Heute vor 400 Jahren wurde Johann Georg Albinus (oder Albini) in Unternessa im Burgenlandkreis in Sachsen-Anhalt geboren. Anders als die drei Jahre ältere Generationsgenossin Sibylla Schwarz hat er sich einen Namen gemacht in der Dichtermännerwelt. Man nennt ihn auch Johann Georg Albinus den Älteren in Abgrenzung zu seinem Sohn, den er auch Johann Georg nannte und der auch ein Dichter wurde – Johann Georg Albinus der Jüngere (1659-1714). Der Vater war Pastor und schrieb geistliche und weltliche Gedichte, der Sohn wurde ein durchaus weltlicher Schriftsteller und gab u.a. nachgelassene Gedichte von Paul Fleming heraus. Bei den identischen Namen konnte es nicht ausbleiben, dass die Werke des Sohnes manchmal dem Vater zugeschrieben wurden. Oder vielleicht auch umgekehrt. Heute habe ich ein Gedicht des älteren Albinus herausgesucht. Geistliche Gedichte müssen nicht allemal steif und ehrwürdig sein. Sibylla Schwarz wusste das auch und gab wie Albinus gelegentlich dem poetischen Affen Zucker, dass es krachte. So auch Albinus – kein Wunder, es geht um die Hölle. Es heißt aber „Folterung“ (das war ja die Generation, die bis Mitte 20 nur Krieg kannte).
Die Schreibweise folgt dem Original (man muss manchmal zweimal hinsehen, ob es „prahlen“ oder „prallen“ heißen soll oder ob „Keulen“ in der letzten Zeile Substantiv oder Verb ist).
Johann Georg Albini der Ältere
(* 6. Märzjul. / 16. März 1624greg. in Unternessa; † 25. Maijul. / 4. Juni 1679greg. in Naumburg (Saale))
Folterung
Rauß ihr Geister in der Höllen /
Tretet an die Folter stellen
Schleppet / schlaget / reist und beist /
Rücket / rauffet / kratzt und schmeist
Brennet alle Fackeln an /
Werffet her den Drachen Zahn /
Mit Gifft auffgelauffnen Molchen /
Stost mit euren Feuer Dolchen /
Durch die überrusten Hölen /
Schnappt ihr Teuffel nach den Seelen /
Hir ist weder Rast noch Ruh /
Höllen-Schlaf entweiche du /
Auff O ihr erglüten Zangen /
Last nichts an einander hangen /
Foltert / Poltert / zehrt / und ränckt /
Trücket / zücket / dehnt und schwenkt /
Tytius* der Vogt der Drachen /
Regelt auff den schwartzen Rachen.
Die Sturme die brausen
Die Fluten die sausen /
Die Faunen die rasen /
Die Hencker die blasen
Die Furien lachen /
Die Drachen die wachen /
Die Donner die pralen /
Die Wetter die strahlen /
Die Blitze die fallen /
Die Bränder** die knallen /
Die Funcken die fliegen /
Die Nächte die siegen /
Die Rosse die rasseln /
die Reder die brasseln /
Die Klüffte die zittern /
Die Steine die splittern /
Die Wespen die summen /
Die Geister die brummen /
Die Geyer die girren /
Die Reyher die irren /
Die Schlangen die spielen /
Die Kröten die wühlen /
Die Armen die heulen /
Die Teufel die Keulen.
*) Titius ist eine Figur in Dantes Hölle, die wie Prometheus an einen Felsen geschmiedet und dem Geier ausgesetzt ist.
**) Vielleicht dies:
Bränder, 1) (Kriegsw.), so v.w. Zündlicht; 2) so v.w. Zünder; daher Bränderkitt, so v.w. Zünderkitt; 3) (Kohlenbr.), so v.w. Brand 4). Quelle: Pierer’s Universal-Lexikon, Band 3. Altenburg 1857,
Aus: Schwund- und Kirchenbarock (Barocklyrik Band 3), hrsg. von Herbert Cysarz. Leipzig: Reclam, 1937, S. 224f. Erstdruck: A & O. Quaal der Verdammten Betrachtet / Erwogen Durch Johann Georg Albini v. Weissenfels im Jahr 1653.
