Glückliche Hand

Ich bleibe beim Visuellen. Seit 1959 veranstaltete die Stadt Leipzig zusammen mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels (DDR) alle 6 Jahre eine Internationale Buchkunst-Ausstellung in den Messehallen. Ab 1971 erschienen insgesamt 3 Kataloge einer Sonderschau unter dem Titel figura 1-3. Figura 3 (1982) hatte das Thema Zyklen, mit einem Beitrag von Juri Lotman: „Die grafische Folge: Erzählung und Gegenerzählung“ und einem weiteren von Paul Raabe sowie, Premiere für die DDR, einen Katalog „Sa-um – Visuelle Texte“ mit einem Beitrag von Carlfriedrich Claus und der erstmaligen Übersetzung eines Textes von Alexej Krutschonych: „Deklaration der sa-umnischen Sprache“. (Kein Wunder: Mitarbeiter des Katalogs waren Carlfriedrich Claus und Valeri Scherstjanoi). Ausgestellt waren Arbeiten von Frédéric Baal (Belgien), Carlfriedrich Claus (DDR), Christian Dotremont (Belgien), Ilse und Pierre Garnier (Frankreich), Arrigo Lora-Totno (Italien), Alain Arias-Misson (Belgien / USA), Franz Mon (BRD), Sophie Podolski (Belgien), Warwara Stepanowa (Sowjetunion), Shohachiro Takahashi (Japan), Hendrik Werkman (Niederlande) und anderen. Es war eine Sensation für mich.

Ich präsentiere hier aus dem Hauptteil der Ausstellung ein Blatt von Gregory Masurovsky, geboren 1929 in Bronx/ New York,  gestorben 2009 in Paris. Es ist eine Radierung mit einem handgeschriebenen Text von Michel Butor: Die glückliche Hand, Bleistift, 1978/79. Deutscher Text von Helga Bergmann.

Aus: Mayer, Rudolf (Bearb.): figura 3. Zyklen. – Sonderschau der Internationalen Buchkunst-Ausstellung Leipzig 1982. Dresden: Verlag der Kunst, 1982, S. 104f.

Mehr über die Kataloge hier https://lyrikwiki.de/mediawiki/index.php/Figura.

Ruth Wolf-Rehfeldt (1932-2024)

Ruth Wolf-Rehfeldt

(Geboren am 8. Februar 1932 in Wurzen bei Leipzig; gestorben am 26. Februar 2024 in Berlin)

Ruth Wolf-Rehfeldt: Gedenkblatt [Forgotten], 1976
Zinkografie

Aus: Marvin und Ruth Sackner: Schreib/ maschinen/ kunst//. Mit über 570 Abbildungen. Aus dem Englischen von Claudia Kotte. München: Sieveking, 2015, S. 162.

Ruth Wolf-Rehfeldt (geb. 1932) wurde in Wurzen bei Leipzig geboren und zog 1950 als Studentin nach Ostberlin. 1954 traf sie den Grafikdesigner Robert Rehfeldt und heiratete ihn ein Jahr später. Sie arbeitete in der Ausstellungsabteilung der Deutschen Akademie der Künste in Ostberlin, genoss jedoch keinerlei künstlerische Ausbildung. Anfang der 1970er Jahre begann sie, Gedichte zu verfassen und Zeichnungen und Collagen anzufertigen. Um sich ihrem Mann anzuschließen, der seine Grafik in internationalen Mail-Art-Kreisen austauschte, wandte sie sich der Schreibmaschine als künstlerischem Ausdrucksmittel zu. Die Schreibmaschinengrafiken, die sie von 1972 bis zur Auflösung der DDR 1989 produzierte, wurden zu ihrem künstlerischen Markenzeichen. (Ebd. S. 343)

kiev stingl (1943-2024)

Kiev Stingl 

(* 15. März 1943 in Aussig, Sudetenland, heute Tschechien; † 20. Februar 2024)

wenn
der schwanz
erlischt,
gehen schweigsame
soldaten
durch das museum
der wälder.
in einem käfig
steht
der krieger
mit einer hand
voll krieg.
er schlägt
den kopf
der medusa
gegen einen willen
aus fels.
er schlägt
blond blau,
er schlägt
die fliederrote see.
er schlägt
der seele
hieroglyphische lust
zu brei.
bevor
der schwanz
erlischt,
trägt er
das martyrium
in die musik,
die schlingt sich
wasser um den hals,
zu überfließen,
was nur nasse
flecken hinterläß
t: rosenasche
aus meiner hosen
tasche.

