114. Zerbrochen

Im Frankfurter Literaturhaus sprach Durs Grünbein  mit der Literaturkritikerin Insa Wilke über seinen neuen Lyrik-, nein, Gedichtband, denn: „Die Lyra ist zerbrochen, die Lyrik ist gestern gestorben.“ Der Prosa prophezeite der Dichter aus Berlin eine große Zukunft als Ergründerin der menschlichen Psyche – vor allem dem gängigen Familienroman, nach dem ihn Hausherr Hauke Hückstädt gefragt hatte. Für ihn aber sei der Vers die Vertiefungsform schlechthin. / Claudia Schülke, FAZ

113. #oo4 / RATED »D«

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BRUCE ANDREWS / CHARLES BERNSTEIN / DENNIS BÜSCHER-ULBRICH / RICHARD DURAJ / CHRISTIAN FILIPS / MARA GENSCHEL / FRIEDRICH HÖLDERLIN / FRANCES KRUK / NORBERT LANGE / SWANTJE LICHTENSTEIN / BRIGITTE OLESCHINSKI / TIBOR SCHNEIDER / MARTIN SCHÜTTLER / PHILIPP STADELMAIER / HANS THILL / ULJANA WOLF

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HTTP://KARAWA.NET

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HERAUSGEGEBEN VON TOBIAS AMSLINGER / NORBERT LANGE / LÉONCE W. LUPETTE

UNTER DER SCHIRMHERRSCHAFT DER LYRIKKNAPPSCHAFT SCHÖNEBERG

112. Zeitkunst

Lesung aus Erinnerungen an Kupfercreme  von Johannes CS Frank und weiteren Autoren aus dem Zeitkunst-Zirkel am kommenden Mittwoch in Berlin

111. Christoph Wenzel erhält GWK-Literaturpreis

Münster. – Der diesjährige Literaturförderpreis der GWK-Gesellschaft für Westfälische Kulturarbeit, Münster, geht an den Lyriker Christoph Wenzel für seine unveröffentlichten Gedichte aus „matte wetter“. Die renommierte Auszeichnung für herausragende Nachwuchsautoren aus Westfalen-Lippe ist mit 4.000 Euro und der Aufnahme in ein mehrjähriges Förderprogramm der GWK dotiert.

Christoph Wenzel wurde 1979 in Hamm geboren und lebt als freier Autor und Herausgeber in Aachen. Der Lyriker, so die Juroren Norbert Wehr, Jan Valk und Martin Kordic, sei ein poetischer Archäologe der westfälischen Landschaft. Seine souverän gearbeiteten, konzentriert-reduzierten, dennoch zugänglichen Gedichte entwerfen ungewöhnliche Perspektiven auf den Alltag etwa im Ruhrgebiet und hätten einen ganz eigenen Ton.

Der Literaturpreis wird zusammen mit den GWK-Förderpreisen für Kunst und Musik am 17. November 2012 um 19.00 Uhr in den Flottmann-Hallen in Herne verliehen. Die Preisverleihung ist öffentlich. Infos auch unter:  www.gwk-online.de

110. Lyrik-Rettungsschirm wird Vertrauen der Leser wiederherstellen

Mittwoch gegen 22:30 Uhr vorgetragen von Norbert Lange im Greifswalder Koeppenhaus. Jetzt bei karawa.net #004.

Charles Bernstein liest an der »New School for Social Research« in New York, im Rahmen eines Marketing-Events anlässlich des Erscheinens von The Best American Poetry 2008. David Lehman ist der Herausgeber der Reihe Best American Poetry; Robert Polito ist der Leiter des Literaturprogramms der New School.

Sehr geehrter Vorstandsvorsitzender Herr Dr. Lehman, sehr geehrter Schriftführer Herr Dr. Polito, erlesene Lyriker und Leser, mein Damen und Herren — Ich bedaure die Festlichkeiten des heutigen Abends mit einer wichtigen Mitteilung unterbrechen zu müssen. Wie Sie wissen, verstopft das Überangebot illiquider, insolventer und in der Krise befindlicher Gedichte die literarischen Arterien der westlichen Welt. Diese hochverschuldeten Gedichte drohen nun auch andere Bereiche des Literatursektors zu infizieren und schließlich unsere Kulturindustrie insgesamt ins Wanken zu bringen.

Die Troika der kulturellen Elite hat sich versammelt, um eine massive Lyrikübernahme  bekannt zu geben: kreditgestützte und ungedeckte Gedichte, Poesie-Derivate, säumige und Subprime-Gedichte werden durch den größten Lyrik-Rettungsschirm seit der viktorianischen Epoche aus dem Umlauf genommen. Es ist unsere Überzeugung, dass dies ein umfassender und richtiger Plan ist, um den Druck von unseren literarischen Institutionen und Märkten zu nehmen.

Lassen wir uns nicht täuschen: die neoliberal-konservativen Grundlagen unserer Lyrik sind solide. Das Problem ist nicht die Lyrik, sondern sind die Gedichte. Die Krise ist herbeigeführt worden durch die Ausweitung der Lyrikschulden — von Gedichten, die unkontrolliert am Markt zirkulieren und infolge ihrer Schwierigkeit, Inkompetenz oder Belanglosigkeit wirtschaftlichen Schaden verursachen.

Illiquide Lyrikanlagen unterbrechen den für unsere Literatur so lebenswichtigen Phantasiefluss. Wenn das Literatursystem arbeitet, wie es sollte, fließen Lyrikanlagen von und zu Lesern und Autoren, um einen produktiven Teil des kulturellen Feldes zu bilden. Wenn aber weiterhin toxische Lyrikpapiere  das System blockieren, könnte diese Vergiftung des Literaturmarkts unsere kulturellen Institutionen irreparabel beschädigen.
Wie wir wissen, haben nachlässige Kompositionsverfahren und Schreibpraxen seit Beginn des Modernismus zu verantwortungslosen Lyrikern und verantwortungslosen Lesern geführt. Einfach gesagt: Zu viele Lyriker haben Werke verfasst, die keine verlässliche Ausrichtung besitzen. Wir sehen heute, wie sich das auf die Lyrik auswirkt, mit einem massiven Vertrauensverlust von Seiten der Leser. Was als Problem bonitätsschwacher Lyrik auf unregulierten Lyrik-Websites begann, hat auf andere, stabilere Literaturmagazine und -verlage übergegriffen und entscheidend zu einem Überschuß von Lyrikinventaren beigetragen, die verantwortungsvolle Gedichte im Wert gedrückt haben.