Nils-Aslak Valkeapää
(* 23. März 1943 in Enontekiö; † 26. November 2001 in Espoo)


Aus dem Samischen von Bodo Fehlig. Der Text entstammt dem Gedichtband „So fern, so nah“. In: EISWASSER. Heft III/IV – Jahrgang 5 / 1998 2. Auflage, Vechta – November 1999: Finnland special. Herausgegeben von Joachim Gerdes, Dagmar Mißfeldt, Jörg Ridderbusch 2. überarbeitete Auflage 1999, S. 159f
NILS-ASLAK VALKEAPÄÄ, samisch-finnischer Dichter und Künstler, außerdem Lehrer. Valkeapää wurde anfangs als Wiederbeleber und Sänger traditioneller samischer Joiks (samische Volksmusik) bekannt. Seine Schriftstellerlaufbahn begann er mit der polemischen Schrift Terveisiä Lapista (1971), das gleichzeitig den Beginn seines unermüdlichen Einsatzes für die Bewahrung und Gleichberechtigung der Kultur, Sprache und des Lebensraumes der samischen Minderheiten im Norden der skandinavischen Länder markiert. Valkeapää schreibt seine Werke parallel auf samisch und finnisch. Seine lyrischen Werke sind geprägt vom traditionellen samischen Weltbild mit einer besonders stark verinnerlichten Naturverbundenheit. In deutscher Übersetzung liegt neben Gedichten in Anthologien der Band Ich bin des windigen Berges Kind: Gedichte, Lieder und Texte aus Lappland (Im Waldgut, 1985) vor. (a.a.O.)
Nuala Ní Dhomhnaill
Nuala Ní Dhomhnaill, * 1952 in Lancashire, England, ist eine irische Dichterin.
Das Sprachproblem
Ich lege meine Hoffnung auf das Wasser
in dieses kleine Boot
der Sprache, so wie man
ein Kind
in einen Korb aus geflochtenen
Iris Blättern legt,
seine Unterseite abgedichtet
mit Bitumen und Teer
und dann das ganze Ding zwischen
das Riedgras
und die Binsen an ein Fluß
ufer setzt
bloß damit es hierhin und dorthin getragen wird
und man nicht weiß, wo es landen wird;
vielleicht im Schoße
einer Pharaonentochter.
Aus dem Gälischen von Andrea Mc Tigue, aus: Eiswasser III, 1996 (Irland Spezial), S. 87
Inhalt der Zeitschrift im Lyrikwiki
Rose Ausländer
(* 11. Mai 1901 in Czernowitz, Österreich-Ungarn, heute Ukraine; † 3. Januar 1988 in Düsseldorf)
Fünf Dichter
Hölderlin
um Gerechtigkeit ringender
Götterfreund
Trakl
seine herbstliche Melancholie
Rilke
der Gott erschafft
Der verzweifelte
Celan
Li-Tai-Po
der fröhliche
singt
Aus: Rose Ausländer: Gedichte. Hrsg. Helmut Braun. Frankfurt/Main: S. Fischer Taschenbuchverlag, 2012, S. 92
Michael Augustin
(* 13. Juni 1953 in Lübeck, lebt in Bremen)
Wie es so geht
Den Gedichten geht es heutzutage erheblich besser und schlechter. Sie werden eindeutig von mehr oder weniger Leuten gelesen. Den meisten Passanten sind Gedichte völlig egal, Lehrern, Redakteuren und Buchhändlern sind sie noch egaler. Am egalsten sind sie den Verlegern. Wer Gedichte verfasst, darf sich, muss es aber nicht, obwohl das dringend anzuraten ist, Dichter oder Poet nennen, ohne dafür, wie noch unlängst üblich, ausgelacht zu werden, und wird mit Preisen aller Art zugeschüttet, es sei denn, er wird es nicht. Die Jungen sind alt, die Alten jung, die Toten am lebendigsten. Alles reimt sich auf Berlin. Was sich nicht auf Berlin reimt, reimt sich nicht. Es reimt sich einiges, das sich nicht reimt.
