Einer der eigenwilligsten deutschen Lyriker lebt in Mainz – in seiner inhaltlichen wie formalen Eigenart darf er zu den bedeutendsten Lyrikern der deutschen Gegenwart gezählt werden, das Werk in stark profiliertem Stil ist unverkennbar: Morgen feiert Jürgen Kross seinen 75. Geburtstag. / Frank Wittmer, Allgemeine Zeitung
„Die Durchsuchung dauerte die ganze Nacht. Sie hielten nach Dichtung Ausschau und stampften über Manuskripte hinweg, die aus der Truhe geworfen worden waren. Wir alle saßen im Zimmer. Es war sehr still.“
Dies ist keine Beschreibung einer Hausdurchsuchung bei Mitgliedern der russischen Punkband Pussy Riot – die Lyrikerin Anna Achmatowa notierte diese Sätze über die Verhaftung des Dichters Ossip Mandelstam im Mai 1934, nachdem er ein kritisches Gedicht über den sowjetischen Diktator Stalin geschrieben hatte: „Seine dicken Finger, fettig wie Würmer, / und seine Worte – wie Zentnergewichte. / Um ihn herum das Pack der dickhäutigen Führer, / er spielt mit den Diensten der Halbmenschen.“ Mandelstam schwor seinem Gedicht, ähnlich wie die Frauen von Pussy Riot, auch während der Verhöre nicht ab – im Gegenteil, er schrieb es für seine Peiniger nieder. / Matthias Zwarg, Freie Presse 25.8.
Zwei Zufallsfunde. Hier 3 Gedichte von Franz Hodjak (Siebenbürgische Zeitung), hier 3 von Horst Samson. Zwei Autoren, die ich vor drei Jahrzehnten in einer in Rumänien auf schlechtem Papier gedruckten deutschsprachigen Zeitschrift kennenlernte: Neue Literatur. Daneben Prosa von Herta Müller und Gedichte von Richard Wagner, Klaus F. Schneider und ein oder zwei Handvoll anderen Autoren. Ich schrieb eine kleine Rezension: „Unbekannte Literatur, die uns angeht“.
Einige leben unter uns, einige haben es da nicht ausgehalten, vielleicht leben ein, zwei in Rumänien. Ein mächtiges Häuflein.
„Von der Heide“ war die einzige deutschsprachige, literarisch-kulturelle Monatsschrift im Banat im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts. Zielgruppe waren die deutschen Minderheiten der östlichen und südöstlichen Regionen Österreich-Ungarns. Den inhaltlichen Schwerpunkt bildete das literarische Schaffen von deutschsprachigen Autoren aus dem Banat, Siebenbürgen und der Bukowina. Daneben fanden sich auch Texte von rumänischen, serbischen und ungarischen Literaten in deutscher Übersetzung. (…)
In Deutschland befindet sich eine Reihe von Exemplaren der Zeitschrift verstreut in rund zehn Bibliotheken. Eine nutzbare, komplette Fassung ist in keiner Bibliothek verfügbar. Aus dieser Situation entstand die Idee, die Zeitschrift zu digitalisieren und für ein interessiertes Publikum online zur Verfügung zu stellen. Auf Anregung der Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus in Düsseldorf und der Stiftung Martin-Opitz-Bibliothek in Herne erfolgte Ende 2011 in einem ersten Arbeitsschritt die Zusammenstellung der verstreuten Zeitschriftenbestände zum Zweck der Digitalisierung. / M. Polok, Siebenbürgische Zeitung
Obwohl Octave Mirabeau ihn schon früh in der Zeitung „Le Figaro“ als „belgischen Shakespeare“ feierte, erwarb Maeterlinck seine entscheidenden Verdienste nicht auf dem Gebiet des Theaters, sondern auf dem der Lyrik. Der Poesie wohnte für ihn stets etwas Mystisches inne: „Die Dichtung in ihrer höchsten Form hat kein anderes Ziel, als die Wege vom Sichtbaren zum Unsichtbaren offen zu halten.“ Insbesondere seine symbolistische Verssammlung „Treibhäuser“, mit der er 1889 debütierte, regte zahlreiche Avantgardisten von Andre Breton bis hin zu Guillaume Apollinaire an. Hermann Hesse zufolge gefiel sich der Verfasser darin „in der Pose des Decadent“, der „nervös und lüstern nach extravaganten Reizen und raren, künstlichen Sensationen“ haschte. Die Strophen sind geprägt von Melancholie und Schwermut: „Zu einer Glocke von blauem Kristall / werden meine müden Traurigkeiten / und meine dunklen Schmerzen weiten / sich zu Gebilden überall.“ Dieser Ton begeisterte die Expressionisten stark. Gottfried Benn zählte Maeterlinck deshalb zu denen, „die uns beeinflussten, uns banden, aber die wir auch überwinden mussten, um zu uns selber zu gelangen“. …
