409 Wörter, 2 Minuten Lesezeit.
Ekkehard und Wilfriede Maaß veranstalteten seit 1978 in ihrer Wohnung in Ostberlin inoffizielle Lesungen und Konzerte. Viele Besucher kamen, nicht nur die Autoren und Künstler der Untergrundszene, sondern auch prominente DDR-Autoren und Künstler wie Armin Müller-Stahl, Rainer Kirsch, Volker Braun, Helga Königsdorf und Christa und Gerhard Wolf sowie Besucher aus dem sozialistischen und nichtsozialistischen Ausland wie Bulat Okudshawa und Allen Ginsberg. Die Stasi war auch immer dabei und produzierte Anwesenheitslisten und Berichte. Peter Böthig hat eine umfangreiche Dokumentation herausgegeben mit Bildern, Texten und Spitzelberichten. Daraus heute von einer Lesung von Uwe Kolbe vom 29. März 1981 sowie von einem späteren Spitzelbericht.

Uwe Kolbe
»GEDICHTE, DACHT ICH, WERDEN NACHTS GESCHRIEBEN«
Ja, manchmal stimmt's, der platte Tag verdreckt
Die Hoffnung, klebt mit Losungen dem freien Auge
Jede Tiefe, jeden Schatten zu, umstellt
Die blütenfeste drillichfein, der panscht den
Wein zu Wasser, lobt Inzest von Hemdenblau
Und Bindenrot und uniformem Blaugrüngrau, der
Übt den Stechschritt, pflegt die Tradition,
Der treibt geschickt zurück in irgendein Jahrtausend
Seinen Schüler, bis er nichts mehr sucht,
Der nimmt im Sommer kaum noch Abschied,
Herzt die Schwester, bis auch sie verstaubt,
Und morgens nur ins Lied der ersten Amsel
Fall ich ein und lüge uns ein wahres Liebeslied.
Aus: Peter Böthig (Hrsg.): sprachzeiten. Der Literarische Salon von Ekke Maaß. Eine Dokumentation von 1978 bis 2016. Berlin: Lukas Verlag, 2017, S. 60f
Information über die Gründung eines Bundes unabhängiger Schriftsteller auf Initiative von Uwe Kolbe (…) Die Absicht von Uwe Kolbe war es zum einen, ein soziales Absicherungsnetz zu schaffen, z.B. mit einer gemeinsamen Kasse, um Autoren, die in sozial unsicheren Verhältnissen leben, zu helfen, und zum anderen ein Informationsnetz zu schaffen, für den Fall, dass jemand verhaftet wird oder in einer anderen Art mit den Sicherheitsorganen in Konflikt gerät. D.h., dass in diesem Fall durch Anderson oder Elke Erb ein Verlag in der BRD benachrichtigt wird, mit der Bitte, eine Öffentlichkeit herzustellen (in westlichen Medien).
Notiz des bearbeitenden Stasihauptmanns:
Der IM berichtet ehrlich und zuverlässig. Info ist nur im MfS auswertbar. (…) Der IM wurde beauftragt, sich zielgerichtet weiter in dieser Gruppe zu integrieren, um den Kontakt zu (Name geschwärzt) und Endler auszubauen. Zielstellung ist es, ins Blickfeld des evangelischen Akademiepfarrers [Name geschwärzt) zu kommen, um den IM im Rahmen von Schriftstellerlesungen bei [Name geschwärzt] an die Familie heranzuführen.
Aus: Ebd. S. 61f
IM: Inoffizieller Mitarbeiter
MfS: Ministerium für Staatssicherheit
367 Wörter, 2 Minuten Lesezeit.
Die zweite vergessene expressionistische Dichterin, an die Alfred Richard Meyer in seiner „maer von der musa expressionistica“ erinnert, ist Lore von Recklinghausen. Von ihr kennen die Antiquare ein paar mehr Bücher und es gibt das Minimum biografischer Information, dass sie 1898 geboren wurde, Rundfunkmitarbeiterin war und 1946 noch lebte. Meyer gibt auch von ihr zwei Gedichte ohne Überschrift (oder vielleicht Gedichtfragmente?), aber von ihr gibt er keine Quelle an, und ich habe auch keinen Gedichtband von ihr gefunden, nur Volkslieder um 1900 und Soldatenlieder, die sie gesammelt und in drei Anthologien zwischen 1935 und 1941 herausgegeben hat. Vielleicht hat sie um 1920 oder später Gedichte veröffentlicht oder wie Vegesack, über den er vor dem Zitat spricht, nach 1945? Hier ihre Geschichte in der musa expressionistica:
(…) vom Expressionistischen verblieb die expressio, der Ausdruck, das Abgewandte, das Verinnerlichte. So auch für Lore von Recklinghausen, die den „Großen Schritt“ erkannte und nun das Moos so zur Seele sprechen läßt:
Ich bin das Moos, bin das älteste Wesen,
das sich das Urmeer gebar.
