Apti Bisultanov (* 1959 in Goitschu, Tschetschenien) ist ein tschetschenischer Dichter.
Seit Herbst 2002 lebt er im Exil in Berlin. Sein 5000 Einwohner zählendes Heimatdorf wurde im März 2000 von der russischen Invasionsarmee dem Erdboden gleich gemacht.
Er studierte Philologie und arbeitete als Philologe und Dozent. In der Zeit der Unabhängigkeit war er Vizepremier von Tschetschenien. Gegen die russische Armee kämpfte er als Partisan.
1992 erhielt er für sein Poem „In Chaibach verfasst“, das den Opfern der Deportation unter Stalin gewidmet ist, den tschetschenischen Nationalpreis.
(…)
Ende März 2007 wurde sein Asylantrag zunächst abgelehnt. Als Grund hierfür wurde Rücksichtnahme auf die deutsch-russischen Beziehungen vermutet. Nach öffentlichen Protesten wurde Bisultanov schließlich doch noch Asyl gewährt.
( https://de.wikipedia.org/wiki/Apti_Bisultanov )
Tod eines Freundes im Krieg
Das Licht der Lampe zittert
Ein Skalpell verletzt mein Ohr
Es zittern meine Wimpern
Ein Vogel zuckt und stirbt
Es zittern Stein und Asche –
Still wie im Sonnengrab *)
2001
Übersetzer Ekkehard Maaß. Mit freundlicher Genehmigung von der Facebookseite des Autors übernommen, wie auch der nachfolgende Originaltext.
*) Erinnernd an den Sonnenkult werden Gräber im Gebirge Sonnengräber (malkhasch keschnasch) genannt.
ДОТТАГӀА КХЕЛХИНЧУ ДИЙНАХЬ
меттахъхьов лампанан серло
лазадо цуо сан лерса
меттахъхьов сан цӀоцкъамаш а
тохалой чудужу олхазар
меттахъхьоь тӀулгаш а чим а
дуьне ду маьлха-каш санна
2000
Die tschetschenische Sprache wurde ursprünglich mit einer Version des arabischen Alphabets geschrieben. Zwischen 1925 und 1938 wurde ein lateinisches Alphabet benutzt, das 1938 durch ein kyrillisches ersetzt wurde. In der Phase der Unabhängigkeit in den 90er Jahren wurde erneut ein lateinisches Alphabet benutzt und nach Niederschlagung des Unabhängigkeitskampfes wieder das kyrillische.
Margret Kreidl
(* 2. Jänner 1964 in Salzburg)
Strophen
Mund kommt von munden. Du schmeckst
den Duft von Holunderblüten. Honig tropft,
ein süßer Name liegt dir auf der Zunge.
Das ist die Bienenstrophe.
Aufschäumender Traum, ich schwimme
oben. Der Schaumschläger ist ein Tenor,
er trägt die Arie von den Zitronen vor.
Das ist die Seifenstrophe.
Immergrün ist die Farbe der süßen Erinnerung.
Du weißt, was das Blatt Papier will, es will
weiß sein. Wiederhole dich nicht.
Das ist die Schlüsselstrophe.
Der Vogel wird ins Spaltholz geschoben.
Es zwitschert. Der Vater liebt die Tochter.
Die Mutter ist tot. Erde im Ohr, Sarg ohne Chor.
Das ist die Holzstrophe.
Hier liegt das Fleisch in Dunkelheit. Wer
treibt es ins Licht? Lunge, Herz, Leber.
Die Nieren fehlen. Du isst dich selber.
Das ist die Fleischstrophe.
Ein Loch oben und eines unten. Ich suche
im Spiegel meinen Nabel. Der Satz hat
keinen Anfang, keine Mitte und kein Ende.
Das ist die letzte Strophe.
Aus: Jahrbuch österreichischer Lyrik 2022/23. Bernhardt, Alexandra (Herausgeber). Wien: Edition Melos, Dezember 2023, S. 199
Mátyás Dunajcsik
Aus: POLYGLOTTEN-PANIK ODER DIE SPRACHE DER VÖGEL
Fáj
A fülemüle fáj
A fülemüle füle fáj
Fáj
A fülemüle füle fáj
A fülemüle feje fáj
Foga fáj füle fáj
Wenn man eine Fremdsprache nicht versteht,
wird es zum Vogelgesang für die Ohren.