Aus: Michael Augustin: Immer was zu knabbern. Ausgewählte Gedichte & Miniaturen, Bremen: Edition Temmen, 2023, S. 13
Nachgeholt zum 30. Todestag (gestern):
Charles Bukowski
(* 16. August 1920 als Heinrich Karl Bukowski in Andernach; † 9. März 1994 in San Pedro, Los Angeles)
AN DIE NUTTE, DIE MIR
MEINE GEDICHTE GESTOHLEN HAT
Manche meinen, wir sollten unseren
privaten Frust aus dem Gedicht
raushalten, abstrakt bleiben,
und dafür spricht schon einiges,
aber Menschenskind, zwölf Gedichte weg,
und ich mache nie Durchschläge, und
meine Bilder hast du auch geklaut,
meine besten noch dazu, es ist
niederschmetternd – willst du mich
am Boden zerstören, so wie all die anderen?
Warum hast du nicht mein Geld genommen?
Die Flittchen holen sichs fast immer
aus meinen Hosen, die krank und besoffen
in der Ecke schlafen.
Nächstes Mal nimm meinen linken Arm
oder einen Fünfziger, aber nicht meine Gedichte.
Ich bin zwar nicht Shakespeare
aber manchmal kommt einfach
nichts mehr nach, abstrakt oder sonstwie.
Geld wirds immer geben, und Nutten und Säufer,
bis die letzte Bombe fällt,
aber, wie Gott damals sagte
nach getaner Arbeit:
Ich sehe, daß ich ne Menge Dichter
geschaffen habe,
aber nicht so besonders viel
Kunst.
Deutsch von Carl Weissner. Aus: Charles Bukowski: Western Avenue. Gedichte aus über 20 Jahren. 1955—1977. Frankfurt/Main: ZWEITAUSENDEINS, 1979, S. 10

to the whore who took my poems
some say we should keep personal remorse from the
poem,
stay abstract, and there is some reason in this,
but jezus;
twelve poems gone and I don’t keep carbons and you have
my
paintings too, my best ones; it’s stifling:
are you trying to crush me out like the rest of them?
why didn’t you take my money? they usually do
from the sleeping drunken pants sick in the corner.
next time take my left arm or a fifty
but not my poems:
I’m not Shakespeare
but sometime simply
there won’t be any more, abstract or otherwise;
there’ll always be money and whores and drunkards
down to the last bomb,
but as God said,
crossing his legs,
I see where I have made plenty of poets
but not so very much
poetry.
Aus: Charles Bukowski, Burning in Water, Drowning in Flame: Selected Poems 1955–1973 (1974)
Walter Gröner
(* 25. November 1950 in Heubach, Württemberg)
Woraus schöpft der Poet?
So geht's nicht, daß ich dir einfach weiter
und weiter erzähle;
Lies doch (Beispiel) ein Jahr lang
vorm Schlafengehn Gryphius, Rilke,
Trakl und Johannes Beer.
Unterbrich deine tägliche Arbeit, frag,
wie sich beides verträgt.
Falle in Löcher. Wende dich ab von der
schönen Natur.
Stehe manchmal belämmert umher.
Wenn die Schwärze nicht weicht, singe laut
ein Sonett aus der Erinnerung, oder es kann
auch was Selbstgedichtetes sein.
Bilde Worte. Trage die Worte wie Kohlen
in jedes Gelände hinaus.
Bevor es ganz unerträglich brennt,
schmeiß sie wohin.
Sage zum Dichter: da liegen Brocken von mir.
Werde nicht gleich wieder frech.
Aus: Was sind das für Zeiten. Deutschsprachige Gedichte der achtziger Jahre. Herausgegeben von Hans Bender. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1990 (Lizenzausgabe, zuvor Hanser 1988), S. 201f
Elisabeth Borchers
(* 27. Februar 1926 in Homberg, Niederrhein; † 25. September 2013 in Frankfurt am Main)
Ein paar Dichter
Nach der Lektüre von Gedichten
in einer literarischen Zeitschrift
Der Damalige
Er ist wieder da.