Ermutigt durch die namhaften Schriftsteller Stephane Mallarme und Auguste Villiers de l’Isle-Adam begann er mit Sprachexperimenten, die ihn in das Reich des Grotesken, Absurden und Abgründigen führten. 1911 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Die Begründung lautete: „Maeterlinck schreibt mit der Vorstellungskraft eines Traumwandlers und dem Geist eines träumenden Visionärs, aber immer auch mit der Präzision eines großen Künstlers.“ Acht Jahre später erhob ihn der belgische König Albert I. in den Grafenstand. / Ulf Heise, Märkische Allgemeine
Der Gewinner des Booker-Preises, der Romanautor Ian McEwan besteht darauf, daß er kein britischer Autor sei, sondern ein englischer, und daß englische und schottische Autoren kulturell verschieden seien und unterschiedliche Wurzeln und Schreibweisen haben.
Bei einer öffentlichen Diskussion mit Alex Salmond, dem schottischen First Minister, während des internationalen Buchfestivals in Edinburgh sagte er, seiner Meinung nach hätten getrennte literarische Kulturen die Vereinigung zwischen England und Schottland vor drei Jahrhunderten überlebt.
Es gebe keine britischen Autoren, sagte er, man nenne ihn so, aber er halte sich für einen englischen Romanautor. Es gebe keine britischen sondern nur schottische Dichter und englische Romanautoren. Wie beim Fußball haben wir in der Poesie unsere getrennten Traditionen bewahrt.
Er sei überrascht, daß Salmond den englischen Lyriker Philip Larkin und den walisischen Dichter RS Thomas liebe. Salmond, der Vorsitzender der Scottish National Party ist, sagte, für ihn sei Britishness Teil einer mehrschichtigen schottischen Identität.
McEwan betont dagegen, die literarischen Kulturen hätten sich nicht vereinigt. Es gebe starke Gründe dafür. Imagination habe eine spezifische Eigenschaft, die eng mit Landschaft und dem Lokalen verbunden sei, der Gemeinschaft, der Nachbarschaft. Selbst die Entstehung des modernistischen Romans mit einem gewissen internationalistischen Beigeschmack, „nehmen Sie Ulysses: was könnte lokaler und provinzieller sein und raum- und zeitspezifischer, und doch ist es die modernistische Bibel, der zentrale Text.“ / Severin Carrell, Guardian 22.8.
Der Literaturwissenschaftler Max Kommerell schrieb: „Über Gedichte ist schwer reden.“ Doch unumstritten ist sie die schillerndste, vielleicht kreativste aller literarischen Gattungen – ihrer Poesie, im wahrsten Sinne, kann sich nur entziehen, wer sich der Hingabe an das spielerische Wort zu verschließen vermag. Die Karlsruher Literaturzeitschrift „Allmende“ widmet ihre 89. Ausgabe nun der modernen ästhetischen Wortkunst, mit Beiträgen namhafter und junger Autoren.
Gedichte verschiedenster Form bilden den Schwerpunkt des Hefts. Besonders bemerkenswert sind zum Beispiel die Gedichte der jungen Autoren Nora Bossong oder Alexander Gumz, dem diesjährigen Clemens-Brentano-Preisträger. Daneben stehen Essays zu verschiedenen Aspekten der lyrischen Welt. Lesenswert ist da ein Plädoyer an das lyrische Du von Christophe Fricker, wie es in Werken Stefan Georges zelebriert wird. Aber auch der Essay von Matthias Göritz, der sich auf vielschichtige Art mit der Frage nach dem politischen Gedicht in unserer Zeit beschäftigt und die Notwendigkeit unterstreicht, beschreibende und besänftigende Worte zu finden für die, angesichts der schrecklichen Katastrophen unseres Jahrhunderts, verstörte Seele. / Anna Suckow, Mannheimer Morgen
„Leichensache, Sterbezeit, Blutskizze – dass es sich bei diesen Büchern nicht um Lyrik handeln kann, sagen schon die Titel. “ / WAZ
Habt ihr ne Ahnung!