Die Risiken, die von Lyrikern eingegangen wurden, waren zu groß; eine tiefgreifende ästhetische Fahrlässigkeit. Die Zeit der Dekadenz muss und wird ein Ende nehmen. Mit der obligatorischen Aufsicht und Regulierung von Kompositionsverfahren und Veröffentlichungspraxen.

Es ist unser fester Glaube, dass unser Kultursektor – sind diese Gedichte erst aus dem Umlauf genommen – sich erholen wird und Leser das Vertrauen in die amerikanische Literatur zurückgewinnen werden. Wir schätzen, dass für eine erfolgreiche Übernahme alle nach 1904 geschriebenen Gedichte aus dem Umlauf genommen werden müssen.
Dies wird ein Neuanfang sein, die neue Morgendämmerung eines neuen Tages. Wenn Leser nicht länger Gefahr laufen, von illiquiden Gedichten überwältigt zu werden, können wir eine literarische Kultur mit einer soliden ästhetischen Basis schaffen.

Mein Name ist Charles Bernstein und ich stehe hinter dieser Mitteilung.

Vgl. L&Poe #137, 30.9. 2008: Regulierung. – Mehr

109. Erklärung

Die Lyrikerin Nora Gomringer dichtet für das SZ-Magazin, schreibt das SZ-Magazin. So beginnt es: Erkläre mir, Muse, die Männer,

108. Chaos in die Ordnung

„Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch.“ Aus dem Satz Adornos spricht die tiefe moralische Erschütterung, die eine ganze Generation Intellektueller und Künstler nach dem Zweiten Weltkrieg prägte. Felicitas Frischmuth (1930-2009) war Adorno-Schülerin, hatte den Krieg als Mädchen in Berlin erlebt, ihren Vater verloren, bevor sie ihr Leben dem Schreiben widmete. Frischmuth verstand Adornos Satz offenbar nicht als Diktum. Und doch ist ihr Werk von jenem grundlegenden Gefühl der Erschütterung geprägt. „Die Kunst hat die Aufgabe, Chaos in die bestehende Ordnung zu bringen“, ist ein weiterer Aphorismus Adornos. Genau das tat Frischmuth mit ihrer Lyrik, die inhaltlich wie formal Kausalitäten und vermeintliche Gewissheiten in Frage stellt: „erleben ist nicht erleben ist das Erlebte / das nicht Erlebte ist erlebt.“ (aus dem ersten Gedichtband „Papiertraum“ von 1977). / Johannes Kloth, Saarbrücker Zeitung

107. Meine drei lyrischen Ichs

Lesereihe für neue Lyrik

Die junge Lyrikszene floriert, wir stellen ihre spannendsten Vertreter vor; Dichter/innen einer Generation, die einen die Angst vorm Neuen fürchten lehren – drei Stimmen auf dem Papier eines Abends.

1. 11. 2012, 20 Uhr
Kulturzentrum Einstein, Einsteinstr. 42, München

Es lesen: Daniela Seel (Berlin) – Martina Hefter (Leipzig) – Andrea Heuser (München)

Moderation: Walter Fabian Schmidt und Tristan Marquardt

Mit einer Ausstellung von Andreas Chwatal und einer Installation von Tillmann Severin

106. Die spinnen, die

… Bayern:

Einer der führenden deutschen Lyrikverlage (Anton Leitner Verlag) hat Enderles Gedicht „Wenn Bäume reden könnten“ als eines der herausragendsten der letzten drei Jahre in die Jubiläumsausgabe zu seinem 20-jährigen Bestehen aufgenommen und es zugleich zu einem der „besten Gedichte für die nächsten 20 Jahre“ gekürt. Ein lyrischer Pluspunkt für Manfred Enderle, und ein wichtiger Baustein zur Festigung seines dichterischen Rufes über pilzfachliche Qualitäten hinaus. / Augsburger Allgemeine

Naja. Führend in Bayern vielleicht. Wenn es sich die Bayern gefallen lassen wollen. Führende deutsche (wenn wir Schweiz und Österreich beiseitelassen wollen) Lyrikverlage sind Kookbooks und Luxbooks, Frank, Schöffling, Lyrikedition 2000, Poetenladen, Fixpoetry und ein paar andere, von den großen Verlagen spielt wohl nur noch Suhrkamp in dieser Liga, und es kämen noch viele kleinere und junge Verlage an die Reihe, aber Leitner? Vielleicht in Bayern (s.o.).

Die Zeitschrift „Das Gedicht“ war anfangs ziemlich gut und nützlich und ist immer noch sehr erfolgreich. Seit sie sich lautstark zum „Zentralorgan der Realpoesie“ ausruft, ist sie endgültig und auf dem besten Wege, zunehmend seriöse Beiträger zu verprellen. Immerhin habe sie sich nach eigenen Angaben besonders am Anfang auch der „komplexen Lyrik“ gewidmet, bis sie „sich mehr und mehr … zum klaren poetischen Ausdruck hinbewegte“ (Leitner im Editorial). Matthias Politycki spricht noch deutlicher von einer „tendenziell hermetischen Lyrik“, wie sie insbesondere in den ersten Ausgaben „gut“ vertreten sei. Ein Blick in das Gesamtverzeichnis, wer ist gemeint (in Klammern die Nummer der Hefte, in denen sie vertreten waren unter den bislang 20, kleine Auswahl): Kurt Aebli (3), Arnfrid Astel (5), Jürgen Becker (3), Thomas Böhme (4, 8), Volker Braun (5), Franz Josef Czernin (3, 5, 8), Michael Donhauser (3, 5), Gerhard Falkner (6), Rolf Haufs (4), Norbert Hummelt (8), Wulf Kirsten (4), Thomas Kling (7), Marion Poschmann (12) usw. Wenn das die blutleere, hermetische, akademische, „krautige“, „verquaste“, komplexe und unlesbare (irreale) Lyrik ist, die sie dort nicht mehr haben wollen, dann wird es wohl Zeit, mein Abo zu beenden.