Und wenn man langsam beginnt, sie sich anzueignen,
dann ist die Melodie schnell verloren.
Nur die Fremdsprachenlernenden haben
Zugang zu diesen beiden Welten.
Nur sie wissen, dass die Vögel nicht singen,
sondern kreischen vor Schmerzen.
Meine Damen und Herren, was Sie aus den Lautsprechern hören, bedeutet Folgendes auf Ungarisch:
Weh
Die Nachtigall tut weh
Die Ohren der Nachtigall tun weh
Weh
Die Ohren der Nachtigall tun weh
Der Kopf der Nachtigall tut weh
Ihre Zähne tun weh, ihre Ohren tun weh
Weh ist ein Wort, das ich aus den Opern von Wagner gelent habe. Man sagt es, wenn man gleichzeitig singen und kreischen muss, wenn in einer weiblichen Stimme, die in den Weltgeist abfließende Männerhysterie ihren Höhepunkt erreicht. Wenn die Sprache fehlschlägt und kaputt geht. Aber wie schön das Kaputtgehen ist, wenn man endlich ein Vogel werden kann. Oder?
Lexical anxiety occurs when the subject lacks the vocabulary resources for satisfactory self-expression, causing a discrepancy between the individual’s abilities and the internal image of the self. On these occasions, the subject can experience in a first-hand, almost corporal manner the famous statement of Ludwig Wittgenstein, that die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt. Language, and therefore the world, becomes a straitjacket one size too small, as the subject feels as if be or she has been unrightfully reduced to a lesser life-form, like that of a toad, a serpent, or a bird.
Wovon man nicht sprechen kann,
darüber muss man kreischen.
Guten Morgen, liebe Studenten und Studentinnen,
ich heiße Frau Rheingold und ich bin eure neue
Sprachlehrerin! Wir beginnen mit ein paar
sehr einfachen Diskussionsthemen,
damit wir uns ein bisschen besser kennenlernen können.
(…)
– Erkläre, warum deine Muttersprache
in deiner jetzigen Lebenssituation völlig nutzlos ist!
– Úúúúúúúúú, úúúúúúúú, úúúúúúúú, úúúúúú...
Die Muttersprache weint in der Ecke, während die neuen Gäste
die Betten machen. Az anyanyelv a sarokban sír, amíg az új
vendégek megágyaznak.
Mein Volk ist ein Gespenst, das in Europa umgeht.
Es ist nie wirklich da, wo es ist.
Dans ma bouche, il y a cing langues qui tournent.
Quelle surprise, que j'ai malà parler.
In meinem Mund drehen sich fünf Zunge.
Kein Wunder, dass es mir beim Sprechen wehtut.
Weh
Die Nachtigall tut weh
Die Ohren der Nachtigall tun weh
Der Kopf der Nachtigall tut weh
Der Hals der Nachtigall tut weh
Weh ist ein Wort, das ich aus den Opern von Wagner gelernt
habe. Das andere Ding, dem ich in Wagners Opern begegnet
bin, dass es der beste Weg ist, Vogelgesang zu verstehen,
Drachenblut zu kosten, so wie Siegfried, nachdem er Fafner
erschlagen hat.
Ei, bist du ein Thier,
das zum Sprechen taugt,
wohl liess' sich von dir, was lernen?
Hier kennt einer das Fürchten nicht:
kann er's von dir erfahren?
Aber ich bin kein altnordischer Held,
sondern ein Intellektueller aus Osteuropa:
das einzige, was mich die Jahrhunderte
erfahren lassen haben, ist gerade das
Fürchten. Wir haben so viele Synonymen
dafür, wie die Isländer für Schnee.
Félelem – snjór. Rettegés – sna. Iszonyat – mjöll. Ijedtség – fönn.
