124. La Luna Luna

Margarete Biereye erzählt mehrere solcher kleinen Begebenheiten, die sich wie Puzzleteile fast zwingend zu dem Stück „La Luna Luna“ fügen und ihr immer wieder aufs Neue gezeigt haben, dass die Zeit für Lorca und das Wandertheater Ton und Kirschen endlich gekommen war. Sie spricht von der Entdeckungsreise, die diese tiefe Auseinandersetzung mit dem spanischen Dichter gewesen ist. Im März waren sie dann mit „La Luna Luna“ beim Teatro Libre de Chapinero in Kolumbien. Dort, wo Federico García Lorca noch heute ein hoch geschätzter Dichter ist. Sie haben vor 6000 Leuten gespielt. Ihre Befürchtung, dass die Leute vielleicht schon während des Stückes gehen würden, hat sich nicht erfüllt. Im Gegenteil, die Leute kamen zu den anderen Vorstellungen sogar wieder.

„La Luna Luna“ sei im Grunde weniger ein Theaterstück, sondern ein großes Gedicht. So wie die Gedichte Lorcas kleine Theaterstücke sind, sagt Margarete Biereye. Und manchmal braucht es Zeit, bis sich deren Zauber öffnet. / Dirk Becker, Potsdamer Neueste Nachrichten

123. Ein guter Tag für die Lobby

Die deutschen Zeitungsverleger sind ihrem Ziel, Information zu monopolisieren, durch das nun drohende Leistungsschutzrecht einen Schritt näher gekommen. Die Politik ist vor der Lobbymacht der Medien in die Knie gegangen. Wir verzichten heute auf unsere Presseschau, um diesen Einschnitt in der Geschichte der freien Öffentlichkeit in Deutschland ausführlich zu würdigen.

Aus Solidarität mit Google? Nein, sondern weil man den Propagandaartikeln der Presse etwas entgegensetzen muss. Nein, sondern weil Informationen im Internet per Link zirkulieren und weil nicht einzusehen ist, dass bestimmte Akteure der Informationsgesellschaft diesen Strom auf die eigenen Äcker umleiten können. Journalisten beziehen einen riesigen Teil ihrer Informationen aus dem Internet – natürlich über Google, aber auch über Blogs, den Perlentaucher oder soziale Medien: Was zahlen sie denn dafür? (…)

Der Jubel der Medien über das Leistungsschutzrecht offenbart zugleich ihren Funktionsverlust als Träger der freien Öffentlichkeit. Journalisten hatten nicht den Mut, sich gegen diesen Angriff auf die Öffentlichkeit zu wehren. Im Gegenteil: Heroen der freien Meinung wie Heribert Prantl sprachen von „journalistischem Eigentum“, das möglichst zu schützen wäre. Herolde der Liberalität wie Rainer Hank möchten an jeder Ecke, wo „geistiges Eigentum“ gefährdet ist, einen Polizisten aufstellen.

Darum ist der Titel des heutigen FAZ-Kommentars zum Leistungsschutzrecht der Gipfel des leserverarschenden Zynismus: Von einem „guten Tag für die Freiheit“ spricht Reinhard Müller da. (…)

Wir fürchten, demnächst ist die Zeit reif für einen Nachruf. Das Internet war erfunden worden von den schon genannten Programmieren und Pionieren wie Jimmy Wales. Aber es ist von allen Seiten umstellt: Es haben sich neue Konzerne an dieser öffentlichen Struktur gemästet, die nun drohen, sie zu ersticken. Sie heißen nicht nur Google, sondern auch Apple, Amazon und Facebook. Und die alten Medienkonzerne unterbrechen den freien Fluss der Informationen, der Bildung und Erbauung durch immer neue Fristverlängerungen auf Urheberrechte, durch Leistungsschutzrechte, durch Fristverlängerungen auf Leistungsschutzrechte bei Musik, durch Three-Strikes-Regelungen, durch präventive Überwachung der Bürger, die von Journalisten selbst befürwortet wird, durch Unterminierung von Open Access und alle möglichen anderen Maßnahmen.

Titel des Nachrufs: „Das Internet war eine Episode der Freiheit“.

