13. Moloko Print

Kai Pohl: Solanum nigrum antichoc
Cut-ups und Gedichte 2001–2013
Mit Grafiken des Autors

Buchpremiere am 11. Juli 2013 in Berlin

»Die künstlerische Spannung spricht mit dem Reichtum der Raumeindrücke, Hütte spricht mit Stalinstadt, das Hähnchen-Eck, von Rentnern bevölkert, spricht mit dem letzten Nachtasyl. Die Konzeptionslosigkeit spricht mit der geistigen Leere, während der Käse den Quark austreibt, der an der Wand in der Küche hängt. Das Gewitter um Mitternacht ruft mit den Kollaborateuren visionärer Donnerbalkenbilanzen im Chor: ›Auf daß die Unhöflichkeiten methodisch werden, daß sie systematisch werden, sich zu einer diffusen effizienten Guerilla vereinen, die uns wieder zu unserer wesentlichen Unregierbarkeit zurückführt, zu unserer Undiszipliniertheit!‹«

MOLOKO PRINT 007 | 2013
Paperback, 96 Seiten, 15 Euro
ISBN 978-3-943603-06-4

Ebenfalls dort:

12. Brauns Werktage

In gewissem sinne ist braun strukturalist und beobachtet als solcher die entwicklungen, schaut darauf, wie gesellschaft, schichten oder gruppen sich konstituieren, welche dynamiken dabei entstehen, was das mit dem bewußtsein der handelnden oder getriebenen anstellt … Da zieht sich konsequent eine linie durch die gedichte und vor allem auch prosastücke, von den 60er jahren bis heute, etwa von “das ungebundene leben kasts”, über “die vier werkzeugmacher” nach der wende bis hin zu “machwerk” und “die hellen haufen”, letzteres eine reminiszenz an den widerstand der bischofferodaer kumpel gegen die schließung ihres rentablen salzbergwerkes und eine gesellschaftliche utopie zugleich. Braun scheint einer der wenigen autoren, die sich in dieser weise mit gesellschaftlichen vorgängen beschäftigen und daraus erhellende literarische texte gewinnen.

Einsichten in volker brauns wahrnehmungs-/denk- und arbeitsweise gewährt vor allem das 2009 bei suhrkamp erschienene “werktage. arbeitsbuch 1977 – 1989″. / Jayne-Ann Igel, [umtriebe]

11. Adolf Hitler ganz allein

Kurt Bartsch – Adolf Hitler ganz allein

  • Freitag, 14. Juni 2013, 6:10 Uhr, SRF

Beifahrer und Büroangestellter, Lagerarbeiter und Leichenträger war Kurt Bartsch in der DDR – bevor er nach einer Protestnote an Erich Honecker 1980 ausgewiesen wurde. In seinen Gedichten nimmt er heuchlerisches Verhalten aufs Korn – und den heuchlerischen Ton mancher Form von Literatur.

10. Der erste Romantiker

Aufs Geld verstehn sie sich in Fränkfört:

„Und eine weitere Million ist in Aussicht. Es vergeht kein Tag, ohne dass eine Spende eingeht, doch fehlen noch weitere 2,2 Millionen Euro.“

Nämlich fürs geplante Romantikmuseum gleich neben Goethe*. 5,8 haben sie schon. Und überhaupt:

Kein Zweifel: Das geplante Romantik-Museum gehört an den Großen Hirschgraben, gleich neben Goethes Geburtshaus. So postulierte es jedenfalls Büchner-Preisträger Martin Mosebach im Arkadensaal des Goethe-Museums. Er las ein Gedicht vom jungen Goethe vor, das der Dichterfürst einst in den Räumlichkeiten seines Geburtshauses verfasst hatte. „Der neue Amadis“ heißt es, um 1770 verfasst und damit wahrscheinlich das erste romantische Gedicht, rund 30 Jahre, bevor die Romantik als Geisteshaltung von Friedrich Schlegel definiert wurde. Mosebach las die Zeilen, die so klingen, als seien sie der Feder Clemens Brentanos entsprungen. „Sagt, wo ist ihr Land? Wo der Weg dahin?“, so der letzte Vers des Gedichts.** / Frankfurter Neue Presse