Ehe noch Gras und Getiere gewesen,
atmete ich in Gefahr.
Dürre und Frost und der Winde Drehen,
Fluten erschrecken mich nicht.
Alle Geburten und alles Vergehen
sah ich, und jedes Gericht,
das sich die Schöpfung heraus beschworen,
konnte ich überstehn.
Lerne du Seele, sonst bist du verloren,
und deine Spuren verwehn,
wie die Riesenechse und Farne
mit dem Schachtelhalmwald.
Weltenwenden vernichten, ich warne:
Nur das Weise wird alt.
Menschenseele, du jüngstes der Wesen,
werde beständig wie Moos.
Mächtiger bist du und auserlesen,
dann – wie kein zweites so groß.
Ein anderes Mal ist es, daß die Dichterin vor dem Kristall steht, der also zum Verstande spricht:
In den Kristallen ist erstarrt
die Erde, durchsichtig und hart,
ein Spiegel dem Verstand.
Gott Logos hat sie so erbaut,
und wer durch ihre Formen schaut,
hat sein Gesetz erkannt.
So Klares mag der Mensch nicht seh'n,
will es vernebeln, es verdreh'n,
und dünkt sich sehr gescheit.
Dabei geht er wohl bald zugrund.
Die Erde dreht sich weiter rund.
Kristalle haben Zeit.
Aus: alfred richard meyer: die maer von der musa expressionistica. zugleich eine quasi-literaturgeschichte mit über 130 beispielen. düsseldorf: die faehre, 1948, S. 101f
409 Wörter, 2 Minuten Lesezeit.
Der deutsche Expressionismus war Männersache, mit der einen Ausnahme Else Lasker-Schüler. Da kann es für mehr als mich interessant sein, dass der expressionistische Verleger Alfred Richard Meyer, der sich als Autor Munkepunke nannte, in seiner 1948 im Verlag Die Fähre, Düsseldorf erschienenen Schrift „die maer von der musa expressionistica“ zwei weitere Autorinnen nennt und mit jeweils zwei Gedichtproben vorstellt. Über beide ist sogutwie nichts in Erfahrung zu bringen bis auf ein paar Bücher, im Fall von Gertrud Werla sogar nur ein Buch, das 1921 in seinem Verlag erschien. Bei einem Antiquar lese ich: „(= Lyrische Flugblätter, Nr. 93); EA.; Original-Pappband mit Deckelholzschnitt von M. Wels und wiederholt als Titel, 12° (14,5 x 11,5 cm), 16 S. auf unbeschnittenem Büttenpapier.“ Nicht ohne Wehmut erinnert er sich im zerstörten Berlin nach dem zweiten Krieg an die Atmosphäre in der Weltstadt Berlin wenige Jahre nach dem ersten, ich zitiere seine Worte mit den beiden eingestreuten Gedichten von Gertrud Werla.
Das war einmal um die Gedächtniskirche zu Berlin herum die Beschwingtheit, um den Zoo, wo die Dichterin Gertrud Werla vor den Käfigen stand („Tiere“, A. R. Meyer, Verlag, 1921), um immer wieder vor den Eulen stehen zu bleiben:
Ihr runden, runden Augen,
Wissen schreckvoller Nächte,
stumm geheimnisvoller Gründe.
Ihr Augen, Augen.
Warum seht ihr mich immer an?
Ich stehe nicht mehr vor euren Käfigen.
Ich stehe bei bunten Paradiesvögeln,
bei süßen Kolibri und Lustvögeln aus Florida.
Aber immer noch seht ihr mich an,
ihr runden, runden Augen,
Wissen schreckvoller Nächte,
ihr Gründe, Gründe.
O Unaussprechliches
im Schlaf erfühltes.
Ich weiß, ihr seid die Augen meiner Augen.