Aggodalom – drífa. Rémület – skafl. Ijedelem – glæra. Riadalom –
fjúk. Reszketés – bálka. Szorongás – hörsl. Borzalom – bjarn. Félsz –
svell. Majré – bylur. Para – hregg. Pánik – él.
Jede Sprache ist zwangsjackenschön und
schneeballblütenschwer.
Jede Sprache ist ein anderer Planet,
und man muss um den Sauerstoff kämpfen, um zu atmen.
I've seen things you people wouldn't believe.
Attack ships on fire off the shoulder of Orion.
I watched C-beams glitter in the dark
near the Tannhäuser Gate.
I have heard trolls sing poetry
on faraway glaciers.
(...)
Aus: Mátyás Dunajcsik: Verlorene Gedichte. Mit Zeichnungen von Krizbo. Köln, Leipzig, Olsztyn: parasitenpresse, 2023 (Die nummernlosen Bücher), S. 35-41
Mátyás Dunajcsik. Polyglott. Punk. Poet. Ex-ungarischer und neudeutscher Autor. Geboren 1983 in Budapest und lebt seit 2023 in Berlin. Wanderdichter in Emigration seit 2074. MA in Ästhetik (Kunsttheorie) und französischer Literatur. (Ebd.)
Camill Hoffmann
(auch: Kamil Hoffmann; geboren 31. Oktober 1878 in Kolín, Österreich-Ungarn; gestorben Oktober 1944 im KZ Auschwitz) war ein böhmisch-tschechoslowakischer Journalist und Schriftsteller. https://de.wikipedia.org/wiki/Camill_Hoffmann
Drei kleine Balladen, III
Ein Tor schlug zu, der Mond hing schief,
Der Brunnen schlief, die Stadt war tot,
Der Ringplatz schlief, die Gasse schlief,
Der Mond hing schief und rot.
Ein Schrei zerriß die tiefe Ruh,
Ein Mensch, der heiß um Hilfe rief.
Der Mond hing rot, ein Tor schlug zu,
Die Stadt war stumm und schlief.
Der Schlaf der Stadt war tief und gut.
Ein Mensch in Not um Hilfe rief.
Vom Monde fiel ein Tropfen Blut
Auf eine Stadt, die schlief.
Aus: Camill Hoffmann (1878-1944). Zuflucht. Späte Gedichte und Erzählungen. Mit einem Nachwort herausgegeben. von Dieter Sudhoff (Vergessene Autoren der Moderne XLVIII. Herausgegeben von Marcel Beyer und Karl Riha). Universität-Gesamthochschule Siegen, Siegen 1990, S. 8
Tanja ‚Lulu‘ Play Nerd
"Es ist nicht meine Sache, zu beschönigen oder zu provozieren, sondern meinen Teil
an Erfahrungen und Einsichten zu liefern. Aber man entgeht weder sich selbst noch
der Zeit. Noch vor dreißig Jahren habe ich mehr Leidenschaft in meine Schriften
gelegt, vor fünfzig Jahren mehr Hoffnung oder auch Naivität. Heute weiß ich, daß
vom Menschen und seiner Geschichte nichts zu erwarten ist."
Claire Goll: Ich verzeihe keinem, 1976
Tanja 'Lulu' Play Nerd, 3.4.2024
© kunstyoga.de & weltlyrik.de
lösungsansatzweise
das allergrößte und allerletzte rätsel
der literatur lautet: warum...
wurden bis heute noch keine genialen
reime verfasst durch deren lektüre
die welt gerettet werden kann? oder
anders gefragt: worüber...
muss eine dichterin schreiben damit
es die herzen der leser derart berührt
dass sie sich alle sofort und für immer
umarmen wollen und in jedem
mitmensch die antwort auf
die ultimative sinnfrage sehen?
handelt ein solches gedicht von
der luft die alle atmen? oder
vom reis den alle kochen? oder
müsste ich über die wohnungen
schreiben in denen alle
auf bessere zeiten warten? die autos
in denen alle zur arbeit fahren?
die bücher die alle (nicht) lesen?
und die liebe die alle machen? oder
den tod den alle verdrängen?
