kuba gelebt hat. Jede Strophe hat einen eigenen Klang, eine Übersetzung ist dabei. / Stefan Beig, Wiener Zeitung

Mehr Info vom Verlag incl. Leseprobe

58. Ausschreibung für Lyrikerinnen und Lyriker in und aus Mecklenburg-Vorpommern

Das Literaturhaus Rostock plant eine neue Reihe für Lyrikerinnen und Lyriker des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Ziel ist es, den Autorinnen und Autoren eine Plattform zu bieten, eigene Gedichte der Öffentlichkeit zu präsentieren sowie den Austausch untereinander anzuregen. Der Lese- und Gesprächsabend soll zeigen, was Lyrik alles kann und wozu diese spannende, aber oftmals nur am Rand wahrgenommene Gattung fähig ist.

Es können sich insgesamt drei Lyrikerinnen und Lyriker, die in M-V leben oder aus M-V stammen, für das Podium qualifizieren, indem sie bis zum 1. September 2012 Gedichte (Lesezeit max. 15 Minuten) zum Thema „Lyrische Landschaften“ (Sprache als Landschaft, Vergangenheit als Landschaft etc.) einsenden. Die ausgewählten Lyrikerinnen und Lyriker werden eingeladen, am Freitag, 26. Oktober 2012, ihre Gedichte im Literaturhaus Rostock dem Publikum vorzustellen.

Die aus Anklam stammende Lyrikerin Judith Zander, deren Gedichte bereits überregionale Anerkennung erlangt haben, wird den Abend mitgestalten. Ihre ersten literarischen Erfolge feierte sie außerhalb ihrer Heimat. Auch diese Problematik wird an diesem Abend Thema sein. Der Lyriker Ron Winkler wird durch den Abend führen und die Veranstaltung moderieren.

Einsendeschluss: 01. September 2012

Texte per Mail oder Post an:

programmleitung (at) literaturhaus-rostock(dot)de

Literaturhaus Rostock
im Peter-Weiss-Haus
Doberaner Str. 21
18057 Rostock

57. Kalenderblatt

Sein Leben war kurz und unglücklich, aber die Wirkung seiner Gedichte und Essays hält bis heute an. Vor 175 Jahren ist er im Alter von 39 Jahren gestorben.

Lieb war mir stets hier der verlassne Hügel
und diese Hecke, die vom fernsten Umkreis
so viel vor meinem Blick verborgen hält.
Doch hinter ihr – wenn ich so sitze, schaue,
endlose Weiten formt sich dort mein Denken,
ein Schweigen, wie es Menschen nicht vermögen,
und tiefste Ruhe; da beschleicht die Seele
ein leises Graun.

So beginnt eines der berühmtesten Gedichte der italienischen Literaturgeschichte: L’infinito, Das Unendliche von Giacomo Leopardi, entstanden 1819. Ein in sich selbst versunkenes Ich lässt den Blick über die Landschaft schweifen, aus der alles Göttliche längst gewichen ist. / Maike Albath, DLR

56. Für Schnillern etc.!

Arno Holz

Für Schnillern etc.!

Immer noch laufen sie uns in die Quer,
Faust, Hamlet, Hiob und Ahasver.

Aber ich finde, nachgerade
Wird die Gesellschaft ein wenig fade.

Zu viel Schminke, zu viel Theater,
Zu viel Klimbim und zu viel Kater.

Da lob ich mir Reuter und Wilhelm Busch.
Für Schnillern etc. ein ander Mal Tusch!

55. Stadtschreiber

Der Schriftsteller und Lyriker Marcel Beyer (Foto) ist der neue Stadtschreiber von Bergen-Enkheim. Der 46-Jährige Autor von „Flughunde“ wird als „meisterlicher und gewissenhafter Erzähler“ ausgezeichnet, so die Jury. / Die Welt

(Ja, manche kriegen den Rachen nicht voll. Schriftsteller und Poet dazu.)