Ein Rückfall in die Begabung
von gestern
und schreibt ein Gedicht.
Ich horche
nicht mehr wie damals
als uns die Jugend zunichte machte
und groß.
Der Alltägliche
Er kennt keine Blockaden.
Auch die Rasur ist ein Thema,
das Blut leuchtet
wie Woyzeck dem Büchner.
Nur schreibend bist du ein Dichter
nur so.
Mit einem Kopf der dich trennt
von dir und den anderen
im Schwindel
der die Stufe als Abgrund erkennt
daß dich schaudert.
Der Schweigsame
Kein Wort gelingt, schreibt er,
kein Wort.
Und schreibt und schreibt.
Das Schweigen, schreibt er,
ohne Antrieb, Zeit noch Gegenwart
und schreibt
daß es die Seiten schwärzt
bis zur Unlesbarkeit.
Du schöne Kunst,
bewundernd halt ich ein.
Aus: Was sind das für Zeiten. Deutschsprachige Gedichte der achtziger Jahre. Herausgegeben von Hans Bender. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1990 (Lizenzausgabe Hanser 1988), S. 64
Jürgen Theobaldy
(* 7. März 1944, heute vor 80 Jahren, in Straßburg)
Rilke-Abend
An einem dieser altbekannten
langen Winterabende
setzte sich Rilke an den Sekretär
um einen seiner berühmten
langen Briefe zu verfassen
Doch fiel ihm diesmal nichts ein
und er knipste das Radio an
hörte eine Feuilletonsendung
schrieb schließlich: «Oh Radio
treuer Gefährte langer Winterabende
an denen ich ein kaltes Eis am Stiel bin!»
Das geschah
kurz bevor er seine Sympathien
für die Münchner Räterepublik entdeckte
Aus: Jürgen Theobaldy, Blaue Flecken. Gedichte. Mit Zeichnungen von Berndt Höppner. Reinbek: Rowohlt, 1979 (7.-8. Tsd.), S. 70
Mein, Exemplar, antiquarisch erworben, ist von der 3. Auflage, die 1. von 1974, die Erstausgabe, erschien in 4000 Stück, 1976 und 1979 wurden je 2000 nachgedruckt. Ein Dani hat es acht Jahre nach Erscheinen einer Katharina geschenkt und mit Kugelschreiber eine Widmung hineingeschrieben, worin er sie zum Schreiben auffordert, „Du kannst es“. Ob sie der Aufforderung gefolgt ist, weiß ich nicht und auch nicht, was aus Dani und Katharina geworden ist. Auf der Titelseite hat jemand ein mit „D.K.“ unterzeichnetes Gedicht hineingeschrieben. Es geht nicht nur um die Dichter, wenn wir ihre Bücher lesen.


Georg Friedrich Daumer (* 5. März 1800 in Nürnberg; † 13. Dezember 1875 in Würzburg) war ein deutscher Religionsphilosoph und Lyriker. Bekannt wurde er auch als Erzieher von Kaspar Hauser. https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Friedrich_Daumer
Türkisches Lied
Sultanin der Herzen ist
Diese fränkische Louise;
Quelle welcher Schmerzen ist
Diese fränkische Louise
All mein Islam ist dahin,
Denn ich denke nur an diese
Wunderschöne Ketzerin,
Diese fränkische Louise.
Krank bin ich, dem Tode nah,
Wie gespießt an tausend Spieße,
Denn mein Aug' erblickte ja
Diese fränkische Louise.
Doch wie bald wär' ich gesund,
Wenn sie mich zum Kusse ließe!
Denn Herr Jesus ist der Mund
Dieser fränkischen Louise.
Aus: G. Fr. Daumer, Polydora : ein weltpoetisches Liederbuch. Band 1. Frankfurt am Main : Literarische Anst., (1855), S. 250f.