Aus: kiev stingl: sink skin. gedichte. markus lüpertz: skulptur apoll. radierung. Berlin: Galrev, 1995, S. 73

Nachruf in der Untergrundzeitung Neues Deutschland

Vor 100 Jahren

Hendrik Werkman 

(* 29. April 1882 in Leens, Niederlande; † 10. April 1945 in Bakkeveen, Niederlande) 

1924

Das 481. Schaltjahr wird uns die Erlösung von der faden
Strapaze der Kunst als Parfüm nicht bringen.
Dazu ist sie zu stark mit der mächtigen Organisation der
Fettmäster, in der jeder sein Glück versucht und Anwälte ein
Auskommen haben.
Der Künstler in der Gesellschaft ist der gefesselte Handwerker im
Großbetrieb.
Instinktiver Trieb zum Schachern und gerissene Überlegung zum
Nachgehen von Kauf und Verkauf mit Profit seine Verdienste.
Willst Du Dich erniedrigen, indem Du Dich den
Unzulänglichkeiten der Gesellschaft anpaßt? Der Lebensbetrieb
fragt nicht nach Lebensbekenntnis.
Die Kunst in der Gesellschaft ist zivilisierte Schau.
Überschwenglichkeit ist konventionelle Kundgebung des
Totenabmarsches ohne Takt.
Lust ist Grundsatz.
Enttäuschung ist das Ende aller Dinge und die Tage brechen das
Leben weiter ab.
1924 erfordert engeren Zusammenschluß Gleichgesinnter, von
denen zu erwarten ist, daß sie sich noch gegen das
Negativprogramm der Reaktion erheben können. Bekundend mit
Wort, mit Schrift, mit Tat.
Mit Pickel, Hacke und Mistgabel.

Aus: Hendrik Werkman (1882-1945). Travailleur & Cie. Texte 1923-1944. Mit einem Nachwort herausgegeben von Hubert van den Berg und Walter Fähnders (Vergessene Autoren der Moderne LXIII. Herausgegeben von Marcel Beyer und Karl Riha). Universität-Gesamthochschule Siegen, Siegen 1995, S. 12 (Aus dem Niederländischen von Hubert van den Berg)

Am 13. März 1945 wird Werkman vermutlich wegen seiner illegalen Drucktätigkeit von einem deutsch-niederländischen Überfallkommando des Sicherheitsdienstes verhaftet, seine Drucke werden als „bolschewistische Kunst“ und „surrealistische Schweinerei“ beschlagnahmt. Werkman wird am 10. April 1945 zusammen mit neun anderen niederländischen Antifaschisten – hauptsächlich Mitglieder des bewaffneten Widerstandes – ohne Prozeß in einem Waldstück in der Nähe des friesischen Bakkeveen hingerichtet. Als wenige Tage später Groningen befreit wird, fallen Werkmans konfiszierte Bilder und Drucke einem Brand zum Opfer. Eine von Willem Sandberg initiierte Werkman-Retrospektive findet November/Dezember 1945 im Siedelijk Museum statt und festigt definitiv Werkmans Namen als avantgardistischer Künstler.

(Ebd. S. 48)

Hier eine Komposition Werkmans aus dem Jahr 1924 https://www.rijksmuseum.nl/nl/collectie/RP-P-2013-18