Soweit die Zeitschrift. Was die übrige Produktion des Anton Leitner Verlages betrifft, so ist die alles andere als führend. Allenfalls regional von Belang. Führend in Bayern? (siehe oben)

105. Die Dichte

Im Rahmen der EZB-Kulturtage führte Denis Cointes Performance „Die Dichte“ im Schauspiel Frankfurt ein Gedicht Marie NDiayes auf. Die Autorin nahm daran teil.

Ist der inszenierte Text „Y penser sans cesse“ („Unablässig daran denken“) ein Gedicht? Gewiss – er besteht ja aus freien Versen hoher Qualität und fügt sich als erzählendes Langgedicht in eine lange Tradition. Doch hat die Prix-Goncourt-Trägerin NDiaye ihn eigens für die Performance verfasst. Da NDiaye zudem auf der Bühne vorliest, steht „Die Dichte“ einer Autoren- oder szenischen Lesung nahe; hinzu kommen zwei Musiker mit ihrem bedächtigen Beitrag und Performer Cointe. Unter Projektionen Berliner S-Bahn-Fahrten lassen sie das Sprachkunstwerk erzählen, das sich sein eigenes Genre schafft: zwischen mündlicher Dichtung und Postdramatik, purer Lyrik und Poetry Slam. / Marcus Hladek, Frankfurter Neue Presse

Marie Ndiaye wurde 1967 in Frankreich geboren. 2009 erhielt sie als erste schwarze Autorin den Prix Goncourt für ihren Roman Trois femmes puissantes (deutsche Ausgabe Drei starke Frauen, Suhrkamp Verlag, Berlin 2010). Das Buch erlebte eine Gesamtauflage von 440.000 Exemplaren. Mit der Wahl von Nicolas Sarkozy zum Staatspräsidenten zog Marie NDiaye mit ihrer Familie nach Berlin. Nur in der französischen Wikipedia steht diese Passage:

In einem Interview in Les Inrockuptibles vom 30.8.2009 erklärte sie über das Frankreich Sarkozys: „Ich finde dieses Frankreich monströs. (…) Wir haben uns gleich nach den Wahlen entschlossen, nach Berlin zu ziehen, hauptsächlich wegen Sarkozys, selbst wenn das snobistisch klingen mag. Ich finde diese Atmosphäre von Überwachung und Vulgarität verachtenswert… Besson, Hortefeux, all diese Menschen finde ich empörend. „

Sie fügte hinzu: „Ich erinnere mich an einen Satz von Marguerite Duras, der im Kern ein bisschen albern ist, aber den ich liebe, auch wenn ich ihn nicht auf meine Kappe nehme, sie sagte: „Die Rechte, das ist der Tod.“ Für mich repräsentieren diese Menschen eine Form des Todes, der Verdummung des Denkens, der verweigerten Differenzierung. Natürlich ist auch Angela Merkel eine Frau der Rechten, aber sie hat nichts mit der Rechten Sarkozys gemein: sie hat eine Moral, die der französischen Rechten fehlt.“*

* ) Interessanterweise übersetzt Googles Übersetzer das gleiche Wort droite, rechts, Rechte, dreimal anders, erst Right, dann richtig, dann Recht: „Right, c ‚ist der Tod. … Und selbst wenn Angela Merkel eine Frau ist richtig, es hat nichts mit dem Recht der Sarkozy zu tun: Es hat ein moralisches Recht hat kein Französisch.“

 

104. Auf einer Grenze

Der neu gegründete freiraum-Verlag aus Greifswald legt mit tEXt bILd den ersten Band einer auf drei Bände angelegten Ausgabe mit Texten von Angelika Janz vor. Und dieser erste Band enthält Visuelle Arbeiten, Essays zur Arbeitsweise und ein sehr instruktives Vorwort von Michael Gratz, in dem er anhand der Gebilde von Janz einen Begriff des Experiments und des Fragments jenseits akademischer und eben auch antiakademischer Hochnäsigkeit entwickelt. Einen Begriff also, der sich der Janzschen Arbeiten annimmt, ohne auf eine gewisse Verbeugung zu verzichten. Die Literaturtheorie findet hier zu einer dienenden Rolle zurück ohne unterwürfig zu sein. Sie bleibt selbstbewusst.

Aber sie, Janz, und mit ihr die Theorie, arbeitet eben auch auf einer Grenze, denn die ausgewählten visuellen Arbeiten bewegen sich in einem Zwischenreich aus Zeichen und Sinn. „Immer,“ so Janz, „bewahrte der fremdgedruckte Text, der Textkern, etwas für die eigene Sprache Schützendes auf.“

(…)

Man könnte Janz Verfahren als eine ästhetische Prothetik beschreiben. Sie nimmt vorgefundenen Text zur Grundlage und setzt ihm mit der Schere zu, zerlegt und verstümmelt ihn. Nun aber wird er repariert oder besser ergänzt. Aber eben nicht im Sinne einer herkömmlichen Prothetik, die versucht auf mehr oder weniger einfallsreiche Art einen ursprünglichen Zustand, oder eine dem Unfall vorausgegangene Funktionalität wieder herzustellen, sondern in dem ein neuer Sinnraum geschaffen wird. Dieser rührt zwar von der Vorlage her, weil diese aber eben nicht rekonstruiert wird, entspinnt er sich in Freiheit.

