Die argumentativen und ästhetischen Schwächen von Was gesagt werden muß waren nicht zu übersehen. Eine Lektüre des neuen Gedichts verlangt mehr.
Die meisten Kritiker haben sich mit dem Hinweis begnügt, das Gedicht bestehe aus „zwölf je zweizeiligen Strophen“. Dass Grass auf die antike Form des elegischen Distichons zurückgreift, ist dabei übersehen worden. Zwar sind die Verse von Europas Schande keine klassisch streng gebauten Hexameter und Pentameter, sondern eher Freie Rhythmen, die sich, unter Benutzung verschiedener Metren, zumindest an der für das Distichon typischen Sechshebigkeit orientieren. Solche rhythmische Freiheit ist seit Rilkes Duineser Elegien aber nicht mehr ungewöhnlich. literaturkritik.de
Kathrin Passig interviewte Gesine von Prittwitz über den Buchmarkt. Darin auch: daß das Feuilleton immer dünner wird, also auch weniger Platz für Rezensionen und daß eh alle das gleiche rezensieren. (Wann kommt der neue Harry Potter?)
Die französische Kulturministerin Aurélie Filippetti fordert den Präsidenten des CNL (Centre National du Livre, Nationales Zentrum des Buches) auf, die geplante Reform der Kommissionen des CNL auszusetzen. Die von der vorigen Regierung begonnene Reform sollte am 1.1. 2013 in Kraft treten. Es geht um die Regelung der Finanzhilfen für Autoren, Verleger, Bibliotheken und Literaturvereine. Namentlich war geplant, die Kommissionen für Roman, Theater und Lyrik zusammenzulegen.
180 Autoren und Verleger, darunter Michel Deguy, Jacques Roubaud, Philippe Beck und Patrick Kéchichian, unterzeichneten einen Protestbrief an das CNL, in dem gefordert wird, die Lyrikkommission zu erhalten, um zu verhindern, daß eine Gattung die andere dominiert. Nur die Kommission habe Dichter davor bewahrt, in Elend zu sterben, das sei keine Metapher, heißt es in dem Brief. Auch die Mitglieder der Kommission protestieren in einer Erklärung vom 12.7. gegen eine Reform, die ohne Abstimmung mit der Kommission und Vertretern des literarischen Lebens (Autoren, Verlegern, Wissenschaftlern, Bibliothekaren) vollzogen werde.
Aurélie Filippetti hatte bereits am 10.7. ein „komplettes Moratorium“ für das von Nicolas Sarkozy stammende Projekt eines „Hauses der Geschichte Frankreichs“ verkündet, das von Historikern heftig angegriffen wurde. / Camille Poirier, L’Express 19.7.
Kristoffer Patrick Cornils über Michael Fiedler, junge Welt 18.7. (hier auf seiner Seite):
Infinitive und Substantive werden aneinandergereiht, wiederholt und zu neuen Bedeutungskontexten zusammengebastelt. Dabei tun sich überraschende, schöne Bilder auf: »Wildfarben, / Blenden, / Abdampfschlag, / Grundrisse in Blütenstaub«. Doch im abgesteckten Rahmen der konventionellen Formen fangen die aufgefundenen Fremdkörper nicht an zu interagieren, haben etwas Listenhaftes, dem nur mit viel Phantasie poetische Momente abgerungen werden können. Den »Ausflüge[n] in unser kollektives Bewußtsein, das sich im Internet offenbaren kann«, wie Fiedler im Nachwort Jan Kuhlbrodts zitiert wird, kommt er nicht bei. Die Sprache verliert ihre Agilität, wird zu Textsäulen eingefroren.
»Geometrie und Fertigteile« lockt mit einer Idee, die mehr Radikalität vermuten läßt, als sie in sich trägt. Nicht, weil der Band es nicht schaffen würde, die genannte Schlinge zu knüpfen, sondern weil das Format des Buchs sie eingrenzt. Vielleicht hätte Fiedler seine Texte als interaktive Grafik oder rhizomatische Tagwolke arrangieren, mit Hyperlinks versehen und als erschlagende Vielfalt auftreten lassen sollen. Das Nebeneinander, das er hier und da zuläßt, zeugt vom Versuch, den Input zu reduzieren, statt die Assoziationen wuchern zu lassen. Die Sprache wird festgenagelt.
Michael Fiedler: Geometrie und Fertigteile – Gedichte. Poetenladen, Leipzig 2012, 64 Seiten, 16,80 Euro
Viele Formen der Literatur leiden im Zeitalter der digitalen Information unter Vernachlässigung. DIe Lyrik, eine der beliebtesten literarischen Formen in China, ist das beste Beispiel.