*) Neben Goethe? Wie die „Brentano-Gesellschaft“, die mit den dicken Gedicht-Bänden „in enzyklopädischer Ausstattung mit echter Fadenheftung und in messinggeprägtem Ganzleineneinband“ und der „August-Goethe-Akademie“? Gut, Nachbarn kann man sich nicht immer aussuchen.

**) Die letzten 2 Verse, okay. Nicht alles von Herrn Mosebach schätze ich erste Sahne. Aber das Gedicht ist sehr gut, und daß Goethe Romantiker ist, predige ich auch immer.

9. Magus-Preisfrage 2013

Auch 2013 schreibt die GWK* einen literarisch-akademischen Wettbewerb im Kontext der Magus Tage, die unter dem Titel „ach so verstehen wir“ das menschliche Verstehen thematisieren, aus. Die Preisfrage lautet:

„Wenn der Leser nicht zaubern kann …“ Worin besteht der Reiz und worin liegt der Sinn, schwierige literarische Texte verstehen zu wollen?

Einsendeschluss: Freitag, 12. Juli 2013 (Poststempel)

„Der Buchstabe mag immerhin gedruckt sein, der Verstand und Sinn lässt sich nicht drucken“, hat Johann Georg Hamann einmal angemerkt (an Jacobi, 27.4.87, Hamann Briefe VII, 168) und damit das Verstehen eines Textes als grundsätzlich problematisch erkannt. Zudem beklagt er die mangelnde Bereitschaft seiner Zeitgenossen, sich auf einen Text einzulassen, der intellektuell und emotional, die ästhetische Wahrnehmung und die Einbildungskraft fordert und der nicht sofort zu verstehen ist:

„Blindheit und Trägheit des Herzens ist die Seuche, an welcher die meisten Leser schmachten […]. Die beste Welt wäre längst ein totes Meer geworden, wenn nicht noch ein kleiner Same von Idio- und Patrioten übrig bliebe, die ein hapax legomenon [ein nur ein einziges Mal vorkommendes Wort] bogenlang wiederkäuen, zwo Stunden bei Mondschein zu Übersetzungen, Anmerkungen, Entdeckungen unbekannter Länder widmen, ohngeachtet sie des Tages Last und Hitze ertragen haben“ (Schriftsteller und Kunstrichter, Hamann II, 336).

Allein ein solcher Idiot – Privatmann, Laie, Dilettant – und echter Patriot, kommt dem „Zauberer“ oder „Magus“ nah, welcher für Hamann, den „Magus in Norden“, das „Ideal des Lesers“ ist, weil er sich nicht mit einem „Ragout à la mode zum Gebrauche deutscher Leser, die Parasiten sind“ (Leser und Kunstrichter, Werke Bd. II, 339-349), zufrieden gibt …

Ihr Wettbewerbsbeitrag
Sie beantworten die Magus-Preisfrage mit einem literarischen oder wissenschaftlichen Text, der nicht mehr als 30.000 Zeichen (inklusive Leerzeichen) haben sollte. Der Texte muss auf Deutsch geschrieben und noch unveröffentlicht sein, die literarische Gattung Ihres Textes bestimmen Sie selbst.

Teilnahmebedingungen
Am Wettbewerb teilnehmen können SchriftstellerInnen, WissenschaftlerInnen, PublizistInnen oder Studierende, die schon publiziert haben.

Jury
Eine Fachjury aus Wissenschaftlern und Autoren wählt die beste Antwort auf die Magus-Preisfrage aus. Die Wettbewerbstexte werden der Jury anonymisiert vorgelegt.

