Schwarze Sonne

109 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Christoph Meckel 

(* 12. Juni 1935 in Berlin; † 29. Januar 2020 in Freiburg im Breisgau)

Ballade

Ich rufe eine schwarze Sonne, schrie
der Hahn im weißen Dampf auf schwarzem Mist.
Geschrei verscheuchte Schlummer aller Höfe.

Die Schwalben stoben in den kalten Regen
der Maulwurf tappte blind durch nasse Blumen
und Ochsen stampften brummend aus den Ställen.

Und Mägde rannten barfuß in die Wälder
und Knechte ritten fort auf alten Gäulen –
der Bauer weinte wild: ach Hahn, mein Hähnchen!

Da hinter siebenfachem Regen stieg
die Sonne schwarz und schnell, stand ohne Laut,
und krachte finster auf die Ebenen nieder.

Aus: Neue deutsche Erzählgedichte. Gesammelt von Heinz Piontek. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1964. – Neuausgabe München: Schneekluth, 1980, S. 325

Nutzlos hast du unser rotes Blut vergossen… General!

434 Wörter, 2 Minuten Lesezeit.

Der Dichter Klabund (eigentlich Alfred Henschke, * 4. November 1890 in Crossen an der Oder; † 14. August 1928 in Davos) hat in seinem kurzen Leben mehr als 70 Bücher veröffentlicht, darunter Gedichtbände, Romane, Schauspiele und Übersetzungen – meist aus Sprachen, die er nicht sprach. Er übersetzte persische, japanische und chinesische Gedichte nach deutschen, französischen oder englischen Vorlagen. Zur Entstehung seines ersten Buchs mit Nachdichtungen chinesischer Lyrik, „Dumpfe Trommel und berauschtes Gong. Nachdichtungen chinesischer Kriegslyrik“ (es erschien zuerst 1915 bei Insel, mein Exemplar ist aus dem 36. bis 45. Tausend 1952) sagt eine Anekdote, er habe 1915 (!) die Nachdichtungen Hans Bethges („Die chinesische Flöte“) gehört und spontan gesagt, das müsse man „anders übertragen“. Tatsächlich hat er systematisch besonders französische Quellen studiert und begonnen nachzudichten. Der Erfolg seiner Nachdichtungen bei den Lesern trotz mancher kritischer Stimmen von Rezensenten scheint ihm recht zu geben. Hier heute ein Lied daraus, gefolgt von einer von Fachleuten gerühmten philologisch korrekten Übersetzung. Es handelt sich um ein Lied aus der ältesten chinesischen Lyrikanthologie, bekannt als Schi-King, von der die Überlieferung sagt, kein Geringerer als Konfuzius habe die Auswahl getroffen.

KLAGE DER GARDE

General!
Wir sind des Kaisers Leiter und Sprossen!
Wir sind wie Wasser im Fluß verflossen ...
Nutzlos hast du unser rotes Blut vergossen...
General!

General!
Wir sind des Kaisers Adler und Eulen!
Unsre Kinder hungern... Unsre Weiber heulen...
Unsre Knochen in fremder Erde fäulen ...
General!

General!
Deine Augen sprühen Furcht und Hohn!
Unsre Mütter im Fron haben kargen Lohn ...
Welche Mutter hat noch einen Sohn?
General?

Aus: Dumpfe Trommel und berauschtes Gong. Nachdichtungen chinesischer Kriegslyrik von KLABUND. Wiesbaden: Insel-Verlag, 1952 (IB 183), S. 5

Der Sinologe Wilhelm Gundert wählte in seinem zuerst 1958 bei Hanser (später auch als dtv-Taschenbuch) erschienenen Band auch dieses Gedicht aus, in der Übersetzung von Victor von Strauß, über die er sagt: „Die meisterhafte Übertragung des lippischen Kabinettsrats Victor von Strauß wahrt mit äußerster Treue Wortlaut und Versform.“

Klage der Garden über ihre ungehörige Verwendung.¹

Reichsfeldmarschall!²
Wir sind des Königes Gebiß und Krallen.
Was hast du in das Elend uns gestürzt,
Wo kein Verweilens bleibt uns Allen?