„Die meisten Verleger wollen heute keine Gedichte veröffentlichen, weil es wirtschaftlich nicht lohnt“, sagte Hai Xiao, eigentlich Deng Liqun, der mit seiner Hai-Xiao-Trilogie 2006 bekannt wurde.
„In China gibt es heute höchstens 100 ‚echte‘ Dichter. Die meisten, die sich Dichter nennen, produzieren unoriginelle minderwertige Arbeit“, sagte er der Global Times.
Die Dichter suchen neue Wege, um diese Barrieren zu brechen.
Am 8.Juli wurde der „poetry film plan“ in Peking gestartet. Auf Initiative von Hai Xiao will das Programm 100 zeitgenössische chinesische Gedichte in kurzen Filmen präsentieren.
In Zukunft sollen auch klassische und ausländische Gedichte verfilmt werden.
Die erste Episode soll im Oktober herauskommen. Es geht um das Gedicht „Facing the Sea, with Spring Blossoms“ von Hai Zi (Zha Haisheng), 1964-89, einem einflußreichen modernen Dichter.
Die Filme sollen auch in Fremdsprachen übersetzt werden, darunter Englisch, Deutsch, Französisch und Japanisch.
Einige chinesische Wörter:
Literature:文学 (wén xué)
Poetry:诗歌 (shī gē)
Poet:诗人 (shī rén)
Lyrical:抒情的 (shū qíng de)
Aesthetics:美学 (měi xué)
In der Stadt Chefchaouen fand das 27. nationale Festival der modernen marokkanischen Lyrik statt. Das Festival würdigte in diesem Jahr das Schaffen des Dichters Mohamed Mimouni, der zu den Säulen der modernen Lyrik Marokkos gezählt wird.
Zum erstenmal waren auf dem Festival Amazigh-(Berber-)Poeten aus dem westlichen Rif vertreten, außerdem Dichter aus den Maghrebstaaten wie Bouzid Harzallah, Lamiss Saidi und Abdellah Hamel aus Algerien und Fatima Ben Mahmoud aus Tunesien. / Libération (Marokko)
Samstag 21.7.
15:00 bis 22:00
Literarisches Colloquium Berlin
Die Verlage A1 (München), Berenberg (Berlin), Bilger (Zürich), Dörlemann (Zürich), Edition Ebersbach (Berlin), Edition Korrespondenzen (Wien), kookbooks (Idstein/Berlin), Lilienfeld (Düsseldorf), Luxbooks (Wiesbaden), Mairisch (Hamburg), Matthes & Seitz (Berlin), Milena (Wien), Mitteldeutscher Verlag (Halle), Nimbus (Wädenswil), Poetenladen (Leipzig), salis (Zürich), Secession (Zürich), speak low (Berlin), Supposé (Berlin), Transit (Berlin), Verbrecher (Berlin), Voland & Quist (Dresden) und Das Wunderhorn (Heidelberg) mit ihren Autoren zu Gast im LCB
Zum siebten Mal lädt das LCB ausgewählte Verlage aus dem gesamten deutschsprachigen Raum an den Wannsee ein. Auch in diesem Jahr haben mehr als zwanzig Verlage unsere Einladung angenommen und stellen ihre Bücher und Autoren in entspannter Atmosphäre vor. Alle Literaturfreunde sind einmal mehr herzlich eingeladen zu stöbern, zu entdecken und sich auszutauschen. Für Speis und Trank ist gesorgt.
Programm:
15.40 Uhr
Patricia Klobusiczky liest aus Louise de Vilmorins „Madame de“ (Dörlemann)16.00 Uhr
Axel von Ernst liest aus Franz Hessels „Heimliches Berlin“ (Lilienfeld)16.20 Uhr
Kerstin Kempker liest aus „Das wird ein Fest“ (Nimbus)16.40 Uhr
Elisabeth Hager liest aus „Kometen“ (Milena)17.00 Uhr
Meike Schlüter liest aus Henri Fabres „Erinnerungen eines Insektenforschers“ (Matthes und Seitz Berlin)17.20 Uhr
Anila Wilms liest aus „Das albanische Öl oder Der Mord auf der Straße des Nordens“ (Transit)17.40 Uhr
Günter Herburger liest aus „Haitata. Kleine wilde Romane“ (A1)18.00 Uhr
David Wagner liest aus „Welche Farbe hat Berlin“ (Verbrecher)18.20 bis 19.00 Uhr
Pause19.00 Uhr
Katharina Bendixen liest aus „Gern, wenn du willst“ (Poetenladen)19.20 Uhr
Gerald Koll liest aus „henro boke“ (Edition Korrespondenzen)19.40 Uhr
Tim Herden liest aus „Toter Kerl“ (Mitteldeutscher Verlag)20.00 Uhr
Felix Mennen liest aus „Schwarze Sonne“ (Salis)20.20 Uhr
Norbert Lange liest aus „Das Schiefe, das Harte und das Gemalene“ (luxbooks)20.40 Uhr
Christian Ruzicska liest aus Jérôme Ferraris „Und meine Seele ließ ich zurück“ (Secession)21.00 Uhr
Rainer G. Schmidt liest aus Michael Palmers „Gegenschein“ (Kookbooks)
Eintritt 6 € / 4 €
Mit freundlicher Unterstützung der Leipziger Buchmesse.