Hier als kleiner Service eine winzige Auswahl einschlägiger Gedichttitel. Bei Interesse fragen Sie mich.
Jan Kellendonk beendet seine zehnteilige Serie zur Tang-Lyrik mit
Über 50 Autorinnen und Autoren aus Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt haben sich bislang mit insgesamt über 130 Gedichten am 1. Walter Werner-Lyrikpreis beteiligt.
Der vom Verein Provinzkultur e.V. und der Stadtbücherei Suhl ausgeschriebene Preis würdigt den Südthüringer Dichter Walter Werner, der in diesem Jahr 90 Jahre alt geworden wäre. Einsendeschluss für den Wettbewerb, bei dem für den Sieger 1000 Euro Preisgeld ausgelobt sind, ist der 31. August 2012. Bis dahin besteht für alle Interessierten noch die Möglichkeit der Teilnahme. Unter dem Thema „Traumtänze“ können von den Teilnehmern mit Hauptwohnsitz in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt maximal drei bislang unveröffentlichte Gedichte pro Autor/in eingereicht werden. / Thüringer Allgemeine
Heute Abend findet in Hochstadt die zweite Lyriknacht statt. In Erinnerung an den 2008 verstorbenen Frankfurter Schriftsteller Horst Bingel gibt es ein sommerliches Fest mit prominenten Gästen wie Franz Mon, Thomas Rosenlöcher und Andreas Altmann. / FR
In Rumänien wird der moralischen Aufarbeitung der Ceausescu-Diktatur kein hoher Stellenwert beigemessen. Dass der Hofdichter Ceausescus, Adrian Paunescu, kürzlich an prominenter Stelle in Bukarest eine Büste erhielt, spricht Bände. / Corina Bernic, NZZ
Erfolge gibt es keine – wer das versteht, kann auch schreiben. Das heisst nicht, dass es keine Anerkennungen gibt, keinen Zuspruch, keinen Ruhm und kein Geld; nur ist das kaum mehr als partielle Schmerzlinderung. Es hilft dem materiellen Überleben, ist aber immer nur Ersatz und kann die innere Logik des Scheiterns, die in der Sache selbst begründet liegt, nie ausser Kraft setzen. Die Sache: Das ist die immerwährende Differenz der poetischen Schrift zur Welt, in der sie erscheint. Jede Kommunikation erfüllt sich nach Art und Weise eines Arrangements der Missverständnisse; ein positives Arrangement ist die Übereinkunft im Irrtum, und sie wird immer erst dann brüchig, wenn ein Text nächsthöherer Ordnung den Hinweis auf diese Störungen liefert. Das ist die Wirkungskraft der Poesie: die falsche Gültigkeit der Diskurse zu durchbrechen und für eine Neugründung der Gedankenwelt zu sorgen. Dieser grandiose Anspruch aber zerfällt an sich selbst im Augenblick der Gewahrwerdung, auch nur eine Differenz im Feld von Differenzen zu sein – und das ist das unabdingbare Scheitern. (…)
Die falsche Förderung ist gemeingefährlich und schafft die Talente gleich wieder ab, die gerade erst publizistisches Licht gesehen haben; sie illusioniert und sorgt für falsche Verhältnismässigkeiten. Die Zeit der «Fräuleinwunder» ist wohl vorbei – aber wie gross das Wertkapital Jugend auch in der Literatur geworden ist, kann nur erschrecken. Und dahinter steht immer ein Funktionsinteresse: Werte aufzubauen, um sie demontieren zu können. Die Besprechungskurven zeichnen das gut sichtbar nach. Eben noch war uns der Heiland erschienen, und schon ist es Abfall. Je höher das Lob, umso tiefer der Fall. / Kurt Drawert, NZZ
Auszug aus dem Band «Schreiben. Vom Leben der Texte», der im September bei C. H. Beck erscheint.
Literaturwerkstatt Berlin
Programm Sept/Okt 2012
Mo 3.9. 20:00
Start in die Saison
Mit Volker Braun (Autor, Berlin), Sabine Scho (Autorin, Sao Paulo und Berlin), Ricardo Domeneck (Autor, Berlin und Sao Paulo), Ulf Stolterfoht (Autor, Berlin), Ulrike Almut Sandig (Autorin, Berlin), Marlen Pelny (Musikerin, Berlin)
Wir eröffnen die Saison mit neuen Texten, Projekten, Performances, mit Musik und einem Glas Wein – seien Sie dabei!