Reichsfeldmarschall!
Wir sind des Königs Krallen und Soldaten.
Was hast du in das Elend uns gestürzt,
Wo wir an’s Ende nie gerathen?

Reichsfeldmarschall!
Fürwahr du thust nicht weise.
Was hast du in das Elend uns gestürzt,
Daß Mütter müh’n sich müssen um die Speise?³

¹ Die Garde wurde gegen das Herkommen in dem unglücklichen Feldzuge gegen die nördlichen Gränzstämme im Jahre 788 v. Chr. verwendet.
² Er war zugleich Kriegsminister.
³ Weil die Söhne für sie nicht sorgen können.

Quelle: Lyrik des Ostens: China. Mit einem Nachwort von Wilhelm Gundert. München: dtv, 1962, S. 18

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Nachwasser

317 Wörter, 2 Minuten Lesezeit.

„Nachwasser“ von Frieda Paris ist ein langes Gedicht. Das Buch hat 136 Seiten, es enthält ein einziges Gedicht aus 111 nummerierten Absätzen. Die Nummerierung erleichtert innertextliche Bezüge, so beginnt Abschnitt 28: „ich schrieb in 9“. Lesende können leicht hin- und hersuchen, den Bezügen folgen und eigene herstellen. Das Wort Nachwasser kommt häufig vor, irgendwann wird erklärt, dass es den Nachlass der Dichterin Friederike Mayröcker meint, den sie während der Arbeit am Langgedicht einsieht – oder ist das Hineinsehen in Nachlasspakete das Gedicht selbst? Ist das Gedicht das Entstehen des Gedichts? In 6 schreibt sie:

ein Ausrufezeichen an all jene, die mich gefragt haben, ob ich denn je etwas anderes schreiben würde, als über das Schreiben

nein! ich schließe das Schreiben nie aus, beziehe es ein, stehe in Beziehung zu meinem Schreiben, ihm gegenüber wie mich umgebenden Personen

diese Beziehungen bedeuten Hinwendung, Aufmerksamkeit

Als Gedicht des Tages heute zwei leicht zuordbare Abschnitte.

Frieda Paris

Aus: Nachwasser

60 ich liege in großen Fragen:

aber werde ich denn noch lieben? (Elke Erb)

werde ich heute schreiben können? (Friederike Mayröcker)

lege meine Frage dazu

was darf ein Gedicht?

84 Text mit Thesen, lege meine dazu (ist gleich
Thesenerweiterung zu Walter Höllerer)

das lange Gedicht ist begehbar, erlaubt Rast
und Aufbruch, dort wo das kurze schon vorbei ist

das lange Gedicht entzieht sich Linearitäten
zugunsten neuer Lektürebewegungen für seine Lesenden

das lange Gedicht versucht Abdrücke von Wirklichkeit

das lange Gedicht gibt ständig zu, ein langes Gedicht zu sein,
es macht auf sich aufmerksam (es winkt)

das lange Gedicht fragt nach dem Weg,
gleichzeitig möchte es Wegbeschreibung sein

das lange Gedicht ist Container für Material und
verwertet, was im kurzen keinen Platz findet

das lange Gedicht stellt sich und Gelingen aus
(putzt sich heraus, Gefieder)

das lange Gedicht macht Platz für Nachbarschaften
tbc.

Aus: Frieda Paris: Nachwasser. Berlin und Dresden: AZUR bei Voland & Quist, 2024, S. 8, 92, 120.

Süß

83 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Christine Busta

(* 23. April 1915 in Wien; † 3. Dezember 1987 ebenda)

Kleiner Merkvers für Liebende

Wenn du bei mir liegst, mußt du leise sagen:
»Rühr meine Schulter an, die Hüfte und das Knie.«
Ich würde sonst so Süßes niemals wagen.

Wenn du mich anrührst, sollst du gar nichts sagen,
sonst hörst du jenen scheuen Vogel nie,
der lautlos schon in meinen Kindertagen
nach einer Hand, so süß wie deine, schrie.