Preis
Der Preis ist mit 4.000 Euro dotiert. Der prämierte Text soll in der Buch-Anthologie zu den Magus Tagen veröffentlicht werden.
Der Preis wird bei den Magus Tagen Münster 2013 (18.-20.10.2013) überreicht. Der Preisträger bzw. die Preisträgerin verpflichtet sich, an der Preisverleihung teilzunehmen und einen Auszug aus seinem bzw. ihrem ausgezeichneten Text vorzutragen.

Bewerbung
Ihre Bewerbung muss enthalten (bitte in dieser Reihenfolge):
1. ein formloses Anschreiben mit Ihrem Namen, Ihrer vollständigen Post- und Email-Adresse, Ihrer Telefonnummer, dem Betreff „Magus-Preisfrage 2013“ und dem Titel Ihres Beitrags,
2. Ihre Biografie und Ihre Bibliografie,
3. Ihren namentlich NICHT gekennzeichneten Text (maximal 30.000 Zeichen inkl. Leerzeichen) in 6 Kopien.
Die GWK wird Ihren Beitrag kodieren und anonym an die Jury weiterreichen.

Bewerbungsadresse
Bitte schicken Sie Ihre Bewerbung in einem frankierten und mit dem Stichwort „Magus-Preisfrage“ versehenen Umschlag an:

GWK
Fürstenbergstr. 14
D – 48147 Münster

Einsendeschluss: Freitag, 12. Juli 2013 (Poststempel)

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Hamanns Schriften sind zitiert nach: Johann Georg Hamann: Sämtliche Werke. 6 Bde. Hg. von Josef Nadler. Wien 1949–1957 (= Hamann I – VI).
Hamanns Briefe sind zitiert nach: Johann Georg Hamann: Briefwechsel. 7 Bde. Hg. von Walther Ziesemer und Arthur Henkel. Wiesbaden 1955–1979 (= Hamann Briefe I – VII).

*) Gesellschaft zur Förderung der Westfälischen Kulturarbeit

Magus Tage Münster, 18.– 20. Oktober 2013 (Mehr)

Zum Thema

8. Verkauft

Das einzige bekannte Exemplar der Zeitung „Les Progrès des Ardennes“, in der am 25.11.1870 Rimbauds Text « Le rêve de Bismarck » unter dem Pseudonym Jean Baudry erschien, wurde für 8.000 Euro für das künftige Rimbaudmuseum erworben, das in 2 Jahren eröffnet werden soll.

Es handelt sich um eine beinahe patriotische Satire des 16jährigen gegen Bismarck zur Zeit des Deutsch-Französischen Krieges 1870. Darin fährt Bismarck mit einem Finger die Karte Frankreichs von Rhein und Mosel über Strasbourg und Metz bis Paris nach.

Hier der Text des Artikels (oder Prosagedichts) mit Kommentar (Französisch),  hier ein Faksimile, hier eine englische Fassung.

7. Lesekränzchen

Meinolf Reul schreibt in seinem Blog Denkmuff:

Beim letzten Lesekränzchen ernteten die zwei von mir herumgereichten Hefte der Referenzfläche von Mara Genschel vor allem irritierte, ratlose, befremdete und belustigte Blicke. Ob nicht in Wahrheit ich sie hergestellt hätte, wurde ich gefragt.
Später, nachdem ich meine untenstehende Kritik verschickt hatte, entspann sich eine per E-Mail geführte Diskussion, die ich mit freundlicher Erlaubnis der Diskutanten hier in leicht gekürzter Fassung dokumentiere.
Wer möchte, kann den Faden gerne aufnehmen und mit diskutieren.

Auszug aus seiner Kritik:

Mara Genschel radikalisiert sich. 12 Texte enthält die zweite Folge ihres kleinauflagigen, je 50 Exemplare zählenden, Fortsetzungswerks Referenzfläche, in dem sie erkundet, wie weit ein Text destabilisiert werden kann, um am Ende doch immer noch als Text dazustehen. In der 2# treibt sie ihre Forschung weiter voran, das ist spannend, auch mit Bangheit (wo führt das hin?), zu verfolgen und wirft einige Fragen auf – nicht an die Autorin, sondern an die Form: Wie definiert sich ein Text? Was ist ein Vers?