Das Ergebnis sind Textgebilde die auf beiden Ebenen wirken, der visuellen und der semantischen. Ein verblüffendes Ergebnis, das das Bildhafte des Textes, und zwar über das konkrete Gebide hinaus, in den Blick und ins Bewusstsein treten lässt. / Jan Kuhlbrodt, lyrikkritik.de (unter Rezensionen)

103. Offene Poetik

Gleich zwei Literatur­zeit­schriften, das sehr experi­mentier­freudige Literatur­heft „randnummer“ und die dereinst von Höllerer selbst begründete Zeitschrift „Sprache im tech­nischen Zeitalter“, haben nun bislang unver­öffent­lichte Gedichte aus dem Nachlass des 2003 verstorbenen Höllerer aus­gegraben, die im Umfeld des Bandes „Systeme“ anzusiedeln sind. Der Berliner Dichter und Ver­anstal­tungs­macher Tom Brese­mann hat vor eini­ger Zeit im Literatur­archiv Sulzbach-Rosenberg ein Typo­skript mit Höllerer-Gedichten gefunden, die vielleicht auch wegen ihrer forma­len Kühnheit nie zur Ver­öffent­lichung gelangt waren. In der aktuellen Ausgabe, dem Heft 5 der „randnummer“ hat Bresemann nun einige Funde zusammengetragen und in einem kleinen Vorwort kommentiert.

Im aktuellen Heft 203 von „Sprache im technischen Zeit­alter“ werden weitere Hölle­rer-Gedichte im Faksi­mile präsentiert und in einem kun­digen Aufsatz von Dieter M. Gräf in ihrem literaturhistorischen Kontext erschlossen. Gräf verweist zum Bei­spiel auf die berühmten „Thesen zum langen Gedicht“, in denen Höllerer bereits 1965 den Weg zu einer offenen Poetik bahnte, die dann in seinem Band „Systeme“ Gestalt annahm. In diesen Thesen spricht Höllerer dem langen Gedicht eine besondere Beweg­lichkeit zu: „die Entscheidung für ganze Sätze und längere Zeilen bedeutet Antriebs­kraft für Beweg­liches.“ Die offene poe­tische Form mani­festiert sich in den Nachlass-Gedichten in dem Umstand, dass die ein­zelnen Verse syste­matisch aus der Reihe tanzen und sich auf der Buchseite in viel­fach aufge­fächer­ten, sehr unregel­mäßigen, oft auch frag­mentierten Gedichtzeilen grup­pieren. Diese sehr freie Versform ist zum Teil auch ein Import aus der modernen ameri­kanischen Poesie, den Höllerer in den frühen 1960er Jahren selbst organisiert hat. (…)

Es geht bei dieser Ausgrabung der nachgelassenen Gedichte Walter Höllerers jedoch nicht um bloße Literatur-Archäologie. Denn die „randnummer“ nutzt diese offene Poetik Höllerers ganz offen­kundig als literarisches Leitbild. Neben die Höl­lerer-Gedichte plat­ziert die Redaktion sehr reizvolle visuelle Poeme der Autorin Angelika Janz, in denen durch verschiedene Montage­techniken Zeitungs­aus­risse oder kleine Maler­eien in die poetische Textur inte­griert werden. Das ist ebenso als eine wider­ständige Poesie in Bewegung zu be­grei­fen wie die hier abge­druckten Gedichte von Norbert Lange, Léonce Lupette oder Jan Skudlarek, in denen Verfahren der Über­schreibung, der seman­tischen De-Regu­lierung oder gar des Rückbaus von Texten ange­wandt werden. Jan Skudlarek beispiels­weise reduziert expres­sionistische Groß­stadt­gedichte von Georg Heym oder Ernst Blass auf wenige Wörter, um sie damit gleich­zeitig se­mantisch ungeheuer auf­zuladen. Überhaupt ist dieses neue Heft der „randnummer“ als ein viel­ver­spre­chendes Mani­fest der offenen Poetik und ihrer avan­ciertes­ten Autoren aus der jungen Gene­ration zu lesen. / Michael Braun, Poetenladen

102. Randvoll

Randvoll die neue Randnummer: „banane ist hase, ich weiß von nutz“ schreibt Konstantin Ames in einer der spannendsten Literaturzeitschriften, die nach nichts weniger als neuen gesellschaftlichen Formen forscht. / Guido Graf im literaturport

Hg. von Philipp Günzel, Simone Kornappel : randnummer-literaturhefte, Ausg. 05, Sept. 12
www.randnummer.org

 

101. Debatten

In einem thread versteckt läuft diese Diskussion (um Matthias Polityckis Proklamation der „Realpoesie“), die ich mal anonymisiert hier zitiere. Der „chat“ hier gegeben as is d.h. eine Antwort steht nicht immer direkt unter dem letzten Kommentar. Vielleicht mag jemand weiterdiskutieren?

  • „Lediglich wer behauptete, für sich selber (und niemand sonst) zu schreiben, war en vogue und auch gleich unter Genialitätsverdacht. Damit scheint es nun, zum Glück, erst einmal wieder vorbei.“ tja, wer nicht damit leben kann, dass er seinen weg zum publikum aus eigener kraft gefunden hat, und anderen noch in die suppe spucken muss, weil er den genialitätspokal nicht auch noch dazu bekommt, sondern nur die verkaufszahlen, was ist der eigentlich? ein unerträglich eitler fatzke? ein schlechter gewinner?
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  • nie verstanden habe ich, warum man, wenn man denn sein publikum doch nun erreicht hat, und man doch auch genau das wollte, noch auf denen herumtrampeln muss, die was anderes wollen.
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  • es ist der ständige appell: du sollst wollen, was ich will, denn, was ich will, ist das einzig richtige, denn, es hat publikum. siehe, ich will das richtige, und du, du solipsistischer schreiber, du willst das falsche, du bist verderbt und schlecht und es reicht uns nicht, wenn deine verkaufszahlen mies sind und man dich nicht liest, wir wollen dich weg haben, du sollst uns nicht daran erinnern, dass man die dichtung auch aus ganz anderen gründen betreiben kann und sich in der tat nicht drum schert, ob es pläsiert.
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  • Einen Appell sehe ich in dem Beitrag nicht, eher eine Bestandsaufnahme. Natürlich kann und soll jeder machen, was er will, was denn auch sonst? Worauf ich aber immer wieder stoße ist ein Widerspruch, der hierzu nicht passt: Nämlich dass auch all jene, die öffentlich dazu stehen, eben „etwas anderes“ für ein winziges Publikum zu machen, sich spätestens beim zweiten Bier unter vier Augen darüber beklagen, dass sie keiner liest. Ja was denn nun?
  • abgesehen vom argumentum ad verecundiam und der stelle mit der demut, die mich doch zum lachen brachte in anbetracht der feststellung, hier auch meinung, DAS GEDICHT sei aufgrund von selbst festgelegten kriterien die „führende lyrikzeitschrift“, etwas zum „manche ihrer Verse lernen sich von ganz alleine auswendig“:

    erst vor kurzem las ich wieder einen auszug aus wiktor schklowskis „kunst als verfahren“, aus dem ich eine passage hier zitieren will, die ich überaus anregend finde. hier auf englisch.