Aus: Poesiealbum 380. Christine Busta. Auswahl Jürgen Israel. Wilhelmshorst: MärkischerVerlag, 2023, S. 9

Polydora

271 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Georg Friedrich Daumer (* 5. März 1800 in Nürnberg; † 13. Dezember 1875 in Würzburg, Pseudonyme: Dr. Amadeus Ottokar, Eusebius Emmeran) war ein deutscher Religionsphilosoph und Lyriker. Bekannt wurde er auch als Erzieher von Kaspar Hauser. https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Friedrich_Daumer

Bekannt wurde er auch als Sammler und Nachdichter (z.B. Hafis, Volkslieder vieler Länder). Aus einer wunderlichen Sammlung: Polydora. Ein weltpoetisches Liederbuch. Literarische Anstalt, Frankfurt am Main 1855, hier 3 Beispiele aus 2 oder 3 Sprachen, die sich nicht so genau nennen lassen. Das erste handelt von der Liebe, und die beiden anderen? Wohl eher von mythischem Geschehen am baltischen Götterhimmel. Die Sonne und irgendwelche himmlischen Söhne und Töchter sowie Perkun, der Himmels- und Gewittergott, sind die Protagonisten. Geht es da lustig zu oder gar blutig? Jedenfalls leicht, fremd und von archaischer Bildkraft.

Ruthenisch
aus Galizien.


Es traten ein zu meiner Pforte,
Um mich zu freien, drei Gesellen;
Der eine gab mir schöne Worte
Und schöne Bänder, zwanzig Ellen.

Süß tönet’ auch des andern Bitte,
Dazu beschenkt’ er reich mit Golde;
Nur eine Rose gab der dritte,
Und sagte nichts, der Wunderholde.

Ich ließ die Bänder, ließ die Schätze;
Der war so häßlich, der so lose.
Ich merkte nicht auf ihr Geschwätze;
Ich wandte mich und nahm die Rose.
Lettisch-littauische
Volkspoesie.


II.
Die Sonne scheint so finster heut;
Was hat man ihr zu leid gethan?
Die Söhne Gottes fuhren ihr
Die Töchter auf der Schlittenbahn
Und warfen um, die heftigen,
Im Fahren überkräftigen,
Und schleuderten die Mägdelein,
Die zarten, in den Schnee hinein.
III.

Perkun wetterte,
Perkun schmetterte
Nieder die Eiche, so grün und breit —
Ach, wie Leid
Ist mir um die gute!
Mir besprengt
Kranz und Kleid
Wurde von ihrem Blute.

Bei Neumond

186 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Im Persischen gibt es ein Wort für die drei mondlosen Nächte um Neumond. Um die geht es im heutigen Gedicht des persischen Dichters Achmad Schamlu, der heute vor 100 Jahren geboren wurde. Auch ein Astronomiegedicht, was sonst noch, Naturgedicht, und mindestens die Namensnennung Gohar Morad, eines Dichters und politischen Aktivisten, der unter dem Schahregime ebenso wie unter den Mullahs verfolgt wurde, bringt eine politische Dimension hinein. Sind die Nachtwächter mit ihren gegen die Vögel wütenden Schwertern mehr als ein surreales Bild?

Achmad Schamlu 

(englisch Ahmad Shamlou, persisch احمد شاملو Ahmad Schāmlu, * 12. Dezember 1925 in Teheran; † 24. Juli 2000 in Karadsch)

Mohagh*
Für Gohar Morad

Bei Neumond
kam ich auf's Dach
mit dem Spiegel und Kräutern und einem Achat.
Eine kalte Sichel passierte den Himmel
sperrte den Flug der Taube.

Getuschel unter den Pinien
und der Nachtwächter wütende Schwerter
kamen auf die Vögel nieder.

Der Mond
ging nicht auf.

*) Mohagh: Bezeichnung für die drei Nächte der Mondwechselphase, während derer der Mond bedeckt erscheint.

Aus dem Persischen von Farhad Showghi, aus: Zwischen den Zeilen. Eine Zeitschrift für Gedichte und ihre Poetik, herausgegeben von Urs Engeler, #12, Oktober 1998, Seite 187

Kirkeeffekt

222 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Silke Peters

Aus: Kirkeeffekt

Den Vorschuss auf mein Leben halte ich dir entgegen, vorher habe ich den gleißenden Abfall sortiert.