„ERHABENES für G. Falkner“ ist so etwas wie ein Tacet-Stück, sehr schlau. Es geht über zwei Seiten, die Seiten 16/17. Da das Heft insgesamt 32 Seiten umfasst, steht es also zentral, sicher nicht von ungefähr. Korrespondierend zu Titel/Zueignung auf der linken Seite links oben steht auf der rechten Seite rechts unten: „(entnehmbar)“, das als Lesehinweis verstanden werden kann, als Art Regie- oder Spielanweisung (die ja auch meist in Klammern gesetzt sind). Diese verschwiegene Berührung mit dem Theater wird vom Text – und es wäre zu diskutieren, ob es sich bei „ERHABENES“ nicht eigentlich, präziser, um ein Gedicht handelt – voll eingelöst, insofern als die beiden es konstituierenden Verse inszeniert sind. Und als Verse können sie mit gleichem Recht bezeichnet werden wie die versifizierten Längen- und Kürzezeichen in „Fisches Nachtgesang“ (1905) von Christian Morgenstern. Genschel geht gegenüber Morgenstern allerdings noch einen Schritt weiter; verwendete dieser wenigstens noch Schriftzeichen für die Notation der Stummheit, klebt Genschel zwei Streifen Tesafilm, waagerecht aufgebracht, jeweils auf die Mitte der Seite. Diese Tesafilmstreifen sind längs unregelmäßig gefaltet – die Falten bilden etwas Erhabenes, über das man mit dem Finger fahren kann.

Mara Genschel, Referenzfläche (2#). 12 Texte mit Eingriffen [Tesa/Fremdtext/Tinte/Edding]. 32 Seiten, geheftet. Einband: Chromolux/Edding. Auflage: 50 Exemplare. Berlin 2013. 5,00 Euro

Aus der Diskussion:

Bewundert stehe ich vor den schönen Sätzen und klugen Gedanken, die M. und F. niederschreiben. Nie käme ich dazu, mit solcher Sicherheit Tesafilmstreifen und “Geest” zu deuten, vielmehr müsste ich wild herumspekulieren, was einfach daran liegt, dass ich keine Erfahrung mit solchen Texten habe und keine Zugänge kenne. Jeden geäußerten Denkansatz empfinde ich also als äußerst lehrreich für mein nüchternes Mathematikerinnenhirn.

Vor die Beurteilungsalternative “Ästhetische Erhebung” oder “Hurz” gestellt, entscheide ich mich auch weiterhin gerne für das Dritte.

Es winkt in die imaginäre Runde
F.

7.
Lieber F.,

ich gebe Dir in allem Recht, außer in der Sache mit Mara Genschel.

Wird da am Ende nicht eventuell die immer vorhandene Tendenz zur Selbstinszenierung ins Extrem gesteigert? Schluckt da die Autorprofilierung nicht wirklich die Substanz (Melos, Aussage, Ansprache)? “Rhein, ich”, sehr brillant von Dir aus dem “Heinrich” herausgeholt — und gleichwohl wäre Heinrich ja auch die Chance, dem reinen Ich mal für ein paar Minuten zu entgehen und etwas in die Welt zu setzen, was, was weiß ich, Hoffnung verbreitet oder ein Lächeln. Statt einfach nur das Entropielevel hochzutreiben. […]
R.