Thierry Chervel, Anja Seeliger / Perlentaucher

122. Relevanz

Über den russischen Dichter Arseni Tarkowski gibt es Wikipediaartikel in 14 Sprachen. Deutsch ist leider nicht dabei. Wenn man den Namen beim Artikel über seinen Sohn, den Filmregisseur Andrej Tarkowski, anklickt, landet man auf einer Seite, die über die Löschung des Artikels informiert und dazu einlädt, selber eine solche Seite zu schreiben. Am besten erst mal auf einer Spielwiese, denn Wikipedia ist ein seriöses Unternehmen und nimmt nicht alle unrelevanten Informationen. Was relevant ist, entscheiden wichtige Menschen mit sehr wichtigen Gründen, nichts für unsereins.

Hier der Ersatzartikel, der über Verfahren  und Löschungsgeschichte informiert. Der 2007 gelöschte Eintrag war in der Tat sehr einsilbig, aber von ihm hätte man immerhin auf gehaltvollere Artikel in anderen Sprachen wechseln können. Und warum die 2010 gelöschte Seite „Unsinn“ war, geht aus dem Text nicht hervor. Irgendwas läuft da schief.

„Arseni Alexandrowitsch Tarkowski“

Hier kannst du einen neuen Wikipedia-Artikel verfassen. Eine Anleitung für Anfänger findest du unter Wikipedia:Dein erster Artikel.

Beachte dabei:

  • Der Gegenstand muss die Wikipedia-Relevanzkriterien erfüllen. Bei Unklarheiten vor Verfassen des Artikels erteilt derWikipedia:Relevanzcheck eine unverbindliche Einschätzung durch erfahrene Benutzer.
  • Die enzyklopädische Relevanz ist im Artikel darzustellen. So werden unnötige Löschdiskussionen vermieden.
  • Der Artikel muss das Mindestniveau erfüllen und soll durch Quellen belegt sein.

Es passiert leider zu oft, dass schlechte Artikel gelöscht werden müssen.
Wenn du das Erstellen oder Bearbeiten von Artikeln erst einmal ausprobieren möchtest, nutze bitte die „Spielwiese“.

Achtung: Du erstellst eine Seite, die bereits früher gelöscht wurde.

Diese Seite wurde bereits früher gelöscht. Bitte prüfe, ob eine Neuanlage sinnvoll ist und den Richtlinien entspricht. Falls die Seite nach einer regulären Löschdiskussion gelöscht wurde, wende dich bitte an die Löschprüfung.

Logbucheinträge:

121. Arseni Tarkowski

Im Jahr 1962, in welchem der erste Film des 1932 geborenen Andrei Tarkowski („Iwans Kindheit“) auf die Leinwand kam, erschien auch der erste Lyrikband seines 55-jährigen Vaters. Bald darauf wurde er zum „alten Tarkowski“, einem Splitter der russischen Moderne, des „silbernen Zeitalters“. Er sagte es selbst: „Ich bin der Jüngste in der Familie der Menschen und der Vögel, zusammen mit ihnen allen hab ich gesungen.“ Der Jüngste, der alle großen russischen Dichter des XX. Jahrhunderts beweinen durfte. Zugleich war er der Älteste. Die letzte Stimme des nichtsowjetischen Russlands. Dafür wurde er bewundert – als ein (als das!) Bindeglied zwischen uns und der früheren Kultur. Das Wortfleisch seiner Gedichte schien nicht von der Sorte zu sein, die im Angebot war – nicht von der sowjetischen. Sie waren einfach in einer anderen Sprache geschrieben, in einem anderen Russisch. / Oleg Jurjew, Tagesspiegel

120. Leistungsschutz

Netzpolitik.org berichtete am Dienstag, das geplante Leistungsschutzrecht für Presseverlage (LSR) werde am Mittwoch Thema im Bundeskabinett sein. Der Sozialdemokrat Jan Mönikes veröffentlichte Änderungen zum bisherigen Entwurf. iRights.info veröffentlicht nun die aktuelle Version im Volltext. Gegenüber den bekannten Formulierungen findet sich darin eine Erweiterung, wonach nicht nur gewerbliche Anbieter von Suchmaschinen vom LSR betroffen sind, sondern auch „gewerbliche Anbieter von Diensten (…), die Inhalte entsprechend aufbereiten“. Darunter könnten News-Aggregatoren wie Virato, Rivva und Nachrichten.de fallen. Die Formulierung bietet neuen Zündstoff für die Debatte um das LSR. So gehört Nachrichten.de selbst zu einem der großen Presseverlage, dem Burda-Konzern.