Wenn wir jetzt auch dieses voneinander wissen, bohrt sich der Kopf und der Nacken in eine Wolke.

Da war ein wattierter Anker in der Luft. Vor mir schwebte eine Nebelbank. Ich ruhte mich aus, bin orientierungslos.

Ausgesetzte Kinder schrien im Traum, letzte, die niemand mehr will = einen Wald.

Ich bewerbe mich. Du wartest ab, bis es mir besser geht. Ich mache einen lichtscheuen Gebrauch von dir, mit letzter und bescheinigter Armut im Zugangszeugnis.

Ich werde eine Metropolis, eine Wortmutterstadt mit ihren Filiationen für dich finden.

In den Anträgen, die ich dafür in den Wind schrieb = Schweigen.

Da waren vierhundert Kilometer Anlauffläche für den Wind und Strände für das Unglück = einen vorzeitigen
Versabbruch.

Und ich wandere jetzt aus nach Ribnitz.

Weil es sich keiner mehr leisten konnte, ein Gedicht zu schreiben, versagte die Bilanzrechnung, und die Spesenzufuhr versagte auch.

Nur der Tisch und die Tastaturen waren frei.

Wenn Sie eine Stunde Zeit haben, schreiben Sie ein Gedicht auf das rote Innenfutter ihres Mantels auswendig hin.

Die freigelegte Ritzzeichnung = ein Hier-war-ich-eingesperrt und ein Hier-lag-ich-lange-wach.

Du sahst dir die Zeichnung heute an, deine Hand lag auf meiner Stirn

Aus: Silke Peters, Kirkeeffekt. Luftiges Lehrgedicht. Greifswald: freiraum, 2016, S. 69f

Silke Peters (* 1967 in Rostock), Autorin, Künstlerin und Herausgeberin, lebt in Stralsund.

Eigenwillig

117 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Gabriele Stötzer

(* 14. April 1953 in Emleben)

Eigenwillig

meine Mutter sagt
ich bin das intelligenteste ihrer vier Kinder und begabt
aber ich hätte am wenigsten daraus gemacht
ich habe keinen Mann
ich habe kein Auto
ich habe keine feste Arbeit
und ich lande immer wieder bei denen, die es nie schaffen
die zu jung sind, zu gezeichnet, asozial und dreckig

wenn sie zu jung sind, werden sie mich verlassen
wenn sie älter werden, werde ich sie verlieren
wenn sie sich waschen, werde ich sie nicht mehr erkennen

(1984)

Aus: Gabriele Stötzer, Ich bin die Frau von gestern. Mit Illustrationen von Gabriele Stötzer und einem Nachwort von Joachim Walther. Frankfurt/Main: Edition Büchergilde, 2005 (Die verschwiegene Bibliothek), S. 119.

gnudzd houds nix

74 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Fitzgerald Kusch

lernprozess

wenni ämall
nimmä gwissd hou
wossi dou soll
houi mei oma gfrouchd
däi houd fia allers
woss gwissd:
gnudzd houds nix

Aus: Das Gedicht. jung und alt. Herausgegeben von Matthias Kröner und Anton G. Leitner, #33, 2025, S. 65

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Der insgesamte Augustin

195 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Hans Arp

 (* 16. September 1886 in Straßburg; † 7. Juni 1966 in Basel)

Opus Null

Ich bin der große Derdiedas
das rigorose Regiment
der Ozonstengel prima Qua
der anonyme Einprozent.

Das P. P. Tit. und auch die Po
Posaune ohne Mund und Loch
das große Herkulesgeschirr
der linke Fuß vom rechten Koch.

Ich bin der lange Lebenslang
der zwölfte Sinn im Eierstock
der insgesamte Augustin *
im lichten Zelluloserock.**

Aus: Hans Arp, Opus Null. Ausgewählte Gedichte. Herausgegeben von Richard Pietraß. Berlin und Weimar: Aufbau, 1988, S. 13

*) Wenn das ein Fußnotengedicht wäre, stünde hier ein Gruß an Michael A. in B.