Volker Braun (*1939 Dresden) beginnt den Abend mit neuen poetischen Versen. Seine ersten Gedichte schrieb er als »Provokation für mich«, eine Herausforderung für den Leser sind seine Texte geblieben, immer ein Anstoß zum Mit-Denken.
Die Dichter Sabine Scho (*1970 Ochtrup, jetzt São Paulo) und Ricardo Domeneck (*1977 Brasilien, jetzt Berlin) bringen das große Fressen und Gefressenwerden in den Metropolen auf die Bühne. In Ton und Bild nehmen beide die Zuschauer mit auf eine Expedition von Berlin nach São Paolo und zurück.
Ulf Stolterfoht (*1963 Stuttgart) und Das Weibchen feat. DJane Husserl bewegen sich in Richtung Performance und biegen Husserlsche Texte hin zum Rap. Ulf Stolterfoht wurde mit den Gedichtbänden »fachsprachen« und »holzrauch über heslach« als Dichter weithin anerkannt.
Ulrike Almut Sandig (*1979 Großenhain) hat im Projekt »Venustransit« (siehe auch die Veranstaltung am 4.10.) mit der neuseeländischen Autorin Hinemoana Baker gearbeitet, ihre Texte übersetzt und in eine Audioperformance verwandelt. Abschließend spielt sie mit Marlen Pelny ein kleines Konzert auf eigene Texte.
Das Glas Wein danach lädt zum Gespräch.
Di 4.9. 20:00
Klassiker der Gegenwartslyrik: Johannes Kühn
In Lesung und Gespräch: Johannes Kühn (Lyriker, Hasborn), mit Irmgard und Benno Rech (Germanisten, Thalexweiler) Moderation: Sebastian Kleinschmidt (Essayist, Chefredakteur von Sinn und Form, Berlin)
Eine der eigenwilligsten Stimmen der deutschen Poesie gehört Johannes Kühn (*1934 Bergweiler). »Ich Winkelgast« nennt er sein dichterisches Alter Ego. Das Dorf Hasborn ist sein Kosmos. Im Gasthof sitzend, wandernd durch das Schaumberger Land, nimmt der Dichter es mit der Welt auf. Seit Jahrzehnten schreibt er jeden Tag drei Gedichte. »Der Dichter wartet nicht auf Stimmungen. Er holt sich ein weißes Blatt Papier und beginnt mit dem Schreiben.« Mit dem Ehepaar Rech, seit vielen Jahren seine Mentoren, werden die Texte täglich diskutiert.
Seine Naturlyrik steht in der Tradition Hölderlins, Mörikes und Trakls, sie ist hoch rhythmisch und frei schwingend. »Es tritt die Nacht sich selber auf die Schleppe / und stolpert, dass der Himmel schwankt«. Seine Stimme ist so unverwechselbar, dass Peter Rühmkorf vom »Kühn-Sound« sprach.
Die klassische Anmut des Tones und die Genauigkeit der Beobachtung fanden schnell Bewunderer unter den Kollegen. »Ich Winkelgast« (Hanser Verlag 1989) war der erste Band, der großes Publikum fand. 21 Gedichtbände hat er veröffentlicht, überdies Theaterstücke und Märchen. Zuletzt erschien der Gedichtband »Ganz ungetröstet bin ich nicht« (Hanser Verlag 2007). Über sein Werk spricht Johannes Kühn mit Sebastian Kleinschmidt, Essayist und Chefredakteur der Zeitschrift Sinn und Form.
Die Reihe der Literaturwerkstatt Berlin gibt den Klassikern der Gegenwartslyrik das Wort. Sie stellt jene Autoren vor, ohne die die deutschsprachige Lyrik nicht das wäre, was sie heute ist.
aus jederzeit gegebenem Anlaß:
Every form of contestation against this tyranny is comprehensible. Dialogue with it is impossible. For us to live and die properly, things have to be named properly. Let us reclaim our words.
This is written in the night. In war the dark is on nobody’s side; in love the dark confirms that we are together.
– john berger
Stolen from: Four Minutes to Midnight: Issue Eleven—Happy Hour by F.A. Nettelbeck
Poet F.A. Nettelbeck passed away on January 20, 2011. He was 60 years old.
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