alle menschen sind tun denken
glauben & erhoffen zu 99% dasselbe!
trotzdem ist mir kein gedicht bekannt
das alle menschen so begeistert
dass sie es auf ihre schilder schreiben
und bei demonstrationen für
"mehr menschheit" skandieren
sind wir womöglich unfähig?
einfach schlechte dichter? oder
fallen uns die richtigen worte
noch nicht ein weil die zeit noch
nicht dafür gekommen ist? aber
wie viele jahrhunderte soll es noch
dauern bis der erlösende reim über
uns kommt? wie viele autoren müssen
noch über die 1% hürde springen um
etwas brauchbareres zu formulieren
als all die schöne poesie die in den
zerbombten bibliotheken verstaubt?
Erscheint in der Gesamtwerkausgabe "LYRIKVIRUS - NEUE WELTLYRIK ENGAGIERTER EMOTIONALITÄT", BoD 2024
Der österreichische Lyriker und Übersetzer Martin Winter schreibt Gedichte auf Deutsch, Englisch und Chinesisch. In seinem Gedichtband „Der Mond muss perfekt sein“ gehen die Sprachen durcheinander. Manche Gedichte gibt es in einer, manche in zwei oder drei Sprachen. Wenn nur in einer, ist es nicht immer Deutsch. Heute ein Gedicht, das es nur auf Chinesisch gibt. Mehr noch, der Autor schreibt:
Dieses Gedicht gibt es nur auf Chinesisch. Ich hab oft versucht, es zu übersetzen, aber es geht nicht. Man kann es erklären, aber wenn man nicht Chinesisch kann, wirkt es nicht, oder kaum.
Zeitungsverkäufer treten auf, es geht um Morgen- und Abendzeitungen, um spätes Karma bzw. sehr, sehr späte Berichte, die irgendwann kommen werden.
Der Mond muss perfekt sein, S. 67
Das weckt natürlich die Neugier. Handy gezückt und mit Google Lens fotografiert ergibt etwa dies:

Da die KI nicht ein für allemal fertige Übersetzungen liefert, kann man abweichende Fassungen erhaschen – es lohnt sich, es mehrmals zu versuchen und auch mal schnell Zwischenergebnisse aufzuschnappen. Hier zwei dieser Fassungen.


Es ist nicht so, dass ich nichts verstehe. Es ist nicht so, dass mir die verschiedenen Versionen nicht bekannt vorkommen – aus meinem Leben als Leser und, ja, aus meinem DDR-Leben auch.
Folgt noch der Originaltext.
晚报
挽报!
挽报!
早有早报
晚有晚报
不是不报
时间未到
Unterzeichnet: W. Martin 1999 Chongqing
Aus: Martin Winter: Der Mond muss perfekt sein. She has to be perfect. [Wagen Sie es nicht, unvollkommen zu sein] (Googleübersetzung des chinesischen Titels). Mit 27 Übersetzungen von Yi Sha. Wien: fabrik.transit, 2016, S. 67

Der Dichter Uwe Greßmann wurde manchmal ein naiver Dichter genannt, aber das war er nicht. Er, der nicht studieren konnte, hat autodidaktisch die Literaturgeschichte und Philosophie studiert. Seine Gedichte und Briefe legen Zeugnis ab.
Heute ein Gedicht, das er kurz vor seinem Tod schrieb und das damals im kleinen Land DDR nicht publizierbar war. Erst 1982 gelang es Richard Pietraß, es als Kassiber im Anhang einer Auswahlausgabe des schon 1969 gestorbenen Dichters herauszuschmuggeln. Die Freude der aufmerksamen Leser war diebisch. Das Buch erschien in hoher Auflage als Reclam-Taschenbuch zum Preis von 3,50 Ostmark. Greßmann hatte das Gedicht dem tschechischen Lyriker und Übersetzer Ludvík Kundera in einem Brief geschickt. Kundera hat das Augenzwinkern des Dichters sicher genauso goutiert wie wir 13 Jahre später.