Von den Eulen, von den Flamingos, von den Affen, von den Adlern, von den Pfauen, von den Kamelen zur Schlangenfütterung:
Verstrickter Leiber Schauer
schieben sich
Erdbeben in Hügel von Jade.
Gespaltene Zungen
zittern
Wollust in smaragdenen Kelchen hin.
Und Schuppen
sind Silberfächer in der Hand kleiner Japanerinnen,
grüne Blätter aus Obsidian, der auf Vulkanboden wuchs.
Ein weißes Zicklein steht bebend hinein,
Tod, Ahnung, Fluchtversuch,
Mysterium, Opfer,
Verurteilung und ewige Verwandlung.
Da trägt sich's zu
im grünen Aquariumlicht
hinter dicklichen Glasscheiben:
Einsargung lebendigen Auges,
Zerstieben der Sterne,
Aufsaugung, Qual und unerhörte Begebung.
Leiber schieben sich
jach.
Die Dimensionen dieses Ortes sind ausgelöscht. Ein Trümmerfeld. Hart kam der große Tod über alle Tiere.
Aus: alfred richard meyer: die maer von der musa expressionistica. zugleich eine quasi-literaturgeschichte mit über 130 beispielen. düsseldorf: die faehre, 1948, S. 97f.
Die Gedichte tragen in der Ausgabe von 1921 die jeweiligen Titel „Eulen“ und „Schlangenfütterung“.
328 Wörter, 2 Minuten Lesezei
Lisa Jeschke / Lucy Beynon
May Song
How beautiful shines
To me, the nature!
How the sun glows!
How the mead smiles!
Blossoms penetrate
From each branch
And a thousand voices
Out of the shrubbery
And joy, and joy
From each breast.
O earth, o sun,
O joy o lust!
O love, o love!
As golden, as beautiful
As the morning clouds
On those heights
You bless gloriously
The fresh field
The blossoms' steam
The bountiful world.
O girl, girl,
How I love you!
Your eyes gaze!
How you love me!
This is the way the lark loves
Song and air
And morning flowers,
The smell of heaven.
How much I love you,
My blood warmed
By you, for me, a youth,
And joy and courage
For new songs
And dances.
May you be happy eternally,
As long as you love me.
May Song ist von Lucy Beynon und Lisa Jeschke. Und Goethe natürlich. Es ist eine fast wörtliche Übersetzung, mit Akzenten. Gut geeignet um die Möglichkeiten der Sprachen zu betrachten, und die Akzente der AutorInnen.
Aus: Lisa Jeschke: Die Anthologie der Gedichte betrunkener Frauen. hochroth München 2019, S. 21
Lisa Jeschke, geboren 1958, lebt nach längerem Aufenthalt in Großbritannien seit 2016 in München.
Johann Wolfgang Goethe
Mayfest.*
Wie herrlich leuchtet
Mir die Natur!
Wie glänzt die Sonne!
Wie lacht die Flur!
Es dringen Blüten
Aus iedem Zweig,
Und tausend Stimmen
Aus dem Gesträuch,
Und Freud und Wonne
Aus ieder Brust.
O Erd o Sonne
O Glück o Lust!
O Lieb’ o Liebe,
So golden schön,
Wie Morgenwolken
Auf ienen Höhn;
Du segnest herrlich
Das frische Feld,
Im Blütendampfe
Die volle Welt.
O Mädchen Mädchen,
Wie lieb’ ich dich!
Wie blinkt dein Auge!
Wie liebst du mich!
So liebt die Lerche
Gesang und Luft,
Und Morgenblumen
Den Himmels Duft,
Wie ich dich liebe
Mit warmen Blut,
Die du mir Jugend
Und Freud und Muth
Zu neuen Liedern,
Und Tänzen giebst!
Sey ewig glücklich
Wie du mich liebst!
*) später Mailied
WASSYL MACHNO
(Geboren 1964, lebt seit 2000 in New York)
PRIVATER KOMMENTAR ZUR GESCHICHTE
»Und die einen Völker gingen nach Norden
andere aber – nach Süden.