    „If we examine the general laws of perception, we see that as it becomes habitual, it also becomes automatic. So eventually all of our skills and experiences function unconsciously—automatically. If someone were to compare the sensation of holding a pen in his hand or speaking a foreign tongue for the very first time with the sensation of performing this same operation for the ten thousandth time, then he would no doubt agree with us. It is this process of automatization that explains the laws of our prose speech with its fragmentary phrases and half-articulated words.

    The ideal expression of this process may be said to take place in algebra, where objects are replaced by symbols. In the rapid-fire flow of conversational speech, words are not fully articulated. The first sounds of names hardly enter our consciousness. In Language as Art, Pogodin tells of a boy who represented the sentence „Les montagnes de la Suisse sont belles“ in the following sequence of initial letters: L, m, d, 1, S, s, b.

    This abstractive character of thought suggests not only the method of algebra but also the choice of symbols (letters and, more precisely, initial letters). By means of this algebraic method of thinking, objects are grasped spatially, in the blink of an eye. We do not see them, we merely recognize them by their primary characteristics. The object passes before us, as if it were prepackaged. We know that it exists because of its position in space, but we see only its surface. Gradually, under the influence of this generalizing perception, the object fades away. This is as true of our perception of the object in action as of mere perception itself. It is precisely this perceptual character of the prose word that explains why it often reaches our ears in fragmentary form (see the article by L. P. Yakubinsky). This fact also accounts for much discord in mankind (and for all manner of slips of the tongue). In the process of algebrizing, of automatizing the object, the greatest economy of perceptual effort takes place. Objects are represented either by one single characteristic (for example, by number), or else by a formula that never even rises to the level of consciousness.“

    und

    „And so, in order to return sensation to our limbs, in order to make us feel objects, to make a stone feel stony, man has been given the tool of art. The purpose of art, then, is to lead us to a knowledge of a thing through the organ of sight instead of recognition. By „enstranging“ objects and complicating form, the device of art makes perception long and „laborious.“ The perceptual process in art has a purpose all its own and ought to be extended to the fullest. Art is a means of experiencing the process of creativity. The artifact itself is quite unimportant.“

    ein wenig mehr davon hier

    wollte man schklowski zustimmen, müsste man vermutlich feststellen, dass das, worauf realpoeten abzielen, keine poesie ist.

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  • der widerspruch liegt woanders, nämlich in diesem ‚für‘, literatur betreibt man ja nicht wie einen geschenkebasar, das mach ich für den zu weihnachten, und das für den zu ostern und damit beschenk ich mich nun selber. so zu denken finde ich völlig absurd, wenn ich mich an einen text mache, denn ich kann gar nicht ‚für‘ irgendwen oder was schreiben, ich kann lediglich schreiben, was ich schreibe. und, sie beklagen sich nicht, dass man sie nicht liest, sie beklagen vielleicht, dass man sie nicht kauft, das ist was anderes, und völlig legitim. klar kann man auch weiterhin immer mit dem nachfrageargument seine werke heiligen, der artikel verrät aber wohl, dass es leider mit dem ‚heiligen‘ nicht so gut klappt, denn irgendwas scheint dran zu sein, dass es eine utopie des eigenen gibt, die auch ein politycki nicht auszurotten im stande ist.
  • es pläsiert entweder von ganz alleine – da muss man sich nicht scheren drum. Oder!
  • und ganz ehrlich: mir wyrden verkaufszahlen vollauf genygen. aber ohne einen roche dafyr schreim zu myssen. lieber harry potter und danach – was sind wir knaben nicht glatt und fein was sollen wir länger schuster sein….

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  •  haha – den zwegat machen – raus aus den miesen …. das genie kann sich jeder meinzwegen sonstwohin stopfn…. grad styrmt der sturm und die uys halten die pappe auf der hytte fest. ….. schulfrei sonstwasfrei….
  • Habe den Text auch mit Unbehagen gelesen, weil Politicky es sich mit diesem dualen hier Avantgarde da Verständlichkeit zu einfach macht, als ob das etwas über ein Gedicht aussagte, ob es dies oder das sei, es WILL vermutlich gar nicht dies oder das sein… Und im übrigen: „führende Literaturzeitschrift im deutschsprachigen Raum“- auch da wieder dieser superlativische und mir immer irgendwie hochnäsig erscheinende Ich-sag-euch-jetzt-mal-wer-der-beste-ist-Ton – das ist eine eher antipoetische Haltung für mich, sorry, Herr Politicky
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  • Nebenbei: die Verkaufzahlen meines Bandessind nicht schlecht, und doch befällt mich Unbehagen bei der Lektüre dieses Textes.
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  • Wo zum … ist das erschienen? Wer druckt sowas?
  •  ich lasse mir nichts vormachen, das ist in wirklichkeit von helmut markwort geschrieben.
  • warum sollte man nicht „fyrs publikum“ schreiben? den trauernden zur freude? den jubelnden zu noch mehr freude? verschenktexte? einen schönen kalender mit einem schönen spruch fyr jeden schönen tag, der einem was gibt wie dankbare leser bemerken?
  • haha – markwort – ja gibts den auch noch?????
  • das war doch der von hörzu????? fryhkindliche traumata ….
  • ok, dann nehme ich den ruhm und die untserblichkeit!

    also ehrlich: alles was bisher in markt- und/oder mehrheits – weil gewinnkonforme kriterien zur qualitätsbestimmung überführt wurde, ist doch mittlerweile in die hose gegangen und so wird auch das gedicht irgendwann nicht mehr mit triple A nach hause gehen, wenn es dem düsteren lesermop nur immer hinwirft, was geschmeckt. ohne das was hier endlich ein ende zu finden hat, wüsste leser doch gar nicht wofür er mal wieder mit so verständlichen gedichten belohnt wird.