Wenige zeitgeschichtliche Anmerkungen voraus. Das Gedicht spricht vom Minnesänger Walther von der Vogelweide und zitiert den mittelalterlichen Sängerkrieg auf der Wartburg: „Herr Walther spricht“. Natürlich wusste jeder, dass es im Mittelalter keine Faustaufführung gab. In der DDR dagegen sehr wohl – die Kulturpolitik hatte zwei gegensätzliche Tendenzen. Eine war die Orientierung an der klassischen deutschen Literatur. Partei- und Staatschef Walter Ulbricht hatte den Faust im Arbeiterbildungsverein studiert – es ging darum, dass die Arbeiter die „Höhen der Kultur“ erstürmen sollten. Ulbricht lernte die Lektion, hielt die Klassik hoch und forderte die jungen Schriftsteller auf, einen dritten Teil des Faust zu schreiben. Der sollte zeigen, wie die DDR die Ideale der deutschen Klassik verwirklichte. Was sie erdichtet und erträumt, wird in der sozialistischen DDR Wirklichkeit, „mit freiem Volk auf freiem Grunde“. Mehrere junge Schriftsteller, darunter Volker Braun und Uwe Greßmann, machten sich sogleich daran. Die Ergebnisse waren nicht so, dass sie damals in der DDR druckbar gewesen wären. – Die andere, gegenläufige Tendenz seit den 60er Jahren bestand darin, die Schranken zwischen den Arbeitern und Bauern und der hohen Kultur einzureißen. Die Arbeiter sollten Bücher lesen und ins Theater gehen und auch selber schreiben und malen. Auf der zentralen Deutschen Kunstausstellung der DDR 1967 wurden auf Geheiß des Staatschefs Arbeiten von Laienkünstlern neben denen der Berufskünstler ausgestellt. Die Künstler und Schriftsteller ihrerseits sollten in die Betriebe gehen und das „echte Leben“ in der sozialistischen Produktion kennenlernen. „Bitterfelder Weg“ hieß das (es kommt im Gedicht vor). – Und dann die Faustaufführung. Als im Herbst 1968 am Deutschen Theater Wolfgang Heinz und Adolf Dresen Goethes „Faust“ inszenierten, saß Ulbricht in seiner Loge. Die Aufführung gefiel ihm aber nicht. So hatte er sich den sozialistischen „Faust“ nicht vorgestellt. Wütend verließ er die Loge. Die Aufführung wurde abgesetzt. „Diesen Faust, den mag ich nicht.“ – Eduard von Winterstein: berühmter Film- und Theaterschauspieler (1871-1961), von der DDR-Führung hochdekorierter Schauspieler am Deutschen Theater in Ostberlin (er erhielt die Nationalpreise von der III. bis hoch zur I. Klasse und den Orden Banner der Arbeit).
Uwe Greßmann, Brief an Ludvík Kundera, 25.3.1969
Da mich gegenwärtig die deutsche Dichtung des Mittelalters bewegt, so bitte ich Sie, gewissermaßen als Gesprächsgrundlage, meine dem größten aller Minnesänger gewidmeten Ausführungen in einigen Punkten anzuhören.
Herr Walther auf der Vogelweide
in Anbetracht einer Faust-
aufführung
insbesondere ihres ersten Teils
Herr Walther spricht:
Den Faust den mag ich nicht
Der nicht gewaltiglich sich ballt
Und wie von einem Arbeiter
Erhoben hoch hinausstrebt hoch
Ja über Kopfes Höhe! doch!
Und überhaupt: was solls?
Es heißt: die Faust!
Herr Walther bittet daraufhin
Die Vögelein auf der Weiden
Ästen hin und her zu schreiten
Und den Weg nach einem
Bittern Feld ja Bitterfeld* von Rinden
Blättern zu besingen
Zu bepicken
Da plaudern die Kritiker vom Pressebaum
Mit einigen Schauspielern und Zuschauern
Vom Schildaschen Theater
In Anbetracht einer dort aufgestellten Statue
Doch Herr Walther spricht:
Was solls? Ist es nicht
Stahl des Arbeiters der hier
Vorstellt dieses Raumes Zier
So aufgestellt?