Und ihre Wege trennten sich für tausend Jahre
aber nur die vorwärts gingen
hinterließen Städte und Dörfer
Gräberfelder und zerschlagenes Geschirr
und die zu spät kamen –
sammelten hinter jenen die Stille auf«
nachdem du das gelesen hast in einem Buch
das silberne Beschläge hat
und früher verschlossen wurde
fragst du dich noch immer für welche Völker
du dich eintragen sollst
denn dieser Luftzug von tausend Jahren
der entstand –
als die einen nach Norden abbogen
und andere nach Süden –
hat nur den sandigen Wind bewahrt
und du versuchst dunkle Worte zu entwirren:
und hörst – dumpfes Wiehern
verängstigter Pferde
Aus: Poesiealbum Gedichte aus der Ukraine. Märkischer Verlag Wilhelmshorst 2023, S. 4
Joanna Mueller
logatome
dies gedicht, an dem du im notizheft herumkritzelst:
austellungsrahmen, darin sich eine prostituierte reckt und streckt
fruchtfleisch, saftig, süßlich-weinig, schon leicht angefault
berechnende empfindlichkeit, penibles chaos
breite bündigkeit trauriger topoi
trauma, formumrissen, ein tintenholocaust
achtung! in den empfindungssträngen kam es zu versteckten ansteckungen
saifchen mit muster trifft mutiger ins schwarze
banal stark, doch genauso daneben
bravour brauchts für bravos, klingen und überspannte bögen
gegen den strich sich verstricken, das blut in den sand, spöttisch papier färben
eine heisere sache ist das, kein drapieren der eindrücke
erkennen durch kampf, aggressive expansion
ohne hemmnisse, die lähmten, diktatreduktion
rabenschwärze, doppelt blinde probe
nichts von wegen „auf das lüftungskläppchen" oder ein anderer glasbaustein
einheit für innere angelegenheiten! es ist zeit für einen schussentscheid
jetzt hängt alles davon ab: brüllst du oder donnerst du dich auf
Aus dem Polnischen von Karolina Golimowska, aus: Joanna Mueller, Mistyczne masthewy. Mystische musthaves. Aus dem Polnischen übertragen von Karolina Golimowska und Dagmara Kraus. hochroth, Wiesenburg, 2016, S. 11
logatomy
ten wiersz, co go kreślisz w kajecie:
rama wystawowa, w której się pręży płocha prostytutka
miąższ soczysty, słodko-winny, już lekko nadpsuty
wyrachowana wrażliwość, skrupulatny chaos
rozwiązła zwięzłość topornych toposów
trauma obrysowana formą, holokaust w inkauście
uwaga! w zwojach czuciowych doszło do utajonych zakażeń
modełko z deseniem w sedno potrafi trafić odważniej
banalnie mocno, lecz równie niecelnie
do braw trzeba brawury, żylet i po bandzie
brnąć wbrew, krew w piach, drwiąco barwić papier
to jest gardłowa sprawa, bez drapowania wrażeń
rozpoznawanie bojem, agresywna ekspansja
bez progów zwalniających, redukcji dyktatu
krucza czerń, podwójnie ślepa próba
żadne tam „uchyl lufcik” lub inna luksfera
jednostko do spraw wewnętrznych! czas na decyzję strzałową
teraz wszystko zależy: czy się drzesz czy pindrzysz
Ebd. S. 10
338 Wörter, 2 Minuten Lesezeit.
E. E. Cummings
(* 14. Oktober 1894 in Cambridge, Massachusetts; † 3. September 1962 in North Conway, New Hampshire)
Aus: Sonnets—Actualities
XXIV
und es war Frühling den tag....der
summend plump minutiöse duftderwelt
zog uns an. Wir lebendig verwickelt
ins leuchtende stammeln der leiber(nur ja
nicht einander berühren)suchten,glaube
ich, einfach wege,sprödes aus fragiler
allzumenschlichkeit herauszukitzeln....
Taube
gedanken,im blutstrom pochend, verpassen da
wie schrecklich träge sprache ist-dich
machte er etwas schwindlig,der duft der welt,nicht?
(doch ich dachte warum sich mäd-und-vögelchen
von dir regt....regen....und auch,zugegeben,ich -)
bis wir an der Nichts&Etwas-ecke ne handorgel hörten
spielte wie teufel im zwielicht
Aus dem Englischen von Günter Plessow, aus: E. E. Cummings: was spielt der leierkasten eigentlich. Die frühen Sonette, amerikanisch und deutsch von Günter Plessow. Basel/Weil am Rhein: Urs Engeler Editor, 2009, S. 143
XXIV
and this day it was Spring....us
drew lewdly the murmurous minute clumsy
smelloftheworld. We intricately
alive, cleaving the luminous stammer of bodies
(eagerly just not each other touch)seeking,some
street which easily tickles a brittle fuss
of fragile huge humanity....