  •  ich empfehle folgendes produkt:

    Der Lebensfreude-Kalender 2013

    Der Lebensfreude-Kalender 2009

  • es ist der kampf um den kanon, weil wir alle wissen, menschen sind davon beeinflusst, was andere wertschätzen, obs der eames sessel ist, die automarke, herrn purzel, oder coop himmelblau, und als literat mit ganz guten verkaufszahlen ahnt man vielleicht, man tanzt, wenn, nur einen sommer, und, das ist zu wenig, man will ja schließlich heute leben und nach dem tod aber auch noch gelesen werden, und, wäre ja gruselig, wenn man dann einfach wen wieder ausgraben würde, vielleicht dann auch gerade noch aus trotz wen völlig vergessenen…

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  • echt….. wie hiess das: Tina, oder über die Unsterblichkeit…aschmidt
  • ja frau s, das scheint so zu stimmen, auch wenn ich lieber die götter als lenker ohne portemonnaie für den kanon hätte. was soll das auch immer mit diesen quantitativen messungen!?
  • der lebensfreudekalender erinnert mich an eine scene aus gondry s science of sleep, der erfolglose graphiker bietet seiner agentur einen flugzeugabsturzkalender an

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  • das Ende sagt alles: man will an einem Prozess mitwirken, der „auf die endgültige Ablösung von der (lyrischen) Moderne hinausläuft“ – Antimodernismus = Konservativismus, nicht vielfältige Lyrikszenerien, sondern eine (!) Mitte (Sedlmayr)! Das ist die Antwort auf die oben von S und anderen gestellte Frage, warum man das, was andere machen, bekämpft – aus Ideologie.

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  • aber wovon motiviert kommt ein mensch zu solchen forderungen? kann der denn nicht auch auf beiden hochzeiten tanzen… der hat doch mit so einer versöhnlichen anekdote angefangen! ich frag mich, warum der so bissig ist.

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  • …und dabei so traurig guckt.

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  • eine lyrische „endlösung“, juchhei, na, da freuen wir uns doch mal gleich mit…
  • g., ich glaube, da verwechseln sie was: mir zumindest ist niemand bekannt unter den dichter/innen, der/die sich darüber beklagt, zu wenig gelesen zu werden. wenn schon klagen, dann weil lyrik als kunstform allgemein so wenig beachtet und auch völlig falsch eingeschätzt wird – nämlich, so meine erfahrung, überhaupt nicht als zu akademisch und hermetisch, sondern als zu einfach, oder als zu sentimentales gewäsch. mein vater zb hat sich lange geweigert, lyrik zu lesen, weil er dachte, da gehts nur um beziehungszeugs und gefühlsausbrüche. oder es war ihm zu formloses alltagszeugs, eigentich stimmte er, ohne den zu kennen, völlig mit thomas klings meinung über die lyrik der achtziger überein. und das scheinen eigentlich viele leute der älteren generationen zu tun, unbewusst. leitner will seine leser klein halten, indem er ihnen „einfache“ gedichte vorsetzt und ihnen sagt, schaut, das ist, was ihr verstehen könnt, ich habe das für euch in eurer sprache geschrieben. das finde ich einfach nur ekelhaft.

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  • http://www.amazon.de/Zeit-zum-Leben-2013-Wunschgedichte-Kalender/dp/3880875758/ref=sr_1_3?s=books&ie=UTF8&qid=1350996455&sr=1-3

    Zeit zum Leben 2013: Elli Michler – Wunschgedichte-Kalender

  • http://www.youtube.com/watch?v=GUCrM5i_W3c

    The Science of Sleep (trailer)
    From the director of the Eternal Sunshine of the Spotless Mind.

  • sowas – in der Art?????
  • Man merkt ja, wenn die Leser größer sind, vielleicht auch, dass man nicht mehr drüber schauen kann … die Leser MÜSSEN weniger verstehen, sonst wäre man ja nur einer unter ihnen … wenn jemand klagt, wie von W beschrieben werde ich auch misstrauisch. Vielleicht hat er die falschen Freunde, wenn er es nicht verwechselt wie oben beschrieben …

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  • bundesverdienstkreuz am band, na, ob das bis in die ewigkeit reicht, wir wünschen es ihr.
  • wie sagte frau mayröcker, ich weiß gar nicht, was er meint, ich verstehe jeden satz…

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  • na, er guckt doch eher versöhnlich, nicht? solch eine ideologie kann eine abwehrhaltung sein gegen die intellektuelle, emotionale und auch existentielle zumutung, die ein großartiges gedicht darzustellen vermag. die fixierung komplexitätsreduzierender meinungen ist immer schon ein mittel gewesen, um sich (z.b. im so hermetisch-dschungeligen lyrikchaos) heimischer zu fühlen.

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  • Wenn Tische Worte wären,
    dann hätte der Hut
    in der Hütte
    Angst vor mir.

    Der Ofen trinkt Bier.

    Dazwischen leben wir.

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  • stop it

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  • hier passt auch sehr schön: „Nichts am Gesagten war neu, der Text war bis in die letzte Formulierungseinzelheit hinein fertig durchstandardisiert und ohne jede inhaltliche Information, wurde aber so ausgetauscht, als würde mit ihm ein hochinteressantes Wissen, zugleich eine hochindividuelle Besonderheit des sich selbst damit darstellenden Sprechers mitgeteilt. Im Kern bestand diese Individualitätsmitteilung darin, dass nichts individuell Abweichendes von diesem Individuum her drohte, dass auch dieser Sprecher das von der Allgemeinheit Vorgeschriebene kannte und akzeptierte. Im richtigen Moment konnte die deprimierende Abgedroschenheit des auf dieser Art Dahergeredeten deshalb Wohlbefinden, ein Gefühl von Gefahrlosigkeit, Vertrautem und Vertrauen in gesellschaftliches Gehaltensein hervorrufen, im falschen Moment Abscheu, Ekel, Hass auf die Demenz der Normalität.“ R. Goetz, Johann Holtrop

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  • Jeder Tag
    ist ein
    Raum.