O nein! Der Held
Unserer Betrachtungen ist
Herr von Wolken- oder Winterstein
Denn als ein Schauspieler hob er
Wohl den Becher und sagte Worte
Dieses Dichters
Nicht etwa draus zu trinken;
Aber der den Minnesang beendete
Saß er überhaupt im Parkett?,
Da Herr Walther auf einem Steine
Saß und Bein legte auf Beine
Und sprach: Was solls?
Da klatschten die Zuschauer vom Schildaschen Theater
Zunächst in Anbetracht einer die Faust hebenden Dar-
stellerin Beifall
Inzwischen traten die andern Schauspieler im Foyer auf
Eben um an der Faustdiskussion teilzunehmen dem
Ergebnis jener Aufführung
Und bekamen auch was davon ab ja vom Vorhang
Denn der Beifall dauerte noch ein Weilchen
Und das obwohl die Künstler plauderten
Ja die Kritiker vom Pressebaum baten
Die Zensur der Urteilenden lieber fallenzulassen
Doch was hilfts Herr Walther spricht:
Diesen Faust den mag ich nicht
Doch ihr lieben Vöglein auf der Weiden
Baum Wie schön habt ihr den Weg
Nach einem bittern Feld ja Bitterfeld*
Von Rinden Blättern
Besungen und bepickt!
*) Vielleicht einer der zahlreichen von Herrn Walther besuchten
mittelalterlichen Fürstenhöfe, vorausgesetzt, daß
unser großer Dichter dort auf seinen Wanderungen auch
etwas vortrug, seinen fürstlichen Gönner damit zu erfreuen.
Aus: Uwe Greßmann: Lebenskünstler. Gedichte. Faust. Lebenszeugnisse. Erinnerungen an Greßmann. Herausgegeben von Richard Pietraß. Leipzig: Reclam, 1982, S. 196ff
Robert Schindel
(* 4. April 1944, heute vor 80 Jahren, in Bad Hall in Oberösterreich)
Vorm Hölderlinturm spätmittags
Hölderlin isch it Verrückt worra
Graffiti am Turm
Und rundherum und eingesperrt
Und vertikal und unbewehrt
Und morgenstreifig umgetrieben
Ist er it alleingeblieben
So endet jede Schweigezeit
Schon zu Beginn der Ewigkeit
(Für C.)
it: Schwäbisch für: nicht
Aus: Robert Schindel, Geier sind pünktliche Tiere. Gedichte. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1987, S. 97
Anja Utler
(* 24. Juli 1973 in Schwandorf; lebt in Leipzig)
Aus: Es beginnt. Trauerrefrain
Es beginnt der Tag.
Er ließ sich nicht umgehen.
Die Pflanzen stranden
im Licht; reagieren
Es beginnt der Tag.
Tasse geht zu Boden und
der Tee. Auch ich bin
abwaschbar; von innen nicht
Es beginnt der Tag
in Handschuhen, greift nach den
Organen, wiegt sie
alle einzeln in der Hand.
Für das Buch „Es beginnt. Trauerrefrain“ (Edition Korrespondenzen 2023), aus dem diese drei Gedichte stammen, erhält Anja Utler heute in Staufen den Peter-Huchel-Preis für 2023.