Numb
thoughts,kicking in the rivers of our blood, miss
by how terrible inches speech—it
made you a little dizzy did the world's smell
(but i was thinking why the girl-and-bird
of you move....moves...and also,i'll admit—)
till,at the corner of Nothing and Something,we heard
a handorgan in twilight playing like hell
Ebd. S. 142
Und wenn er durch in Klammern gesetzte Parenthesen zwei Sätze ineinanderschachtelt oder wenn er zwei Wörter mit einanderverschneidet, dann liegt darin nicht nur eine Aussage ganz eigener Art, sondern es ist auch eine vorbeugende Maßnahme gegen allzu schnellfertiges Verstehenwollen oder Verstandenzuhabenglauben, ein Mittel, um aufmerksam zu machen und anzudeuten, daß Kunst für Cummings etwas Individuelles ist, das hier und jetzt und immer ganz anders als erwartet zustande kommen muß: Poetry is what’s different.
Günter Plessow, ebd. S. 151
Übrigens dieses Buch nicht aber viele viele von Kurt Aebli, Urs Allemann, Donald Barthelme, Anton Bruhin, Michael Donhauser, H. D., Jayne-Ann Igel, Bert Papenfuß, Oskar Pastior, Gertrude Stein und vielen anderen gibt es bei Engeler bis Ende November für sagenhaft vergünstigte 2 Euro. Hier die Liste: https://engeler-verlage.com/verguenstigungen/
Wolfgang Schlenker
ort ohne zeit
wohin gehen die alten ideen
wenn niemand mehr sie denkt?
wer entläßt die angst
ihrer blinden verbote
wer schließt ihre geschlossenen
augen ein für allemal?
die blume bleibt blume
der baum wächst als baum
anstelle des zauns
steht eine mauer rings
um diesen friedhof
der gemeinsamkeiten
die heißt von links
und von rechts trauer
dahinter wohnen garten an garten
die leben der lebenden
und die benachbarten
tode der toten
wenn jemand kommt
abends zu besuch
und es so aussieht
als ob die sonne untergeht
ist es der steinmetz
der seinen marmor
auswendig lernt
oder ein fremder
der den unterschied kennt
zwischen hier und dort.
Aus: Wolfgang Schlenker: nachtwächters morgen. Gedichte. Basel, Weil am Rhein, Wien: Urs Engeler Editor, 2000, S. 47
Von Herbert Eulenberg habe ich in meiner Bibliothek nur ein paar Gedichte in Anthologien. Jetzt ist ein dickes Buch dazugekommen, gesammelte lyrische und dramatische Dichtungen auf 820 Seiten. Gefunden in der Grabbelkiste des Antiquariats Bruddenbooks, kein Schreibfehler, in, richtig: Lübeck, Preis 1 €. (Eine schöne Sammlung Gedichtbände haben sie da im Laden.)
Die lyrischen Dichtungen Eulenbergs beginnen mit drei längeren, „Selbstbildnis“ überschriebenen Gedichten, das erste von 1906, das dritte von 1924. Aus dem dritten ein Auszug, den Kriegsdienst betreffend.
Herbert Eulenberg
(* 25. Januar 1876 in Mülheim am Rhein; † 4. September 1949 in Düsseldorf-Kaiserswerth)
Aus: Drittes Selbstbildnis
Ich seh dich noch, unglücklichster Soldate,
In deinem grauen schlichten Landsturmrock.
Das Grüßen schon, daß ich es jetzt verrate,
War dir beschwerlich. Wie ein banger Bock
Gingst du entsetzt, wenn sich ein Höhrer nahte,
Und salutiertest, linkisch wie ein Stock,
Erfreut, wenn es vorbeiging ohne Krach,
Du im Gehorchen und Befehlen schwach.
Ich liege noch mit dir in der Kaserne
Nebst fünfzig andern in dem gleichen Raum
Und gehe noch beim Schein der Hoflaterne –
Man sah einander wie die Schatten kaum —
Mit groben, schweren Stiefeln zur Zisterne.
Es graute bleiweiß an des Himmels Saum.