54. Parallelpoesie

Das hat Durs Grünbein erfreulicherweise noch nicht: In seine Gedichte fließen nicht nur antike Versmuster, sondern auch die präzisen Ergebnisse moderner Wissenschaften. Die Verklärung und die Erklärung der Welt, sie gehen in seinen Werken oftmals in eins. Ob im Picknick der Anarchisten, in dem das letzte Jahrhundert „wie ein einziger Arbeitstag“ vorbeizieht, wie in Xylophon, in dem er der phylogenetischen Entwicklung zusieht, wie sie samt Hängehoden auf die Beine kommt – seine Gedichte übersetzen wissenschaftliche Ergebnisse in versteh- und erlebbare Zusammenhänge, die nicht nur einfach „interessieren“. Grünbein löst die Forderung Niklas Luhmanns nach einer „Parallelpoesie“ ein, „die alles noch einmal anders sagt und damit die Wissenschaftssprache in die Grenzen ihres Funktionssystems zurückweist“. …

Auf wievielen Ebenen ein „Gutes Gedicht“ funktionieren kann, hat Raoul Schrott erläutert – Durs Grünbein illustriert es zum Abschluss noch einmal mit seiner Poesie. In Erklärte Nacht oder Entführung in alte Gefühle fliegen die Echos zum Mund und der Vers ist ein Taucher – „er konspiriert mit den Sternen.“ / Britta Koth, unser lübeck

53. Zeitschriftenlese

Michael Braun bespricht wieder aktuelle Zeitschriften beim Poetenladen:

Vor fast genau einhundert Jahren hat der größte amerikanische Poet des 20. Jahr­hunderts, der damals sieben­und­zwanzigjährige Ezra Pound, einer erstaunten Öffent­lichkeit sein Glaubens­bekennt­nis verkündet. Es war eine Absage an die her­kömm­lichen Rollen, die man den Dichtern der Moderne zuschreibt. „Ihr sprecht von Genie und Wah­nsinn“, so spottet Pound in Richtung der „geknebelten Reze­nsenten“, „Ich aber werde nicht wahnsinnig werden, euch zu Gefallen, / werde euch nicht ent­gegen­kommen mit einem frühen Tod, / Oh nein, ich werd ausharren, / spüren, wie euer Haß sich zu meinen Füßen krümmt …“
Mit dieser trotzigen Selbst­behauptung hat Pound fast prophetisch sein eigenes Dichter­schicksal vor­weg­genommen. Er durchlief bis zu seinem Tod im Alter von 87 Jahren alle Stadien der Exzentrik und der Dissidenz, die ein Dichter in diesem Jahr­hundert absol­vie­ren konnte. Er exponierte sich als Revo­lutionär der Poesie, dann wandte er sich ab von der Idee der radikalen Freiheit und lieb­äugelte mit dem Fa­schis­mus Benito Mussolinis, bis man ihn jahrelang in eine Anstalt für krimi­nelle Geistes­kranke einsperrte.

(…)

Im Gegensatz zu Freud zieht Stekel eine direkte Ver­bindungs­linie zwischen der Dicht­kunst und der Neurose: „Jeder Dichter ist ein Neu­rotiker.“ Freilich sieht er in der neu­rotischen Struktur des Poeten keinen Mangel, sondern einen unerlässlichen Impuls seiner Produktivität.
Mit solchen vulgärpsychologischen Thesen zur Affinität von Genie und Wahn­sinn bleibt die „Krach­kultur“ ihrem ursprüng­li­chen Programm treu, die Lite­ratur aus der Per­spektive einer radikalen Dissidenz zu betrachten.

Krachkultur, Ausgabe 14 (2012)  externer Link  
Martin Brinkmann, Steinstraße 12, 81667 München. 200 Seiten, 12 Euro.

Selbst bei seinen berühmten dadais­tischen Per­formances in der Zürcher Künstler­kneipe „Cabaret Voltaire“ habe Ball immer „den Rhythmus des Psalmo­dierens der missa solemnis der katho­li­schen Kirche“ mit einbezogen. Bei aller lite­rari­schen Radi­ka­lität der Sprach­zertrüm­merung, so glaubt Ponzi, ging es dem Dadaisten Ball doch darum, „die geistige Einfach­heit und die gewählte Armut des heiligen Fran­ziskus“ zurück­zu­gewinnen. Was bei den Auf­tritten von Ball, Hans Arp und Richard Huelsen­beck als „euphorisches Wort­gelage“ erscheinen mochte, war immer auch ein religiöses Ritual.