Iryna Vikyrchak
(ukrainisch Ірина Вікирчак; * 17. Mai 1988 in Salischtschyky, Oblast Ternopil; lebt in Wrocław)
***
es kann auch alles damit enden
dass nichts von dir bleibt
außer ungeschriebenen Büchern
außer ein paar fremden Versen
der letzte Strohhalm
hunderte Male gehört
erst heute plötzlich verstanden
Zeit ist zäh wie ein Mus aus Schattenmorellen
der innere Kern lebendig und zart
wie der Stiel einer Gladiole
dann, in der allergrößten Not
strömt in die Stille zwischen uns
unverhofft ein Regen
Aus dem Ukrainischen von Jakob Walosczyk, aus: Iryna Vikyrchak: Algometrie – Anthropologie – Amnesie. hochroth Leipzig 2024, S. 26f
***
а може все скінчитись так,
що з тебе нічого не лишиться,
окрім ненаписаних книг
окрім чужого вірша
останньої соломинки,
що чула сотні разів раніше,
але тільки сьогодні раптом збагнула
час густий, як повидло з липневих морелей
внутрішній стержень живий і ламкий
ніби стебло гладіолуса
зненацька, у найпотрібнішу мить
тишу між нами заллє
несподіваний дощ
Tom de Toys
FEIERTAGSATMOSPHÄRE

bevor ich zum eigentlichen thema dieses
textes überleite möchte ich nur kurz darauf
eingehen warum ich mich bei dem titel nicht
für die wörter LAUNE und STIMMUNG
entschied sondern das wesentlich längere
wort "atmosphäre" benutzte um zu betonen
was ein feiertag bei einem arbeitenden
menschen auslöst wenn er endlich einmal
ausschlafen kann und dann bei einer wohl-
duftenden tasse kaffee in seinem lesesessel
am offenen fenster sitzt durch das der ewige
frieden des autofreien vogelgezwitschers
ins aufwachende hirn strömt und eine
angenehme stille spüren lässt die dazu
verführt dem eigenen denken zu lauschen
als sei es ein fließband ohne produkte
in einer geisterfabrik ohne namen inmitten
der unendlichen landschaft ohne horizont
während die kaffeelektüre an langeweile
kaum mehr zu überbieten ist obwohl mich
das thema schon immer eigentlich brennend
interessiert und meine neugier durch den
titel des buches geweckt wurde der aber
am ende das einzige abenteuer darstellt das
mein geist zu bestehen hatte nachdem sich
die buchstabenfelder auf dem dünnen papier
in luft auflösten und mir die leeren seiten
als fächer gegen die feuchte hitze dienten
solange dieses gedicht noch nicht
als ventilator funktioniert //
29.3.2024 ©POEMiE™
@ 86.MPC (Mobile Poetryclip): https://m.youtube.com/watch?v=HxwIvi_Xv44&list=PLWe1oUWFH2ZkheI5qlQv26mmopR8BX4Lm
Am 30. März 1601 starb der Augsburger Meistersinger Johannes Spreng. Geboren wurde er an unbekanntem Datum im Jahr 1524. Aus Anlass des 500. Geburtstages heute ein Stück aus seiner Übersetzung und Nach-Dichtung der Metamorphosen des griechischen Dichters Ovid. Aus den breit erzählenden Hexametern des alten Griechen macht der Meistersinger, der das Dichten zunftmäßig in der Meisterschule gelernt hat und ausübt, deutsche Knittelverse. Ovid kennt keine Kapiteleinteilung. Das gesamte umfangreiche Werk ist in 15 Bücher eingeteilt, die einzelnen Geschichten, die Metamorphosen und Verwandlungen gehen ineinander über. Schon zu Sprengs Zeiten galt das als zu anstrengend, und so kürzt er die Erzählung drastisch und teilt die einzelnen Bücher in kurze Kapitel ein. Diese wiederum bestehen nach Art der damals beliebtem Embleme aus mehreren klar abgesetzten Einzelteilen. Bei Spreng sind es jeweils 5 Teile: 1. eine Überschrift, 2. ein Holzschnitt, der die Handlung verbildlicht, 3. eine Prosaeinleitung, dann 4. das eigentliche Gedicht in paarweise gereimten Knittelversen und noch obendrein 5. eine Moral oder „Außlegung“, ebenfalls in Knittelversen. Offenbar brauchen die Leser didaktisch und dogmatisch aufbereitete Geschichten. Nicht zuletzt weil Ovids Erzählung heidnisch ist und die „Außlegung“ die Kurve zur christlichen Bibel kriegen muß. Ich teile zur Jahrhundertfeier die ersten 4 Teile (also ohne die Auslegung) der neunten Verwandlung (= des 9. Kapitels) des ersten Buches mit. Es ist die Geschichte, die die Bibelleser als Sintflut kennen, bei Spreng heißt es Sündfluß. In der Originalausgabe von 1571 sind das nicht einmal 2 Seiten, wenn man die Grafik abzieht.