Und mit Geräusper, Husten, Fluch und Knurrn
Begann der Tag und endete mit Murrn.
Mit vierzig Jahren wardst du eingezogen
Zum Kriegsdienst noch. Man schrieb mit blauem Stift
Dir auf die nackte Brust, schwach eingebogen,
Wie einem Hammel, den das Schlachtlos trifft,
Roh eine Nummer auf, 's ist nicht gelogen.
Ich löschte mühsam später erst die Schrift
Von meiner Haut, eh ich mit Pappkarton
Nach Vorschrift dir gefolgt zur Garnison.
Schwer feierlich wurdst du dort eingekleidet
Mit Helm, Tornister, Rock und Hos' und Schuh.
Von Anfang an war dir der Zwang verleidet.
Und wie ein Sträfling ging es nachts zur Ruh.
Ein Dichter ist ein Tier, das einsam weidet,
Was treibt ihr ihn der lauten Herde zu!
Die Vorgesetzten ließen kalt mich gehn,
Nur aus dem Volk konnt mancher mich verstehn.
Mein deutsches Volk, ich liebe dich wie einer,
Beging ich auch für dich nicht Massenmord.
Ich lernte dich erkennen wohl wie keiner,
Als man mich zu dir stieß, vom Reichtum fort,
Geduzt von jedem als ein ganz Gemeiner.
Du tatst mir nichts zuleide, auf mein Wort,
Mein Volk, als ich, feldgrau zu dir geschart,
Ein armes Luder deinesgleichen ward.
Es war, als sei ich neu zur Welt gekommen,
Da ich, durch nichts geschieden und getrennt,
Zur Masse kam, aus meinem Kreis genommen,
In dem man mich „Hochwohlgeboren" nennt.
Ich hatte ein Gefühl noch halb beklommen,
Da grüßte mich wie Licht am Firmament
Im „Du" , das ich und jeder zu mir sprach,
Ein Morgenrot vor neuem Menschentag.
Zwar wurde bald mir schon der Star gestochen.
Ich merkte, Kameradschaft wuchs nicht viel.
Der lange Krieg hat Glut und Schwarm zerbrochen,
Und mancher war längst tot, bevor er fiel.
Die Selbstsucht mußte jeden unterjochen
Zum Schluß in diesem wüsten Würfelspiel.
Mir gab als herrlichste Reminiszenz
Die Zeit den besten Freund, er heißt: Hans Frentz.
Aus: Herbert Eulenberg: Lyrische und dramatische Dichtungen. Stuttgart: J. Engelhorns Nachf., 1925, S. 32-34
Herbert Eulenberg (25. Januar 1876 in Mülheim am Rhein; † 4. September 1949 in Düsseldorf-Kaiserswerth) war ein deutscher Schriftsteller und kämpferischer Humanist. Dem Anpassungsdruck während der Zeit des Nationalsozialismus widersetzte er sich erfolgreich. https://de.wikipedia.org/wiki/Herbert_Eulenberg
Volha Hapeyeva
*
ein spaziergang mitten am arbeitstag durch den park
ist ein luxus
der arbeitslosen, obdachlosen und eltern im urlaub erlaubt ist
neben ihnen fühle ich mich wie eine verbrecherin
ich habe keine entschuldigung hier zu sein
und während alle mit wichtigen sachen beschäftigt sind
hören der vogel und ich einander zu
blicken auf kiefernzapfen
ich denke an perfektion und fraktale
und der vogel denkt ...
man sagt, sie können nicht denken
aber sie können schlafen ohne dabei von den ästen zu fallen
könnte ich doch auch die schwerkraft vergessen
und aufhören zu denken
vielleicht bräuchte ich dann
keine entschuldigung mehr
um in den park zu gehen
mitten am arbeitstag
schließlich ist das eine wirklich
wichtige sache
Aus dem Belarussischen* von Matthias Göritz, aus: Volha Hapeyeva, Trapezherz. Gedichte Graz, Wien: Literaturverlag Droschl, 2023, S. 70
*) Im Buch steht: Aus dem Belarusischen. Aber da das im Deutschen dazu führt, dass das s stimmhaft ausgesprochen wird, -rusisch wie musisch anstatt scharf wie russisch, womit das Wort nun mal verwandt ist ebenso wie der andere Bestandteil, bela, weiß (Russisch geschrieben belo, gesprochen bjela) und man nicht jedem Wunsch eines Diktators (der selber Russisch spricht und Russland folgt) nachgeben muss, bleibe ich bei Belarussisch. Dasselbe gilt übrigens für die ukrainische Stadt Odessa, die nicht Odesa, Odeza (französisches stímmhaftes s wie in Balzac, baiser), sondern mit stimmlosem s geschrieben und gesprochen wird. Im Ukrainischen und Russischen sind das zwei verschiedene Buchstaben, stimmhaft з und stimmlos с, und damit wir nicht noch mehr barbarisch falsch aussprechen, brauchen wir die Verdopplung. Bitte bitte: wenn wir schon Serjoscha (Сережа, Serjozha) und Solschenizyn (Солженицын, Ssolzhenizyn, vorne stimmlos und in der Mitte stimmhaft und nicht umgekehrt!) falsch aussprechen, bitte nicht auch noch Belarussisch und Odessa!