Der entsprechende Passus im Originaltext:

„(4) Zulässig ist die öffentliche Zugänglichmachung von Presseerzeugnissen oder Teilen hiervon, soweit sie nicht durch gewerbliche Anbieter von Suchmaschinen oder gewerbliche Anbieter von Diensten erfolgt, die Inhalte entsprechend aufbereiten. Im Übrigen gelten die Vorschriften des Teils 1 Abschnitt 6 entsprechend.).“

iRights.info

119. Die erste Lesung

1963 fand im Wiener Café Hawelka die erste öffentliche literarische Lesung in Österreich statt: Elfriede Gerstl trug Gedichte vor, die sie unter dem Titel «Gesellschaftsspiele mit mir» gesammelt hatte. Die Jüdin, die, mit ihrer Mutter von Wohnung zu Wohnung fliehend, den Verfolgungen des Nationalsozialismus entkommen war, begründete damit eine Einrichtung des literarischen Lebens, die sich schliesslich in allen grossen Städten zu Literaturhäusern auswuchs.

Gerstls «wenig übliche Gedichte» – so der Untertitel ihrer Sammlung – würden im Literaturhaus von heute aber kaum noch Anklang finden. Zwar das erste Wort, das damals erklang, «Ophelia», und das folgende Gedicht möchten noch immer ein auf Erzählung, Moral und Verständlichkeit achtendes Publikum zufriedenstellen: «Sie hatte ihren Namen vergessen / sie ging auf lautlosen Zehen / rund um den Mondhof / ging um / um ihren Namen / Ophelia / in einem grossen Kreis.»

Der verträumte Klang des Gedichts ist anrührend, aber nicht typisch für die Poetin. Schon in anderen Texten ihrer ersten Sammlung deuten sich Ironie und Selbstironie an, wie sie dann aus allen ihren Werken, neben Gedichten Hörspiele und Romane, dem Leser entgegentreten. Bereits bei dieser ersten Lesung hatte Gerstl ihre ungewisse Position im Kreis der Zuhörer, zu denen Oswald Wieler [! Wiener] und Konrad Bayer gehörten, skeptisch charakterisiert: «und noch in weitem Umkreis standen Pessimisten / Skeptizisten / und Agnostizisten / die wärmten sich alle / an meiner Begeisterung / und rieben sich die Hände.» Wer von der Begeisterung der anderen redet, ist selbst nicht begeistert: «Etwas wie Pathos», so schreibt die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek über die befreundete Dichterin, «hat sich bei ihr gar nicht erst her getraut.» Pathos sei vielleicht «auf die Länge eines Kleinen Braunen» geduldet gewesen, dann aber habe es sich davongeschlichen, um «kühler, klarer Unbestechlichkeit mit feingeschliffenem Witz an den Kanten» Platz zu machen.

Die «Wiener Gruppe», in der die Veranstaltung stattfand, ging später in die «Grazer Autorenversammlung» über. Diese experimentelle Richtung der österreichischen Literatur wandte sich gegen die grosse Erzählung und den hohen Ton der traditionellen Dichtung, ebenso aber auch gegen die neusachlichen und politischen Tendenzen der Linken. / Hannelore Schlaffer, NZZ 29.8.

Elfriede Gerstl: Mittellange Minis. Werke Band 1. Hrsg. von Christa Gürtler und Helga Mitterbauer. Literaturverlag Droschl, Graz 2012. 206 S., Fr. 34.40. Elfriede Gerstl: wer ist denn schon zu hause bei sich. Band 19 der Reihe Profile. Hrsg. von Christa Gürtler und Martin Wedl. Zsolnay- Verlag, Wien 2012. 317 S., Fr. 29.90.

118. Celans Kölner Freunde

Der Dichter Paul Celan unterhielt Freundschaften, die man eigentlich nicht für möglich gehalten hätte: zu drei ehemaligen Wehrmachtssoldaten etwa. Ungefähr gleich alt wie er, der rumänische Jude, um die fünfundzwanzig, waren sie aus dem Krieg zurückgekommen und hatten, wie er, aus dem Nichts ein neues Leben als Schriftsteller angefangen: Rolf Schroers (1919 bis 1981), Paul Schallück (1922–1976) und Heinrich Böll (1917–1985). Sie wohnten in der Trümmerlandschaft Kölns. Zwischen ihnen und Celan in Paris wurden spannungsreiche Briefe gewechselt. Die Herausgeberin Barbara Wiedemann hat diese in einer hervorragenden Edition zugänglich gemacht. Gerade noch rechtzeitig gelangten Kopien der Briefe Celans in ihre Hände. Denn im März 2009 wurden beim Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln die Nachlässe von Schallück und Böll und damit auch die an sie gerichteten Briefe verschüttet. / Beatrice von Matt, NZZ 20.8.