11.
[…] (Die Geest ist nicht nur eine Landbeschaffenheit – sondern auch Firmenname (steht auf diversen Güterwaggons, die u.a. die Felsen am Rhein tunneln, jedoch nicht in Versalien) […])
MG

6. Der Körper und die Dinge

diese lyrik ist, zunächst einmal, geprägt von einem tonfall der unbedingtheit und motiven der körperlichkeit, wobei vor allem die affinität zu auge, mund, hand und blut auffällt. »Um die Seele eines Dichters zu durchschauen, muß man in seinem Werk diejenigen Wörter aufsuchen, die am häufigsten vorkommen. Das Wort verrät, wovon er besessen ist.« schrieb baudelaire, »Es gibt nur einen Tempel in der Welt, und das ist der menschliche Körper.« novalis. »Das Gedächtnis des Körpers freilegen« nennt birgitt lieberwirth eine ihrer absichten. dies meint, die eigene erfahrung, bis zurück zum erleben der kindheit, das die seelische und ideelle konstitution maßgebend prägt, im schildern und deuten von körperlichem nachzuvollziehen. »wie ich geworden bin, lieg ich / Mir auf dem Handteller« heißt es in >Triptychon 1<. notwendig entsteht eine metaphorik des anatomischen als mittel und medium der selbstanalyse. kinder, die im frühesten alter beine, füße, arme und hände wie gegenstände und dinge als körperteile betrachten, verfremden, indem sie ein ganzheitliches gespür haben, noch unmittelbar natürlich, ohne es zu wissen, erwachsene solcherart meist bloß in augenblicken jähen leidens, weitgreifender freude oder ausgelebter phantasie. plutarch beschrieb, wie seine tochter, bevor sie zweijährig starb, ihre amme dazu bewegen wollte, die brust auch unbelebten gegenständen und spielsachen zu geben, damit diese genauso mit milch genährt werden wie sie selbst. (…)

die einfühlung in die dinge bildet für birgitt lieberwirth ebenso ein kontinuum ihres schreibens  wie die beschreibung seelischer und psychischer zustände und prozesse anhand von wahrnehmungen der profanen wirklichkeit. die sublime weihe der dinge entspricht der intention eines ideell orientierten poetisierens der realen außenwelt, wie wir sie innerhalb der deutschen literatur besonders ausgeprägt in der romantik finden. / Holger Benkel bei KuNo über die Lyrikerin Birgitt Lieberwirth

„Poesiealbum“ war bis 1990 ein Ort für DDR-Erstveröffentlichungen von Weltlyrik – und ein prominenter Platz für literarische Debüts

5. Thüringer Stipendiaten

Den einen Namen – Hubert Schirneck aus Weimar – kennt man als gestandenen Autor von Lyrik, als Erzähler, Kinderbuchautor. Den anderen Namen – Romina Nikolic aus Suhl – kennt dieser oder jener Leser von Lyrik vielleicht unter dem Mädchennamen Voigt, doch als Liebhaber von Literatur wird man ihn sich merken müssen. Was die beiden Autoren – Schirneck Jahrgang 1962 und Nikolic Jahrgang 1985 – eint und Montagnachmittag zu einer Lesung vor Schülern von 10. und 11. Klassen im Theater „Schotte“ zusammenführte, ist ein vom Thüringer Kulturministerium im April ausgereichtes Literaturstipendium. / Heinz Stade, Thüringer Allgemeine

4. Die hören nicht auf

Gerade kam, zusammengestellt von Sascha Feuchert und Jürgen Krätzer, Heft 250 heraus. Das Sujet diesmal: Literaturzeitschriften. Man könnte Selbstbespiegelung mutmassen, tatsächlich aber führt der über dreihundert Seiten starke Band auf ein Gelände, das mit passioniertem Engagement sehr viel, mit Narzissmus aber recht wenig zu tun hat. Über 250 deutschsprachige Literaturzeitschriften soll es geben, nur rund ein Dutzend kann für sich Bedeutung reklamieren, und ein Zuschussgeschäft sind fast alle.

schreibt Joachim Güntner in der Neuen Zürcher Zeitung über das aktuelle „horen“-Heft. Hat er darüber nachgedacht, wieviele der rund 238 „unbedeutenden“ er jemals in der Hand hatte? Und  in wievielen jener Zeitschriften vielleicht genau das geschieht, was nach seinen Folgesätzen Amt von Zeitschriften ist? „Bedeutend“, „Bedeutung“ gehört längst zu jenen Schlag-, Totschlagwörtern, mit denen die Matadore und Gralshüter des Betriebs mit ihrem Kanon ihre eigene „Bedeutung“ hochhalten. Wenn es bedeutend wär würd ichs kennen! rufen sie unentwegt.