NAch dem Jupiter in der Götter beyseyn vnd versamlung sich berahtschlagt / mit was pein oder straff [Strafe] das Menschliche Geschlecht fürnemlich heimzusuchen vnd außzutilgen were / Hat jm endtlich (von wegen deß Lycaonis gewaltthätigen handlungen / auch umb der andern Menschen boßheit willen / die mit jren lastern die Götter selbs anreitzen / vnd vilfeltig versuchen) gefallen / den gantzen Erdboden mit reichlichem vnauffhörlichem wasser zu vbergiessen / vnd alles was darinnen zu versencken / In welchem gewässer alles Menschlich fleisch (außgenommen zwo Personen) ist vnder[ge]gangen.
P. Ouidij [Ovids] Verwandlung /
Weitere Erklärung.
NAch dem in sünden vngerecht
Sich vmbweltzet Menschlich Geschlecht
In das verderben / auch zu hauff
Thet [tät] rennen gar mit vollem lauff
Darneben mutwillig vorab
Weder vmb straff noch warnung gab
Da kam bald vber sie die rach
Deß Jovis [Jupiters] zoren [Zorn] gar anbrach
Sein meinung was [war] der Menschen schar
Mit wasser außzutilgen gar
Vnd diesen seinen raht beysich
Thut er vollziehen schnelligklich
Schickt ein grossen Regen vom Himmel
Zu hauff die Wasser mit gewimmel
Werden oben gegossen auß
Fallen hernider nach der bauß
Schier gantze flüß kommen von oben
Das Meer facht [fängt] an hefftig zu toben /
Laufft vber / thut die Leut erschrecken
Die Flüß das Erdterich [Erdreich, Erderich] bedecken
Die hohe Thüren auch verschwinden
Die Berg man fort nit mehr kan finden
Im Wasser ligen sie versenckt
Durch vngewitter gantz ertrenckt
Es ist nur ein Teil Meer
Tier / Vögel / vnd das Menschlich Heer
Allda gentzlich in grundt verdirbt
Eins jämmerlichen todes stirbt /
Auß den Leuten mannicherley
Sind vberig zwen [zwei] Menschen frey
Das ander alles mit verdriessen
Allda sein leben muss beschliessen
Der große Wasserguß zu mal
Reißt alles hinweg mit vnfall.
P.OVIDII NASONIS.|| Deß sinnreychen || vnd hochverstendigen Posten/|| METAMORPHOSES.|| oder Verwandlung/ mit schönen künst=||lichen Figuren gezieret/ auch kurtzen … || Argumenten vnd Außle=||gungen/ erkläret/ vnd in Teutsche || Reymen gebracht/|| Durch || M.Johan Spreng/ von Augspurg.|| Frankfurt/Main : Rab, Georg, Weigand Han Erben, Feyerabend, Sigmund, 1571, S. 17f – Online Ausgabe: Berlin : Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Germany, 2015 PURL: http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001A6D000000000
Thomas Kunst
(Geboren 1965 in Stralsund, lebt in Leipzig)
WENN ICH MAL TOT BIN, LASST MICH BITTE RAUS,
Aus den Gesprächen über Poesie,
So gut wie Ulrich Zieger war ich nie,
Mein Überleben reichte für Applaus.
Das muss doch alles mal ein Ende haben.
Bin ich berauscht vom Glück, sterben Gedichte.
Der Alkohol auf Feldern ist Geschichte.
Die Lichtpunkte sind Rehe oder Raben.
Das Sterben auf den Höfen, Blutergüsse
Vom Zerren an den Bäumen, Brettern, Blumen
Distanz zu wahren, ja, das ist es wohl –
Die Explosionen in der Nacht sind Schüsse.
Die Drinks im Weltall haben mehr Volumen.
Die Sterne sind in ihren Wangen hohl.
Aus: Thomas Kunst, Wü. Gedichte. Berlin: Suhrkamp, 2024, S. 167
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