Postoperativ

Tom de Toys, 21.2.2024
©POEMiE™ @ arbeitsdichte.de


POSTOPERATIVE PARANOIA
(HÜFTHALLUZINATIONEN)


erschöpft und erleichtert im
eigenen bett liegend inmitten
des leeren schalldichten raums
ohne fenster mit der perfekten
narbe an einer hüfte als taube
zeugin daß ich nicht wochenlang
im koma halluzinierte ich sei an
einem wintermorgen mit einem
taxi zum krankenhaus gefahren
wo mir clowns im weißen kittel
die knochen zersägten und das
bein verdrehten ohne daß ich
schmerz verspüren konnte war
ich wirklich weg oder war es nur
ein wimpernschlag mit kurz
aufflackernder fantasie über
keramikknochen plastikgelenke
und titanstifte ganz tief in den
hohlen knochen gerammt ohne
daß jemand den lärm hörte in
diesem hotel auf verschneitem
berggipfel mit cyborgs auf
krücken die freiwillig in zeitlupe
zur neon beleuchteten folter-
kammer torkeln um sich dort
mit eisluftpistolen zu beschießen
und sich in glühende matten
einwickeln zu lassen von aliens
die mal mit erregter und mal mit
beruhigender stimme unablässig
gebete murmeln damit man erst
gar nicht zu denken beginnt aber
ist heute überhaupt januar oder
vielleicht doch schon frühling es
scheint mir ein dunkles stummes
geheimnis in meinem kopf zu
geben denn nur diese narbe lässt
sich nicht abkratzen als sei sie
ein tattoo mit dem historischen
hinweis darauf daß es in echt
geschah während ich einmal
kurz blinzelte um luft zu holen
und dann die knospen um mich
herum erblickte als sei alles
normal und bliebe sogar vor den
augen der autobahn unentdeckt
die sich in meiner vision direkt
gegenüber am berghang entlang
geschlängelt hatte und beweist
daß nur meine zeit still stand ich
esse aus protest alle marzipankugeln


Gewidmet der Aggertalklinik in Dank für fünf heilsame Wochen

Jeder ein Schamane

Hadayatullah Hübsch 

(* 8. Januar 1946 in Chemnitz als Paul-Gerhard Hübsch; † 4. Januar 2011 in Frankfurt am Main)

Wir waren nicht schmutzig, 
Denn wir wollten rein sein,
Rein sein und unschuldig.
Nicht schuldig, wie unsere Väter,
Verfault, wie unsere Mütter,
Heuchlerisch, wie unsere Priester,
Strahlend wollten wir
In den Morgen des Wunderbaren gehen,
Liebend und voller Hoffnung,
Im weißen Land des Inneren
Den Gral zu entdecken, das Herz
Des Heiligen, das Wort, das befreit,
Gott.

Wir waren nicht schmutzig.
Auch wenn unsere Kleider aus Brokat
Ungewaschen, die langen Haare
Ungeföhnt, uns kam es nicht auf
Die Schönheit der Körper allein an,
What's the ugliness
Of your body.
I think it's your mind,
Sang Frank Zappa und wir spielten Freak Out!.
Höher als die Sterne
Wollten wir fliegen,
Tiefer als die Meere
Wollten wir tauchen,
We want to show the world what it means
To love.
Jubelten die Jefferson Airplane,
Und so zogen wir aus
Mit Om-Fahnen aus Katmandu
Und den farbigen Blättern aus San Francisco,
Um neu zu werden, bunt und frisch
Wie eine ungeahnt herrliche Zukunft.
Was hatten wir entdeckt?
Dass der Weg nach innen
Berauschender ist als jeder Feldzug,
Um Reiche aus Gold zu erobern?
Unsere Stadt aus Gold
Lag abseits der Autobahnen,
Über die wir rasten,
Unermüdlich, in der fünften Dimension,
Abseits der gepflasterten
Bürgersteige, über die wir schritten
Mit dem Joint im Mund,
Dem Sakrament, das wir uns erwählten,
Weil wir nichts besseres kannten,
Weil wir nicht wussten,
Wie schöner werden
Als der Diamant der Suche
Nach dem alles offenbarenden Geheimnis.
Das wir waren,
Wir ganz allein.