**) Als Texte von Hans Arp spät, sehr spät im Land DaDaEr erscheinen sollten, gab es natürlich auch Einwände irgendwelcher Herrn mit oder ohne Bart. Richard Pietraß antwortete:

Arpade

Quarrt ein Bart: was ist das, arpen
Sag Wege mit dem Staubkamm harken

Graswuchs mit der Muschel lauschen
Abschaum vor dem Munde tauschen

Besen mit dem Schuhband binden
Kränze aus dem Herzkranz winden

Himmel aus dem Brustbein melken
Die Seele aus dem Leibe welken

Zeit in Ewigkeit verstecken
Gott in einem Torso wecken

Aus: Richard Pietraß: Spielball. Gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau, 1987, S. 72

Immer noch da, hellwach

175 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Seit vielen Jahrzehnten gehört Dagmar Nick zu den stillen, unverkennbaren Stimmen der deutschen Literatur: präzise, hellhörig, unprätentiös und klar.

Sie hat ein Werk geschaffen, das sich modischen Strömungen stets entzogen hat, und es ist noch nicht zu Ende. Im nächsten Jahr wird sie 100, und vor Tagen wurde bekannt, dass die Stadt München ihr kurz davor ihren Kulturellen Ehrenpreis verleiht. „Immer noch da, hellwach“, heißt es in der Jurybegründung. Immer noch vertreten auch in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Das Gedicht“, die gerade erschienen ist. Hier ihr Beitrag zu der Ausgabe, die unter dem Motto „jung und alt“ steht.

Dagmar Nick

 (* 30. Mai 1926 in Breslau)


Vita

Durch alle Feuer gegangen, auch
durch die Explosionen der Liebe
und anderer Versuchungen
ohne Verlust.
Bei den Glutnestern Wache gestanden,
bis sie erkaltet waren, und die Asche
mit unseren Initialen markiert,
bevor sie zerstob.
Es gab nichts zu bereuen und
nichts zu bedauern. Und wenn
die nächsten Scharmützel
auf den Vulkanen begännen –
ich wäre dabei.

Aus: Das Gedicht. jung und alt. Herausgegeben von Matthias Kröner und Anton G. Leitner, #33, 2025, S. 114

Rilke-Russisch

Noch einmal Rilke. Felix Philipp Ingold hat in seine zweisprachige Anthologie „»Als Gruß zu lesen«. Russische Lyrik von 2000 bis 1800“ (Dörlemann 2012) auch eines der von Rilke original auf Russisch geschriebenen Gedichte aufgenommen. Ingold schreibt im Anhang:

Rilkes Interesse an Rußland und an der russischen Sprache geht auf Anregungen seiner damaligen Freundin Lou Andreas-Salomé zurück, mit der er zusammen 1899/1900 das Zarenreich bereist. In Moskau, Petersburg und anderswo lernt er Literaten, Künstler, Kritiker kennen. Mit großer Einfühlung rezipiert er die »russischen Dinge«, über die er später in Vers und Prosa schreiben wird, und seine Sprachkompetenz reicht offenbar bereits dazu aus, Texte von Dostojewskij, Tolstoj, Tschechow aus dem Original ins Deutsche zu übersetzen. Zwischen den beiden Reisen verfaßt Rilke (Ende 1900 in Schmargendorf) einige grammatikalisch wie orthographisch zwar mangelhafte, künstlerisch aber durchaus ansprechende Gedichte, die er drei Monate danach durch zwei weitere, formal deutlich stärkere Texte ergänzt. Die titellosen Texte gelten in der Rilkeforschung gemeinhin als Entwürfe oder Fragmente, doch nichts spricht dagegen, sie als abgeschlossene Gedichte zu betrachten; eines davon – »Ermattet …« (»Ja tak ustal …«, 1901) – erscheint hier in deutscher Nachdichtung beziehungsweise in deutscher Rückübersetzung aus dem Russischen. Zweierlei ist an diesem Text – die originale vorrevolutionäre Orthographie mitsamt Rilkes sprachlichen Fehlern wurde beibehalten – bemerkenswert: Einerseits entsprechen seine Intonation und Metaphorik unverkennbar der von Rilke gleichzeitig in deutscher Sprache verfaßten Lyrik, andererseits läßt er (genauso wie die übrigen russischen Gedichte) keinerlei thematischen Bezug zu Rußland erkennen – die »russischen Dinge« bleiben ausgespart in einem Sehnsuchtsraum, doch ihre Aura wird lyrisch vergegenwärtigt, und dies mit impliziter Bezugnahme auf Johann Wolfgang von Goethes Erlkönig-Gedicht.