Der Fall der 2 aserbaidschanischen Dichter Farid Huseyn und Shahriyar Hajizade, die im Mai nach Besuch eines Dichtertreffens von iranischen Sicherheitskräften verhaftet wurden, ist immer noch ungelöst. Das aserbaidschanische Außenministerium schickte dem iranischen Außenministerium 5 Noten, in denen Aufklärung über das Schicksal der Vermißten verlangt wird. Schließlich bestätigte das iranische Außenministerium die Verhaftung der beiden und beschuldigte sie ein nicht näher bestimmtes Verbrechen versucht zu haben. Der aserbaidschanische Konsul erhielt keine Erlaubnis, die Verhafteten zu besuchen.
Staatliche iranische Medien berichteten, die beiden seien wegen Spionage für Israel angeklagt. / Orkhan Satarov, Vestnik kavkasa 14.7.
In der Welt interviewt Elmar Krekeler Olga Martynova:
Das war am Beginn vom Ende der Sowjetunion. Konnte man da alles lesen, die Werke der Oberiuten etwa, jener Schule des Absurden um Daniil Charms, die auch immer wieder durch Ihre Texte geistern?
Von Charms war in der Sowjetunion der Achtzigerjahre zwar nicht alles, aber doch das meiste offiziell veröffentlicht. Die Gedichte der anderen wurden vor der Perestroika als Schreibmaschinenkopien weitergegeben. Das ist ja überhaupt die Hauptbeschäftigung eines Dichters in einem totalitären Staat: Wir waren immer auf der Jagd nach Texten.
So richtig gefährlich scheinen die russischen Absurden aber nicht gewesen zu sein. Helden und Widerständler waren sie nicht, schreiben Sie in ihrem neuen Band „Von Tschwirik und Tschwirka“.
Die meisten von ihnen wollten nur so wenig wie möglich mit diesem Staat und seiner Kultur und Literatur zu tun haben. Ich glaube aber, dass der Held und der Dichter zwei ganz unterschiedliche Berufe sind. Es gibt selbstverständlich Menschen, die versuchen, diese Berufe in einer, eben ihrer Person zu vereinen. Aber das gelingt meistens nicht: Gute Helden sind in aller Regel schlechte Dichter, und umgekehrt. Doch eine Position der Verweigerung darf man nicht unterschätzen. In einem totalitären Land ist es schon viel an Widerstand, wenn jemand in der Küche sitzt und nur frei denkt. Die meisten Menschen sind mit dem herrschenden Vorstellungssystem völlig einverstanden, sie nehmen es unkritisch an, und das ist auch das Ziel des Systems. Und wenn man das Andersgedachte dann noch aufschreibt und sei es in Form absurder oder komplizierter Gedichte, dann ist das nicht weniger wichtig als politischer Widerstand. In einer Gesellschaft, in der es unmöglich war, über Politik zu sprechen, weil Politik wie eine tägliche Naturkatastrophe war, die man hinzunehmen gelernt hatte, ist das Absurde per se politisch.