Wieso kommt es dennoch immer wieder zu Gründungen?

Darauf gibt es allgemeine und zeitgebundene Antworten. Die allgemeine formuliert Michael Braun in seinem Beitrag für die «horen» prägnant: Als «Impulsgeber, Probebühnen und Erfahrungsfelder für neue Sprech- und Schreibweisen» seien Zeitschriften unentbehrlich. Das stimmt. In ihnen werden Experimente gewagt, Manifeste publiziert. Sie dienen den Autoren als Werkraum, um frühe Textfassungen eines geplanten Buches dem Licht einer kleinen kundigen Öffentlichkeit auszusetzen. Den Lesern erlauben sie, enge Fühlung zu aktuellen Strömungen des Denkens und Schreibens zu halten. Michael Krüger, langjähriger Herausgeber der «Akzente», hat den Zeitschriften überdies zugeschrieben, sie seien «immer auch strenge Mittel zur Kitschabwehr». (…)

Wechseln die Zeitläufte, kann dies die Auflage zum Sinken bringen. Wer darauf mit Erforschung des Lesers reagiere, mit statistischen Erhebungen, verliere seinen Kurs, seinen Stil, seine Prägnanz, sagt warnend Sebastian Kleinschmidt, der scheidende Herausgeber von «Sinn und Form». Glücklich das Blatt, das eine Akademie, eine Stiftung oder einen langmütigen Verlag im Rücken hat. Die «horen», die bei Wallstein Unterschlupf gefunden haben, zitieren am Ende ihrer 250. Nummer einen Schiller-und-Goethe-Hasser, der das Journal der beiden von 1795 bis 1798 mit Invektiven begleitete: «Lümmel. Die hören nicht auf.» Möge dies allen Zeitschriften-Herausgebern ein Wahlspruch sein!

3. Lyrik. Lesen.

Aspekte der Entzündlichkeiten   Die Darmstädter Lesebühne widmet sich am Mittwoch, den 3. Juli, 19.30 Uhr im Literaturhaus, Kasinostraße 3, der Rezeptionskultur von aktueller Lyrik. Unter dem Motto „Lyrik. Lesen.“ wollen wir der Frage nachgehen, wie verstehen wir Gedichte? Und wie verändert sich dieses Verständnis, sobald sich die Form in der Darstellung ändert – konstativ in der Schrift, performativ im Tonfall der Stimme? Mit dem international renommierten Germanisten und Lyrikexperten Peter Geist aus Berlin, der auch seinen kürzlich in Moskau gehaltenen Vortrag „Auf die schönen Possen – Aspekte zivilisationskritischen Insistierens“ halten wird, sowie den Lyrikern Walter Fabian Schmid (Biel/Schweiz), Martina Weber (Frankfurt am Main) und Andrea Dobrowolski (Mainz). George Goodman, selbst Lyriker und Komponist, wird den Abend musikalisch begleiten und ebenfalls Gedichte vortragen. Moderation: Kurt Drawert. Der Eintritt ist frei. / fix zone

2. Indonesien Gastland

Indonesien wird Gastland der Frankfurter Buchmesse im Jahr 2015. Der Vertrag sei Anfang Juni unterzeichnet worden, berichtete Buchmesse-Direktor Juergen Boos am Montag in Frankfurt. In diesem Jahr ist Brasilien Ehrengast, im nächsten Jahr ist Finnland eingeladen.