Rainer Maria Rilke 

(* 4. Dezember 1875 in Prag; † 29. Dezember 1926 im Sanatorium Valmont bei Montreux, Schweiz)

Ermattet ...

Ermattet von der Last der Schmerzenstage
erfahre ich die leere Nacht, die ohne Klage
aus fernem Feld auf meine stillen Augen fällt.
Mein Herz hat sich zur Nachtigall gesellt,
doch fehlen ihm für deren Lied die Worte;
mir ist, als ob ich nur mein Schweigen hörte –
es wächst heran wie Angst in tiefer Nacht,
verdüstert sich zu einem allerletzten Ach!
– das Kind ist fort, der Tod hat's weggebracht.
11. April 1901

Aus dem Russischen von Felix Philipp Ingold

Ingold gelingt eine Nachdichtung unter weitgehender Bewahrung des Silbenmaßes (überwiegend zehn oder elf Silben) und des Reims mit leichter Vereinfachung: im Original reimen die ersten 4 Silben aufeinander. Auch am Schluss gibt es eine kleine Umstellung.

Hier der Versuch einer volkstümlichen aussprachenahen Transliteration mit Unterscheidung von stimmhaftem/stimmlosem s- und sch-Lauten: z/s und sh/sch sowie mit Betonungsstrichen:

Ja ták ustál ot tjáshby bolných dnjéj,
pustája nótsch bezwétrjennych poljéj
leshít nad tíschinoi móich otschéj.
Moj sérdtse natschinál kak solowéj,
no doskazát ne mógh swoí slowá;
tepér moltschánije swójo slýschu já —
onó rastjót kak w nótschi strách,
temnéjet kak poslédnij ách
zabýtawo umerschawó rebjónka.

Ich habe die KI beauftragt, die Qualität von Rilkes Russisch zu bewerten.

Seine Beherrschung der Sprache war passiv gut, produktiv aber begrenzt – und das merkt man.

(A) Grammatik

Stärken
* Die syntaktische Struktur ist meist korrekt.
* Viele Wendungen sind idiomatisch gut getroffen („лежит над тишиной моих очей“ ist poetisch akzeptabel).
* Genitivkonstruktionen funktionieren.

Schwächen / Auffälligkeiten

* тяжьбы больных дней ist ungewöhnlich; richtig wäre „тяжбы больных дней“ ohne ь nach ж; Bedeutungswahl wirkt fremd.
* свой слова ist grammatisch falsch → müsste „свои слова“ sein.
* оно растет как в ночи страх ist semantisch holprig; ein Russischsprachiger würde eher eine Umstellung wählen.
* последний ах ist semantisch möglich, aber wirkt extrem untypisch, fast unbeholfen.
* забытого умершего ребенка ist möglich, aber die Kombination ist eher unbeholfen als poetisch wirkungsvoll.

Gesamturteil Grammatik:

➡️ nicht fehlerfrei, aber verständlich; deutlich Nicht-Muttersprachler.

(B) Orthografie

* Original folgt korrekt der prä-revolutionären russischen Rechtschreibung: End-ъ nach Wörtern: правильно – ѣ (ять): richtig verwendet, betrifft bestimmte lexikalische Traditionen.
* Einige Inkonsequenzen wirken aber wie Fehler eines Lernenden.

➡️ weitgehend korrekt, kleinere Inkonsequenzen.

(C) Wortwahl & Stil

* Rilke versucht sichtbar, russische Symbolisten zu imitieren (Balmont, Belyj, frühe Blok-Töne).
* Viele Wörter sind treffend, aber Kombinationen wirken künstlich, manchmal schwerfällig.
* Man merkt, dass er eher „übersetztes Rilke-Deutsch“ in russischer Form schreibt.