Was kümmerten uns Börsenkurse,
Geld spielt keine Rolle
War die Losung, die ich ausgab,
Und die Anthem oft he sun
Der Grateful Dead unser nationaler Gesang.
Auf, auf, die Pforten der Wahrnehmung
Zu stürmen, einzubrechen in die
Dunkelheit des Unterbewusstseins,
Tower opens fire sangen die Fugs,
Break through in grey room
Rief Burroughs,
Hier und jetzt zu sein, auf ewig on the road,
Unterwegs zu Stränden
Der hübschen Mädchen mit ihren Perlenkränzen,
Der unbekümmerten Jungs mit ihren Stirnbändern.
Jeder ein Schamane,
Jeder ein Künder froher Botschaft.
Es gibt ein Leben,
Das nicht verschimmelt,
Es gibt Liebe in all der Grausamkeit
Der Kriege und Schlachten um Schätze und Macht,
Wir sind es, vor denen uns
Unsere Eltern gewarnt haben,
Riefen wir auf Demonstrationen,
War es nicht ein Wellenflug der Erkenntnis,
Durch die Sphären zu streifen,
Good Vibrations von den Beach Boys um uns,
In uns und um uns herum,
Can't buy me love von den Beatles,
Turn your love light on von den Dead,
Who do you love mit den Quicksilver Messenger
Service singend.

(…)

Aus: Hadayatullah Hübsch: Schau zurück in Liebe. Gonzo Verlag: Verstreute Gedichte I, 2012

blicke der schrift

Yevgeniy Breyger

(* 26. Juli 1989 in Charkiw, lebt in Frankfurt am Main)

         +blicke der schrift

rücken als zeichen des kinds. antrieb, nach außen zu kehren
was die mutter schrieb wie brücke ins diesseits : jenseits lacht
ein name klingt, name innig umarmt mit der trägerin
in die grube gebettet, bezeichne frühlingsgefärbte helle, blatt-
werk oder geruch nach anfang. blumen, die sich aufbäumen

64

     "Ich habe Vira beschriftet für den Fall, 
dass uns etwas passiert und jemand
sie als einzige Überlebende aufnimmt."


SASHA MAKOVIY, DIE DEN RÜCKEN IHRER TOCHTER ZUR IDENTIFIZIERUNG MIT
NAMEN, GEBURTSDATUM, TELEFONNUMMER UND KONTAKTADRESSE BESCHRIFTETE,
IST LAUT THREM INSTAGRAM-ACCOUNT MITTLERWEILE AUS DER UKRAINE
GEFLÜCHTET. AM DIENSTAG, 5. APRIL, POSTETE SIE EIN BILD VON DEM BLONDEN
MÄDCHEN – LÄCHELND, MIT EINEM STRAUSS GELBER FRÜHLINGSBLUMEN.

65

Aus: Yevgeniy Breyger, Frieden ohne Krieg. Gedichte. Berlin: Kook, 2023, S. 64f

Baumwollstilzchen, ukrainisch: Bavovnyatko

Margret Kreidl

(Geboren 1964 in Salzburg, lebt in Wien)

Es reißt nicht, zerreißt nicht, zerspringt nicht, 
es schmilzt nicht, es filzt nicht, es ist flauschig,
flauschig und rastlos, es zischt und wischt
durch die Nacht, es spielt mit dem Feuer,
es knallt, der Knall ist aus Baumwolle,
ein Baumwoll-Vorfall, ein Baumwollknäuel,
das auf Waffendepots und Munitionslager fällt,
es setzt alles in Brand, es ist klein, ein Fitzchen,
ein Witzchen, es macht aus dem Feind ein Feindlein,
das Baumwollstilzchen, ukrainisch: Bavovnyatko.










Die ukrainische Künstlerin Svitlana Olsevska hat ein Fabelwesen geschaffen, das
russische Militärinfrastruktur angreift.

Aus: Margret Kreidl, Mehr Frauen als Antworten. Gedichte mit Fußnoten. Wien: Edition Korrespondenzen, 2023, S. 29

Du marschierst über Ölfarben

K. O. Götz 

(* 22. Februar 1914 in Aachen; † 19. August 2017 in Wolfenacker)

Francis Picabía

Deine Bilder sollen keine Bilder sein
Sie wollen mehr als Bilder sein
Du besteigst deine Leinwände
wie deine diversen Autos
Du marschierst über Ölfarben
und verlierst dabei deine Gummiabsätze
Du willst es so
Das fertige Opus donnert
vor den verschlossenen Augen
verzweifelter Kritiker
Deine berühmten «Transparents»
sind die Akkumulatoren
deiner Liebschaften
Du nimmst sie auseinander
und montierst sie
wie Abziehbilder auf einem
Benzinmotor
Um Mitternacht wenn du lachst
lösen sich Plakate von den Wänden
Das Leben ist für dich wie ein
Schuhanzieher
bei Sonnenaufgang
Deinen Tod hast du vergessen
Die Freunde an deinem Grab
hören dein Gelächter in der Ferne