    Gedanken
    sind
    Möbel.

    Kühe
    sind
    Buchstaben.

    Zwar
    ist das Quatsch,
    aber
    irgendwie
    gut.

  • „Im Kern bestand diese Individualitätsmitteilung darin, dass nichts individuell Abweichendes von diesem Individuum her drohte, dass auch dieser Sprecher das von der Allgemeinheit Vorgeschriebene kannte und akzeptierte.“ yes, indeed

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  • Einfach schreiben, damit auch der Dümmste es versteht find ich persönlich genauso albern wie bewusst kompliziert zu schreiben, damit keiner es versteht. Nur für sich zu schreiben ist ok, mach ich auch hin und wieder. Warum man diese „nur für mich“-Texte dann veröffentlichen muss, erschließt sich mir nicht. Wenn man veröffentlichen will, sollte man beim Schreiben auch den Leser im Blick haben, denke ich. Zum Thema Beklagen: Ja, es wird beklagt, dass die Lyrik generell ein so kleines Publikum hat, viele beklagen auch, dass sie persönlich kein Publikum haben. Beides ist legitim, ersteres beklage ich auch ständig. Aber wenn man es beklagt, muss man auch zumindest versuchen, etwas dagegen zu tun. Leitner und Co tun das auf ihre Weise. Man muss deren Art nicht gut finden, aber eines haben sie den meisten Lyrikern voraus: Sie verstehen was von Marketing. Sie rümpfen nicht die Nase über Marktmechanismen, sondern machen sie sich erfolgreich zunutze. Es gibt sicher auch viele andere Arten, wie man das tun kann. Aber man muss es tun, denn ohne geht’s nicht, ohne wird die Lyrik klein bleiben, die Komplizierte wie die Verständliche. Und das muss nicht sein. Ich erlebe es andauernd, dass es möglich ist, Menschen, die vorher noch gar keine Berührung damit hatten, für Lyrik zu begeistern. Es geht, es ist machbar. Warum zieht man in der Lyrikszene nicht an einem Strang statt gegeneinander zu giften? Warum schließen sich nicht mal zehn kleine Verlage zusammen und organisieren eine große Messepräsentation? All das ist machbar, man muss es nur wollen…

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  • Sie verhinderns doch gerade, indem sie den Leuten einreden, sie brauchten die sprachlichen Mittel nicht zu kennen und könnten doch das ganze haben. nein das ist nicht Popularoisierung, sondern Ersatz durch derivate, unabhängig davon, dass mal ein guter Text ihnen hineinrutschen mag.

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  • Ich sagte gerade „man muss ihre Art ja nicht mögen, man kann’s auch anders machen“. Gut, dass es eine Diskussion gibt (wie so oft durch Leitner angestoßen). Aber diskutieren allein bringt’s nicht, jammern und nörgeln noch weniger. Selbst, anders, besser machen, das wäre mal was
  • all das wird längst gemacht… und, kriegt man vielleicht mal aus den köpfen raus, dass irgendwer bewusst kompliziert schreibe, diese denke ist mir total fern.

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  • Ja, es wird viel gemacht, aber kaum etwas Effektives, leider. An Effizienz und Wirkung macht Leitner von all jenen, die über ihn herziehen, keiner was vor. Und: es gibt diverse Lyriker, die bewusst kompliziert schreiben und das auch offen sagen. Ist ja auch kein Problem.
  • naja ich halts für ineffektiv und sehe mein eigenes verlerisches Wirken als sinnvoller, mir fehlen natürlich aus ökonomishcen Gründen die Verstärker.
  • sehr geehrter herr w, ich verfolge leitners tun kaum, und, dieser herr hat mir mal mit zu einem halben lustspielpreis verholfen, ich betreibe mein dichten nicht effizient, das ist wahr, und darum bin ich auf menschen angewiesen, die marketingstrategien dafür entwickeln, auch das ist klar, und, die gibt es ja, dennoch ist das beste marketing ein gutes produkt, das ist meine überzeugung, dass man sich trotzdem mit jeder menge anderem kram sein leben vollmüllt, geschenkt, ist erlaubt. darum gibts ja auch made in china, ich hab auch nix gegen trash, und, ach, egal, ein hoch auf anton g. und die erfindung des lyrikkalenders…

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  • und, was das giften betrifft, man schaue mal, wer damit angefangen hat, und, was das klagen betrifft vielleicht auch… kookbooks klagt selten und macht einfach weiter…so what

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  • ich erinnere mich dunkel, dass das dem herrn leitner so gar nicht passte…
  • warum auch immer
  • also – mir leuchtet die positive korrelation zwischen verkaufszahl und kwalliteit, die von herrn politicky im vorstehenden artikel hergestellt wird, nicht ein.
  • Wenn ein gutes Produkt die beste Werbung wäre (schön wärs) würde der Buchmarkt anders aussehen. Und das was Sie sagten meine ich ja: Allein hat kaum einer in der Szene die Mittel, großes Marketing zu machen. Wenn sich einige Lyrikverlage mit ihren Autoren mal an einen runden Tisch setzen und in die Hände spucken würden sähe das schon ganz anders aus…
  • iwo…. es gibt auch verkaufsschlager ohne marketing – siehe allert-wybranietz.
  • doch, ein gutes produkt ist die beste werbung, nur keine, die gut funktioniert, das muss man aber den machern nicht vorwerfen, und wenn sie selbst sich nicht besser vermarkten können, ist das nicht ihr fehler.
  • das ändert nichts an der qualität.
  • Die sitzen schon und spukten in die Hände und nicht zu wenig und man sieht es auch, wenn man hinschaut. Es ist nur die Frage: will man ein gutes Produkt oder schaut man: Was kann man auf dem Markt platzieren und wählt danach das Produkt, dass dann eben auch Derivat sein kann … wenn die angestoßene Diskussion Deine Meinung G modifiziert und nicht bloß verfestigt hätte sie ja was gebracht … ansonsten sinds ja immer wieder dieselben Dinge die einen ärgert….
  • Man kann sich auch wirklich alles schönreden…
  • höre ich da einen Ansatz zur Selbstkritk?
  • ja, ich kenne die Ansätze und Versuche. Groß gebracht haben sie bisher nichts. Also? Aufgeben?
  • was daran jetzt schöngeredet sein soll, wenn man sich seine eigene unfähigkeit zur vermarktung eingesteht?
  • Ich meinte eher die Haltung, die ich herauslese: Ich kann kein Marketing also ist’s auch egal und ich muss mich nicht weiter drum kümmern.
  • ja, und? was ist daran schöngeredet? ich kann eben kein marketing, das macht es nicht besser, im gegenteil.
  • Wenn ich von einem Buch begeistert bin, es mir Kraft, neue Einsichten oder neue Tools gibt … dann hat es was gebracht und wie nun andersherum: Wenn es einem Viertel der Leser eines Buches so geht dann sind es vielleicht mal schon hundert, denen man echt etwas fürs Leben gegeben hat. 8Und genau so bekomme ich von anderen Menschen anderen Schreibern regelmäßig etwas zurück) sabine behauptet das sie nichts mit Marketing am Hut hat. Gilt nicht für alle. Das ist zwar nicht mein Spezialgebiet, aber sonnabend beim Verlagsfest habe ich von allen Leipziger Verlagen am meisten Bücher verkauft und das mit einem Lyrikprogramm.