➡️ poetisch ambitioniert, aber stilistisch nicht idiomatisch russisch.

(D) Metrik

Rilke strebt klar einen jambischen Fünfheber an (klassische russische Form). Aber:
* Betonungen stimmen häufig nicht.
* Syntax erzwingt metrisch harte Brüche.
* Muttersprachliche russische Lyrik dieser Zeit klingt wesentlich fließender.

➡️ metrisch unsauber; manchmal gelingt der Rhythmus, oft nicht.

Gesamturteil über Rilkes russisches Gedicht

Literarische Qualität:
* hoch als historisch-biografisches Dokument,
⚠️ mittel bis schwach als russisches Gedicht.

Es ist deutlich spürbar, dass Rilke nicht in der russischen poetischen Tradition zuhause war. Er denkt in deutscher Bildsprache und baut diese in russische Grammatik ein – oft etwas gezwungen, aber mit intensiver emotionaler Authentizität.

Aber: vielleicht hätte gerade diese Unbeholfenheit (Fremdheit) den russischen Formalisten gefallen?

Zum Schluss noch zwei maschinelle Übersetzungen, die auf unterschiedlichen Wegen näher am Wortsinn sind.

Ich bin so müde von der Last der kranken Tage;
die leere Nacht der windlosen Felder
liegt über der Stille meiner Augen.
Mein Herz begann wie eine Nachtigall,
doch konnte es sein Wort nicht aussprechen;
jetzt höre ich seine Stille –
sie wächst wie in der Nacht die Angst,
verdunkelt sich wie der letzte Seufzer
eines vergessenen, sterbenden Kindes.

(ChatGPT)

Ich bin so erschöpft von den Tagen der
Krankheit; die leere Nacht windstiller
Felder liegt über dem Schweigen meiner
Augen. Mein Herz begann wie eine
Nachtigall, doch konnte es seine Worte nicht
vollenden; nun höre ich sein Schweigen –
es wächst wie die Angst in der Nacht, verdunkelt sich
wie der letzte Atemzug eines
vergessenen, toten Kindes.

(Google Übersetzungs-App)

Rilke 150

142 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Zugegeben, gestern gab es noch ein größeres Jubiläum – den 150 Geburtstag von Rainer Maria Rilke. Hier ein kleines Gedicht des großen Dichters, ein Sonett aus den „Neuen Gedichten“.

Rainer Maria Rilke 

(* 4. Dezember 1875 in Prag; † 29. Dezember 1926 im Sanatorium Valmont bei Montreux, Schweiz)

Der König

Der König ist sechzehn Jahre alt.
Sechzehn Jahre und schon der Staat.
Er schaut, wie aus einem Hinterhalt,
vorbei an den Greisen vom Rat

in den Saal hinein und irgendwohin
und fühlt vielleicht nur dies:
an dem schmalen langen harten Kinn
die kalte Kette vom Vlies:

Das Todesurteil vor ihm bleibt
lang ohne Namenszug.
Und sie denken: wie er sich quält.

Sie wüßten, kennten sie ihn genug,
daß er nur langsam bis siebzig zählt
eh er es unterschreibt.

Paris, um den 1. Juli 1906

Aus: Rainer Maria Rilke, Werke in drei Bänden. Hrsg. von Horst Nalewski. Erster Band: Gedichte. Leipzig: Insel, 1978, S. 436f

o tod du dunkler meister

246 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Heute vor 25 Jahren starb der große österreichische Dichter H. C. Artmann. Viele erinnern sich an seine legendären Dialektgedichte, die Wiener Gruppe, den barock-grotesken Humor. Doch Artmann hat auch ganz andere Töne angeschlagen – etwa in diesem Text aus dem Jahr 1954.

„o tod du dunkler meister“ ist eine düster-schillernde Beschwörung: eine Ode, ein Flehen, ein Abwehrzauber. Der Tod erscheint hier als „gallenbittres elixier“, „zugereister harpunier“, „rosenzwerg im hinterhalt“, „aufgerißner kiefer“ und „ohngeformter rattenschnabel“. Eine Galerie von Metamorphosen, die das junge, wilde Artmann-Universum schon vollständig enthalten.