Indonesien präsentiere „die Literatur, die Talente und die reiche Kultur“ eines Landes, „das wir hierzulande kaum kennen“, sagte Boos. Die Literatur des Inselstaates sei geprägt „von einer langen oralen Tradition und expressiven Lyrik sowie von seiner Prosa-Tradition“. Zu den bekanntesten Autoren gehört der 2006 verstorbene Pramoedya Ananta Toer, dessen Werke in 20 Sprachen übersetzt wurden.

Einer der wenigen in Deutschland veröffentlichten jüngeren Autoren ist Andrea Hirata, dessen autobiografische Jugend-Schilderung „Die Regenbogentruppe“ in diesem Jahr bei Hanser Berlin erschienen ist. Die Literatur Indonesiens ist im Ausland wenig präsent. Laut Buchmesse gibt es in Indonesien zwar über 1000 Verlage, nur 267 Werke wurden aber bisher ins Englische übersetzt. / Handelsblatt

  • Gebt mir Indonesien zurück! Eine Anthologie moderner indonesischer Lyrik. Berthold Damshäuser / Ramadhan K.H. (Hrsg.) Übersetzt aus dem Indonesischen und mit einem Vorwort von Berthold Damshäuser.. Mit Gedichten von Chairil Anwar, Sitor Situmorang, Trisno Sumardjo, Toto Sudarto Bachtiar, Ajip Rosidi, Ramadhan K. H., Wing Kardjo, Rendra, Subagio Sastrowardoyo, Taufiq Ismail, Goenawan Mohamad, Sapardi Djoko Damono, Abdul Hadi W. M., Toeti Heraty, Sutardji Calzoum Bachri und Darmanto Yatman.“Gebt mir Indonesien zurück!“ ist die erste im deutschsprachigen Raum erscheinende Anthologie moderner indonesischer Lyrik. Sie enthält im Zeitraum 1943 bis 1990 entstandene Gedichte von 16 der bedeutendsten indonesischen Dichter und bietet eine repräsentative Auswahl von Werken einer der wichtigsten Gattungen der modernen indonesischen Literatur.
  • Martin Jankowski: Indonesisches Sekundenbuch. IndonesiaTera, Magelang, 2005 (Gedichte (zweisprachig: deutsch und indonesisch))  Mehr
  • Blazy, Helga: Moderne indonesische Lyrik: Der Dichter Subagio Sastrowardoyo Pdf

1. Literatur als Radiokunst

Als verfremdende Momente sah Dieter Sperls Partitur zwei rein sprachliche Komponenten vor : Da waren kurze Texte – nicht länger als einige Sätze – deren Aufnahmen mithilfe des Rechners aufs zwanzigfache und über das gesamte Stück gedehnt wurde . Der dadurch verursachte Verlust der Veständlichkeit des Wortsinns war beabsichtigt und durch den Gewinn einer das Stück rhythmisierenden sprachlichen Superstruktur mehr als wettgemacht . Obwohl im Zeitalter der digitalen Soundtechnik ein solches Stretching nicht mehr notwendig mit  jener Absenkung der Tonhöhe einhergeht , wie sie zu Zeiten des Tonbandes der Fall war , entschied man sich bewusst für eine rechnerisch herbeigeführte Tonabsenkung mit dem Effekt einer bassartigen Grundierung .

Als zweite sprachliche Intervention blieben eine Reihe von Silben , Worten und Wortfolgen , welche umgekehrt ( revertiert ) eingesprochen wurden , dann aber wiederum per Software im Reverse- Modus umgekehrt wurden : das nach dieser zwiefachen Drehung wieder “gerade” Lexik klang fremd , kaum verständlich und – wie etwa aus “Twin Peaks” bekannt – seltsam unheimlich .

Schliesslich wurde der für “Literatur als Radiokunst” eher rare Effekt des Halls von Tonmeister Elmar Peinelt an eher überraschenden Momenten des Sprachverlaufs gesetzt , wodurch jede Anmutung obsolet wurde , dass hier ein ohnehin abstraktes Sprechen etwa “natürlich” oder illustrativ verklanglicht worden sei . Die insgesamt klare , indes deutlich differenzierende Klangsprache konnte dem Autor der “Diary Samples” nur recht sein .