Paul Celan: Briefwechsel mit den rheinischen Freunden Heinrich Böll, Paul Schallück und Rolf Schroers. Mit einzelnen Briefen von Gisèle Celan-Lestrange, Ilse Schallück und Ilse Schroers. Herausgegeben und kommentiert von Barbara Wiedemann. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2011. 772 S., Fr. 46.90.Gisèle Celan-Lestrange (1927–1991). Katalog der Werke. Hg. von Ute Bruckinger und Klaus Bruckinger in Verbindung mit Eric Celan und Bertrand Badiou. Wasmuth-Verlag, Tübingen 2009. 484 S., Fr. 105.–.

117. Janz liest

Ich werde also im Hbf-Eingangsbereich auf der Rolltreppe lesen.
Um gehört zu werden, werde ich ein kleines Kindermegaphon verwenden. Während der Lesung werde ich wohl mehrmals auf- und abfahren und hierzu einen minutiösen Text über das GEHEN lesen. Um sicher zu gehen, dass es keinen Ärger mit den Aufsichtskräften gibt, habe ich folgende Anfrage an die DB gesendet (ohne allerdings das Megaphon zu erwähnen):

Sehr geehrte Damen und Herren,
im Rahmen des internationalen Literaturfestivals  werden ca. 200 Bürger  am 4.9. um 17 Uhr an verschiedenen besonderen und ausgefallenen Orten in Berlin für 15 Minuten gleichzeitig aus ihrem Lieblingsbuch vortragen. Meine Lesung ist für den Eingangsbereich Rolltreppe Richtung Ein/Ausgang angemeldet. Ich werde zuvor  (für die Dauer der Lesung von 15 Minuten) ein Plakat sichtbar anhängen, das mein Tun „erklärt“. Da Sie sich ja am 16. November 2012 am bundesweiten Vorlesetag mit einer ähnlichen Aktion beteiligen, sehe ich Ihrer Zustimmung mit Zuversicht entgegen. Um sicher zu gehen, dass es hierbei keine Missverständnisse gibt, sei dies hiermit angemeldet. Sie können sich unter  berlinliest <berlinliest@literaturfestival.com> informieren.  Bitte teilen Sie mir mit, ob Sie meine Mail erhalten haben und es diesbezüglich keine Komplikationen gibt. Beste Grüße
Angelika Janz

116. American Life in Poetry: Column 388

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
There are people who believe that the afterlife exists in how we are remembered by the living, that we are rewarded or punished in the memories of people who knew us. Writing is a means of keeping memories fresh and vivid, and in this poem Judson Mitcham, a Georgia poet, gives his father a nudge toward immortality.

Writing 

But prayer was not enough, after all, for my father.
His last two brothers died five weeks apart.
He couldn’t get to sleep, had no appetite, sat
staring. Though he prayed,
he could find no peace until he tried
to write about his brothers, tell a story
for each one: Perry’s long travail
with the steamfitters’ union, which he worked for;
and Harvey—here the handwriting changes,
he bears down—Harvey loved his children.

 

I discovered those few sheets of paper
as I looked through my father’s old Bible
on the morning of his funeral. The others
in the family had seen them long ago;
they had all known the story,
and they told me I had not, most probably, because
I am a writer,
and my father was embarrassed by his effort. Yet
who has seen him as I can: risen

 

in the middle of the night, bending over
the paper, working close
to the heart of all greatness, he is so lost.

 

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2003 by Anhinga Press. Judson Mitcham’s most recent book of poems is A Little Salvation: Poems Old and New, Univ. of Georgia Press, 2007. Poem originally printed in This April Day, Anhinga Press, 2003; reprinted from The Autumn House Anthology of Contemporary American Poetry, 2nd ed., Ed., Michael Simms, Autumn House Press, 2011, by permission of Judson Mitcham and the publisher. Introduction copyright © 2012 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

115. Was Deutsche

wie Heine, Fürst Pückler oder Friedrich Engels über Irland sagen, versammelt die Irish Times hier. Vielleicht aus englischer Sicht nicht immer korrekt.