Auszug aus der „Allgemeinen Deutschen Biographie“ von 1876:
Mit merkwürdigem Scharfsinn fügt er die Ergebnisse seiner staunenswerten Belesenheit in gewagter, aber großartiger Combination zusammen und sucht ihre Bestätigung besonders in der durch das alte Testament überlieferten Vorgeschichte, deren Widersprüche vor dem Auszuge Mose’s er durch seine Hypothese gelöst glaubt. Nicht minder verfolgte aber D. die Manifestationen dieses Cultus des Bösen in seiner Mitwelt und schuf sich dadurch auf religiösem wie namentlich auf dem an destructiven Tendenzen so reichen politischen Gebiete Gegner, welche seine umfassenden Gesichtspunkte nicht zu begreifen vermochten, es aber um so besser verstanden, durch Herausgreifen einzelner Sätze aus dem Zusammenhang Daumer’s Anschauungen ins Lächerliche zu ziehen. Um so mehr sah sich D. getrieben, auch die Elemente der positiven Seite zusammenzustellen, die er nicht in einem einzigen Land oder Volk, nicht in einer einzelnen Religion zu finden vermochte. Sie sollten die Basis einer „Religion des neuen Weltalters“ werden, in welchem die negirenden, destructiven Tendenzen besiegt sein und die Religion des Positivismus, des Lebens triumphiren sollte, so daß aus ihr sich eine höhere Stufe der Cultur und der Existenz entwickeln könnte. (…)
Hand in Hand mit dieser Denkentwicklung geht die dichterische Thätigkeit Daumer’s. Einen wunderbaren Naturcultus, entstanden durch eine feine Empfindung mystischer Art für das Lebendige und Ewige in der Natur, fand D. in Bettina’s Briefwechsel mit Goethe und fühlte sich zu einer Umformung des|Wichtigsten daraus in dichterisches Gewand angeregt, um so den für seine Auffassung so bedeutungsvollen Inhalt erst recht zur Geltung zu bringen. Seine größte poetische Schöpfung ist der im wesentlichen ganz selbständige Dichtungen bietende „Hafis“, worin der persische Sänger ihm nicht der lustige Trinker allein ist, sondern der tiefsinnige Erfasser der Natur und ihres unerschöpflichen Lebensdranges, der seinen energischen und wunderbaren Ausdruck erhält, wenn z. B. der vom Himmel gefallene Stern an allem auf der Erde, selbst am ärmlichen Stümmel im Walde Gefallen findet, so daß er nicht mehr zum, erhabenen Himmel hinauf will, oder wenn der Dichter im Sternenhimmel einen deutungstiefen Brief sieht, während er zugleich alle lebensfeindliche Pfafferei verspottet und sich zu dem Wein und der Liebe, dem Lebenserquicker und der Lebensschafferin hinwendet. Daher denn auch Daumer’s Verehrung der Frauen, die für ihn ein ahnungsvolles Verständniß, ein tieferes und feineres Empfinden der Natur haben, die die leibgewordene Natur selbst sind, welche den Boden für eine neue und höhere Existenz darbietet, durch welche Anschauung die Sinnlichkeit ihrer jetzigen ungesunden Stellung als einer möglichst abzuleugnenden oder doch zu verdeckenden Lebensäußerung entnommen und ihrer hohen Bedeutung als der Lebensschöpferin und dadurch als der Vorbedingung alles Fortschreitens, somit einer ihr Wesen als rein erkennenden und in Anspruch nehmenden Auffassung wiedergegeben wird.
https://www.deutsche-biographie.de/sfz9368.html#adbcontent
Inhalt der zweibändigen „weltpoetischen Lieder[und Spruch-]sammlung“ Polydora in Lyrikwiki
Evelyn Schlag
(Geb. 1972, lebt in Waidhoven / Ybbs)
etüden
in den vorlesungen schrieb die handschrift sich
einen neuen charakter zu. man hatte blut
an den fingern und saß
neben der romantik.
das muskelzucken des unterarms kam gut rüber.
sagte er keats sagte er den wassertod shelleys
und leichtfüßelnd über
spanische grippen.