– Was natürlich der Grund ist, warum viele Menschen aus Ländern mit kyrillischer Schrift wie Hapeyeva oder Zhadan französische oder englische Transliteration oder Mischformen vorziehen.
Wikipedia stellt es richtig:
Volha Hapeyeva (belarussisch Вольга Гапеева, deutsch ‚Wolha Hapejewa‘, englisch Volha Hapeyeva; * 5. Januar 1982 in Minsk) ist eine belarussische Schriftstellerin, Dichterin, Übersetzerin und Linguistin. Ihr Name wird im Deutschen mit Wolha Hapejewa transkribiert, sie publiziert jedoch auch im deutschen Sprachraum unter ihrer englischen Schreibweise. https://de.wikipedia.org/wiki/Volha_Hapeyeva
Noch bis zum 23. dieses Monats gibt es im Lübecker Günter-Grass-Haus eine Ausstellung mit Zeichnungen und Manuskripten von Else Lasker-Schüler. Wer in der Nähe ist (Greifswald zum Beispiel zählt noch als Nähe 🙂 ), sollte es nicht verpassen. Hier eine der Ausstellungstafeln mit einem Gedicht, das heute mein Gedicht des Tages ist.

An die Einwohnerschaft Berlins
Ihr lieben Leute lasst Euch sagen
Dass ich seit Jahren keine Wohnung hab.
Und die es lesen will ich fragen,
»Wer lässt mir einige Zimmer ab?«
Damit wir uns nun auch vertragen –
Mit eigenem Eingang Vorderseite – oder Hinterhaus!
Geteilte Wohnung, abgeschlagen,
Möbliert, auch leer macht mir nichts aus.
O überlegt und lasst mich nicht verzagen.
Ich, die Euch so viele Verse gab;
Gern will die Kosten ich der Miete tragen
Vom Tag des Einzugs bis ins kühle Grab.
637 Wörter, 3 Minuten Lesezeit.
Jean Paul
(auch Jean Paul Friedrich Richter, * 21. März 1763 in Wunsiedel; † 14. November 1825, heute vor 200 Jahren, in Bayreuth)
Zum 200. Todestag Jean Pauls hier ein Blick auf eine seiner kuriosesten literarischen Formen: die Polymeter, auch Streckverse genannt.
Erfunden wurden sie nicht in einem theoretischen Traktat, sondern im Roman Flegeljahre (1804/05), wo die Figur Walt Harnisch für die fiktive Zeitung Haßlauer Kriegs- und Friedens-Bote eine neue Art „rhythmischer Prosa“ präsentiert – Texte, die nur aus einem einzigen, reimlosen Vers bestehen, der sich nach Belieben auf Seiten- und Bogenlänge „streckt“.
Jean Paul führt die Form mit sichtlicher Ironie ein, doch die Polymeter wurden im 19. und 20. Jahrhundert tatsächlich literarisch rezipiert und nachgeahmt (u. a. von Wolfgang Menzel, Georg Kulka, Paul Ernst, Günter Eich). Damit bilden sie eine bedeutende Nebenlinie des Prosagedichts – halb poetische Reflexion, halb formales Spiel.
Besonders berühmt wurde die Gattung durch ihre musikalische Rezeption:
Robert Schumann las die Flegeljahre, war von den Polymetern so beeindruckt, dass er seinen Klavierzyklus „Papillons“ op. 2 auf Szenen des Romans bezog und in Briefen sogar die Vision einer „Oper ohne Worte“ formulierte.