Hugo Ball Almanach, Neue Folge 3 (2012)  externer Link
edition text + kritik, Levelingstr. 6a, 81673 München, 184 Seiten, 16 Euro.

Mehr

52. Schewtschenko rules

In der ganzen Ukraine stehen sie: Riesige Statuen von Schewtschenko. In Lemberg beispielsweise ziert ein überlebensgroßes Denkmal den Prospekt Swobody, eine der wichtigsten Straßen der Stadt. Daneben schwappt die bestimmt fünf Meter hohe „Die Welle der Volkswiedergeburt“, ein riesiger Bogen aus Metall, aus dem Boden, gesäumt wird das Ganze von stets gut gepflegten Blumenbeeten. Taras Schewtschenko ist ein ukrainischer Volksheld. Der Dichter ist der Goethe der jungen Republik. Keiner beschreibt die Seele des Landes so treffend wie der 1861 verstorbene Lyriker, heißt es. / Die Welt

51. Stolterfoht und Reinecke

Samstag, 16. Juni 2012, 19:30 Uhr, Eintritt 5 Euro / Erm. 4 Euro

Ulf Stolterfoht und Betram Reinecke lesen in der Lettrétage aus ihren aktuellen „roughbooks“

Bertram Reinecke
Mit Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst erscheint nach neun
Jahren Bertram Reineckes dritter Lyrikband. Gemeinsam ist den
Gedichten des Bandes, dass sie alle fremde Textquellen verwenden. Ein
Großteil sind Centos. Bei diesem Verfahren werden Texte vollständig
aus ganzen Zeilen fremder Texte zusammengesetzt.

Ulf Stolterfoht
holzrauch über heslach, so hieß „ein langes ethnologisches Gedicht
über einen Stadtteil in Stuttgart und ein ‚quasi-autobiographisches‘
Gedicht über gesellschaftliche und politische Träume“ von Ulf
Stolterfoht. Der handapparat heslach versammelt die Quellen und
Materialien aus einer untergegangenen Epoche zum Nutzen späterer
Stämme.

50. Auf Schiefertafeln

Andere Völker singen ihre Gedichte…

Hier ein Gedicht von Marina Zwetajewa, gesungen von Jelena Frolowa

[youtube:http://youtu.be/jlzv4qY4fQw%5D

Hier die deutsche Fassung von Uwe Grüning, aus: Marina Zwetajewa, Gedichte und Prosa. Russ. / dt. Leipzig: Reclam 1987, S. 21

Für S.E.

Auf Schiefertafeln schrieb ichs, ließ die Hand
Es auf die Fältchen welker Fächer schreiben,
Schriebs in den Fluß- und in den Meeressand,
Aufs Eis mit Schlittschuhn, mit dem Ring auf Scheiben, – 

In Bäume, die schon hundert Jahre leben. 
Und mit dem Regenbogen setzte ich
Die Unterschrift, es allen preiszugeben, 
Ans Firmament: ich liebe, liebe, liebe dich! 

Wie wünschte ich, daß jeder mit mir blühte –
An meinen Fingern! – ewig, ohnegleichen!
Und dann: wie ich, die Stirn gesenkt, mich mühte, 
Mit einem Kreuz den Namen auszustreichen.

Du, der in eines Schreibers Hand Gelegte,
Stichst mir ins Herz – sie preßt dich, käuflich, feil!
Du, nicht von mir verkauft, der in den Ring Geprägte!
Bleibst auf den Tafeln des Gesetzes heil. 

18. Mai 1920

Марина Цветаева

С. Э.

Писала я на аспидной доске,
И на листочках вееров поблeклых,
И на речном, и на морском песке,
Коньками по льду и кольцом на стеклах, —

И на стволах, которым сотни зим,
И, наконец – чтоб было всем известно! —
Что ты любим! любим! любим! – любим!
Расписывалась – радугой небесной.