114. Klub zum betreuten Dichten

Wär’ die Liga egal, die Lüge stabil, wär’ der Nebel im Wald der Nabel der Welt. Doch man ahnt ja nicht, in dieser durchgestylten Gegend, ob die Häuser entlang der Straßen oder die Straßen entlang der Häuser gebaut sind. Nagel versenkt, Kabel gekappt, Balg abgestillt, Bewerbungstraining; die längste Kurzvita aller Zeiten. In der Sprache der Engel sind Wort und Welt beinah deckungsgleich. Sinn meint i. allg. etwas Nebulöses, Poesie meint i. allg. die Dichtkunst, Milch meint i. allg. Kuhmilch. Wo (besser: wodurch) entsteht ein Gedicht: Beim Schreiben? Beim Lesen? Oder erst, wenn es jemand versteht? Milch versiegt, wenn nicht gemolken wird. Ich habe aufgehört, nach einem Sinn zu suchen, nach dem Stil der Originalität, oder mit dem Arsch in Richtung Markt zu wedeln. Unsinn ist der einzige Hebel der Schönheit; der Stil hemmt die Kraft für den Wurf.

/ Kai Pohl: Zwölf Grußworte aus dem Klub zum betreuten Dichten*, satt.org

„mit teils abgewandelten Äußerungen von Theodor Adorno, Gottfried Benn, Volker Braun, Erich Mühsam, Rudolf Rocker, Igor Terentjew, Oscar Wilde, aus dem Alten Testament (Psalm 127), aus dem Internet, aus dem Untergrund und aus dem Volksmund.“

Der Text ist zum ersten Mal erschienen in:

Literatur Vorarlberg (Hg.): Vorarlberger Zeitschrift für Literatur „V“, Heft 27: „Ein Lyrikkonfusionsreaktor“. 96 S. + 1 CD. Bucher Verlag, Feldkirch [Mai] 2012. 13 Euro, ISBN: 978-3-99018-116-4

*) jedes so cool, daß ich am liebsten alle zitieren würde.

113. Na und?

Der Herausgeber der Versnetze-Anthologien, Axel Kutsch, selbst Lyriker, schreibt im Vorwort: Die deutschsprachige Lyrik der Gegenwart bietet vor allem in Literaturzeitschriften und im Internet immer wieder einmal Anlaß zu Diskussionen. Dabei geht es unter anderem um die Frage, ob sie nicht großenteils zu schwierig, verschlüsselt, elitär oder gar unverständlich sei, um eine breitere Leserschaft zu erreichen (…), und ich schlage Frey auf und antworte: Na und? Lesen geschieht in der abenteuerlichen Offenheit des Nichtverstehens. (…) Sobald der Entscheid für eine Bedeutung fällt, verschließt das Geschriebene seine Weite in der Enge des Verstandenseins und erstarrt, klingt das blaue Buch selbst wie ein Gedicht. (…)

An einem Text rätsele ich besonders, es ist ein Zyklus visueller Poesie von Klaus Peter Dencker, ARAKAWA – UNDER CONSTRUCTION, komplett gedruckt auf hellblau-türkisem Himmel. Vögel, Flugzeuge, Bälle, Papierflieger, Luftansichten, Peitschen, Stabhochspringer verraten, dass ich recht habe: es ist Himmel. Das Gedicht spielt mit den Silben des Namens Shusaku Arakawa, eines japanischen Konzeptkünstlers. Es hat 11 Seiten und teilt den Namen in dreimal drei in Quadrate geschriebene Buchstabengruppen auf, die, anders zusammengesetzt, neue Bedeutungen erlangen. Ich habe die Idee, meinen alten Aikido-Lehrer zu besuchen, um Konkreteres zu erfahren, aber er spricht immer noch ein so abenteuerliches Deutsch, dass ich die Antworten auf meine Fragen nicht verstehe. Wie gut, denn so bleibt das Gedicht geheimnisvoll-schön, ein 5-Sterne-Sudoku, bei dem man nicht schummeln kann … / Christine Kappe, KuNo

Axel Kutsch (Hg.), Versnetze_fünf. Deutschsprachige Lyrik der Ge­genwart von 213 Autoren, Vor­wort des Herausgebers, 352 Seiten, Broschur, Verlag Ralf Liebe, Wei­lerswist 2012.

Bertram Reinecke schreibt in einem Kommentar auf der Seite u.a.:

Ein charmanter Text, mit mehreren hübschen Pointen. Erstens: Er will keine Ergebnisse geben, sondern beschreibt Leseprozesse, zweitens: Er liest Texte, von Autoren, die immer wieder penetrant Verständlichkeit einfordern, mit dem Anspruch auf poetisches Geheimnis. Das geht gut: Die Poetik eines Autors reicht über seine expliziten Kenntnisse hinaus.