1953

Aus: K. O. Götz, Zungensprünge. Gedichte 1945-1991. Aachen: Rimbaud, 1992, S. 58

Gute und schlechte Recensenten

Gottfried Keller 

(* 19. Juli 1819 in Zürich; † 15. Juli 1890 ebenda) 

Aus dem Schreibheft

d. 18_t. Juli 45.
An Frau Caroline Schulz, als sie in den
Jahrbüchern d. Gegenwart eine etwas übertrieben lobende
Recension über meine ersten Gedichte ergoß.


Wenn aus dunkeln Tannenbüschen
kritisch lungerndes Gesindel
schäbig feige Wegelagrer,
Die in ihres Bettelsack's
bodenlosen schwarzen Gründen
nichts als schlechte Kupfermünze,
Krummen, dürre Käserinde
und dergleichen mit sich führen –
Auf den wandernden Poeten,
der da harmlos, geht und singt,
Ihre schlechten Witze senden,
Ihres Neides stumpfe Pfeile:
O dann nimmt er von der Straße
Nur den ersten besten Stein,
Werfend ihn nach dem Gesträuche,
Und das feige Pack verkriecht sich,
Schneutzt und reibt die wunde Nase,
Froh, daß man es nicht erkannt!

Aber wenn der gute Dichter
Nächtlich durch die Straßen wandelt
Träumerisch im Mondenlicht
Und von blumigem Balkone
Hinter Ros'- u Myrthenstöcken
Oder gar aus kleinem Fenster
Mit romant'schen Epheuranken
Lauschende verborgne Frauen
Ueberschwenglich ihres Lobes
Eine ganze Sündfluth gießen
Auf den Dichterling herab:
Rosenöhl und köll'nisch Wasser,
Mandelmilch und Limonade
Und dergleichen süßes Zeug:
Ach dann bleibt ihm gar nichts übrig,
Als den nassen Kopf zu schütteln,
Dumm verblüfft empor zu schauen,
Rufend: O ich bitte sehr!

Schreibbuch Ms. GK 9, Nr. 252, https://www.gottfriedkeller.ch/GG/HG/HG_09.htm

Dichterin, Teufelin

Sophie Reyer

(Geboren 1984 in Wien, lebt dort)

:
Ich bin eine Teufelin
mit umgekehrten

Flammen ein Igel
der die Stacheln

nach Innen gerichtet
hat ich bin

das Mädchen
mit den Scherenhänden

das sich nie getraut hat
jemanden zu halten

und dafür der Welt
den Schnee schenkt, und

Worte und alle
möglichen

Welten: Dichterin,
Teufelin

Aus: Jahrbuch österreichischer Lyrik 2022/23. Herausgegeben von Alexandra Bernhardt. Wien: EDITION MELOS, 2023, S. 173

Von der Schwierigkeit, 17 Silben zu übersetzen

Heute eine Passage über das Übersetzen von (japanischen) Gedichten, gefolgt von mehreren teilweise extrem verschiedenen Übersetzungen desselben Gedichts. Die Einleitung ist von Manfred Hausmann:

Eins der bewegendsten japanischen Gedichte, verfaßt übrigens von einer Frau, lautet:

Asagao ni
tsurube torarete
morai-mizu.

Wenn man es wörtlich ins Deutsche übersetzt, ergibt sich folgende Aussage:

Von der Winde
des Zieheimers beraubt
geschenktes Wasser.

Für unser Empfinden stellt das gewiß kein Gedicht dar. Ja, man kann nicht einmal behaupten, daß der Sinn der Wörter, die in einer Art von Telegrammstil aneinandergereiht sind, ohne weiteres deutlich wird. Erst nach einigem Nachdenken beginnt man zu verstehen, was die Dichterin, Frau Kaga no Chiyo, die zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts lebte, damit dartun wollte:

Während der Nacht hat sich eine Winde um den Eimer meines Ziehbrunnens gerankt. Sie ist so schön, daß ich es nicht über mich vermag, sie zu zerstören. Ich verzichte deshalb lieber auf den Gebrauch des Eimers und hole das Wasser beim Nachbarn.