wir lasen erlebnisgetreu auf dem weg in halbe
wohnungen. borgten einander die hände.
ruckweise tat sich ein stil auf
um die mundpartie
und die finger beim rauchen: in welchem film
hast du gelernt oder bist du ganz aus naturell?
dramaturgie kam auf und
ein privatsemester.
so also passtest du ins jahrzehnt und wie ich
war wie du warst: liebe sich schöpfend aufs
heiße rote gesicht. wörtlich
angebrochener atem
Aus: Manuskripte. Zeitschrift für Literatur. Graz. Heft 200, Juni 2013, S. 275
Die neue Ausgabe des Schreibheft, aufregend wie immer, mit 3 Schwerpunkten: 1. Joyce Finnegan’s Wake deutsch, 2. François Villons „Ballades en Jargon“, Anders-Deutsch und 3. Ron Padgett. Aus dem dritten hier ein Pröbchen. (Wenn ich etwas an der Zeitschrift zu nörgeln hätte, es wär, dass sie von übersetzten Titeln nicht die Originale mit abdrucken. Ich verstehe natürlich das Platzproblem, aber könnte man nicht mindestens von jedem Schwerpunkt eine Probe des Originals bringen?) Wie dem sei, hier ein Gedicht von Ron Padgett in der Übersetzung von Ralf-Rainer Rygulla aus dem aktuellen Schreibheft und dazu das Original aus dem Original.
Ron Padgett
(* 17. Juni 1942 in Tulsa, Oklahoma)
TAG IM HERBST
Rilke geht auf einen Pfennig zu. Sah ich.
Das war wirklich großartig. Doch jetzt
Liegt sein Schatten fest auf den Sonnenuhren.
Wie kann der Wind dann
Die Schatten daran erinnern, daß es Zeit ist?
„Wer kein Haus hat, kann jetzt nicht bauen",
Sagte Rilke zu einer Grille.
Kleine Grille,
Du mußt aufwachen, lesen, lange Briefe schreiben und
Ruhelos umherziehen, wenn die Blätter treiben.
Deutsch von Ralf-Rainer Rygulla, aus: Schreibheft 102, Februar 2024, S. 122
Autumn’s Day
Rilke walks toward a dime. I saw.
It was very great. But now
His shadow is fast upon the sundials.
How then can the winds remind
The shadows it is late?
"Who has no home cannot build now,”
Said Rilke to a grasshopper.
Little grasshopper,
You must waken, read, write long letters, and
Wander restlessly when leaves are blown.
Aus: Ron Padgett: New & Selected Poems. Boston: David R. Godine, 1995, S. 7
Der Schweizer Salomon Gessner oder Geßner gilt als Erfinder des Prosagedichts. Er schrieb seine Idyllen in Prosa, daneben aber auch ein paar Gedichte in Versen, wie diese als Fragment gedruckte Verserzählung in reimlosen Jamben. In ihr wird erzählt, wie der Knabe Amor an einem See „ein nakend badend Mädchen“ sieht: „drum schlich er an das Uffer, / das Mädchen zubesehen.“ Ihr Körper wird liebevoll im Detail beschrieben. In der Mitte des Gedichts ist eine Auslassung oder nicht ausgearbeitete Stelle durch Striche markiert, aber der Schelm plaziert zugleich in die Auslassung die laszive Andeutung, dass die Wellen des Sees von den Knien aufwärts steigen … und …:
Die wällen hüpften freudig,
umschwangen ihre Knie
und stiegen in die Höhe,
– – – – – – – – – –
und hüpfeten in Kreyßen,
in silberfarbnen Zirkeln.
Das Mädchen bemerkt den Knaben Amor und bespritzt ihn mit Wasser. Amor revanchiert sich mit einem seiner berühmten Pfeile, das Mädchen rennt erschrocken ans Ufer, um den eigenartigen süßen Schmerz zu besichtigen. Jetzt kommt die Erzählinstanz ins Spiel, es ist nämlich noch jemand am Ufer versteckt, ein junger Mann, der sich gleich erbietet, die Wunde zu heilen, etc. Rokokodichtung.