H(ans) C(arl) Artmann 

(* 12. Juni 1921 in Wien-Breitensee; † 4. Dezember 2000 in Wien)

o tod du dunkler meister 
du gallenbittres elixier
du zugereister harpunier und gott
du mond voll blinder augen
du rosenzwerg im hinterhalt
du spinnenturm du spinne
du punkt zum abgethronten leben
o tod du schwarzer meister
erhöre uns erhöre uns
verschone uns
vor deinen spröden särgen
zerbeiß uns nicht das hirn wie glas
o tod du dunkler meister
zerbeiß uns nicht wie glas ..
o tod du dunkler meister
du aufgerißner kiefer
du untrostschwere erden
du ohngeformter rattenschnabel
du durch und durch gewürmtes fleisch
du samenfraß du leere muschel
du nasse aschensonnen
o tod du schwarzer meister
erhöre uns erhöre uns
verschone uns
vor deinen wunden särgen
zerbeiß uns nicht wie glas das hirn
o tod du dunkler meister
zerbeiß uns nicht wie glas ..

3. 7. 54

Aus: H. C. Artmann: Wenn du in den Prater kommst. Gedichte. Herausgegeben von Richard Pietraß. Berlin (Ost): Volk und Welt, 1988, S. 41 (Weiße Lyrikreihe)

Mit und ohne den gut erhaltenen 37 Jahre alten Pergaminumschlag

Fußnotengedichte

Der Gedichtband der argentinischen Lyrikerin Silvana Franzetti baut sich um die Nachrichtensendung des Landfunks LU 20 Radio Chubut auf. Der Landfunk sendet viermal am Tag Nachrichten, es ist die 13-Uhr-Sendung, mit dem letzten Gedicht endet die Sendung, die nächste Sendung beginnt um 16 Uhr. Der Landfunk bringt nach dem Wetter private oder regionale Nachrichten, meist an bestimmte Personen, die mit Namen benannt werden. Jedes Gedicht hat ein Sternchen, das auf eine Radiomeldung geht. Meist ist die Stelle im Gedicht irgendwie mit dem Inhalt der Nachricht verbunden. Vielleicht ist der Gedichtband die Sendung, Gedichte statt Musik, und die Stichworte öffnen sich zu Privatnachrichten. Zwischendurch wird das Radio nur selten erwähnt, so dass man auf diesen Gedanken kommen kann. Gedichte, die außer den verschiedenen poetischen Ebenen noch die der Direktnachricht an einzelne Leser bzw. Hörerinnen haben.*

*) He Bertram, darüber müssen wir noch reden.

Silvana Franzetti

Das, was bis vor kurzem ein Fahrrad* war
und jetzt das Abbild
des Musters einer Schablone ist
gestempelt in den Vorhang aus Metall
der einen Supermarkt verschließt.









*) Letzte Nachrichten.
An Elio Arancibia in der Gegend um Rincón Chico: Benita lässt ihn wissen, dass am Sonntag der Radfahrer kommt. Bitte mit dem Lamm auf ihn warten.


Der Zweifel, der der Reise vorausgeht, gleicht, wie ein Strauch dem anderen, dem Sturm.* Vielleicht wegen der Tendenz sich zu bewegen, die seine Knäuelform ihm gibt. Seitlich ausgedehnt, ohne Spitzen, vom Wind kaum transponiert, die Hochebene. Ich merke immer erst hinterher, dass ich an diesem Ort war.









*) An Miguel Valdés in der Gegend von Los Altares: Er wird gebeten, das Paket in der Tankstelle El Vendaval abzuholen. Falls dies jemand hört, der ihn kennt, soll er es ihm bitte ausrichten.

Aus: Silvana Franzetti: Fußnoten (Buenos Aires, 2002 / Berlin, 2005). Aus dem argentinischen Spanisch von Silvana Franzetti, Tara Mauritz und Monika Rinck. hochroth Berlin, 2021, S. 30 / 32