Eine solche umständliche Übersetzung vermittelt zwar den verstandesmäßig erfaßbaren Inhalt des kleinen Gebildes, kann aber nicht beanspruchen, eine Übertragung, eine Hinübertragung in die deutsche Sprache, eine lebenatmende Nachschöpfung zu sein. 

Aus: Liebe, Tod und Vollmondnächte. Japanische Gedichte. Übertragen von Manfred Hausmann. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1951, S. 5.

Es folgen mehrere Übersetzungen dieses Haikus in deutscher und englischer Sprache. Manchmal wird man Mühe haben, zu erkennen, dass es sich um dasselbe Gedicht handelt. (Auch der Name der Verfasserin schwankt – es handelt sich trotzdem immer um dieselbe Dichterin, Chiyo-ni (1703-1775).

Eine blühende Winde
hat sich um meinen Brunneneimer gerankt.
Ich schöpfe das Wasser beim Nachbarn.

Kaga no Chiyo, deutsch von Manfred Hausmann, aus: Liebe, Tod und Vollmondnächte, a.a.O. S. 28

Taubeglänzte Spinne, du verschuldest, 
Daß ich bei Fremden Wasser schöpfen muß,
Denn du hast über Nacht
Meinen Ziehbrunnen versponnen.

Kaga no Chiyo, deutsch von Werner Helwig, aus: Wortblätter im Winde. Nachdichtungen japanischer Texte. Hamburg: Goverts, 1945, S. 63

AM BRUNNEN
von FRAU CHIYO

Windenblüten schlingen sich um des Brunnens Seil,
Ich kann die zarten Blüten nicht zerstören, –
Lieber bitt ich den Nachbarn um Wasser und laß sie heil.

Deutsch von Paul Lüth, aus: Frühling Schwerter Frauen. Umdichtungen japanischer Lyrik … von Paul Lüth. Berlin: Paul Neff, 1942, S. 127

The morning glory!
It has taken the well bucket,
I must seek elsewhere for water.

Andere Version aus derselben Quelle:

morning glory!
the well bucket-entangled,
I ask for water

Quelle: https://allpoetry.com/items/read_by/Kaga%20no%20Chiyo?kind=poem&last_i=13621620&page=1. Dort gibt es auch eine ausführliche Interpretation des kleinen Gedichts. Obwohl im Text behauptet wird, es sei von Issa, steht am Kopf der Seite und in der Webadresse der Name unserer Dichterin als Kaga no Chiyo. Morning glory ist hier übrigens der Name einer Pflanze, die von anderen als Winde übersetzt wird. Oder handelt es sich tatsächlich um ein Haiku von Issa mit demselben Motiv? Dagegen spricht, dass die anderen Gedichte davor und danach von Frau Chiyo sind. Dass es sich um dasselbe Gedicht dieser Dichterin handelt, wird auf einer anderen Webseite mit mehreren englischen Versionen deutlich, die alle die Pflanze Morning Glory nennen. Hier die Übersetzungen dieser Seite mit einem kleinen Vorspruch.

One of the most famous haiku, by Chiyo-Ni – 千代尼 (1703- 2 October 1775), also known as Fukuda Chiyo-ni – 福田 千代尼, or Kaga no Chiyo – 加賀千代 (Chiyo from Kaga.)

朝顔に
釣瓶とられて
貰い水

asagao ni
tsurube torarete
morai mizu

the morning glory
took the well-bucket away from me –
I go to the neighbour for water

The morning glory!
It has taken the well bucket,
I must seek elsewhere for water.

the morning glory
beat me to it …
I go to the neighbour to fetch water
(Tr. Gabi Greve )

morning glory !
the well-bucket entangled
I ask for water
(Tr. Donegan and Ishibashi)

my well bucket
taken by the morning glory—
this borrowed water
(Tr. Ueda Makoto)

Quelle: https://suisekiblog.wordpress.com/2018/06/15/haiku-asagao/

Mehr über die Autorin beim Lyrikwiki

Von Holland

Heute wäre der 86. Geburtstag von Elke Erb (* 18. Februar 1938 in Scherbach (Rheinland); † 22. Januar 2024 in Berlin). Hier ein Gedicht aus dem 2007 erschienenen Band „Sonanz“.