Salomon Gessner
(* 1. April 1730 in Zürich; † 2. März 1788 ebenda)
[Fragment einer Verserzählung]
Die Sonne war in Westen,
schon von den hohen Bergen,
das Gold der Abendröthe,
erblaßte an dem Himmel[,]
des Mondes schwächre strahlen,
besilberten die Erde.
Alß Amor schon bewaffnet,
in jennem düstern wäldchen,
durch dunkle Schatten irrte,
wo öfters zwey verliebte,
in grünen Schatten scherzen,
wo manches schönes Mädchen,
in Blumen ausgestreket,
den ihm getreuen Hirten,
mit Ungedult erwartet,
wo Kleiner Vögel Chöre,
der Liebe Lob besingen.
In mitte dieses Wäldchens,
versameln alle Bäche,
die sich durchs wäldchen schlängeln,
in einem See die wellen
ihr feuchtes Uffer küssend
Hier, hier sah er ein Mädchen,
ein nakend badend Mädchen,
drum schlich er an das Uffer,
das Mädchen zubesehen.
Die weißgewölbte Stirne,
umkränzten schwarze Locken,
mit denen Zephir scherzte,
und sie um Halß und Brüste,
mit sanftem säuseln schwang,
Es glühte auf den Wangen,
der purpur junger Roßen,
die Kleinen zarten Lippen,
umflatterte die Anmuth,
der schwarzen Augen Feuer,
war reitzend und entzündend,
der Leib war schön und prächtig,
geschlank, und weiß wie Lilgen,
wie man die Venus bildet.
Die wällen hüpften freudig,
umschwangen ihre Knie
und stiegen in die Höhe,
– – – – – – – – – –
und hüpfeten in Kreyßen,
in silberfarbnen Zirkeln.
Das Mädchen sah den Amor,
den es noch nie gekennt,
Es sprach, du kleines knäbgen,
Geh, oder, wann ich komme,
so spriz ich dich mit Wasser.
Doch Amor lächelt schalkhaft,
lähnt sich auf seinen bogen,
und bleibt am Uffer stehen;
Das Mädchen klatscht ins wasser,
biß Amor ganz betreufelt,
so, wie die Rose glänzte,
die ganz beperlet glänzet,
wenn sie bey hellem Morgen,
das frische Tau befeuchtet.
So wie die kleine Lerche,
wann sie die Regentropfen,
von bunten Federn schütelt,
so schütelte sich Amor
die Tropfen abzusprizen.
Drauf sagt er freundlich lächelnd,
Mein kind du kannst im sprizen,
gewiß sehr artlich treffen,
doch sieh, kann ich im schießen,
dich auch so artlich treffen.
Drauf langt er in den Köcher,
und legt auf seinen Bogen,
ein glänzend scharffes pfeilchen,
kaum zischt es durch die Lüfte,
so staks schon in dem Herzen;
des Schreken vollen Mädchens
das eilends aus dem wasser,
ans nahe Uffer flohe
und in dem düstern Wäldchen,
geheim den orth besah,
wo ihns der pfeil getroffen.
Was, sprach es, fühlt mein Herz,
Es ist kein rechter Schmerz,
Er schmerzt, doch ist er süß,
Ein plagendes vergnügen,
was ist nun dieses alles?
Ich hörte diese Worte,
Dann ich stak im Gebüsch,
wo dieses Mädchen klagte,
komm, sez dich auf die Blumen,
sprach ich mein schönstes Mädchen,
ich heil dir deine wunde.
Die Schaam mahlt seine Wangen,
mit reizend schönem purpur,
alß es mich reden hörte,
es wollte schüchtern fliehen,
allein ich hielts zurüke,
und fieng es an zuküssen,
da fieng es an zulächeln,
und foderte durch küsse,
von mir noch ville küsse,
wir küßten bis wir sinkend,
uns auf die blumen legten, etc.
Quelle:
Salomon Gessner: Idyllen. Stuttgart 1973, S. 141-144.
Permalink:
http://www.zeno.org/nid/20004828062
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