HINWEIS

Dieter Sperls Produktion “Fluss der Poesie . Crossing the River of Imaginations” ( 16:12 ) wird am 7. 7. 2013 ab 23:03 H im ORF- “Kunstradio” urgesendet .

Mehr bei in|ad|ae|qu|at

117. American Life in Poetry: Column 425

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

If we haven’t done it ourselves, we’ve known people who have, it seems: taken a vacation mostly to photograph a vacation, not really looking at what’s there, but seeing everything through the viewfinder with the idea of looking at it when they get home. Wendell Berry of Kentucky, one of our most distinguished poets, captures this perfectly.

The Vacation

Once there was a man who filmed his vacation.
He went flying down the river in his boat
with his video camera to his eye, making
a moving picture of the moving river
upon which his sleek boat moved swiftly
toward the end of his vacation. He showed
his vacation to his camera, which pictured it,
preserving it forever: the river, the trees,
the sky, the light, the bow of his rushing boat
behind which he stood with his camera
preserving his vacation even as he was having it
so that after he had had it he would still
have it. It would be there. With a flick
of a switch, there it would be. But he
would not be in it. He would never be in it.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2012 by Wendell Berry, whose most recent book of poems is New Collected Poems, Counterpoint, 2012. Poem reprinted from New Collected Poems, Counterpoint, 2012, and used with permission of Wendell Berry and the publisher. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

116. Die Poppsche Eule

Wenn ich Popp lesen höre, empfinde ich es so, dass er die einzelnen Takes so moduliert, dass man mitmerken kann, wie absurd der Fokus doch ist. »Das angewinkelte Knie auf dem Hochsitz schläft« funktioniert natürlich auch solo, aber mit der Richtungsvorgabe durch die Stimme weiß man leichter, dass hier keiner eleganz-unfähig durch die Literatur stakst. Man weiß dann schnell: Das geht hier clever vorbei an dem, was man Eigentlichkeit heißt.

Weil wir auch gar nicht wissen, was Eigentlichkeit ist, oder wie die Leeren unterhalb dieser nun rationalisierbar sind.

Also versuchsweise vom Gegenteil her operieren, zurecht kommen, vom Nicht-gleich-Sinnlichen, Nicht-gleich-Nahen: »Beton war Denken, eine Schule / massiv«. Und  »Kraneisen ragten noch Jahre aus ihnen, Rostohren / Angeln. Glaube an Konstruktion: Mein Bauabschnitt / Richter VII. Deiner, reduzierte Geschosshöhe / einer der Evangelisten. Tiefpunkt des Territoriums.« Das sind so Stellen für Entschlüsselungs-Connaisseure – auch wenn der Beton sich aus dem Band als friedliches Trauma aus einer Kindheit zwischen Plattenbau und Panzerstraßen lesen lässt.

Die Texte bleiben trotz des Hazardierens »irdisch«, selbst da, wo Popp den Pan anruft – mit großem Zuwendungs-O. Mindestens in »narrativ«, einer der sechs Abteilungen des Bandes, wo ein Archivalienwisperer die Feder führt.

Doch auch ihn leitet die Poppsche Eule, auch ihm eignet ein Eulen-nach-Athen-Raum, »Die Brust ein Eulenhag, mit Stille ausgestopft«. Die Eule ist der große dunkeleske Vogel dieser Dichtung, sie wird immer wieder aufgeführt: als Wampum, Totem, Wappentier. »Eulen / bedruckte Duschhaut, die am Körper klebt, Wasser«.

Aber das ist nur ein Touch dieser Gedichte.

/ Ron Winkler, Fixpoetry

Steffen Popp: Dickicht mit Reden und Augen. Gedichte. ISBN: 978-3-937445-54-0, 19,90 €, kookbooks, Berlin 2013.