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  • G – ehrlich: Mit Lyrikbänden gehts mir wie mit den Traktaten von Jehovas Zeugen – ich wills NICHT aufgeschwatzt kriegen. Wenn jetzt jemand kommt und mir sagt: das musste lesen – bin ich weg.
  • B, auch ich freue mich über jeden einzelnen, den ich gewinnen kann und über jede Veranstaltung, bei der Bücher im zweistelligen Bereich weggehen. Aber sollte es nicht insgesamt mal das Ziel sein, dass die durchschnittliche Lyrikauflage vom drei in den vierstelligen Bereich wächst?
  • M – ich freu mich darüber, denn sonst würden mir in der Masse der Veröffentlichungen viele gute Bücher entgehen.
  • mir gehts mit vielem so. gutes marketing schwatzt eigentlich auch nicht auf, für mein empfinden, und leitner schwatzt aber ganz gern auf und politycki, und, funktioniert ja vielleicht auch. mit literatur und kunst geht es mir aber wie mit eigenen idiosynkrasien, die man schwerlich aus- oder eingeredet bekommen kann.
  • naja kommt darauf an G. Sollte man nicht etwas den Leuten anbieten, was sie nur da bekommen? Bei anderen Sachen (Deine kenne ich zu schlecht) ist es ja so, dass das eine durch das andere ersetzbar ist. Also viele Leute, die sich nach „das Gedicht“ zufrieden fühlen, die könnten auch ebensogut etwas anderes lesen und ich behaupte: tendenziell beseres, weil es nicht ihre Ideologie als kompetenter Leser streichelt und sie so zu Ignoranten erzieht.
  • hah, dieses ziel hab ich erreicht, darf ich jetzt nicht mehr auf der seite der ignorierten stehen…
  • Auf dem Dorf war ich der Einzige der Trakl las. Es war sehr wichtig. Die DDR Bonzen meinten, der sei entbehrlich … deswegen G hab ich eine Scheu gegen das Argument der reinen Zahl. Mehrheit legitimiert gar nichts, deswegen sind Verkaufszahlen nur fürs Überleben als bürgerliche Persönlichkeit wichtig und um Mittel an die Hand zu bekommen.

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  • seltsamer weise hat man aber in der masse immer auch doch noch zu denen gefunden, die man nicht ständig wie sauerbier anpreist, man unterschätze auch nicht, dass menschen ganz gern auch selbst mal was entdecken, vielleicht nicht alle, aber doch auch einige, dass man sie entdecken kann, dazu müssen sie verkrichbar sein, sprich, irgendwo und irgendwie verlegt, ja, auch das ist wahr.

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  • B, ja, grundsätzlich sicher richtig, das Problem aber ist nunmal leider, dass man erstmal dafür sorgen muss, dass die Menschen drauf aufmerksam werden. Das schafft Leitner – und ich bin sicher, das können auch andere schaffen.
  • ich bin grundsaetzlich der Meinung, dass Verkaufserfolge besser sind als Foerderungen/Stipendien/Preise – ja, dann is doch aber auch gut! Verkauft und seid glycklich!
  • Zu den Zahlen und Deinem DDR-Beispiel: Auch das ist richtig. Aber worum geht es denn hier? Leitner verkauft viel und bekommt viel Aufmerksamkeit. Das schmeckt einigen nicht, weil sie Leitners Arbeit eben kritisch betrachten und sich zugleich wünschen, dass die Lyrik insgesamt in ihrer Vielfalt mehr gekauft und gelesen wird. Und nur darum geht es mir ja auch: Zu fragen, wie sich das bewerkstelligen lässt. Ich denke: Das geht nur gemeinsam und gezielt.
  • Muss mich jetzt hier mal ausklinken – die Arbeit ruft.
  • was mir nicht schmeckt, ist diese kampfhaltung gegen die moderne, die leitner et al vertreten. da steh ich plötzlich wie selbstverständlich auf der seite czernins, sozusagen.

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  • und was heißt unverständlich, was akademisch? sind meine gedichte unverständlich, kompliziert???

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  • und was mich ein wenig nervt: dass diese diskussion auf meinem stream läuft anstatt auf der lyrikzeitung, wo sie jedenfalls ein bisschen öffentlichkeit hätte. was wichtig wäre.

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  • „leitner […] sagt, schaut, das ist, was ihr verstehen könnt, ich habe das für euch in eurer sprache geschrieben.“

    –> Anton G. Luther !

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  • im grunde sagt leitner, schaut, das ist das, womit ich mich noch befassen mag, alles andere interessiert doch eh nicht, mich nicht, euch nicht und alle anderen nicht. klarer fall von falscher konsens effekt würde ich behaupten…

100. Reaktionäre Lyrik

Lesefund:

der taz-artikel ist ein bösartiges machwerk voller reaktionärer lyrik, ohne nennenswerten wahrheitsgehalt auf verschiedenen ebenen