Ein Polymeter kann streng metrisch markiert sein – Jean Paul druckt sogar ein komplettes metrisches Schema –, doch er empfiehlt zugleich, die Texte nicht in Zeilen zu zerschneiden, sondern als „arm-lange Papierwickel“ zu lesen, als fließenden, atmenden Rhythmus.
Meyers Konversationslexikon fasst 1889 trocken zusammen:
Streckverse seien „rhythmische Prosa“, kurze, oft überschwängliche Satzgebilde, die poetische Empfindung ausdrücken.
So oszillieren Jean Pauls Polymeter bis heute zwischen Formversuch, Parodie, Prosagedicht und poetischem Manifest – ein kleines Seitenstück seines Werks, aber eines voller Lebendigkeit, Freiheit und Experimentierlust.
Der Jüngling stand neben der schlummernden Geliebten im Myrtenhaine, um sie schlief der Himmel, und die Erde war leise – die Vögel schwiegen – der Zephyr schlummerte in den Rosen ihres Haars und rückte kein Löckchen. Aber das Meer stieg lebendig auf, und die Wellen zogen in Herden heran. ›Aphrodite,‹ betete der Jüngling, ›du bist nahe, dein Meer bewegt sich gewaltig, und die Erde ist furchtsam, erhöre mich, herrliche Göttin, verbinde den Liebenden ewig mit seiner Geliebten.‹ Da umflocht ihm mit unsichtbarem Netze den Fuß der heilige Boden, die Myrten bogen sich zu ihm, und die Erde donnerte, und ihre Tore sprangen ihm auf. – Und drunten im Elysium erwachte die Geliebte, und der selige Jüngling stand bei ihr, denn die Göttin hatte sein Gebet gehört.«
*) Bekanntlich ist vor dem Erdbeben meist die Luft still, nur das Meer woget.
Neue erfreuliche Spiele zeigtest du sonst, stiegst du langsam hinauf. Jetzt verschlingt dich schnell die hungrige Flamme, und verworren, unselig und dampfend erscheint die Bühne der Freude. Leise steige und falle der Vorhang der Liebe, aber nie sink‘ er als feurige Asche auf immer darnieder.
Hinter den Sonnen ruhen Sonnen im letzten Blau, ihr fremder Strahl fliegt seit Jahrtausenden auf dem Wege zur kleinen Erde, aber er kommt nicht an. O du sanfter, naher Gott, kaum tut ja der Menschengeist sein kleines, junges Aug auf, so strahlst du schon hinein, o Sonne der Sonnen und Geister!
Einst schlief ein alter Bettler neben einem armen Mann und stöhnte sehr im Schlaf. Da rief der Arme laut, um den Greis aus einem bösen Traum aufzuwecken, damit den matten Busen nicht die Nacht noch drücke. Der Bettler wurde nicht wach, aber ein Schimmer flog über das Stroh; da sah der Arme ihn an, und er war jetzt gestorben; denn Gott hatt‘ ihn aus einem längern Traum aufgeweckt.
Wohl sind sie lange Schatten, und ihre Abendsonne liegt kalt auf der Erde; aber sie zeigen alle nach Morgen.
›O schönstes, liebstes Kind, fest hinunter gesperrt ins tiefe dunkle Haus, ewig halt‘ ich den Schlüssel deiner Hütte, und niemals, niemals tut er sie auf!‹ – Da zog vor der jammernden Mutter die Tochter blühend und glänzend die Sterne hinan und rief herunter: ›Mutter, wirf den Schlüssel weg, ich bin droben und nicht drunten!‹«
Mehr über diese Form im Lyrikwiki
76 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Orhan Veli (ab 1934: Orhan Veli Kanık)
(* 13. April 1914 in Istanbul; † 14. November 1950 ebenda)
Illusion
Ich habe mich von einer alten Liebe befreit.
Jetzt sind alle Frauen schön.
Mein Hemd ist neu,
Ich bin frisch gewaschen,
Habe mich rasiert.
Es herrscht Frieden.
Der Frühling hat begonnen.
Die Sonne scheint.
Ich bin rausgegangen, die Menschen sind gelassen,
Auch ich bin gelassen.
Aus: Orhan Veli (Orhan Veli Kanık): Schönes Wetter. Aus dem Türkischen von Achim Wagner. hochroth Berlin 2021, S. 36
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