Die Organisatoren wollen die Zuschauer Kultur auf eine ganz andere Art erleben lassen, das Royal Opera House lädt zur neu kommissionierten Oper „Die Eule und das Kätzchen“ ein, nach einem Gedicht von Edward Lear, geschrieben von Monty-Python-Mitglied Terry Jones. Aufgeführt wird sie an den Londoner Kanälen, sagt Regisseur Martin Constantine:
„Die Oper passt zur Tradition der englischen Absurdität und des Surrealismus, Terry Jones erzählt wie die beiden alle Hindernisse überwinden und wie die Liebe am Ende siegt. Die Oper wird zuerst in Westlondon aufgeführt und dann wechseln wir in den Osten bis wir im Olympischen Park sind.“ / ORF
Bei Fixpoetry ein schönes Gedicht von André Schinkel:
Den Minotaurus erlegen
Wir sind, um den Minotaurus zu erlegen: der
Unsere Jungfern frißt, der in den Labyrinthen
Die Knochen verstreut, eine Spur zu legen
Für uns. Jäger sind wir, von Jägern Gejagte,
Mit flatternden Lanzen, lächerlichen Gehörnen,
Durchschrittenen Hufen. Wir sind, um den
Minotaurus zu töten: scharf prallen die Schwerter
Gegen die Spiegel, zersplittern die Fesseln;
Und jeder Blick fällt in uns, unsere Milliarden
Mägen, die an uns verdaun.
Schön meint: es liest sich gut. Der Minotaurus wird dreimal genannt, zweimal die kühne Konstruktion: „Wir sind, um den M. zu erlegen“. Was läßt mich zögern? Man weiß nicht genau, wo es hinausläuft. Vielleicht der Schluß, die Milliarden – soviele Menschen gabs in der Antike nicht. Aber das ist recht wenig. Nein, es wird mir nicht zwingend. Liest sich gut (nicht so blechern wie manches von Grünbein), aber zu wenig Biß.
Ich las grad Dirk Uwe Hansens doppelte Sappho-Nachdichtung. Einmal in schnörkellose Prosa und daneben die Umdichtung. Den steinalten Fragmenten wird Modernität wiedergegeben – die sie zweifellos hatten, vor 2600 Jahren. Ähnliches fand ich bei dem chinesischen Künstler Walasse Ting, der 1000 Jahre alte chinesische Klassik in ein Pidgin English übersetzt:
Large Bed
She smells like garden
Flower gone, my bed too large
Already three years
Fragrance not gone
She not return
Bed still too large
(Nach Li Bai)
Die alten Dichter aus Griechenland und China klingen mir zeitgenössischer als der Zeitgenosse. – Der Schluß von Schinkels Gedicht erinnert mich an ein Gedicht von Karl Mickel, von dem ich vermute, daß er Schinkel auch viel bedeutet. „Ich lieg und verdaue den Fisch“. So endet das berühmte Gedicht „Der See“, um das Mitte der 60er eine heiße Debatte entbrannte – Tugendwächter wollten die Lyrik des Ländleins DDR vor Irrwegen bewahren. (Ihre Stimme schallt auch heut ohne Ende, ich glaube, auch Horaz und Li Bai blieben von ihr und von ihnen nicht verschont.) Aber Mickel setzte sich durch. Antikebezüge gibts in „Der See“, „Die Elbe“ oder „Hippopotamos“ – Gedichte, die heute dem Bildungsbürger, der vielleicht seinen Grünbein in der FAZ liest, auch gefallen könnten. Fast auch gefallen könnten. (Nein, doch eher nicht. In einem Nachruf stand: “Die Deutschen haben einen großen Dichter verloren. Weiß der Himmel, ob sie verdienen, dass sie es merken.”).
Ich entscheide mich für das vielleicht drastischste seiner „Antiken“: Ode nach Horaz II/13. Horazens Ode ist rätselhaft, aber der Schalk blitzt doch sehr deutlich hervor. Er hat sich, scheints, den Kopf von einem herabfallenden Ast verletzt und flucht wie ein Bierkutscher auf den der ihn dort pflanzte. Horaz geht recht frei mit dem Mythos um. So versetzt er Orion vom Himmel (wo er bis heute als Sternbild glänzt) in die Unterwelt. Rudolf Alexander Schröder übersetzt im Versmaß inclusive damit verbundener Verrenkungen, so daß das Geschimpf recht abgemildert klingt: „Der Wehrmann scheut des parthischen Bogners Flucht, / Lateinerfaust und Fessel der Partherschütz“, häh? Mickel nimmt den Dichter als Zeitgenossen. Er verfährt ähnlich frei wie Horaz mit ja auch schon tausendjähriger Überlieferung. Bei ihm spielt die Szene in seiner Berliner Wohnung, die so leichtgebaut ist, daß die Nachbarn alles mithören müssen; den Klogang einbegriffen. Tür nicht laut schließen! Den Bogen zum Ruhm des Gesanges kriegt er trotzdem:
Ode nach Horaz II/13
Scheißkerl, der du mein scheiß Haus bautest,
Verflucht bist du mit deinen Voreltern!
Den kleinsten Raum der Wohnung mir herrichten
Daß der mich hinrichtet! der Blitz
Soll dich beim Scheißen erschlagen, du Kackarsch!