Vielleicht erhebt ja jetzt jemand Einspruch gegen lobende Erwähnung?

112. Poesia militans

Ecclesia militans

Gegen alle Kirchenfeinde,
Glaubensgegner, Ketzer arg,
Publizierte Pater Rožeń eine Schrift,
An die hundert Bogen stark;
Fester Einband und dazu Metallbeschlag – –
Damit schlägt er alle tot, gar keine Frag‘!

Karel Havliček Borovský (1821-1856)

Deutsch von Eduard Albert

In: Slavische Anthologie. In deutschen Übersetzungen. Stuttgart: Cotta Nachf., o.J. (ca. 1893), S. 40.

Karel Havliček Borovský war ein tschechischer Dichter, Journalist und Politiker, Anhänger des Panslawismus. 1851 wurde er aus politischen Gründen nach Brixen (Tirol) überführt. Über die Stadt schrieb er: „kurz gesagt ein miserables, durch Mißbrauch der Religion verdorbenes Nest voll Dummköpfe und Heuchler, mit wenigen Ausnahmen, von denen ich aber nach einem Aufenthalt von 13 Monaten noch keine kennen gelernt habe. […] Und Brixen ist in dieser Beziehung nach dem allgemeinen Urteile selbst der Tyroler die schlechteste Gegend!“

111. Perros‘ „Gedichtroman“

Georges Perros? Selbst literatur affinen Franzosen dürfte dieser Name nicht übermäßig viel sagen, auch wenn Perros‘ Bücher im renommierten Pariser Verlagshaus Gallimard erscheinen. Welch Wagnis also des traditionell frankophilen und traditionell abenteuerlustigen Matthes & Seitz Verlages, diesen französischen Poeten erstmals auf Deutsch zu präsentieren, eine Übersetzung seines autobiografischen, poetischen und poetologischen, nachsinnenden und ironischen, geistreichen, spöttischen und bewusst der Stadt den Rücken kehrenden „Gedichtromans“ vorzulegen. (…)

Es ist nicht: ein langes Erzählgedicht, eine metrisch penible Vermessung der Welt, eine dithyrambische Dichtung. Vielmehr, und Anne Weber findet dafür rhythmisch ausnehmend guten Ausdruck, ist dies ein Nachdenken in kunstvollen Vers sprüngen und Zeilenbrüchen über das (eigene) Leben, was erreicht und was verfehlt wurde, was unerreicht blieb. Es ist keine ganz leichte Lektüre; und doch nie hermetisch. Es ist ambitioniert, und doch nie abgehoben.  / Alexander Kluj, Der Standard

110. Easy Listening

„Bacharachsche Züge“ bescheinigte die Kritik vor zwei Jahren dem bislang letzten Album der in Augsburg lebenden Wortkünstlerin und Sängerin. Burt Bacharach, Hollywood-Komponist, gilt als Ikone des Easy Listening. Wer einen seiner Songs hört („Raindrops Keep Fallin‘ On My Head“), weiß, was damit gemeint ist: Man glaubt zu schweben.

Dasselbe passiert einem im klassischen Popformat (3:58 min) bei Lydia Daher. „Und ich war irgendwie ganz anders eingestellt / doch die Stadt hat mir ein Bein gestellt / Da war ich wieder / auf Augenhöhe mit der Welt“, heißt es bei ihr. „Auf Augenhöhe mit der Welt“, erstes Lied des Albums „Flüchtige Bürger“ aus dem Jahr 2010, hat etwas Schwereloses. Und so, wie man mit Bacharach im Ohr am liebsten auf der Stelle im Regen spazieren gehen würde, steckt man dank Lydia Daher so manche Zumutung des Alltags locker weg. (…)

„Es gibt nichts Schlimmeres, als verstanden zu werden / sagte der Landschaftsmaler und stach der Biene die Augen aus“: Deutlicher, schockierender kann man Egoismen, die Glückssuche auf Kosten anderer, nicht beschreiben. Doch Gott sei Dank bringt sie’s nicht immer so hart. (…)

Dafür, dass sie mit ihren Versen „die Risse der kleinen und großen Welt enthüllt“, hat das Kunstministerium Lydia Daher jetzt einen von drei Kunstförderpreisen in der Sparte Literatur zuerkannt. Er wird im Herbst in München übergeben. Gut so! / Hermann Weiß, Die Welt