VON HOLLAND NACH SPANIEN

Man sieht sich doch sehr fern, wenn man von Holland liest. Man kann jeder sein. Wer von Holland liest, ist geistig dort. Die Erhabenheit Hollands rückt es in die Ferne. Die Erhabenheit ist ein Verbund, da kommt eins zum andern. Die Seemacht, Handelsmacht, die Schafzucht, die Linsenschleifer. Nach Spanien jedoch von Holland ist fast nichts. Die Kleinigkeit Frankreich. Auch die Pyrenäen sind nichts, im Gegenteil: kaum ihr Name, und schon ist man hinüber. Man kauft in Spanien Fleisch. In den Herbergen fragt man nach einem freien Bett und Topf und Feuer. Sie sind zu wenige Leute, für Reisende kochen sie nicht. So trägt jeder Seins bei sich, der da in Spanien reist. Das Zeitalter ist der Barock. Der Mond ist nicht bewohnt, wir sind nicht unbescheiden.

(29.1.2004)

Aus: Elke Erb, Sonanz. 5-Minuten-Notate. Basel, Weil am Rhein: Urs Engeler, 2008, S. 87

Alles im Lot. Kunst

Bertram Reinecke

(Leipzig)

Verstimmte Sestinen

Alles im Lot. Kunst
Nutzt als Show, denn
In sich ruht wer hat. Lohnt
Stolz? Wird dadurch Mehr-
Wert? – Wohl nur im Wahn!
Lass Lessing doch ruhn!

Klagen ist Tortur
Kunst war so schlecht nie
Die Kunst geht nach Brot?
Oh, ich lach. Kunst strebt
Sehr hoch. Und sie fragt
Nach mehr: Will och die Wurscht.

Aus: Bertram Reinecke, Daphne, ich bin wütend. Gedichte. Leipzig: Poetenladen, 2024, S. 79

Wer nach mehr fragt, findet es im Buch. Mehr Gedichte sowieso, aber auch einen Anhang mit Erklärungen zu den Gedichten, einem Essay des Autors „zur Poetik und dem Gespräch darüber“ und einem Nach-Wort des Mitherausgebers der „Reihe Neue Lyrik“, Jan Kuhlbrodt. Wie sagt Goethe, ich zitiere verkürzt: den Gehalt sieht jederman vor sich, die Form bleibt ein Geheimnis den meisten. Bei diesem kurzen Gedicht, aus kurzen Zeilen von meist fünf Silben, genauer eine mehr als zwölf mal 5, und überwiegend einsilbigen Wörtern, kann man vielleicht selbst auf seine formalen (?) Tricks kommen. Lass Lessing doch ruhn!

Stephen Daedalus macht ein Gedicht

Friederike Roth

(* 6. April 1948 in Sindelfingen)

Stephen Daedalus macht ein Gedicht

Der Dichter
strömt seine Verse nicht aus wie
der Stadtbrunnen sein Wasser zum Beispiel.

Der Dichter mit bösem Vorbedacht
liest
wie man ein Lexikon liest
und schafft
einen ganzen Vorrat von Worten.
Er sammelt
aus dem Munde der schwer einhergehenden Menschen
für sein Schatzhaus die Worte.

Er wiederholt sie und wiederholt
und vergißt
ihre handgreifliche Bedeutung.
Wiederholend verwandelt er sie
in wundervolle Worte
nur Worte.

Dann geht er
bedachten Schrittes nach Hause
und fügt
seine Worte in Sätze zusammen
mit bedachtem
unermüdlichem Ernst.

Aus: Mein Gedicht ist die Welt. Deutsche Gedichte aus zwei Jahrhunderten. Bd.2: 1912-1980. Hrsg. Wolfgang Weyrauch. Frankfurt/Main, Olten, Wien: Büchergilde Gutenberg, 1982, S. 482