Wer bestach dich und mit wie Viel
Mich, den Dichter, zu weglagern?
Auf mich stürzte die Scheißhausdecke
Wenn ich gesessen
Hätte! als sie herabbrach, von außen
Warf ich die Tür zu: zärtlich. Ätzende Nebel!
Donner! als wüte der Abgrund, in dem ich
Läge jetzt, kalkbeworfen, wenn lautarsch
Ich erschüttert hätte das Bauwerk rechtzeitig.
Der dich bezahlte, der wußte, daß ich
Schallend furze: aufs Heiligste, bei dem Beruf!
Ein Leiseschiß und ich bin gerettet!
Der Erfinder des Schiffs ist der Erfinder des Schiffbruchs
Damoklesdecken von VEB Volksbau
Niedrigste Kosten äußerster Nutzeffekt
Maurer meucheln Maurer, Klempner Klempner
Soldaten Soldaten, die Arschficker!
Wie soll die Nachwelt aus vollen Latrinen
Rekonstruieren die Hälfte der Menschheit
Wenn ich nicht dichte? Achgehtmirwegihr!
Das ist doch von anderm Holz. Der feiert die Antike nicht, oder nur indem er sie ernstnimmt.
Der Altphilologe, der an der Universität Greifswald unterrichtet, macht zweierlei Dinge mit Sapphos Texten, die die Zeit auf Papyri bzw. Scherben überdauerten: Er liefert eine Übersetzung des Originaltextes, den er der Ausgabe von Eva-Maria Voigt folgend nummeriert. Diesen Übersetzungen sind Nachdichtungen beigegeben, die den Text gewissermaßen noch einmal illuminieren beziehungsweise in einzelnen Facetten spiegeln. Das Ergebnis ist beachtlich.
Im Grunde werden durch diese Methode die Fragmente noch einmal fragmentiert, dabei entstehen Texte, die so etwas wie eine regenerierte Einheit sind. Das Fragment als Fragment feiert seine unzerstörbare Substanz darin. Ich erschrecke selbst ein wenig vor dem Pathos, das in dieser Formulierung liegt, aber angesichts des Entstandenen scheint es angebracht. Außerdem erhalten Texte die vor ca. 2600 Jahren entstanden sind, ein zeitgenössisches Pendent.
Und vielleicht ist es ja auch so, dass alle Übersetzerinnen und Übersetzer, aber auch Leserinnen und Leser, Medien sind, durch welche Sapphos Texte in einer je besonderen Form wirken. Bei Hansen eben in der Fragmentierung des Fragments. Denn so muss er nicht vor der „ganzen“ Fülle und Bedeutsamkeit des Originals und der übergroßen Anzahl der Übersetzungsversuche kapitulieren, sondern setzt ihnen eine Einzelheit entgegen in einem eigenen Licht. / Jan Kuhlbrodt, fixpoetry
Sappho – Scherben-Skizzen. Übersetzungen und Nachdichtungen von Dirk Uwe Hansen, ISBN 978-3-940531-70-4
Udo Degener Verlag Potsdam 2012
[Tomas Venclovas] Lyrik ist widerständig, kritisch, aber dabei immer zutiefst poetisch, streng in der Form, das Gestern und Heute verbindend. Gedichte, von denen der Lyriker Durs Grünbein sagt: „Sie gehören zum Unzeitgemäßesten, was die zeitgenössische europäische Poesie zu bieten hat.“ Eine Entdeckung. / Stefan Brams, Neue Westfälische
John Timberman Newcomb glaubt, daß die Lyrik in den letzten Jahren an Ansehen verloren habe. In der Einleitung zu seinem neuen Buch How Did Poetry Survive? The Making of Modern American Verse (University of Illinois Press) meint er, die amerikanische Lyrik habe sich „“von der modernen sozialen Erfahrung entfernt“ mit dem Ergebnis, daß Lyrik kaum noch als „Literatur“ angesehen werde.
Das sei nicht das erstemal, daß ihr Stern gesunken sei. In seinem Buch verfolgt er die wechselnden Geschicke der Lyrik an der Wende zum 20. Jahrhundert und meint, daß die Beschäftigung der Dichter mit modernen Gegenständen wie der Industriestadt und mit dem „ganz normalen Leben“ eine Hauptrolle dabei spielte, daß sie an Relevanz zurückgewinnen konnte. / Serena Golden, Inside Higher Ed
Mit dem Buch verbunden ist eine companion web anthology mit dem vollständigen Text aller im Buch erwähnten Gedichte.
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