Как я хотела, чтобы каждый цвел
В веках со мной! под пальцами моими!
И как потом, склонивши лоб на стол,
Крест – накрест перечеркивала – имя…

Но ты, в руке продажного писца
Зажатое! ты, что мне сердце жалишь!
Непроданное мной! внутри кольца!
Ты – уцелеешь на скрижалях.

18 мая 1920

Marina Zwetajewa wird 1892 in Moskau geboren (am 8.Oktober vor 120 Jahren!). Ihre Mutter war die Tochter eines Deutsch-Serben und einer Polin. So schrieb sie außer Russisch auch einige deutsche Gedichte. Sie lebte einige Zeit in Italien, der Schweiz, 1904/05 in Freiburg/ Breisgau, 1910 in Dresden. Sie liebt Novalis und Hölderlin und studiert in Paris altfranzösische Literatur. Ihr erster Gedichtband wird von Brjussow, Gumiljow, Marietta Schaginjan und Maximilian Woloschin besprochen – was für ein Start. 1912 heiratet sie Sergej Efron, 1914 verliebt sie sich in Sophia Parnok, 1916 kommt es zur Trennung von Efron (S.E.). Sie verkehrt mit Mandelstam, Brjussow, Balmont, Pasternak, Majakowski, Bely, Blok, schreibt sich mit Rilke.  Efron, der gegen die Bolschewiken agiert, holt sie ins Exil, spät erfährt sie, daß er von Paris aus für den sowjetischen Geheimdienst arbeitet. Efron – der in politische Attentate u.a. gegen Trotzkis Sohn verwickelt ist, kehrt 1938 in die Sowjetunion zurück, sie selber 1939. Efron wird 1941 selbst Opfer von Stalins Terror. Marina Zwetajewa erhängt sich im August des gleichen Jahres und wird in einem Massengrab in Tatarien beigesetzt.

Einzelne Gedichte Russisch und Deutsch hier

49. Yves Bonnefoy liest in München

Mittwoch, den 13. Juni, Amalienstraße 83a, 20 Uhr:

Yves Bonnefoy liest aus Raturer outre / Streichend schreiben (Lyrik Kabinett 2012).

Durch den Abend führen Elisabeth Edl und Wolfgang Matz (Lesung französisch – deutsch)

Yves Bonnefoy (Copyright Mathilde Bonnefoy)

——————————-

48. 13. poesiefestival berlin erfolgreich beendet

Mit einem großen Lyrikmarkt ging am Sa, 9.6.2012 das 13. poesiefestival berlin erfolgreich zu Ende.

Über 11.000 Besucher kamen zu den 52 Veranstaltungen, insgesamt waren mehr als 200 Beteiligte aus 51 Ländern zu Gast, darunter u.a. Michael Palmer (USA), Yan Jun (China), Abdelwahab Meddeb (Frankreich/Tunesien), Ngwatilo Mawiyoo (Kenia), Fátima Miranda (Spanien), Monika Rinck (Deutschland) sowie Max Prosa und die Band Erdmöbel.

Das 13. poesiefestival berlin hatte einen politischen Fokus. Autoren aus Syrien sprachen über ihre Sicht auf die Revolution im Land, Dichter aus Äthiopien, Kenia und Ägypten diskutierten über die Situation in den Ländern entlang des Nils und die Rolle, die die Poesie bei der Bewältigung der Probleme spielt. Mit renshi.eu feierte ein Kettengedicht seine Premiere, bei der Dichter aus allen EU-Ländern ihre Gedanken zur Krise Europas zu Wort brachten. Ausgang und Abschluss für das Kettengedicht schrieb der griechische Dichter Yannis Stiggas. Die Texte sind ab 13.9. auf der Webseite www.lyrikline.org zu hören und zu lesen.

Das 13. poesiefestival berlin findet statt vom 1. – 9.6.2012 in der Akademie der Künste, Hanseatenweg. Weitere Informationen unter www.literaturwerkstatt.org.